TV-Tipp für den 24. August: Helden der Nacht

August 23, 2019

ZDFneo, 22.05

Helden der Nacht (We own the Night, USA 2007)

Regie: James Gray

Drehbuch: James Gray

Stilsicherer, an das Kino der Siebziger erinnernder, 1988 in New York spielender Polizeithriller über zwei Brüder: der eine folgt der Familientradition und wird Polizist; der andere Discobesitzer und Verbrecher. Jetzt steht der Discobesitzer vor der Frage, ob er vollständig mit seiner Familie brechen soll.

„Helden der Nacht hat alle Ingredienzien eines Genrethrillers. Mehr noch, Gray scheint einigen dieser Klassiker seine Reverenz erweisen wollen. In seinen besten Momenten ruft Helden der Nacht Erinnerungen an die Korruptionsthriller Sidney Lumets oder die dreckigen kleinen Nachtfilme Scorseses wach.“ (epd Film 2/2008)

Mit Joaquin Phoenix, Mark Wahlberg, Eva Mendes, Robert Duvall, Tony Musante

Hinweise:

Rotten Tomatoes über „Helden der Nacht“

Wikipedia über „Helden der Nacht“ (deutsch, englisch)

Film & Video: Interview mit James Gray über Stuntmen und digitale Bildbearbeitung

Salon Conversations: Podcast mit James Gray

Dark Horizons: Interview mit James Gray

Meine Besprechung von James Grays „Two Lovers“ (Two Lovers, USA 2008)

Meine Besprechung von James Grays „Die versunkene Stadt Z“ (The lost City of Z, USA 2016)

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Neu im Kino/Filmkritik: Bruuuce!, dein größter Fan ist „Blinded by the light“

August 23, 2019

Javed ist ein ganz gewöhnlicher Jugendlicher. Er wächst in Luton, einer wenige Kilometer nördlich von London liegenden Stadt, auf. Er schlägt sich mit den typischen Pubertätsproblemen zwischen Schule und erster Liebe herum. Er wird den den örtlichen Faschos durch die Straßen gejagt und sein Vater hat genaue Vorstellungen, was er jetzt und später tun soll.

Javed möchte dagegen ein Schriftsteller werden. Das ist ein Beruf, den sein pakistanischer Vater, ein Arbeiter und patriarchalisch-konservatives Familienoberhaupt, nicht als Beruf anerkennt. Gleichzeitig sucht Javed nach seiner Position in der Gesellschaft als Einwandererkind, das zwischen zwei Kulturen und Ansprüchen zerrissen ist. Er fragt sich, wie englisch er sein soll und was ist überhaupt englisch?

Als er sich eine Musikkassette mit der Musik von Bruce Springsteen, die er von einem Mitschüler erhielt, anhört, glaubt er, dass Bruce Springsteen ihn genau versteht und direkt zu ihm redet. Das was Springsteen über seine Heimat Asbury Park, New Jersey, und sein Leben und seine Gefühle singt, ist sein Leben in Luton.

Er pflastert sein Zimmer mit Springsteen-Plakaten, verändert seine Kleidung und Frisur und will alle von Springsteen überzeugen.

Er möchte in der Schulzeitung über Springsteen schreiben. Die schnöseligen Schülerzeitungsredakteure sind davon nicht begeistert.

Er will im Schulradio Springsteen-Songs spielen. Die hippen, trendbewussten Radiomacher lehnen das empört ab. Springsteen sei – der Film spielt 1987 – Schnee von gestern. Und so unrecht haben sie nicht. Denn nach dem Megaerfolg von „Born in the U. S. A.“ (1984) war „Tunnel of Love“ (1987) eine Enttäuschung. „Lucky Town“ und „Human Touch“, die fünf Jahre später (und damit nach der Filmgeschichte) erschienen, waren nicht viel besser. Außerdem hat der Songwriter-Rock von Bruce Springsteen nichts mit den damals angesagten britischen Bands zu tun.

Kick it like Beckham“-Regisseurin Gurinder Chadha nimmt in ihrem neuesten Film „Blinded by the Light“ die Musik von Bruce Springsteen als Kommentar zu Javeds Leben. In ihrer warmherzigen, mit viel Zeitkolorit angereicherte Feelgood-Komödie, zeigt sie, wie wichtig ein Musiker (und eine Band) bei der Selbstfindung eines Teenagers sein können. Dieses Erwachsenwerden findet in einer bestimmten Welt – hier ist es das England der Thatcher-Jahre, das Leben der Einwanderer und der Arbeiterklasse – und in Bezug zu anderen Menschen statt. Bei Javed (Viveik Kalra) sind es Springsteen-Fan Roops (Aaron Phagura), sein aktuelle Popmusik spielender Jugendfreund Matt (Dean-Charles Chapman), die gleichaltrige Aktivistin Eliza (Nell Williams), die ihn fördernde Lehrerin Miss Clay (Hayley Atwell; sie ist zu gut, um wahr zu sein), seine Familie (Kulvinder Ghir, Meera Gantatra, Nikita Mehta) und ein Nachbar (David Hayman [bekannt aus der Krimiserie „Der Preis des Verbrechens“] in einer kleinen, aber nicht unwichtigen und sehr sympathischen Rolle).

Immer wieder durchbricht Chadha die realistische Erzählung. Wenn Javed die legendären frühen Springsteen-Songs hört, wird der Film zu einem Music-Clip mit staunenden, singenden und tanzenden Menschen und Texteinblendungen, die auch den Nicht-Die-hard-Springsteen-Fans verraten, um was es in den Songs geht und welche Textteile Javed in dem Moment besonders wichtig sind.

Manchmal wird der Film sogar zu einem Musical, das dann auch den Unterschied zwischen Film und Realität thematisiert. Während Javed text-, aber nicht tonsicher singt und sich dabei komisch bewegt, blicken ihn die anderen Menschen zunächst irritiert an. Auf einem Flohmarkt stimmen sie dann in den Song ein.

Blinded by the Light“ basiert auf den Jugenderinnerungen von Sarfraz Manzoor, der im Film Javed heißt. Manzoor wurde 1971 in Pakistan geboren, kam als Dreijähriger nach England und ist heute ein Journalist (u. a. The Guardian, BBC Radio 4 und Channel 4). Er ist immer noch mit Roops befreundet und sie sind immer noch Springsteen-Fans. Sie beuschten unzählige Konzerte und der Boss (für Nichtfans: das ist Kosename der Fans für Springsteen) kennt sie persönlich. Deshalb war Springsteen auch mit der Verwendung seiner Songs in dem Film einverstanden. Ohne dieses Einverständnis hätte der Film nicht gemacht werden können.

Gurinder Chadhas warmherziges Feelgood-Movie reiht sich in die Reihe von aktuellen Musikfilmen ein, in denen legendäre Musiker und Bands präsentiert werden. „Bohemian Rhapsody“ (über Freddie Mercury und Queen) und „Rocketman“ (über Elton John) sind Biopics, die sich mehr oder weniger viele künstlerische Freiheiten nehmen. „Yesterday“ (über die Beatles) ist eine Was-wäre-wenn-Fantasie. Und „Blinded by the Light“ ist eine Coming-of-Age-Geschichte, die ohne die Musik von Bruce Springsteen nicht funktionieren würde.

Blinded by the Light (Blinded by the Light, USA 2019)

Regie: Gurinder Chadha

Drehbuch: Paul Mayeda Berges, Gurinder Chadha, Sarfraz Manzoor

LV: Sarfraz Manzoor: Greetings from Bury Park: Race, Religion and Rock’n’Roll, 2007

mit Viveik Kalra, Kulvinder Ghir, Meera Ganatra, Aaron Phagura, Dean-Charles Chapman, Nikita Mehta, Nell Williams, Tara Divina, Rob Brydon, Frankie Fox, Hayley Atwell, Sally Phillips, David Hayman

Länge: 118 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Blinded by the Light“

Metacritic über „Blinded by the Light“

Rotten Tomatoes über „Blinded by the Light“

Wikipedia über „Blinded by the Light“ (deutsch, englisch)

Ein Gespräch mit Gurinder Chadha über den Film

Ein Gespräch mit Gurinder Chadha, Sarfraz Manzoor und Viveik Kalra über den Film


Neu im Kino/Filmkritik: „I am Mother“ und die Probleme der Kindererziehung in der Zukunft

August 23, 2019

Wer Science-Fiction nicht als kunterbunten Jahrmarkt, sondern als Auseinandersetzung mit wichtigen Fragen schätzt, sollte sich „I am Mother“ ansehen. In diesem, je nach Rechnung, Zwei- oder Dreipersonenstück erzieht ein Roboter, der sich ‚Mutter‘ nennt, in einer hermetisch abgeschlossenen, sehr geräumigen Station ein Kind, das sie ‚Tochter‘ nennt.

Der Grund für diese ungewöhnliche Form der Erziehung ist ein Notfallplan der Menschen. Vor einigen Jahren vernichtete sich die Menschheit in einem Krieg. Seitdem ist die Erdoberfläche verseucht. Ein Leben ohne Schutzanzug ist nicht möglich. In der Station, in der tausende Embryonen gelagert sind, sollen die künftigen Menschen entstehen.

Im Moment ist Tochter ihr einziges Versuchsobjekt. Mühsam zieht sie sie über viele Jahre groß. Tochter entwickelt sich in jeder Beziehung prächtig. Die zahlreichen regelmäßigen Tests und Prüfungen bestätigen ihre Entwicklungsfortschritte. Außerdem sind Mutter und Tochter ein Herz und eine Seele. Auch wenn Mutter ein klobiger, menschenähnlich aussehender Roboter ist, der mehr an Robocop als an C-3PO erinnert.

Als Tochter im Teenageralter ist, klopft es an der Tür zum Bunker, in dem sie lebt. Eine verletzte ‚Frau‘ steht vor der Stahltür. Sie behauptet, sie werde verfolgt und sie benötige Hilfe.

Tochter, die bis jetzt nie gegen ein Befehl von Mutter verstieß, lässt die Frau in die Station und versteckt sie. Die Frau erzählt ihr, dass alles, was Mutter ihr über die Außenwelt erzählt habe, gelogen sei. Aber erzählt die Frau die Wahrheit?

Das SF-Kammerspiel „I am Mother“ ist das überzeugende Spielfilmdebüt von Regisseur Grant Sputore und Drehbuchautor Michael Lloyd Green. Gemeinsam entwickelten sie eine Geschichte, die gelungen Thrillerspannung mit einer ordentlichen Portion Paranoia und philosophischen Fragen verbindet. Es geht in der Geschichte um Künstliche Intelligenz. Selbstverständlich wurde Mutter programmiert. Aber wir kennen ihre Programmierung nicht. Wir wissen auch nicht, ob sie ihre Programmierung befolgt, wenn sie behauptet, sie beschütze Tochter und sich dann verhält, als habe sie noch nie etwas von Isaac Asimovs bekannten Robotergesetzen gehört.

Es geht auch um Fragen der Erziehung und Vorbilder. Einerseits weil Mutter Tochter erzieht, andererseits weil Tochter sich zwischen Mutter und der von Außen kommenden Frau, der Fremden, entscheiden muss.

Und damit geht es auch um die Frage, wie Tochter vom Kind zur Frau wird.

Das sind universelle Fragen, auf die es keine eindeutigen und endgültigen Antworten gibt und mit denen man sich noch nach dem Filmende beschäftigen kann.

„I am Mother“ ist ein zum Nachdenken anregender, spannender SF-Thriller.

I am Mother (I am Mother, Australien 2019)

Regie: Grant Sputore

Drehbuch: Michael Lloyd Green (nach einer Geschichte von Grant Sputore und Michael Lloyd Green)

mit Clara Rugaard, Hilay Swank Rose Byrne (im Original: Stimme Mutter), Luke Hawker (Körper von Mutter)

Länge: 114 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „I am Mother“

Metacritic über „I am Mother“

Rotten Tomatoes über „I am Mother“

Wikipedia über „I am Mother“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 23. August: Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht

August 22, 2019

3sat, 22.25
Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht (Deutschland 2013)
Regie: Edgar Reitz
Drehbuch: Edgar Reitz, Gert Heidenreich
Grandioses, fast vierstündiges Alterswerk von Edgar Reitz, in dem er vom Leben der Familie Simon im Hunsrückdorf Schabbach um 1840, zwischen hartem Alltag, Hungersnöten und revolutionärem Aufbruch erzählt. Einer der Simon-Jungs möchte, wie viele Hunsrücker, nach Brasilien auswandern, wo er auf ein besseres Leben hofft.
Mehr in meiner ausführlichen Besprechung zum Kino- und DVD-Start (mit unterschiedlichem Bonusmaterial).
mit Jan Dieter Schneider, Antonia Bill, Maximilian Scheidt, Marita Breuer, Rüdiger Kriese, Philine Lembeck, Mélanie Fouché, Eva Zeidler, Reinhard Paulus, Christoph Luser, Werner Herzog

Hinweise

Moviepilot über „Die andere Heimat“

Wikipedia über „Die andere Heimat“

Homepage von Edgar Reitz

„Heimat“-Fanpage

Kriminalakte über „Die andere Heimat“

Meine Besprechung von Edgar Reitz‘ “Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht” (Deutschland 2013) (mit weiteren Clips)

Meine Besprechung von Edgar Reitz‘ „Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht“ (Deutschland 2013) (DVD-Kritik)

Meine Besprechung von Edgar Reitz‘ „Heimat – Eine deutsche Chronik: Die Kinofassung – Das Jahrhundert-Epos in Texten und Bildern“ (2015)

Homepage von Michael Riessler


Neu im Kino/Filmkritik: „Crawl“ oder Alligatoren in der Wohnung

August 22, 2019

Florida wird mal wieder von einem besonders schlimmen Hurrikan heimgesucht und alle Menschen sollten in ihren Wohnungen bleiben. Aber Haley (Kaya Scodelario) macht sich auf den Weg in ihren Geburtsort. Denn ihr Vater Dave (Barry Pepper) meldet sich nicht. Sie findet ihn verletzt im Kriechkeller des Elternhauses. Als sie ihn aus dem Keller zieht, bemerkt Haley, dass sie nicht allein sind. Ein Alligator ist ebenfalls im Keller und er hat sie auf seinen Speiseplan gesetzt.

Bei einem weiteren Ausbruchsversuch aus dem Keller bemerkt Haley, dass sie nicht von einem, sondern von zwei großen Alligatoren gejagt werden.

In der Realität sind die meisten Alligatoren zwischen durchaus beängstigenden dreieinhalb und vier Metern. Einige sind auch furchterregende sechs Meter groß und das ist ungefähr die Größe der in dem spannenden Horrorthriller „Crawl“ auftauchenden Alligatoren.

Weil das Wasser unaufhaltsam steigt, müssen Haley und Dave, der sich kaum bewegen kann, trotzdem versuchen, an den Tieren vorbei aus dem Keller zu entkommen.

Das ist das angenehm sparsame Set-up für Alexandre Ajas neuen Horrorfilm „Crawl“. Genrefans kennen seine vorherigen Filme, wie „High Tension“, das Wes-Craven-Remake „The Hills Have Eyes – Hügel der blutigen Augen“, „Piranha 3D“ und der Joe-Hill-Verfilmung „Horns“.

Crawl“ ist ein fast in Echtzeit in einem Haus spielendes Zwei-Personenstück, das sich auf den Kampf von Haley und Dave gegen die Alligatoren konzentriert. Dabei sind die Alligatoren extrem hungrig, beißwütig und schlecht gelaunt. Etwaige Retter werden von ihnen umstandslos totgebissen.

Für ein schnörkelloses B-Picture, das einfach nur knappe neunzig Minuten spannend und ohne ironische Brechungen oder ablenkende Nebengeschichten unterhalten will, ist das genug.

Dummerweise sind die Macher zu sehr einem völlig überflüssigem „mehr ist besser“-Wahn verfallen. Schon ein mordgieriger Alligator im Keller wäre abendfüllend gewesen. Zwei Alligatoren sind dann mehr als genug. Aber Aja und die Drehbuchautoren Michael und Shawn Rasmussen lassen ungefähr ein Dutzend Alligatoren auf die Menschen los, die dann auch noch gegen das Unwetter kämpfen müssen. Ohne die Aussicht auf Hilfe.

Crawl (Crawl, USA 2019)

Regie: Alexandre Aja

Drehbuch: Michael Rasmussen, Shawn Rasmussen

mit Kaya Scodelario, Barry Pepper, Morfydd Clark, Ross Anderson, Jose Palma, George Somner, Anson Boon

Länge: 88 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Crawl“

Metacritic über „Crawl“

Rotten Tomatoes über „Crawl“

Wikipedia über „Crawl“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: „Gloria – Das Leben wartet nicht“, auch wenn du aussiehst wie Julianne Moore

August 22, 2019

Gloria Bell ist eine attraktive und lebenslustige Frau in den Fünfzigern. Die Kinder sind aus dem Haus. Sie ist geschieden. Sie liebt Pop-Hits, die sie vor allem im Auto laut mitsingt, und sie tanzt gerne. Auf der Suche nach einem Mann fürs Leben bewegt sie sich in Los Angeles durch die Single-Tanzabende.

Auf einem dieser Abende trifft sie Arnold. Der Unternehmer tanzt ebenfalls gern. Er ist ebenfalls geschieden und er erweist sich als vollendeter Gentleman. Gloria hat, wie ein verliebter Teenager, wieder die sprichwörtlichen Schmetterlinge im Bauch.

Alles könnte perfekt sein, wenn Arnold nicht so reserviert wäre und er nicht so oft von seiner Ex-Frau und seinen Töchtern angerufen würde.

Wenn Cineasten sich jetzt fragen, warum ihnen diese Geschichte so bekannt vorkommt, müssen sie sich nur den Berlinale-Liebling von 2013 erinnern. Damals erhielt Sebastiàn Lelio für sein in Santiago de Chile spielende Charakterstudie „Gloria“ mehrere Preise und Hauptdarstellerin Paulina García einen Silbernen Bären.

Jetzt verfilmte Lelio in seinem US-Debüt die gleiche Geschichte noch einmal. Es ist eine 1-zu-1-Neuverfilmung, bei der für das US-Publikum nur die Schauspieler (jetzt mit Julianne Moore und John Turturro) und der Schauplatz (jetzt L. A.) geändert wurden. Und die Sprache. Denn bis jetzt hatten die US-Remakes erfolgreicher ausländischer Filme nur die Aufgabe, Amerikanern, die zu faul zum Lesen von Untertiteln waren, das Lesen zu ersparen.

Mit dem Erfolg der Streamingdienste, die viele nicht englische Serien im Angebot haben, könnte sich das ändern. Sie bieten auch synchronisierte Fassungen an, die Qualität der Synchron-Fassungen wird besser und die Zuschauer sehen sich, wie die Abrufzahlen zeigen, nicht die Originalfassung, sondern die synchronisierte Fassung an.

Bis dahin gibt es noch einige dieser Remakes, die Kenner des Originals getrost ignorieren können. So ist auch „Gloria“ objektiv betrachtet kein schlechter, aber ein überflüssiger Film. Die Geschichte über die nach Liebe suchende Endfünfzigerin funktioniert immer noch. Allerdings ist jede Wendung, jede Reaktion und jedes Bild bekannt. Verändert wurden nur einige, letztendlich unwichtige Details.

Julianne Moore, die jetzt Gloria spielt, ist als von der Sehnsucht nach einem Mann getriebenes Mauerblümchen fantastisch.

John Turturro überzeugt als ihr Freund Arnold.

Die von Gloria mitgesungenen Popsongs aus den siebziger und achtziger Jahren, also den Jahren, in denen Gloria erwachsen wurde, sind ein punktgenau eingesetzter Kommentar zu ihren Gefühlen. Im Original, in dem andere Songs gespielt werden, war mir dieser enge Zusammenhang zwischen Glorias Gefühlen und den Songs, die sie im Auto oder beim Tanzen hört, nicht so sehr aufgefallen.

Gloria“ ist ein guter, sehenswerter, empfehlenswerter und auch überflüssiger Film, bei dem Kenner des gelungenen Originals sich fragen, warum er noch einmal verfilmt wurde. Denn Lelio erzählt dieses Mal Glorias Geschichte vielleicht etwas flüssiger, aber er setzt keine neuen Aktzente und er interpretiert auch nichts fundamental neu.

Gloria – Das Leben wartet nicht (Gloria Bell, USA 2019)

Regie: Sebastián Lelio

Drehbuch: Sebastián Lelio, Alice Johnson Boher (Adaption) (nach dem Drehbuch „Gloria“ von Sebastián Lelio und Gonzalo Maza)

mit Julianne Moore, John Turturro, Michael Cera, Barbara Sukowa, Jeanne Tripplehorn, Rita Wilson, Caren Pistorius, Brad Garrett, Holland Taylor

Länge: 102 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Gloria“

Metacritic über „Gloria“

Rotten Tomatoes über „Gloria“

Wikipedia über „Gloria“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Sebastián Lelios „Gloria“ (Gloria, Spanien/Chile 2012)

Meine Besprechung von Sebastiàn Lelio „Eine fantastische Frau – Una Mujer Fantastica“ (Una Mujer Fantastica, Chile//USA/Deutschland/Spanien 2017)


Neu im Kino/Filmkritik: Die Buddy-Komödie „Stuber – 5 Sterne undercover“

August 22, 2019

Nach einer lange überfälligen Augen-OP soll der stahlharte Old-School-Cop Vic Manning (Dave Bautista) sich unbedingt einen Tag schonen. Da erhält er den Hinweis auf einen großen Drogendeal, der in einigen Stunden stattfinden soll. Der Mann, der seinen Partner ermordete und den er seitdem unermüdlich sucht, soll bei dem Deal dabei sein. Weil es wahrscheinlich einen Verräter in den eigenen Reihen gibt, und weil Manning sowieso am liebsten alleine arbeitet, will er den Bösewicht alleine zur Strecke bringen.

Weil Manning die ersten Stunden nach der Augen-OP blind ist, bestellt er sich ein Uber-Taxi. Sein Fahrer Stu (Kumail Nanjani) ist das vollkommene Gegenteil von Manning. Er ist dagegen ein schweigsames Muskelpaket, das Konflikte mit Gewalt löst. Stu ist dagegen gesprächig, höflich und sanftmütig. Für eine Fünf-Sterne-Bewertung tut er fast alles.

Dieses gegensätzliche Paar ballert, kloppt und witzelt sich bei der Verbrecherjagd durch Los Angeles.

Stuber – 5 Sterne undercover“ heißt die Buddy-Action-Komödie, die über neunzig Minuten die sattsam bekannte Formel aus Action und Comedy wiederholt und dabei zeigt, was herauskommt, wenn bei einer Buddy-Komödie die Witze nicht zünden, die Action lahm ist und die beiden Hauptdarsteller nicht miteinander harmonisieren. Michael Dowse inszenierte einen vergessenswerten Film, der einen wehmütig an die Klassiker des Genres, wie „Nur 48 Stunden“, „Red Heat“ oder die „Lethal Weapon“-Filme, denken lässt. Die sind auch beim zehnten Ansehen immer noch unterhaltsamer als „Stuber“ beim ersten Ansehen.

Stuber – 5 Sterne undercover (Stuber, USA 2019)

Regie: Michael Dowse

Drehbuch: Tripper Clancy

mit Dave Bautista, Kumail Nanjiani, Iko Uwais, Natalie Morales, Betty Gilpin, Jimmy Tatro, Mira Sorvino, Karen Gillan

Länge: 94 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Stuber“

Metacritic über „Stuber“

Rotten Tomatoes über „Stuber“

Wikipedia über „Stuber“ 


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