„Bordertown: Der Puppenmeister“ ist ein böser Mann

Es gibt nur einen Grund, warum „Bordertown: Der Puppenmeister“ aus dem Finnischen ins Deutsche übersetzt wurde: der immer noch anhaltende Erfolg skandinavischer Kriminalromane (und -filme), der schon in den vergangenen Jahren dazu führte, dass jeder, der zehn Finger hat, einen Krimi schreibt und jeder skandinavische Baum wahrscheinlich schon zweimal gefällt wurde. Denn unter fünf-/sechshundert Seiten wird im Scandic Noir kein Mord, inklusive aller Familien- und Weltprobleme, gelöst.

Nun, in puncto Länge fällt „Bordertown: Der Puppenmeister“ mit knapp dreihundert, spärlich gefüllten Seiten aus dem bekannten Muster. Der Grund für diese Kürze ist ziemlich banal: „Bordertown: Der Puppenmeister“ ist ein Roman zum Film und J. M. Ilves (ein Pseudonym zweier finnischer Autoren) erzählt einfach die Geschichte des ersten Falls der TV-Serie „Bordertown“ (bzw., im Original, „Sorjonen“) nach.

Im Mittelpunkt steht Kommissar Kari Sorjonen. Er ist ein sozial gehemmter, genialer Ermittler mit einer Frau (die gerade, so hofft er, ihre Krebserkrankung überstanden hat) und einer kurz vor dem Schulabschluss stehender Tochter. Einer seiner Ticks ist, dass er keine Leichen sehen kann. Trotzdem denkt er nicht daran, sich in eine andere Abteilung versetzen zu lassen. Stattdessen lässt er sich mit seiner Familie von Helsinki nach Lappeenranta, dem Geburtsort seiner Frau, versetzen. Lappeenranta liegt an der finnisch-russischen Grenze in der tiefsten Provinz und die wenigen Bewohner sollten eine Garantie für eine entsprechend niedrige Mordrate sein.

Gleich nach seinem Dienstantritt wird im See die Leiche einer jungen Frau gefunden. Sie starb, wie die Ermittlungen ergeben, an einer Überdosis Methitural und wurde vorher zu Sexspielen gezwungen. Ein zweites Mädchen ist verschwunden und, weil J. M. Ilves mehrere Handlungsstränge parallel erzählt, wissen wir von Anfang an, dass Katia von Esa Kuparinen, einem gutherzigen Autohändler, der für sie und die anderen russischen Mädchen der Fahrer war, von dem Tatort weggebracht wurde. Er will ihr irgendwie gegen die Organisatoren des grenzüberschreitenden Sexgeschäftes helfen. Aber schnell wird er von einem der Verbrecher ermordet.

Zur gleichen Zeit begibt sich Katias Mutter Lena Jaakkola, eine schlagkräftige FSB-Agentin, auf die Suche nach ihrer Tochter. Dabei geht sie, wie es ihrer Persönlichkeit entspricht, nicht zimperlich vor.

Bei seinen Ermittlungen bemerkt Sorjonen schnell eine Verbindung zwischen den verschiedenen Verbrechen und der Karelia-Gilde, einem Zusammenschluss wichtiger Persönlichkeit der Stadt.

Dass die Geschichte weitgehend überraschungsfrei in den bekannten Bahnen verläuft, ist nicht das größte Problem des Romans, der einfach ein schlechter Roman zum Film ist. Anstatt die Filmgeschichte, also das Drehbuch, sprachlich angemessen nachzuerzählen und immer wieder zu vertiefen, wurde hier einfach das Drehbuch heruntergetippt. Mit der irrwitzigen Entscheidung, zwischen erster und dritter Person und zwischen Präsens und Präteritum zu wechseln. Die Kapitel mit Sorjonen werden in der Ersten Person Singular im Präsens erzählt. Das kann funktionieren, aber es ist schwer in der Gegenwartsform flüssig zu formulieren und, was noch wichtiger ist, diese grammatikalische Zeitform ist konträr zu Sorjonens Charakter. Die ebenfalls kurzen Kapitel, die die Geschichte der Verbrecher und von Lena Jaakkola erzählen, sind ganz normal und wie es für Romane immer noch üblich ist, im Präteritum geschrieben.

Dieser ständige Wechsel zwischen Gegenwarts- und Vergangenheitsform (die ich eindeutig vorziehe) und die doch sehr funktionale Sprache lenken den Blick immer wieder auf die Schwächen des Plots. Der liest sich wie ein Best of Scandic Noir. Da ist alles drin, was einen schon seit Ewigkeiten an den skandinavischen Krimis nervt. Nur die überbordende Gesellschaftskritik fehlt weitgehend.

Für die Lösung des Falles, der durchgehend den TV-Serienkonventionen gehorcht, sind dann die eingangs pompös eingeführten besonderen Fähigkeiten des Helden vollkommen überflüssig. Tipps und ganz normale altmodische Polizeiarbeit, die wirklich jeder Polizist beherrscht, tun es.

Dabei – und das sollte jeder Krimiautor wissen – gibt es eine Verbindung zwischen Fall und Ermittler. Ein guter Autor schreibt für den Ermittler den Fall, der seine besonderen Fähigkeiten erfordert. Das war schon bei Sherlock Holmes so. Columbo und Monk sind jüngere Beispiele. Bei Monk schrieb Lee Goldberg, unabhängig von der TV-Serie, fünfzehn Romane, in denen Adrian Monk in jedem Fall mit seinen Phobien konfrontiert wurde und er die Fälle nur aufgrund seiner Ängste, seines Verhaltens und seiner Beobachtungs- und Kombinationsgabe aufklären konnte und musste. Denn für ihn ist ein Verbrechen eine Störung des universalen Gleichgewichts.

In „Bordertown: Der Puppenmeister“ ist das photographische Gedächtnis des Ermittlers Sorjonen ein reiner für die Handlung und Aufklärung des Falles verzichtbarer Gimmick. Das gleiche gilt für seine enorme Abneigung gegen den Anblick und Geruch von Toten. Ein normaler Polizist würde sich, bevor er dienstunfähig geschrieben wird, in eine andere Abteilung versetzen lassen. Sorjonen geht zum nächsten Tatort.

J. M. Ilves: Bordertown: Der Puppenmeister

(übersetzt von Anke Michler-Janhunen)

Suhrkamp, 2017

304 Seiten

14,95 Euro

Originalausgabe

Sorjonen – Nukkekoti

Gummerus Publishers, Helsinki, 2016

Hinweise

Finnische Homepage zur Serie

Wikipedia über „Sorjonen“ (deutsch, englisch, finnisch)

Und der Trailer zur TV-Serie

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