Neu im Kino/Filmkritik: Über Ulrich Köhlers Versuchsanordnung „In my Room“

Als Armin aufwacht ist irgendetwas mit der Welt geschehen. Denn über Nacht verschwanden alle anderen Menschen.

Das ist die, uuh, Ausgangslage von Ulrich Köhlers neuem Film „In my Room“. Es ist der Werbeschwerpunkt und die spannende „Was würdest du tun, wenn“-Frage kann erst danach gestellt und beantwortet werden. Aber bevor Armin der letzte Mann auf der Erde ist und wir beobachten, wie er darauf reagiert, sehen wir ihn erst einmal lange in seinem normalen Leben in Berlin als Kameramann für die TV-Nachrichten, auf der Suche nach einem One-Night-Stand. Erkennbare Ambitionen hat er keine und wahrscheinlich auch niemals gehabt. Er fährt in sein Heimatdorf in Ostwestfalen-Lippe. Seine Großmutter liegt im Sterben. Seine inzwischen getrennt lebenden Eltern lernen wir da auch gleich kennen. All das beobachtet Köhler sehr präzise.

Dieses lange und letztendlich viel zu lange und für die restliche Filmgeschichte viel zu bedeutungslose Vorspiel weist schon darauf hin, dass Köhler nicht an einem Endzeitdrama und den Versuchen des Protagonisten interessiert ist, gegen alle möglichen und unmöglichen Widerstände zu überleben, und seiner Suche nach einem Grund für das plötzliche Verschwinden der Menschheit.

Denn Armin hat keine Gegner. Niemand und nichts bedroht sein Leben. Er hat auch kein Interesse daran, die Welt zu erkunden, nach anderen Menschen zu suchen und herauszufinden, was geschah.

Stattdessen wird er sesshaft. Am Waldrand baut er sich eine Hütte und er wird zum Bauern. Das geschieht ebenfalls ohne große Probleme; was etwas erstaunlich ist, weil nicht alle Jungs, die auf dem Land groß wurden handwerkliche Fähigkeiten haben und Armins uns bekanntes Leben keinen Hinweis auf diese praktischen Fähigkeiten lieferte. In Berlin konnte er noch nicht einmal die Kamera richtig bedienen (was zu einem wunderschön absurden Filmanfang führt) und sein Mini-Apartment hatte den Charme einer Studentenwohnung. Jetzt passt er sich scheinbar mühelos, klaglos und schnell an seine neue Situation an. Aber vielleicht hat Armin diese Anpassungsprobleme auch zwischen den Bildern gehabt. Als Bauer wirkt er glücklich.

Eines Tages (und reichlich spät im Film) trifft er Kirsi. Die junge Frau fährt durch die Welt. Jetzt zieht sie bei ihm ein. Aber wird sie bleiben? Und werden die beiden letzten Menschen auf der Welt ein Paar?

In my Room“ ist „ein Film über das beängstigende Geschenk absoluter Freiheit“ (Presseheft). „Das Verschwinden der Menschheit ist der Rahmen für ein Experiment, das den Widerspruch zwischen Freiheitsdrang und dem Wunsch nach Geborgenheit untersucht. Die menschenleere Welt ist eine Versuchsanordnung, die der Frage nachgeht, ob wir – frei von sozialen Zwängen – zu einem Neuanfang in der Lage wären“, so Ulrich Köhler über seinen Film.

Daher knüpft „In my Room“ auch nicht an Dystopien wie „I am Legend“ oder, obwohl da sehr viele Menschen und Zombies überlebten, „The Walking Dead“ an. Eher schon ist Marlen Haushofers „Die Wand“ eine Inspiration. In dem inzwischen auch verfilmten Klassiker ist die Protagonistin in den Alpen plötzlich von einer unsichtbaren Wand, die sie am Verlassen des Gebiets hindert, umgeben. Auch „Die Arbeit der Nacht“ von Thomas Glavinic fällt einem wegen der gleichen Ausgangssituation ein. In diesem Roman sucht der Protagonist allerdings nach anderen Menschen und er verlässt seinen Heimatort. Erklärungen für das Verschwinden der Menschen fehlen und es wird keine Interpretation vorgegeben. Wie in Köhlers Film.

Am Ende ist Köhlers zweistündige, in drei Teile zerfallende, handlungsarme Versuchsanordnung das Porträt eines bindungslosen Mannes, der die absolute Freiheit nur nutzt, um sich in seiner alten Heimat eine Hütte zu bauen.

In my Room (Deutschland/Italien 2018)

Regie: Ulrich Köhler

Drehbuch: Ulrich Köhler

mit Hans Löw, Elena Radonicich, Michael Wittenborn, Ruth Bickelhaupt, Emma Bading, Katharina Linder, Felix Knopp, Kathrin Resetarits

Länge: 120 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „In my Room“

Moviepilot über „In my Room“

Rotten Tomatoes über „In my Room“

Wikipedia über „In my Room“

Ulrich Köhler spricht in Cannes auf Englisch über seinen Film

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