Neu im Kino/Filmkritik: „Intrigo: In Liebe, Agnes“, „Intrigo: Samaria“ und der Zuschauer ist entschlafen

Damit hatte ich schon nicht mehr gerechnet. Vor fast genau einem Jahr lief die ziemlich misslungene Håkan-Nesser-Verfilmung „Tod eines Autors“ vor einem überschaubarem Publikum in unseren Kinos. Damals waren bereits die nächsten beiden „Intrigo“-Filme abgedreht. Auch sie waren von Daniel Alfredson, nach Drehbüchern von ihm und Ditta Bongenhielm, inszeniert und sie basierten ebenfalls auf älteren Novellen von Nesser. Die Idee war eine aus drei voneinander unabhängigen Filmen bestehende Anthologiereihe zu machen. Drei Spielfilme für die vielen Scandic-Noir-Fans, dreimal hochkarätig besetzte Spannung. Das war die Idee und das Werbeversprechen.

Nach dem Flop „Tod eines Autors“ rechnete ich damit, dass „In Liebe, Agnes“ und „Samaria“ gar nicht mehr im Kino gezeigt, sondern gleich auf DVD veröffentlicht werden. Doch jetzt bringt der Verleih gleichzeitig die nächsten beiden „Intrigo“-Filme in die Kinos. Das wirkt, angesichts der Qualitäten der beiden Filme, wie das Erfüllen lästiger Vertragspflichten und einer überfälligen Lagerräumung. Denn sehenswert ist keiner der beiden Filme.

In „In Liebe, Agnes“ sieht Agnes bei der Beerdigung ihres Mannes ihre Jugendfreundin Henny. Sie haben sich, nach einem Bruch in der Vergangenheit, seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen.

Kurz darauf fragt Henny Agnes, ob sie ihren Mann töten könne. Sie gäbe ihr dafür auch viel Geld. Geld, das sie gut gebrauchen könnte, um die Kinder ihres verstorbenen Mannes auszubezahlen.

In „Samaria“ recherchiert Dokumentarfilmerin Paula Polanski einen alten Mordfall an einer Klassenkameradin. Der als Mörder verurteilte Mann behauptet, seine Tochter nicht ermordet zu haben. Die Leiche der neunzehnjährigen Vera Kall wurde nie gefunden.

Für ihren Film befragt sie auch Henry, der vor zehn Jahren als Aushilfslehrer in dem Dorf war. Henry beginnt sich zu erinnern und wir dürfen rätseln, ob der nette Lehrer auch ein gar nicht so netter Liebhaber einer Schülerin war und ihr Mörder ist.

Erzählerisch und inszenatorisch knüpfen beide Filme nahtlos an „Tod eines Autors“ an. Daher können sie mühelos zusammen besprochen werden. Alle „Intrigo“-Geschichten haben eine durchaus interessante Ausgangsidee, aus der aber niemals etwas gemacht wird. Das ist schon so bei den Vorlagen und ist bei den Verfilmungen noch offensichtlicher. Es besteht einfach kein Bedarf an einer weiteren dämlichen Wiederholung von „Zwei Fremde im Zug“. Und weil die Geschichten so sinnfrei entwickelt sind, ahnt man die Pointe bereits früh; – falls man sich in dem Moment überhaupt noch dafür interessiert.

Samaria“ basiert auf den Geschichten „Die Wildorchidee aus Samaria“ und „Sämtliche Informationen in der Sache“, die für den Film erheblich verändert wurden. Geholfen hat es nicht. Wieder einmal wurde sich nicht viel um Plausibilität und Logik in der Geschichte und bei den Figuren gekümmert.

Alle Geschichten spielen auf zwei Zeitebenen. Immer spielen sie in einer ortlosen, irgendwo zwischen den Alpen und Skandinavien angesiedelten Gegend. Alles ist TV-tauglich aufgeräumt. Und die Schauspieler spielen ihre Texte einfach herunter. Auch die Inszenierung schielt nicht auf die große Kinoleinwand, sondern den kleinen TV-Bildschirm für den „TV-Film der Woche“-Slot. Das ist von der ersten bis zur letzten Minute Dienst nach Vorschrift. Eine eigene Handschrift oder auch nur der Versuch, auf irgendeiner Ebene etwas eigenständiges zu kreieren ist nirgends spürbar.

Insofern ist es erstaunlich, dass der Verleih „In Liebe, Agnes“ und „Samaria“ doch noch ins Kino brachte und nicht gleich im TV versenden ließ.

Intrigo: In Liebe, Agnes (Intrigo: Dear Agnes, Deutschland/USA 2019)

Regie: Daniel Alfredson

Drehbuch: Ditta Bongenhielm, Daniel Alfredson

LV: Håkan Nesser: In Liebe, Agnes, 2002

mit Carla Juri, Gemma Chan, Jamie Sives

Länge: 100 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Intrigo: Samaria (Intrigo: Samaria, Deutschland/USA 2019)

Regie: Daniel Alfredson

Drehbuch: Ditta Bongenhielm, Daniel Alredson

LV: Håkan Nesser: Die Wildorchidee aus Samaria, 2005; Sämtliche Informationen in der Sache, 2005

mit Phoebe Fox, Andrew Buchan, Jeff Fahey

Länge: 104 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage

Håkan Nesser: Intrigo

(übersetzt von Paul Berf, Christel Hildebrandt und Gabriele Haefs)

btb, 2018

608 Seiten

12 Euro

Originalausgabe

Intrigo

Albert Bonniers, Stockholm, 2018

Hinweise

Filmportal über „Intrigo: In Liebe, Agnes“ und „Intrigo: Samaria“

Moviepilot über „Intrigo: In Liebe, Agnes“ und „Intrigo: Samaria“

Rotten Tomatoes über „Intrigo: In Liebe, Agnes“

Meine Besprechung von Daniel Alfredsons Stieg-Larsson-Verfilmung „Verdammnis“(Flickan som lekte med elden, Schweden 2009) (Buch und Film)

Meine Besprechung von Daniel Alfredsons Stieg-Larsson-Verfilmung „Vergebung“ (Luftslottet som sprängdes, Schweden/Dänemark/Deutschland 2009) (Buch und Film)

Meine Besprechung von Daniel Alfredsons Håkan-Nesser-Verfilmung  „Intrigo: Tod eines Autors (Intrigo: Death of an Author, USA/Schweden/Deutschland 2018)

Homepage von Håkan Nesser

Deutsche Homepage von Håkan Nesser

Meine Besprechung von Håkan Nessers „Intrigo“ (Intrigo, 2018)

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