Neu im Kino/Filmkritik: US-Wasserstandsmeldung von Michael Moore: „Fahrenheit 11/9“

In den USA kam Michael Moores neuer Film „Fahrenheit 11/9“ am 21. September 2018 in die Kinos. Bei uns wenige Monate später. Normalerweise ist das kein Problem. In diesem Fall fährt es dazu, dass aus einer politischen Intervention ein historisches Dokument wurde, das zu einem großen Teil so prickelnd wie die Tageszeitung von Gestern ist. Denn mit „Fahrenheit 11/9“ wollte Michael Moore, der immer Dokumentarfilmer und Aktivist ist, die Wahl zum Senat und Repräsentantenhaus im November beeinflussen. Die Wahlergebnisse – denn es fanden noch viele weitere Wahlen und Abstimmungen statt – waren dann ein großer Erfolg für die Demokraten und somit die Trump-kritischen Kräfte. Diese Wahlen waren auch der Punkt, an dem die US-Amerikaner zum ersten Mal in einem großen Maßstab etwas tun konnten, um aus dem Schlamassel herauszukommen, in den sie mit der Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der USA hineingerieten. Wobei, und das wird Michael Moore nicht müde in seinen vielen Interviews und öffentlichen Auftritten zu betonen, Trump nur das I-Tüpfelchen (okay, eher einige Nummern größer und auch unappetitlicher) und das unübersehbarste Symptom einer langen Entwicklung in den USA ist. Daher fragt Michael Moore sich in seinem neuesten Film auch, wie es zur Wahl von Donald Trump kommen konnte. Diese Suche nach den Ursachen verknüpft er mit zahlreichen Beispielen des Widerstands gegen Trump und seine Politik. Moore präsentiert vor allem Beispiele aus der Zeit nach der Wahl von Trump zum Präsidenten. Es sind Beispiele, die zeigen, dass sich Aktivismus lohnt. Es ist auch ein unverhohlener Aufruf, im November bestimmte Menschen zu wählen. Insofern ist „Fahrenheit 11/9“ ein zweistündiges Wahlvideo.

Dafür beschäftigt er sich mit der Flint-Wasserkrise (die bereits 2014 begann und inzwischen wohl überstanden ist), der Frauenmarsch, streikenden Lehrern, Schülern, die nach dem Schulmassaker an der Stoneman Douglas High School in Parkland, Florida, am 14. Februar 2018 zu Aktivisten gegen die Waffenlobby wurden und er begleitet eine junge Politikerin, die kandidiert, obwohl sie kaum Aussicht auf einen Wahlsieg hat.

Erstaunlich bei der Menge an den Film angesprochenen Ereignissen und Entwicklungen ist, wie viel innerhalb weniger Monate passierte und schon im Trubel der immer neuen Chaosmeldungen aus dem Weißen Haus untergegangen sind. Dabei wurde das letzte halbe Jahr und die Außenpolitik nicht berücksichtigt.

Da ist der Rückblick auf das Gespräch zwischen Michael Moore und Donald Trump in einer TV-Sendung fast schon amüsanter Rückblick in eine unschuldigere Zeit. Bitterböse ist dagegen Moores Zusammenschnitt von Donald Trump und Adolf Hitler in Bild und Ton. Es ist auch einer der vielen eindeutigen Wahlaufrufe in „Fahrenheit 11/9“.

Neben der parteiischen Haltung von Michael Moore, ist das konsequente Verzichten auf das Einblendung von Namen und Funktionen der Gesprächspartner (und teilweise Daten und Ortsnamen) ein großes Problem des Films. Denn wer in den vergangenen beiden Jahren nicht emsig die US-Nachrichten verfolgte, kann vieles nicht einordnen und wenn man von den Interviewten weder den Namen noch seine Funktion kennt, ist auch vollkommen unklar, ob es sich um eine irgendwie substantielle Meinung oder nur die Aussagen des Mannes von Nebenan handelt. Also ob es um eine Kandidatin geht, die wirklich eine reale Aussicht hat, gewählt zu werden, oder um den legendären Taxifahrer, der dem Journalisten gerade die Welt erklärt. Das gilt, zum Beispiel, für den Ex-Soldaten, den Moore in einem Lokal trifft und der ihm etwas von einem landesweiten Widerstand erzählt. Und was man von den politischen Ansichten eines Taxifahrers halten kann, kann man leicht mit einer Taxifahrt erfahren.

Ein anderes großes Problem des Films ist, dass Moore kein großer Theoretiker ist. Eine wirkliche Argumentation und Analyse ist im Wust der einzelnen Beispiele kaum erkennbar. Er unterscheidet dann nicht mehr zwischen Republikanern und Demokraten. Es geht dann unterschiedslos gegen das gesamte Establishment, das sich nicht um den kleinen Mann kümmert. Da werden Meinungen und Vorurteile gegen die Elite in Washington bestätigt. Der Zuschauer wird nicht zum Nachdenken aufgefordert und es gibt auch keine, die eigene Weltsicht in Frage stellende Erkenntnisse.

Der Titel „Fahrenheit 11/9“ ist selbstverständlich eine Anspielung auf seinen erfolgreichen Film „Fahrenheit 9/11“ (über den Anschlag auf das World Trade Center und die Folgen). Wer sich mit Michael Moore so richtig amüsieren will, sollte sich seinen vorherigen Film „Where to invade next?“ (USA 2015) ansehen. Dafür besuchte er viele europäische Länder und suchten nach Ideen, die die USA übernehmen könnte. Er fand glückliche Arbeiter, mit bezahltem Urlaub und Weihnachtsgeld, Arbeitgeber, die ihren Arbeitern das freiwillig geben, Schüler, die leckeres Essen bekommen und Studierende, die sich für ihr Studium nicht haushoch verschulden müssen. Während Michael Moore ungläubig lauschte, kam ich aus dem Lachen nicht mehr heraus. Denn eigentlich alles, was Moore entdeckte und für gut befand, ist für uns Europäer als Teil des Sozialstaats selbstverständlich. Dieser Film ist heute noch so aktuell wie damals. Das kann über „Fahrenheit 11/9“ so nicht gesagt werden.

Fahrenheit 11/9 (Fahrenheit 11/9, USA 2018)

Regie: Michael Moore

Drehbuch: Michael Moore

mit Michael Moore, Donald Trump, Barack Obama, Katie Perry

Länge: 128 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Fahrenheit 11/9“

Metacritic über „Fahrenheit 11/9“

Rotten Tomatoes über „Fahrenheit 11/9“

Wikipedia über „Fahrenheit 11/9“ (deutsch, englisch)

Ein Interview mit Michael Moore zum Film

 

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