James Lee Burke sieht auf der “Straße der Gewalt” „Blut in den Bayous“ und Dave Robicheaux

Februar 20, 2017

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Es hat lange gedauert, aber seitdem die Romane von James Lee Burke in Deutschland wieder veröffentlicht werden, können alte Burke-Fans teilweise große Leselücken schließen (wenn sie die Romane nicht schon im Original gelesen haben) und junge Burke-Fans auch das Frühwerk entdecken. Denn der Pendragon-Verlag veröffentlicht auch die alten Robicheaux-Romane wieder. Doch dazu später mehr.

Mit „Straße der Gewalt“ (Last Car to Elysian Fields, 2003) liegt der dreizehnten von zwanzig Robicheaux-Romanen erstmals in deutscher Übersetzung vor.

Dave Robicheaux, der erste, bekannteste und erfolgreichste Seriencharakter von James Lee Burke, ist ein trockener Alkoholiker, war Kriminalpolizist in New Orleans und ist jetzt Sheriff in New Iberia.

Weil Jimmie Dolan, ein mit ihm befreundeter, umstrittener katholischer Pater in New Orleans, brutal zusammengeschlagen wird, kehrt Robicheaux auf der Suche nach den Tätern zurück in den Big Easy.

Gleichzeitig muss er sich in New Iberia um die Folgen eines Autounfalls, bei dem drei Teenagerinnen starben, kümmern. Denn der Tod der Mädchen setzt eine Spirale von Rache und Mord in Gang.

Und ein Erlösung suchender IRA-Killer treibt sich in Louisiana herum.

Straße der Gewalt“ gehört zu den späteren Robicheaux-Romanen, in denen die Atmosphäre, die Landschaftsbeschreibungen, einzelne Szenen und ihre Wirkung wichtiger als ein auch nur halbwegs stringent entwickelter Plot sind. Der Anfang ist, wie immer bei James Lee Burke, äußerst gelungen. Aber dann schleppen sich die verschiedenen Plots labyrinthisch über hunderte von Seiten vor sich hin bis sie, im Fall von „Straße der Gewalt“, in einem hastigen Ende münden.

Das war bei seinen ersten Robicheaux-Romanen anders. „Blut in den Bayous“, der zweite Robicheaux-Roman, erschien jetzt wieder in einer Neuauflage.

Robicheaux betreibt in New Iberia einen Bootsverleih und Laden für Fischköder. Bei einem Angelausflug mit seiner Frau Annie stürzt vor ihnen ein kleines Flugzeug ab. Robicheaux kann einen Passagier, ein kleines Mädchen, aus dem in den Bayous versinkendem Flugzeug retten. Die anderen Passagiere, Flüchtlinge aus El Salvador, sind tot. Als die Behörden eine falsche Opferzahl veröffentlichen, weiß Robicheaux, dass etwas faul ist. Vor allem weil die im Bericht nicht erwähnte Tote als Muli für den Rauschgiftbaron Bubba Rocque, den er seit seiner Kindheit kennt, arbeitete.

Robicheaux hört sich in New Orleans bei seinen alten Freunden um und sticht in ein Wespennest aus Organisierter Kriminalität und Geheimdiensten.

Vielleicht weil „Blut in den Bayous“ zu den ersten Romanen gehört, die ich von James Lee Burke gelesen habe und die mich zu einem Burke-Fan machten, gehört für mich der zweite Robicheaux-Roman zu den besten Romanen der seit dreißig Jahren bestehenden Serie.

In seinem Nachwort beschäftigt sich Alf Mayer vor allem mit „Mississippi Delta“, der Verfilmung des Romans von Phil Joanou, nach einem Drehbuch von Scott Frank mit Alec Baldwin (damals Dave Robicheaux, heute…), Kelly Lynch, Mary Stuart Masterson, Teri Hatcher, Eric Robert, Vondie Curtis Hall und Paul Guilfoyle (vor seiner Beschäftigung bei der Las-Vegas-Ausgabe von „C. S. I.“). Er geht dabei auch detailliert auf die schwierige Produktion ein. Sehenswert ist der Film trotz seiner Mängel. Und ich kann Alf Mayers Frage nach dem deutschen Kinostart klären. Ja, er lief in den Kinos. Ich sah ihn damals im Kino. In einer ganz normalen Vorführung in einem ganz normalen Kino. Jahre später besorgte ich mir eine DVD-Ausgabe des Films und wenn es eine schöne Blu-ray-Ausgabe gäbe, würde ich meine DVD gerne dagegen eintauschen.

James Lee Burke: Straße der Gewalt

(übersetzt von Jürgen Bürger)

Pendragon, 2017

520 Seiten

18 Euro

Originalausgabe

Last Car to Elysian Fields

Simon & Schuster, 2003

James Lee Burke: Blut in den Bayous

(übersetzt von Jürgen Behrens, mit einem Nachwort von Alf Mayer)

Pendragon, 2016

456 Seiten

17 Euro

Deutsche Erstausgabe 1991 als „Blut in den Bayous“ bei Ullstein.

Neuausgabe 1996 zum Filmstart als „Mississippi Delta – Blut in den Bayous“ bei Ullstein.

Originalausgabe

Heaven’s Prisoners

Holt, New York, 1988

Erster Bonushinweis

Vater und Sohn von James Lee Burke

Vor einigen Wocheen erschien „Vater und Sohn“ bei Heyne Hardcore und weil ich den seitenstarken Roman noch nicht gelesen habe, beschränke ich mich auf die Fakten. Burke erzählt von Texas Ranger Hackberry Holland, der seit Jahren keinen Kontakt mehr zu seinem Sohn Ishmael hat. Er sucht ihn und will sich mit ihm aussöhnen. Der Roman spielt zwischen 1891 und 1918. Es ist also ein historischer Roman.

James Lee Burke: Vater und Sohn

(übersetzt von Daniel Müller)

Heyne, 2016

640 Seiten

17,99 Euro

Originalausgabe

House of the Rising Sun

Simon & Schuster, New York, 2015

Zweiter Bonushinweis

Sturm ueber New Orleans von James Lee Burke

Der Dave-Robicheaux-Krimi Sturm über New Orleans“ erschien vor wenigen Tagen als Taschenbuch bei Heyne. Das Buch kostet 10,99 Euro.

Hinweise

Homepage von James Lee Burke

Wikipedia über James Lee Burke (deutsch, englisch)

Mein Porträt von James Lee Burke

James Lee Burke in der Kriminalakte

„In the Electric Mist“ in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Bertrand Taverniers James-Lee-Burke-Verfilmung „In the Electric Mist – Mord in Louisiana“ (In the Electric Mist, USA 2009)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Neonregen“ (The Neon Rain, 1987)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Regengötter“ (Rain Gods, 2009)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Sturm über New Orleans“ (The Tin Roof Blowdown, 2007)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Mississippi Jam“ (Dixie City Jam, 1994)

 


Wieder erhältlich: James Lee Burkes erster Dave-Robicheaux-Krimi „Neonregen“

Juli 20, 2016

Burke - Neonregen - Pendragon 2016 - 2

Als 1987 „Neonregen“ in den USA erschien, war James Lee Burke schon lange kein Jungspund mehr und seine literarische Karriere war, nach durchaus erfolgversprechenden Anfängen in den Sechzigern, von Absagen gepflastert. Egal in welchem Genre er sich versuchte. Sein Freund Charles Willeford, selbst ein gefeierter Noir-Autor, riet ihm, es doch einmal mit einem Kriminalroman zu versuchen und der Rest ist, wie es so schön heißt, Geschichte. Gleich drei New Yorker Verlage wollten „Neonregen“ veröffentlichen. Der Krimi war in den USA bei Kritik und Publikum ein Erfolg. Burke war mit diesem und den folgenden Dave-Robicheaux-Romanen einer der Erneuerer des Hardboiled-Romans und er erhielt, teilweise mehrmals, alle wichtigen Krimipreise. Sein Held Dave Robicheaux wurde zu einem der beliebtesten Charaktere des Genres. Seitdem veröffentlichte der 1936 geborene James Lee Burke, neben mehreren anderen Romanen, zwanzig Robicheaux-Krimis.

In „Neonregen“ ist Dave Robicheaux noch Lieutenant beim New Orleans Police Department, Trinker und, so sagt ihm ein Mafia-Killer kurz vor seiner Hinrichtung, er soll ermordet werden. Die Kolumbianer wollen ihn umbringen, weil er sie bei ihren kriminellen Geschäften störte.

Robicheaux hat keine Ahnung, welche Geschäfte er von wem störte. Aber er vermutet, dass der Mordauftrag etwas mit der Farbigen zu tun haben könnte, deren Leiche er vor zwei Wochen bei einem Angelausflug im Wasser entdeckte.

Mit der mehr als überfälligen Neuveröffentlichung von dem lange nicht mehr erhältlichen Kriminalroman „Neonregen“ können jetzt, nachdem die über zehnjährige Übersetzungspause vor knapp zwei Jahren beendet wurde, auch all die seitdem neu hinzugekommenen James-Lee-Burke-Fans den enorm kraftvollen Auftakt der Robicheaux-Serie lesen. Er ist eines seiner besten Bücher.

Robicheaux ist nämlich ein interessanter Protagonist, der in diesem und den nächsten Romanen versucht, sein Leben in den Griff zu bekommen. „Neonregen“ erzählt eine spannende Geschichte mit politischen Anspielungen an einem unverbrauchtem Handlungsort in einer Sprache, die einen förmlich die schwüle Louisianas spüren lässt.

In den kommenden Jahren will der Pendragon-Verlag weitere Robicheaux-Romane veröffentlichen und das ist für den Krimifan eine gute Nachricht. Denn gerade die ersten Robicheaux-Romane gehören zum Besten, was es im Genre gibt und die neueren Robicheaux-Romane sind, bis auf „Sturm über New Orleans“, noch nicht übersetzt.

James Lee Burke: Neonregen

(überarbeitete Neuausgabe)

(mit einem Vorwort von James Lee Burke und einem Nachwort von Alf Mayer)

(übersetzt von Hans H. Harbort)

Pendragon, 2016

432 Seiten

17 Euro

Deutsche Erstausgabe

Ullstein, 1990

Originalausgabe

The Neon Rain

Henry Holt & Co., New York, 1987

Hinweise

Thrilling Detective über „the Great Lost P. I.“ Dave Robicheaux

Homepage von James Lee Burke

Wikipedia über James Lee Burke (deutsch, englisch)

Mein Porträt von James Lee Burke

James Lee Burke in der Kriminalakte

„In the Electric Mist“ in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Bertrand Taverniers James-Lee-Burke-Verfilmung „In the Electric Mist – Mord in Louisiana“ (In the Electric Mist, USA 2009)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Regengötter“ (Rain Gods, 2009)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Sturm über New Orleans“ (The Tin Roof Blowdown, 2007)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Mississippi Jam“ (Dixie City Jam, 1994)


Mit James Lee Burke und Dave Robicheaux im “Mississippi Jam”

April 7, 2016

Burke - Mississippi Jam - 2

Als die Romane von James Lee Burke noch regelmäßig übersetzt wurden, wurde “Dixie City Jam”, der siebte Dave-Robicheaux-Roman, der zwischen “Im Schatten der Mangroven” (In the Electric Mist with Confederate Dead) und “Im Dunkel des Deltas” (Burning Angel) erschien, galant ignoriert. An der Qualität des im Original 1994 erschienen Romans kann es nicht gelegen haben. Denn er unterscheidet sich nicht sonderlich von Burkes vorherigen und späteren Robicheaux-Romanen. Dass es um ein vor der Küste von Louisiana gesunkenes Nazi-U-Boot geht, schon eher. Obwohl das auch eher nach einem Stellvertreter-Argument klingt.

Jedenfalls erschien jetzt bei Pendragon als „Mississippi Jam“ die deutsche Ausgabe von “Dixie City Jam”.

In dem Roman wollen mehrere Menschen das 1942 von der US-Navy zum Versinken gebrachte Nazi-U-Boot haben und weil Dave Robicheaux es schon während seiner College-Zeit bei einem Tauchgang entdeckte, steht er im Zentrum ihres Interesses. Dave, Detective von der Polizei von New Iberia, will dem mächtigen jüdischen Aktivisten und Geschäftsmann Hipp Bimstine für 25.000 Dollar den Fundort verraten. Das Geld braucht er, um einem Freund zu helfen.

Will Buchalter, ein durchgeknallter Nazi, der bei seinen zahlreichen Verbrechen keine Spuren hinterlässt und, zusammen mit seiner Schwester, schon in jedem Nazi-Netzwerk war, will das U-Boot vor Bimstine haben und er schreckt vor nichts zurück.

Damit ist das Fundament für einen typischen Robicheaux-Roman gelegt, in dem der menschliche Abschaum von halb Amerika und die New-Orleans-Mafia sich in dem kleinen Ort New Iberia versammelen und schnell eine tödliche Dynamik in Gang gesetzt wird, in der man – wie auch die handelnden Charaktere – ebenso schnell den Überblick verliert, bis der in jedem der inzwischen zwanzig Robicheaux-Roman auftauchende psychopathische Killer Dave Robicheaux, seine Familie und seine Freunde belästigt, bis er erkennt, dass er sich mit dem falschen Südstaatler angelegt hat. So undurchschaubar und auch kaum noch nacherzählbar die Handlung dann oft ist (und in seinen späteren Romanen wurde es noch undurchschaubarer), so stark sind die einzelnen Szenen.

In „Mississippi Jam“ gelingt James Lee Burke noch die Balance zwischen den verschiedenen Elementen, die sich später zu oft zuungunsten der Geschichte verschob.

James Lee Burke: Mississippi Jam

(übersetzt von Jürgen Bürger)

Pendragon, 2016

592 Seiten

17,99 Euro

Originalausgabe

Dixie City Jam

Orion, 1994

Hinweise

Homepage von James Lee Burke

Wikipedia über James Lee Burke (deutsch, englisch)

Mein Porträt von James Lee Burke

James Lee Burke in der Kriminalakte

„In the Electric Mist“ in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Bertrand Taverniers James-Lee-Burke-Verfilmung „In the Electric Mist – Mord in Louisiana“ (In the Electric Mist, USA 2009)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Regengötter“ (Rain Gods, 2009)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Sturm über New Orleans“ (The Tin Roof Blowdown, 2007)


James Lee Burke, Dave Robicheaux und der „Sturm über New Orleans“

Juni 1, 2015

Burke - Sturm über New Orleans - 2

Ein bisschen unheimlich ist die derzeitige kollektive Begeisterung für James Lee Burke schon. Da wurde, nachdem seine Bücher bei Ullstein und Goldmann erschienen waren, zwölf Jahre kein neues Buch von ihm übersetzt. Einige Burke-Fans jammerten darüber, wiesen darauf hin, wie großartig er sei, welche wichtigen Preise er gewann, was für grandiose Romane er schrieb und wünschten sich zu Weihnachten, dass endlich seine neuen Romane übersetzt würden. Denn in seiner Heimat veröffentlichte Burke ungefähr im Jahrestakt einen neuen Bestseller. In Deutschland wurde dagegen jeder Skandinavier zum Schreiben von Kriminalromane verpflichtet.

Jetzt, nachdem James Lee Burkes Hackberry-Holland-Roman „Regengötter“ im Herbst 2014 bei Heyne Hardcore veröffentlicht wurde und der Pendragon Verlag den sechzehnten David-Robicheaux-Roman „Sturm über New Orleans“ veröffentlichte, ist die Begeisterung groß. Derzeit ist „Sturm über New Orleans“ auf dem ersten Platz der KrimiZeit-Bestenliste und bis auf wenige Ausnahmen gibt es nur begeisterte Kritiken, denen ich nicht ganz folgen kann. Denn „Sturm über New Orleans“ ist nicht so gut wie sein Frühwerk.

Das liegt an einigen Burke-Manierismen, die er seit Jahren liebevoll pflegt. So mischt er munter die Ich-Perspektive (Dave Robicheaux ist der Erzähler) mit einer auktorialen Perspektive, die den größten Teil des Romans mit Episoden füllt, in denen Robicheaux nicht dabei ist und von denen er auch nie etwas erfährt. Robicheaux wird also zum Nebencharakter in seinem eigenen Roman. Mich stört diese Schlampigkeit gewaltig. Den meisten Kritikern scheint dieser Perspektivenwechsel egal zu sein.

Dann wechselt Burke einfach so das Tempus. Die ersten vierundvierzig Seiten sind im Präsens (das in Erzählungen fast nie funktioniert) geschrieben. Danach wechselt er ins Präteritum. Einen erkennbaren Grund für diesen Wechsel gibt es nicht. Es ist eher so, als habe er in der Überarbeitung vergessen, die ganze Geschichte in einer grammatikalischen Zeitform zu schreiben.

Und dann gibt es immer wieder mehr oder weniger große Zeitsprünge, die eher verwirren, weil sie wirken, als ob ihm während des Schreibens eingefallen sei, dass er zwar eine Information (z. B. ein Charakter ist tot) geliefert hat, aber noch nicht erzählt hat, wie dieser Charakter gestorben ist. Diese Szene fügt er dann ein, nachdem die Leiche gerade abtransportiert wird. Diese unmotivierten Rückblenden nerven mich ungemein, weil die Szene am falschen Ort steht. Man hätte die Szene mit Ermordung des Charakters einige Seiten früher präsentieren sollen. So entsteht das Gefühl, dass man eine Information zweimal erhält. Denn wir wissen ja bereits, dass der Charakter tot ist.

Eine Zeitlang tauchten in Burkes Romanen auch Geister auf, die einfach so in der Geschichte herumhingen, weil Burke Gespenster wohl irgendwie sympathisch fand. In „Sturm über New Orleans“ fehlen sie, obwohl der Hurrikan Katrina und die damit verbundene Zerstörung von New Orleans dazu eingeladen hätten.

Die Story selbst ist, wieder einmal, eher chaotisch als komplex und, angesichts des realen Hintergrunds und der Aussage von Burke, dass „Sturm über New Orleans“ sein wütendstes Buch sei, ist die Kriminalgeschichte erschreckend beliebig. Denn der Hurrikan ist nur ein für die eigentliche Kriminalgeschichte weitgehend austauschbares Vorspiel, das bis Seite 126 dauert. In dem Moment wird Dave Robicheaux von New Orleans wieder zurück nach New Iberia, seinem Heimatort, versetzt. So dicht die Beschreibungen der Plünderungen und des Chaos bei den Aufräumarbeiten auch sind, so sehr erinnern sie an umformulierte, von einer gerechten Empörung getragene, nicht-analytische Zeitungsberichte und so vernachlässigbar sind sie für die beiden Kriminalfälle.

In dem einen Fall steht Otis Baylor im Verdacht, einen der Vergewaltiger seiner Tochter erschossen zu haben. Der Tote war mit einigen Freunden auf einer Plünderungstour, bei der sie auch in die Villa von Sidney Kovick einbrachen und dort beträchtliche Wertgegenstände entdeckten, die der Eigentümer ohne die Hilfe der Polizei zurückhaben will.

Gleichzeitig sucht Robicheaux, in einem mitgeschleiften Nebenplot, nach dem spurlos verschwundenem, drogenabhängigem Priester Jude LeBlanc.

Langjährige Burke- und Robicheaux-Leser finden in „Sturm über New Orleans“ viele bekannte Elemente wieder, die eben weil man sie zum wiederholten Mal ohne große Variation liest, langweilt. Wie oft muss man noch die gewalt- und alkoholgeschwängerten Halbstarken-Eskapaden von Robicheauxs Freund Clete Purcel, das Auftauchen von durchgeknallten Killern und Mafiosi vor Robicheaux‘ Haustür, die Macho-Sprüche, die inzwischen nur noch anachronistisch sind, die Anschläge auf Robicheaux (so als müsste mindestens einmal pro Roman der Killer versuchen Robicheaux und seine Familie zu töten) lesen?

Das alles hat nicht mehr den Esprit und die Innovation der ersten Robicheaux-Romane, sondern ist inzwischen eine Mischung aus Stillstand und auch Rückschritt. Seine früheren Robicheaux-Romanen sind einfach besser. Und dennoch habe ich die ganzen gut sechshundert Seiten gelesen und, trotz aller Kritik, empfehle ich die Lektüre von James Lee Burke. Er ist einer der großen der US-Kriminalliteratur und mit „Neonregen“ (The Neon Rain, 1987), dem ersten Robicheaux-Roman, und den folgenden Robicheaux-Romanen trug er zu einer Neuausrichtung des Polizeiromans bei.

Nächstes Jahr will Pendragon einen weiteren Roman von James Lee Burke veröffentlichen. Bereits im September erscheint bei Heyne Hardcore „Glut und Asche“ (Feat Day of Fools, 2011), ein weiterer Hackberry-Holland-Roman.

James Lee Burke: Sturm über New Orleans

(übersetzt von Georg Schmidt)

Pendragon, 2015

576 Seiten

17,99 Euro

Originalausgabe

The Tin Roof Blowdown

Simn & Schuster, 2007

Hinweise

Homepage von James Lee Burke

Wikipedia über James Lee Burke (deutsch, englisch)

Mein Porträt von James Lee Burke

James Lee Burke in der Kriminalakte

„In the Electric Mist“ in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Bertrand Taverniers James-Lee-Burke-Verfilmung „In the Electric Mist – Mord in Louisiana“ (In the Electric Mist, USA 2009)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Regengötter“ (Rain Gods, 2009)


Über James Lee Burkes „Regengötter“

Oktober 28, 2014

James Lee Burke gehört zu den US-amerikanischen Krimiautoren, die alle wichtigen Preise gewonnen haben, in ihrer Heimat erfolgreich sind, im Jahrestakt hochgelobte Kriminalromane veröffentlichen und die seit Ewigkeiten nicht mehr ins Deutsche übersetzt werden. Von James Lee Burke, dem Erfinder von Dave Robicheaux, erschien die letzte neue Übersetzung 2002. Danach war für die Fans Englisch lernen angesagt.
Jetzt erschien bei Heyne Hardcore „Regengötter“, eine Übersetzung seines Romans „Rain Gods“ von 2009, bei dem der über siebzigjährige Sheriff Hackberry Holland im Mittelpunkt steht. Einige James-Lee-Burke-Fans kennen ihn aus „Lay down my Sword and Shield“ (1971, nicht übersetzt). Er ist auch verwandt mit Billy Bob Holland, dem Protagonisten in vier Burke-Romanen, die zwischen 1997 und 2004 erschienen und von denen die ersten drei übersetzt wurden.
Im Zentrum von Burkes Werk steht allerdings Dave Robicheaux, der erstmals 1987 in „Neonregen“ (The Neon Rain) auftrat. Damals noch als alkoholabhängiger Mordermittler bei der Polizei von New Orleans. In den folgenden, bis jetzt zwanzig Romanen, ist er, abgesehen von einem kurzen Intermezzo als Privatdetektiv, Sheriff von New Iberia, wo er seinen Job immer wieder unter Mißachtung aller Dienstvorschriften ausübt. Von seiner Attitüde ist Robicheaux nämlich der klassische Hardboiled-Privatdetektiv. „Mississippi Delta – Blut in den Bayous“ (Heaven’s Prisoners, 1988) und „Im Schatten der Mangroven“ (In the electric mist with Confederate Dead, 1993) wurden verfilmt; mit durchwachsenem Ergebnis. Die Vorlagen sind unbedingt lesenswert.
Diese Mißachtung der Dienstvorschriften würde Hackberry Holland nicht einfallen. Der Ex-Trinker, Ex-Bürgerrechtsanwalt und Witwer stößt, nach einem Anruf, bei einer alten Kirche auf neun Frauenleichen. Asiatinnen, die Heroin in ihrem Bäuchen hatten. Er will den Täter finden und dem Anrufer helfen, während er von anderen Behörden, wie dem FBI und der Einwanderungs- und Zollbehörde, vor allem behindert und nicht informiert wird.
Neben diesem Hauptplot erzählt Burke, ziemlich gleichberechtigt, mehrere Geschichten, die mit dem Massenmord zusammenhängen. Es ist die Flucht von Pete Flores, einem psychisch kranken Irakkriegsveteran, der den Anruf tätigte, und jetzt mit seiner Freundin Vikki Gaddis, einer Country-Sängerin und Kellnerin, auf der Flucht ist. Sie flüchten vor Jack Collins, einem durchgeknallten Killer mit sagenhaften Fähigkeiten, der sich für einen Prediger hält und deshalb „Preacher“ genannt wird. Manchmal schickt er auch seine beiden Handlanger mit blutig endenden Suchaufträgen los. Gleichzeitig hat Stripclub-Besitzer Nick Dolan, der für die Morde verantwortlich sein soll, Ärger mit Hugo Cistranos und Arthur Rooney, die gerne an seine Lokale kommen würden.
Und am Rand ist auch noch die Russenmafia involviert.
Oh, und irgendwann tauchen auch einige Biker auf, die den Preacher umbringen sollen und schnell von ihm mit seiner MP niedergemäht werden.
„Regengötter“ reiht sich – und sage ich als Fan – nahtlos in das enttäuschende Spätwerk von James Lee Burke ein, in dem die Geschichte arg chaotisch, ziemlich spannungsfrei und wenig interessant auf ihr Ende zutaumelt. Der Roman liest sich, als hätte Burke nur eine Ausgangsidee und das Ziel, eine bestimmte Menge Seiten zu füllen, gehabt. Dieses nachlässige Plotting ist vor allem bei dem Bösewicht des Buches offensichtlich. Als Bösewicht darf er erst am Ende sterben. Gleichzeitig dürfen einige der Guten, vor allem Hackberry, Pete und Vikki, nicht sterben. Also endet jede der zahlreichen Begegnungen zwischen ihnen, damit, dass Collins freiwillig auf die Chance verzichtet, sie umzubringen. Auch wenn er sich vorher in ihre Wohnung geschlichen hat. Er erfindet dann schnell einen weit hergeholten Grund, der mit seinem Preacher-Sein etwas zu tun hat. Und trotz der menschenleeren texanischen Landschaft laufen die Guten und die Bösen sich ständig, zufällig über den Weg.
Das größte Problem bei „Regengötter“ ist aber, dass er sich wie eine Nacherzählung von „No Country for Old Men“, dem Roman von Cormac McCarthy (2005) und dem Film der Coen-Brüder (2007), liest. Die Story von „Regengötter“ hat so viele offensichtliche Ähnlichkeiten mit „No Country for Old Men“, dass ich mich fragte, ob Cormac McCarthy sich schon beschwerte.
Während der gesamten Lektüre sah ich vor meinem geistigen Auge Tommy Lee Jones als Hackberry Holland, Javier Bardem als Preacher, Josh Brolin als Pete Flores, der nach einem missglückten Drogendeal mit seiner Freundin vor dem Killer flüchtet.
Mit gut 660 Seiten ist der Roman auch viel zu lang geraten. Er ist ungefähr doppelt so lang wie James Lee Burkes früheren Romane, die alle wesentlich eindrucksvoller und gelungener sind.

Burke - Regengötter - 2

James Lee Burke: Regengötter
(übersetzt von Daniel Müller)
Heyne Hardcorre, 2014
672 Seiten
16,99 Euro

Originalausgabe
Rain Gods
Simon & Schuster, 2009

Hinweise

Homepage von James Lee Burke

Wikipedia über James Lee Burke (deutsch, englisch)

Mein Porträt von James Lee Burke

James Lee Burke in der Kriminalakte

„In the Electric Mist“ in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Bertrand Taverniers „In the Electric Mist – Mord in Louisiana“ (In the Electric Mist, USA 2009)

Und damit endet mein Tommy-Lee-Jones-Tag.


Denn heute Morgen konnte ich mir „The Homesman“ (Kinostart 18. Dezember) ansehen und der von Tommy Lee Jones inszenierte Western mit ihm und „Million Dollar Baby“ Hilary Swank in den Hauptrollen ist grandios. Denn, im Werbe- und Empfehlungssprech, wenn Ihnen „Erbarmungslos“ (Unforgiven), „Die drei Begräbnisse des Melquiades Estrada“, „No Country for Old Men“ und „True Grit“ gefallen haben, werden Sie „The Homesman“ lieben.


DVD-Kritik: „In the electric mist“ with James Lee Burke, Bertrand Tavernier und Tommy Lee Jones (als Dave Robicheaux)

Juni 23, 2010

Vor vierzehn Jahren hatte Dave Robicheaux seine ersten Kinoauftritt in der zwiespältigen Verfilmung „Mississippi Delta“. Alex Baldwin spielte den trockenen Alkoholiker und Kleinstadtpolizisten. Die Musik war gut. Die Bilder auch. Aber dem Drehbuch fehlte der letzte Schliff.

Jetzt spielt, nein, verkörpert Tommy Lee Jones den von Krimiautor James Lee Burke erfundenen Charakter, der ihm nach langen Jahren als erfolgloser Autor (erfolgreich war er nur im Sammeln von Ablehnungen) in den späten achtziger Jahren den Durchbruch verschaffte. Inzwischen ist der 1936 geborene Texaner ein Bestsellerautor, er erhielt zahlreiche Preise und er wird von Autoren, Kritikern und Lesern als einer der einflussreichen und wichtigen zeitgenössischen Krimiautoren bezeichnet. In Deutschland wurden seine Bücher bei Ullstein und Goldmann veröffentlicht. „Wurden“ weil er schon seit sechs Jahren keinen deutschen Verleger mehr hat.

Der französische Regisseur Bertrand Tavernier, dem wir schon die Jim-Thompson-Verfilmung „Der Saustall“ und den Jazz-Film „Um Mitternacht“ verdanken, wählte den sechsten Dave-Robicheaux-Roman „Im Schatten der Mangroven“ (In the Electric Mist with Confederate Dead) als Vorlage für seinen ersten amerikanischen Film. Dabei wurde die Geschichte des 1993 erschienenen Noirs in die Gegenwart verlegt.

Tommy Lee Jones spielt den in New Iberia, Louisiana, arbeitenden Detective Dave Robicheaux. Er jagt den Mörder einer neunzehnjährigen Prostituierten. Gleichzeitig wird er mit der Südstaatenvergangenheit konfrontiert: eine Filmcrew dreht einen historischen Film und der Star des Films erzählt Robicheaux, dass er in den Sümpfen die verweste Leiche eines Mannes in Ketten gesehen habe. Das löst bei dem trockenen Alkoholiker Robicheaux Erinnerungen an die eigene Vergangenheit aus – und dann trifft er immer wieder den Geist von Konföderierten-General John Bell Hood.

Schnell legt Robicheaux sich bei seinen Ermittlungen mit dem lokalen Paten und alten Kumpel Julie ‚Baby Feet‘ Balboni, der auch Geld in den Film investiert hat, an. Dabei ist nicht immer erkennbar, wie sehr Robicheaux einen persönlichen Rachefeldzug veranstaltet oder wirklich eine Spur verfolgt.

Der bei wiederholtem Sehen immer besser werdende Film ist, wie Burkes Romane, kein konventioneller Krimi. Er ist vor allem das Porträt eines von den Dämonen der Vergangenheit, der eigenen Schuld, Selbsthass und der Suche nach Erlösung getriebenen Charakters, einer korrupten Gesellschaft, in der sich anscheinend alle Charaktere seit Ewigkeiten kennen und oft eine komplexe Mischung aus Freundschaft, Feindschaft, Achtung und Verachtung pflegen, und einer tropisch-schwülen Landschaft, in der die Vergangenheit noch sehr lebendig ist. So tauchen in Burkes Romanen immer wieder Geister auf. Im Film unterhält Robicheaux sich mit Hood, als wären sie alte Freunde – und auch der Hollywood-Schauspieler hat sich mit Hood unterhalten. Die Bilder des immer noch vom 2005er Hurrikan Katrina zerstörten New Orleans verstärken den Eindruck, dass in den Südstaaten die Vergangenheit noch sehr lebendig ist und dass die Zeit stehengeblieben ist. Denn obwohl der Tote in den Sümpfen erst 1965 erschossen wurde, sieht er wie ein Kettensträfling aus einer noch früheren Zeit aus.

Die Besetzung ist eine hochkarätige Versammlung bekannter Namen, Gesichter und Schauspieler, die man immer wieder gern sieht. Neben Tommy Lee Jones spielen John Goodman, Peter Sarsgaard, Kelly Macdonald, Mary Steenburgen, Justina Machado, Ned Beatty, James Gammon, Pruitt Taylor Vince, Levon Helm und Blues-Musiker Buddy Guy mit. Guy spielt mit „Nathan & the Zydeco Cha Chas“ auf einem großen Fest von Balboni einige Songs, die den größten Teil der geschnittenen Szenen ausmachen. Im Film sind sie nur einige Sekunden im Hintergrund zu hören.

In the electric mist“ lief bereits erfolgreich auf der Berlinale und dem Fantasy Filmfest. Aber für einen Kinostart hat es nicht gereicht. In den USA erschien der Film, mit Taverniers Einverständnis, in einer anderen Schnittfassung direkt auf DVD. Für den internationalen Markt wurde dann Taverniers auch auf der Berlinale gezeigte Fassung verwandt. Auch bei uns fand sich letztendlich kein Verleiher und so erlebt ein weiterer Film, der sich nicht an ein jugendliches Multiplex-Publikum und nicht an ein distinguiertes Arthaus-Publikum richtet, seine Premiere auf DVD. Weil inzwischen der Umsatz auf dem DVD-Markt höher als im Kino ist und immer mehr Menschen sich ein kleines Heimkino leisten, wird diese ursprüngliche Zweitverwertung auch für eingefleischte Kinogänger, wie ein Blick auf die DVD-Premieren zeigt, immer interessanter.

Als Bonusmaterial gibt es 16 Minuten „Entfallene Szenen“, elf davon Musik, und ein informatives halbstündiges Making-of. Es gibt sehr entspannte Impressionen vom Dreh, etwas Lobhuddelei, vor allem für Tommy Lee Jones, die dieses Mal sogar ehrlich klingt und sehr viele Statements von Regisseur Bertrand Tavernier. Er erzählt, was ihn an der Vorlage faszinierte, wie er arbeitet und wie er die verschiedenen Arbeitsmethoden der Franzosen und der Amerikaner wahrnimmt.

In the Electric Mist – Mord in Louisiana (In the Electric Mist, USA 2009)

Regie: Bertrand Tavernier

Drehbuch: Jerzy Kromolowski, Mary Olson-Kromolowski (nach dem Roman von James Lee Burke)

mit Tommy Lee Jones, John Goodman, Peter Sarsgaard, Kelly Macdonald, Mary Steenburgen, Justina Machado, Ned Beatty, James Gammon, Pruitt Taylor Vince, Levon Helm, Buddy Guy, John Sayles

DVD

Koch Media

Bild: 1,35:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Making of, Geschnittene Szenen, Originaltrailer, Wendecover

Länge: 115 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Vorlage

James Lee Burke: Im Schatten der Mangroven

(übersetzt von Oliver Huzly)

Goldmann, 1996

416 Seiten

(nur noch antiquarisch)

Originalausgabe

In the Electric Mist with Confederate Dead

Hyperion, New York 1993

Hinweise

Französische Homepage zum Film

Berlinale: Pressekonferenz zu „In the Electric Mist“

Film-Zeit über „In the Electric Mist“

Homepage von James Lee Burke

Mein Porträt von James Lee Burke

James Lee Burke in der Kriminalakte

In the Electric Mist“ in der Kriminalakte


Murder unscripted – und Kleinkram: Wallander, James Lee Burke, WGA-Nominierungen, Resolution und Infos zum Jugendstrafrecht

Januar 14, 2008

Ermittler aus dem „Law & Order“-Franchise (wozu auch „Criminal Intent“ gehört) ermitteln ohne Drehbuch. Köstlich – vor allem weil die Schauspieler gut sind.

(Gefunden bei Lee Goldberg; er weist auch auf eine Variety-Meldung hin: Kenneth Branagh wird in einer BBC-Produktion der neue Kommissar Wallander.)

James Lee Burke hat einige Bilder von der neuen Dave-Robicheaux-Verfilmung „In the Electric Mist with Conferderate Death“ (Im Schatten der Mangroven, 1993) online gestellt. Mit Tommy Lee Jones in der Hauptrolle kann eigentlich nichts mehr schiefgehen. Regie führt Bertrand Tavernier und in der IMDB gibts alle weiteren Informationen.

Die Writers Guild of America (WGA) hat ihre Nominierungen für die besten Drehbücher bekannt gegeben. Bei Simply Scripts gibt es, bis auf eine Ausnahme, direkte Verlinkungen zu den Spielfilm-Drehbüchern.

Weil die teilweise sattsam bekannten konservativen Vorschläge zu einer Reform der Jugendstrafrechts immer absurdere Formen annehmen, ist es gut, auch einmal die Meinung von Praktikern und Wissenschaftlern zu lesen. Die Deutsche Vereinigung für Jugendgerichte und Jugendgerichtshilfen (DVJJ) hat die von fast 1000 Fachleuten unterzeichnete „Resolution zur aktuellen Diskussion um eine Verschärfung des Jugendstrafrechts“ veröffentlicht. Einige Sätze daraus:

Für eine Verschärfung des Jugendstrafrechts besteht kein Anlass.(…)

Unter dem Gesichtspunkt der Deliktsschwere müsste dagegen die Erwachsenenkriminalität im Mittelpunkt des kriminologischen und kriminalpolitischen Interesses stehen. Erwachsene, nicht junge Menschen, sind die Täter von Organisierter Kriminalität, von Wirtschafts- und Umweltkriminalität, von Menschenhandel, von Korruption und Bestechlichkeit usw. Allein durch registrierte Wirtschaftskriminalität werden weitaus höhere Schäden verursacht als durch die gesamte sonstige polizeilich erfasste Eigentums- oder Vermögenskriminalität. (…)

Weder ist die Jugendkriminalität insgesamt noch ist die Gewaltkriminalität junger Menschen in den letzten Jahren dramatisch gestiegen. Sämtliche Schülerbefragungen zur selbstberichteten Delinquenz (sog. Täterbefragungen) zeigen seit Beginn dieses Jahrhunderts (im Unterschied noch zu den 1990er Jahren) entweder eine weitgehende Konstanz oder gar einen Rückgang der Delinquenzbelastung, und zwar auch im Gewaltbereich. (…)

Die Annahmen, die den Ausgangspunkt für die Forderung nach einer Verschärfung des Jugendstrafrechts bilden, Jugendkriminalität steige und Gewaltbereitschaft unter Jugendlichen nehme deutlich zu, wird durch die eigenen Ministeriums- bzw. Regierungsberichte nicht gestützt. (…)

Entgegen der in der Wiesbadener Erklärung der CDU zur strafrechtlichen Bekämpfung von Jugendkriminalität („Eingreifen“) vertretenen Annahme, harte Strafen schreckten stärker ab und wirkten spezialpräventiv besser, ist nach sämtlichen vorliegenden empirischen Erkenntnissen der Kriminologie „von Sanktionsverschärfungen weder unter spezial- noch unter generalpräventiven Gesichtspunkten eine Reduzierung von Jugendkriminalität zu erwarten.“ (…)

Es gibt auch keinen empirischen Befund, der die Annahme stützen würde, durch härtere Sanktionen oder längere Strafen messbar die Rückfallwahrscheinlichkeit (des bestraften Täters) reduzieren zu können. (…)

Insbesondere die neueren US-amerikanischen Sekundäranalysen zeigen, dass von einer “tough on crime”-Kriminalpolitik, die auf Strafschärfungen, insbesondere auf freiheitsentziehende Sanktionen setzt, keine positiven Effekte zu erwarten sind. Programme, die auf spezialpräventive Abschreckung abzielten, sei es durch kurzen Freiheitsentzug (shock probation), durch längere, mit militärischem Drill verbundene Internierung (boot camps) oder in Form von Gefängnisbesuchsprogrammen (scared straight), hatten nicht die erwünschten Effekte, die Rückfallraten der (nicht in diese Programme einbezogenen) Vergleichsgruppen waren nicht höher, in einer Reihe von Untersuchungen sogar niedriger. Kurz: nach härteren, insbesondere nach freiheitsentziehenden Sanktionen waren die Rückfallraten bei vergleichbaren Tat- und Tätergruppen nicht niedriger, sondern eher höher als nach weniger eingriffsintensiven Sanktionen. (…)

Das derzeit populäre Konzept “tough on crime” ist ein Katastrophenrezept, weil es dem falschen Prinzip „mehr desselben“ folgt. Es steht zu sämtlichen Ergebnissen der einschlägigen empirischen Forschung in Widerspruch. Kriminalität wird durch härtere Sanktionen nicht reduziert, sondern allenfalls gefördert. Innere Sicherheit wird dadurch jedenfalls nicht erhöht, sondern gefährdet, indem Steuergelder in verfehlte Maßnahmen investiert werden, statt sie dort einzusetzen, wo es erzieherisch und integrativ sinnvoll wäre. (…) Die Forschungen zeigen, dass die negativen Entwicklungsdynamiken krimineller Karrieren gebrochen werden können, aber nicht durch strafrechtliche Intervention, sondern durch „Verbesserung der Chancen der Jugendlichen auf soziale Teilhabe“.


Die Krimibestenliste Dezember 2019

Dezember 1, 2019

Zum 1. Advent haben die haben die vielen Herren und wenigen Damen von der Krimibestenliste (präsentiert von der Frankfurter Allgemeine und Deutschlandfunk Kultur) ihre monatliche Liste empfehlenswerter Krimis zusammengestellt:

1. John le Carré – Federball (Plazierung im Vormonat: 4)

Aus dem Englischen von Peter Torberg. Ullstein, 352 Seiten, 24 Euro.

2. Hannelore Cayre – Die Alte (Plazierung im Vormonat: 10)

Aus dem Französischen von Iris Konopik. Ariadne im Argument Verlag, 203 Seiten, 18 Euro.

3. Paulus Hochgatterer – Fliege fort, fliege fort (Plazierung im Vormonat: 3)

Deuticke, 286 Seiten, 23 Euro.

4. Norbert Horst – Bitterer Zorn (Plazierung im Vormonat: 8)

Goldmann, 320 Seiten, 13 Euro.

5. Regina Nössler – Die Putzhilfe (Plazierung im Vormonat: /)

Konkursbuch, 402 Seiten, 12,90 Euro.

6. Fuminori Nakamura – Der Revolver (Plazierung im Vormonat: /)

Aus dem Japanischen von Thomas Eggenberg. Diogenes, 186 Seiten, 22 Euro.

7. James Lee Burke – Mein Name ist Robicheaux (Plazierung im Vormonat: /)

Aus dem Englischen von Jürgen Bürger. Pendragon, 600 Seiten, 22 Euro.

8. Simone Buchholz – Hotel Cartagena (Plazierung im Vormonat: 6)

Suhrkamp, 230 Seiten, 15,95 Euro.

9. Sarah Schulman – Trüb (Plazierung im Vormonat: /)

Aus dem Englischen von Else Laudan. Ariadne im Argument Verlag, 270 Seiten, 20 Euro.

10. Dror Mishani – Drei (Plazierung im Vormonat: 5)

Aus dem Hebräischen von Markus Lemke. Diogenes, 336 Seiten, 24 Euro.

Einiges davon dürfte auf einigen Weihnachtswunschlisten gut aussehen.

Bei mir liegen, nach einer Rex-Stout-Neuübersetzung (die Nero-Wolfe-Geschichte „Zyankali vom Weihnachtsmann“) une der Jonathan-Lethem-Kurzgeschichtensammlung „Alan, der Glückspilz“ (wegen „Motherless Brooklyn“), der neue le Carré, der neue Burke (beide auch auf der Krimibestenliste), und der neue Child (aka der neue Jack Reacher), der neue Rankin (aka der neue John Rebus) und der neue Staalesen (endlich wieder ein Krimi mit Privatdetektiv Varg Veum) ganz oben auf meinem Lesestapel. Direkt neben Anthony J. Quinns „Gestrandet“ (Trouble im heutigen Nordirland) und Lou Berneys „Destination Dallas“ (der große Bouchercon-Gewinner).

Damit sind meine schlaflosen Nächte bis Weihnachten gesichert.


TV-Tipp für den 13. Oktober (+ Buchtipp): In the Electric Mist – Mord in Louisiana

Oktober 12, 2019

Arte, 21.10

In the Electric Mist – Mord in Louisiana (In the Electric Mist, USA 2009)

Regie: Bertrand Tavernier

Drehbuch: Jerzy Kromolowski, Mary Olson-Kromolowski

LV: James Lee Burke: In the Electric Mist with Confederate Dead, 1993 (Im Schatten der Mangroven)

Polizeichef Dave Robicheaux will den Mord an einer neunzehnjährigen Prostituierten aufzuklären. Bei seinen Ermittlungen trifft er auch auf eine Filmcrew, die einen historischen Film dreht, den lokalen Paten, seinen alten Freund Julie ‘Baby Feet’ Balboni, dessen Geld auch in dem Film steckt und den Geist von Konföderierten-General John Bell Hood.

Grandios besetzte, sehr atmosphärische und sehr gelungene Verfilmung eines Robicheaux-Krimis. Feiner Stoff für Krimifans.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Tommy Lee Jones, John Goodman, Peter Sarsgaard, Kelly Macdonald, Mary Steenburgen, Justina Machado, Ned Beatty, James Gammon, Pruitt Taylor Vince, Levon Helm, Buddy Guy, John Sayles

Lektürehinweis

Brandneu aus der Druckerei: der neue Dave-Robicheaux-Roman mit dem superunspektakulärem Titel „Mein Name ist Robicheaux“. Im Original ist der Titel des 21. Robicheaux-Krimis noch unspektakulärer.

Bei jedem anderen Roman würde ich bei dieser Ausgangslage von einem persönlichen Fall sprechen. Aber alle Dave-Robicheaux-Fälle sind persönlich. Dieses Mal geht es um einen Mord. Der Mann, der Robicheauxs Frau überfahren hat, wurde ermordet. Robicheaux kann sich nicht an die Mordnacht erinnern. Aber seine Hände sind zerschunden und selbstverständlich wird man ihn, wegen seines Motivs, verdächtigen. Also beginnt Robicheaux in eigener Sache zu ermitteln. Und langjährige Robicheaux-Fans wissen, dass das keine normale, streng den Dienstvorschriften gehorchende Ermittlung wird.

James Lee Burke: Mein Name ist Robicheaux

(übersetzt von Jürgen Bürger)

Pendragon, 2019

600 Seiten

22 Euro

Originalausgabe

Robicheaux – You know my name

Simon & Schuster, 2018

Hinweise

Rotten Tomatoes über „In the Electric Mist“

Wikipedia über „In the Electric Mist“ (deutsch, englisch)

Berlinale: Pressekonferenz zu „In the Electric Mist“

Homepage von James Lee Burke

Mein Porträt von James Lee Burke

James Lee Burke in der Kriminalakte

„In the Electric Mist“ in der Kriminalakte

Thrilling Detective über „the Great Lost P. I.“ Dave Robicheaux

Homepage von James Lee Burke

Wikipedia über James Lee Burke (deutsch, englisch)

Thrilling Detective über „the Great Lost P. I.“ Dave Robicheaux

Homepage von James Lee Burke

Wikipedia über James Lee Burke (deutsch, englisch)

Mein Porträt von James Lee Burke

James Lee Burke in der Kriminalakte

„In the Electric Mist“ in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Bertrand Taverniers James-Lee-Burke-Verfilmung „In the Electric Mist – Mord in Louisiana“ (In the Electric Mist, USA 2009)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Neonregen“ (The Neon Rain, 1987)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Blut in den Bayous“ (Heaven’s Prisoners, 1988)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Mississippi Jam“ (Dixie City Jam, 1994)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Sumpffieber“ (Sunset Limited, 1998)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Straße der Gewalt“ (Last Car to Elysian Fields, 2003)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Flucht nach Mexiko – Ein Dave-Robicheaux-Krimi“ (Crusader’s Cross, 2005 )

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Sturm über New Orleans“ (The Tin Roof Blowdown, 2007)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Regengötter“ (Rain Gods, 2009)

Meine Besprechung von Bertrand Taverniers „Der Uhrmacher von St. Paul (L’horloger de Saint-Paul, Frankreich 1974)

Meine Besprechung von Bertrand Taverniers „In the Electric Mist – Mord in Louisiana (In the Electric Mist, USA 2009)

Meine Besprechung von Bertrand Taverniers „Die Prinzessin von Montpensier“ (La Princesse de Montpensier, Frankreich 2010)


Hat Dave Robicheaux “Sumpffieber”?

Mai 28, 2019

Zwischen die neuen, noch nicht übersetzten Dave-Robicheaux-Romane schiebt der Pendragon-Verlag ältere, bereits übersetzte und seit Ewigkeiten nicht mehr erhältliche Robicheaux-Romane. Wie jetzt „Sumpffieber“. Dabei handelt es sich um den im Original 1998 erschienenen zehnten Robicheaux-Roman „Sunset Limited“, der zwei Jahre später bei Goldmann in einer deutschen Übersetzung erschien.

In dem Kriminalroman kehren Megan und Cisco Flynn nach New Iberia zurück. Sie sind die Kinder von Jack Flynn, einem Gewerkschaftler, der vor Jahrzehnten vom Klan mit 16-Penny-Nägeln an Fuß- und Handgelenken an eine Scheunenwand genagelt wurde. Robicheaux entdeckte damals die Leiche (jau, langjährige Robicheaux-Fans wissen, dass der junge Dave als Jugendlicher anscheinend täglich über Leichen stolperte). Flynns Mörder wurde nie gefunden (auch das dürfte langjährigen Robicheaux-Lesern bekannt vorkommen).

Jetzt sind seine beiden Kinder zurück in New Iberia und sie interessieren sich für den Kleingangster Cool Breeze Broussard. Der behauptet, im Gefängnis misshandelt worden zu sein. Broussard hat außerdem Ärger mit dem Giacano-Klan und das FBI möchte sich nicht um seinen Kronzeugen kümmern. Broussard hat Angst um sein Leben. Seine Angst ist berechtigt. Denn ein Killer ist auf ihn angesetzt.

Die Flynns und Broussard haben eine für Robicheaux zunächst undurchschaubare Beziehung zu dem reichen und entsprechend einflussreichem Plantagenbesitzer Archer Terrebonne.

Sumpffieber“ ist einer dieser alten Robicheaux-Romane, die mir deutlich besser als die neueren Robicheaux-Romen gefallen. Das kann daran liegen, dass ich diese Romane zuerst las und mir daher in den neueren Robicheaux-Romanen vor allem die Wiederholungen und Plotschwächen auffallen. Das kann auch daran liegen – und diese Erklärung bevorzuge ich -, dass die alten Robicheaux-Romane einfach besser waren. In ihnen entwickelte sich Robicheaux weiter. In „Neonregen“ (The Neon Rain, 1987) ist Dave Robicheaux noch Mordermittler in New Orleans und Trinker. Später kämpft er mit seinem Alkoholismus, geht zu den Anonymen Alkoholikern, zieht nach New Iberia, betreibt eine Bootsvermietung und Köderladen, hat eine Adoptivtochter und arbeitet als Detective bei der örtlichen Polizei. Das und seine wichtigsten Freundschaften sind in „Sumpffieber“ fest etabliert, aber noch nicht zur Routine erstarrt und weil James Lee Burke damals seinen Charakter noch in Echtzeit altern ließ, konnte man sich Robicheaux vor zwanzig Jahren mühelos als rüstigen Vietnam-Veteran, der keinen Gedanken an seine Pensionierung verschwendet, vorstellen.

In „Sumpffieber“ erzählt Burke, mit viel Südstaaten-Feeling, eine ziemlich komplizierte, mehrere Familien und Generationen betreffende, sich langsam entwickelnde Geschichte von Schuld und Sühne. Weil mehrere Plots sich kreuzen, sollte man nicht zu viele Seiten überblättern.

Der Roman erhielt 1998 den Dagger-Preis als bester Roman und war für den Dily Award nominiert.

James Lee Burke: Sumpffieber

(übersetzt von Christine Frauendorf-Mössel) (überarbeitete Neuausgabe)

Pendragon, 2019

456 Seiten

18 Euro

Deutsche Erstausgabe

Goldmann, 2000

Originalausgabe

Sunset Limited

Doubleday, 1998

Hinweise

Thrilling Detective über „the Great Lost P. I.“ Dave Robicheaux

Homepage von James Lee Burke

Wikipedia über James Lee Burke (deutsch, englisch)

Mein Porträt von James Lee Burke

James Lee Burke in der Kriminalakte

„In the Electric Mist“ in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Bertrand Taverniers James-Lee-Burke-Verfilmung „In the Electric Mist – Mord in Louisiana“ (In the Electric Mist, USA 2009)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Neonregen“ (The Neon Rain, 1987)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Blut in den Bayous“ (Heaven’s Prisoners, 1988)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Mississippi Jam“ (Dixie City Jam, 1994)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Straße der Gewalt“ (Last Car to Elysian Fields, 2003)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Flucht nach Mexiko – Ein Dave-Robicheaux-Krimi“ (Crusader’s Cross, 2005 )

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Sturm über New Orleans“ (The Tin Roof Blowdown, 2007)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Regengötter“ (Rain Gods, 2009)


Ein noch vor der Wahl von Donald Trump von Denis Scheck mit James Lee Burke geführtes Interview


TV-Tipp für den 15. März: Texas Killing Fields

März 15, 2019

3sat, 22.25

Texas Killing Fields – Schreiendes Land (Texas Killing Fields, USA 2011)

Regie: Ami Canaan Mann

Drehbuch: Donald F. Ferrarone

Drei Polizisten suchen in den Sümpfen von Texas einen Serienfrauenmörder.

Etwas unspektakulärer, an James Lee Burke (ohne Geister) erinnernder fiebriger Südstaaten-Noir mit tollen Bildern und Schauspielern. Der Krimiplot gerät dabei zur Nebensache.

Ami Canaan Mann ist die Tochter von Michael Mann. In den letzten Jahren arbeitete sie fast ausschließlich fürs Fernsehen.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Sam Worthington, Jeffrey Dean Morgan, Jessica Chastain, Chloë Grace Moretz, Sheryl Lee, Tony Bentley, Stephen Graham, Jason Clarke

Hinweise

Metacritic über „Texas Killing Fields“

Rotten Tomatoes über „Texas Killing Fields“

Wikipedia über „Texas Killing Fields“

Daily Mail über die wahren Hintergründe (8. Juli 2012)

Meine Besprechung von Ami Canaan Manns „Texas Killing Fields – Schreiendes Land“ (Texas Killing Fields, USA 2011)


Begibt Dave Robicheaux sich auf die “Flucht nach Mexiko”?

Januar 16, 2019

Welcome back in Burke-County. Dave Robicheaux lebt immer noch in New Iberia, eine Kleinstadt im Südwesten von Louisiana. Sein Geschäft für Anglerbedarf hat er inzwischen an Baptist verkauft. Seine Adoptivtochter Alafair geht aufs College und er lebt das Leben eines allein lebenden Witwers.

Als der im Sterben liegende Troy Bordelon ihm von einem blutbeschmiertem Stuhl erzählt, den er vor Jahrzehnten gesehen hat, erinnert sich Robicheaux an den Sommer von 1958 und die heiße Affäre zwischen seinem Halbbruder Jimmie und der Prostituierten Ida Durbin. Gemeinsam wollten sie nach Mexiko flüchten. Vor ihrer Flucht verschwand sie spurlos.

Jetzt fragt Robicheaux sich, ob sie damals ermordet wurde. Und was die vermögende und einflussreiche Familie Chalon damit zu tun hat.

Gleichzeitig wird er in die Jagd nach dem Baton-Rouge-Serienkiller verwickelt.

In den USA erschien der vierzehnte Dave-Robicheaux-Roman „Flucht nach Mexiko“ bereits 2005 und er hat all die Vor- und Nachteile von James Lee Burkes Spätwerk.

Der trockene Alkoholiker Robicheaux benimmt sich oft wie ein Halbstarker. Sein Kumpel Clete Purcel, ein ehemaliger Kollege beim New Orleans Police Department und Privatdetektiv, ist noch schlimmer. Er hat einen „Hang, stets das reinste Chaos zu hinterlassen“ (Robicheaux). Trotzdem, oder gerade deswegen, sind sie ein nicht zu stoppendes Team. Während Purcel keine Regeln beachten muss und daher ständig Ärger mit dem Gesetz hat, ignoriert Detective Robicheaux bei seinen Alleingängen das Gesetz und alle Dienstvorschriften immer wieder.

Mit zunehmendem Alter wirkt dieses halbstarke, stets Gewalt provozierende und ausübende Verhalten der beiden Männer doch etwas pubertär. Denn, wenn wir die Mathematik machen, war Dave Robicheaux 1958 ungefähr zwanzig Jahre (plus/minus und das macht ihn zum alter ego von seinem Erfinder, dem 1936 geborenen James Lee Burke). 2005, als der in der Gegenwart spielende Roman erschien, war Robicheaux also Mitte Sechzig und damit im pensionsfähigen Alter. In den seitdem erschienenen Robicheaux-Romanen wird das Problem noch offensichtlicher. Denn ein Robicheaux-Roman ist ohne Ausflüge in die Vergangenheit von Louisiana und die von Dave Robicheaux nicht denkbar. Das gibt ihm eine Biographie, die kaum verändert werden kann. Und, im Lauf der Serie, viele alte Bekannte, Freundinnen und reiche, einflussreiche Familien, mit denen er sich anlegt.

Aber während andere Autoren, deren Charaktere in Echtzeit alterten, wie Lawrence Blocks Matt Scudder (er war der erste Autor, der das machte) oder Ian Rankins John Rebus, sie in jeder Beziehung altern ließen und Rankin Rebus in Pension schickte, ignoriert James Lee Burke das Problem weitgehend. Sie spielen immer in der Gegenwart und Robicheaux arbeitet immer noch als Polizist,

Ein anderes Problem ist, dass in „Flucht nach Mexiko“, wie in anderen neueren Romanen von James Lee Burke, die verschiedenen Plots vor sich hin mäandern, bis nach fünfhundert Seiten alles eher hastig beendet wird.

Gleichzeitig, und das macht „Flucht nach Mexiko“ trotz allem lesenswert, gibt es immer wieder eindrucksvolle Schilderungen von Stimmungen, Landschaften, Ereignissen und Menschen. Schon die ersten Zeilen ziehen einen in den Roman hinein: „Es war das Ende einer Epoche, von der ich vermute, dass Historiker sie womöglich als das letzte Jahrzehnt der Amerikanischen Unschuld ansehen. Es war eine Zeit, an die wir uns weniger wegen bestimmter historischer Ereignisse als vielmehr in Bildern und Tönen erinnern – rosafarbene Cadillacs, Autokinos, stilisierte Straßenkriminelle, Rock ’n‘ Roll, in der Musikbox Hank und Lefty, der dirty bop, Baseballspiele am helllichten Tag, ausgeschlachtete ’32er Fords mit Mercury Maschinen, die mit einem Höllenlärm an Drive-in-Lokalen vorbei Rennen veranstalteten, das Ganze vor einer Kulisse aus Palmen, einer sich kräuselnden Brandung und einem violetten Himmel, den Gott ganz offensichtlich als filmisches Tribut an unsere Jugend erschaffen hat.“

Wer will da nicht weiterlesen?

James Lee Burke: Flucht nach Mexiko – Ein Dave-Robicheaux-Krimi

(übersetzt von Jürgen Bürger)

Pendragon, 2018

480 Seiten

18 Euro

Originalausgabe

Crusader’s Cross

Simon & Schuster, Inc., 2005

Hinweise

Thrilling Detective über „the Great Lost P. I.“ Dave Robicheaux

Homepage von James Lee Burke

Wikipedia über James Lee Burke (deutsch, englisch)

Mein Porträt von James Lee Burke

James Lee Burke in der Kriminalakte

„In the Electric Mist“ in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Bertrand Taverniers James-Lee-Burke-Verfilmung „In the Electric Mist – Mord in Louisiana“ (In the Electric Mist, USA 2009)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Neonregen“ (The Neon Rain, 1987)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Blut in den Bayous“ (Heaven’s Prisoners, 1988)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Mississippi Jam“ (Dixie City Jam, 1994)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Straße der Gewalt“ (Last Car to Elysian Fields, 2003)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Sturm über New Orleans“ (The Tin Roof Blowdown, 2007)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Regengötter“ (Rain Gods, 2009)


Die Krimibestenliste Januar 2019

Januar 7, 2019

Neues Jahr, neue Krimibestenliste der F.A.S. und Deutschlandfunk Kultur:

1. Sara Paretsky – Kritische Masse (Platzierung im Vormonat: 1)

Aus dem Englischen von Laudan & Szelinski. Ariadne im Argument-Verlag, 540 Seiten, 24 Euro.

2. Un-Su Kim – Die Plotter (Platzierung im Vormonat: /)

Aus dem Englischen von Rainer Schmidt. Europa, 360 Seiten, 24 Euro.

3. Patrícia Melo – Der Nachbar (Platzierung im Vormonat: 5)

Aus dem Portugiesischen von Barbara Mesquita. Tropen, 160 Seiten, 18 Euro.

4. Fred Vargas – Der Zorn der Einsiedlerin (Platzierung im Vormonat: 3)

Aus dem Französischen von Waltraud Schwarze. Limes, 512 Seiten, 23 Euro.

5. Louise Penny – Hinter den drei Kiefern (Platzierung im Vormonat: 2)

Aus dem Englischen von Andrea Stumpf und Gabriele Werbeck. Kampa, 496 Seiten, 16,90 Euro.

6. Tana French – Der dunkle Garten (Platzierung im Vormonat: /)

Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. Scherz, 656 Seiten, 16,99 Euro.

7. Christoph Peters – Das Jahr der Katze (Platzierung im Vormonat: 9)

Luchterhand, 352 Seiten, 22 Euro.

8. Anne Goldmann – Das größere Verbrechen (Platzierung im Vormonat: 6)

Ariadne im Argument-Verlag, 240 Seiten, 13 Euro.

9. Cloé Mehdi – Nichts ist verloren (Platzierung im Vormonat: /)

Aus dem Französischen von Cornelia Wend. Polar, 312 Seiten, 18 Euro.

10. James Anderson – Desert Moon (Platzierung im Vormonat: /)

Aus dem Englischen von Harriet Fricke. Polar, 344 Seiten, 18 Euro

Von mir kommen die Tage einige Worte zu den bei uns neuen (im Original teils schon vor Jahren erschienenen) Werken von Joe R. Lansdale, James Lee Burke, George Pelecanos, Friedrich Ani und Sara Paretsky. Damit dürfte dann meine kritische Masse erreicht sein.


Privatdetektive: „Raues Wetter“ für Spenser

Januar 2, 2019

Heute wirken die neuen Spenser-Privatdetektivromane mit ihrer vertrauten Formel wie aus einer anderen Zeit. Der am 18. Januar 2010 überraschend verstorbene Robert B. Parker bemühte sich in seinen letzten Jahren nicht, irgendeinem Trend hinterherzuhecheln. Serienkiller kommen bei ihm nicht vor. Das Frauenbild ist, nach all den weiblichen Privatdetektiven und Actionheldinnen, inzwischen doch etwas anachronistisch. Rassen- und Geschlechterfragen werden seit Jahren entlang altbekannter Argumente geführt, die in den Siebzigern neu und in einem Kriminalroman revolutionär waren. Die Romane können, wie man es aus den klassischen Privatdetektiv-Krimiserien (wie Hercule Poirot, Nero Wolfe, Lew Archer,…) kennt, in jeder beliebigen Reihenfolge gelesen werden. Die Spenser-Romane sind inzwischen das literarische Äquivalent zu einer TV-Serie, in der es nur den Fall der Woche gibt, der Hauptcast ein gut funktionierendes Ensemble ist und Gaststars selten einen zweiten Auftritt haben.

Und seine Romane wurden in den vergangenen Jahrzehnten nicht länger. In den US-Ausgaben werden sie deshalb seit Ewigkeiten mit allerlei Layout-Tricks auf über dreihundert Seiten gepimpt. In Deutschland erscheinen die Spenser-Romane seit Jahren im Pendragon-Verlag und dort haben sie alle um die 220 Seiten. Das ist die Länge, die in den siebziger Jahren ein Krimi hatte. Und 1973 erschien mit „The Godwulf Manuscript“ der erste Spenser-Roman. Seitdem veröffentlichte Robert B. Parker ungefähr jedes Jahr einen weiteren Spenser-Roman. Ein Jahr nach seinem Tod erschien mit „Sixkill“ sein vierzigster Spenser-Roman. Seitdem schrieb Ace Atkins sieben weitere von der Kritik und Spenser-Fans gelobte Spenser-Romane.

Rough Weather“, der jetzt als „Raues Wetter“ erstmals auf Deutsch erschien, ist der 36. Spenser-Roman und es ist alles wie immer. Das gilt auch und vor allem für die Elemente, mit denen Robert B. Parker in den Siebzigern den Privatdetektiv-Roman erneuerte und seitdem alle Autoren von Privatdetektiv-Krimis beeinflusste. Bis dahin war der Privatdetektiv ein einsamer Wolf.

Parker spaltete das Wesen des Ermittlers auf. Aus einem Mike Hammer, der Ermittler, Richter und Henker war, wurden Spenser, der Privatdetektiv, und sein Freund Hawk. Er ist als großer, schwarzer Mann, der skrupellos tötet und unendlich viele Sexabenteuer mit wunderschönen Frauen hat, Spenser dunkle Seite. Spenser und Hawk unterscheiden sich nicht in ihren Werten und Ansichten, sondern in der Wahl ihrer Mittel. Während Spenser noch versucht, die Sache friedlich zu lösen, hat Hawk die bösen Buben schon ermordet. Und während frühere Privatdetektive entweder sexuell inaktiv oder überaktiv waren, ist Spenser fest mit Susan Silverman liiert. Alle sexuellen Angebote von Frauen lehnt er standhaft ab. Sie ist Psychotherapeutin und damit, wenn wir im Freudschen Schema bleiben, sein Gewissen, mit dem er endlos diskutieren kann. Mit Silverman öffnete Parker den Privatdetektiv-Krimi auch hin zur Psychologie. Thematisch beschäftigte sich Spenser in seinen ersten Fällen mit all den Themen, die damals, in den siebziger und frühen achtziger Jahren in den Schlagzeilen standen.

Heute hat sich die von Parker mit Spenser und Hawk vorgenommene Trennung fest etabliert. Aktuelle Beispiele sind die Hap-Collins-Leonard-Pine-Geschichten von Joe R. Lansdale, die Myron-Bolitar-Krimis von Harlan Coben, die Dave-Robicheaux-Krimis von James Lee Burke (auch wenn Robicheaux ein Polizist ist) oder die, aktuell eher nicht übersetzten, Elvis-Cole-Joe-Pike-Romane von Robert Crais (wobei Elvis Cole zunächst allein ermittelte).

Die Spenser-Romane liest man heute, weil man einfach noch einmal einen Abend mit den bekannten Figuren und Parkers Sprache verbringen will. Denn auch wenn das Plotting in seinem Spätwerk nicht so überragend ist, gefällt der Sound immer noch.

In „Raues Wetter“ wird Spenser von Heidi Bradshaw als persönlicher Begleiter engagiert. Er soll bei der Hochzeit ihrer Tochter auf der Insel Tashtego einfach für sie da sein. Spenser nimmt den leichten Auftrag an. Schon vor der Hochzeit weiß er allerdings, dass irgendetwas nicht stimmt. Denn zu den Hochzeitsgästen gehört Rugar, der wegen seiner Kleidung auch ‚der graue Mann‘ genannt wird. Er ist wie Spenser und Hawk. Nur ohne deren moralischen Kompass.

Unmittelbar nach der Trauung entführen Rugar und seine Männer die Braut. Dabei töten sie den Bräutigam, den Priester und vier Sicherheitsleute.

Nachdem schon die Entführung seltsam spektakulär war, geht es seltsam weiter. Denn die Entführer melden sich nicht.

Der tief in seiner Ehre gekränkte Spenser beginnt Rugar und die entführte Braut zu suchen. Wobei Spenser, ohne eine vielversprechende Spur, solange im Nebel herumstochert, bis er genug Verdächtige genervt hat, von denen einer etwas gegen ihn unternimmt.

Raues Wetter“ ist ein typischer später Spenser-Roman: sehr unterhaltsam zu lesen, mit vielen alten Bekannten und vertrauten Gesprächen und eher lausig geplottet. In diesem Fall ist die Lösung schon relativ schnell erahnbar. Am Ende, das kann gesagt werden, ohne irgendetwas zu verraten, erreicht die Beziehung zwischen Spenser, Hawk (selbstverständlich ist er dabei) und Rugar ein neues Level.

Treue Spenser-Fans werden mit „Raues Wetter“ erfreut einige Stunden verbringen. Neulinge sollten mit den deutlich gelungeneren Spenser-Romanen aus den siebziger Jahren beginnen. Auch die sind bei Pendragon erhältlich.

Robert B. Parker: Raues Wetter – Ein Auftrag für Spenser

(übersetzt von Marcel Keller)

Pendragon, 2018

216 Seiten

13 Euro

Originalausgabe

Rough Weather

G. P. Putnam’s Sons, New York 2008

Spensers frühere Begegnungen mit dem grauen Mann

Robert B. Parker: Spenser und der graue Mann

(übersetzt von Heidi Zerning)

Pendragon, 2015

256 Seiten

12,99 Euro

Originalausgabe

Small Vices

G. P. Putnam’s Sons, New York 1997

Neuauflage von „Der graue Mann“ (rororo thriller 1998)

Robert B. Parker: Drei Kugeln für Hawk

(übersetzt von Emanuel Bergmann)

Pendragon, 2015

224 Seiten

12,99 Euro

Originalausgabe

Cold Service

G. P. Putnam’s Sons, New York, 2005

Hinweise

Homepage von Robert B. Parker

Thrilling Detective über Spenser

Wikipedia über Robert B. Parker (deutsch, englisch) und Spenser

Mein Porträt der Spenser-Serie und von Robert B. Parker

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Die blonde Witwe“ (Widow’s walk, 2002)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers “Alte Wunden” (Back Story, 2003)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Der stille Schüler“ (School Days, 2005)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Der gute Terrorist“ (Now & Then, 2007)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers “Hundert Dollar Baby” (Hundred Dollar Baby, 2006)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Trügerisches Bild“ (Painted Ladies, 2010)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers “Bitteres Ende” (The Professional, 2009)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Wildnis“ (Wilderness, 1979)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Appaloosa“ (2005)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Appaloosa“ (Appaloosa, 2005) (Übersetzung)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers “Das dunkle Paradies” (Night Passage, 1997)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Miese Geschäfte“ (Bad Business, 2004)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Resolution“ (Resolution, 2008)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Mord im Showbiz“ (High Profile, 2007)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Der Killer kehrt zurück“ (Stranger in Paradise, 2008)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Brimstone“ (Brimstone, 2009)

Mein Nachruf auf Robert B. Parker

Robert B. Parker in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 23. Februar: Mord in Louisiana

Februar 23, 2018

3sat, 22.35

In the Electric Mist – Mord in Louisiana (In the Electric Mist, USA 2009)

Regie: Bertrand Tavernier

Drehbuch: Jerzy Kromolowski, Mary Olson-Kromolowski

LV: James Lee Burke: In the Electric Mist with Confederate Dead, 1993 (Im Schatten der Mangroven)

Polizeichef Dave Robicheaux will den Mord an einer neunzehnjährigen Prostituierten aufzuklären. Bei seinen Ermittlungen trifft er auch auf eine Filmcrew, die einen historischen Film dreht, den lokalen Paten, seinen alten Freund Julie ‘Baby Feet’ Balboni, dessen Geld auch in dem Film steckt und den Geist von Konföderierten-General John Bell Hood.

Grandios besetzte, sehr atmosphärische und sehr gelungene Verfilmung eines Robicheaux-Krimis. Feiner Stoff für Krimifans.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Tommy Lee Jones, John Goodman, Peter Sarsgaard, Kelly Macdonald, Mary Steenburgen, Justina Machado, Ned Beatty, James Gammon, Pruitt Taylor Vince, Levon Helm, Buddy Guy, John Sayles

Hinweise

Französische Homepage zum Film

Berlinale: Pressekonferenz zu „In the Electric Mist“

Film-Zeit über „In the Electric Mist“

Homepage von James Lee Burke

Mein Porträt von James Lee Burke

James Lee Burke in der Kriminalakte

„In the Electric Mist“ in der Kriminalakte

Thrilling Detective über „the Great Lost P. I.“ Dave Robicheaux

Homepage von James Lee Burke

Wikipedia über James Lee Burke (deutsch, englisch)

Mein Porträt von James Lee Burke

James Lee Burke in der Kriminalakte

„In the Electric Mist“ in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Bertrand Taverniers James-Lee-Burke-Verfilmung „In the Electric Mist – Mord in Louisiana“ (In the Electric Mist, USA 2009)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Neonregen“ (The Neon Rain, 1987)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Blut in den Bayous“ (Heaven’s Prisoners, 1988)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Mississippi Jam“ (Dixie City Jam, 1994)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Straße der Gewalt“ (Last Car to Elysian Fields, 2003)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Sturm über New Orleans“ (The Tin Roof Blowdown, 2007)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Regengötter“ (Rain Gods, 2009)

Meine Besprechung von Bertrand Taverniers „Der Uhrmacher von St. Paul (L’horloger de Saint-Paul, Frankreich 1974)

Meine Besprechung von Bertrand Taverniers „In the Electric Mist – Mord in Louisiana (In the Electric Mist, USA 2009)

Meine Besprechung von Bertrant Taverniers „Die Prinzessin von Montpensier“ (La Princesse de Montpensier, Frankreich 2010)


Indianerland I: Craig Johnson verabreicht „Longmire: Bittere Wahrheiten“

Dezember 29, 2017

Walt Longmire ist seit Ewigkeiten Sheriff in Absaroka County, Wyoming; einem fast menschenleeren Landstrich in den USA. Wyoming ist der bevölkerungsärmste Bundesstaat der USA. Mit 585.000 Einwohnern hat er sogar weniger Einwohner als Washington, D. C., oder, anders gesagt, weniger Einwohner als zwei x-beliebige Berliner Bezirke. Bei der Fläche sieht es anders aus. Mit 253.596 km² ist Wyoming zwar kleiner als Deutschland (357.376 km²), aber deutlich größer als jedes Bundesland. Da verbringt Longmire schon halbe Arbeitstage in seinem Auto auf der Fahrt zu verschiedenen Befragungen und Tatorten.

Eines Tages im Spätherbst wird Cody Pritchard erschossen aufgefunden. Ob es ein unglücklicher Jagdunfall oder ein Mord war, ist zunächst noch unklar.

Aber Pritchard war vor zwei Jahren einer der Vergewaltiger von Melissa Little Bird, einem Cheyenne-Mädchen aus dem benachbarten Indianer-Reservat. Bei der Gerichtsverhandlung wurden Pritchard und seine Schulfreunde Jacob und George Esper und Bryan Keller zu geringen Strafen verurteilt. Longmire, seine Kollegen und sein Kindergartenfreund Henry Standing Bear (ein Indianer mit guten Verbindungen zu seinen Stammesbrüdern) glauben daher, dass Pritchard ermordet wurde, um Melissas Vergewaltigung zu vergelten. Als auch der zweite der damaligen Täter durch einen Schuss aus großer Entfernung stirbt, versuchen sie, weitere Morde zu verhindern. Dabei kann der Täter jeder sein, der über ein bestimmtes Gewehr verfügt und ein guter Schütze ist. In Absaroka County grenzt das die Zahl der Verdächtigen kaum ein.

Craig Johnsons Kriminalroman „Longmire: Bittere Wahrheiten“ war vor über zwölf Jahren in den USA der Auftakt zu seiner Longmire-Serie, die es auch auf die New York Times-Bestsellerliste schaffte, zahlreiche Preise erhielt (u. a. The Wyoming Historical Association Book of the Year und Western Writers of America Book of the Year) und die Grundlage für die ebenfalls erfolgreiche TV-Serie „Longmire“ war. Im Juni 2012 zeigte A & E die erste Folge. Es war ein Erfolg. Später wanderte die Serie zu Netflix und im November 2017 veröffentlichte Netflix die sechste und finale Staffel.

In Deutschland wurde die Serie ab Januar 2014 auf dem Nischensender RTL Nitro vor entsprechend wenigen Zuschauern gezeigt. Später erschien die erste Staffel auch in Deutschland auf DVD.

Trotzdem weist der Festa Verlag, wo jetzt „Bittere Wahrheiten“ erschien, auf die TV-Serie hin. Und das ist für die breite Masse auch nicht die schlechteste Werbung.

Krimifans dürften im ersten Moment an Robert B. Parkers Jesse-Stone-Romane über die Abenteuer eines Kleinstadt-Cops in Paradise, Massachusetts, in der Sichtweite von Boston oder James Lee Burkes Dave-Robicheaux-Romane über die Abenteuer eines Kleinstadt-Cops in New Iberia, Louisiana, denken. Wegen der Dicke des Longmire-Romans und des ländlichen Schauplatzes wahrscheinlich eher an die Robicheaux-Romane. Und so ganz falsch liegen sie damit nicht, obwohl die Romane von Tony Hillerman über die Indianerpolizisten Joe Leaphorn und Jim Chee die treffendere Referenz sind.

Hillerman schrieb zwischen 1970 und 2006 achtzehn Krimis, in denen er die Abenteuer der beiden Ermittler erzählte, die in Arizona im Navajo-Reservat Kriminalfälle lösen. Immer verwandte er einen großen Teil der Geschichte auf das Schildern indianischer Traditionen und wie sich das Leben der Indianer im Reservat veränderte. Beides ist untrennbar mit den Fällen verbunden. Über die Jahre zeigte sich auch, wie sehr Traditionen immer mehr vergessen wurden.

Craig Johnson knüpft hier an Hillerman an. Sein Protagonist, der Ich-Erzähler Walt Longmire, ist ein äußerst normaler Mann. Vietnamveteran, seit drei Jahren allein lebender Witwer, mit einer Tochter, die inzwischen außerhalb Wyomings als Anwältin arbeitet, respektiert und ohne diese besonderen Eigenschaften und Marotten, die in anderen Krimis die Ermittler interessant machen sollen. Auch der Fall ist alltäglich. Entsprechend überschaubar, auch weil in dem County so wenige Menschen leben, ist die Zahl der Verdächtigen.

Im Zentrum des Romans steht die Beschreibung des Lebens in Absaroka County. Der alltäglichen Polizeiarbeit. Der Menschen, die sich alle kennen. Und, gerade im Indianerreservat, dem dortigen Leben, in dem die indianischen Traditionen zwar noch lebendig sind, aber, wie man schon in Hillermans Romanen lesen konnte, immer unwichtiger werden.

Bittere Wahrheiten“ ist ein insgesamt spannender, mit viel Lokalkolorit gewürzter Roman, der allerdings auch unter seiner epischen Länge von fünfhundert Seiten leidet. Entsprechend zäh schleppen sich die Ermittlungen in den Mordfällen immer wieder hin, während wir noch etwas über die Polizeiarbeit, den Alltag in Absaroka County und die Landschaft und ihre Bewohner erfahren. Da wünscht man sich einige Seiten weniger. Es muss ja nicht gleich die Kürze eines Hillerman-Romans haben, der seine Geschichten auf normalerweise zweihundert bis zweihundertfünfzig Seiten erzählte.

Für Mai hat Festa den zweiten Longmire-Roman „Einsamer Tod“ angekündigt. Im Juli soll dann der dritte Longmire-Roman „Gute Taten rächen sich“ erscheinen. Und weil Craig Johnson eifrig weitere Longmire-Romane schreibt, ist für ausreichend Nachschub gesorgt.

Craig Johnson: Longmire: Bittere Wahrheiten

(übersetzt von Patrick Baumann)

Festa, 2017

512 Seiten

12,95 Euro

Originalausgabe

The Cold Dish

Viking Adult, 2004

Hinweise

Fantastic Fiction über Craig Johnson

Homepage von Craig Johnson

Wikipedia über Craig Johnson

Mysterious Musings: Interview mit Craig Johnson über Walt Longmire (2007)


Deutscher Krimi Preis 2017 vergeben

Januar 21, 2017

Wie in den vergangenen Jahren hat eine 24-köpfige Jury (davon sieben Frauen) aus Krimi-Kritikern, Literaturwissenschaftlern und Krimi-Buchhändlern, den inzwischen 33. Deutschen Krimipreis (kurz DKP) ohne großes Tamtam in zwei Kategorien vergeben:

National

1. Platz: Max Annas: Die Mauer (Rowohlt)

2. Platz: Simone Buchholz: Blaue Nacht (Suhrkamp)

3. Platz: Franz Dobler: Ein Schlag ins Gesicht (Tropen)

International

1. Platz: Donald Ray Pollock: Die himmlische Tafel (The Heavenly Table) (Liebeskind)

2. Platz: Liza Cody: Miss Terry (Miss Terry) (Ariadne bei Argument)

3. Platz: Garry Disher: Bitter Wash Road (Bitter Wash Road) (Unionsverlag)

Wie immer: einen herzlichen Glückwunsch an die vier Gewinner und die zwei Gewinnerinnen.

Wer in den letzten Monaten die KrimiZeit-Bestenliste und die Besprechungen verfolgte, dürfte nicht überrascht sein. Auch wenn einige alte Lieblinge (wie Friedrich Ani, Ken Bruen, James Lee Burke, Joe R. Lansdale, Philip Kerr, Lee Child, Don Winslow [okay, sein letzter neuer Roman war auch nicht preiswürdig] und Horst Eckert [der bei den Krimi-Kritikern eh einen seltsam schweren Stand hat]), trotz neuer Romane, nicht erwähnt werden.


Die KrimiZeit-Jahresbestenliste 2016

Dezember 19, 2016

Zum Jahresende gibt es immer die Jahresbestenliste der KrimiZeit-Jury von Zeit und Nordwestradio. Auf diese Liste können nur Kriminalromane gelangen, die in den vergangenen Monaten auf einer der Monatslisten waren, was dann das Ergebnis doch etwas vorhersehbar macht:

1 Garry Disher: Bitter Wash Road (Unionsverlag)

2 Simone Buchholz: Blaue Nacht (Suhrkamp)

3 Max Annas: Die Mauer (Rowohlt)

4 Liza Cody: Miss Terry (Ariadne im Argumentverlag)

5 Franz Dobler: Ein Schlag ins Gesicht (Tropen)

6 Giancarlo De Cataldo/Carlo Bonini: Die Nacht von Rom (Folio)

7 Andreas Pflüger: Endgültig (Suhrkamp)

8 James Grady: Die letzten Tage des Condor (Suhrkamp)

9 Dominique Manotti: Schwarzes Gold (Ariadne im Argumentverlag)

10 Malla Nunn: Tal des Schweigens (Ariadne im Argumentverlag)

Zehn Romane, drei von Suhrkamp, drei von Ariadne. Da scheint es starke biotopische Tendenzen zu geben. Auch weil viele Autoren sattsam bekannt sein. Einige fehlen. Spontan fällt mir Friedrich Ani ein (der ja auf den letzten Monatslisten war). Auch James Lee Burke fehlt. Er wurde letztes Jahr wie der wiederkehrte Heiland in den Himmel hochgejubelt und von dem, neben Neuauflagen (zuletzt „Blut in den Bayous“, Pendragon) auch neue Romane übersetzt wurden. Oder Joe R. Lansdale. Ebenso, sofern die Bücher auf den Monatslisten waren, alles von Pendragon, Polar, pulp master und Golkonda. Von den kleinen Verlagen. Bei den großen Publikumsverlagen, wie Heyne und Goldmann, sieht es nicht viel besser aus.

Trotzdem ist es eine schöne Liste, die mich daran erinnert, endlich mal die hier erwähnten Romane von Garry Disher, James Grady (gerne in Verbindung mit dem ersten Condor-Roman) und Dominique Manotti zu lesen. Bei einigen Werken, vor allem denen von Simone Buchholz und Franz Dobler, spricht mich dagegen schon der Klappentext absolut nicht an.

Liza Codys „Miss Terry“ lese ich gerade und bis jetzt hält sich meine Begeisterung in Grenzen.


TV-Tipp für den 16. September: Mord in Louisiana

September 16, 2016

3sat, 22.35

In the Electric Mist – Mord in Louisiana (In the Electric Mist, USA 2009)

Regie: Bertrand Tavernier

Drehbuch: Jerzy Kromolowski, Mary Olson-Kromolowski

LV: James Lee Burke: In the Electric Mist with Confederate Dead, 1993 (Im Schatten der Mangroven)

Polizeichef Dave Robicheaux will den Mord an einer neunzehnjährigen Prostituierten aufzuklären. Bei seinen Ermittlungen trifft er auch auf eine Filmcrew, die einen historischen Film dreht, den lokalen Paten, seinen alten Freund Julie ‘Baby Feet’ Balboni, dessen Geld auch in dem Film steckt und den Geist von Konföderierten-General John Bell Hood.

Grandios besetzte, sehr atmosphärische und sehr gelungene Verfilmung eines Robicheaux-Krimis. Feiner Stoff für Krimifans.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Tommy Lee Jones, John Goodman, Peter Sarsgaard, Kelly Macdonald, Mary Steenburgen, Justina Machado, Ned Beatty, James Gammon, Pruitt Taylor Vince, Levon Helm, Buddy Guy, John Sayles

Wiederholung: Sonntag, 18. September, 02.30 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Französische Homepage zum Film

Berlinale: Pressekonferenz zu „In the Electric Mist“

Film-Zeit über „In the Electric Mist“

Homepage von James Lee Burke

Mein Porträt von James Lee Burke

James Lee Burke in der Kriminalakte

„In the Electric Mist“ in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Bertrand Taverniers „In the Electric Mist – Mord in Louisiana“

Meine Besprechung von Bertrand Taverniers „Der Uhrmacher von St. Paul“

Meine Besprechung von Bertrant Taverniers „Die Prinzessin von Montpensier“ (La Princesse de Montpensier, Frankreich 2010)

Thrilling Detective über „the Great Lost P. I.“ Dave Robicheaux

Homepage von James Lee Burke

Wikipedia über James Lee Burke (deutsch, englisch)

Mein Porträt von James Lee Burke

James Lee Burke in der Kriminalakte

„In the Electric Mist“ in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Bertrand Taverniers James-Lee-Burke-Verfilmung „In the Electric Mist – Mord in Louisiana“ (In the Electric Mist, USA 2009)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Neonregen“ (The Neon Rain, 1987)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Regengötter“ (Rain Gods, 2009)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Sturm über New Orleans“ (The Tin Roof Blowdown, 2007)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Mississippi Jam“ (Dixie City Jam, 1994)


Die KrimiZeit-Bestenliste Juni 2016

Juni 2, 2016

Lesestoff für draußen (bei Sonnenschein) und drinnen (bei Regen), geprüft von der KrimiZeit-Jury von Die Zeit und Nordwestradio:

1(1) Simone Buchholz: Blaue Nacht

2(9) Dominique Manotti: Schwarzes Gold

3(-) Olen Steinhauer: Der Anruf

4(10) Gerald Kersh: Die Toten schauen zu

5(-) Christian Roux: Der Mann mit der Bombe

6(4) Ahmed Mourad: Vertigo

7(6) James Lee Burke: Mississippi Jam

8(-) Andrea Fischer Schulthess: Motel Terminal

9(-) Ulrich Ritzel: Nadjas Katze

10(-) Christine Lehmann: Allesfresser

In ( ) ist die Platzierung vom Vormonat.

Mit vier Frauen ist der Frauenanteil – ohne jetzt noch einmal alle früheren Bestenlisten anzusehen – ungewöhnlich hoch.

Einiges habe ich ja schon besprochen. Manotti (Polit-Thriller) und Steinhauer (Agenten-Thriller) sollten demnächst folgen. Neben Besprechungen von Eric Amblers „Die Maske des Dimitrios“ und Friedrich Anis „Der geheimnisvolle Engel“ (seltsam, dass dieser Tabor-Süden-Roman es nicht auf die Liste schaffte).

Das klingt jetzt fast, als hoffe ich auf schlechtes Wetter.


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