„Töchter des Todes“ und das Leben in einer Kleinstadt

Auf dem Cover wird Ulrike Blatters neues Buch „Töchter des Todes“ „Roman“ genannt und auch im Klappentext steht „Roman“, obwohl es um einen islamistischen Anschlag in dem nah an der Grenze zur Schweiz liegendem Ort Taufingen geht und eine der Töchter der Stadt, die seit kurzem als Kämpferin für den Islamischen Staat aus dem Kalifat hetzerische Videos postet, in den Anschlag verwickelt ist.

Aber dann interessiert die Krimiautorin Blatter sich nicht für den Krimiplot. Den erzählt sie fast ausschließlich über einige, im Roman verstreute Zeitungsartikel. Bei ihr stehen dieses Mal die Menschen im Mittelpunkt der Geschichte, die das Geschehen nur vom Rand beobachten. Aylin, Jordan, Kristina und Stefanie dürfen die Geschichte erzählen. Die fünfte Erzählstimme gehört einer Frau, die Star genannt wird, im Kalifat lebt und von dort flüchten möchte. Wie Stars Geschichte mit den Ereignissen in Taufingen zusammen hängt, wird erst am Ende des Romans deutlich.

Von den Erzählerinnen ist Aylin Hodzic sicherlich die wichtigste Erzählerin. Sie ist die jüngere Schwester von Semina. Ihre Eltern flüchteten in den neunziger Jahren aus Bosnien nach Deutschland. Semina ist nach Aylins Ansicht die am besten angepasste Migrantin, die man sich vorstellen kann. Zum Sozialpädagogikstudium geht sie nach Köln, schließt sich dem Islamischen Staat an, reist in das Kampfgebiet, postet IS-Videos und verübt jetzt, während des Solidaritäts- und Bürgerfest, in Taufingen in der Metzgerei ein Selbstmordattentat. Jedenfalls gehen die Polizei, die Medien und die Öffentlichkeit sofort davon aus. Aylin will dagegen nicht glauben, dass ihre weltliche Schwester zur Terroristin wurde. Aylin hat gerade Abitur gemacht und sich jetzt in den einige Jahre älteren Jordan verliebt. Er ist ihre erste große Liebe.

Jordan studiert Theaterpädagogik und macht ein Praktikum an Aylins Schule. Dort leitet er, nachdem die Leiterin der Theater-AG erkrankte, einen Theaterworkshop zum Thema „Deine Menschenrechte – Meine Träume“. Aylin hilft bei dem Projekt mit.

Kristina ist Aylins Mutter und arbeitet im Kindergarten. Und Stefanie ist die rechte Hand des Baudezernenten. Sie ist schon seit Ewigkeiten mit Kristina und ihrer Familie befreundet. Außerdem ist Aylin die Babysitterin von ihrem Sohn Tim.

Durch sie und ihr Umfeld entsteht ein Porträt des linksliberalen Bürgertums von Taufingen, ihren Befindlichkeiten und Problemen. Und des Lebens in einer sehr gewöhnlichen Kleinstadt und wie sich durch von außen kommende Ereignisse und Stimmungen verändert. Den Fortgang der Ermittlungen erfahren sie (und wir) aus der Zeitung.

Töchter des Todes“ ist ein Kleinstadtporträt, das den Thrillerplot als MacGuffin benutzt, und davon erzählt, welche Auswirkungen ein Verdacht auf die Familie und die Bekannten der Täterin haben kann. Diese ist in „Töchter des Todes“, abgesehen von kryptischen Textnachrichten abwesend. Die von Blatter gewählte Perspektive, die genaugenommen eine Komposition aus fünf Ich-Erzähler*innen ist, eröffnet einen neue Sicht auf eine vertraute Geschichte.

Und, ja, am Ende gibt es einige Überraschungen. Denn der Gesellschaftsroman ist auch ein Kriminalroman; nur halt kein Kriminalroman im vertrauten „Tatort“-Format. Und das ist gut so.

Ulrike Blatter: Töchter des Todes

Leinpfad Verlag, 2019

340 Seiten

14 Euro

Hinweise

Homepage von Ulrike Blatter

Blog von Ulrike Blatter

Literaturport über Ulrike Blatter

Wikipedia über Ulrike Blatter

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