Texte, die ich 2019 mal wieder nicht schrieb

Dezember 31, 2019

Um die Weihnachtstage plante ich einen Text zur alljährlichen Straßenschlacht in der Silvesternacht. Ich war noch nie ein Freund des verordneten Silvesterfrohsinns (Hey, ich brauche keinen Anlass, um mich zu betrinken und ich brauche dazu nicht die Gesellschaft ganzer Kompanien Besoffener, die ich niemals kennen lernen möchte. Außerdem kann ich mir die normale Silvestermusik auch mit multiplen parallelen Alkoholvergiftungen nicht hörbar trinken.), aber viele Jahre meines Lebens ging ich nach der Methode „Leben und knallen lassen“ vor. Erst in Berlin änderte sich das. Zu viele besoffene Idioten auf einer zu kleinen Fläche und die Böller erzeugen zwischen den Häusergassen einen infernalischen Lärm.

Aber inzwischen gibt es so viele Artikel darüber und in Umfragen sind große Mehrheiten dafür, die sich auf wenige Stunden beschränkende Erlaubnis für Kreti und Pleti mit Feuerwerk zu hantieren, zu beschränken. Denn es geht nicht um ein „Verbot der Silvesterböllerei“, sondern darum, eine Ausnahme, eine Erlaubnis, nicht weiter zu gewähren.

Beim Lesen all der Artikel dazu fragte ich mich: Warum soll ich dieses Jahr etwas dazu schreiben?

Daneben schrieb ich keine Texte zu den Aufregerthemen

Allgemeine Tempobeschränkung auf Autobahnen; – aber, hey!, wenn mir jemand erklären kann, warum es ein Recht auf Rasen geben soll, würde ich mir das gerne durchlesen. Ich meine damit keinen Text, in dem erklärt wird, warum Tempo-130 nichts bringt, sondern ein Text, in dem erklärt wird, warum es richtig und vernünftig ist, so schnell zu fahren, wie man möchte.

Sommer- und Winterzeit: bei jeder inzwischen von der EU verordneten Uhrumstellung ist das für einige Menschen der Weltuntergang, während sie keine Probleme mit Fernreisen und Schichtdienst haben.

Außerdem ist es anscheinend unmöglich, die Schule ein, zwei Stunden später beginnen zu lassen. Ich empfand den Schulbeginn für mein persönliches Wohlbefinden schon immer als „zu früh“. Meine erste Tat im Studium war daher der weitgehend erfolgreiche Versuch, alle Kurse, die vor zwölf Uhr mittags anfingen, zu ignorieren.

Weihnachten: da erscheinen jedes Jahr längliche Texte darüber, dass es schlimm ist, Weihnachten allein zu verbringen und dass es schlimm ist, Weihnachten bei der Familie zu verbringen. Für beide Situationen gibt es dann ernstgemeinte „Was ist zu tun“-Anweisungen, als gäbe es nicht auch andere periodische Familienzusammenkünfte, wie die dritte Scheidung der Eltern, die fünfte Hochzeit der Schwester und Geburtstage.

Aber was ist so schlimm daran, einige ruhige, von mir aus auch besinnliche Tage ohne lästige Termine, Telefongeklingel und E-Mail-Kaskaden allein zu verbringen? Endlich hat man die Zeit, einige dieser dicken Bücher oder epischen TV-Serien ohne Unterbrechungen zu genießen. Einige Monate später tut man das doch auch, ohne in eine Depression abzurutschen, im Urlaub auf der einsamen Hütte oder im Kloster mit dem Schweigegelübde.

Das geschrieben wünsche ich allen einen guten Rutsch ins neue Jahr!

Und wenn ich mich beeile, komme ich noch auf die böllerfreie Festmeile vor dem Brandenburger Tor, werde von unbekannten Bierbäuchen gequetscht, höre schlechte Musik, trinke überteuerten Sekt und friere viele Stunden bis zum Silvesterfeuerwerk.


Cover der Woche

Dezember 31, 2019


TV-Tipp für den 31. Dezember: Pop around the Clock

Dezember 30, 2019

3sat, 05.00

Pop around the Clock

Um 5.00 Uhr geht es los mit einer bunten Mischung aus aktuellen und etwas älteren Konzerten von bekannten und sehr bekannten Musikern und Bands. Deshalb sind die „Rolling Stones“ wie jedes (?) Jahr dabei. Dieses Mal, um 15.45 Uhr, mit dem „Bridges to Bremen“-Konzert von 1998.

Außerdem gibt es Konzerte von John Fogerty (um 06.45 Uhr), The Who (um 08.30 Uhr), Beth Hart (um 09.30 Uhr), Metallica (dieses Mal S & M von 1999, um 12.30 Uhr), Paul Simon (1991 ohne Art im Central Park, um 14.30 Uhr), Elvis Presley (der ist eher selten dabei; dieses Mal mit Aloha from Hawaii, aufgenommen 1973, um 18.00 Uhr), direkt danach ein brandneues Elvis-All-Star-Tribute (um 19.00 Uhr), Sting (um 20.15 Uhr), Coldplay (um 22.15), U2 (eXPERIENCE Live – Berlin [!] 2018, um 00.20) und Little Steven and the Disciples of Soul (um 04.15 Uhr).

Das vollständige Programm gibt es hier.


Literaturklassiker im neuen Gewand: Georg Büchners „Woyzeck“ und „Bram Stoker’s Dracula“

Dezember 30, 2019

Bereits Werner Herzog und Klaus Kinski setzten sich mit diesen Geschichten auseinander. Aber ihre sehenswerte Interpretation von „Woyzeck“ und „Dracula“, der bei ihnen aus stummfilmhistorischen Gründen Nosferatu heißt, hatten keinen Einfluss auf diese Comic-Interpretationen.

Bei Roy Thomas‘ und Mike Mignolas „Bram Stoker’s Dracula“ basiert auf Francis Ford Coppolas Film. Der ist inzwischen auch schon gut dreißig Jahre alt und er ist die letzte nennenswerte Spielfilm-Interpretation von Bram Stokers Romanklassiker.

Parallel zum Film erschien damals dieser Comic als limitierte vierteilige Mini-Serie. Lange Jahre war er nicht mehr erhältlich, während im Second-Hand-Buchmarkt die Preise stiegen. 2018 veröffentlichte IDW in den USA eine nicht-kolorierte Neuauflage, die auch der Anlass für die deutsche Neuausgabe war. Die ist, zum Glück!, koloriert.

Anstatt weißer Flächen knallem einem satte Farben entgegen, die die Geschichte und den psychedelisch-albtraumhaften Effekt der Panels verstärken. Nach der Lektüre der kolorierten Fassung von „Bram Stoker’s Dracula“ kann man sich keine andere Fassung mehr vorstellen.

Danach wurde Mike Mignola mit der von ihm erfundenen Figur „Hellboy“ weltweit bekannt.

Bram Stokers Vampirgeschichte dürfte ja bekannt sein. Trotzdem für die vergesslichen Geister: 1897 reist der Makler Jonathan Harker in die Karpaten. Dort vermittelt er Graf Dracula ein Anwesen in London und wird, auf Draculas Geheiß, von drei weiblichen Vampiren angegriffen. Währenddessen nähert Dracula sich in London Harkers Verlobter Mina. Weil seine blutsaugenden Taten nicht unbemerkt bleiben, wird Dr. Van Helsing um Hilfe gerufen. Er weiß, wie man einen Vampir besiegen kann.

Die Geschichte von „Woyzeck“ dürfte auch bekannt sein. Immerhin ist Georg Büchners Stück ein auf deutschen Bühnen immer noch gespielter und immer wieder neu interpretierter Klassiker.

Woyzeck ist ein einfacher Soldat, der von seinem Vorgesetzten unterdrückt und von seiner Frau, mit der er ein uneheliches Kind hat, betrogen wird. Als er sie mit seinem Nebenbuhler sieht, glaubt er, eine Stimme zu hören, die ihm befiehlt, sie zu töten.

Andreas Eikenroth verlegt die Geschichte vom frühen 19. Jahrhundert in eine diffuse Weimarer Republik. Er verschiebt auch einige Szenen des Bühnenstücks, das nur als Fragment erhalten ist, zu einem ihm schlüssiger erscheinendem Handlungsablauf.

Das Besondere an Eikenroths Interpretation ist allerdings die Art, wie er die Geschichte als Comic erzählt. Bei ihm besteht jede Seite aus einem Bild, das quasi mehrere Panels zu einem Bild zusammenfügt. Seine Zeichnungen sind dabei, wie er selbst sagt, von damaligen Künstlern, wie George Grosz, Karl Arnold, Egon Schiele, Max Liebermann, Jeanne Mammen und Heinrich Zille, beeinflusst.

Zu Eikenroths früheren Werken gehören „Die Schönheit des Scheiterns“ und „Hummel mit Wodka“.

Die Comics „Bram Stoker’s Dracula“ und „Woyzeck“ sind zwei überzeugende Interpretationen klassischer Geschichten.

Roy Thomas/Mike Mignola: Bram Stoker’s Dracula

(übersetzt von Bernd Kronsbein)

Panini, 2019

140 Seiten

29 Euro

Originalausgabe

Bram Stoker’s Dracula 1-4

Topp Comics, 1993

Neuauflage 2018 bei IDW

Andreas Eikenroth: Woyzeck

Edition 52, 2019

64 Euro

15 Euro

Hinweise

Wikipedia über Bram Stokers „Dracula“ (deutsch, englisch) und „Bram Stoker’s Dracula“ (deutsch, englisch)

Homepage von Mike Mignola

Meine Besprechung von Mike Mignola (Autor)/John Arcudi (Autor)/Guy Davis (Zeichner) „B. U. A. P.: Tödliches Terrain (Band 7)“ (BPRD: Killing Ground, 2008)

Meine Besprechung von Mike Mignola (Autor)/John Arcudi (Autor)/Guy Davis (Zeichner) „B. U. A. P.: Die Warnung (Band 8)“ (BPRD: The Warning, 2009/2010)

Meine Besprechung von Neil Marschalls Mike-Mignola-Verfilmung „Hellboy – Call of Darkness“ (Hellboy, USA 2019)

Homepage von Andreas Eikenroth

Wikipedia über Georg Büchners „Woyzeck“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 30. Dezember: Wind River – Tod im Schnee

Dezember 29, 2019

ZDF, 22,15

Wind River (Wind River, USA 2017)

Regie: Taylor Sheridan

Drehbuch: Taylor Sheridan

Im Indianerreservat Wind River im US-Bundesstaat Wyoming wird die Leiche einer jungen Indianerin gefunden. Die unerfahrene FBI-Agentin Jane Banner (Elizabeth Olsen) und der erfahrene Fährtenleser Cory Lambert (Jeremy Renner) suchen den Täter.

Grandioser Schnee-Western von Taylor Sheridan. Er schrieb die Bücher für „Sicario“ und „Hell or High Water“.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

Sheridans nächster Spielfilm ist die Michael-Koryta-Verfilmung „Those who wish me dead“.  In den USA soll der Thriller im Oktober 2020 starten. Also noch genug Zeit, die deutsche Ausgabe von Korytas „Die mir den Tod wünschen“ (Heyne 2016) zu lesen.

mit Jeremy Renner, Elizabeth Olsen, Kelsey Asbille, Jon Bernthal, Graham Greene, Gil Birmingham, Julia Jones, Teo Briones, Martin Sensmeier, Hugh Dillon, James Jordan

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Wind River“

Metacritic über „Wind River“

Rotten Tomatoes über „Wind River“

Wikipedia über „Wind River“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Denis Villeneuves „Sicario“ (Sicario, USA 2015) (nach einem Drehbuch von Taylor Sheridan) und der DVD und des Soundtracks

Meine Besprechung von David Mackenzies „Hell or High Water“ (Hell or High Water, USA 2016) (nach einem Drehbuch von Taylor Sheridan)

Meine Besprechung von Taylor Sheridans „Wind River (Wind River, USA 2017)

Meine Besprechung von Stefano Sollimas „Sicario 2“ (Sicario: Day of the Soldado, USA/Italien 2018) (nach einem Drehbuch von Taylor Sheridan)

 


TV-Tipp für den 29. Dezember: Winchester ’73

Dezember 28, 2019

Westerntag bei 3sat mit einer ansehnlichen Auswahl bekannter und guter klassischer Hollywood-Western. Gezeigt werden u. a.  „Trommeln am Mohawk“ (um 12.25 Uhr), „Der Mann aus Alamo“ (um 14.05 Uhr), „Faustrecht der Prärie“ (um 15.20 Uhr), „Die gebrochene Lanze“ (um 16.55 Uhr), „Alvarez Kelly“ (um 18.30 Uhr), „Der Garten des Bösen“ (um 21.45 Uhr), „Der Scharfschütze“ (um 23.20), „Zwei ritten zusammen“ (um 00.40 Uhr), „Der letzte Scharfschütze“ (um 02.25 Uhr)  und

3sat, 20.15

Winchester ’73 (Winchester ’73, USA 1950)

Regie: Anthony Mann

Drehbuch: Robert L. Richards, Borden Chase (nach einer Geschichte von Stuart N. Lake)

Lin will seine Winchester zurück haben. Aber dieses Gewehr geht durch viele Hände, die Anthony Mann liebevoll zeigt.

Einer der unumstrittenen Western-Klassiker und die erste Zusammenarbeit von Regisseur Anthony Mann und James Stewart.

mit James Stewart, Shelley Winters, Dan Duryea, Stephen McNally, Millard Mitchell, Charles Drake, Will Geer, Jay C. Flippen, Rock Hudson, Tony Curtis

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Winchester ’73“

Turner Classic Movies über „Winchester ’73“

Wikipedia über „Winchester ’73“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Was für ein „Jam“!

Dezember 28, 2019

Sabus neuer Film „Jam“ beginnt mit einem ziemlich spektakulärem Autounfall, der auch auf dem Plakat zu sehen ist. Ausgehend von diesem, ähem, Zusammentreffen bewegt die Filmgeschichte sich vorwärts und rückwärts in der Zeit. Dabei konzentriert Sabu sich in seiner gewohnt grotesk-absurden Erzählung auf drei Männer.

Hiroshi ist ein abgehalfterter Schnulzensänger, dessen Fans vor allem Damen im fortgeschrittenen Alter sind. Die meisten könnten seine Mutter oder Großmutter sein. Ihnen gibt er mit seinen Songs und den an seine Konzerte anschließenden Gespräche die nötige Seelenmassage. Nach einem Konzert wird er von einem seiner Fans entführt und ans Bett gefesselt. Sie will, dass Hiroshi ein Lied für sie komponiert und bei seinem nächsten Konzert singt.

Tetsuo ist gerade aus dem Gefängnis entlassen und auf einem sehr gewalttätigen Rachetrip an seinen früheren Kumpels. Begleitet wird er von seiner an Alzheimer leidenden, im Rollstuhl sitzenden Großmutter, die ihren verstorbenen Ehemann sucht.

Takeru arbeitet als Chauffeur. Seine Freundin liegt im Sterben. Weil ein Wahrsager ihm sagte, dass sie geheilt würde, wenn er jeden Tag ein paar gute Taten verübe, will er täglich Gutes tun. Deshalb bietet er einigen Männern, die dringend einen Fahrer benötigen, seine Dienste an. Dummerweise sind sie Verbrecher, die einen Fluchtwagenfahrer suchen. Jetzt haben sie ihn gefunden.

Wie diese drei Geschichten genau zusammenhängen, wird erst am Filmende deutlich.

Jam“ ist eine schwarzhumorige, sich zwischen alle Genrekonventionen setzende Groteske, die, wie man es von Sabu erwartet, die Macht des Zufalls beschwört und sie mit vielen Zitaten würzt. Diese sind mal mehr, mal weniger gegen den Strich gebürstet. Teils liefern sie auch die sofort erkennbare Interpretationsfolie für die Ereignisse. Schließlich wissen wir spätestens seit der Stephen-King-Verfilmung „Misery“, wozu Fans imstande sind.

Dabei sind die Einzelteile, einzelne Szenen, Situationen und Bilder, gelungener als das dann doch zu zerfaserte Gesamtbild. „Jam“ ist ein Sabu-Film, der vor allem seine alten Fans anspricht, die gerne wieder, mit einigen neuen Figuren, in Sabus Welt eintauchen.

Jam (Jam, Japan/Deutschland 2018)

Regie: Sabu (Pseudonym von Hiroyuki Tanaka)

Drehbuch: Sabu

mit Sho Aoyagi, Keita Machida, Nobuyuki Suzuki

Länge: 102 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Filmportal über „Jam“

Moviepilot über „Jam“

Rotten Tomatoes über „Jam“

Meine Besprechung von Sabus „Mr. Long“ (Mr. Long, Japan/Taiwan/Hongkong, China/Deutschland 2017)

Meine Besprechung von Sabus „Happiness“ (Happiness, Japan/Deutschland 2016)


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