Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: James Gandolfinis Abschiedsvorstellung in Dennis Lehanes „The Drop – Bargeld“

Dezember 4, 2014

Der Schock war groß, als James Gandolfini am 19. Juni 2013 in Italien an einem Herzinfarkt starb. Er war erst 51 Jahre alt und, nach seinem Durchburch als Mafiosi Tony Soprano in „Die Sopranos“, ein allseits beliebter Schauspieler, der in Spielfilmen oft einprägsame Nebenrollen hatte. Zuletzt war er in „Zero Dark Thirty“ der CIA-Direktor oder in „Killing them softly“ ein Killer mit Burn-Out-Syndrom und Alkoholproblem. In der Liebeskomödie „Genug gesagt“ spielte er, untypisch für ihn, einen Liebhaber und in „The Drop“, seinem letzten Film, den desillusionierten Barbesitzer Marv (oder Cousin Marv, wie ihn allen nennen), dessen Lokal in Brooklyn eine Drop Bar ist. Also eine Bar, in der die Mafia für einen Abend ihr Straßengeld lagert und später abholt. Eines Abends, kurz nach Weihnachten, wird die Bar überfallen und eine Serie von tödlichen Ereignissen beginnt. Denn selbstverständlich will der tschetschenische Gangsterboss Chovka (Michael Aronov) sein Geld haben und „Skrupel“ ist dabei für ihn ein Fremdwort.
Marvs langjähriger und mit ihm verwandter Barkeeper Bob Saginowski (Tom Hardy), ein introvertierter Mann, der bei dem Überfall dabei war und Detective Torres (John Ortiz) sagte, dass einer der Gangster eine kaputte Uhr gehabt hatte, findet auf seinem Heimweg in einer Mülltonne einen Hund, den er, eher widerwillig, bei sich aufnimmt. Er befreundet sich mit Nadia (Noomi Rapace), die sich gut mit Hunden versteht und in deren Mülltonne der kleine Pitbull war.
Kurz darauf will Eric Deeds (Matthias Schoenaerts) seinen Hund wieder haben. Er ist der frühere Besitzer von Rocco, wie Bob das Welpen nannte, und Nadias gewalttätiger Ex-Freund. Bob weigert sich, aber Eric, der damit prahlt, den vor Jahren spurlos verschwundenen Richie ‘Glory Days’ Whelan ermordet zu haben, wird nicht lockerlassen.
Und dann liegt im Hof von Cousin Marvs ein abgehackter Arm auf. An seinem Handgelenk ist die kaputte Uhr. Bob entsorgt das Körperteil ohne zu Zögern und ohne ein Wort zu sagen. Aber Marv ist nervös.
„The Drop“ ist ein düsterer, ruhig erzählter, in Brooklyn spielender Gangsterfilm, der nicht thrillen, sondern ein alltägliches Porträt eines Viertels und einiger seiner Bewohner entwerfen will. Das gelingt Michaël R. Roskam in seinem US-Debüt, nach seinem Spielfilmdebüt „Bullhead“ (Rundskop, 2011), auch vorzüglich. Dank der minimalistisch spielenden Schauspieler und der knappen Dialoge von Dennis Lehane („Mystic River“), der hier eine auf den ersten Blick einfache Geschichte erzählt, die dann doch ziemlich komplex und verdammt gut konstruiert ist.
Die Filmgeschichte basiert auf seiner Kurzgeschichte „Animal Rescue“, die Lehane zuerst zu einem Drehbuch ausbaute und dann als Roman wiedererzählte, wobei der Roman und der Film in einem interessanten Spannungsverhältnis stehen. Denn Lehane veränderte einige Details (so spielt der Roman nicht in Brooklyn, sondern in Boston) und plötzlich erscheint in der kleinen Gangstergeschichte vieles in einem anderen Licht, weshalb sich ein Vergleich von Buch und Film lohnt.

The Drop - Plakat

The Drop – Bargeld (The Drop, USA 2014)
Regie: Michaël R. Roskam
Drehbuch: Dennis Lehane
LV: Dennis Lehane: Animal Rescue, 2009 (erschienen in Dennis Lehane, Hrsg.: Boston Noir, Kurzgeschichte)
mit James Gandolfini, Tom Hardy, Noomi Rapace, Matthias Schoenaerts, John Ortiz, Elizabeth Rodriguez, Michael Aronov, Morgan Spector, Michael Esper, Ross Bickell, James Frecheville, Tobias Segal, Patricia Squire, Ann Dowd
Länge: 107 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Der Roman zum Film

Lehane - The Drop - Bargeld - 4

Dennis Lehane: The Drop – Bargeld
(übersetzt von Steffen Jacobs)
Diogenes, 2014
224 Seiten
19,90 Euro

Originalausgabe
The Drop
William Morrow, New York, 2014

Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „The Drop“
Moviepilot über „The Drop“
Metacritic über „The Drop“
Rotten Tomatoes über „The Drop“
Wikipedia über „The Drop“ (deutsch, englisch)

Homepage von Dennis Lehane

Meine Besprechung von Dennis Lehanes „Coronado“ (Coronado, 2006)

Meine Besprechung von Dennis Lehanes „Moonlight Mile“ (Moonlight Mile, 2010)

Meine Besprechung von Dennis Lehanes “In der Nacht” (Live by Night, 2012)

Meine Besprechung der Dennis-Lehane-Verfilmung „Gone Baby Gone – Kein Kinderspiel“ (Gone Baby Gone, USA 2007)

Meine Besprechung von Christian De Metters Comicversion von Dennis Lehanes “Shutter Island” (Shutter Island, 2008 [Comic])

Dennis Lehane in der Kriminalakte

Die Pressekonferenz zum Film beim diesjährigen Toronto International Film Festival (TIFF) mit Michaël R. Roskam, Dennis Lehane, Tom Hardy, Noomi Rapace und Matthias Schoenarts


Der Edgar-Gewinner „In der Nacht“ von Dennis Lehane

Februar 22, 2014

Ein neuer Roman von Dennis Lehane ist immer gut für einige spannende Lesestunden. Das gilt auch für „In der Nacht“, seinen in den Zwanzigern und Dreißigern spielenden Gangsterroman, der – verdient – 2013 den Edgar als bester Kriminalroman des Jahres erhielt.

So – das war der Teil für alle, die wirklich jeden SPOILER vermeiden wollen, aber wissen wollen, ob es ein gutes Buch ist.

Ja, es ist ein gutes Buch.

Und ab jetzt werde ich, weil ich nicht vollkommen gekünstelt herumschwurbeln will (was dann auch wieder Spoiler durch die Hintertür wären), einiges von der Geschichte und Teile des Endes spoilern. Aber das Wissen um das Ende hat uns echten Gangsterkrimifans noch nie vom Genuss des Werkes – ich sage nur „Scarface“ – abgehalten.

Als Dennis Lehane 1994 mit seinem ersten Kenzie/Gennaro-Privatdetektivroman „Streng vertraulich“ (A Drink before the War) die Szene betrat, wurde er gleich zum Liebling der Krimifans. In Deutschland dauerte es fünf Jahre, bis seine Romane übersetzt wurden und man nahm dann keine Rücksicht auf die Reihenfolge, in der die durchaus miteinander zusammenhängenden Romane in den USA veröffentlicht wurden.

Nach fünf Kenzie/Gennaro-Geschichten konzentrierte Lehane sich ab 2001, bis auf „Moonlight Mile“ (Moonlight Mile, 2010), auf Einzelwerke, in denen er verschiedene Subgenres ausprobierte. Sehr erfolgreich. Am Bekanntesten sind, auch wegen der erfolgreichen Verfilmungen „Mystic River“ und „Shutter Island“ (wobei mir hier das Buch viel besser gefällt). Außerdem wurde der Kenzie/Gennaro-Roman „Gone, Baby, Gone“ verfilmt. Ebenfalls eine äußerst gelungene Verfilmung.

Wenn sein neuester Roman „In der Nacht“ verfilmt wird, dann wohl nur als Film mit Überlänge oder, was besser wäre, als Mini-TV-Serie. Denn Lehane erzählt auf gut sechshundert kurzweiligen Seiten die Geschichte von Joe Coughlin von 1926 bis 1935. Er gehört zur Familie Coughlin, die wir aus „Im Aufruhr jener Tage“ (The given Day, 2008) kennen. Der Roman spielte unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg in Boston und Joes älterer Bruder Danny stand im Mittelpunkt. Inzwischen ist Danny nicht mehr Polizist und hat Boston verlassen.

1926 ist der neunzehnjährige Joe Coughlin Laufbursche und kleiner Gangster in Boston. Nach einem Überfall beginnt er eine Beziehung mit Emma Gould, der Freundin des Gangsterbosses Albert White. Als ein Banküberfall grandios schiefgeht, wird er zu einer zweijährigen Zuchthausstrafe verurteilt. Im Nachgang des Überfalls starb auch Emma bei einem Autounfall.

Im Gefängnis nimmt ihn der mit White verfeindete Gangsterboss Maso Pescatore unter seine Fittiche. Er schickt Coughlin, nachdem er aus dem Gefängnis entlassen wird, nach Ybor, Florida. Dort steigt Coughlin zum lokalen Gangsterboss auf, indem er den Schmuggel von Alkohol professionalisiert, enge Kontakte zu den dortigen ethnischen Minderheiten hat, sich in die Kubanerin Graciella verliebt, immer wieder, auch skrupellos, aber meistens langfristig planend, seine Interessen durchsetzt, und mit ihr in Kuba ein neues Heim aufbaut.

Lehane folgt dabei, mit eher kleinen, aber interessanten Variationen und etlichen breit geschilderten Episoden, wie den Überfall auf das Waffenlager eines Kriegsschiffes und natürlich etlichen Konflikten mit anderen Gangstern, dem Ku-Klux-Klan und der lokalen Oberschicht, den vertrauten Pfaden des klassischen Gangsterromans vom Aufstieg und Niedergang eines Gangster.

Die wichtigste Variation ist der Protagonist. Joe Coughlin ist ein aus einem guten Haus kommender, gebildeter junger Mann. Sein Vater ist der Stellvertretende Polizeichef von Boston. Damit ist er das Gegenteil des klassischen Gangsters, der ein großmäuliger Aufsteiger aus kleinen Verhältnissen ist, ein oft nicht besonders gebildeter Einwanderer ist, der letztendlich an sich selbst scheitert. Al Capone war das Vorbild für diesen Typ. Little Caesar und Scarface die literarischen und filmischen Verarbeitungen dieses Typs. Der Ire Coughlin schlägt da mehr nach den jüdischen Gangstern, wie Meyer Lansky, die das Gangstertum als eine Phase betrachteten, um an Geld zu kommen. Ihre popkulturelle Faszination und Strahlkraft ist deutlich geringer.

Die zweite Variation ist, dass in „In der Nacht“ die Phase des Niedergangs fehlt. Joe Coughlin kann sein Imperium konsolidieren. Er liegt am Ende nicht im Schmutz. Bei ihm blinkt kein „The World is yours“ im Hintergrund.

Und dennoch, wenn man sich Coughlin und seine Beziehungen zu seinen Frauen ansieht, ist das Ende düsterer als das der klassischen Gangsterkrimis.

Lehane - In der Nacht - 2

Dennis Lehane: In der Nacht

(übersetzt von Sky Nonhoff)

Diogenes, 2013

592 Seiten

22,90 Euro

Originalausgabe

Live by Night

William Morrow, New York, 2012

Dennis Lehane besucht Deutschland

Mittwoch, 19. März, Köln Lit.Cologne

Donnerstag 20. März, Zürich, Kaufleuten

Freitag, 21. März, Berlin, Max und Moritz

Samstag, 22. März, München, Literaturhaus

Hinweise

Perlentaucher über Dennis Lehanes “In der Nacht”

Homepage von Dennis Lehane

Meine Besprechung von Dennis Lehanes „Coronado“ (Coronado, 2006)

Meine Besprechung von Dennis Lehanes „Moonlight Mile“ (Moonlight Mile, 2010)

Meine Besprechung der Dennis-Lehane-Verfilmung „Gone Baby Gone – Kein Kinderspiel“ (Gone Baby Gone, USA 2007)

Meine Besprechung von Christian De Metters Comicversion von Dennis Lehanes “Shutter Island” (Shutter Island, 2008 [Comic])

Dennis Lehane in der Kriminalakte


Dennis Lehanes „Shutter Island“ in Christian De Metters grandioser Comic-Version

Mai 27, 2012

Inzwischen müsste die Geschichte von „Shutter Island“ bekannt sein. Immerhin wurde Dennis Lehanes fantastischer Kriminalroman von Martin Scorsese mit Leonardo DiCaprio in der Hauptrolle verfilmt. Der Kassenhit erntete 2010 von den Kritikern Lobeshymnen. Ich empfand ihn als ziemlich langweilig und frage mich immer noch, warum sie den Trailer so schneiden mussten, dass die Lösung offensichtlich ist. Aber das ist Hollywood-Marketing.

Schon bevor Martin Scorsese sich mit Lehanes Geschichte beschäftigte, schrieb und zeichnete der Franzose Christian De Metter eine Graphic Novel, die dem Roman genau folgt und oft wie das Storyboard für die Verfilmung wirkt.

Auf der titelgebenden Insel Shutter Island leitet Dr. Jeremiah Naehring, der bereits für die Nazis Menschenversuche machte, 1954 eine Irrenanstalt, in der besonders gefährliche, geisteskranke Verbrecher eingesperrt werden. Die US Marshals Teddy Daniels und Chuck Aule sollen dort die spurlos verschwundene Insassin Rachel Solando suchen. Als sich ein Sturm der Insel nähert, müssen Daniels und Aule länger als geplant auf der Insel bleiben.

Daniels verfolgt allerdings auch noch zwei geheime Missionen. Er will herausfinden, was mit Andrew Laeddis, dem Mann, der seine Frau umbrachte, geschah und er glaubt, dass Dr. Naehring und Dr. Cawley, der als leitender Arzt ihr Ansprechpartner ist und bereits für mehrere Geheimdienste arbeitete, im Auftrag der Regierung geheime Versuche mit Menschen machen. Deshalb will er auch wissen, was mit dem Patienten Nummer 67, der in den Akten der Anstalt nicht auftaucht, geschah.

Als Dennis Lehane vor zehn Jahren „Shutter Island“ schrieb, war er bei Krimifans als Autor der Patrick-Kenzie/Angela-Gennaro-Privatdetektivkrimis bereits ein bekannter Name und mit seinem ersten Einzelwerk „Mystic River“ festigte er seinen Ruf als exzellenter Krimiautor. Er hätte also locker ein zweites „Mystic River“ schreiben können. Aber er machte eine Kehrtwende und schrieb einen leicht pulpigen, in den fünfziger Jahren spielenden Thriller, der unbekümmert Verschwörungstheorien mit Fünfziger-Jahre-Paranoia und Horroratmosphäre mischt und einen wirklich überraschenden Schluss hat.

Christian De Metter folgte Lehanes Geschichte genau bis zur überraschenden Pointe; – jedenfalls wenn man noch nicht den Roman gelesen oder die Verfilmung gesehen hat. Beim Lesen seiner fast vollständig in Schwarz-Weiß-Zeichnungen gehaltenen Graphic Novel fällt auf, wie präzise Lehane falsche Spuren legte und, wenn man sie richtig deutete, Hinweise auf die Lösung gab. In der Verfilmung wird dagegen mit dem Holzhammer gearbeitet.

Insofern lohnt sich De Metters Version von „Shutter Island“ für die Lehane-Fans als werktreue, aber auch eigenständige Interpretation des Romans. Und wer zuerst den Comic gelesen hat, sollte trotzdem auch den Roman lesen.

Christian De Metter/Dennis Lehane: Shutter Island

(übersetzt von Resel Rebiersch)

Schreiber und Leser, 2010

128 Seiten

17,80 Euro

Originalausgabe

Shutter Island

Casterman/Payot & Rivages, 2008

Vorlage

Dennis Lehane: Shutter Island

William Morrow, 2003

Deutsche Ausgabe unter dem gleichen Titel.

Hinweise

Wikipedia über Christian De Metter (englisch, französisch)

Homepage von Dennis Lehane

Meine Besprechung von Dennis Lehanes „Coronado“ (Coronado, 2006)

Meine Besprechung von Dennis Lehanes „Moonlight Mile“ (Moonlight Mile, 2010)

Meine Besprechung der Dennis-Lehane-Verfilmung „Gone Baby Gone – Kein Kinderspiel“ (Gone Baby Gone, USA 2007)

Dennis Lehane in der Kriminalakte


Dennis Lehane schickt Patrick Kenzie und Angie Gennaro auf die „Moonlight Mile“

September 5, 2011

Nach elf Jahren legt Dennis Lehane wieder einen Krimi mit den Privatdetektiven Patrick Kenzie und Anie Gennaro vor. Aber in den vergangenen Jahren änderte sich einiges. Die beiden haben geheiratet und eine vierjährige Tochter. Angie studiert und steht kurz vor ihrer Soziologie-Abschlussprüfung. Patrick bemüht sich um eine Festanstellung in einer großen Detektei, deren Kundschaft aus sehr reichen Kunden besteht. Patricks Gerechtigkeitssinn und sein renitentes Verhalten sind da natürlich ein großes Problem. Und Patrick fragt sich inzwischen immer öfter, ob ihm der Job immer noch gefällt.

Da bittet ihn Beatrice McCready ihre inzwischen sechzehnjährige Nichte Amanda zu suchen. Patrick und Angie hatten, wie wir aus dem auch grandios verfilmten „Gone Baby Gone – Kein Kinderspiel“ wissen, Amanda bereits vor zwölf Jahren gesucht, gefunden und zurück zu ihrer Mutter gebracht.

Schon damals fragte Patrick sich, ob er die richtige Entscheidung getroffen hatte, indem er Amanda aus einer funktionierenden, Amanda liebenden Familie herausriss und zurück zu ihrer Mutter, einer Alkoholikerin, brachten. Jetzt wird er mit den Konsequenzen seiner Entscheidung konfrontiert. Und er begegnet der fast erwachsenen Amanda, die in verschiedene Verbrechen verwickelt ist und von der Russenmafia gesucht wird.

Und genau diese Frage, ob Patrick sich damals richtig entschied, hat wahrscheinlich auch Dennis Lehane angetrieben, nach über zehn Jahren, in denen er mit Einzelwerken, wie „Mystic River“, „Shutter Island“ und „Im Aufruhr jener Tage“, sehr erfolgreich verschiedene Genrevarianten ausprobierte, wieder eine Geschichte mit den beiden, bei Krimifans beliebten Privatdetektiven zu schreiben, die eine interessante Weiterentwicklung von Robert B. Parkers Privatdetektiv Spenser sind. „Moonlight Mile“ liest sich dann, vor allem auf den ersten Seiten, mit Patrick als Spenser, Bubba als Hawk und Angie als Susan Silverman als Spenser-Pastiche. Dazu tragen auch die vielen Gespräche über Patricks Arbeitsethos, über seine damalige Entscheidung, ob er sie jetzt, mit einem eigenen Kind, wieder so treffen würde, über das Verhältnis von Eltern zu ihren Kindern und umgekehrt, bei. Auch der wenig überraschende Plot, in dem die einzelnen Charaktere sich endlos Geschichten erzählen, erinnert an Parkers Spenser-Romane. Aber während Spenser sich mit Susan über sein Machotum unterhält, unterhalten Patrick und Angie sich bevorzugt über die Erziehung ihrer Tochter.

Das liest sich dann oft wie ein Erziehungsratgeber, angereichert mit etwas elterlichem Stolz auf die eigenen Kinder, dem ein Krimiplot beigegeben wurde, der den Helden eher auf die Zuschauerbank verbannt. Auch am Ende.

Die wichtigsten Erkenntnisse am Ende von „Moonlight Mile“ dürften sein, dass Patrick Kenzie und Anie Gennaro älter, ruhiger und vernünftiger geworden sind und dass die Abstiegsängste des Mittelstandes jetzt auch im Privatdetektivroman angekommen sind.

Um nicht falsch verstanden zu werden: „Moonlight Mile“ ist ein flott zu lesender, schnörkellos geschriebener Krimi und eine willkommenes Wiedersehen mit Patrick Kenzie und Angie Gennaro. Ich hätte mir (immerhin habe ich keine Kinder) nur eine bessere Geschichte dafür gewünscht.

Dennis Lehane: Moonlight Mile

(übersetzt von Andrea Fischer)

Ullstein, 2011

384 Seiten

9,99 Euro

Originalausgabe

Moonlight Mile

William Morrow and Company, 2010

Die Fälle von Patrick Kenzie und Angela Gennaro

Streng vertraulich (A Drink before the War, 1994)

Absender unbekannt (Darkness, take my Hand, 1996)

In tiefer Trauer (Sacred, 1997)

Gone Baby Gone – Kein Kinderspiel (Gone, Baby, Gone, 1998)

Regenzauber (Prayers for Rain, 1999)

Moonlight Mile (Moonlight Mile, 2010)

Hinweise

Homepage von Dennis Lehane

Thrilling Detective über Patrick Kenzie und Angela Gennaro

ShotsMag spricht mit Dennis Lehane über „Moonlight Mile“

Meine Besprechung von Dennis Lehanes „Coronado“ (Coronado, 2006)

Dennis Lehane in der Kriminalakte

 


Dennis Lehane über “Im Aufruhr jener Tage” (The given day)

April 12, 2010

Der neue Roman von “Shutter Island”-Autor Dennis Lehane, “Im Aufruhr jener Tage” (The given day, 2008), ist jetzt bei Ullstein erschienen. Aber 768 engbedruckte Zeilen zu lesen dauert einige Tage. Auch wenn es über den Streik der Bostoner Polizei nach dem Ersten Weltkrieg und die Geschichte einer Freundschaft in schwierigen Zeiten geht.

Vor oder begleitend zur Lektüre können wir uns anhören, was Dennis Lehane über “Im Aufruhr jener Tage” sagt:

Er nimmt uns mit auf einen Spaziergang zu einigen für den Roman wichtigen Orten:

Zusammen mit Tess Gerritsen stellt er seinen neuen Roman vor:


Arte über Dennis Lehane

August 9, 2009

Schnell, schnell. Dürfte nur einige Tage online sein. Die Reportage über Dennis Lehane bei dem Sender unseres Vertrauens.

(Kurze Vorfreudemeldung: Arte zeigt am Montag, den 17. August erstmals den Jean-Pierre-Melville-Klassiker “Der zweite Atem” in der ungekürzten Version. 25 Minuten mehr Melville.)

Update – wenige Stunden später: Ist wohl schon offline.


Ian Rankin redet, Theakstons Crime Novel of the Year, Dennis Lehanes neues Buch

Juli 23, 2008

Bei “In For Questining” ist ein Interview mit Ian Rankin online. Schon etwas älter sind die Gespräche mit Stuart MacBride und dem noch nicht ins Deutsche übersetzten Ray Banks (noch ein Schotte).

Es hat einige Tage gedauert, aber jetzt steht die Gewinnerin des diesjährigen Theakstons Old Peculier Crime Novel of the Year auch auf der offiziellen Homepage. Es ist Stef Penny mit The Tenderness of Wolves. Dort finden Sie auch die Shortlist; die Longlist gibt es hier.

In den USA erscheint am 23. September das lange angekündigte historische Epos “The given day” (720 Seiten!) über den Streik der Polizei von Boston 1919 von Krimi-Autor Dennis Lehane (unter anderem “Gone, Baby, Gone”, “Mystic River” und “Shutter Island”). In der Seattle Times erschien jetzt ein informativer Artikel über Lehane und sein neuestes Buch. Eine deutsche Veröffentlichung ist noch nicht angekündigt.


Die Edgars 2015

Mai 5, 2015

In New York City (die Stadt, nie niemals aufsteht, weil sie niemals schläft. Oder so.) verliehen die Mystery Writers of America die diesjährigen Edgar-Allan-Poe-Preise:
Best Novel
Mr. Mercedes (Mr. Mercedes), von Stephen King (Scribner)
nominiert
This Dark Road to Mercy, von Wiley Cash (Morrow)
Wolf, von Mo Hayder (Atlantic Monthly Press)
The Final Silence, von Stuart Neville (Soho Press)
Saints of the Shadow Bible (Schlafende Hunde), by Ian Rankin (Little, Brown)
Coptown, von Karin Slaughter (Ballantine)

Best First Novel by an American Author
Dry Bones in the Valley, von Tom Bouman (Norton)
nominiert
Invisible City, von Julia Dahl (Minotaur)
The Life We Bury, von Allen Eskens (Seventh Street)
Bad Country, von C.B. McKenzie (Minotaur/Thomas Dunne)
Shovel Ready, von Adam Sternbergh (Crown)
Murder at the Brightwell, von Ashley Weaver (Minotaur/Thomas Dunne)

Best Paperback Original
The Secret History of Las Vegas, von Chris Albani (Penguin)
nominiert
Stay With Me, von Alison Gaylin (Morrow)
The Barkeep, von William Lashner (Thomas & Mercer)
The Day She Died, von Catriona McPherson (Midnight Ink)
The Gone Dead Train, von Lisa Turner (Morrow)
World of Trouble, von Ben H. Winters (Quirk)

Best Fact Crime
Tinseltown: Murder, Morphine, and Madness at the Dawn of Hollywood, von William Mann (Harper)
nominiert
Kitty Genovese: The Murder, the Bystanders, the Crime that Changed America, von Kevin Cook (Norton)
The Savage Harvest: A Tale of Cannibals, Colonialism, and Michael Rockefeller’s Tragic Quest for Primitive Art, von Carl Hoffman (Morrow)
The Other Side, von Lacy M. Johnson (Tin House)
The Mad Sculptor: The Maniac, the Model, and the Murder that Shook the Nation, von Harold Schechter (New Harvest)

Best Critical/Biographical
Poe-Land: The Hallowed Haunts of Edgar Allan Poe, von J.W. Ocker (Countryman Press)
nominiert
The Figure of the Detective: A Literary History and Analysis, von Charles Brownson (McFarland & Company)
James Ellroy: A Companion to the Mystery Fiction, von Jim Mancall (McFarland & Company)
Kiss the Blood Off My Hands: Classic Film Noir, von Robert Miklitsch (University of Illinois Press)
Judges & Justice & Lawyers & Law: Exploring the Legal Dimensions of Fiction and Film, von Francis M. Nevins (Perfect Crime)

Best Short Story
What Do You Do?, von Gillian Flynn (aus Rogues, herausgegeben von George R.R. Martin und Gardner Dozois; Ballantine)
nominiert
The Snow Angel, von Doug Allyn (Ellery Queen Mystery Magazine [EQMM], January 2014)
200 Feet, von John Floyd (The Strand Magazine, February-May 2014)
Red Eye, von Dennis Lehane vs. Michael Connelly (aus FaceOff [FaceOff – Doppeltes Spiel], herausgegeben von David Baldacci; Simon & Schuster)
Teddy, von Brian Tobin (EQMM, May 2014)

Best Juvenile
Greenglass House, von Kate Milford (Houghton Mifflin Harcourt Books for Young Readers)
nominiert
Absolutely Truly, von Heather Vogel Frederick (Simon & Schuster Books for Young Readers)
Space Case, von Stuart Gibbs (Simon & Schuster Books for Young Readers)
Nick and Tesla’s Super-Cyborg Gadget Glove, von “Science Bob” Pflugfelder and Steve Hockensmith Quirk)
Saving Kabul Corner, von N.H. Senzai (Paula Wiseman)
Eddie Red, Undercover: Mystery on Museum Mile, von Marcia Wells (Houghton Mifflin Harcourt Books for Young Readers)

Best Young Adult
The Art of Secrets, von James Klise (Algonquin Young Readers)
nominiert
The Doubt Factory, von Paolo Bacigalupi (Little, Brown Books for Young Readers)
Nearly Gone, von Elle Cosimano (Penguin Young Readers Group/Kathy Dawson)
Fake ID, von Lamar Giles (HarperCollins Children’s Books/Amistad)
The Prince of Venice Beach, von Blake Nelson (Little, Brown Books for Young Readers)

Best Television Episode Teleplay
Episode 1, Happy Valley, Drehbuch von Sally Wainwright (Netflix)
nominiert
The Empty Hearse (Der leere Sarg), Sherlock, Drehbuch von Mark Gatiss (Hartswood Films/Masterpiece)
Unfinished Business, Blue Bloods, Drehbuch von Siobhan Byrne O’Connor (CBS)
Dream Baby Dream, The Killing, Drehbuch von Sean Whitesell (Netflix)
Episode 6, The Game, Drehbuch von Toby Whithouse (BBC America)

The Simon & Schuster/Mary Higgins Clark Award
The Stranger You Know, von Jane Casey (Minotaur)
nominiert
A Dark and Twisted Tide, von Sharon Bolton (Minotaur)
Invisible City, von Julia Dahl (Minotaur)
Summer of the Dead, von Julia Keller (Minotaur)
The Black Hour, von Lori Rader-Day (Seventh Street)

Robert L. Fish Memorial Award
Getaway Girl, von Zoë Z. Dean (EQMM)

Grand Master
Lois Duncan
James Ellroy

Raven Awards
Ruth und Jon Jordan, Crimespree Magazine
Kathryn Kennison, Magna Cum Murder

Ellery Queen Award
Charles Ardai, Herausgeber und Gründer von Hard Case Crime

Herzliche Glückwunsch an alle nominierten und ausgezeichneten Autoren.
(via The Rap Sheet)


Die KrimiZeit-Bestenliste März 2015

März 5, 2015

Die März-Empfehlungen der KrimiZeit-Bestenliste sind:
1 (-) William McIlvanney: Die Suche nach Tony Veitch
2 (-) Alan Carter: Prime Cut
3 (-) Mike Nicol: Bad Cop
4 (-) Dave Zeltserman: Killer
5 (6) Norbert Horst: Mädchenware
6 (3) Dennis Lehane: The Drop – Bargeld
7 (4) Tana French: Geheimer Ort
8 (8) Tony Parsons: Dein finsteres Herz
9 (-) Zoë Beck: Schwarzblende
10 (2) Jesper Stein: Weißglut

In ( ) ist die Platzierung vom Vormonat.

Und nächsten Monat müsstem die neuen Romane von James Lee Burke und James Ellroy (gut tausend Seiten!) auf der Liste stehen.


Die KrimiZeit-Bestenliste Februar 2015

Februar 5, 2015

Diese Druckwerke empfehlen die Damen und Herren der KrimiZeit in ihrer aktuellen Bestenliste:
1 (2) Denise Mina: Das Vergessen
2 (-) Jesper Stein: Weißglut
3 (-) Dennis Lehane: The Drop – Bargeld
4 (-) Tana French: Geheimer Ort
5 (8) Oliver Harris: London Underground
6 (-) Norbert Horst: Mädchenware
7 (7) Andrew Brown: Trost
8 (-) Tony Parsons: Dein finsteres Herz
9 (9) Jo Nesbø: Der Sohn
10 (10) Nathan Larson: Boogie Man

In ( ) ist die Platzierung vom Vormonat.


Der Deutsche Krimi Preis 2015 – und meine Bücherjahresbestenliste

Januar 21, 2015

Der Deutsche Krimi Preis 2015 (kurz DKP) wurde an folgende Kriminalromane verliehen:
National
1. Platz: Franz Dobler: Ein Bulle im Zug (Tropen)
2. Platz: Oliver Bottini: Ein paar Tage Licht (Dumont)
3. Platz: Max Annas: Die Farm (Diaphanes)

International
1. Platz: James Lee Burke: Regengötter (Rain Gods) (Deutsch von Daniel Müller) (Heyne Hardcore)
2. Platz: Liza Cody: Lady Bag (Lady Bag) (Deutsch von Laudan & Szelinski) (Argument)
3. Platz: Oliver Harris: London Underground (Deep Shelter) (Deutsch von Gunnar Kwisinski) (Blessing)

Die Begründungen und die Namen der Jurymitglieder gibt es hier – und ich nutze jetzt die Gelegenheit, einen Teil meiner weitgehend im „man müsste doch“-Stadium verharrenden Jahresbestenliste zu veröffentlichen.Meine Top-Krimis 2014 sind:
National (ich lasse mal ältere Werke, wie Thomas Willmanns „Das finstere Tal“, weg und hab dann eine erschreckend kurze Liste von satisfaktionsfähigen Werken)
Jörg Juretzka: TaxiBar
Wolfgang Schweiger: Duell am Chiemsee
Wolf Haas: Brennerova (Hinweis: die vierte Brenner-Verfilmung “Das ewige Leben” startet am 19. März. Wieder mit dem bewährten Team. Wieder grandios.)
International (da wird die Liste der guten Werke deutlich länger und auch das Rauswerfen älterer oder wieder veröffentlichter Werke, wie George V. Higgins’ „Die Freunde von Eddie Coyle“, hilft kaum. Also werfe ich sogar nicht übersetzten Werke, wie Lawrence Blocks „Hit Me“ und Lee Goldbergs „Monk“-Romane, heraus und dann hätten wir diese Liste)
Dennis Lehane: In der Nacht/The Drop
Joe R. Lansdale: Machos und Macheten/Das Dickicht
Jim Nisbet: Der Krake auf meinem Kopf
Adrian McKinty: Die Sirenen von Belfast
Garry Disher: Dirty Old Town
und zwei Debüts
Bracken MacLeod: Mountain Home
Nathan Larson: 2/14 (den zweiten Dewey-Decimal-Roman „Boogie Man“ habe ich noch nicht gelesen)


Anthony Horowitz und „Der Fall Moriarty“

Dezember 17, 2014

Horowitz - Der Fall Moriarty - 2

Auch wenn sich „Der Fall Moriarty“ von Anthony Horowitz nicht so liest, ist es ein echter und typischer Rätselkrimi, bei dem letztendlich alles von der Auflösung abhängt und gerade deshalb ist eine Besprechung schwierig. Immerhin liegt ein großer Teil des Spaßes beim Lesen im Deuten und Enträtseln der vielen verschiedenen Spuren und natürlich im Versuch, die Lösung möglichst früh herauszufinden. Da verdirbt jeder Hinweis auf die richtige Lösung natürlich etwas von genau diesem Spaß; was jetzt nicht heißt, dass „Der Fall Moriarty“ beim zweiten Lesen, wenn man die Lösung kennt (oder sich auf Wikipedia informiert), eine reizlose Lektüre wäre. Denn der Roman reiht sich gelungen in die Reihe von Filmen mit einem Twist-Ende ein, die inzwischen Kultfilme sind. Ich sage nur „Fight Club“, „Die üblichen Verdächtigen“ und „The sixth Sense“, bei denen ich das Ende nicht vorhersah und mich im Nachhinein auch nicht betrogen fühlte, oder, um ein neueres Beispiel zu nennen, „Shutter Island“, bei dem ich das Ende schon im Trailer vorhersah (genaugenommen dachte ich „Oh Gott, die haben eben die Pointe verraten.“) und mir Dennis Lehanes Roman wesentlich besser als die Verfilmung gefällt. Doch genug der zeilenschindenden Abschweifungen und zurück in das viktorianische England.
„Der Fall Moriarty“ beginnt 1891 unmittelbar nach dem tödlichen Kampf von Sherlock Holmes und Professor James Moriarty, einem die Unterwelt von London beherrschenden, hochintelligenten Verbrecherchef. Beide stürzten in den Reichenbachfall und starben. Jedenfalls glaubten das damals alle.
Aber was geschah damals wirklich? Denn, und da verrate ich kein großes Geheimnis, Sherlock Holmes tauchte Jahre später quicklebendig wieder auf.
Auch der Erzähler von „Der Fall Moriarty“ hat schon damals seine Zweifel am Tod von Sherlock Holmes. Jedenfalls zerpflückt er auf den ersten Seiten die von Dr. John Watson aufgeschriebene Geschichte „Das letzte Problem/Sein letzter Fall“ (The final problem) über den Kampf von Sherlock Holmes und Professor Moriarty. Danach trifft der Ich-Erzähler, Pinkerton-Detektiv Frederick Chase, in Meiringen auf den Scotland-Yard-Ermittler Athelney Jones. Und dieser Jones, ein selbsternannter Sherlock-Holmes-Bewunderer, der wie Sherlock Holmes auftritt und entsprechend scharfsinnig schlussfolgert, ist deutlich intelligenter als der Athelney Jones, der in der von Anthony Horowitz geschriebenen Sherlock-Holmes-Kurzgeschichte „Die drei Königinnen“ (The Three Monarchs, kostenlos als eBook erhältlich) auftritt und Holmes und Watson bei einem seiner Fälle um Hilfe bittet.
Chase kam aus den USA nach England und dann direkt in die Schweiz, weil er hoffte, über Professor Moriarty an Informationen über den US-amerikanischen Gangster Clarence Devereux, dessen Gesicht noch niemand gesehen hat, zu kommen.
Die beiden Ermittler verbünden sich. Denn in London droht ein Krieg zwischen amerikanischen und englischen Verbrechern, wobei die Amerikaner, im Gegensatz zu den Briten, vor nichts zurückschrecken.
Das ist, wie schon Anthony Horowitz’ erste Sherlock-Holmes-Geschichte flott geschrieben und voller Lokal- und Zeitkolorit und es passiert wirklich genug auf den über dreihundert Seiten, um einen effektiv vom Nachdenken über die Lösung abzuhalten. Ich jedenfalls habe sie nicht vorhergesehen, habe aber danach alle Spuren und Hinweise erkannt.
Im Moment schreibt der enorm produktive Anthony Horowitz, der bei uns vor allem für seine Alex-Rider-Jugendbücher bekannt ist, den nächsten James-Bond-Roman und nachdem die Bond-Romane von Sebastian Faulks, Jeffery Deaver und William Boyd aus den verschiedensten Gründen scheiterten, freue ich mich jetzt wirklich auf den neuen James-Bond-Roman.
Und jetzt muss ich mich endlich an die schriftliche Version meines Interviews mit Anthony Horowitz machen. Wobei „endlich“, wie mir mein Kalender sagt, irgendwann zwischen Ende dieser Woche und Weihnachten ist.

Anthony Horowitz: Der Fall Moriarty
(übersetzt von Lutz-W. Wolff)
Insel, 2014
352 Seiten
19,95 Euro

Originaltitel
Moriarty
Orion Books, 2014

Hinweise

Homepage von Anthony Horowitz

Suhrkamp über “Der Fall Moriarty”

Meine Besprechung von Anthony Horowitz’ „Das Geheimnis des weißen Bandes“ (The House of Silk, 2011)

Die “Inspector Barnaby”-Fälle von Anthony Horowitz


Thriller-Autoren betreiben in „FaceOff – Doppeltes Spiel“

Dezember 9, 2014

Baldacci HRSG - FaceOff - 2

Die Idee für den neuesten Sammelband der International Thriller Writers (ITW), der internationalen Vereinigung von Thriller-Autoren hat etwas: bekannte Autoren lassen in einer Kurzgeschichte ihre bekannten Charaktere aufeinandertreffen. Das sind
Patrick Kenzie trifft Harry Bosch (geschrieben von Dennis Lehane und Michael Connelly)
John Rebus trifft Roy Grace (geschrieben von Ian Rankin und Peter James)
Slappy, der Puppenmann trifft Aloysius Pendergast (geschrieben von R. L. Stine, Douglas Preston und Lincoln Child)
Malachai Samuels trifft D. D. Warren (geschrieben von M. J. Rose und Lisa Gardner)
Paul Madriani trifft Alexandra Cooper (geschrieben von Steve Martini und Linda Fairstein)
Lincoln Rhyme trifft Lucas Davenport (geschrieben von Jeffery Deaver und John Sandford)
Michael Quinn trifft Handyman Jack (geschrieben von Heather Graham und F. Paul Wilson)
Sean Reilly trifft Glen Garber (geschrieben von Raymond Khoury und Linwood Barclay)
Wyatt Hunt trifft Joe Troma (geschrieben von John Lescroat und T. Jefferson Parker)
Cotton Malone trifft Gray Pierce (geschrieben von Steve Berry und James Rollins)
Jack Reacher trifft Nick Heller (geschrieben von Lee Child und Joseph Finder)
Und die Idee, das muss ehrlich gesagt werden, ist auch das beste an „FaceOff – Doppeltes Spiel“. Denn was auf dem Papier wie ein Zusammentreffen von James Bond und George Smiley oder von Georg Wilsberg und Frank Thiel/Karl-Friedrich Börne klingt, hat in der Ausführung mit einigen Problemen zu kämpfen. So sind die Romancharaktere nicht so bekannt wie die eben genannten Filmcharaktere, was dazu führt, dass man nicht alle Charaktere kennt. Außerdem sind die Seriencharaktere in Romanen etwas austauschbarer, weil sie vor allem bestimmte Prinzipien und eine Sicht auf die Welt verkörpern. Sie lösen im Roman die Ereignisse aus oder kanalisieren sie in einer bestimmten Form. Aber ein unverwechselbares und für alle sofort erkennbares Gesicht haben sie nicht. So ist die Aufregung über das Gesicht des neuen James-Bond-Darstellers jedesmal sehr laut, aber wenn ein Autor eine bekannte Serie fortführt, ist die Aufregung geringer und, siehe die verschiedenen Post-Ian-Fleming-James-Bond-Romane, anders. Denn es geht darum, wie sehr der neue Autor den Geist, vulgo den Tonfall, des Erfinders bewahrt.
Eben dieser unverwechselbare Erzählton eines Autors fehlt in „FaceOff“, weil hier immer zwei Autoren ihre Geschichten zusammen geschrieben haben. Es kann auch etwas am Übersetzer liegen. Denn während die Autoren normalerweise verschiedene Übersetzer haben, übersetzte hier Leo Strohm alle Geschichten.
Und normalerweise haben die Autoren einen ganzen Roman von oft deutlich über vierhundert Seiten, um ihre Geschichte zu erzählen. In „FaceOff“ haben sie nur so um die vierzig Seiten, was letztendlich ungefähr die Länge einer Action-Szene ist.
Das gesagt, ist „FaceOff“ natürlich für Thriller-Fans ein sehr interessanter Sammelband, weil hier erstmals bekannte Charaktere zusammen auftreten und bekannte Autoren gemeinsam eine Geschichte erzählen. Einige Autoren, wie Lee Child, schreiben fast nie Kurzgeschichten und natürlich ist der Kneipenabend von Jack Reacher und Nick Heller in „Entgeltliche Gegenleistung“ vergnüglich, wenn sie sich blind verstehen und während eines Baseballspiels schnell und handgreiflich für etwas Gerechtigkeit sorgen. Bei Wyatt Hunt und Joe Trona artet ein Angelausflug in eine Schlacht mit einem Drogenkartell aus. Sean Reilly und Glen Garber beginnen nach einem kurzen Stop in einer Raststätte, nachdem ein Bösewicht Glens Tochter entführt, eine halsbrecherische Autoverfolgungsjagd über die Autobahn. Die Begegnung von John Rebus und Roy Grace bewegt sich dann in den ruhigeren Gewässern einer Polizeiermittlung und Michael Quinn und Handyman Jack erleben eine infernalische Nacht.
Für Thriller-Novizen geben die elf Geschichten mit den kurzen Einführungen und den ziemlich ausführlichen Autorenbiographien einen guten Einblick in die derzeitige Thriller-Szene und zeigen auch ihre Bandbreite von traditionellen Detektivgeschichten (vor allem der fast achtzigseitige Auftritt von Lincoln Rhyme und Lucas Davenport) über halbe Gangstergeschichten bis hin zu Action-Thrillern, von rein rationalen Geschichten mit realistischen Protagonisten bis hin zu Begegnungen mit mehr oder weniger übersinnlichen Charakteren.
Und so ist „FaceOff“ eine unterhaltsame Zusammenstellung, die etwas an ein Benefiz-Konzert erinnert: die Stimmung ist gut, auch wenn die Musiker nicht ihr bestes Konzert geben.

David Baldacci (Herausgeber): FaceOff – Doppeltes Spiel
(übersetzt von Leo Strohm)
Goldmann, 2014
448 Seiten
9,99 Euro

Originalausgabe
FaceOff
Simon & Schuster, 2014

Hinweis
Homepage der International Thriller Writers


Die KrimiZeit-Bestenliste November 2014

November 6, 2014

Wetter immer noch sommerlich. Empfehlungsliste der KrimiZeit-Kritiker immer noch mörderisch:
1 (3) Franz Dobler: Ein Bulle im Zug
2 (4) Liza Cody: Lady Bag
3 (-) James Lee Burke: Regengötter
4 (2) Wolf Haas: Brennerova
5 (1) Orkun Ertener: Lebt
6 (-) Ian Rankin: Schlafende Hunde
7 (-) Max Annas: Die Farm
8 (5) Nic Pizzolatto: Galveston
9 (-) Oliver Harris: London Underground
10 (-) Daniel Suarez: Control

In ( ) ist die Platzierung vom Vormonat.

Cody, Rankin (Blindtipp, weil immer gut), Annas, Pizzolatto („True Detective“ fand ich zwar hoffnungslos überbewertet, aber „Galveston“ ist angenehm kurz), Harris und Suarez stehen auch auf meiner Zu-Lesen-Liste.
Aber die Tage habe ich „Der Fall Moriarty“ (Insel Verlag) von Anthony Horowitz gelesen (Ah, ja. Das Interview war gut und Horowitz – das war meiner Aufmerksamkeit entgangen – schreibt den neuen James-Bond-Roman, auf den ich mich sehr freue. Immerhin sind seine Sherlock-Holmes-Geschichten grandios, er hat Erfahrung mit historischen Stoffen und er hat schon einen James-Bond-Charakter erfunden.) und bin jetzt, neben Michael Althens “Liebling, ich bin im Kino!” (Texte über Filme, Schauspieler und Schauspielerinnen, Karl Blessing Verlag), bei „FaceOff – Doppeltes Spiel“ (Goldmann), einem Kurzkrimi-Sammelband der International Thriller Writers, in dem bekannte Ermittler erstmals gemeinsam ermitteln. Zum Beispiel Patrick Kenzie und Harry Bosch oder Lincoln Rhyme und Lucas Davenport oder Jack Reacher und Nick Heller. Und die Erfinder haben die Geschichten gemeinsam geschrieben. Also Dennis Lehane und Michael Connelly. Jeffery Deaver und John Sandford. Undsoweiter. Die ersten Geschichten haben mir gefallen. Aber mir gefällt auch alles von Dennis Lehane, Michael Connelly, Ian Rankin,…

Und dann gibt es noch “Der Seidenspinner”, der neue Roman von “Harry Potter” Robert Galbraith, der 670 Seiten lang ist,  am 24. November erscheint und schon jetzt in der aktuellen “Zeit” (dieses Mal mit einer kleinen Krimibeilage) besprochen wird.


Vielversprechende Krimiverfilmungen

September 18, 2014

Beginnen wir chronologisch mit David Finchers Gillian-Flynn-Verfilmung “Gone Girl – Das perfekte Opfer”. Der Film startet am 2. Oktober.

Weiter geht’s mit “The Drop – Bargeld” von Michael R. Roskam (Bullhead) mit Tom Hardy, Noomi Rapace und James Gandolfini (sein letzter Spielfilm). Das Drehbuch schrieb Dennis Lehane nach seiner Kurzgeschichte “Animal Rescue”.

Für “Good People”, das US-Debüt des Dänen Henrik Ruben Genz (u. a. “Kommissarin Lund”), nach einem Drehbuch von Kelly Masterson (“Tödliche Entscheidung”), basierend auf dem Roman”Im Augenblick der Angst” (Good People, 2008) von Marcus Sakey, gibt es noch  keinen deutschen Starttermin. Aber bei der Besetzung (James Franco, Kate Hudson, Tom Wilkinson, Omar Sy) müsste es doch mit dem Teufel zugehen…

 

 


Die KrimiZeit-Bestenliste März 2014

März 6, 2014

Winter vorbei, Karneval überlebt (was in Berlin kein Problem war), KrimiZeit-Bestenliste für den März erhalten:

1 (-) David Peace: GB84

2 (7) Jan Costin Wagner: Tage des letzten Schnees

3 (3) Jesper Stein: Unruhe

4 (6) Zoë Beck: Brixton Hill

5 (-) Daniel Woodrell: In Almas Augen

6 (8) Dennis Lehane: In der Nacht

7 (5) Martin Cruz Smith: Tatjana

8 (10) Uta-Maria Heim: Wem sonst als Dir.

9 (4) Friedrich Ani: M

10 (-) Karim Miské: Entfliehen kannst Du nie

In ( ) ist die Platzierung vom Vormonat.


Die KrimiZeit-Bestenliste Februar 2014

Februar 6, 2014

 

Für den Berlinale-Monat empfehlen die KrimiZeit-Kritiker diesen Lesestoff:

1 (1) John le Carré: Empfindliche Wahrheit

2 (3) Dennis Lehane: In der Nacht

3 (9) Jesper Stein: Unruhe

4 (2) Friedrich Ani: M

5 (4) Martin Cruz Smith: Tatjana

6 (8) Zoë Beck: Brixton Hill

7 (-) Jan Costin Wagner: Tage des letzten Schnees

8 (-) Gary Victor: Schweinezeiten

9 (5) Garry Disher: Dirty Old Town

10 (-) Uta-Maria Heim: Wem sonst als Dir.

In ( ) ist die Platzierung vom Vormonat.

Tatjana“ und „In der Nacht“ werden demnächst besprochen. „Die Freunde von Eddie Coyle“ von George V. Higgins hat als Neuübersetzung ja ganz schlechte Karten für einen Platz in der Liste. Schade. Ist nämlich ein gutes Buch.


Die KrimiZeit-Bestenliste Januar 2014

Januar 9, 2014

 

Neues Jahr, neue KrimiZeit-Bestenliste, wegen Silvesterkater der Ersteller nicht am ersten Donnerstag des Monats, mit vielen alten Bekannten:

1 (3) John le Carré: Empfindliche Wahrheit

2 (1) Friedrich Ani: M

3 (7) Dennis Lehane: In der Nacht

4 (5) Martin Cruz Smith: Tatjana

5 (4) Garry Disher: Dirty Old Town

6 (2) Lee Child: 61 Stunden

7 (-) Ulrich Ritzel: Trotzkis Narr

8 (-) Zoë Beck: Brixton Hill

9 (-) Jesper Stein: Unruhe

10 (8) Jo Nesbø: Koma

In ( ) ist die Platzierung vom Vormonat.

Einige der gelisteten Romane habe ich schon gelesen. Einiges liegt immer noch auf meinem Zu-lesen-Stapel – und dann hab ich jetzt auch noch die Vorlage für Martin Scorseses „Der Wolf der Wall Street“, Jordan Belforts 640-seitige, eng bedruckte Biographie, bekommen.


Neu im Kino/Filmkritik: Hat James Gandolfini „Genug gesagt“?

Dezember 19, 2013

 

Nicole Holofceners „Genug gesagt“ ist eigentlich ein richtiger Frauenfilm, aber nach dem frühen Tod von James Gandolfini fällt es mir schwer, nicht endlos über ihn zu schreiben. Denn Gandolfini hat nur eine Nebenrolle. Er ist der neue Freund von Eva (Julia Louis-Dreyfus), die als Masseuse seine Ex-Frau Marianne (Catherine Keener) als Kundin hat. Aus der beruflichen Beziehung entwickelt sich zwischen den beiden Frauen auch eine Freundschaft. Marianne erzählt von ihren Gedichten und lästert hemmungslos über ihren Ex ab, der anscheinend ein chaotisches Rindvieh ist, das nicht aufräumt, mit den Fingern isst und vollkommen unsensibel ist. Irgendwann ahnt Eva, dass Mariannes unerträglicher Ex-Mann ihr netter neuer Freund ist. Weil sie jetzt aber weder Marianne noch Albert verrät, dass sie sich zufällig mit beiden angefreundet hat, stolpert sie in einen kleinen Gewissenskonflikt zwischen ihren beiden neuen Freunden. Denn sie fragt sich, was an Mariannes Lästereien dran ist.

Das hört sich jetzt nach einer x-beliebigen Romantic Comedy unter Über-Fünfzigjährigen an, aber eigentlich ist Holofceners sympathisch kleiner Film eine genaue Beobachtung der im Westside Bezirk in Hollywood lebenden Über-Vierzigjährigen, die ein normales Mittelklasseleben führen und nichts mit dem Filmgeschäft zu tun haben. Naja, bis auf Albert, der Filmarchivar ist und daher das TV-Programm der siebziger Jahre aus dem Eff-Eff kennt. Aber die Frauen sind berufstätig, die Kinder sind gerade auf dem Sprung an die Universität und man verbringt die Tage mit endlosem Gerede, das sich zunächst nach dem typisch US-amerikanisch höflich-belanglosem Geplapper anhört, bis dann doch irgendwann, verschüttet unter den Floskeln, die wahren Gefühle auftauchen und es auch um die Frage geht, mit wem man seine Freizeit verbringen will. Denn sie alle sind alt genug, um nicht mehr auf den Märchenprinzen zu warten.

Und weil „Genug gesagt“ der vorletzte Film von James Gandolfini ist („Animal Rescue“, nach einem Drehbuch von Dennis Lehane, soll 2014 in die Kinos kommen), rückt er, der hier einen normalen Mann, einen zu groß geratenen Teddybär, spielt, in den Mittelpunkt.

Genug gesagt“ ist ein rundum gelungener, fein beobachteter, witziger Wohlfühlfilm für Erwachsene.

Genug gesagt - Plakat

Genug gesagt (Enough said, USA 2013)

Regie: Nicole Holofcener

Drehbuch: Nicole Holofcener

mit Julia Louis-Dreyfus, James Gandolfini, Catherine Keener, Toni Colette, Ben Falcone, Tracy Fairaway, Eve Hewson, Tavi Gevinson

Länge: 93 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Genug gesagt“

Moviepilot über „Genug gesagt“

Metacritic über „Genug gesagt“

Rotten Tomatoes über „Genug gesagt“

Wikipedia über „Genug gesagt“ 

 

 


Die KrimiZeit-Bestenliste Dezember 2013

Dezember 5, 2013

 

Also dann: die Lektüreempfehlungen der KrimiZeit für die langen Nächte:

1 (3) Friedrich Ani: M

2 (5) Lee Child: 61 Stunden

3 (-) John le Carré: Empfindliche Wahrheit

4 (6) Garry Disher: Dirty Old Town

5 (-) Martin Cruz Smith: Tatjana

6 (2) Ana Paula Maia: Krieg der Bastarde

7 (-) Dennis Lehane: In der Nacht

8 (-) Jo Nesbø, Koma

9 (1) Jerome Charyn: Unter dem Auge Gottes

10 (-) Robert Crais: Strasse des Todes

In ( ) ist die Platzierung vom Vormonat.

Child, Disher, Smith, Lehane, Charyn, Crais: keine Einwände. Die Ani-Besprechung gibt es demnächst. Ebenso le Carré.


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