Verfilmte Bücher: „Immer Ärger mit Harry“ ist „Immer Ärger mit Harry“

Auf der Jagd stolpert der vierjährige Abie an einem heißen Sommertag, mitten in der malerischsten Natur, über eine Leiche. Harry heißt der mittelalte Tote und er wurde offensichtlich ermordet. Aber anstatt sofort die Polizei zu rufen und den Mörder zu suchen, sind die Bewohner des verschlafenen Provinzstädtchens, die die Leiche unabhängig voneinander entdecken, vor allem daran interessiert, die Leiche möglichst schnell verschwinden zu lassen.

So beginnt Jack Trevor Storys sehr kurzer Roman „Immer Ärger mit Harry“, der eher eine lange Kurzgeschichte oder Novelle ist. Die Geschichte spielt in dem englischen Dorf Sparrowswick Heath, das mit seinen spleenigen Bewohnern schnell das Bild eines heilen Englands heraufbeschwört, das es heute höchstens in einem „Inspector Barnaby“-Krimi gibt. Auch dort ist der Anblick einer Leiche kein Grund, panisch zu werden.

Alfred Hitchcock verlegte 1955 die Geschichte nach Vermont und drehte seine schwarze Komödie „Immer Ärger mit Harry“.

In dem Film entspinnt sich schnell ein farbenfroh ausgemaltes, wunderschön gesittet moralbefreites Spiel mit der Leiche. Denn niemand trauert um den Toten, der, wie man im Verlauf der Geschichte erfährt, zwar nur einen Tod gestorben ist, aber anscheinend von einem halben Dutzend Menschen auf verschiedene Arten ermordet wurde. Jeder, der sich für Harrys Mörder hält, möchte die Leiche gerne möglichst schnell loswerden. Es war ja nur ein blöder Unfall und der Tote war keine Zierde für die Menschheit. Auch Abies Mutter, die mit Harry, den sie ewig nicht gesehen hat, verheiratet war, ist über seinen Tod hocherfreut.

Aber dann verliebt sie sich im Lauf des Sommertages in einen anderen Mann – und Harry sorgt für noch mehr Ärger.

Dieser jede Totenruhe missachtende Umgang mit Harrys Körper, etliche Dialoge und den Humor haben Hitchcock und sein Drehbuchautor John Michael Hayes (gemeinsam auch „Das Fenster zum Hof“, „Über den Dächern von Nizza“ und „Der Mann, der zuviel wusste“) aus der Romanvorlage übernommen. Außerdem haben sie die Story gestärkt und schlüssiger gemacht.

Aus heutiger Sicht ist die von Jack Trevor Story geschriebene Geschichte vor allem eine arg betulich erzählte Schnurre mit Situationskomik und einigen wunderschön abgedrehten Dialoge. Aber die Charaktere bleiben blass und es entwickelt sich keine richtige Geschichte. Außer dass Harry mehrmals vergraben und ausgegraben wird, während die Bewohner von Sparrowswick Heath darüber reden, ob Harry nun besser vergraben oder ausgegraben wird. In einem Tonfall, als redeten sie über das Wetter.

Jetzt erschien, – unglaublich, aber wahr -, fast siebzig Jahre nach der Erstveröffentlichung, Storys Roman erstmals auf Deutsch. Die Übersetzung schließt für den fanatischen Alfred-Hitchcock-Fan eine Lücke, die er wahrscheinlich nicht bemerkte.

Jack Trevor Story: Immer Ärger mit Harry

(übersetzt von Miriam Mandelkow)

Dörlemann, 2018

192 Seiten

17 Euro

Originalausgabe

The Trouble with Harry

Boardman, London, 1949

Die Verfilmung

Immer Ärger mit Harry (The Trouble with Harry, USA 1955)

Regie: Alfred Hitchcock

Drehbuch: John Michael Hayes

LV: Jack Trevor Story: The trouble with Harry, 1949 (Immer Ärger mit Harry)

Mit Shirley MacLaine, John Forsythe, Edmund Gwenn, Mildred Natwick, Jerry Mathers, Mildred Dunnock, Royal Dano

Hinweise

Homepage über Jack Trevor Story

Wikipedia über Jack Trevor Story

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