Neu im Kino/Filmkritik: „Vollblüter“ sind ziemliche Biester. Auch für Anton Yelchin

Es ist schon über zwei Jahre her, als Anton Yelchin am 19. Juni 2016 durch einen dummen Autounfall starb. Und erst jetzt kommt sein letzter Spielfilm in unsere Kinos. Nach den Dreharbeiten, die wenige Tage vor Yelchins Tod endeten, nahm Cory Finley sich viel Zeit für den Schnitt und im letzten Jahr tourte er, beginnend mit dem Sundance Film Festival, über etliche Festivals. In der Hoffnung auf eine gute Mundpropaganda für einen nicht gerade einfach zu bewerbenden Film.

Im Mittelpunkt von „Vollblüter“ stehen zwei in gut situierten Verhältnissen lebende Teenager, die einen Mordplan aushecken. Amanda (Olivia Cooke) ist mit einer genauen Beobachtungsgabe und einem präzisen Verstand gesegnet. Mit ihrem Verhalten irritiert sie allerdings viele Menschen. Denn sie fühlt nichts. Sie spielt Gefühle nur vor. Jetzt soll sie ihrer alten Schulfreundin Lily (Anya Taylor-Joy), die sie in den vergangene Jahren aus den Augen verlor, dringend nötigen Nachhilfeunterricht geben. Lily soll auch zu ihrer Freundin werden. Das ist jedenfalls der Plan von Amandas Mutter, die Lily dafür bezahlt. Amanda hat den Plan allerdings schon vor der ersten Nachhilfestunde durchschaut. Trotzdem hängen die beiden Außenseiterinnen miteinander ab.

Weil Lilys Stiefvater Mark (Paul Sparks) ein rechtes Arschloch ist, schlägt Amanda ihrer neuen Freundin vor, ihn umzubringen. Natürlich wollen sie für den Mord nicht bestraft werden. Da könnte ihnen der Kleingauner Tim (Anton Yelchin) helfen. Er sieht sich als künftigen Paten von Connecticut, während er mit schlecht bezahlten Aushilfsjobs seinen Lebensunterhalt bestreitet. Der Trottel ist damit der ideale Täter; – wenn er den nicht übermäßig komplizierten Plan der beiden ebenso jungen wie moralbefreiten Schönheiten fehlerfrei ausführen kann.

Zum Vorbild taugt kein Charakter in „Vollblüter“. Aber das ist in einem Noir auch nicht nötig und auf ein traditionelles Happy End hofft in einem Noir auch niemand. Entsprechend spaßig ist es, zu beobachten, wie Amanda und Lily sich miteinander befreunden und den Mordplan fassen. Denn der Stiefvater ist so unsympathisch, dass er den Tod wirklich verdient hat. Jedenfalls aus Lilys Sicht.

Cory Finley inszeniert diese Geschichte in seinem Regiedebüt erstaunlich souverän als sich für seine Charaktere und Lilys Haus Zeit nehmendes Kammerspiel. Weil er seine Noir-Geschichte sehr langsam erzählt, hat sie einige Wendungen weniger, als man es heute gewöhnt ist. Das ist dann näher an alten Noirs, die Finley beim Schreiben seines Drehbuchs als Inspiration benutzte, als an Neo-Noirs wie John McNaughtons „Wild Things“. Gleichzeitig ist Finleys düsteres Sittengemälde des weißen Vorstadtamerikas näher an „Funny Games“ Michael Haneke als an einer knalligen Satire nach bekanntem US-amerikanischen Muster, in der es immer auch einige Schenkelklopfer gibt. In „Vollblüter“ ist das dann doch eher ein verzweifeltes Lachen.

In „Vollblüter“ entwickelt die Geschichte einen verführerisch-langsamen Sog ins Verderben. Die Inszenierung ist sehr ruhig und präzise in der Komposition ihrer Bilder. Die die Szenen anreichernden, klug gewählten Details und die präzisen Beobachtungen veranschaulichen das Gefühlsleben der beiden Möchtegernmörderinnen und ihren Blick auf die Welt. Zum Beispiel wenn Amanda durch Lilys Haus streift und sich umsieht, dann wirkt sie nicht wie eine von dem riesigen, Wohlstand ausstrahlendem Anwesen eingeschüchterte Schulfreundin, die auf ihre Freundin wartet, sondern wie ein Raubtier beim Erkunden des Terrains. Oder wenn die Hand eines Dienstmädchens, das wir nie sehen, unauffällig und stumm hinter Lily aufräumt, dann verrät uns diese kurze Szene viel über Lilys Weltsicht und die Welt, in der sie lebt. Die Schauspieler sind gut. Die Musik von Avantgarde-Jazzer Erik Friedlander konstant beunruhigend.

Dummerweise verspielt Finley im Finale grundlos viel von dem positiven Eindruck. Dann führen Amanda und Lily einen schlampig geplanten Mord durch und tischen der Polizei eine vollkommen unglaubwürdige Geschichte auf, die von den CSI-Jungs schon nach einer flüchtigen Besichtigung des Tatorts zerfetzt würde. Denn die Diskrepanz zwischen ihren Aussagen und dem Tatort ist einfach zu groß, um auch nur den flüchtigsten Kontakt mit der Realität auszuhalten.

Vollblüter (Thoroughbreds, USA 2017)

Regie: Cory Finley

Drehbuch: Cory Finley

mit Olivia Cooke, Anna Taylor-Joy, Anton Yelchin, Paul Sparks, Francie Swift, Kailie Vernoff

Länge: 93 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Vollblüter“

Metacritic über „Vollblüter“

Rotten Tomatoes über „Vollblüter“

Wikipedia über „Vollblüter“ (deutsch, englisch)

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