„Mein Name ist Robicheaux“ und ich mache jetzt viel Lärm um; – ja, was eigentlich?

Ein Dave-Robicheaux-Krimi“ steht auf dem Cover. Robicheaux hat als Ich-Erzähler unbestritten die Hauptrolle. Ein Krimi ist der sechshundertseitige Wälzer allerdings nur, wenn man die breitestmögliche Definition von ‚Krimi‘ nimmt, nach der im Mittelpunkt eines Krimis Verbrechen stehen. Wer allerdings eine etwas engere Definition nimmt, wie in einem Krimi stehe die Aufklärung eines Verbrechens im Mittelpunkt, wird schon viele Probleme mit James Lee Burkes neuem und inzwischen 21. Robicheaux-Romans haben.

Nach dem Klappentext wird T. J. Dartez eines Nachts ermordet. Dartez überfuhr Molly, die Frau von Dave Robicheaux. Robicheaux, ein Detective der Polizei von New Iberia, Louisiana, und trockener Alkoholiker, kann sich nicht an die Tatnacht erinnern, weil er betrunken war. Er hat auch keine Ahnung, woher die Wunden an seinen Händen kommen. Damit wird Robicheaux zu einem Tatverdächtigen mit einem überzeugendem Motiv. Robicheaux selbst glaubt, dass ihm jemand den Mord anhängen will. Auch wenn er es nicht für vollkommen ausgeschlossen hält, dass er Dartez getötet hat.

In einem normalen Kriminalroman würde der Ermittler auf den folgen Seiten versuchen, seine Unschuld zu beweisen und, immerhin ist es ein US-amerikanischer Roman und langjährige Robicheaux-Fans wissen, wie wenig Robicheaux sich letztendlich um (Dienst)vorschriften kümmert, der Ermittler würde bei der Mörderjagd über Leichen gehen.

Aber in „Mein Name ist Robicheaux“ lässt Robicheaux einen von ihm verachteten neuen Kollegen mit zweifelhafter Vergangenheit in dem Fall ermitteln, während er selbst Dienst nach Vorschrift verrichtet.

Dazwischen hilft er seinem cholerischen Kumpel Clete Purcel, der sich gerade bei den falschen Leuten extrem verschuldet hat. Er bringt einen vermögenden Großgrundbesitzer mit dem Autor eines im 19. Jahrhundert in Louisiana spielenden Romans zwecks einer Verfilmung zusammen. Er ermittelt in einem merkwürdigem Vergewaltigungsfall und er startet einen Kleinkrieg mit einem in einem Trailer lebenden, gewalttätigen Meth-Dealer über das Sorgerecht für seinen Sohn. Währenddessen beginnt Robicheaux‘ Tochter Alafair einen Drehbuchentwurf zu schreiben. Später ist sie als Autorin in die Dreharbeiten involviert und kurz vor der Mitte des Romans macht sich ein skrupelloser Killer auf den Weg nach New Iberia.

Damit sind, bis auf die Geister, die dieses Mal überhaupt nicht erscheinen, alle Elemente vorhanden, die man aus den vorherigen Robicheaux-Romanen kennt. Die Handlung wird, wieder einmal, in unendlich viele Szenen aufgelöst, die die Handlung kaum bis überhaupt nicht voranbringen. Stattdessen entwickelt sich ein schon aufgrund der vielen beteiligten Personen verwirrendes Netz von Beziehungen. Erst am Ende fügt sich alles halbwegs zu einem Bild. Doch in dem Moment hat Burke, so wirkt es angesichts der lustlosen und arg kryptischen Auflösung, entweder den Überblick oder das Interesse an seinen Figuren und ihren Verbrechen verloren. Bis dahin wurden etliche der Fälle in Nebensätzen aufgelöst. Das gilt auch für den Mörder von Dartez. Dieser Fall ist bereits deutlich vor der Mitte des Romans geklärt.

Die Figuren benehmen sich wie dauerpubertierende Teenager, die sich ständig beleidigen und schlagen. Das ist auf die Dauer ziemlich ermüdend und, gerade bei Robicheaux und seinem Freund Clete Purcel, auch zunehmend unglaubwürdig. Schließlich ist Robicheaux, wie im Roman mehrmals betont wird, Vietnam-Veteran, was ihn (wenn er in den frühen Siebzigern, kurz vor dem Abzug der Truppen, in Vietnam gewesen wäre) zu einem Siebzigjährigem macht; wenn man die in den ersten Robicheaux-Romanen genannten biographischen Daten heranzieht, ist der Detective als alter ego von Burke, gut achtzig Jahre alt. In jedem Fall ist es unglaubwürdig, dass er in diesem Alter immer noch als Polizist arbeitet.

Ein noch größeres Problem ist, dass Robicheaux keinerlei körperliche Gebrechen hat. Er klagt nicht über Schmerzen, er hat keinerlei körperliche Beeinträchtigungen und er benimmt sich wie ein Dreißigjähriger, der immer noch in seiner Halbstarkenphase steckt und nach dem Motto „regelmäßige Prügeleien sind gut für mein seelisches Gleichgewicht“ handelt.

Anderen Autoren, wie Lawrence Block (der mit Matt Scudder erstmals einen fiktiven Ermittler in Echtzeit altern ließ), gelingt es wesentlich besser, ihre Figuren altern zu lassen. Und dabei zu zeigen, wie sich das Leben des Serienhelden verändert, weil er aus seinen Erfahrungen lernt und Beziehungen sich verändern.

In seinen vorherigen Romanen konnte Burke mit seiner poetischen Sprache und den dichten Beschreibungen der Landschaft und des Wetters von diesem Stillstand in Robicheaux‘ Entwicklung ablenken. Dieses Sprachgefühl hat ihn hier vollständig verlassen. Am Übersetzer, dem zuverlässigen Jürgen Bürger, der schon einige Romane von Burke übersetzte, kann es nicht liegen.

Mein Name ist Robicheaux“ ist – und das sage ich als langjähriger Robicheaux-Fans, der viele seiner Romane im Original las, weil es über viele Jahre keine Übersetzungen gab – ein Desaster.

In den USA erschien vor wenigen Wochen der 22. Robicheaux-Roman „The New Iberia Blues“.

James Lee Burke: Mein Name ist Robicheaux

(übersetzt von Jürgen Bürger)

Pendragon, 2019

600 Seiten

22 Euro

Originalausgabe

Robicheaux

Simon & Schuster, 2018

Hinweise

Perlentaucher über „Mein Name ist Robicheaux“

Bookmarks über „Mein Name ist Robicheaux“

Homepage von James Lee Burke

Thrilling Detective über „the Great Lost P. I.“ Dave Robicheaux

Wikipedia über James Lee Burke (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Bertrand Taverniers James-Lee-Burke-Verfilmung „In the Electric Mist – Mord in Louisiana“ (In the Electric Mist, USA 2009)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Neonregen“ (The Neon Rain, 1987)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Blut in den Bayous“ (Heaven’s Prisoners, 1988)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Mississippi Jam“ (Dixie City Jam, 1994)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Sumpffieber“ (Sunset Limited, 1998)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Straße der Gewalt“ (Last Car to Elysian Fields, 2003)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Flucht nach Mexiko – Ein Dave-Robicheaux-Krimi“ (Crusader’s Cross, 2005 )

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Sturm über New Orleans“ (The Tin Roof Blowdown, 2007)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Regengötter“ (Rain Gods, 2009)

 

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