Top oder Flop? Die Ratgeber „Krimis schreiben“ und „111 Tipps und Tricks, wie man einen verdammt guten Krimi schreibt“

Die Sache mit dem Geniekult dürfte so langsam der Vergangenheit angehören. Sicher, es gibt Menschen, die auf alle Lehrer, Ratgeber und Fortbildungen verzichten können und grandiose Werke erschaffen. Es gibt noch mehr, die glauben, dass sie Genies sind, auf alle Lehrer, Ratgeber und Fortbildungen verzichten und einfach nur Mist bauen.

Für alle anderen, normalbegabten Menschen sind Ratgeber eine gute Hilfe. Solange sie solchen Ratschlägen mit der nötigen Distanz folgen.

Mit „Krimis schreiben – Wie Sie erfolgreiche Kriminalromane schreiben, überarbeiten und in einem Verlag oder als Selfpublisher veröffentlichen“ und „111 Tipps und Tricks, wie man einen verdammt guten Krimi schreibt“ sind jetzt zwei Schreibratgeber von deutschen Autoren erschienen, die sich vor allem mit dem Kriminalroman beschäftigen. Patrick Baumgärtel ist Gründer und Inhaber der Literaturagentur Schoneburg und organisiert den Krimimarathon Berlin-Brandenburg. Martin Schüller ist Krimiautor. Zu seinen zahlreichen Krimis gehören auch einige Romanfassungen von „Tatorten“. Profis sind beide. Auch wenn sie auf verschiedenen Seiten des Schreibtischs sitzen.

Baumgärtels Ratgeber „Krimis schreiben“ ist konventionell aufgebaut. Zuerst wird erklärt, was ein Krimi ist. Dann geht es durch den Schreibprozess: Plotting, Aufbau der der Geschichte, Figuren, Schauplätze, Erzählperspektiven und -zeiten, Sprache, Spannung erzeugen, überarbeiten und verkaufen des Werkes. Das beschreibt er nicht in langen Texten, sondern bevorzugt in kurzen Abschnitten und abhakbaren Regeln. Erfreulich ist bei Baumgärtels Ratgeber, dass er sich bei seinen Beispielen auf zeitgenössische, deutschsprachige Krimiautoren konzentriert.

Ein durchgehendes Problem des Buches ist allerdings, dass Baumgärtel seine Tipps und Regeln nicht begründet. So schreibt er, zum Beispiel: „Zusätzlich zu Protagonist, Antagonist und Opfer benötigen wir etwa acht namentlich genannte Nebenfiguren, die aus dem privaten Umfeld des Ermittlers, aus dem Ermittlerteams, Zeugen, Informanten (Verwandte und Bekannte des Opfers) und etwa drei oder vier Verdächtigen sowie deren Umfeld bestehen können.“ Er erklärt allerdings nicht, wie er zu dieser Zahl kommt. Dabei hätte die Erklärung ihn kaum Platz gekostet: viel mehr Figuren kann sich ein normaler Leser bei einem 200-Seiten-Krimi nicht merken und innerhalb eines Rätselkrimis sollte jeder Verdächtige genug Zeit haben, um ein glaubwürdiger Mordverdächtiger zu werden. Mit einigen falschen Fährten sind die zweihundert Seiten dann schnell gefüllt.

Am Ende des Buches hat man einen Haufen durchaus zutreffender und sinnvoller Regeln, deren Sinn man nicht versteht (jedenfalls, wenn man nur dieses Buch liest). Wenn man diese Regeln dann anwendet, ohne sie zu verstehen, entsteht kein guter Krimi, sondern ein typischer deutscher Krimi, in dem der Ermittler auch unbedingt ein privates Problem haben muss und alle so furchtbar skurrile Namen und Eigenschaften haben. Also irgendetwas zwischen „Soko“ und „Tatort“.

Schüllers „111 Tipps und Tricks, wie man einen verdammt guten Krimi schreibt“ erscheint, wie der Titel verrät, in der 111er-Reihe des Emons-Verlag. Sie begann mit Tipps, welche Sehenswürdigkeiten man in verschiedenen Städten besuchen muss und ist inzwischen bei „111 Whiskys, die man getrunken haben muss“ (die Fassbrause des Romanciers) angekommen. Der Aufbau der Bände ist immer gleich: auf jeder Doppelseite wird eine Sache vorgestellt. Links mit einer Seite Text. Rechts mit einem Foto. Bei Sehenswürdigkeiten und, ähem, Genussempfehlungen funktioniert das Format gut. Bei einem Ratgeber stößt es an naturgegebene Grenzen. Denn nicht jeder Tipp verdient die gleich lange Behandlung. Deshalb gibt es, zum Beispiel, „Figurennamen I: Vornamen“ und „Figurennamen II: Nachnamen“. Man kann wirklich darüber streiten, ob es genau 111 Tipps und ob es genau diese alphabetisch sortierten Tipps sein müssen. Aber das konnte man auch bei den Sehenswürdigkeit.

Nicht streiten kann man dagegen darüber, dass dieses 111-Tipps-Format für einen Neuling nur von begrenztem Nutzen ist. Es fehlt einfach die Struktur eines Ratgebers, in dem strukturiert in ein Thema eingeführt wird und so auch ein Lernplan verfolgt wird. In Schüllers Buch gibt es dagegen nur eine unsortierte, dank des (selbst)ironischen Tonfalls sehr kurzweilig zu lesende Sammlung von Tipps, Tricks, Gedanken, Überlegungen und Anekdoten, die unterhalten und zum Nachdenken und Diskutieren anregen können. Sie können einen Autor auch wieder an bestimmte Dinge erinnern, wenn er in einer Werbepause oder beim Warten auf den Postboten (der immer zweimal klingelt), einige Minuten Zeit hat.

Insofern ist „111 Tipps und Tricks, wie man einen verdammt guten Krimi schreibt“ ein empfehlenswertes Buch. Es sollte allerdings nicht der erste Schreibratgeber sein, den man liest. Und es sollte nicht der Schreibratgeber sein, den man wegen seines Tipps zur (also gegen) die Schreibblockade kauft.

Patrick Baumgärtel: Krimis schreiben – Wie Sie erfolgreiche Kriminalromane schreiben, überarbeiten und in einem Verlag oder als Selpfublisher veröffentlichen

Autorenhaus Verlag, 2018

192 Seiten

16,80 Euro

Martin Schüller: 111 Tipps und Tricks wie man einen verdammt guten Krimi schreibt

Emons, 2018

240 Seiten

16,95 Euro

Hinweise

Homepage von Patrick Baumgärtel

Homepage von Martin Schüller

Meine Besprechung von Martin Schüllers „Tatort: Die Blume des Bösen“ (Buch zum Film, 2009)

Meine Besprechung von Martin Schüller “Tatort: A gmahde Wiesn” (Buch zum Film, 2009)

Meine Besprechung von Martin Schüllers „Tatort: Moltke“ (Buch zum Film, 2010)

Meine Besprechung von Martin Schüllers „Tatort: Tempelräuber“ (Buch zum Film, 2010)

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