Neu im Kino/Filmkritik: Wie war „The First Purge“?

Inzwischen wissen wir, was die Purge ist und wie sie endete. Aber wie begann sie? „The First Purge“ erzählt diese Geschichte. Nach einer katastrophalen Regierung, die zum Abstieg der Republikaner und der Demokraten und dem Aufstieg der New Founding Fathers of America (NFFA) führte, soll die USA als eine neue Nation wiedergeboren werden. Ein wichtiger Teil dieser Wiedergeburt ist die Purge, die Säuberung. In einer Nacht im Jahr dürfen die Menschen alle Verbrechen begehen, die sie wollen, ohne dafür bestraft zu werden. Diese einmalige Triebabfuhr soll, wie ein reinigendes Gewitter, die Menschen für das nächste Jahr von ihren Aggressionen befreien. Unglaublich, aber wahr: das Experiment gelingt so gut, dass daraus jährliche Festspiele wurden, an denen die Amerikaner sich vor allem gegenseitig ermordeten.

Das war am Anfang, als die Wissenschaftlerin Dr. Update zum ersten Mal ihre Theorie ausprobieren darf, nicht sicher.

Wegen seiner Insellage und Bevölkerungsstruktur (arm und schwarz) wird der New Yorker Bezirk Staten Island gewählt. Die Bewohner erhalten, wenn sie während der Nacht auf der Insel bleiben, 5000 Dollar. Und – was, zugegeben, das Forschungsdesign komplett zerstört – jeder Teilnehmende erhält mehr Geld, wenn er Verbrechen begeht. Wobei besonders schwere Verbrechen, wie Mord, besonders gut bezahlt werden. Nachgewiesen wird das durch Aufnahmen, die der Versuchsteilnehmer selbst erstellt.

Aber die Bewohner des Viertels wollen nicht Straftaten begehend, durch die Stadt ziehen. Sie ziehen sich zum gemeinsamen Gottesdienst in eine Kirche zurück oder feiern auf der Straße. Also stacheln die NFFAler durch das Veröffentlichen der Aufnahmen der wenigen Morde und durch weiße Söldner, die schon vorher auf Abruf bereitstanden, die Situation an. Die Söldner beginnen die afroamerikanischen Bewohner niederzumetzeln. Denn die Purge ist auch ein sozialdarwinistisches Programm, bei dem möglichst viele Menschen sterben sollen, die für die Gesellschaft nur ein Ballast sind. Aus Sicht der NFFA, die die besten Elemente der NRA, der Tea-Party, christlicher Spinner und White-Supremacy-Anhängern (vulgo Nazis und Ku-Klux-Klan) vereint, sind das alle anderen Rassen, Minderheiten und arme Menschen.

Während Dr. Update noch an die hehren Absichten der NFFA glaubt, manipuliert diese schon schon die erste Purge hemmungs- und skrupellos für ihre eigenen Belange. Sie wollen möglichst viele der Inselbewohner ermorden lassen. Nachdem deren Söldner die friedlichen Teilnehmer eines Gottesdienstes niedergemetzelt haben, beginnen die Bewohner des Viertels sich zu wehren. Das sind vor allem Nya, die als Aktivistin gegen die Purge kämpft, ihr jüngerer Bruder Isaiah, der droht ins verbrecherische Milieu abzugleiten, und Dimitri, der lokale Druglord und Ex-Freund von Nya. Dimitri ist dabei der gute Geist des Viertels und am Ende tritt er allein gegen eine Übermacht Weißer, die alle Bewohner eines Hochhauskomplexes umbringen wollen, an.

Politisch subtil war keiner der bisherigen von James DeMonaco geschriebenen und inszenierten „Purge“Filme „The Purge: Die Säuberung“ (The Purge, USA 2013), „The Purge: Anarchy“ (The Purge: Anarchy, USA 2014) und „The Purge: Election Year“ (The Purge: Election Year, USA/Frankreich 2016). Aber als gradlinige B-Actionfilme mit einer flammenden Anklage gegen ultrakonservative Ansichten und deren skrupellosen Machtmissbrauch machen sie Spaß. Wie ein Punksong.

Für „The First Purge“ schrieb James DeMonaco nur das Drehbuch. Die Regie übernahm Gerard McMurray, der als Afroamerikaner, stärker als in den vorherigen Filmen die schwarze Perspektive in den Thriller brachte. Denn bei all den satirischen Zuspitzungen ist die Realität für People of Color in den heutigen USA, wo immer wieder Schwarze von Polizisten erschossen werden und KKK-Mitglieder ungestört mit Fackeln durch Charlottesville ziehen, immer erkennbar. Da muss dann nicht mehr explizit auf Donald Trump hingewiesen werden.

Der Erfolg von Filmen wie „Black Panther“, „Creed“ und „Get Out“ bei der Kritik und an der Kinokasse und das, wie bei den anderen „Purge“-Filmen, überschaubare Budget halfen sicher auch, sich auf diese Perspektive zu konzentrieren und die Rollen so zu besetzen, wie sie jetzt besetzt sind.

The First Purge“ ist ein B-Actionfilm mit vielen vertrauten Elementen, einer flammenden Klage gegen Machtmissbrauch und ein waschechte Blaxploitation-Film mit viel hemmungslos zelebrierter Black Power. Schon an der Hauptfarbe erkennt man die Bösewichter.

The First Purge (The First Purge, USA 2018)

Regie: Gerard McMurray

Drehbuch: James DeMonaco

mit Y’lan Noel, Lex Scott Davis, Joivan Wade, Steve Harris, Marisa Tomei

Länge: 98 Minuten

FSK: ab 18 Jahre

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Moviepilot über „The First Purge“

Metacritic über „The First Purge“

Rotten Tomatoes über „The First Purge“

Wikipedia über „The First Purge“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von James DeMonacos „The Purge: Die Säuberung“ (The Purge, USA 2013)

Meine Besprechung von James DeMonacos „The Purge: Anarchy“ (The Purge: Anarchy, USA 2014)

Meine Besprechung von James DeMonacos „The Purge: Election Year“ (The Purge: Election Year, USA/Frankreich 2016)

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