(Endlich) Neu im Kino/Filmkritik: Dennis Hoppers „The Last Movie“

Easy Rider“ war 1969 der Traum für Hollywood. Ein kleiner Independent-Film, gedreht mit einem Budget von deutlich unter einer halben Million Dollar, hat den dritthöchsten Umsatz an der Kinokasse. Das ist der feuchte Traum jedes Buchhalters und Geldgebers. Dass „Easy Rider“ seitdem ein immer wieder gern gesehener und gezeigter Kultfilm wurde, war 1969 noch nicht absehbar. Dennis Hopper, der Regisseur des Films, war der Mann der Stunde. Er durfte nach seinem erfolgreichen Debüt endlich sein lange verfolgtes Lieblingsprojekt „The last Movie“ verfilmen. Mit einer Million Dollar von Universal und dem Recht am finalen Schnitt machte er sich auf den Weg nach Peru – und fuhr seine Regiekarriere so gründlich gegen die Wand, dass er erst 1980 mit „Out of the Blue“ seinen nächsten Film drehen konnte.

Universal war von dem Film so geschockt, dass sie ihn letztendlich im Keller verbannten. „The last Movie“ ist, je nach Perspektive, eine kompromisslose, zutiefst pessimistische Vision eines Künstlers oder ein sich jeder Beschreibung entziehendes Desaster.

Hopper erzählt die Geschichte des Stuntman Kansas, der in Peru bei den Dreharbeiten für einen blutigen Western (so in der Tradition von „The Wild Bunch“, nur ohne die Teile, in denen nicht geschossen wird) dabei ist. Er verliebt sich in die einheimische Prostituierte Maria, bleibt nach den Dreharbeiten am Drehort und möchte dort Land für künftige Filmproduktionen kaufen. Einem anderen Amerikaner hilft er bei der Suche nach Gold. Und die Einheimischen spielen den Film und die Dreharbeiten nach. Dabei ist unklar, wie sehr sie Fiktion und Realität voneinander unterscheiden können und wollen. Irgendwann zwingen sie Kansas zum Mitspielen bei ihrer rituellen Nachinszenierung.

Soweit die Filmgeschichte, die mehr die Form eines assoziativen Essays hat. Hopper, der auch am Drehbuch (mit „… denn sie wissen nicht, was sie tun“-Drehbuchautor Stewart Stern) und am Schnitt beteiligt war, springt zwischen Gegenwart und Vergangenheit, zwischen Realität, Fiktion, Traum und Wahnsinn hin und her, ohne klare Grenzen ziehen zu wollen. Er erklärt nichts. In langen Szenen zeichnet er dabei ein äußert hässliches Bild des hässlichen Amerikaners; wobei immer wieder unklar ist, ob man Schauspieler sieht, die bekiffte Männer spielen oder ob man Bekiffte sieht, die im Drogenrausch vor sich hin reden.

Hopper taumelt durch den Film, als übe er schon für „Apokalypse Now“; – wobei er, so heißt es, die siebziger Jahre in einem einzigen Drogenrausch verbrachte.

Die Dreharbeiten wurden innerhalb der vorgesehenen Zeit und unterhalb des geplanten Budgets abgeschlossen. Das muss betont werden, weil, fernab von den Argusaugen der Buchhalter und Anzugträger, sie auch eine Versammlung von Hoppers Freunden und Bekannten und ein einziges hippieeskes Drogenchaos waren.

Nach dem Dreh begann Dennis Hopper in Taos, New Mexiko, mit dem Schnitt und auch aus dieser Zeit gibt es legendäre Geschichten, die immer etwas mit dem Konsum von Drogen und Sex zu tun haben. Es wurde immer unklarer, welcher Film entstehen sollte. Eine erste Fassung folgte einer konventionellen Filmdramaturgie. „El Topo“-Regisseur Alejandro Jodorowsky schlug Hopper eine experimentellere Struktur vor. Hopper schnitt den Film um. Er wurde immer assoziativer und mit jeder Schnittfassung länger, während Dennis Hopper immer unfähiger wurde, den finalen Schnitt zu machen. Wie bei „Easy Rider“. Aber da wurde aus dem gedrehten Material ein Film destilliert, der zum Kultfilm wurde. Bei „The last Movie“ gelang das nicht. Dafür ist der Film zu uneinheitlich, zu zerfahren und zu sehr von seiner eigenen Grandiosität überzeugt.

Hoppers Fassung lief im August 1971 in Venedig und erhielt den Kritikerpreis CIDALC. Testvorführungen vor einem studentischem Publikum (also dem angepeilten „Easy Rider“-Publikum) verliefen katastrophal. Die Kritiken waren vernichtend. Universal verlangte von Hopper eine neue Fassung. Hopper, der den finalen Schnitt hatte, weigerte sich. Universal brachte ihn dann wenige Tage in die Kinos und anschließend ins Archiv.

Die deutsche Premiere des Films war am 17. Januar 1992 im ZDF. Bis dahin hatte der Film bereits seinen legendären Ruf.

Noch zu Lebzeiten sicherte Dennis Hopper sich die Rechte an seinem Film. Er wollte ihn wieder herausbringen.

Il Cinema Ritrovata restaurierte den Film. In den USA erschien „The last Movie“ Mitte November mit viel Bonusmaterial auf Blu-ray. Rapid Eye Movies bringt die 4-K-Restaurierung jetzt in einige Kinos. Die Fassung sieht sehr superb. Der Film selbst ist eine kompromisslose Vision eines Künstlers, der etwas über den Tod des Westerns, den Kulturimperialismus, den Expansionismus der USA und den Tod des amerikanischen Traums sagen wollte. Das sind heute immer noch aktuelle Themen. Allerdings erreicht Hoppers Analyse kaum die Tiefe einer Regenpfütze und, wie es oft bei skandalumwitterten Filmen ist, sind die Geschichten, die sich um das Werk ranken, interessanter als das Werk selbst. Das ist in diesem Fall ein höchst disparater, vorne und hinten und an allen Ecken und Enden zerfleddernder Film, dessen Teile niemals zu einem homogenen Ganzen werden. Trotzdem, oder gerade deswegen, ist „The last Movie“ einen Blick wert.

 

Einige deutsche Stimmen zum Film

 

Hoppers Film wurde zu einem finanziellen Misserfolg. Er verarbeitete seine Film- und Kinoerfahrung auf höchst individualistische Art zu einer so allegorischen Auseinandersetzung mit dem Medium, dass sein Film sich zwischen allen Genres bewegte und keinen großen Zuschauerkreis ansprach.“ (Horst Schäfer: Film im Film, 1985)

Die aus stilistisch unterschiedlichem Material assoziativ montierte Bildfolge ist Hoppers wütend-verzweifelte Abrechnung mit dem amerikanischen Kinoimperialismus.“ (Zoom, zitiert nach Lothar R. Just: Film-Jahrbuch 1993)

In seinen Mitteln alles andere als zimperlich, zerfetzt Hopper die gewohnten Strukturen des Unterhaltungskinos. Um so wirkungsvoller entlarvt er damit ihren inneren Kern. Wie ‚Easy Rider‘ (1969) ist ‚The last Movie‘ ein konzentrierter Film über gewisse Aspekte des American way of life, seine Oberflächlichkeit, Gedankenlosigkeit und Gewalttätigkeit. (…) Wenn man ihn nun 20 Jahre nach seinem Entstehen endlich zu sehen bekommt, muss man feststellen, dass er von seiner Aktualität nichts verloren hat. Ganz im Gegenteil.“ (Fischer Film Almanach 1993)

Ein wild verschachtelter und mit einer Vielzahl experimenteller Einfälle durchsetzter Film über den Mythos Film; zugleich eine wütende Abrechnung mit dem Hollywood-System.“ (Lexikon des internationalen Films)

The last Movie (The last Movie, USA 1971)

Regie: Dennis Hopper

Drehbuch: Stewart Stern (nach einer Geschichte von Stewart Stern und Dennis Hopper)

mit Dennis Hopper, Stella Garcia, Julie Adams, Michael Anderson Jr., Rod Cameron, Peter Fonda, Samuel Fuller, Don Gordon, Henry Jaglom, Kris Kristofferson, John Phillip Law, Sylvia Miles, Tomas Milian, Jim Mitchum, Michelle Phillips, Dean Stockwell (teils nur sehr kurze Auftritte)

Länge: 108 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Rapid Eye Movies über „The last Movie“

Moviepilot über „The last Movie“

Rotten Tomatoes über „The last Movie“

Wikipedia über „The last Movie“

Dennis Hopper 1971 in der „The Merv Griffin Show“

 

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