Privatdetektive: Tabor Süden und „Der Narr und seine Maschine“

Tabor Süden ist zurück und auf der ersten Seite von „Der Narr und seine Maschine“ steht er auf dem Bahnhof und will wegfahren. Einfach nur weg.

Aber Edith Liebergesell, seine frühere Arbeitgeberin, hält ihn davon ab. Ihre Detektei hat einen neuen Auftrag. Josef Ried, der Besitzer des Hotel Prinz Ludwig, hat sie beauftragt Cornelius Hallig zu finden. Der 64-jährige Hallig schrieb als Georg Ulrich erfolgreiche Kriminalromane. Er ist Alkoholiker, schwerer Raucher und gesundheitlich schwer angeschlagen. Seit über dreißig Jahren lebt er extrem zurückgezogen mit seiner inzwischen verstorbenen Mutter im Prinz Ludwig. Seit vier Tagen ist der Stammgast spurlos verschwunden. Weil Süden vor Jahren einige Romane von Hallig gelesen hat und sie ihm gefielen, nimmt er den Auftrag an.

Während Süden im Hotel seine Arbeit beginnt, stolpert Hallig mit einer Pistole durch München.

Tabor Süden ist erst seit einigen Jahren als Privatdetektiv unterwegs. Davor – und in den meisten Süden-Romanen von Friedrich Ani – war er Polizist in der Vermisstenabteilung der Münchner Polizei. Aber auch schon als Polizist war er ein Exot. Immerhin suchte der Eigenbrötler verschwundene Personen und seine Arbeitsmethode bestand aus dem Eintauchen ins Milieu und dem endlosen Zuhören. Meistens in Lokalen und mit viel Bier. Die Leute die er sucht, sind meistens die kleinen Leute, die man in jeder Eckkneipe trifft. Oft sind sie auch sozial vereinsamt. Ihr Verschwinden ist nicht der Stoff für Zeitungsschlagzeilen und groß angelegte Suchaktionen der Polizei. Falls jemand überhaupt ihr Verschwinden bemerkt und möchte, dass sie gefunden werden.

Als Privatdetektiv setzte Tabor Süden seine Arbeit nahtlos fort.

Friedrich Ani hatte mit diesem Ermittler seinen Durchbruch. In schneller Folge schreib er zwischen 2001 und 2005 zehn jeweils etwa zweihunderseitige Romane, in denen Tabor Süden als Polizist vermisste Personen sucht. Die Romane wurden von der Kritik abgefeiert. Die Leser liebten Tabor Süden. Danach legte Ani eine mehrjährige Süden-Pause ein, in der er erfolglos versuchte andere Ermittler zu etablieren. 2011 kehrte er mit „Süden“ zu Tabor Süden zurück. Seitdem schrieb er mehrere Süden-Romane, in denen Tabor Süden in der Detektei Liebergesell eine neue Heimat und Familie fand.

Vor elf Jahren wurden zwei Süden-Romane verfilmt: „Kommissar Süden und der Luftgitarrist“ von Dominik Graf und „Kommissar Süden und das Geheimnis der Königin“ von Martin Enlen. Ulich Noethen spielt Tabor Süden. Das ZDF stellte die potentielle Serie noch vor der Ausstrahlung des ersten TV-Films ein. Soweit ich mich erinnere, zeigte das ZDF die sehenswerten Filme seitdem nicht mehr.

Der Narr und seine Maschine“ ist das 21. Süden-Buch. Es ist in dem unverkennbaren Ani-Tonfall geschrieben mit den typischen Ani-Figuren, die man abseits der lauten Szene-Lokale sieht und denen er seit Jahren eine Stimme verleiht. Und selbstverständlich interessiert sich Ani auch dieses Mal nicht für den perfekt durchkonstruierten Krimiplot. Aber das ist egal. Die traurig-melancholische Stimmung überzeugt wieder einmal.

Friedrich Ani: Der Narr und seine Maschine

Suhrkamp, 2018

144 Seiten

18 Euro

Die Romanauftritte von Tabor Süden

Die Erfindung des Abschieds, 1998

German Angst, 2000

Verzeihen, 2001 (Neuauflage unter dem Titel Süden und die Stimme der Angst)

Süden und das Gelöbnis des gefallenen Engels, 2001

Süden und der Straßenbahntrinker, 2002

Süden und die Frau mit dem harten Kleid, 2002

Süden und das Geheimnis der Königin, 2002

Süden und das Lächeln des Windes, 2003

Gottes Tochter, 2003

Süden und der Luftgitarrist, 2003

Süden und der glückliche Winkel, 2003

Süden und das verkehrte Kind, 2004

Süden und das grüne Haar des Todes, 2005

Süden und der Mann im langen schwarzen Mantel, 2005

Der verschwundene Gast, 2008

Süden, 2011

Süden und die Schlüsselkinder, 2011

Süden und das heimliche Leben, 2012

M, 2013

Der einsame Engel, 2016

Der Narr und seine Maschine, 2018

Hinweise

Homepage von Friedrich Ani

Meine Besprechung von Friedrich Anis „Wer lebt, stirbt“ (2007)

Meine Besprechung von Friedrich Anis „Der verschwundene Gast“ (2008)

Meine Besprechung von Friedrich Anis “Totsein verjährt nicht” (2009)

Meine Besprechung von Friedrich Anis “Die Tat” (2010)

Meine Besprechung von Friedrich Anis „Süden“ (2011, mit Interview)

Meine Besprechung von Friedrich Anis “Süden und die Schlüsselkinder” (2011)

Meine Besprechung von Friedrich Anis „Süden und das heimliche Leben“ (2012)

Meine Besprechung von Friedrich Anis „Süden und die Stimme der Angst“ (2013, neuer Titel von „Verzeihen“)

Meine Besprechung von Friedrich Anis “M” (2013)

Meine Besprechung von Friedrich Anis „Der namenlose Tag“ (2015)

Meine Besprechung von Friedrich Anis „Der einsame Engel“ (2016)

Friedrich Ani in der Kriminalakte

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