Deutscher Krimipreis 2018 – Bester Krimi International: John le Carré: Das Vermächtnis der Spione

Vor einigen Wochen erhielt John le Carrés neuer Roman „Das Vermächtnis der Spione“ den Deutschen Krimipreis als bester internationaler Krimi.

Dreimal stand der Roman auf der Krimisbestenliste. Einmal sogar auf dem ersten Platz.

Nach seinem letzten Buch „Der Taubentunnel“, einer Sammlung persönlicher Geschichten und Anekdoten aus seinem Leben, das sich wirklich nur an die echten Fans richtet, ist John le Carré mit seinem neuesten Buch, dem Agentenroman „Das Vermächtnis der Spione“ wieder auf vertrautem Gelände. Außerdem knüpft er mit seinem neuesten Roman an seinen dritten Roman „Der Spion, der aus der Kälte kam“ (The Spy Who Came in from the Cold, 1963) an. Der Agententhriller, schon lange ein Klassiker, war ein weltweiter Bestseller. Er wurde erfolgreich verfilmt und John le Carré wechselte seinen Beruf.

In „Das Vermächtnis der Spione“ nimmt er die Geschichte von „Der Spion, der aus der Kälte kam“ wieder auf. Damals ging ein Einsatz des britischen Auslandsgeheimdienstes MI6 schief. Alec Leamas, ein hochrangiger Agent und Alkoholiker, und seine Freundin Elizabeth Gold wurden an der deutsch-deutschen Grenze von DDR-Grenzsoldaten erschossen.

Heute, in einer zeitlich nicht näher spezifizierten Gegenwart (beim schnellen hin- und herrechnen komme ich auf 2005/2010; le Carré scheint ungefähr 2010 zu bevorzugen), wird der pensionierte Geheimagent Peter Guillam aus seinem Ruhestand in der Bretagne nach London gerufen. Der Sohn von Alec Leamas und die bis dato unbekannte Tochter von Elizabeth Gold haben den englischen Geheimdienst angezeigt, den Tod ihrer Eltern durch eine fahrlässig geplante Geheimdienstoperation verursacht zu haben. Sie fordern eine vollständige Offenlegung der Akten, finanzielle Entschädigung und eine öffentliche Entschuldigung mit der Nennung der an der Operation beteiligten Personen.

Weil Guillam und sein Vorgesetzter George Smiley, der nicht auffindbar ist, in den letzten Jahren und Jahrzehnten Akten verschwinden ließen und vernichteten, soll Guillam die noch vorhandenen Akten studieren und den jungen Anwälten des Geheimdienstes erzählen, was nicht oder falsch in den Akten steht.

Das ist die interessante Prämisse für einen ziemlich langweiligen Roman. Gemeinsam mit Guillam wühlen wir uns durch unzählige, mehr oder weniger akkurate Berichte. Das ist nicht besonders spannend, Auch und weil die meisten Berichte nur am Rand – jedenfalls soweit ich mich noch an „Der Spion, der aus der Kälte kam“ erinnere – mit den Ereignissen von „Der Spion, der aus der Kälte kam“ zu tun haben. Insofern wirft der Roman kein neues Licht auf die damaligen Ereignisse, sondern leuchtet nur einige Details neu aus und liefert uns Tonnen von Informationen über andere Geheimdienstaktivitäten aus den späten fünfziger Jahren.

Während der Lektüre der alten Akten schwelgt Guillam in Erinnerungen an seine Freundschaft zu Leamas, seine damalige Agentenarbeit und seine Beziehung zu einer ostdeutschen Überläuferin.

Diese Seiten ziehen sich dann wie Kaugummi. Eine Geschichte ist kaum erkennbar. Vor allem keine, die mit Leamas und Gold zu tun hat. Wenn ich nichts überlesen habe, wird Elizabeth Gold beim exzessiven Aktenstudium und in Guillams Erinnerungen erstmals auf Seite 257 erwähnt. Der Roman endet auf Seite 316. Eine Zuspitzung des anfangs angelegten Konflikts zwischen den den Geheimdienst verklagenden Kindern von Leamas und Gold und dem Geheimdienst und Guillam erfolgt auch nicht. Guillam liest halt Akten, misstraut seinem ehemaligen Arbeitgeber, erzählt ihnen mehr oder weniger die Wahrheit und schlendert ein wenig durch das heutige London.

Am Ende des Romans taucht George Smiley auf. Diese wenigen Seiten qualifizieren „Das Vermächtnis der Spione“ als George-Smiley-Roman. Es ist der neunte Smiley-Roman. Der achte Smiley-Roman, „Der heimliche Gefährte“ (The secret Pilgrim), erschien 1990 und es war ebenfalls ein Rückblick auf den Kalten Krieg. Allerdings einer, der ausgehend von Bemerkungen von George Smiley, Ned dazu bringt, sich an Erlebnisse aus seinem Geheimagentenleben zu erinnern – und der mir damals gefiel.

Auch „Das Vermächtnis der Spione“ blickt auf die Zeit des Kalten Krieges, die fünfziger und frühen sechziger Jahre zurück. Allerdings ist eine Mischung aus wenigen Erinnerungen von Guillam und vielen Seiten Akten nicht so wahnsinnig spannend. Dabei ist vieles, was man von John le Carré kennt, vorhanden, wie der verheißungsvolle Anfang, die auf den ersten Seiten ausgebreitete Biographie des Ich-Erzählers, die alles andere als normal ist, den Geheimagentenjargon und das allumfassende, alles und jeden penetrierende Misstrauen. Neben dem emsigen Vernichten von Akten haben die Agenten auch heute noch, mitten in London, ein Safe-House, von dem ihre Vorgesetzten nichts wissen.

Das Vermächtnis der Spione“ ist das literarische Äquivalent zu einem Nachmittag im Archiv. Höchstens für Historiker interessant.

Schon während der Lektüre fragte ich mich, warum der Roman den Deutschen Krimipreis erhielt. Gab es wirklich keine besseren Kriminalromane, die letztes Jahr erstmals ins Deutsche übersetzt wurden?

John le Carré: Das Vermächtnis der Spione

(übersetzt von Peter Torberg)

Ullstein, 2017

320 Seiten

24 Euro

Originalausgabe

A Legacy of Spies

Viking, 2017

Hinweise

Homepage von John le Carré

Meine Besprechung von John le Carrés „Geheime Melodie“ (The Mission Song, 2006)

Meine Besprechung von John le Carrés “Marionetten (A most wanted man, 2008)

Meine Besprechung von John le Carrés “Verräter wie wir” (Our kind of traitor, 2010)

Meine Besprechung von John le Carrés “Empfindliche Wahrheit” (A delicate truth, 2013)

Meine Besprechung der John-le-Carré-Verfilmung “Bube, Dame, König, Spion” (Tinker, Tailor, Soldier, Spy, Großbritannien/Frankreich/Deutschland 2011)

Meine Besprechung der John-le-Carré-Verfilmung “A most wanted man” (A most wanted man, Deutschland/Großbritannien 2014) und der DVD

Meine Besprechung der John-le-Carré-Verfilmung „Verräter wie wir“ (Our Kind of Traitor, Großbritannien 2016)

Meine Besprechung der ersten beiden Episoden von Susanne Biers „The Night Manager“ (The Night Manager, Großbritannien/USA 2016) und der gesamten Miniserie

John le Carré in der Kriminalakte

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