Neu im Kino/Filmkritik: Filmische Experimente: „Utøya, 22. Juli“

Ein Film erzählt über seine Schnitte und die Montage seine Geschichte. Und gerade deshalb probieren Regisseure immer wieder, einen Film ohne einen einzigen Schnitt zu erzählen. Während Alfred Hitchcock beim Dreh von „Cocktail für eine Leiche“ (Rope) aufgrund der damaligen Länge der Filmrollen alle zehn Minuten tricksen musste, können heutige Kameras scheinbar endlos aufnehmen und aufgrund ihrer Größe sind sie auch sehr beweglich. Die Grenze ist die physische Kondition des Kameramanns. Sebastian Schipper inszenierte den 140-minütigen sehr bewegungsintensiven Gangsterfilm „Victoria“. Das Experiment gelang. Es gibt sogar einen von Dani Levy inszenierten „Tatort“, der ohne einen einzigen Schnitt auskommt.

In „Utøya 22 Juli“ erzählt Erik Poppe seine Geschichte ebenfalls ohne einen Schnitt. So will er die Zuschauer in die Situation seiner jugendlichen Protagonisten auf der Insel Utøya am 22. Juli 2011 bringen. Er will ihre Geschichte erzählen und den Blick vom Täter auf die Opfer seiner Tat bringen.

An dem Tag stürmte der schwerbewaffnete Rechtsterrorist Anders Breivik auf die Insel und schoss wahllos um sich. In dem Moment sind ungefähr fünfhundert Jugendliche auf Utøya in einem Sommercamp der Jugendorganisation AUF der sozialdemokratischen Arbeiderpartiet. Breivik erschießt 67 Menschen und er verursacht den Tod von zwei weiteren Menschen.

Im gesamten Film, im Abspann und im Pressematerial wird sein Name nicht einmal erwähnt. Auch im Film taucht er nur am Ende kurz als Silhouette am Horizont auf. Es ist das ausdrückliche Programm des Films, ihm kein Forum zu geben.

Während Breivik mordet, begleiten Poppe und sein Kameramann Martin Otterbeck vor allem die 18-jährige Kaja. Sie flüchtet, geht wieder zurück in das Zeltlager, sucht ihre jüngere Schwester und versucht zu helfen. Ohne einen Überblick über die Situation zu haben. Sie und die anderen Jugendlichen, wissen nicht, wer auf sie schießt. Sie wissen nicht, ob es sich um einen Terroranschlag (kurz davor zündete Breivik in Oslo eine Autobombe), eine nicht angekündigte Militärübung oder einen schlechten Scherz handelt. Sie und die anderen Teilnehmer des Sommercamps wissen auch nicht, ob eine oder mehrere Personen auf sie schießen.

Es dauert 72 Minuten, bis die Polizei auf die Notrufe reagiert und auf der Insel eintrifft. Poppe erzählt diese Stunde des Grauens, mit einem kurzen Prolog, in Echtzeit. „ Utøya 22. Juli“ dauert 98 Minuten.

Mit seinem Spielfilm will Poppe den Opfern eine Stimme geben. Deshalb zeigt er, bis auf einen kurzen Moment am Filmende nie den Täter. Er kümmert sich, was im Rahmen der von ihm erzählten Filmgeschichte auch unmöglich ist, auch nicht um Breiviks Motivation, Motive und Psyche.

Das ist ein ehrenwertes Anliegen und wenn er mit seinem Film zur Traumabewältigung bei den Betroffenen beiträgt, kann nichts dagegen gesagt werden.

Aber hier geht es um den Film als Film und wie sehr er dem unbeteiligten Zuschauer etwas erzählen kann.

Beginnen wir mit dem Film.

Ja, es ist aus technischer Sicht beeindruckend, wie beweglich die Kamera ist und welche Laufleistungen Kameramann Otterbeck vollbringt. Aber die Filmgeschichte erschöpft sich weitgehend im Wegrennen und im Matsch liegen, während im Hintergrund weitere Jugendliche durch das Bild laufen. Das ist schnell redundant und auch nur von begrenztem Erkenntnisgewinn.

Die Opfer sind willkürlich gewählt. Sie haben nichts getan, was sie zum Opfer prädestiniert. Ihr Tod und ihr Leben, wenn es denn erzählt wird (was „„Utøya 22 Juli“ nicht tut), verrät uns nichts, was die Tat irgendwie erklärt oder erklärbar macht. Das sind zwei vollkommen verschiedene Dinge.

Aufgrund der von Poppe gewählten Filmgeschichte können wir über die Opfer auch nicht mehr erfahren. Es sind Teenager, die Todesangst haben, sich verstecken, schreiend weglaufen und, meistens off screen, erschossen werden und sterben. Sie sind, abseits von dem, was sie innerhalb der wenigen Filmminuten tun, keine Individuen. Sie sind, wie man es aus einem Horrorfilm kennt, Schlachtvieh, das beim Zuschauer im sicheren Kinosessel für wohligen Schauer sorgen soll.

Das ist das Problem, der Filmgeschichte, die letztendlich den gängigen Konventionen des Horrorfilm folgt und Terror verbreiten soll.

Ein anderes Problem des Films ist der Umgang mit der Realität.

Die Geschichte von „Utøya 22. Juli“ entstand aus Gesprächen mit den Überlebenden des Anschlags. Anschließend verdichteten Poppe und die Drehbuchautorinnen Siv Rajendram Eliassen und Anna Bache-Wiig diese Geschichten zu einer auf wahren Ereignissen beruhenden Geschichte mit ausschließlich erfundenen Charakteren.

Aus Respekt vor den Opfern und ihren Angehörigen seien, so die Macher im Presseheft und im Abspann, alle Figuren im Film und ihre Erfahrungen vollständig fiktiv. Damit unterminiert der Film seinen Anspruch, die wahren Ereignisse zu erzählen. Er erzählt nicht die Geschichte der Opfer, sondern Geschichten, die von den Menschen inspiriert sind, die damals auf der Insel waren. Es ist an den entscheidenden Stellen ein fiktives Werk, das uns nichts über die Opfer, die damaligen Ereignisse (Warum dauerte es so lange, bis die Polizei eintraf?) oder den Täter verrät. Jeder dieser Punkte wäre in einer anderen Form besser aufgehoben gewesen. Und die Identifikation mit den Opfern – den Ermordeten und den Überlebenden des Anschlags – wäre in einer konventionellen Dokumentation, in der sie von ihren Erlebnissen und Gefühlen erzählen, eindrucksvoller gewesen.

Utøya 22. Juli“ ist, das muss so hart gesagt werden, ein auf mehreren Ebenen gescheiterter Film, der scheitern musste. Er ist eine ärgerliche Fiktion, voll falscher Entscheidungen. Da hilft auch nicht die Idee, alles in einer Einstellung zu drehen. .

Utøya, 22. Juli (Utøya 22. Juli, Norwegen 2018)

Regie: Erik Poppe

Drehbuch: Siv Rajendram Eliassen, Anna Bache-Wiig

mit Andrea Berntzen, Elli Rhiannon Müller Osborne, Aleksander Holmen, Brede Fristad

Länge: 98 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Moviepilot über „ Utøya 22. Juli“

Metacritic über „ Utøya 22. Juli“

Rotten Tomatoes über „ Utøya 22. Juli“

Wikipedia über „ Utøya 22. Juli“ (deutsch, englisch)

Berlinale über „ Utøya 22. Juli“

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