Der „Pik-Bube“ ist ein schlimmer Finger – und Joyce Carol Oates ist dafür verantwortlich

Pik-Bube ist das Pseudonym von Andrew J. Rush, dem „Stephen King für den Bildungsbürger“. Als Pik-Bube schreibt er so richtig dreckige, düstere, amoralische Thriller, in denen er seine niederen Triebe auslebt. Er schreibt sie wie in einem Fiebertraum und sie verkaufen sich zunehmend besser. Trotzdem kennt niemand die wahre Identität von Pik-Bube, seinem bösen Bruder.

Rush lebt glücklich verheiratet mit seiner Frau Irina in der Kleinstadt, in der er vor 53 Jahren geboren wurde. Als er sie kennen lernte, schrieb sie ebenfalls und, so Rushs Meinung, sogar besser als er. Trotzdem hörte sie mit dem Schreiben auf. Seine drei Kinder sind erwachsen und gut geraten. Im Dorf in New Jersey ist der sanftmütige Schriftsteller mit seiner Bilderbuchfamilie allseits geachtet.

Eines Tages erhält er einen Brief vom städtischen Gericht. Er erfährt, dass C. W. Haider ihn beschuldigt, ein Plagiator zu sein. Haider ist eine alte, vermögende Jungfer, die schon etliche Autoren – erfolglos – des Plagiats beschuldigte. Unter anderem Stephen King.

Es kommt zur Gerichtsverhandlung und später klaut Rush aus Haiders Bibliothek einige wertvolle alte Bücher und blättert, aus Neugierde, in einigen ihrer Manuskripte herum. Dabei entdeckt er erstaunlich viele Parallelen zu den später erschienen Bestsellern von Stephen King, John Updike (Die Hexen von Eastwick) und seinen Romanen.

Und Pik-Bube scheint immer mehr Besitz von Rush zu ergreifen.

Woher ein Schriftsteller seine Ideen hat, ist bei Lesungen eine der immer gestellten Fragen. Sie beschäftigt auch Schriftsteller und Krimifans dürften schnell einige Thriller nennen können, in denen ein vermeintlicher oder echter Ideendiebstahl fatale Folgen für den Schriftsteller hat. Manchmal ist ein Fan auch einfach nur sehr verärgert über das neue Werk des bewunderten Schriftstellers und „Sie“ (Misery) versucht ihn zu überzeugen, ein besseres Buch zu schreiben. Der allseits bekannte Horrorautor Stephen King, – um nur einen Namen zu nennen -, schrieb mehrere Geschichten darüber. Als Richard Bachmann veröffentlichte er mehrere Romane und als dieses Pseudonym enttarnt wurde, schrieb er darüber „Stark – The Dark Half“. In dem Horrorthriller mischt sich das Alter Ego mit tödlichen Folgen in das Leben seines Erfinders ein. Stephen King ist auch der von Joyce Carol Oates immer wieder zitierte Schriftsteller, zu dem Rush eine Hassliebe hat und, wer sich ein wenig in Stephen Kings Biographie auskennt, wird in „Pik-Bube“ viele, teilweise sehr offensichtliche, Anspielungen auf Kings Werk und Leben finden. Das Entdecken dieser Anspielungen ist ein Teil des Spaßes beim Lesen dieses kleinen Thriller.

Auch wenn „Pik-Bube“ wie ein Kriminalroman beginnt, wird er schnell zu einer psychologischen Studie eines Schriftstellers, erzählt von ihm selbst, und zu einem Horrorthriller. Ohne Monster und Geister.

Der zweihundertseitige Roman ist ein herrlich fieser, auf mehreren Ebenen funktionierender Spaß einer mit zahlreichen wichtigen Preisen ausgezeichneten Autorin, die in zahlreichen Genres und auch unter Pseudonym mehrere Romane veröffentlichte. Wie Rosamond Smith und Lauren Kelly.

Joyce Carol Oates: Pik-Bube

(übersetzt von Frauke Czwikla)

Droemer, 2018

208 Seiten

19,99 Euro

Originalausgabe

Jack of Spades

The Myterious Press, New York 2015

Hinweise

Wikipedia über Joyce Carol Oates (deutsch, englisch)

Perlentaucher über „Pik-Bube“

Meine Besprechung von François Ozons Joyce-Carol-Oates-Verfilmung „Der andere Liebhaber“ (L’Amant Double, Frankreich/Belgien 2017)

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