Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: „Das schweigende Klassenzimmer“ löst eine Staatskrise aus

Was passiert, wenn eine Schulklasse spontan eine Schweigeminute einlegt? Normalerweise nichts. Und genau das erwarteten die Schüler der Abiturklasse der Kurt-Steffelbauer-Oberschule in Storkow in der Mark Brandenburg in der Nähe von Berlin auch, als sie am 29. Oktober 1956 eine Schweigeminute für die Opfer des Aufstandes in Ungarn einlegten. Vor allem für den auch von ihnen verehrten Fußballer Ferenc Puskás, der nach einer Meldung von dem Radiosender RIAS Berlin eines der Opfer des Aufstandes war. Die 15 Schüler und 5 Schülerinnen wollten ihre Solidarität mit den Kämpfern gegen das sozialistische Regime demonstrieren.

Aber schnell zog die Aktion ungeahnte Kreise. Sogar Volksbildungsminister Fritz Lange besuchte persönlich die Klasse und forderte die Schüler auf, den Rädelsführer der Aktion zu nennen. Sonst würden sie in der gesamten DDR nicht zum Abitur zugelassen.

Die Jugendlichen wachsen unter dem Druck immer mehr zu einer Gemeinschaft, die die Schweigeminute gemeinsam beschlossen hat und die niemand verraten wird. Auch weil das Nennen eines Rädelsführers sie nicht aus ihrer misslichen Lage befreit hätte. Denn dann hätte die Klasse zwar nicht gemeinsam eine staatsfeindliche Aktion beschlossen, aber einen Klassenfeind gedeckt und ihn bei seiner Aktion unterstützt.

Am Ende sehen sie keine andere Möglichkeit mehr, als fast geschlossen und mit der Unterstützung bzw. Tolerierung ihrer Eltern vor allem an den Weihnachtstagen in den Westen zu flüchten. Fünfzehn Schüler und eine Schülerin verlassen ihre Heimat und ihre Eltern.

Dort werden sie mit offenen Armen als die Abiturienten, die die Freiheit gewählt haben, aufgenommen und sie können im März 1957 in Bensheim ihr Abitur ablegen.

2006 veröffentlicht Dietrich Garstka ein Buch über diese Geschichte, die auch seine ist. Er ist nämlich einer der Schüler und, nachdem nach dem Zusammenbruch der DDR Reisen in die alte Heimat problemlos möglich waren, die Abiturklasse sich zu verschiedenen Gelegenheiten in Storkow getroffen hat und die Medien über sie berichteten, beschloss der Gymnasiallehrer Garstka ein Buch über sie zu schreiben. In „Das schweigende Klassenzimmer“ erzählt er, mit vielen zeitgenössischen Dokumenten und Zeitzeugeninterviews, ihre Geschichte.

Der Staat gegen Fritz Bauer“-Regisseur Lars Kraume las das Buch und er wollte diese Geschichte verfilmen. Dabei ist Garstkas Sachbuch für ihn eine Materialsammlung, an der er sich respektvoll, aber frei bediente. Immerhin ist ein Spielfilm kein Dokumentarfilm, teilweise müssen Persönlichkeitsrechte beachtet werden und die realen Ereignisse waren teilweise vielschichtiger als im Film, teilweise einfacher als im Film. So verlegt er die Geschichte von Storkow nach Stalinstadt (heute Eisenhüttenstadt), das eine klassische DDR-Architektur hat, die Storkow nicht hat. Er stellt vor allem zwei Schüler in den Mittelpunkt. Es gibt eine Liebesgeschichte. Es gibt einen am See lebenden Einsiedler, bei dem sie gemeinsam RIAS Berlin hören. Und einige der Eltern der Schüler haben größere Rollen. Schnell fügt sich das alles zu einem Porträt der DDR in den fünfziger Jahren, in dem jeder Charakter immer auch für etwas steht und so einen Teil der DDR erklärt. Das macht seine „wahre Geschichte über Mut, Zusammenhalt und den Kalten Krieg“ (Untertitel des Buches) immer wieder etwas didaktisch und es gibt etliche Details, die stören. Teils weil sie historisch falsch sind, teils weil sie unlogisch sind.

Wer auf solche Dinge achtet, hundertprozentige Faktentreue erwartet und den Film vielleicht in der Bildungsarbeit benutzt (was getan werden sollte), wird sich über diese Details ärgern. Aber letztendlich sind es Kleinigkeiten, die aus dramaturgischen Gründen so gefällt wurden. Und Kraume muss seinem Publikum, das die fünfziger Jahre und die DDR nicht erlebte, die nötigen Informationen, die zum Verständnis der Geschichte und des Konflikts nötig sind, als Teil der Handlung liefern. Das gelingt ihm sehr gut. Auch weil er den Konflikt zwischen den Schülern und dem Staat vielschichtig und differenziert zeichnet.

Das schweigende Klassenzimmer“ ist die politische Version von „Der Club der toten Dichter“. Kraumes Drama ist ein kraftvolles Plädoyer für Zivilcourage, ohne das aus US-Filmen bekannte überbordende Pathos und Sentiment, das zum erhöhten Taschentuchkonsum führt. Kraume spricht mehr den Kopf an. Er regt mit seinem Film, wie schon mit „Der Staat gegen Fritz Bauer“, zum Nachdenken und Diskutieren an.

Das schweigende Klassenzimmer (Deutschland 2018)

Regie: Lars Kraume

Drehbuch: Lars Kraume

LV: Dietrich Garstka: Das schweigende Klassenzimmer, 2006

mit Leonard Scheicher, Tom Gramenz, Lena Klenke, Jonas Dassler, Isaiah Michalski, Ronald Zehrfeld, Jördis Triebel, Florian Lukas, Burghart Klaußner, Michael Gwisdek

Länge: 111 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage

Zum Kinostart spendierte der Ullstein-Verlag der lesenswerten Sachbuchvorlage einen schicken neuen Umschlag

Dietrich Garstka: Das schweigende Klassenzimmer

Ullstein, 2018

256 Seiten (plus 16-seitiger Bildteil)

12 Euro

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Das schweigende Klassenzimmer“

Moviepilot über „Das schweigende Klassenzimmer“

Rotten Tomatoes über „Das schweigende Klassenzimmer“

Wikipedia über „Das schweigende Klassenzimmer“

Berlinale über „Das schweigende Klassenzimmer“

Meine Besprechung von Lars Kraumes „Der Staat gegen Fritz Bauer“ (Deutschland 2015), mein Interview mit Lars Kraume zum Film und die DVD-Besprechung

Meine Besprechung von Lars Kraumes „Familienfest“ (Deutschland 2015)

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