Deutscher Noir – Versuche, Teil 1: „Foresta Nera“ von Friedemann Hahn

Der deutsche Noir…

Geht das überhaupt?

Nun, der Polar Verlag versucht es jetzt auch mit deutschen Autoren. Der zweite ‚Deutsche Polar‘ ist „Foresta Nera“ von Friedemann Hahn. Wolfgang Sprangers „Tiefenscharf“ war der erste. Und der Polar Verlag ist nicht allein. Bei Culturbooks erschien die Kurzgeschichtensammlung „Berlin Noir“ (am Lesen, aber die ersten Geschichten wecken bei mir jetzt nicht gerade die „ich muss unbedingt weiterlesen“-Lust). Sven Heuchert veröffentlichte letztes Jahr mit „Dunkels Gesetz“ einen Noir und wenn man sucht, findet man zwischen Provinzkrimis, Krimischnurren und Serienkillerthriller auch viel Noir. Wobei Noir erst Mal nur eine von Autoren und Kritikern fast beliebig füllbare Hülle ist. Unter den unzähligen Noir-Definitionen, gefällt mir, auch wenn ich jetzt nicht den Verfasser finde, diese am Besten: „Noir ist das Gegenteil von Disney.“

Auf die bis jetzt im Polar Verlag erschienenen Krimis trifft diese Definition hundertprozentig zu. Trotzdem veröffentlichte Polar-Herausgeber Wolfgang Franßen nicht einfach den Roman eines deutschsprachigen Autors, sondern erklärt im Vorwort von „Tiefenscharf“: „Von Anfang an, als ich den Polar Verlag gründete, wollte ich einen ‚Deutschen Polar‘ ins Leben rufen. Autoren eine Plattform bieten, sie ermuntern, sich abseits des Gängigen zu bewegen, vielmehr Risiken einzugehen. (…) Es ist also Zeit für keinen Kompromiss. Für kein Etikett, um das Marketing zu erweitern. Zeit für Autoren und Autorinnen, die etwas wagen wollen. Sei es stilistisch, sei es durch unbequeme Antworten. Geschichten müssen rebellieren. Nicht mit Krawall und Tumult, um effekthaschende Kulissen zu errichten, die alles für einen Platz auf der Bestsellerliste opfern würden. (…) Deutscher Polar? Wir amüsieren uns nicht zu Tode. Wir rebellieren.“

Ein Ergebnis der Rebellion ist Friedemann Hahns jetzt erschienenes Debüt „Foresta Nera“, das sich wie ein assoziativer Fieberalbtraum liest. Eine herkömmliche, nacherzählbare Geschichte ist nicht mehr vorhanden. Es sind nur noch Splitter. Es geht um illegale Geschäfte, mehrere Frauenmorde, einen toten Künstler und mehrere Polizisten und Verbrecher, deren Geschichte bis in die Nazi-Zeit und ihre gemeinsame Zeit in der Fremdenlegion zurückreicht.

Dass die Geschichte 1962 spielt, wird erwähnt, aber mehr als ein beliebig austauschbares Nachkriegsjahr bleibt es nicht. Hahn schiebt immer wieder früher spielende Szenen in die aktuelle Geschichte. Oft ist nicht genau erkennbar, wann diese Szenen spielen. Und wie sehr sie Realität oder Fantasie sind. Hahns Welt ist ein düsteres Paralleluniversum, das, ungeachtet der Faktentreue, immer wie eine von der Realität entkoppelte Fantasie wirkt.

Sein Schwarzwald, – „Foresta Nera“ ist italienisch für „Schwarzwald“ -, ist ein direkt aus der Schwarzen Romantik entsprungenes Fantasie-Land, in dem das Leben der Bewohner in düsteren Farben gezeichnet wird.

Das ist, unbestritten, immer wieder bildgewaltig und eindrücklich beschrieben. Aber es ist auch genau diese Art von Literatur, die mich absolut nicht anspricht.

Foresta Nera“ ist wie ein Horrorfilm, der mangelnde Substanz mit Schockbildern, dunklen Bildern, Blut und Gedärmen (auch wenn es nur von einer Hausschlachtung ist) und einem Unwohlsein erzeugendem Soundtrack kompensiert.

Friedemann Hahn: Foresta Nera

Polar Verlag, 2018

216 Seiten

16 Euro

Hinweise

Polar über „Foresta Nera“

Homepage von Friedemann Hahn

Wikipedia über Friedemann Hahn

Und der sehr, sehr wichtige Suchhinweis:

GESUCHT WIRD EIN DEUTSCHER-POLAR-KRIMINALROMAN

ALARMSIGNALE: Wir leben in einer Epoche sozialer Verwerfungen. Die Auswirkungen der entfesselten Ökonomie machen vor keiner Grenze halt und erschüttern die Gesellschaften bis in ihre Grundfesten. Korrupte Wirtschaftsführer und Politiker, Großkonzerne, deren Einfluss sich wie ein Spinnennetz über die Gesellschaften legt, Rassismus, Gewalt gegen Schwächere bestimmen das 21. Jahrhundert.

ANTWORTEN GESUCHT: Der Kriminalroman muss sich mit der Wirklichkeit befassen, auf diese Situation reagieren. Er muss sie beschreiben und aufzeigen, dass Verbrechen nicht im luftleeren Raum geschehen.

FRAGEN STELLEN: Wer die Welt beschreibt, ergreift zwangläufig Partei für oder gegen die herrschenden Verhältnisse, für oder gegen die Erniedrigten und Beleidigten, für oder gegen die, die Macht missbrauchen. Um die Welt, in der wir leben, zu beschreiben, ist ein Kriminalroman nötig, der eine harte, klare Sprache spricht und deutlich Stellung bezieht.

NICHTS ALS UNGESCHMINKT: Kein Land ist ausgespart. Deshalb brauchen wir auch in Deutschland eine Kriminalliteratur, die – aufbauend auf der Tradition des harten Realismus der Klassiker und der Gnadenlosigkeit des Polar/Noir – die gesellschaftlichen Widersprüche des 21. Jahrhunderts und ihre Verbrechen beschreibt. Wir wünschen uns eine Kriminalliteratur ohne ängstliche Kompromisse. Wir suchen kühne Autoren/Innen, die das Verbrechen dort ansiedeln, wo es stattfindet – in der Wirklichkeit.

BELOHNUNG: EINE VERÖFFENTLICHUNG DES KRIMINALROMANS IM POLAR VERLAG

PREISGELD 1000,00 Euro

Ausschreibung vom 01.04.2018 bis zum 31.11.2018

Preisgeld 1000,00 Euro

Die Jury: Doris Gercke, Frank Göhre, Robert Brack, Tobias Gohlis

Einsendungen nur per Mail unter: kontakt@polar-verlag.de

PREISVERLEIHUNG AUF DER LEIPZIGER BUCHMESSE 2019

Die Jury ist in jedem Fall kompetent. Jetzt sollte sie auch gute Manuskripte lesen.

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