Neu im Kino/Soundtrack- und Filmkritik: „Silence“, der neue Film von Martin Scorsese

März 3, 2017

Alle paar Jahre dreht der bekennende Katholik Martin Scorsese einen Film, bei dem der Glaube im Mittelpunkt steht und sich alles darum dreht. „Die letzte Versuchung Christi“ war ein veritabler Skandal und eine spannende Neuinterpretation von Jesus Christus und seinen letzten Tagen. „Kundun“ war ein bestenfalls schöner Bilderbogen über die Kindheit und Jugend des vierzehnten Dalai Lama. Und jetzt „Silence“, die Verfilmung eines japanischen Romans von 1966, den er 1988 las und seitdem verfilmen wollte. Die Shusaku-Endo-Verfilmung ist, wenn man nicht gerade in einer Glaubenskrise steckt oder ein brennendes Interesse an theologischen Fragen hat, ein erschreckend langweiliger Film, der sein Thema auf die denkbar uninteressanteste Art behandelt.

1637 erhalten Pater Sebastiao Rodrigues (Andrew Garfield) und Pater Francisco Garpe (Adam Driver) in Portugal die Nachricht, dass in Japan der geachtete Jesuitenpater Cristovao Ferreira (Liam Neeson) vom Glauben abgefallen und zum Buddhismus konvertiert ist. Er soll sogar eine Japanerin geheiratet haben. Seine beiden Schüler Rodrigues und Garpe wollen das nicht glauben. Sie wollen im Namen des Ordens die Nachricht überprüfen. Und nebenbei etwas missionieren.

In Japan findet derweil eine historisch verbürgte Christenverfolgung statt. Christen werden gefoltert und gemartert, bis sie ihrem Glauben abschwören oder sterben. Trotzdem praktizieren einige Christen im Untergrund weiterhin ihren Glauben.

Rodrigues und Garpe treffen in Japan kurz nach ihrer Ankunft auf eine solche Gemeinde. Sie beginnen dort als Geistliche zu praktizieren. Gleichzeitig suchen sie weiter nach dem anscheinend spurlos verschwundenen Ferreira.

Auf ihrer Reise treffen sie auch auf den gefürchteten Inquisitor Inoue (Issey Ogata). Mit salbungsvollen Worten und dem Angebot, keine weiteren Gläubigen bis zu ihrem Tod zu foltern, will er Pater Rodriques überzeugen, seinem Glauben abschwört. Sein Kollege und Freund Garpe wurde schon von Inoues Leuten getötet. Rodrigues, der sich in seiner christlichen Überzeugung nicht erschüttern lässt und sich immer wieder als Wiedergänger von Jesus Christus sieht, trifft auch auf Ferreira. Das ist der erwartbare Höhepunkt des Films. Wie in „Apocalypse Now“ der Auftritt von Marlon Brando am Filmende. Aber während Coppolas Vietnam-Film eine Reise in das Herz der Finsternis war, ist Scorseses Film eine, zugegeben optisch sehr ansprechende, Reise in das Herz der Langeweile. Denn die im Zentrum stehende Frage, warum der allseits geachtete, tiefgläubige Ferreira dem Glauben abschwor, während andere Gläubige auch unter einer immer schlimmer werdender Folter an ihrem christlichen Glauben festhielten, wird in „Silence“ als eine rein theologische und philosophische Frage für die verfolgten Jesuiten betrachtet. Die historischen Hintergründe werden, abseits der detailgenauen Nachstellung des damaligen Lebens, nicht weiter beachtet.

Scorsese und sein langjähriger Drehbuchautor Jay Cocks („Zeit der Unschuld“, „Gangs of New York“) reduzieren den Glaubenskonflikt letztendlich auf eine rein utilitaristische Frage: Wie viele Christen sollen für meinen Glauben sterben? Das ist dann, über hundertsechzig Minuten, eine arg eingeschränkte Behandlung des Konflikts, die schon in den ersten Minuten, wenn Ferreira die Folter von Glaubensgenossen mit kochendem Wasser beobachten muss, beantwortet wird. Immerhin schwor er da dem christlichen Glauben ab und beendete die weitere Folter seiner Gläubigen. Später werden dem Konflikt keine neuen Facetten abgewonnen oder die von Ferreira gegebene Antwort in Frage gestellt. Rodrigues beharrt einfach auf seinem Glauben, weil es der wahre Glaube ist.

Diese selbstgewählte Beschränkung führt dazu, dass niemals nach dem Konflikt zwischen verschiedenen Glaubens- und Wertesystemen gefragt wird. Also was unterscheidet den von den Jesuiten gepredigten Glauben vom Buddhismus (zu dem die Christen bekehrt werden sollen) und von der japanischen Weltsicht?

Es wird auch nie angesprochen, warum die japanischen Herrscher die Christen verfolgen, foltern und töten. Es wird auch nicht erklärt, warum die Christen bei ihrem Glauben blieben, wenn sie doch durch ein einfaches Bildertreten ihre Folter sofort hätten beenden können. Dafür hätten sie nur auf einem Bild von Jesus, Maria oder eines Kruzifixes treten müssen. Diese Handlung wurde als Beweis der Abkehr vom christlichen Glauben gewertet.

Ein kurzer Blick in die Geschichtsbücher verrät, dass es bei der Christenverfolgung um Machtkämpfe ging, dass es um wirtschaftliche Interessen und die Frage des Handels mit dem Westen ging. In den Jahren, in denen „Silence“ spielt, begann Japan eine radikale Abschottungspolitik, die auch zur längsten Friedensperiode in der japanischen Geschichte führte. Die Edo-Epoche dauerte von 1603 bis 1868 und sie verhinderte eine Kolonisierung durch den Westen.

So ist „Silence“ nur ein religiöses Erbauungstraktat, das mit gut drei Stunden Laufzeit auch die Geduld des langmütigsten Zuschauer über Gebühr strapaziert.

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Silence (Silence, USA 2016)

Regie: Martin Scorsese

Drehbuch: Jay Cocks, Martin Scorsese

LV: Shusaku Endo: Chinmoku, 1966 (Schweigen)

mit Andrew Garfield, Adam Driver, Liam Neeson, Tadanobu Asano, Ciarán Hinds, Yosuke Kubozuka, Yoshi Oida, Shin’ya Tsukamoto, Issey Ogata, Nana Komatsu, Ryo Kase

Länge: 162 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Der Soundtrack

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Es gibt Filmmusik, die schiebt sich wie ein Pickel in den Vordergrund, ist nicht zu überhören und übertönt alles. Sie ist laut, penetrant und störend.

Und dann gibt es Filmmusik wie die von Kim Allen Kluge und seiner Frau Kathryn Kluge zu Martin Scorseses neuem Film „Silence“. Als ich las, dass es einen Soundtrack zu dem Film gibt, fragte ich mich, ob da überhaupt Musik gewesen war. Natürlich war nicht der übliche Martin-Scorsese-Soundtrack aus bekannten Songs zu hören. Es waren auch kein auftriumphierendes Orchester oder mittelalterliche Choralgesänge oder japanische Klänge zu hören.

Und trotzdem gab es Musik. Auf der Soundtrack-CD sind gut 52 Minuten Musik enthalten. Es ist eine filigrane Soundcollage mit vielen Wind-, Regen- und natürlichen Geräuschen, die die traditionelle „Musik“ dominieren. Diese ist sparsam eingefügt, eher percussiv und nah an der Ambient-Musik eines Brian Eno. Damit unterstützt die Musik der Kluges die Stimmung des Films und sie funktioniert auch ausgezeichnet ohne die Bilder als beruhigende Ambient-Musik, in der natürliche Klänge und kleine Änderungen das Klangbild dominieren. Da ist es fast schon konsequent, dass die Musik von Kim Allen und Kathryn Kluge sich nicht für eine Oscar-Nominierung qualifizieren konnte, weil ihre Musik kein „substantial body of music“ sei. Ein gewaltiger Irrtum, auch wenn „Silence“ definitiv nicht zur Hans-Zimmer-Schule der Filmmusik gehört.

Hörenswert!

Kim Allen Kluge, Kathryn Kluge: Silence – Original Motion Picture Soundtrack

Warner Classics

Die (noch nicht gelesene) Vorlage

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Shusaku Endo: Schweigen

(überarbeitete Neuübersetzung, aus dem Japanischen von Ruth Linhart, mit einem Vorwort von Martin Scorsese und einem Nachwort von William Johnson)

Septime Verlag, 2015

312 Seiten

22,90 Euro

Originalausgabe

Chinmoku

Verlag Shinchosha, Tokio, 1966

 

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Silence“

Metacritic über „Silence“

Rotten Tomatoes über „Silence“

Wikipedia über „Silence“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Martin Scorseses “Hugo Cabret” (Hugo, USA 2011)

Meine Besprechung von Martin Scorseses “The Wolf of Wall Street” (The Wolf of Wall Street, USA 2013)

Martin Scorsese in der Kriminalakte

Homepage von Kim Allen Kluge

Ein Gespräch mit Martin Scorsese über „Silence“


Neu im Kino/Filmkritik: Martin Scorsese und „The Wolf of Wall Street“

Januar 16, 2014

Was soll nach einem Kinderfilm, einer Liebeserklärung an das Kino, kommen? Martin Scorsese entschied sich für eine Rückkehr zu seinen Wurzeln: nach über zehn Jahren spielt die Geschichte, die er erzählt, wieder in New York, ein Charakter steht im Mittelpunkt und es wird ein Milieu porträtiert, das die meisten Menschen wahrscheinlich nur aus der Zeitung kennen. Dieses Mal ist es der titelgebende „The Wolf of Wall Street“, wie sich Jordan Belfort gänzlich unbescheiden selbst nennt und wie er folgerichtig seine Autobiographie betitelte, und das Milieu der Börsenspekulanten, die Millionen verdienen und die bürgerliche Moralvorstellungen ungefähr so sehr beachten, wie Mafiosi, die sich aber auch gegenseitig umbringen.

The Wolf of Wall Street“ schließt auch stilistisch und erzählerisch an „GoodFellas“ und „Casino“, zwei frühere Scorsese-Klassiker, an. Nur das dieses Mal die Gangster keine Mörder, sondern Weiße-Kragen-Kriminelle sind.

Jordan Belfort kommt 1987 an die Wall Street und wird kurz darauf beim Börsencrash entlassen. Er eröffnet, abseits der Wall Street, Stratton Oakmont, eine Firma, die mit den Pennystocks ein Vermögen macht und mit immer mehr Angestellten in immer größere Büros expandiert. Belfort faszinierte bei den Pennystocks, Aktien von prinzipiell wertlosen Unternehmen, die nicht an der regulären Börse gehandelt werden und oft nur ein Betrug sind, dass er eine wesentlich höhere Provision als bei sonstigen Verkäufen erhält.

Belfort und seine engsten Freunde, eine erschreckend hohe Zahl von Schulabbrechern und Kleingangstern und in jedem Fall von Menschen, die keinerlei ökonomisches Wissen haben, aber gut das von Belfort geschriebene Verkaufsskript vorlesen können, verdienen mit ihrer aggressiven Verkaufsstrategie schnell unglaublich viel Geld und geben es ebenso schnell, maßlos und hemmungslos für Frauen, Drogen und ihre pubertären Träume aus.

Gleichzeitig sind sie Betrüger und Steuerhinterzieher im großen Stil, die – wie Gangster – Tonnen von Geld über die Grenze schmuggeln.

The Wolf of Wall Street“ zeichnet, nach einem Drehbuch von „The Sopranos“- und „Boardwalk Empire“-Autor Terence Winter, in einem atemlosem, dreistündigen Strudel von Voice-Over, Ansprachen, grellen Bildern und absurden Geschichten das Leben der Yuppies, die glauben über dem Gesetz zu stehen, nach – und wir finden sie durchaus sympathisch. Fast wie große Jungs, die ihren Spaß haben und nicht fassen können, dass sie Geld wie Heu verdienen.

Das liegt auch daran, dass die Gegenseite von dem humorlosen FBI-Agenten Patrick Denham verkörpert wird, der Belfort anscheinend nur verfolgt, weil er ihm sein Geld nicht gönnt; weil die Opfer von Belforts Spekulationen, die kleinen Menschen, die ihr mühsam Erspartes in wertlosen Aktien anlegen, nie vorkommen und weil, auch wenn Belfort am Ende vor Gericht steht, die Verhandlung auf einen kurzen Gag zusammengestrichen wird. Da fragt man sich dann doch, was Belfort, außer etwas Steuerhinterziehung, so schlimmes getan hat. Aber das fragte man sich auch bei Tony Soprano.

Beim Drehbuch merkt man, dass Terence Winter vom Fernsehen kommt. Denn es gibt viele, für Kino-Verhältnisse, unglaublich lange Szenen, in denen wenige Schauspieler in einem Raum sitzen und reden – und wir fasziniert zuhören, weil die Schauspieler und die von Winter geschriebenen Dialoge, Monologe und das fast pausenlose Voice-Over grandios sind. Wenn Wall-Street-Broker Mark Hanna dem jungen Jordan Belfort, der an seinen Lippen hängt, erzählt, wie die Wall Street funktioniert, dann darf Matthew McConaughey in wenigen Minuten einen vollkommen wahnsinnigen Menschen porträtiert, dem Andere ihr Geld anvertrauen. Oder wenn Leonardo DiCaprio als Jordan Belfort eine seiner zahlreichen Ansprachen vor seinen Angestellten hält oder er einen massiven Quaaludes-Drogenrausch hat. Oder wenn er in der Schweiz sein Schwarzgeld anlegen will und an einen von Jean Dujardin hübsch skrupellosen, aber sehr charmanten Banker gerät.

Langweilig ist Martin Scorseses Film nie. Trotzdem ist „The Wolf of Wall Street“ mit drei Stunden, je nach Sichtweise, entweder zu lang geraten, weil man wirklich nicht die fünfte Belfort-Ansprache braucht, weil die Geschichte eher ein unfokussierter, eklektischer Reigen von grellen und absurden Episoden ist, oder zu kurz, weil es trotzdem nie langweilig wirkt und man gerne noch etwas mehr über Belfort und sein maßloses Leben in einem ebenso maßlosem Film erfahren hätte.

P. S.: Mehr, viel mehr Infos über den Film und die Hintergründe gibt es hier.

The Wolf of Wall Street - Plakat

The Wolf of Wall Street (The Wolf of Wall Street, USA 2013)

Regie: Martin Scorsese

Drehbuch: Terence Winter

LV: Jordan Belfort: The Wolf of Wall Street, 2007 (Der Wolf der Wall Street)

mit Leonardo DiCaprio, Jonah Hill, Margot Robbie, Matthew McConaughey, Kyle Chandler, Rob Reiner, Jon Favreau, Jean Dujardin, Jon Bernthal

Länge: 179 Minuten

FSK: 1b 16 Jahre

Die Vorlage

Belfort - Der Wolf der Wall-Street - Movie-Tie-In - 4

Jordan Belfort: Der Wolf der Wall Street – Die Geschichte einer Wall-Street-Ikone

(übersetzt von Egbert Neumüller)

Goldmann Taschenbuch, 2014

640 Seiten

9,99 Euro

Die Originalausgabe erschien 2007.

Die deutsche Erstausgabe 2008 im Verlag Börsenmedien AG.

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „The Wolf of Wall Street“

Moviepilot über „The Wolf of Wall Street“

Metacritic über „The Wolf of Wall Street“

Rotten Tomatoes über „The Wolf of Wall Street“

Wikipedia über „The Wolf of Wall Street“ (deutsch, englisch)

Hollywood vs. Reality über „The Wolf of Wall Street“

Kriminalakte: Tonnen weitergehender Informationen über den Film

Wikipedia über Martin Scorsese (deutsch, englisch)

Martin-Scorsese-Fanseite

Meine Besprechung von Martin Scorseses “Hugo Cabret” (Hugo, USA 2011)

Martin Scorsese in der Kriminalakte


Infodump zu Martin Scorseses „The Wolf of Wall Street“

Januar 13, 2014

The Wolf of Wall Street - Plakat

Am Donnerstag startet „The Wolf of Wall Street“ (frei übersetzt „Der Wolf der Wall Street“), der neue, grandiose Film von Martin Scorsese, der an seine Klassiker „GoodFellas“ und „Casino“ anknüpft, nur dass er sich dieses Mal auf einen Finanzschwindler konzentriert. Ein dreistündiger Husarenritt. Leonardo DiCaprio, der vor wenigen Stunden den Golden Globe als bester Hauptdarsteller erhielt, übernahm die Hauptrolle und er ist wirklich atemberaubend als skrupelloser, egozentrischer Schwindler.

Der Film basiert auf der Biographie von Jordan Belfort, die jetzt bei Goldmann als Taschenbuch erschien:

Belfort - Der Wolf der Wall-Street - Movie-Tie-In - 4

Jordan Belfort: Der Wolf der Wall Street – Die Geschichte einer Wall-Street-Ikone

(übersetzt von Egbert Neumüller)

Goldmann Taschenbuch, 2014

640 Seiten

9,99 Euro

Die Originalausgabe erschien 2007.

Die deutsche Erstausgabe 2008 im Verlag Börsenmedien AG.

Hier einige Interviews mit Jordan Belfort, dessen Art mir nicht gefällt. Aber irgendetwas muss der Verkäufer ja richtig machen.

Grant Lewers (The Room Live) spricht mit Belfort:

Der Google-Hangout vom 11. Januar (am Anfang spricht Belfort auch über Scorseses Film)

Belfort erzählt, wie man Dinge verkauft:

Zum Ausgleich gibt es einige Interviews mit den am Film beteiligten Menschen:

The Hollywood Reporter (THR) spricht mit Martin Scorsese, Leonardo DiCaprio, Jonah Hill und Drehbuchautor Terence Winter („Boardwalk Empire“, „The Sopranos“)

The LipTV/Media Mayhem spricht mit Drehbuchautor Terence Winter

DP/30 spricht mit Martin Scorsese (Ton ungewöhnlich schlecht)

Charlie Rose spricht mit Martin Scorsese und Leonardo DiCaprio (der Ton ist leider Mülltonne)

Eine ziemlich überfüllte Academy Conversation, vom 18. Dezember 2013, mit den Schauspielern Leonardo DiCaprio, Jonah Hill und Margot Robbie, Regisseur Martin Scorsese, Autor Terrence Winter, Editor Thelma Schoonmaker, Köstumdesignerin Sandy Powell and Casting Director Ellen Lewis

The Wolf of Wall Street - CD

Zum Film erscheint auch ein Soundtrack (digital ab dem 10. Januar, als CD ab dem 17. Januar) und, wie gewohnt, hat Martin Scorsese die Filmsongs passend ausgewählt. Auf die CD haben es

1. Mercy, Mercy, Mercy – Cannonball Adderley

2. Dust My Broom – Elmore James

3. Bang! Bang! – Joe Cuba

4. Movin’ Out (Anthony’s Song) – Billy Joel

5. C’est Si Bon – Eartha Kitt

6. Goldfinger – Sharon Jones and the Dap Kings

7. Pretty Thing – Bo Diddley

8. Moonlight In Vermont (Live At The Pershing Lounge/1958) – Ahmad Jamal

9. Smokestack Lightning (Album Version) – Howlin’ Wolf

10. Hey Leroy, Your Mama’s Callin’ You – The Jimmy Castor Bunch

11. Double Dutch – Malcolm McLaren

12. Never Say Never – Romeo Void

13. Meth Lab Zoso Sticker – 7Horse

14. Road Runner (Single Version) – Bo Diddley

15. Mrs. Robinson (LP Version) – The Lemonheads

16. Cast Your Fate To The Wind – Allen Toussaint

geschafft.

Ein feines Mixtape.

Aber das ist noch nicht alles:

Denn „History vs. Hollywood“ checkt die Faktenlage.


Neu im Kino/Filmkritik: Martin Scorsese, „Hugo Cabret“ und das KINO

Februar 9, 2012

Die Meldung für den für elf Oscars nominierten Film „Hugo Cabret“, unter anderem als bester Film, ist nicht, dass Martin Scorsese seinen ersten Film in 3D drehte, sondern dass er seinen ersten Kinderfilm drehte. Denn das ist nicht der „Hexenkessel“-„Taxi Driver“-„Wie ein wilder Stier“-„Casino“-„GoodFellas“-„Gangs of New York“-“Departed“-Scorsese, sondern höchstens, wenn wir den Film nach der ersten Hälfte stoppen, der „Aviator“-Scorsese. „Hugo Cabret“ erinnert da schon mehr an „Die fabelhafte Welt der Amelie“. Auch „Hugo Cabret“ spielt in Paris. 1931 im riesigen Gare Montparnasse.

Dort lebt der zwölfjährige Hugo Cabret, der sich, nach dem Tod von seinem geliebten Vater und dem Verschwinden des ungeliebten, trunksüchtigen Onkels, der ihn in seine Obhut nahm, in den für die Besucher unzugänglichen Gängen des Bahnhofs versteckt und heimlich die Uhren wartet. Mit kleinen Diebstählen hält er sich über Wasser. Hier und da etwas zu essen und aus dem Laden des Spielzeughändlers Georges mechanisch betriebenes, oft auch kaputtes Spielzeug. Das braucht er, um einen mechanischen Automaten, der wie ein menschlicher Roboter aussieht, zu reparieren.

Als der verbitterte Spielzeughändler Georges ihm eines Tages ein Skizzenbuch seines Vaters abnimmt, will Hugo das Buch unbedingt wieder haben. Er verfolgt den Händler, verbündet sich mit dessen Tochter und wir erfahren, dass der Spielzeughändler Georges Méliès heißt und, was wir Filmfans natürlich wissen, einer der Begründer des Kinos ist. Méliès inszenierte „Die Reise zum Mond“ und unzählige weitere, inzwischen oft verschollene Filme, die damals, vor über hundert Jahren, sehr erfolgreich waren.

In diesem Moment wird „Hugo Cabret“ zu einer Liebeserklärung an das Kino, das in seiner modernsten Form, zeigt, dass die alten Stummfilme immer noch faszinierend sind und einen handgemachten Reiz haben, der heutigen 3D-Kreationen abgeht. Obwohl Scorsese auch einige Bilder zaubert, die nur so ihre volle Wirkung entfalten. Wenn Hugo Cabret und seine Isabelle im Haus von Georges Méliès von einem Schrank eine Kiste holen, sie ihnen entgleitet, sich öffnet und der Inhalt, eine Sammlung von Zeichnungen langsam durch den das Zimmer schwebt, dann wird der Moment durch den 3D-Effekt noch größer. Obwohl, wie der Clip zeigt, er auch in 2D beeindruckend ist.

Ebenso wenn der Stationsvorsteher, der Hugo im Bahnhof schnappen will, sich über Hugo beugt, immer größer und furchteinflößend wird, fast als ob er das Bild sprengen würde, dann merkt man, was mit 3D möglich ist.

Die anfängliche Kamerafahrt durch den Bahnhof ist aber das Pixelgewitter, das mich bei 3D immer wieder abschreckt und aus der Wirklichkeit des Film reißt. Auch atmosphärische Bilder mit Schnee, Rauch und Sonnenstrahlen sehen in 3D immer wieder, auch in einem Film der sich mit seiner Farbgebung betont künstlich und damit märchenhaft gibt, wie schlechte Computergrafiken aus.

Gleichzeitig, und das ist die große Ironie von „Hugo Cabret“, der die neuesten Filmtechniken benutzt, um den Traum vom Kino zu zeigen, sind gerade die ältesten Bilder aus den Stummfilmen, wie die legendäre „Ankunft eines Zuges in La Ciotat“, die längeren Ausschnitte aus Méliès „Die Reise zum Mond“ und „Das Königreich der Feen“ und Harold Lloyds legendäre Kraxelei an einem Hochhaus in „Ausgerechnet Wolkenkratzer“, die wirklich faszinierenden Bilder, in denen sich auch die kindliche Lust am Film, die Entdeckerfreude und Experimentierlust der Filmpioniere zeigt. Und wahrscheinlich hat Martin Scorsese genau das in seiner Liebeserklärung an das Kino gewollt: die Menschen mit dem Versprechen der neuesten Technik in das Kino zu locken, um ihnen zu zeigen, dass die alten Techniken, die Stummfilme und mechanischen Geräte, immer noch ihren Reiz haben.

Hugo Cabret“ ist ein wunderschöner Film für Kinder und Jugendliche, der sie als Publikum mit seiner schmalzfrei erzählten Geschichte ernst nimmt und er ist, inszeniert von einem Filmfanatiker, der bereits mehrere Dokumentarfilme über die Geschichte des Kinos, in denen er schwärmerisch von seinen Lieblingsfilmen erzählte, machte, eine Liebeserklärung an das Kino, die die Zuschauer für den Film als Kunstform und die Geschichte des Films begeistern soll.

Und die Erwachsenen haben auch ihren Spaß. Jedenfalls wenn sie nicht die französische Ausgabe von „GoodFellas“ erwarten.

Hugo Cabret (Hugo, USA 2011)

Regie: Martin Scorsese

Drehbuch: John Logan

LV: Brian Selznick: The Invention of Hugo Cabret, 2007 (Die Entdeckung des Hugo Cabret)

mit Asa Butterfield, Sacha Baron Cohen, Ben Kingsley, Jude Law, Chloe Maretz, Christopher Lee, Emily Mortimer, Ray Winstone, Helen McCrory, Martin Scorsese (Cameo als Fotograf), Brian Selznick (Cameo als Student)

Länge: 126 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Hugo Cabret“

Rotten Tomatoes über „Hugo Cabret“

Wikipedia über „Hugo Cabret“ (deutsch, englisch)

Homepage von Brian Selznick

Wikipedia über Martin Scorsese (deutsch, englisch)

Martin-Scorsese-Fanseite

Martin Scorsese in der Kriminalakte

Bonusmaterial

Natürlich war es schon ein Ereignis, die Stummfilme, die ich nur vom Fernsehen kannte, auf einer großen Leinwand in einer brillanten Bildqualität zu sehen, aber einen Eindruck kann man sich mit diesen Clips verschaffen.

Die Ankunft eines Zuges in La Ciotat (1895, von Auguste und Louis Lumière)

Die Reise zum Mond (1902, von Georges Méliès)

Das Königreich der Feen (1903, von Georges Méliès)

Ausgerechnet Wolkenkratzer (1923, von Harold Lloyd)

Wer nur die bekannte Szene sehen will

 


Verfilmte Bücher: „Schweigen“ ist „Silence“

März 20, 2017

Martin Scorseses Anfang März in unseren Kinos gestartete Verfilmung „Silence“ von Shusaku Endos Roman „Schweigen“ ist eine gute Gelegenheit, diesen in Japan 1966 und 1977 erstmals auf Deutsch erschienen Roman zu lesen. Vor zwei Jahren überarbeitete die damalige Übersetzerin Ruth Linhart für eine Neuveröffentlichung ihre alte Übersetzung. Der Septime Verlag ergänzte den Roman um ein Vorwort von Martin Scorsese und ein Nachwort von William Johnson, dem Übersetzer der englischen Ausgabe. In seinem Nachwort geht Johnson auch auf die historischen Hintergründe und die japanische Kultur ein.

Endo (1923 – 1996) erzählt in „Schweigen“ die Geschichte von Pater Sebastiao Rodrigues. Der Jesuit reist 1638 mit seinem Glaubensbruder Francisco Garpe nach Japan. Sie wollen die Gerüchte, die sie nicht glauben, überprüfen, nach denen der hochgeschätzte Pater Ferreira von seinem Glauben abgeschworen und zum Buddhismus konvertierte. Zu dieser Zeit wurden in Japan Christen verfolgt und das Land schottete sich immer mehr ab.

Als Rodrigues verhaftet wird, steht er vor der Frage, wie stark sein Glaube ist – und ob ihm sein Glaube den richtigen Weg weist.

Dieser Gewissenskonflikt steht im Mittelpunkt des Romans und der Verfilmung, die der Geschichte, teilweise bis in die Dialoge, ziemlich genau folgt. Allerdings verengt Scorseses Film das moralische Dilemma schon in den ersten Minuten mit Bildern von Folterungen, die Ferreira ansehen muss, auf die Frage, wie viele Gläubige der Geistliche leiden und sterben lässt, bis er dem Glauben öffentlich abschwört und so das Leid der Gläubigen beendet. Von dieser bildgewaltigen Verengung und der inzwischen für uns (also normal gläubige Christen) offensichtlichen Antwort, in dieser Situation von dem Glauben abzuschwören (und ihn privat vor den Augen Gottes weiterzupraktizieren) erholt sich der Film nie. Letztendlich hat Scorsese in diesem Moment schon die Frage seiner Geschichte beantwortet.

Im Roman ist Rodrigues auch mit dieser Frage konfrontiert. Denn der japanische Beamte Inoue stellt alle Pfarrer, die er verhört, vor diese Wahl.

Aber der Roman ist vielfältiger. Er verortet die Geschichte erkennbar an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit und spricht dabei auch die politischen und ökonomischen Hintergründe an. Der Konflikt zwischen der japanischen und der europäischen Kultur, dem Christentum und dem Buddhismus und die damit zusammenhängende individuelle Glaubenskrise von Rodrigues werden, auch wenn man über den Buddhismus wenig bis nichts erfährt, facettenreicher behandelt.

So fragt Rodrigues sich, ob sie den Japanern die Botschaft des Christentums bringen sollen. Er sieht die gläubigen Bauern, die für ihren Glauben getötet werden. Er fragt sich, warum Gott dem schweigend zusieht. Für Rodrigues ist das Schweigen Gottes ein großes Problem. Das Schweigen bedeutet auch, dass Gott ihm keine Antwort auf seine Fragen und keine Handlungsanweisung gibt.

Dieser Ruf nach einer Antwort Gottes und Rodrigues‘ Verzweiflung über das Schweigen Gottes sind natürlich auch ein Hinweis auf seine Art des Glaubens und auch die Schwäche seines Glaubens.

Am Ende steht Rodrigues, der sich und seinen Leidensweg immer wieder mit der Geschichte von Jesus Christus vergleicht, vor der Frage – und das ist eine Umformulierung der von Inoue gestellten Frage – ob er sich, wie Jesus, für die Gläubigen opfern oder ob er seinen Glauben über ihr Leid stellt. Jesus starb, wie bekannt, am Kreuz. Rodrigues würde, indem er seinem Glauben öffentlich abschwört und zum Buddhismus konvertiert, in die Fußstapfen von Jesus treten. So erklärt es jedenfalls Ferreira, der auch betont, dass Japan ein Sumpf sei, der unempfänglich für das Christentum sei.

Dieser Glaubenskonflikt spielt sich oft im Kopf von Padre Rodrigues ab. In einem Roman ist das kein Problem. Ein Roman kann über Seiten nur die Gedanken eines Menschen wiedergeben, ohne dass es langweilig wird. Gleichzeitig kann man die moralischen, philosophischen und religiösen Fragen und Thesen immer wieder nachlesen und in Ruhe über sie nachdenken.

Im Film muss in diesen Momenten mit einem Voice-Over gearbeitet werden. Das Stilmittel kann gut funktionieren. Scorsese hat es in seinen früheren Filmen oft und gekonnt eingesetzt. Es ist allerdings auch ein allgemein ungeliebtes, weil unfilmisches Stilmittel. Eine andere Möglichkeit ist es, dem Protagonisten einen Freund zur Seite zu stellen, mit dem er über seine Probleme und Gewissenskonflikte offen reden kann. Dafür hätte Scorsese sich allerdings von dem Text des Romans lösen müssen.

Ein weiterer Vorteil des Romans ist, dass die Momente, in denen Rodrigues sich mit Jesus vergleicht und er die Gemeinsamkeiten von seinem Leidensweg und dem von Jesus betont, niemals den Kitsch- und Fremdschämfaktor des Films haben. Wenn Rodrigues im Film im Wasser sein Spiegelbild ansieht, das zu dem Gesicht von Jesus wird, ist das unerträglicher Jesuskitsch. Im Roman ist es ein Satz, der die tiefe Verbundenheit von Rodrigues mit Jesus betont; – falls er nicht schon im Hungerdelirium ist.

Schweigen“ ist ein lesenswerter, zum Nachdenken anregender Roman. Im Gegensatz zur Verfilmung.

Shusaku Endo: Schweigen

(überarbeitete Neuübersetzung, aus dem Japanischen von Ruth Linhart, mit einem Vorwort von Martin Scorsese und einem Nachwort von William Johnson)

Septime Verlag, 2015

312 Seiten

22,90 Euro

Originalausgabe

Chinmoku

Verlag Shinchosha, Tokio, 1966

Die aktuelle Verfilmung

Silence (Silence, USA 2016)

Regie: Martin Scorsese

Drehbuch: Jay Cocks, Martin Scorsese

LV: Shusaku Endo: Chinmoku, 1966 (Schweigen)

mit Andrew Garfield, Adam Driver, Liam Neeson, Tadanobu Asano, Ciarán Hinds, Yosuke Kubozuka, Yoshi Oida, Shin’ya Tsukamoto, Issey Ogata, Nana Komatsu, Ryo Kase

Länge: 162 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Die erste Verfilmung

Chinmoku (Japan 1971)

Regisseur: Masahiro Shinoda

Drehbuch: Shûsaku Endô, Masahiro Shinoda

mit David Lampson, Don Kenny, Tetsurô Tanba, Mako Iwamatsu

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Silence“

Metacritic über „Silence“

Rotten Tomatoes über „Silence“

Wikipedia über „Silence“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Martin Scorseses “Hugo Cabret” (Hugo, USA 2011)

Meine Besprechung von Martin Scorseses “The Wolf of Wall Street” (The Wolf of Wall Street, USA 2013)

Meine Besprechung von Martin Scorseses „Silence“ (Silence, USA 2016)

Martin Scorsese in der Kriminalakte

Perlentaucher über Suhusaku Endos „Schweigen“


TV-Tipp für den 14. Januar: Departed – Unter Feinden

Januar 14, 2017

(Matt Damon – Departed, Andy Lau – Infernal Affairs; jetzt spielen sie in „The great Wall“ mit)

Pro7, 22.55

Departed – Unter Feinden (USA 2006, Regie: Martin Scorsese)

Drehbuch: William Monahan

Cop Billy Costigan ist Undercover-Agent in der Organisation des Mafiapaten Frank Costello. Gangster Colin Sullivan ist bei der Polizei der Top-Maulwurf für Costello. Beide steigen in den feindlichen Organisationen stetig auf. Da erhalten Costigan und Sullivan von ihrem Boss den Auftrag, den Verräter in den eigenen Reihen zu finden.

„Departed – Unter Feinden“ ist, wie Genre-Junkies wissen, das grandiose US-Remake des ebenso grandiosen Hongkong-Thrillers „Infernal Affairs“ (von Andrew Lau und Alan Mak). Monahan verlegte die Geschichte nach Boston, orientierte sich bei dem Mafiapaten an dem legendären Whitey Bulger und zeichnete ein Porträt der amerikanischen Gesellschaft. Die schwächsten Szenen des Remakes sind die weinigen, direkten Übernahmen von Szenen aus dem Original.

Beide Filme sind stilistisch überzeugende Werke über Freundschaft, Loyalität und Verrat.

Monahans Drehbuch erhielt einen Edgar, einen Oscar, den Preis der Writers Guild of America und war für den Golden Globe nominiert (um nur einige zu nennen). Der Film wurde für zahlreiche Preise nominiert und erhielt auch den Oscar für den besten Film des Jahres

Die nächste Zusammenarbeit von Martin Scorsese und Leonardo DiCaprio war die allseits abgefeierte Dennis-Lehane-Verfilmung „Shutter Island“ (mir gefiel das Buch besser) und zuletzt war DiCaprio für Scorsese “The Wolf of Wall Street”.

Und William Monahans lieferte danach sein gelungenes Regiedebüt, die Ken-Bruen-Verfilmung “London Boulevard” (mit Colin Farrell, David Thewlis, Ray Winstone, Eddie Marsan und Keira Knightley) ab.

Mit Leonardo DiCaprio, Matt Damon, Jack Nicholson, Mark Wahlberg, Martin Sheen, Ray Winstone, Vera Farmiga, Alec Baldwin

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Departed – Unter Feinden“

Metacritic über “Departed – Unter Feinden”

Rotten Tomatoes über “Departed – Unter Feinden”

Wikipedia über “Departed – Unter Feinden” (deutsch, englisch)

Drehbuch „The Departed“ von William Monahan

Collider: Interview mit William Monahan (Februar 2007)

Meine Besprechung von Martin Scorseses “Hugo Cabret” (Hugo, USA 2011)

Meine Besprechung von Martin Scorseses “The Wolf of Wall Street” (The Wolf of Wall Street, USA 2013)

Martin Scorsese in der Kriminalakte

Meine Besprechung von William Monahans “London Boulevard” (London Boulevard, USA/GB 2010)

Meine Besprechung von William Monahans “The Gambler” (The Gambler, USA 2014 – nur Drehbuch)


TV-Tipp für den 15. Dezember: Bringing ot the Dead – Nächte der Erinnerung

Dezember 15, 2016

Kabel1, 23.25

Bringing out the dead – Nächte der Erinnerung (USA 1999, Regie: Martin Scorsese)

Drehbuch: Paul Schrader

LV: Joe Connelly: Bringing out the dead, 1998 (Bringing out the dead – Nächte der Erinnerung)

Verfilmung des biographischen Romans von Joe Connelly über einen Notarztwagenfahrer, der in Hell’s Kitchen zu Beginn der neunziger Jahre zunehmend an seiner Arbeit und dem Sinn des Lebens zweifelt. Da werden, nicht nur weil das Team Martin Scorsese/Paul Schrader wieder zusammen ist, Erinnerungen an „Taxi Driver“ wach.

Eine feine, etwas unterschätzte Tour de force

mit Nicolas Cage, Patricia Arquette, John Goodman, Ving Rhames, Tom Sizemore, Marc Anthony, Nestor Serrano

Hinweise

Wikipedia über „Bringing out the dead“ (deutsch, englisch)

Drehbuch “Bringing out the dead” von Paul Schrader

Wikipedia über Martin Scorsese (deutsch, englisch)

Martin-Scorsese-Fanseite

Meine Besprechung von Martin Scorseses “Hugo Cabret” (Hugo, USA 2011)

Meine Besprechung von Martin Scorseses “The Wolf of Wall Street” (The Wolf of Wall Street, USA 2013)

Martin Scorsese in der Kriminalakte

Meine Besprechung der Paul-Schrader-Verfilmung „Der Mann mit der Stahlkralle“ (Rolling Thunder, USA 1977)


TV-Tipp für den 1. November: Shutter Island

November 1, 2016

Pro7, 23.00

Shutter Island (USA 2009, Regie: Martin Scorsese)

Drehbuch: Laeta Kalogridis

LV: Dennis Lehane: Shutter Island, 2003 (Shutter Island)

Shutter Island, 1954: U. S. Marshall Teddy Daniels und sein neuer Partner Chuck Aule sollen auf Shutter Island herausfinden, wie die Mehrfachmörderin und Patientin Rachel Solando aus dem streng abgesicherten Hospital entkommen konnte. Schnell ist Daniels einer größeren Verschwörung auf der Spur. Aber kann er seinen Sinnen noch trauen?

Und was kann bei dem Team Scorsese/DiCaprio schon schief gehen? Vor allem wenn sie als Spielmaterial einen spannenden Thriller von Dennis Lehane haben.

Nun, entgegen der allgemeinen Euphorie fand ich „Shutter Island“ todsterbenslangweilig und ungefähr so subtil wie Scorseses John-D.-MacDonald-Verfilmung „Kap der Angst“ (Cape Fear, USA 1991). Lehanes Roman ist dagegen grandios.

Mit Leonardo DiCaprio, Ben Kingsley, Mark Ruffalo, Max von Sydow, Michelle Williams, Emily Mortimer, Patricia Clarkson, Jackie Earle Haley, Ted Levine, John Carroll Lynch, Elias Koteas

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Shutter Island“

Metacritic über „Shutter Island“

Rotten Tomatoes über „Shutter Island“

Wikipedia über „Shutter Island“ (deutsch, englisch)

Drehbuch „Shutter Island“ von Laeta Kalogridis

The Boston Globe: Interview mit Dennis Lehane über “Shutter Island” (14. Februar 2010)

Kriminalakte über den Film „Shutter Island“

Homepage von Dennis Lehane

Meine Besprechung von Dennis Lehanes „Coronado“ (Coronado, 2006)

Meine Besprechung von Dennis Lehanes „Moonlight Mile“ (Moonlight Mile, 2010)

Meine Besprechung der Dennis-Lehane-Verfilmung „Gone Baby Gone – Kein Kinderspiel“ (Gone Baby Gone, USA 2007)

Meine Besprechung von Christian De Metter/Dennis Lehanes Comic „Shutter Island“ (Shutter Island, 2008)

Meine Besprechung von Dennis Lehanes „Shutter Island“ (Shutter Island, 2003)

Meine Besprechung von Dennis Lehanes “In der Nacht” (Live by Night, 2012)

Meine Besprechung von Dennis Lehanes „The Drop“ (The Drop, 2014) (Buch und Film)

Dennis Lehane in der Kriminalakte

Wikipedia über Martin Scorsese (deutsch, englisch)

Martin-Scorsese-Fanseite

Meine Besprechung von Martin Scorseses “Hugo Cabret” (Hugo, USA 2011)

Meine Besprechung von Martin Scorseses “The Wolf of Wall Street” (The Wolf of Wall Street, USA 2013)

Martin Scorsese in der Kriminalakte

Bonushinweis

Die nächste Dennis-Lehane-Verfilmung „Live by Night“ startet am 19. Januar 2017 in unseren Kinos. Regie führte Ben Affleck, der auch das Drehbuch schrieb und die Hauptrolle übernahm.

Und der Trailer sieht verdammt gut aus:

Wie die Geschichte von Joe Coughlin weitergeht, erfahrt ihr in „Am Ende einer Welt“: 1943 ist Coughlin ein respektierter Unternehmer. Da erfährt er, dass ein Killer auf ihn angesetzt ist – und für uns ist nach den ersten Zeilen eine schlaflose Nacht vorprogrammiert.

lehane-am-ende-einer-welt

Dennis Lehane: Am Ende einer Welt

(übersetzt von Steffen Jacobs)

Diogenes, 2015

400 Seiten

24 Euro

Originalausgabe

World Gone By

William Morrow, New York 2015


TV-Tipp für den 3. Oktober: The Wolf of Wall Street

Oktober 3, 2016

ZDF, 22.00

The Wolf of Wall Street (The Wolf of Wall Street, USA 2013)

Regie: Martin Scorsese

Drehbuch: Terence Winter

LV: Jordan Belfort: The Wolf of Wall Street, 2007 (Der Wolf der Wall Street)

An seinem ersten Arbeitstag an der Wall Street crasht die Börse. Also zieht der nun arbeitslose, selbsternannte „Wolf of Wall Street“ Jordan Belfort 1987 eine Straße weiter und mit dem Verkauf von Pennystocks verdient er ein Vermögen.

Knapp gesagt: „GoodFellas“ und „Casino“ in der Finanzwelt, niemals langweilig und grandios von Martin Scorsese inszeniert.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung – und noch mehr im Bonusmaterial zum Film.

mit Leonardo DiCaprio, Jonah Hill, Margot Robbie, Matthew McConaughey, Kyle Chandler, Rob Reiner, Jon Favreau, Jean Dujardin, Jon Bernthal

Wiederholung: Mittwoch, 5. Oktober, 01.05 Uhr (Taggenau!)

Die Vorlage

Belfort - Der Wolf der Wall-Street - Movie-Tie-In - 4

Jordan Belfort: Der Wolf der Wall Street – Die Geschichte einer Wall-Street-Ikone

(übersetzt von Egbert Neumüller)

Goldmann Taschenbuch, 2014

640 Seiten

9,99 Euro

Die Originalausgabe erschien 2007.

Die deutsche Erstausgabe 2008 im Verlag Börsenmedien AG.

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „The Wolf of Wall Street“

Moviepilot über „The Wolf of Wall Street“

Metacritic über „The Wolf of Wall Street“

Rotten Tomatoes über „The Wolf of Wall Street“

Wikipedia über „The Wolf of Wall Street“ (deutsch, englisch)

Hollywood vs. Reality über „The Wolf of Wall Street“

Kriminalakte: Tonnen weitergehender Informationen über den Film

Wikipedia über Martin Scorsese (deutsch, englisch)

Martin-Scorsese-Fanseite

Meine Besprechung von Martin Scorseses “Hugo Cabret” (Hugo, USA 2011)

Meine Besprechung von Martin Scorseses “The Wolf of Wall Street” (The Wolf of Wall Street, USA 2013)

Martin Scorsese in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 21. September: GoodFellas – Drei Jahrzehnte in der Mafia

September 20, 2016

Kabel 1, 22.50

GoodFellas – Drei Jahrzehnte in der Mafia (USA 1990, Regie: Martin Scorsese)

Drehbuch: Martin Scorsese, Nicholas Pileggi

LV: Nicholas Pileggi: Wiseguy, 1985 (Der Mob von innen)

Preisgekrönter und mitreisender Gangsterfilm über das Leben des Mafia-Aussteigers Henry Hill zwischen 1955 und 1980 in New York.

Bei Scorsese sind Gangster die Kehrseite des amerikanischen Traums und die Mafia keine ehrenwerte Gesellschaft, sondern eine Ansammlung von Killern, Schlägern und Betrügern.

mit Robert De Niro, Joe Pesci (Oscar als bester Nebendarsteller), Ray Liotta, Lorraine Bracco, Paul Sorvino

Wiederholung: Donnerstag, 22. September, 03.25 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „GoodFellas“

Wikipedia über “GoodFellas” (deutsch, englisch) und über Martin Scorsese (deutsch, englisch)

Martin-Scorsese-Fanseite

Meine Besprechung von Martin Scorseses “Hugo Cabret” (Hugo, USA 2011)

Meine Besprechung von Martin Scorseses “The Wolf of Wall Street” (The Wolf of Wall Street, USA 2013)

Martin Scorsese in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 28. Mai: No Direction Home: Bob Dylan

Mai 27, 2016

Arte, 21.45
No Direction Home: Bob Dylan (Großbritannien/USA 2005, Regie: Martin Scorsese)
Gut 210-minütige Doku über Bob Dylans frühe Jahre von seine Anfängen in Minnesota, der Greenwich-Village-Folk-Szene und seinem Verrat an der Folk-Szene, als er die akustische Gitarre gegen die E-Gitarre tauschte. Der Film endet 1966 mit Dylans Motorradunfall, nach dem er mehrere Jahre nicht mehr tourte.
Martin Scorsese gelang mit Konzertmitschnitten, historischen Aufnahmen und vielen aktuellen Interviews, die teilweise schon Jahre, bevor Scorsese sich an den Schnitt machte, geführt wurden, ein ebenso kurzweiliger wie informativer Film, der trotz der vielen Informationen nicht alles erklärt. Eigentlich bleibt sogar erstaunlich viel offen in dem von Sympathie getragenem Werk.
mit Bob Dylan, Joan Baez, Dave Van Ronk, Allen Ginsberg, Suze Rotolo
Hinweise
Rotten Tomatoes über „No Direction Home: Bob Dylan“
Wikipedia über „No Direction Home: Bob Dylan“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Martin Scorseses “Hugo Cabret” (Hugo, USA 2011)

Meine Besprechung von Martin Scorseses “The Wolf of Wall Street” (The Wolf of Wall Street, USA 2013)

Martin Scorsese in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 24. Mai: No Direction Home: Bob Dylan

Mai 24, 2016

Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!

BR, 22.30
No Direction Home: Bob Dylan (Großbritannien/USA 2005, Regie: Martin Scorsese)
Gut 210-minütige Doku über Bob Dylans frühe Jahre von seine Anfängen in Minnesota, der Greenwich-Village-Folk-Szene und seinem Verrat an der Folk-Szene, als er die akustische Gitarre gegen die E-Gitarre tauschte. Der Film endet 1966 mit Dylans Motorradunfall, nach dem er mehrere Jahre nicht mehr tourte.
Martin Scorsese gelang mit Konzertmitschnitten, historischen Aufnahmen und vielen aktuellen Interviews, die teilweise schon Jahre, bevor Scorsese sich an den Schnitt machte, geführt wurden, ein ebenso kurzweiliger wie informativer Film, der trotz der vielen Informationen nicht alles erklärt. Eigentlich bleibt sogar erstaunlich viel offen in dem von Sympathie getragenem Werk.
mit Bob Dylan, Joan Baez, Dave Van Ronk, Allen Ginsberg, Suze Rotolo
Hinweise
Rotten Tomatoes über „No Direction Home: Bob Dylan“
Wikipedia über „No Direction Home: Bob Dylan“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Martin Scorseses “Hugo Cabret” (Hugo, USA 2011)

Meine Besprechung von Martin Scorseses “The Wolf of Wall Street” (The Wolf of Wall Street, USA 2013)

Martin Scorsese in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: Jesus ist „Auferstanden“ und ein Römer folgt ihm

März 17, 2016

Eines kann „Auferstanden“ nicht vorwerfen: dass er, wie „Noah“ und „Exodus“, eine weitere halbgare Neuinterpretation einer biblischen Geschichte ist, die gleichzeitig die allseits bekannte Geschichte für die Gläubigen und die Ungläubigen erzählen will. Das macht Kevin Reynolds Film aber nicht besser.
Kevin Reynolds, der „Robin Hood“, „Waterworld“ und die Mini-TV-Serie „Hatfield & McCoys“ (immer mit Kevin Costner) inszenierte, erzählt in „Auferstanden“ die Geschichte der Auferstehung von Jesus Christus aus der Sicht des römischen Militärtribuns Clavius (Joseph Fiennes) nach. Wir lernen ihn bei einer blutigen Schlacht gegen Aufständische als tapferen Kämpfer und Anführer kennen. Er ist ein echter Vorzeigesoldat, der seine Arbeit überzeugt und ohne Zweifel ausführt.
Weil es im Umfeld der Kreuzigung von Jesus viele Gerüchte und Prophezeiungen über dessen Wiederauferstehung gibt, soll und will (es ist eine typische „halb zog sie ihn, halb fiel er hin“-Situation) er herausfinden, was es damit auf sich hat. Und schwuppdiwupp wird Clavius, der zunächst nur Jesus‘ Jünger befragt und beobachtet, zu einem Gläubigen, weil, nun, weil das halt so im Drehbuch steht und Jesus, der immer wieder an den aus dem Neuen Testament bekannten Orten als schweigsamer, langhaariger Schönling auftaucht, so überirdisch charismatisch ist. Jedenfalls für Clavius, der den Heiland sieht und flugs zum Christentum konvertiert.
Dabei hätte man aus diesem schon mehrmals verwandtem Ansatz, die Geschichte der Auferstehung aus der Sicht eines Ungläubigen und Skeptikers zu erzählen, durchaus einiges machen können. Ich erinnere mich da an Damiano Damianis „Die Untersuchung“ (L’Inchiesta, Italien 1986). Damianis Kreuzung aus Bibelfilm und Politthriller im Korsett eines Kriminalfilms gefiel mir vor Ewigkeiten sehr gut.
Aber „Auferstanden“ ist, trotz einiger Momente, in denen Reynolds zeigt, dass er mit seinen Bildern die große Leinwand füllen kann und will und dass hier irgendwo in der palästinensischen Wüste eine interessante Geschichte verborgen liegt, eine banal-überflüssige Nacherzählung der bekannten Geschichte, die abgesehen von dem Protagonisten, einfach nur die bekannten Stationen der Auferstehung abhandelt. Das überzeugt höchstens blind Gläubige, die schon vor den ersten Filmbildern wissen, dass ihnen der Film gefallen wird. Alle anderen können auf diesen Christus-Kitsch getrost verzichten.
Und ich frage mich, ob es denn wirklich seit Martin Scorseses „Die letzte Versuchung Christi“ (1988, die von zahlreichen Protesten Gläubiger begleitet war) und Pier Paolo Pasolinis „Das 1. Evangelium – Matthäus“ (1964) keine ansehbare Interpretation des Lebens von Jesus Christus gab und warum es so kompliziert ist, eine Geschichte aus der Bibel für ein zeitgenössisches Publikum zu erzählen.
P. S.: „Das Leben des Brian“ zählt in diesem Zusammenhang nicht wirklich.

Auferstanden - Plakat

Auferstanden (Risen, USA 2016)
Regie: Kevin Reynolds
Drehbuch: Kevin Reynolds, Paul Aiello (nach einer Geschichte von Paul Aiello)
mit Joseph Fiennes, Tom Felton, Peter Firth, Cliff Curtis, María Botto, Luis Callejo, Antonio Gil, Richard Atwill, Stewart Scudamore, Andy Gathergood, Stephen Hagan
Länge: 108 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Englische Homepage zum Film
Moviepilot über „Auferstanden“
Metacritic über „Auferstanden“
Rotten Tomatoes über „Auferstanden“
Wikipedia über „Auferstanden“ (deutsch, englisch)


Wieder aufgelegt: Dennis Lehane: Shutter Island

Dezember 1, 2015

Lehane - Shutter Island - Diogenes 2015 - 2

Die Geschichte und auch die Pointe von Dennis Lehanes „Shutter Island“ dürften inzwischen ja bekannt sein. Immerhin verfilmte Martin Scorsese 2009 die Geschichte mit Leonardo DiCaprio in der Hauptrolle. DiCaprio spielt US-Marshal Teddy Daniels, der im September 1954 auf der vor der Küste Bostons liegenden Insel Shutter Island im Ashecliffe Hospital eine spurlos verschwundene Patientin, die Kindermörderin Rachel Solando, suchen soll.
Auf der Insel sind nur das Klinikpersonal und die Insassen, eine Gruppe psychisch schwer kranker Verbrecher, die nach modernsten Methoden therapiert werden sollen. Daniels und sein neuer Kollege Chuck Aule sollen die Verschwunden, die sich noch auf der Insel aufhalten muss, finden. Aber Daniels verfolgt auch eine eigene Agende. Denn er glaubt, dass hinter der Klinikfassade noch ganz andere Dinge geschehen.
Wegen eines Sturms müssen die beiden Polizisten länger als geplant auf der Insel bleiben. Bei ihrer Suche können sie weder dem Personal, noch den Insassen vertrauen.
Und Daniels muss sich auch fragen, wie sehr er seiner Wahrnehmung vertrauen kann.
So weit die Prämisse von Dennis Lehanes nicht zufällig in den Fünfzigern spielendem Thriller mit Grusel- und B-Movie-Touch, fein platzierten Verschwörungstheorien und Fünfziger-Jahre-Paranoia, der sich auch lohnt, wenn man die Geschichte bereits kennt. Denn Lehanes Roman ist gelungener als Scorseses knallige Verfilmung, die in Teilen auch unlogisch ist und die mir zu sehr auf den im Film vorhersehbaren Schlusstwist spekuliert. Da ist Lehane in seinem nur an der Oberfläche pulpigem Roman geschickter, wenn er die verschiedenen Elemente kunstvoll zusammenfügt.
Mehr will ich nicht verraten, um nicht den Menschen, die die Geschichte noch nicht kennen, die Überraschungen zu verderben.
Nachdem der Roman bei Ullstein bereits 2004 in einer Übersetzung von Andrea Fischer erschien und diese Fassung nicht mehr erhältlich ist, hat jetzt Steffen Jacobs den Roman für Diogenes neu übersetzt. Ich denke der profane Grund dafür liegt nicht in der Qualität von Fischers Übersetzung, sondern in irgendwelchen Verträgen zwischen Autoren, Verlagen und Übersetzern.
Jedenfalls ist der Roman jetzt bei Lehanes neuem Verlag erhältlich und Diogenes will nächstes Jahr auch Lehanes grandioses Debüt, seinen ersten Patrick Kenzie/Angela Gennaro-Privatdetektivroman „Streng vertraulich“, ebenfalls neu übersetzt von Steffen Jacobs, veröffentlichen.
Das ist, weil Lehanes ältere Romane, die selbstverständlich ebenfalls lesenswert sind und derzeit (außerhalb vertrauenswürdiger Antiquariate) fast alle nicht mehr erhältlich sind, eine sehr erfreuliche Meldung.

Dennis Lehane: Shutter Island
(übersetzt von Steffen Jacobs)
Diogenes, 2015
432 Seiten
12 Euro

Originalausgabe
Shutter Island
William Morrow, 2003

Die Verfilmung


Shutter Island (Shutter Island, USA 2009)
Regie: Martin Scorsese
Drehbuch: Laeta Kalogridis
LV: Dennis Lehane: Shutter Island, 2003 (Shutter Island)
mit Leonardo DiCaprio, Ben Kingsley, Mark Ruffalo, Max von Sydow, Michelle Williams, Emily Mortimer, Patricia Clarkson, Jackie Earle Haley, Ted Levine, John Carroll Lynch, Elias Koteas

Hinweise

Homepage von Dennis Lehane

Meine Besprechung von Dennis Lehanes „Coronado“ (Coronado, 2006)

Meine Besprechung von Dennis Lehanes „Moonlight Mile“ (Moonlight Mile, 2010)

Meine Besprechung von Dennis Lehanes “In der Nacht” (Live by Night, 2012)

Meine Besprechung der Dennis-Lehane-Verfilmung „Gone Baby Gone – Kein Kinderspiel“ (Gone Baby Gone, USA 2007)

Meine Besprechung von Christian De Metters Comicversion von Dennis Lehanes “Shutter Island” (Shutter Island, 2008 [Comic])

Meine Besprechung von Dennis Lehanes „The Drop“ (The Drop, 2014) (Buch und Film)

Dennis Lehane in der Kriminalakte

 


TV-Tipp für den 16. November: Hitchcock-Truffaut

November 16, 2015

Arte, 20.15
Hitchcock–Truffaut (Frankreich 2015, Regie: Kent Jones)
Drehbuch: Kent Jones, Serge Toubiana
Achtzigminütige Doku über das legendäre Gespräch zwischen Alfred Hitchcock und Francois Truffaut und wie dieses als „Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?“ veröffentlichte Gespräch die Arbeit von jüngeren Regisseuren beeinflusste.
Anschließend, um 21.35 Uhr läuft Alfred Hitchcocks „Frenzy“.
Mit Alfred Hitchcock, Francois Truffaut, Wes Anderson, Olivier Assayas, Peter Bogdanovich, Arnaud Desplechin, David Fincher, James Gray, Kiyoshi Kurosawa, Richard Linklater, Paul Schrader, Martin Scorsese
Hinweise
Arte über „Hitchcock-Truffaut“

Rotten Tomatoes über „Hitchcock-Truffaut“

Wikipedia über Alfred Hitchcock (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 1“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock präsentiert – Teil 2“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock zeigt – Teil 1“

Meine Besprechung von „Alfred Hitchcock zeigt – Teil 2“

Meine Besprechung von Alfred Hitchcocks „Mr. und Mrs. Smith“

Meine Besprechung von Thilo Wydras „Alfred Hitchcock“

Alfred Hitchcock in der Kriminalakte

Wikipedia über Francois Truffaut (deutsch, englisch, französisch)

Erster Teil meines Francois-Truffaut-Porträts (mit einer Besprechung von Emmanuel Laurents “Godard trifft Truffaut”)

Zweiter Teil meines Francois-Truffaut-Porträts: Die Antoine-Doinel-Filme

Kriminalakte über Francois Truffaut


TV-Tipp für den 26. Oktober: Taxi Driver

Oktober 26, 2015

Arte, 20.15
Taxi Driver (USA 1976, Regie: Martin Scorsese)
Drehbuch: Paul Schrader
Taxifahrer Travis Bickle nimmt das Gesetz in die eigene Hand.
Das bekannteste Werk des Teams Scorsese/Schrader, einer von De Niros bekanntesten Filmen und die letzte Arbeit von Hitchcock-Komponist Bernard Herrmann. „Taxi Driver“ ist die eindrucksvolle Studie eines soziopathischen Einzelgängers und eine Liebeserklärung an New York. Ein unumstrittener Klassiker
mit Robert De Niro, Jodie Foster, Cybill Shepherd, Peter Boyle, Harvey Keitel, Leonard Harris, Albert Brooks, Martin Scorsese (Mann im Taxi am Filmende)
Hinweise
Rotten Tomatoes über „Taxi Driver“
Wikipedia über „Taxi Driver“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 18. Oktober: Departed – Unter Feinden

Oktober 18, 2015

Weil am Donnerstag „Black Mass“ über Whitey Bulger anlief, empfehle ich heute den anderen und besseren Film über Whitey Bulger (auch wenn Frank Costello nur inspiriert von Bulger ist).

Als Vorfilm empfehle ich um 20.15 Uhr auf Arte „GoodFellas – Drei Jahrzehnte in der Mafia“ (auch von Martin Scorsese, auch ein grandioser Gangsterfilm)

Pro7, 22.15

Departed – Unter Feinden (USA 2006, Regie: Martin Scorsese)

Drehbuch: William Monahan

Cop Billy Costigan ist Undercover-Agent in der Organisation des Mafiapaten Frank Costello. Gangster Colin Sullivan ist bei der Polizei der Top-Maulwurf für Costello. Beide steigen in den feindlichen Organisationen stetig auf. Da erhalten Costigan und Sullivan von ihrem Boss den Auftrag, den Verräter in den eigenen Reihen zu finden.

„Departed – Unter Feinden“ ist, wie Genre-Junkies wissen, das grandiose US-Remake des ebenso grandiosen Hongkong-Thrillers „Infernal Affairs“ (von Andrew Lau und Alan Mak). Monahan verlegte die Geschichte nach Boston, orientierte sich bei dem Mafiapaten an dem legendären Whitey Bulger und zeichnete ein Porträt der amerikanischen Gesellschaft. Die schwächsten Szenen des Remakes sind die weinigen, direkten Übernahmen von Szenen aus dem Original.

Beide Filme sind stilistisch überzeugende Werke über Freundschaft, Loyalität und Verrat.

Monahans Drehbuch erhielt einen Edgar, einen Oscar, den Preis der Writers Guild of America und war für den Golden Globe nominiert (um nur einige zu nennen). Der Film wurde für zahlreiche Preise nominiert und erhielt auch den Oscar für den besten Film des Jahres

Die nächste Zusammenarbeit von Martin Scorsese und Leonardo DiCaprio war die allseits abgefeierte Dennis-Lehane-Verfilmung „Shutter Island“ (mir gefiel das Buch besser) und zuletzt war DiCaprio für Scorsese “The Wolf of Wall Street”.

Und William Monahans lieferte danach sein gelungenes Regiedebüt, die Ken-Bruen-Verfilmung “London Boulevard” (mit Colin Farrell, David Thewlis, Ray Winstone, Eddie Marsan und, umpf, Keira Knightley) ab.

Mit Leonardo DiCaprio, Matt Damon, Jack Nicholson, Mark Wahlberg, Martin Sheen, Ray Winstone, Vera Farmiga, Alec Baldwin

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Departed – Unter Feinden“

Metacritic über “Departed – Unter Feinden”

Rotten Tomatoes über “Departed – Unter Feinden”

Wikipedia über “Departed – Unter Feinden” (deutsch, englisch)

Drehbuch „The Departed“ von William Monahan

Collider: Interview mit William Monahan (Februar 2007)

Meine Besprechung von Martin Scorseses “Hugo Cabret” (Hugo, USA 2011)

Meine Besprechung von Martin Scorseses “The Wolf of Wall Street” (The Wolf of Wall Street, USA 2013)

Martin Scorsese in der Kriminalakte

Meine Besprechung von William Monahans “London Boulevard” (London Boulevard, USA/GB 2010)

Meine Besprechung von William Monahans “The Gambler” (The Gambler, USA 2014 – nur Drehbuch)

Ein Lesebefehl für den True-Crime-Fan

Lehr - O Neill - Black Mass - 4

Pünktlich zum Filmstart von „Black Mass“ erschien das von den „Boston Globe“-Journalisten geschriebene und mit dem Edgar ausgezeichnete Sachbuch „Black Mass“, das als Vorlage für den Film diente. Das Buch ist eine ungemein spannende Lektüre, die einem viel von der US-Kriminalitätsgeschichte erzählt.

Dick Lehr/Gerard O’Neill: Black Mass – Der Pate von Boston
(übersetzt von Joachim Körber)
Goldmann, 2015
512 Seiten
9,99 Euro

Originalausgabe
Black Mass: Whitey Bulger, the FBI, and a Devil’s Deal
PublicAffairs, 2000


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: „Black Mass“ – ein Sachbuch und ein Film über Bostons Gangsterboss Whitey Bulger

Oktober 15, 2015

Was für ein Stoff! Die Geschichte eines Gangsterbosses, der auch jahrelang FBI-Informant war. Sein FBI-Führungsoffizier ist auch aus South Boston und kennt ihn seit Kindertagen. Sein Bruder, ein Demokrat, ist ein geachteter und einflussreicher Politiker, der von 1978 bis 1996 der Präsident des Repräsentantenhaus von Massachusetts war und damit immer noch der Politiker ist, der das Amt am längsten inne hatte. Entsprechend einflussreich und beliebt war er bei der Bevölkerung. Und dann ist das keine Hollywood-Fiktion, sondern Wahrheit. Der irischstämmige James ‚Whitey‘ Bulger war auf dem Höhepunkt seiner Karriere der unantastbare Gangsterboss von Boston. 1975 wurde der 1929 geborene Verbrecher FBI-Informant. Ende 1994 tauchte er unter, weil seine Tätigkeit für das FBI kurz vor der Enthüllung stand und er Anklagen für seine vielen Verbrechen befürchten musste.
Im Film, der mit der öffentlichen Enthüllung von Bulgers jahrzehntelanger Informantentätigkeit endet, wird Bulger von Johnny Depp gespielt und Depp lässt seine in den letzten Jahren gepflegten Komödien-Manierismen links liegen. Neben ihm sind Joel Edgerton, Benedict Cumberbatch, Kevin Bacon, Peter Sarsgaard, Rory Cochrane und Corey Stoll dabei. Das Drehbuch ist von Mark Mallouk (sein erstes verfilmtes Drehbuch, aber als Produzent war er involviert in „Rush“, „Ruhet in Frieden“ und „Everest“) und Jez Butterworth (u. a. „Fair Game – Nichts ist gefährlicher als die Wahrheit“, „Edge of Tomorrow“, „Get on up“ und „Spectre“, der neue Bond), also Jungs, die eine wahre, spannende und auch komplexe Geschichte erzählen können.
Die Regie übernahm Scott Cooper, dessen Debüt „Crazy Heart“ von der Kritik abgefeiert wurde und dessen zweiter Film „Auge um Auge – Out of the Furnace“ ein etwas schleppend erzähltes düsteres Drama ist.
Das klingt doch vielversprechend.
Und doch ist „Black Mass“ eine große Enttäuschung. Es ist ein Gangsterfilm, der so eifrig bemüht ist, alles zu ignorieren, was einen Gangsterfilm ausmacht, was natürlich ein etwas unsinniges Unterfangen ist (als würde man ein Musical ohne Gesangsnummern inszenieren), aber gelingen könnte, wenn die Macher gewusst hätten, was sie erzählen wollen. Geht es um den Aufstieg und Abstieg von Bulger? Geht es um seine Beziehung zu dem FBI-Agenten John Connolly? Geht es um Vertrauen, Verrat und Verhaltensregeln? Den Ehrenkodex des Gangsters?
Wahrscheinlich geht es darum. Immerhin beginnt der Film mit einem Verhör bei der Polizei; wobei der Vernehmungsbeamte für den Film egal ist. Der Gangster, der betont, dass er aussagen werde, aber kein Verräter sei, gehört zwar zur Bande von Whitey Bulger, aber der Film wird nicht aus seiner Perspektive erzählt. Denn wir sehen hier und nach den folgenden Verhörszenen immer wieder Szenen, in denen Dinge gezeigt werden, die die Verhörten nicht wissen können. Sowieso sind die eher willkürlich eingestreuten Verhörszenen mit verschiedenen Bandenmitglieder nur ein Gimmick, der die sprunghafte Handlung nur mühsam kaschiert. Denn mit jedem neuen Verhör wird einfach ein weiteres Kapitel aufgeschlagen und manchmal auch ein längerer Zeitraum überbrückt. Wer dann von Bulger und seinen Jungs umgebracht wird, ist uns egal, weil wir zu dem Opfer keine emotioale Verbindung aufbauen konnten. Sowieso scheinen die Opfer vor allem Mitglieder aus Bulgers Bande zu sein, was zu einem weiteren Problem führt. In einem Gangsterfilm kämpfen Gangster gegeneinander und gegen die Polizei. In „Black Mass“ nicht. Immerhin schützt das FBI Bulger. Über seinen Aufstieg vom das Viertel beherrschenden zum die Stadt beherrschenden Gangster erfahren wir nichts, außer dass einmal gesagt wird, dass er dank des Schutzes des FBIs vom Southie-Kleingangster zum Paten von Boston aufsteigen konnte. Dass es auch andere Gangsterbanden in Boston gibt, vor allem natürlich die italienische Mafia, gegen die das FBI in den Siebzigern einen Feldzug führte, bleibt daher letztendlich eine Behauptung, die wir dem FBI glauben müssen.
Und warum Bulger irgendwann mit der IRA Geschäfte macht, können wir uns aus unserem, sofern vorhandenem, historischen Wissen über die IRA und ihre Unterstützer in den USA zusammenreimen. Aus dem Film erfahren wir es nicht. Dort ist es nur eine Episode, in der plötzlich ein Schiff beladen wird.
Entspechend eindimensional bleiben alle Charaktere. Sie sind Stichwortgeber für eine nicht vorhandene Geschichte. Vor allem Bulger bleibt blass. Er ist immer ein etwas älterer Mann mit schütteren Haaren und schlechten Kleidern. Er sieht immer aus, wie ein älterer Arbeiter aus der nächsten Eckkneipe. Dass er kaltblütig mehrere Menschen erdrosselt und erschießt, erscheint da fast wie eine seltsame Marotte. Aber besonders furchterregend wird er dadurch nicht. In den Momenten versprüht er bestenfalls die Aura eines Mafia-Handlangers, der in der nächsten Filmszene stirbt.
Auch alle anderen Charaktere agieren wie in einem Korsett. Leblos und steif hängen die Staatsdiener in ihren Anzügen. Natürlich immer in unauffällig zeitlos-seriösen Farben, mit Schlips und Weste, wie es sich schon damals seit Jahrzehnten für den gut gekleideten Mann gehörte. Die Gangster pflegen dagegen die ebenso zeitlos funktionale Hafenarbeiterkluft, die sich schon damals seit Jahrzehnten nicht änderte. So verstärkt die Kleidung das Gefühl, dass in „Black Mass“ alles, aber auch wirklich alles, seit Jahrzehnten schon fest zementiert ist. Und niemand es ändern will.
Dass die Filmgeschichte sich über zwei Jahrzehnte erstreckt, erfahren wir nicht über die Bilder. Egal ob 1975, das Jahr in dem „Black Mass“ beginnt, oder die achtziger Jahre oder die frühen neunziger Jahre bis, Mitte der Neunziger, als Bulger als FBI-Spitzel enttarnt wird, immer sehen wir die gleichen abgeranzten Sechziger-Jahre-Arme-Leute-Küchen, South-Boston-Hinterhöfe, Hafenansichten, FBI-Büros (die nie durch Hippnes glänzten) und, selten, gehobene Restaurants, in denen ohne Schlips und Anzug niemand hineingelassen wird. Es sind Orte, an denen jede Modernisierung vorbei ging.
Die Dialoge stehen zwar in der George-V.-Higgins- und Elmore-Leonard-Schule, aber in „Black Mass“ bleiben sie nur folgenloses Gebabbel. Das ist in den ersten Minuten, wegen der vermeintlichen Authenzität noch toll, aber es wird zunehmend zu einem Problem. Denn die Dialoge drehen sich mehr im Kreis, als dass sie die Handlung vorantreiben. Die ist sowieso nur locker an Bulgers verschiedenen Morden aufgehängt. Morde, die für die Handlung keine erkennbare Bedeutung haben.
So wird der gesamte Film ziemlich schnell zu einer reinen Geduldsprobe, die gefühlt mindestens doppelt so lange ist wie der zweistündige Film.
Wieviel besser und kurzweiliger ist dagegen David O. Russells 138-minütiger „American Hustle“, der die gleichen Themen behandelte und ebenfalls auf einer wahren Geschichte basiert.
Und was hätte Martin Scorsese nur aus dieser Geschichte gemacht?
Uh, ähem, hat er schon. Vor neun Jahren. „Departed – Unter Feinden“ heißt der Film, Jack Nicholson spielt den Gangsterboss, der im Film Frank Costello heißt und der von Whitey Bulger inspiriert ist. Ein grandioser Film, der Scott Coopers Scheitern umso schmerzhafter zeigt.

Black Mass - Plakat

Black Mass (Black Mass, USA 2015)
Regie: Scott Cooper
Drehbuch: Mark Mallouk, Jez Butterworth
LV: Dick Lehr/Gerard O’Neill: Black Mass: Whitey Bulger, the FBI, and a Devil’s Deal, PublicAffairs, 2000 (Black Mass – Der Pate von Boston)
mit Johnny Depp, Joel Edgerton, Benedict Cumberbatch, Dakota Johnson, Kevin Bacon, Peter Sarsgaard, Jesse Plemons, Rory Cochrane, David Harbour, Adam Scott, Corey Stoll, Juno Temple, Julianne Nicholson
Länge: 123 Minuten
FSK: ab 16 Jahre

Die Vorlage: ein Lesebefehl für den True-Crime-Fan

Lehr - O Neill - Black Mass - 4

Pünktlich zum Filmstart erschien das von den „Boston Globe“-Journalisten geschriebene und mit dem Edgar ausgezeichnete Sachbuch „Black Mass“, das als Vorlage für den Film diente und schon auf den ersten Seiten fragte ich mich, wie es den Filmmachern gelang, all die auf dem Präsentierteller liegenden erzählerischen Goldstücke zu ignorieren. Vieles wird zwar im Film auch angesprochen oder angedeutet, aber erst beim Lesen des Buches versteht man die Hintergründe und damit auch die Handlungen der Beteiligten. Deshalb ist das Buch eine so ungemein spannende Lektüre, die einem so viel von der US-Kriminalitätsgeschichte erzählt und, im Gegensatz zum Film, den Wunsch weckt, South Boston zu besuchen.

Dick Lehr/Gerard O’Neill: Black Mass – Der Pate von Boston
(übersetzt von Joachim Körber)
Goldmann, 2015
512 Seiten
9,99 Euro

Originalausgabe
Black Mass: Whitey Bulger, the FBI, and a Devil’s Deal
PublicAffairs, 2000

Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Film-Zeit über „Black Mass“
Moviepilot über „Black Mass“
Metacritic über „Black Mass“
Rotten Tomatoes über „Black Mass“
Wikipedia über „Black Mass“ (deutsch, englisch) und Whitey Bulger (deutsch, englisch)
History vs. Hollywood über die wahren Hintergründe von „Black Mass“

Die „Black Mass“-Pressekonferenz beim Filmfest in Venedig

Nachtrag (20. Oktober 2015)

„French Connection“ William Friedkin unterhält sich mit Scott Cooper über den Film

 

 


TV-Tipp für den 8. September: No Direction Home: Bob Dylan

September 8, 2015

BR, 22.55
No Direction Home: Bob Dylan (Großbritannien/USA 2005, Regie: Martin Scorsese)
Gut 210-minütige Doku über Bob Dylans frühe Jahre von seine Anfängen in Minnesota, der Greenwich-Village-Folk-Szene und seinem Verrat an der Folk-Szene, als er die akustische Gitarre gegen die E-Gitarre tauschte. Der Film endet 1966 mit Dylans Motorradunfall, nach dem er mehrere Jahre nicht mehr tourte.
Martin Scorsese gelang mit Konzertmitschnitten, historischen Aufnahmen und vielen aktuellen Interviews, die teilweise schon Jahre, bevor Scorsese sich an den Schnitt machte, geführt wurden, ein ebenso kurzweiliger wie informativer Film, der trotz der vielen Informationen nicht alles erklärt. Eigentlich bleibt sogar erstaunlich viel offen in dem von Sympathie getragenem Werk.
mit Bob Dylan, Joan Baez, Dave Van Ronk, Allen Ginsberg, Suze Rotolo
Hinweise
Rotten Tomatoes über „No Direction Home: Bob Dylan“
Wikipedia über „No Direction Home: Bob Dylan“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Martin Scorseses “Hugo Cabret” (Hugo, USA 2011)

Meine Besprechung von Martin Scorseses “The Wolf of Wall Street” (The Wolf of Wall Street, USA 2013)

Martin Scorsese in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: Über Antoine Fuquas Boxerfilm „Southpaw“

August 21, 2015

Die Regeln des Boxerfilms sind ja bekannt und „Southpaw“ folgt ihnen auch mit einem Boxkampf am Anfang, der Herausforderung eines Konkurrenten, einer krachenden Niederlage, dem langen Training für den nächsten Kampf und schließlich dem Schlußkampf, bei dem der Held siegreich den Ring verlässt. Das kennt man spätestens aus den „Rocky“-Filmen.
Aber Regisseur Antoine Fuqua (zuletzt „The Equalizer“) und Drehbuchautor Kurt Sutter („The Shield“, „Sons of Anarchy“) setzen eigene Akzente, die „Southpaw“ innerhalb des Genres zu einem sehr interessanten Film machen. Dabei ist die Besetzung der Hauptrolle mit Jake Gyllenhaal der uninteressanteste Punkt. Immerhin spielte schon Robert De Niro in Martin Scorseses grandiosem SW-Boxerfilm „Raging Bull – Wie ein wilder Stier“ einen Boxer.
Der interessante Punkt ist, wie viel Zeit sich Fuqua nimmt, um das Leben abseits des Boxkampfes und abseits des Boxrings zu zeigen. Es geht um die Einsamkeit nach dem Kampf in ranzigen Hinterzimmer, in denen man sich wenige Minuten früher auf den Kampf vorbereitete. Nach dem Lärm der jubelnden Menge in dem bis zum letzten Platz gefüllten Veranstaltungssaal ist die Stille und Einsamkeit in dem anonymen, funktionalem und fensterlosen Zimmer noch bedrückender. Es geht um die Schmerzen, die man nach einem Boxkampf am ganzen Körper spürt. So stolpert Billy Hope wie ein Schwerverletzter durch sein mondänes Anwesen. Es geht um die Geschäfte, die das Profiboxen begleiten. Also um das Abschließen von Verträgen, Auftritte bei Wohltätigkeitsveranstaltungen und Entscheidungen über das Leben nach der Sportkarriere. Es geht auch um die große Entourage, die man hat, so lange man Geld hat.
Diese Gefolgschaft verlässt Billy ‚The Great‘ Hope (Jake Gyllenhaal), ein impulsiv-jähzorniges Waisenkind, das sich von ganz unten aus dem Kinderheim nach oben zum Halbschwergewichtsmeistertitel boxte, mit seiner Jugendliebe Maureen (Rachel McAdams), die sein Leben in jeder Beziehung organisiert, glücklich verheiratet ist und mit ihr eine zehnjährige Tochter (Oona Laurence) hat, die er abgöttisch liebt, nachdem Maureen während einer Wohltätigkeitsveranstaltung bei einer Rangelei mit einem anderen Boxer durch einen Schuss tödlich verletzt wird. Ohne Maureen ist Billy ein vom Leben überfordertes Häufchen selbstmitleidiges Elend, das nach einem missglückten Boxkampf, der für ihn mit einer einjährigen Kampfsperre endet, auch schnell sein Vermögen verliert. Seine Tochter Leila kommt in ein Heim und er weiß nicht, wann er wieder mit ihr zusammen leben darf.
Weil Leila sein einziger Halt ist, will er für sie ein anständiger Vater sein. Deshalb nimmt er bei dem Amateur-Boxtrainer Titus ‚Tick‘ Wills (Forest Whitaker), der für die Kinder im Viertel auch ein Sozialarbeiter ist, eine Arbeit als Putzmann an. Und selbstverständlich trainiert er dort für seinen nächsten Kampf.
Wichtiger als die furios inszenierten Boxkämpfe sind in „Southpaw“, wie gesagt, die sonst nicht gezeigten Momente, die den Film, innerhalb der bekannten Regeln und absolut ironiefrei, zu einer intensiven und düsteren Charakterstudie machen. Und Jack Gyllenhaal überzeugt nach „Nightcrawler“, wo er ebenfalls einen – höflich formuliert – schwierigen Charakter spielte, wieder einmal als ein auch an seine körperlichen Grenzen gehender Schauspieler restlos.

Southpaw - Plakat

Southpaw (Southpaw, USA 2015)
Regie: Antoine Fuqua
Drehbuch: Kurt Sutter
mit Jake Gyllenhaal, Rachel McAdams, Forest Whitaker, Naomie Harris, Curtis `50 Cent`Jackson, Oona Laurence, Miguel Gomez, Skylan Brooks, Beau Knapp, Victor Ortiz
Länge: 125 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Englische Homepage zum Film
Film-Zeit über „Southpaw“
Moviepilot über „Southpaw“
Metacritic über „Southpaw“
Rotten Tomatoes über „Southpaw“
Wikipedia über „Southpaw“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Antoine Fuquas “Training Day” (Training Day, USA 2001)

Meine Besprechung von Antoine Fuquas “Gesetz der Straße – Brooklyn’s Finest” (Brooklyn’s Finest, USA 2009)

Meine Besprechung von Antoine Fuquas “Olympus has fallen – Die Welt in Gefahr” (Olympus has fallen, USA 2013)

Meine Besprechung von Antoine Fuquas “The Equalizer” (The Equalizer, USA 2014)


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