Neu im Kino/Filmkritik: Harry Dean Stanton ist „Lucky“

Realismus ist eine Sache! Es ist die Praxis, eine Situation so zu akzeptieren, wie sie ist, und die Bereitschaft entsprechend mit ihr umzugehen!

Lucky

Hauptrollen übernahm er fast nie. Preise erhielt er ebenfalls fast nie und trotzdem war Harry Dean Stanton einer der großen Charakterdarsteller des US-Kinos und einer der wenigen Nebendarsteller, die man sofort erkannte und deren Namen man kannte. Er spielte auch in einigen Klassikern mit. „Alien“, „Die Klapperschlange“, „Repo Man“, etliche Filme von David Lynch und, natürlich, „Paris, Texas“ fallen einem sofort ein. Als er von Wim Wenders für „Paris, Texas“ als Hauptdarsteller engagiert wurde, war er schon Jahrzehnte im Geschäft. Trotzdem war es seine erste Hauptrolle.

Jetzt übernahm Harry Dean Stanton wieder die Hauptrolle und sie wurde sein Vermächtnis. „Lucky“ ist Stantons Quasi-letzter-Film. Das lakonische Drama hatte seine Premiere am 11 März 2017 auf dem South by Southwest Film Festival. Danach lief der Film auf etlichen Filmfestivals. Am 15. September 2017 starb Stanton mit 91 Jahren. Ohne „Lucky“ gesehen zu haben. Nach seinem Tod gab es die Premiere der neuesten „Twin Peaks“-Staffel und der Spielfilm „Frank and Ava“, bei dem er mitspielt, befindet sich in der Post-Produktion.

In dem Regiedebüt „Lucky“ von Schauspieler John Carrol Lynch („Fargo“, „Zodiac“, „The Founder“, „American Horror Story“) spielt Stanton den titelgebenden Lucky. In mehr oder weniger, großen, immer prägnanten Nebenrollen sind David Lynch (als Howard, der Besitzer der hundertjährigen Landschildkröte Präsident Roosevelt), Ed Begley Jr. (als Arzt), Tom Skerritt (als Kriegsveteran), Barry Shabaka Henley (als Diner-Besitzer Joe), Ron Livingston (als Anwalt), James Darren (nach 17-jähriger Leinwandabstinenz) und Beth Grant (als Barbesitzer-Paar) dabei. Einige sind schon lange mit Stanton befreundet, die anderen mit Lynch.

Dass der ikonische Nebendarsteller Stanton die Hauptrolle übernahm, war in diesem Fall fast unvermeidbar. Denn die Drehbuchautoren Logan Sparks und Drago Sumonja schrieben die Rolle für Stanton. Sparks ist ein langjähriger Freund von Stanton. Sie ließen in ihre Charakterstudie viel von Stantons Persönlichkeit, Weltsicht und Humor einfließen. So stammt beispielsweise der verbale Schlagabtausch zwischen Lucky und Joe aus Stantons Leben. Dort hatte er den „Du bist nichts. – Du bist auch nichts.- Danke.“-Schlagabtausch immer mit einem Angestellten des Ago Restaurant in Los Angeles.

Lucky ist ein neunzigjährigen Einzelgänger, der nicht an Gott glaubt, täglich eine Packung Zigaretten raucht und belesener Fan von Game Shows und Kreuzworträtseln ist. Er lebt allein in seinem spartanisch eingerichtetem, perfekt aufgeräumtem Haus in einem Wüstenkaff, in dem die Menschen aus unterschiedlichen Kulturen stammen und friedlich zusammenleben. Die Tage vergehen in einem gemütlichen Einerlei. In jedem Bild, jeder Geste und fast jedem Gespräch – immerhin muss Lucky nach einem Zusammenbruch auch einmal zum Arzt und er trifft in seinem Diner einen durchfahrenden Vietnam-Veteran, mit dem er sich über seine Kriegserlebnisse austauscht – ist die Routine mit ihren festen Ritualen spürbar. Lucky muss nicht sagen, dass er in Joes Diner einen festen Sitzplatz hat. Er muss nur einen Blick auf die Person werfen, die auf seinem Platz sitzt und wir wissen, dass ihm dieser Bruch seiner täglichen Routine nicht gefällt. In den Dialogen werfen die Gesprächsteilmer sich so lässig die Bälle zu, dass schon beim ersten Hören klar ist, dass sie diese Geschichten schon tausendmal vor dem gleichen Publikum erzählten, dass sie diese Gespräche schon tausendmal hatten und dass sie diese Gespräche und verbalen Schlagabtäusche immer noch genießen.

Aber dann gibt es die kleinen Veränderungen in der Routine. Eine Landschildkröte verschwindet. Lucky begreift, nachdem er in seiner Küche bei seinen morgendlichen Eiskaffee umkippt, dass sein Leben endlich ist und dass er, obwohl er sich immer als Einzelgänger sah, ein Teil der Dorfgemeinschaft ist und die Dorfgemeinschaft aufeinander aufpasst.

John Carrol Lynch inszenierte diese Charakterstudie als lakonische Liebeserklärung an Harry Dean Stanton, der hier noch einmal sein Können zeigt und am Ende langsam aus dem Bild geht.

Lucky“ ist eine großartige Abschiedsvorstellung von Harry Dean Stanton, einem Schauspieler, der als Nebendarsteller unzählige unprätentiöse und genau deshalb einprägsame Auftritte hatte und der sich mit einer Hauptrolle verabschiedet.

Lucky (Lucky, USA 2017)

Regie: John Carrol Lynch

Drehbuch: Logan Sparks, Drago Sumonja

mit Harry Dean Stanton, David Lynch, Ron Livingston, Ed Begley Jr., Tom Skerritt, Beth Grant, Yvonne Huff, Hugo Armstrong

Länge: 88 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Lucky“

Metacritic über „Lucky“

Rotten Tomatoes über „Lucky“

Wikipedia über „Lucky“ (deutsch, englisch)

John Carroll Lynch über seinen Film

Harry Dean Stanton über „Paris, Texas“ und das Schauspielen (The Hollywood Reporter, 2013)

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