Neu im Kino/Filmkritik: „I am Greta“, Schulschwänzerin und Klimaretterin

Es war einmal – – – ein Mädchen, das anstatt die Schule zu besuchen, sich vor das schwedische Parlament setzte und protestierte. ‚Klimastreik‘ nannte sie ihre Aktion, mit der sie vor den Wahlen auf die schlimmen Folgen der Erderwärmung für ihre Generation hinwies. Und durch Gründe, die in der Doku „I am Greta“ nicht erklärt werden, wurde aus diesem Sitzen vor dem Parlament und ihrer gar nicht so revolutionären Forderung an die Politiker, die Klimakatastrophe ernst zu nehmen, das Pariser Klimaschutzabkommen von 2015 umzusetzen und so die Lebenschancen für die nachfolgenden Generationen zu bewahren, eine weltweite Bewegung. Überall schlossen Schüler sich in der Bewegung „Fridays of Future“ zusammen. Freitags boykottierten und boykottieren sie den Schulunterricht (gut, in Zeiten von Home-Schooling ist das jetzt etwas anders) und gehen auf die Straße, um für das Klima zu protestieren.

Greta Thunberg, die bei ihren ersten Protesten im August 2018 fünfzehn Jahre alt war, wurde zu einem weltweit gefeierten Idol. Sie wurde auf internationale Konferenzen eingeladen, trat bei Demonstrationen auf und traf sich mit Staatschefs. Denen erklärte sie, dass sie jetzt etwas tun müssen, um das Klima und damit die Lebenschancen künftiger Generationen zu bewahren. Diese nickten meist verständnisvoll.

In seinem chronologisch erzähltem Dokumentarfilm „I am Greta“ verfolgt Regisseur Nathan Grossman Greta Thunberg auf ihrem Weg von Stockholm nach New York zur UN-Klimakonferenz. Er bleibt immer nah an ihr. Neben Greta sind alle anderen Menschen Statisten. Nur ihr Vater ist neben ihr öfter im Bild und redet ausführlicher mit ihr. Das führt zu einigen intimen Momenten, aber die meiste Zeit ist „I am Greta“ das filmische Äquivalent zu einem Starschnitt.

Damit ähnelt „I am Greta“ auf den ersten Blick der Al-Gore-Show „Immer noch eine unbequeme Wahrheit – Unsere Zeit läuft“ (An Inconvenient Sequel: Truth to Power, USA 2017). Auch Al Gore reiste für den Film um die Welt, besucht die Orte, an denen die Folgen der Erderwärmung schon gesehen werden, lässt sich von Experten das Gesehen erklären, redet vor Interessierten und seinen ‚Climate Leaders‘. In diesen Momenten gibt es auch Informationen über die Erderwärmung und Hinweise auf Hoffnung machende Projekte. Das fehlt „I am Greta“. Hier geht es nur um sie. Die Ausschnitte aus ihren öffentlichen Auftritten enden normalerweise nach ihren Eingangsworten, in denen sie ihren Namen und ihr Alter nennt. Ihre Forderungen bleiben diffus. Außer dass das Pariser Abkommen umgesetzt werden soll.

Es wird auch noch nicht einmal versucht zu erklären, warum Greta Thunberg ein weltweites Phänomen werden konnte. Das um sie herum entstandene Netzwerk an Freunden und Unterstützern wird ignoriert. „Fridays for Future“ existiert nur als Plattform für ihre Auftritte. Statements von ihren Eltern, Bekannten, Verwandten, Freunden, Unterstützern und Fachleuten fehlen. Es wird auch jeder Anschein einer Analyse vermieden. Stattdessen gibt es unkommentierte Szenen mit Greta Thunberg im Mittelpunkt: mal auf verschiedenen Bühnen, mal privat im Elternhaus oder im Hotelzimmer und auf dem Segelschiff, in dem sie von Plymouth nach New York zum im September 2019 stattfindendem UN-Klimagipfel fuhr.

Dieser Fokus auf Greta Thunberg und ihre öffentlichen Auftritte ignoriert dann auch die weltweite Klimaschutzbewegung in der Vergangenheit und Gegenwart. Es ist ja nicht so, dass es vor Greta Thunberg keine Umweltschützer gab. In „I am Greta“ sind sie, sofern sie überhaupt auftauchen, Staffage.

Deutlich gelungener in dieser Hinsicht ist Jim Raketes Debütfilm „Now“, in dem er mehrere Klimaaktivisten porträtiert. Der Film startet am 12. November 2020. Jim Rakete ist als Fotograf von Rockmusikern bekannt und die Musik im Film ist auch ziemlich gut.

I am Greta“ ist dagegen eine einzige Enttäuschung. Jedenfalls wenn man mehr als eine unkritische Ikonenverehrung möchte.

I am Greta (I am Greta, Schweden/Deutschland/USA/Großbritannien 2020)

Regie: Nathan Grossman

Drehbuch: Peter Modestij (Idee und Konzept)

mit Greta Thunberg, Svante Thunberg, Emmanuel Macron, Justin Trudeau, Luisa Neubauer, Anuna De Wever

Länge: 101 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Filmportal über „I am Greta“

Moviepilot über „I am Greta“

Metacritic über „I am Greta“

Rotten Tomatoes über „I am Greta“

Wikipedia über „I am Greta“ und Greta Thunberg (deutsch, englisch)

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