DVD-Kritik: „Detroit“, Kathryn Bigelows Thriller über einige Tage im Sommer 1967

Zum Kinostart schrieb ich:

Emotionale Wucht hat Kathryn Bigelows neuer Film „Detroit“ unbestritten. Sie zeichnet, wieder mit Drehbuchautor Mark Boal, die mehrtägigen Rassenunruhen in Detroit im Juli 1967 nach, bei denen 43 Menschen starben. 33 von ihnen waren Afroamerikaner. 24 von ihnen wurden von Polizisten und National Guardsmen erschossen.

Im Mittelpunkt des 144-minütigen Films stehen die fast in Echtzeit geschilderten Ereignisse im Algier Motel in der Nacht vom 25. zum 26. Juli. Wir sind mit den Akteuren in einem Hotelflur und ein, zwei Zimmern eingesperrt. Die Anspannung und Angst sind spürbar. Auch weil die weißen Polizisten gnadenlos ihre Macht gegenüber den afroamerikanischen Verdächtigen und den zwei weißen jungen Frauen ausnutzen und auch einige von ihnen töten.

Allerdings begeht Bigelow in „Detroit“ die gleichen Fehler wie in „Zero Dark Thirty“. Sie verwendete auch die gleiche Struktur. Wieder verhindert die rein deskriptisch-dokumentarische Bearbeitung des Themas eine Analyse. Wieder kann es, gewollt oder ungewollt, leicht zu Fehlschlüssen kommen. In „Zero Dark Thirty“ war das die Legitimierung von Folter. In „Detroit“ ist das die Konzentration auf einen Polizisten als Täter und das Fehlen der Vorgeschichte der Rassenunruhen. Der Film beginnt mit einer Polizeirazzia in einem illegalen Club, bei dem weißen Polizisten sich im Rahmen der Gesetze bewegen. Diese Razzia war der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Die Gründe für die Unruhen waren allerdings der Mangel an bezahlbarem Wohnraum für Afroamerikaner als Folge von Stadterneuerungsprojekten und die vorherrschende, rassistisch motivierte Polizeigewalt. Die Polizei bestand fast ausschließlich aus weißen Männern.

Im Film ist die Razzia die Begründung für die durchgehend von Afroamerikanern ausgehende Gewalt und Plünderungen. Dagegen versuchen die Weißen, Recht und Ordnung aufrecht zu erhalten. Dieses Setting führt dazu, dass die gesamte Vorgeschichte, die damalige Stimmung, der strukturelle Rassismus und die Machtverhältnisse ausgeblendet werden.

Auch bei den Ereignissen im Algier Motel bleibt diese Zuordnung von Täter und Opfer vorhanden. So ist Philip Krauss zwar ein paranoider Rassist, der seine Macht auskostet und die anderen Polizisten zu Mittätern macht. Er hat auch vorher einen Afroamerikaner durch einen Schuss in den Rücken schwer verletzt. Aber der Afroamerikaner war ein Plünderer und er flüchtete. Krauss hat auch Angst vor den Afroamerikanern und er ist eindeutig überfordert. Als er und seine Kollegen in das Motel stürmen, reagierten sie auf Schüsse aus dem Hotel auf sie (mit einer Startpistole für Wettkämpfe). Sie wollen einen Scharfschützen (den es nicht gibt) verhaften. Sie reagieren über. Sie nutzen auch ihre Macht aus und genießen es. Aber durch die im Film gezeigte Vorgeschichte erscheinen die Opfer dann als Täter und die Täter als die Opfer der Umstände.

Immer wieder leisten Bigelow und Boal in ihrem Film durch die Auswahl und Anordnung der akribisch recherchierten Fakten der Rationalisierung Vorschub, dass die Gewalt grundlos von den Afroamerikanern ausging und die weißen Polizisten nur das Richtige tun wollten. Sie ignorieren den Kontext. Über die Hintergründe der tagelangen Gewaltexplosion, die gesellschaftliche Situation und Strukturen erfährt man nichts. Entsprechend eruptiv und aus dem Nichts erfolgen die Gewalttätigkeiten.

So ist „Detroit“ brillant inszeniert als Terrorkino, aber analytisch so oberflächlich, dass es einfach ärgerlich ist.

 

Beim zweiten Ansehen bestätigt sich mein erster Eindruck.“Detroit“ ist spannend, hat viel Zeitkolorit und ist politisch höchst bedenklich.

Durch ihre Entscheidung den Thriller in einem semidokumentarischen Stil mit unruhiger Handkamera zu inszenieren, konzentriert Kathryn Bigelow sich auf die packend inszenierte Dokumentation von Abläufen. Über die Personen erfahren wir allerdings nichts. Sie bleiben Figuren auf einem Schachbrett. Es gibt keine Erklärungen und keine Hintergrundinformationen. In jeder Zeitungs- oder TV-Reportage über die Unruhen und den Vorfall im Algier Motel gäbe es das. Als Zuschauer des Kinofilms muss man sich aus den gezeigten Bildern eigene Erklärungen zurechtbasteln. Als Zuschauer wird man allerdings auch manipuliert, weil Bigelow und Boal nur einen Ausschnitt zeigen und Informationen weglassen. Sie begünstigen so, wahrscheinlich sogar ungewollt, eine bestimmte Interpretationen der damaligen Ereignisse.

Denn obwohl Afroamerikaner die meisten Rollen spielen, bestimmt die Sicht des weißen Mannes den Film und damit auch die Interpretation der Unruhen. Die Afroamerikaner kommen da, bis auf den von John Boyega gespielten Wachmann, nur als passive Beobachter, Hausfrauen und Randalierer vor. Die Polizei muss gegen eine aus dem Nichts kommende Gewalteruption vorgehen. Sie versucht gegen Plünderer, Brandstifter und aus anonymen Gruppen agierende Gewalttäter das Gesetz durchzusetzen.

Die von ihr beiläufig immer wieder gezeigte Polizeibrutalität wird da zu einem für die Filmhandlung bedeutungslosen Hintergrundrauschen. Und rassistische Polizisten scheint es, bis auf Philip Krauss (Will Poulter), 1967 nicht gegeben zu haben. Das ist Unfug. Damals und heute. Mit dieser Sicht fehlt dann auch der Blick auf strukturelle Probleme bei der Polizei und den alltäglichen Rassismus. Letztendlich steht in „Detroit“ ein Ereignis im Mittelpunkt und die Täter werden, aufgrund den Ermittlungen von weißen Polizisten, angeklagt.

Detroit“ zeigt fast schon exemplarisch die Grenzen eines rein dokumentarischen, auf jede Analyse verzichtenden erzählerischen Ansatzes auf. Weil es aber keinen objektiven Blick gibt, übernehmen der Blick der Kamera, die Inszenierung, die Auswahl und Präsentation der Ereignisse diese Analyse. Ein Beitrag zur Lösung der Probleme entsteht so nicht. Es fällt auch schwer, anhand von „Detroit“ über die Probleme zu reden.

Aber auf der reinen emotionalen Ebene als kurzweiliges, durchgehend hochenergetisch erzähltes Spannungskino funktioniert „Detroit“ prächtig.

Das Bonusmaterial für den Thriller wäre ärgerlich, wenn es nicht so lächerlich wäre. Es besteht aus fünf Minifeaturettes, die man sich in neun Minuten ansehen kann, einem Music Video, dem Trailer (deutsch und englisch) und einer vierzigsekündigen, aus Filmbildern bestehenden Bildergalerie. Warum hat man, wenn man schon kein Geld ausgeben will, nicht schnell ausführliche Interviews mit Bigelow, Boal und einem Historiker geführt? Die hätten ausführlich über die historischen Hintergründe und den Dreh äußern können. So gibt es nur einige belanglose Werbeschnipsel.

Detroit (Detroit, USA 2017)

Regie: Kathryn Bigelow

Drehbuch: Mark Boal

mit John Boyega, Anthony Mackie, Will Poulter, Algee Smith, Samira Wiley, John Krasinski, Hannah Murray, Jacob Latimore, Jason Mitchell

Blu-ray

Concorde Home Entertainment

Bild: 1080p High Definition, 1.81:1 (16:9)

Ton: Deutsch (DTS-HD Master Audio 5.1, DD 2.0), Englisch (DTS-HD Master Audio 5.1)

Untertitel: Deutsch, Deutsch für Hörgeschädigte

Bonusmaterial: Featurettes (Die Wahrheit von Detroit, Die Besetzung von Detroit, Die Invasion von Detroit, Die Hoffung von Detroit, Damals und heute), Musikvideo „Grow“ mit Algee Smith und Larry Reed, Bildergalerie, Deutscher und Originaltrailer (13 Minuten; laut Concorde)

Länge: 144 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

DVD und 4K UHD sind identisch ausgestattet.

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Detroit“

Metacritic über „Detroit“

Rotten Tomatoes über „Detroit“

Wikipedia über „Detroit“ (deutsch, englisch)

History vs. Hollywood über „Detroit“

Meine Besprechung von Kathryn Bigelows „Zero Dark Thirty“ (Zero Dark Thirty, USA 2012)

Meine Besprechung von Kathryn Bigelows „Detroit“ (Detroit, USA 2017)

Die Pressekonferenz

Peter Travers unterhält sich mit Kathryn Bigelow über den Film

Ein kurzer Bericht über die damaligen Ereignisse , die Gegenwart und den Film

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