„Nico – Biographie eines Rätsels“, das auch sang

Durch Susanna Nicchiarellis sehenswertes, vor wenigen Wochen gestartetes Biopic „Nico, 1988“ dürfte die Biographie von Nico, bürgerlich Christa Päffgen wieder bekannter sein. Sie wurde am 16. Oktober 1938 in Köln geboren, zog als Kind mit ihrer Mutter nach Berlin, wurde in den Fünfzigern zum Fotomodell, spielte als sie selbst in Federico Fellinis „La dolce vita“ mit, hatte Sex mit ungefähr jedem prominenten Musiker und Schauspieler, von Alain Delon bekam sie 1962 einen Sohn (den dieser niemals anerkannte), hing in Andy Warhols Factory herum, trat in etlichen Warhol-Filmen auf, sang bei der legendären, legendären Kult-Band „The Velvet Underground“ mit, veröffentlichte selbst einige LPs, von denen vor allem die ersten legendär sind, und war drogensüchtig.

Am 18. Juli 1988 starb sie, noch keine fünfzig Jahre alt, auf Ibiza. Sie stürzte während einer Fahrradtour und starb an den Folgen eines zu spät erkannten geplatzten Aneurysmas.

Heute ist sie, als erstes It-Girl, vor allem bekannt für die wenigen Lieder, die sie für „The Velvet Underground“ (mehr oder weniger gegen den Willen der Band) sang, und für die von John Cale produzierte und arrangierte LP „The Marble Index“ (1969). Sie war und ist als Pop-Platte so weit entfernt vom Mainstream, wie es nur möglich ist. Mit dieser LP, ihrer Musik und ihrem Image wurde sie einige Jahre später zum Vorbild für etliche Musikerinnen und die Gothic-Gemeinde, die sie fortan kultisch verehrt.

Tobias Lehmkuhl, der als freier Journalist für die „Zeit“, die „Süddeutsche Zeitung“ und den „Deutschlandfunk Kultur“ arbeitet, schrieb jetzt die erste deutschsprachige Biographie über Nico. In „Nico – Biographie eines Rätsels“ zeichnet er ihr Leben chronologisch nach, versucht einige ihrer Provokationen einzuordnen und entlarvt einige Geschichten, die über sie in Umlauf sind, als falsch. Dabei war Nico als immer wieder unzuverlässige Erzählerin ihrer eigenen Biographie die Quelle dieser mehr oder weniger frei erfundenen Geschichten über ihre Herkunft, ihre Kindheit und Jugend.

Er konzentriert sich in seiner Biographie auf die Zeit bis zur Veröffentlichung ihren ersten LPs. So schreibt er ab Seite 206 (von 271) über die Produktion von „The Marble Index“, ihrer zweiten LP und die LP, in der sie ihre Stimme fand. Die folgenden Jahre, in denen sie lange mit dem Avantgarde-Regisseur Philippe Garrel liiert war und nur sehr unregelmäßig LPs bei kleinen Labels veröffentlichte, fasst er auf wenigen Seiten zusammen.

Er erzählt Nicos Leben in einem gefühligen Stil. Immer wieder stellt er verständnisheischende, sich in sie hinein versetzende Fragen, anstatt die Fakten hinzuschreiben oder verschiedene Zeitzeugen zu Wort kommen zu lassen. Dieser Mangel an Gesprächspartnern und Texten, aus denen er zitieren kann, ist angesichts des Lebens von Nico schon auffällig. Es entspricht aber auch dem Bild, das er von ihr zeichnet. So sind viele Punkte einfach unklar. Zum Beispiel wie sie ihr Geld verwaltete. Sie war auch eine Frau ohne besondere Interessen. Sie war zuerst ein It-Girl, das möglichst ohne eigene Anstrengung berühmt sein wollte. Entsprechend schnell brach sie als als Zwölfjährige nach wenigen Stunden die Ballettschule ab. Sie besuchte nur wenige Jahre die Schule und sie gefiel sich in ihrer Dummheit. Einige ihrer Bekannten, so Lehmkuhl, hielten sie sogar für eine Analphabetin. Später war Nico eine drogensüchtige Musikerin, die nicht spielen und singen konnte. Das kultivierte sie aber perfekt.

Sie taumelte wie Forrest Gump durch ihr Leben. Anfangs war sie, auf der Suche nach Berühmtheit, an den richtigen Orten. Es waren die Orte, an denen Künstler und vergnügungssüchtige High Society sich trafen. Ab den frühen siebziger Jahren war sie nicht mehr in den In-Locations, sondern lebte in einer Abbruchbude, das als Künstlerrefugium fungierte. Immer hatte sie Sex. Meistens waren die Männer jünger als sie und eigentlich nie hielt die Beziehung länger. Als Mutter war sie eine Vollkatastrophe.

Exemplarisch für Lehmkuhls Stil und die Schwierigkeiten beim Beschaffen von Informationen über Nico zeigt diese Passage aus seinem Buch: „…wie überhaupt die Beweggründe für Nicos Tun und Lassen sehr oft nicht nachvollziehbar sind. Ihre Reisebewegungen dieser Jahre bilden ein engmaschiges Netz über Europa und Nordamerika, aber weder gibt es Aufzeichnungen von ihr über die eigenen Umtriebe, noch besaß Nico eine Agentur, die über ihre zahlreichen Modeljobs Buch geführt hätte.

Überhaupt ist schwer nachvollziehbar, wie die Niederungen des Alltags in Nicos Leben der sechziger Jahre ausgesehen haben mögen. Da sie kein Konto besaß: Wie fand das Geld zu ihr? Wie buchte sie ihre Flüge? Kaufte sie ihr Essen im Supermarkt, oder aß sie ausschließlich außer Haus? Was waren ihre irdischen Besitztümer? Gab es einen Plattenspieler, auf dem sie ihre oder die Musik ihrer Bekannten hörte? Alte Donizetti- oder Zarah-Leander-Aufnahmen? Oder hörte sie Musik nur auf Konzerten und im Studio? Was tat sie, wenn sie nicht mit Musik, Modeln oder Männern beschäftigt war? Las sie, sah sie fern, oder sinnierte sie vor sich hin?“

Diese verständnisheischenden Fragen, die den Leser einbeziehen sollen, nerven mich. Sie und zahlreiche Abschweifungen, die wenig bis nichts über Nico verraten, blähen die Biographie unnötig auf.

Am Ende erfährt man in der Biographie nicht mehr über die Sängerin als in einer gut recherchierten Reportage. Und man erfährt mehr über ihre Zeit als It-Girl als über ihre Musik und ihren Einfluss auf andere Musiker. Das liegt sicher auch daran, dass Tobias Lehmkuhl vor allem ein Literatur- und kein Musikkritiker ist.

Tobias Lehmkuhl: Nico – Biographie eines Rätsels

Rowohlt, Berlin, 2018

288 Seiten

24 Euro

Lesung

Am Montag, den 1. Oktober, liest Tobias Lehmkuhl in der Fahimi Bar (Skalitzer Straße 133, Berlin) um 20.00 Uhr aus seinem Buch vor.

Weitere Infos und Tickets.

Hinweise

Wikipedia über Nico (deutsch, englisch)

AllMusic über Nico

Rowohlt über „Nico – Biographie eines Rätsels“

Perlentaucher über „Nico – Biographie eines Rätsels“

Meine Besprechung von Susanna Nicchiarellis „Nico, 1988“ (Nico, 1988, Italien/Belgien 2017)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: