DVD-Kritik: „The Foreigner“ Jackie Chan nervt Pierce Brosnan

In London explodiert eine Bombe. Aber nicht, wie man es inzwischen erwartet, der IS oder irgendeine islamistische Terrorgruppe bekennt sich zu dem Anschlag, sondern der militante Flügel der Kern-IRA. Das ist eine neue Terrorzelle, die Material und Codeworte der IRA benutzt und so ihre Legitimität nachweisen kann. Der Anschlag gefährdet den fragilen Frieden, der seit dem Karfreitagsabkommen (Good Friday Agreement) von 1998 in Nordirland herrscht. Und der jetzt durch den Brexit und das konfuse Agieren der Tory-Regierung aus einer ganz anderen Richtung gefährdet ist.

Aber um diesen realpolitischen Hintergrund, der beim Dreh nicht absehbar war, kümmert Martin Campbell sich in seinem neuen Thriller „The Foreigner“ nicht. Während die Attentäter noch keine Forderung stellen, fordert Deputy Minister Liam Hennessy (Pierce Brosnan, als Gerry-Adams-Lookalike) von der britischen Regierung, dass sie von ihnen inhaftierte nordirische Kämpfer begnadigt. Hennessy, selbst ein ehemaliger Terrorist und jetzt Minister von Nordirland, will als Vermittler zwischen der unbekannten IRA-Splittertruppe und der britischen Regierung seine Position weiter festigen.

Da funkt Quan Ngoc Minh (Jackie Chan) dazwischen. Er ist ein seit Ewigkeiten in England lebender Kriegsflüchtling und alleinstehender Besitzer eines kleinen East-End-Restaurants. Seine von ihm über alles geliebte Tochter starb bei dem Anschlag.

Als die Polizei bei ihren Ermittlungen nicht weiter kommt, besucht er in Belfast Hennessy. Er möchte, dass der ihm die Namen der Attentäter nennt. Und weil Hennessy den höflichen, duckmäuserischen Asiaten nicht Ernst nimmt, zündet Quan in Hennessys Bürogebäude in der Toilette ein Bombe. Danach platziert er eine deutlich sichtbare Bombe in dessen Auto.

Nach diesen beiden Warnungen weiß Hennessy, dass Quan nicht nachlassen wird in seiner Suche nach Antworten und dass er – zu Recht – Hennessy als die Person ansieht, die ihm diese Antworten geben kann.

The Foreigner“ ist eine angenehme Rückkehr zu den grimmigen Actionpolitthrillern aus den siebziger und achtziger Jahren, in denen die IRA der Bösewicht war. Das liegt zu einem Teil an der Vorlage. Thrillerautor Stephen Leather (von dem Blanvalet vor Jahren einige Bücher übersetzte) schrieb „The Chinaman“ bereits 1992, als der Nordirland-Konflikt blutig ausgetragen wurde. Zu einem anderen Teil daran, dass die Macher einen altmodischen Thriller inszenieren wollten, in dem es zwar Smartphones und Videoüberwachung gibt, aber beides wenig nützt, wenn ein großer Teil der Geschichte auf dem einsam gelegenen Landgut von Hennessy spielt, das von Quan belagert wird. Mit sauber platzierten Sprengsätzen und Fallen treibt er Hennessy in die Enge und macht dessen Männer kampfunfähig, ohne sie zu töten.

In diesen Momenten gibt es auch eine ordentliche Portion Action. Die hat aber nichts von der bekannten artistisch-witzig-übertriebenen Jackie-Chan-Slapstick-Action. In „The Foreigner“ ist sie roh und vor allem effektiv. Im Mittelpunkt der Geschichte steht nämlich das psychologische Duell zwischen Quan und Hennessy und Hennessys Kampf an mehreren Fronten. Schließlich muss er seine Führungsposition gegen aufstrebende und gegnerische Kräfte innerhalb der IRA behaupten.

Martin Campbell, der unter anderem die legendäre TV-Serie „Am Rande der Finsterns“ (Edge of Darkness) und die beiden Bond-Filme „GoldenEye“ (mit Brosnan) und „Casino Royale“ insznierte, inszeniert „The Foreigner“ schnörkellos und ohne überflüssige Modernismen als spannender Old-School-Thriller vor moderner Kulisse.

Nur die Musik von Cliff Martinez nervt als monotoner Rhythmus-Track, der unterschiedslos über jede Szene gegossen wird und jede thematische Beschäftigung mit der Filmgeschichte verweigert.

Als Bonusmaterial gibt es jeweils etwa zehnminütige Interviews mit Martin Campbell, Jackie Chan und Pierce Brosnan und ein vollkommen uninteressantes Mini-Featurette.

The Foreigner (The Foreigner, Großbritannien/China 2017)

Regie: Martin Campbell

Drehbuch: David Marconi

LV: Stephen Leather: The Chinaman, 1992

mit Jackie Chan, Pierce Brosnan, Katie Leung, Rory Fleck-Byrne, Ray Fearon, Charlie Murphy, Orla Brady, Michael McElhatton, Liu Tao as Keyi Lam, Dermot Crowley, Lia Williams

DVD

Universum Film

Bild: 2,40:1 (16:9 aamorph)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte

Bonusmaterial Interviews mit Martin Campbell, Jackie Chan und Pierce Brosnan, Featurette, Trailer

Länge: 109 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Moviepilot über „The Foreigner“

Metacritic über „The Foreigner“

Rotten Tomatoes über „The Foreigner“

Wikipedia über „The Foreigner“

Homepage von Stephen Leather

Meine Besprechung von Martin Campbells TV-Serie “Am Rande der Finsternis” (Edge of Darkness, GB 1985 – DIE Vorlage für “Auftrag Mord”)

Meine Besprechung von Martin Campbells „Green Lantern” (Green Lantern, USA 2011)

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