Neu im Kino/Filmkritik: Charlize Theron ist nicht „Tully“

Zuletzt trat Charlize Theron in „Atomic Blonde“ und „Fast & Furious 8“ den Männern so kräftig in den Hintern, dass die Begegnung mit ihr für die Männer meistens tödlich endete. In „Tully“, dem neuen Film von Jason Reitman und Diablo Cody (eine der wenigen Drehbuchautorinnen, deren Name einem breiteren Publikum bekannt ist), spielt Theron Marlo, eine vierzigjährige zweifache Mutter, die gerade zum dritten Mal schwanger ist. Ihr Bauch ist so riesig, dass er schon in den ersten Minuten einen Hinweis auf die Perspektive und Interpretation des Films gibt. Reitman inszenierte zwar gewohnt naturalistisch, fast schon dokumentarisch, aber er nimmt von der ersten Minute an vollständig Marlos Perspektive ein. Und da ist der Bauch riesig und die Probleme, die mit dem dritten Kind kommen, sind noch größer. Vor allem weil ihr Mann keine große Hilfe für sie ist. Er verdient das Geld. Nach einer Beförderung noch mehr, aber er ist wenig zu Hause und nach Feierabend starrt er, im Bett, gebannt auf den Fernseher. Ihr fünfjähriger Sohn ist so verhaltensauffällig, dass die Schule ihn nicht weiter unterrichten will. Und sie hat niemand, der ihr bei den Kindern und dem Haushalt hilft.

Da bietet ihr vermögender Bruder ihr an, ihr eine Nacht-Nanny zu bezahlen. Sie kümmert sich in der Nacht, während die Mutter schläft, um das Baby. Sie übernimmt die Aufgaben, die früher die Familie, vor allem die Oma, übernommen hat.

Tully (Mackenzie Davis) heißt die Nacht-Nanny und sie ist ganz anders, als Marlo es erwartet hat. Tully ist jung. Mitte Zwanzig. Sie wirkt wie eine etwas ältere Studentin.Sie erinnert Marlo an ihr jüngeres, freigeistiges Ich. Für Marlo ist sie in dem Moment der perfekte rettende Engel. Tully kümmert sich nämlich nicht nur um das Baby, sondern auch um den restlichen Haushalt. Nur wir wollen nicht an den schönen Schein glauben. Immerhin haben wir spätestens seit „Die Hand an der Wiege“, genug Filme gesehen, in denen Babysitter nicht so Mary-Poppins-harmlos waren, wie sie auf den ersten Blick erschienen.

Diablo Cody verarbeitete in ihrem Drehbuch wieder persönliche Erlebnisse. Sie ist selbst dreifache Mutter und nahm bei ihrem dritten Kind eine Nacht-Nanny. Aus dieser Inspiration schuf sie die Studie einer ausgewachsenen postpartalen Depression (vulgo Babyblues oder Heultage) und einer Beziehung zwischen einer Mutter, die glaubt, alles alleine machen zu müssen, und dem guten Hausgeist, der nach Sonnenuntergang auftaucht und vor Sonnenaufgang wieder spurlos verschwindet.

Jason Reitman verfilmte bereits kongenial zwei Drehbücher der gleich alten Cody. Er verfilmte auch „Tully“ mit der ihm eigenen, immer den Personen zugewandten, sie niemals verurteilenden Feinfühligkeit. In „Juno“ arbeiteten sie erstmals zusammen. Der Film, Codys Oscar-prämiertes Debüt und Reitmans zweiter Film (nach dem Sundance-Hit „Thank you for smoking“), war für sie der große Durchbruch. Sie erzählen die Geschichte einer schwangeren Sechzehnjährigen, die ihr Kind zur Adoption freigeben will. In „Young Adult“ geht es um eine Jugendbuchautorin, die mit Mitte Dreißig plötzlich die Zeit zurückdrehen und ihre Jugendliebe wieder verführen will. Rückblickend betrachtet war ich damals wohl etwas zu harsch gegenüber dem Film. In „Tully“ geht es dann um die Probleme einer mehrfachen Mutter, ihren Alltag zu organisieren.

Jeder dieser Filme wirft einen originären Blick auf das Leben und die Gefühle von Frauen. Sie sind komplexe Charaktere, die versuchen, mit ihrem Leben zurecht zu kommen. Dabei ergibt sich, wenn man die drei Filme als fiktive Chronologie von Diablo Codys Leben und Gefühlswelt betrachtet, eine die Filme überspannende Entwicklung von jugendlicher Unbeschwertheit über Selbstfindungsprobleme hin zu mehrfacher Mutterschaft und Verantwortung für mehrere Menschen. Salopp gesagt: von spitzer Komödie zu düsterem Drama. In „Tully“ gibt es nichts mehr zu lachen. Die Protagonistin denkt nicht mehr daran, wie sie die Welt verändern will, sondern wie sie früher die Welt verändern wollte und wie sie früher ein freier und ungebundener Mensch war. Wie Tully. Heute ist sie, ständig übermüdet, im Gefängnis von drei Kindern, deren Forderungen und den Ansprüchen der Gesellschaft, die im Alltag gerne das Hollywood-Bild einer glücklichen Mutter hätte.

Und Charlize Theron, die schon in „Young Adult“ die Hauptrolle hatte, sieht hier wirklich wie die vierzigjährige, ständig übermüdete und überforderte Mutter aus, die keine Zeit mehr hat, auf ihr Aussehen oder ihren Körper zu achten, aus. Sie will nur noch den nächsten Tag überleben.

Mütter werden in Marlo leicht ein Ebenbild von ihnen erkennen. Männer werden vielleicht besser verstehen, was eine Frau nach der Schwangerschaft durchmacht. Und am Ende haben beide einen Film gesehen, der sehr gelungen und scheinbar mühelos die verschiedenen Themen, Motive und Fährten zu einem Ende zusammenfügt, das nichts von einem typischen Hollywood-Ende hat. 

P. S. für James-Bond-Fans: Kaitlyn und Mady Dever singen als Beulahbelle eine Cover-Version von „You only live twice“.

Tully (Tully, USA 2018)

Regie: Jason Reitman

Drehbuch: Diablo Cody

mit Charlize Theron, Mackenzie Davis, Ron Livingston, Mark Duplass, Lia Frankland, Asher Miles Fallica

Länge: 96 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Tully“

Metacritic über „Tully“

Rotten Tomatoes über „Tully“

Wikipedia über „Tully“

Meine Besprechung von Jason Reitmans „Young Adult“ (Young Adult, USA 2011)

Meine Besprechung von Jason Reitmans „Labor Day“ (Labor Day, USA 2013)

Meine Besprechung von Jason Reitmans „#Zeitgeist – Von digitaler Nähe und analoger Entfremdung“ (Men, Women, and Children, USA 2014)

Talks at Google lädt Charlize Theron, Mackenzie Davis, Ron Livingston und Jason Reitman zum Gespräch über den Film

Times Talks mit Charlize Theron und Jason Reitman (ab Minute 4:20)

Und Diablo Cody hat auch etwas zu sagen

 

 

 

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