Ist James Comey „Größer als das Amt“? – Buchkritik und sachdienliche Hinweis zu seiner Lesung in Deutschland

Vor über einem Jahr hätte ich James Comey ausführlich vorstellen müssen. Dann wurde er am 9. Mai 2017 von US-Präsident Donald Trump auf eine sehr schäbige, weltweit beachtete Weise entlassen.

Davor war der via Fernsehen geschasste, von Barack Obama berufene FBI-Direktor Comey, falls man nicht in den USA lebte oder sich brennend für die US-Politik interessiert, nur im Zusammenhang mit den Ermittlungen des FBI gegen Hillary Clinton über ihren unsachgemäßen E-Mail-Gebrauch bekannt. Der Vorwurf wurde vor allem von den Republikanern breit skandalisiert. Am 5. Juli 2016 verkündete Comey öffentlich die Einstellung der Ermittlungen. Wenige Tage vor dem Wahlsonntag verkündete er, aufgrund neuer Erkenntnisse, die Wiederaufnahme und kurz darauf, immer noch vor dem Wahlsonntag, die endgültige Einstellung des Verfahrens. Beides wurde von einem gewaltigen Medienrummel und Wahlkampfgetöse begleitet.

Diese Geschichte hat jetzt ein offizielles Ende. Am 14. Juni 2018 veröffentlichte der Generalinspekteur des Justizministeriums einen fünfhundertseitigen Bericht, der Comey von einer politischen Motivation freisprach. Die Ermittlungen seien konform zu den bestehenden Regeln geführt worden. Aber Comey sei bei seinem Umgang mit der Öffentlichkeit von Standards und geltenden Prozeduren des FBI und des Justizministeriums abgewichen. LINK

In seinem Buch „Größer als das Amt: Auf der Suche nach der Wahrheit – Der Ex-FBI-Direktor klagt an“ schildert Comey ausführlich seine Motive und auch etliche Hintergründe zu den FBI-Ermittlungen gegen Hillary Clinton, die sich zu dem Zeitpunkt um das Amt des US-Präsidenten bewarb. Die Versuche Russlands, die US-Wahl zu beeinflussen, erwähnt Comey kurz und ohne irgendwelche Geheimnisse, die Ermittlungen gefährden könnten, zu verraten. Als Zeitungsleser ist man da schon seit Monaten besser informiert.

Comey schildert auch ausführlich seine Begegnungen mit Donald Trump. Comey traf Trump zum ersten Mal nach der Präsidentenwahl. Und wer seit November 2016, als Trump zum US-Präsidenten gewählt wurde, die Medien aufmerksam verfolgte, wird auf diesen Seiten nichts Neues erfahren.

Überraschend ist Comeys Beobachtung, dass ihn Trump und seine Entourage an die New Yorker Mafia der achtziger Jahre erinnert. Damals verdiente Comey sich seine ersten Sporen als Staatsanwalt bei Verfahren gegen Mafiosi. Dieser ziemlich kurze Einblick (für mich hätte er darüber bis zum Start von „Gotti“ [noch kein deutscher Starttermin] ganze Bücher füllen können) und seine Erinnerungen an seine Zeit als United States Deputy Attorney General, was ihn zum Stellvertretenden Justizminister und zweithöchsten Beamten im Justizministerium machte, füllen weniger als die Hälfte des Buches. Comey war vom 9. Dezember 2003 bis zum 15. August 2005 Stellvertretender Justizminister. Damals war George W. Bush Präsident. In seiner Amtszeit beschäftigte Comey sich mit dem NSA-Abhörprogramm „Stellar Wind“ und der Foltererlaubnis, die nach dem Terroranschlag vom 11. September 2001 bewilligt und geheim gehalten wurden. Beides wurde, als Comey sein Amt erhielt, schon lange praktiziert. Beides lehnte er ab. Beide Male hielt er die juristischen Gutachten, die sich für die Maßnahmen aussprachen, für schlechte Gefälligkeitsgutachten. Außerdem hatte er als Staatsanwalt bei der Frage, wie man Verdächtige auch ohne Folter zu Geständnissen bewegt, reichhaltige Erfahrungen aus seiner New Yorker Zeit.

Diese Episoden illustrieren seine großen Themen: die Frage, nach der richtigen Führung und die nach der richtigen Entscheidung, die von bleibenden Werten bestimmt werden. Dabei versteht Comey, der fast sein gesamtes Berufsleben im Staatsdienst verbrachte, sich als Beamter, der eine Institution vertritt und diese Institution, ihre Werte und die Werte der Gesellschaft müssen geschützt werden. Sie sind größer als die Person, die das Amt für eine bestimmte Zeit bekleidet. Dabei zieht Comey einen klaren Strich zwischen der apolitischen, sich nur nach dem Gesetz richtenden, diese objektiv und ohne Ansehen der Person anwendenden und von politischen Begehrlichkeiten freien Arbeit der Institutionen und der Politik, die Recht und Regeln je nach Opportunität anwendet. Das ist eine etwas unterkomplexe Sicht der Welt, die dazu führt, dass Verwaltung, Politik und Gesellschaft klar voneinander getrennt sind und sich nicht beeinflussen. In dieser Welt liefert die Verwaltung der Politik die objektiven Ratschläge.

Comey inszeniert sich als gänzlich unpolitischen Menschen. Als einen Staatsdiener, der den Auftrag der von ihm vertretenen Institution möglichst umfassend vertreten will. Dass er im Wahlregister bis 2016 als Republikaner eingetragen war, erwähnt er in einem Nebensatz. Dass er Geld für die Kampagnen der republikanischen Präsidentschaftskandidaten John McCain und Mitt Romney spendete, erwähnt er nicht. Dass die meisten FBI-Agenten konservative, weiße Männer sind und er als FBI-Direktor versuchte, das zu ändern, erwähnt er. Dass die USA eine zutiefst rassistische und gespaltene Gesellschaft ist, erwähnt er dagegen höchstens in einem Halbsatz. So als hätte das keinen Einfluss auf die Arbeit von Justiz und Polizei.

Dafür geht er ausführlicher auf die Frage ein, wie gute Führung aussieht, welche Führungscharaktere seine verschiedenen Vorgesetzten (u. a. Rudy Guiliani) waren und wie er Teams und Organisationen führte. Comey plädiert dabei klar eine ethische Führung, in der der Chef durch sein Vorbild führt. Als er Trump das erste Mal trifft, bemerkt er: „Der ‚Führer der freien Welt‘, der selbst ernannte großartige Business-Tycoon, hatte das Kernprinzip von ethischer Führung nicht verstanden: Sie wird nie Loyalität verlangen. Nur diejenigen, die mit Furcht herrschen – wie ein Mafiaboss -, fordern persönliche Loyalität. Moralisch integre Führungspersönlichkeiten sorgen sich zutiefst um diejenigen, die sie führen und bieten ihnen Aufrichtigkeit und Anstand, Engagement und eigene Opfer. Sie setzen Vertrauen in ihre Leute, und das erzeugt Ergebenheit. Sie kennen ihr Talent, aber auch ihre Grenzen – wenn es darum geht, zu verstehen und zu argumentieren, darum, die Welt so zu sehen, wie sie ist, nicht wie sie sie gerne hätten. Sie sagen die Wahrheit und wissen, dass man, um kluge Entscheidungen zu treffen, Menschen braucht, die einem die Wahrheit sagen. Und damit sie diese Wahrheit zu hören bekommen, erzeugen sie eine Umgebung mit hoher Motivation und gründlicher Überlegung – ‚Liebe‘ ist dafür kein zu großes Wort. In so einer Umgebung entstehen dauerhafte Bindungen, und außergewöhnliche Errungenschaften werden möglich. Mit ethischem Führungsstil ist es nicht vereinbar Loyalität zu fordern.“

Dieses Konzept, das sich als roter Faden durch das Buch zieht und das Comey an mehreren Stellen ausführlicher erläutert, ist der vollständige Gegenentwurf zur Trumpschen Führung – und Comey bringt dieses Konzept an, um Trump allein schon auf dieser Ebene maximal zu – – – ähem, vollkommen nachvollziehbar aufzuzeigen, dass Donald Trump vollkommen ungeeignet für das Amt ist. Und auch ungeeignet ist, um irgendein Unternehmen, das mehr als eine Handvoll Mitarbeiter hat, zu leiten.

Comeys Buch „Größer als das Amt“ fügt den schon jetzt bekannten Fakten einige, eher unbedeutende Facetten hinzu und es ist ein Loblied auf den braven Beamten. Im Mittelpunkt des Buches steht dabei seine Zeit als FBI-Direktor. Sie nimmt über die Hälfte des Buches ein. Seine Zeit als Stellvertretender Justizminister nimmt weitere siebzig Seiten des 384-seitigen Buches ein.

James Comey: Größer als das Amt: Auf der Suche nach der Wahrheit – Der Ex-FBI-Direktor klagt an

(übersetzt von Pieke Biermann, Elisabeth Liebl, Werner Schmitz, Karl Heinz Siber und Henriette Zeltner)

Droemer, 2018

384 Seiten

19,99 Euro

Originalausgabe

A higher Loyalty. Truth, Lies, and Leadership

Flatiron Books, New York, 2018

Die schon länger ausverkaufte Lesung

James Comeys Lesung am Dienstag, den 19. Juni 2018, um 20.00 Uhr im Kino International (Karl Marx Allee 133, Berlin) wird als „einzige öffentliche Veranstaltung“ angekündigt und sie ist schon seit Tagen ausverkauft. Sie wird vom Droemer Verlag, den Yorck Kinos, der American Academy und der Wochenzeitung „Die Zeit“ präsentiert. Die Zeitung bietet auch einen Livestream an; – falls man sich nicht doch auf den Weg zum Veranstaltungssaal begeben oder immer wieder versuchen will, ob es nicht doch einige zurückgegebene Karten gibt.

Hinweise

James Comey twittert

Droemer über James Comey

Wikipedia über James Comey (deutsch, englisch)

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