Privatdetektive: Hap Collins und Leonard Pine sind „Bissige Biester“ – und „Die Storys“ gibt es auch noch

Inzwischen arbeiten Hap Collins und sein Freund Leonard Pine mehr oder weniger regelmäßig und zuverlässig als Privatdetektive. Ihre Methoden haben sie dagegen kaum geändert. Eigentlich ist es nur eine Methode: kopflos in eine gefährliche Situation hineinstürzen, Chaos verursachen, die Situation verschlimmern und am Ende doch irgendwie lebendig das Abenteuer überstehen. Dabei erfreuen sie uns mit ihren Weisheiten über Gott und die Welt.

Die beiden Freunde könnten kaum gegensätzlicher sein. Hap Collins ist weiß, hetero und Peacenick. Ein desillusionierter Hippie. Leonard Pine ist schwarz, schwul, Republikaner und Vietnamveteran. Großmäulig sind beide und sie haben keine Abneigung gegen Gewalt. Wobei Hap, der Erzähler der Geschichten, da etwas skrupulöser ist. Oh, und beide sind Texaner. Also, genaugenommen Osttexaner.

Ihr erstes Abenteuer erlebten sie 1990 in „Wilder Winter“ (Savage Season). Thematisch ging es – sehr gelungen! – um die Auswirkungen von 1968 und was aus den damaligen revolutionären Idealen wurde. In schneller Folge schrieb Joe R. Lansdale weitere Collins/Pine-Romane, in denen die beiden immer wieder in Kriminalfälle hineinstolperten und die Gewaltspirale immer eskalierte. Nach sechs sehr vergnüglich-rauhbeinigen Abenteuern gab es ab 2001 eine mehrjährige Pause, die Lansdale 2009 mit „Das Dixie-Desaster“ (Vanilla Ride) beendete. 2011 erschien „Roter Drache“ (Devil Red). Seit 2016 erschienen insgesamt fünf neue Bücher mit Hap Collins und Leonard Pine, in denen sie älter, aber nicht viel klüger sind. Sie sind auch nicht viel älter. Denn nach dem sechsten Roman, „Machos und Macheten“ (Captain Outrageous, 2001) lässt Lansdale sie nicht mehr altern.

In ihrem neuen Abenteuer „Bissige Biester“ bittet Louise Elton sie herauszufinden, warum die Cops ihren Sohn Jamar ermordeten. Weil Leonard gerade unterwegs ist, beginnt Hap zunächst allein mit den Ermittlungen im Schwarzenviertel von Camp Rapture. Das sorgt für einige erwartbare Konfrontationen. Zunächst mit der lokalen jugendlichen Bevölkerung, später mit der Polizei.

Zusammen finden sie dann heraus, dass in einem stillgelegtem Sägewerk illegale Boxkämpfe durchgeführt werden, wenigstens einige Polizisten darin involviert sind und Jamar ihnen hinterherschnüffelte.

Gerade am Anfang plätschert die Geschichte vor sich hin. Lansdale, oder der Ich-Erzähler Hap Collins, erzählt mehr aus dem Alltag von Hap und seinen Unterhaltungen mit Leonard über Gott und die Welt. Das ist teils amüsant, oft eher zotig und bringt die Handlung nicht voran. Es wirkt sogar, als fülle Lansdale einfach Seiten mit Blödeleien, bis dann am Ende alles rasend schnell aufgeklärt wird.

Bissige Biester“ ist wahrlich nicht das beste Abenteuer von Hap und Leonard. Es ist eher eine auf Romanlänge aufgeblähte Kurzgeschichte.

Fast zeitgleich erschien „Die Storys“. Der Sammelband enthält alle bislang erschienenen Kurzgeschichten mit Hap Collins und Leonard Pine und zwei Texte, in denen Joe R. Lansdale weitere Details über die beiden, ähem, Ermittler verrät. Enthalten sind:

Hyänen (Hyenas, 2011)

Veils Besuch (Veil’s Visit, 1999)

Mordsgutes Chili (Death by Chili, 1999)

Todsicher (Dead aim, 2013)

Der Junge, der unsichtbar wurde (The Boy who became invisible, 2009)

Keiner von uns (Not our kind, 2016, Erstveröffentlichung in diesem Band)

Gebogener Zweig (Bent Twig, 2014)

Joe R. Lansdale interviewt Hap Collins und Leonard Pine (Joe R. Lansdale interviews Hap Collins and Leonard Pine, 1999)

Wie ich Hap und Leonard hegte und pflegte, fütterte und großzog (The Care and Feeding and Raising Up of Hap and Leonard, 2016)

Für alte Collins/Pine-Fans ist „Die Storys“ natürlich essentiell. Endlich sind alle kürzeren Texte über die beiden in einem Buch gesammelt. Dabei sind auch Geschichten, die bislang nur schwer erhältlich waren. Auf Deutsch wurde, wenn ich nichts übersehe, noch keine Geschichte veröffentlicht.

Für Neueinsteiger ist „Die Storys“ dagegen eine zwiespältige Angelegenheit. So gibt es mit „Hyänen“ eine grandiose Kurzgeschichte, die als längste Geschichte des Buches alles hat, was man von einem Collins/Pine-Abenteuer erwartet und die die ideale Einstiegsdroge ist.

Todsicher“ ist die zweite lange Geschichte des Sammelbands. In ihr sollen die beiden Privatdetektive eine Frau vor ihrem zukünftigen Exmann, der sie belästigt, beschützen. In „Gebogener Zweig“ hilft Hap seiner Freundin Brett. Ihre Tochter Tillie ist verschwunden. „Veils Besuch“, geschrieben mit Andrew Vachss, ist ebenfalls sehr gelungen. Weil Leonard wegen vorsätzlicher Brandstiftung an einem Crackhaus im Gefängnis sitzt, hilft ihm der aus New York kommende Anwalt Veil mit einer sehr abenteuerlichen Verteidigungsstrategie. Das ist ein urkomischer Lesespaß, aber keine typische Collins/Pine-Geschichte. „Mordsgutes Chili“ ist letztendlich nur ein Gespräch zwischen den beiden über einen rätselhaften, vor Jahren geschehenen Todesfall, bei dem unklar ist, ob es ein Mord oder ein Suizid war. „Der Junge, der unsichtbar wurde“ und „Keiner von uns“ erzählen Geschichten aus Hap Collins‘ Jugend. Es sind eindrückliche Geschichten über den alltäglichen Rassismus in Texas und wie Gewalt entsteht.

In den letzten beiden Texten erzählt Joe R. Lansdale über Hap Collins, Leonard Pine, ihre Welt, wie sie sich in den vergangenen Jahren veränderten und die Romane. Sie sind, wie die kürzeren Kurzgeschichten, primär Texte für die Fans von Hap Collins und Leonard Pine, die noch mehr über ihre Lieblinge erfahren wollen.

P. S.: „Zu viele Knarren sind was anderes als zu viele Gitarren.“ (Hap Collins)

Joe R. Lansdale: Bissige Biester

(übersetzt von Robert Schekulin)

Golkonda, 2018

272 Seiten

16,90 Euro

Originalausgabe

Rusty Puppy

Mulholland Books, 2017

Joe R. Lansdale: Hap & Leonard – Die Storys

(übersetzt von Robert Schekulin)

Golkonda, 2018

280 Seiten

16,90 Euro

Originalausgabe

Hap and Leonard

Tachyon Publications, 2016

Die Abenteuer von Hap Collins und Leonard Pine

Wilder Winter (Savage Season, 1990)

Texas Blues; Mucho Mojo (Mucho Mojo, 1994)

Mambo mit zwei Bären; Bärenblues (The Two-Bear Mambo, 1995)

Schlechtes Chili (Bad Chili, 1997)

Rumble Tumble (Rumble Tumble, 1998)

Machos und Macheten (Captain Outrageous, 2001)

Das Dixie-Desaster (Vanilla Ride, 2009)

Roter Drache (Devil Red, 2011)

Krasse Killer (Honky Tonk Samurai, 2016)

Hap & Leonard – Die Storys (Hap and Leonard, 2016)

Bissige Biester (Rusty Puppy, 2017)

Blood and Lemonade, 2017 (Kurzgeschichten, die einen Roman ergeben; bei Golkonda geplant für Frühjahr 2019)

Jackrabbit Smile (2018 bei Golkonda geplant für Herbst 2019)

The Elephant of Surprise (angekündigt für März 2019)

Hinweise

Thrilling Detective über Hap Collins & Leonard Pine

Homepage von Joe R. Lansdale

Stuttgarter Zeitung: Thomas Klingenmaier hat Joe R. Lansdale getroffen (25. März 2013)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Rumble Tumble“ (Rumble Tumble, 1998 )

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Der Gott der Klinge” (The God of the Razor, 2007)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Der Teufelskeiler” (The Boar, 1998)

Meine Besprechung  von Joe R. Lansdales „Akt der Liebe“ (Act of Love, 1981)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Die Wälder am Fluss“ (The Bottoms, 2000)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Kahlschlag” (Sunset and Sawdust, 2004)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Gauklersommer” (Leather Maiden, 2008)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Ein feiner dunkler Riss” (A fine dark Line, 2003)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Dunkle Gewässer“ (Edge of Dark Water, 2012)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Straße der Toten“ (Deadman’s Road, 2010)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Machos und Moneten“ (Captains Outrageous, 2001)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Wilder Winter“ (Savage Season, 1990)

Mein Interview mit Joe R. Lansdale zu „Das Dickicht“ (The Thicket, 2013)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Mucho Mojo“ (ursprünglich „Texas Blues“) (Mucho Mojo, 1994)

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