Neu im Kino/Filmkritik: Über Wang Xiaoshuais „Bis dann, mein Sohn“

Über drei Stunden nimmt sich Wang Xiaoshuai, um in seinem neuen Film „Bis dann, mein Sohn“ die sich über drei Jahrzehnte erstreckende Geschichte zweier Familien zu erzählen.

Sein Epos beginnt in den frühen achtziger Jahren im Norden Chinas. Liu Yaojun, seine Frau Wang Liyun, Shen Yingming und seine Li Haiyan arbeiten in einer Metallfabrik. Sie wohnen im dazu gehörendem Wohnheim. 1982 kommen am gleichen Tag ihre Kinder Xingxing und Haohao zur Welt. Als Liyun vier Jahre später wieder schwanger wird, wird sie von ihrer Freundin und Vorgesetzten Haiyan im Rahmen der kompromisslos durchgesetzten Ein-Kind-Politik zur Abtreibung gezwungen. 1994 stirbt Xingxing im Staudamm bei einem Badeunfall. Sein Freund Haohao war dabei.

Danach ziehen Yaojun und Liyun nach Südchina. Sie adoptieren eine Jungen, den sie Xingxing nennen. Sie leben ärmlich und isoliert von den Einheimischen.

2011 besuchen sie wieder die Industriestadt im Norden Chinas, die sie kaum wiedererkennen. Aus der früheren Arbeiterstadt wurde eine moderne Metropole. Sie treffen auch Yingming, Haiyan und Haohao wieder.

Wang Xiaoshuai („Beijing Bicycle“, „Shanghai Dreams“) erzählt diese sich über drei Jahrzehnte erstreckende Geschichte in langen Einstellungen, in denen wenig geredet und wenig erklärt wird. Damit bleiben dann sicher viele Anspielungen, die Chinesen sofort verstehen, für alle anderen unverständlich. Verständlich sind in jedem Fall die Folgen der rücksichtslos durchgesetzten Ein-Kind-Politik, die Wang erstaunlich negativ darstellt. Auch die Vergangenheit erscheint sehr oft in einem sehr düsteren Licht, was aufgrund der totalitären Strukturen Chinas und der staatlichen Zensur durchaus erstaunlich ist. Abgemildert wird die Kritik an China durch die im Film erzählte Zeitspanne. Während das Leben in Nordchina und in der Fabrik mit angegliedertem Wohnheim in seiner Kargheit noch sehr an die fünfziger Jahre erinnert und es in Südchina nicht fortschrittlicher aussieht, unterscheidet sich die Arbeiterstadt 2011 optisch kaum von einer westlichen Großstadt. Insofern erzählt „Bis dann, mein Sohn“ auch die Geschichte einer umfassenden, in wenigen Jahren vollzogenen Modernisierung. Jedenfalls an der Oberfläche.

Wang springt dabei in seiner doppelten Familiengeschichte immer wieder zwischen verschiedenen Zeitebenen hin und her. Dabei ist nicht immer ersichtlich, wann die Szene spielt. Außerdem richtet sich sein Film vor allem an ein chinesisches Publikum, das die Anspielungen mühelos versteht und die Hintergründe kennt. Für einen Westler, der wenig über China weiß, bleibt da etliches unverständlich. Vielleicht auch deshalb empfand ich nach den drei Stunden vor allem Bewunderung für jeden nur denkbaren Aspekt des Films, aber keine echte Begeisterung.

Auf der Berlinale erhielt „Bis dann, mein Sohn zwei Silberne Bären. Yong Mei als beste Darstellerin. Wang Jingchun als bester Darsteller.

Bis dann, mein Sohn (Di jiu tian chang, Volksrepublik China 2019)

Regie: Wang Xiaoshuai

Drehbuch: A Mei, Wang Xiaoshuai

mit Wang Jingchun, Yong Mei, Qi Xi, Wang Yuan, Du Jiang, Ai Liya, Xu Cheng, Li Jingjing, Zhao Yanguozhang

Länge: 185 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Länge

Homepage zum Film

Moviepilot über „Bis dann, mein Sohn“

Metacritic über „Bis dann, mein Sohn“

Rotten Tomatoes über „Bis dann, mein Sohn“

Wikipedia über „Bis dann, mein Sohn“ (deutsch, englisch)

Berlinale über „Bis dann, mein Sohn“

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