Neu im Kino/Filmkritik: Ein „Happy End“ bei Michael Haneke???

Oktober 12, 2017

Einen typischen Feelgood-Film erwartet niemand von Michael Haneke, dem Regisseur von „Benny’s Video“, „Funny Games“ und, zuletzt, den Erfolgen „Das weiße Band“ und „Liebe“. Der Film erhielt vorn fünf Jahren die Palme d’Or in Cannes und in einem kurzen Moment, auch weil Isabelle Huppert wieder die Tochter von Jean-Louis Trintignant spielt, kann man glauben, dass „Happy End“ eine Fortsetzung von „Liebe“ ist. Es wird nämlich ein Ereignis erwähnt, das es auch in „Liebe“ gab: George erstickte seine todkranke Frau. In dem Moment erscheint „Happy End“ die Geschichte von „Liebe“ über die letzten Tage eines großbürgerlichen Pariser Ehepaares fortzusetzen.

Aber das ist Quatsch.

Denn im Mittelpunkt von „Happy End“ steht die Familie Laurent. Seit Jahrzehnten besitzt sie in Calais ein Bauunternehmen und lebt in einem Anwesen. Der Patriarch Georges (Jean-Louis Trintignant) leidet an Demenz und hegt Suizidgedanken, die er beharrlich, aber erfolglos in die Tat umsetzen will. Seine Tochter Anne (Isabelle Huppert) führt das Unternehmen straff und zielgerichtet. Ihr Sohn Pierre (Franz Rogowski) ist der designierte, aber ungeeignete Nachfolger. Ihr Bruder Thomas (Mathieu Kassovitz) ist Arzt, der jetzt seine zwölfjährige Tochter Ève (Fantine Harduin) bei sich und damit den Laurents aufnimmt. Èves Mutter hat sich mit Tabletten vergiftet.

Georges erblickt in ihr eine Verbündete. Dabei passt sie, wie er erst später feststellt, hervorragend in die dysfunktionale Familie Laurent, in der Humanität sich als gutes Angebot für eine außergerichtliche Einigung an die Angehörigen eines bei einem Bauunfall umgekommenen Arbeiters versteht.

Über zwei Stunden entwirft Haneke die „Momentaufnahme einer bürgerlichen europäischen Familie“. Es ist ein satirisches Porträt. Eine Abfolge von mehr oder weniger eindeutig zuordenbarer Szenen, die in sich gelungen sind, insgesamt aber emotional wenig bewegen oder neue Erkenntnisse liefern. Die Reichen sind amoralisch und unfähig zu irgendeiner Form von Mitgefühl oder menschlicher Nähe. Das kennt man aus älteren Haneke-Filmen. Aber dieses Mal verzichtet er auf eine Geschichte. Fast alle für die Handlung wichtigen Ereignisse sieht man nicht, sondern erfährt erst später von ihnen, wenn eine Person einer anderen davon erzählt. Nie schält sich so etwas wie ein Hauptplot heraus, weil „Happy End“ überhaupt nicht daran interessiert ist. Und selbstverständlich ist kein Mitglied der Familie Laurent sympathisch oder taugt zum Sympathieträger. Das war auch in den anderen Haneke-Filmen nicht anders. Aber dieses Mal interessiert man sich für keinen Charakter und keiner hat im Film eine dramaturgische Fallhöhe oder macht eine Entwicklung durch. Das würde Hanekes Botschaft stören und würde natürlich auch der Absicht eines durch und durch pessimistischen Sittenbildes einer normalen bürgerlichen, sich selbst genügenden Familie zuwiderlaufen. Oder in den Worten der offiziellen Synopse: „’Rundherum die Welt und wir mittendrin, blind.‘ Die Momentaufnahme einer bürgerlichen europäischen Familie.“

Bei Michael Haneke weiß man, was man erhält. Auch wenn sein neuester Film die Geschlossenheit früherer Werke vermissen lässt zugunsten eines Haneke-Best-of, bei dem selbstverständlich auch die Medienkritik nicht fehlt. Das ist nicht schlecht, aber auch enttäuschend.

Happy End (Happy End, Frankreich/Deutschland/Österreich 2017)

Regie: Michael Haneke

Drehbuch: Michael Haneke

mit Isabelle Huppert, Jean-Louis Trintignant, Mathieu Kassovitz, Fantine Harduin, Franz Rogowski, Laura Verlinden, Toby Jones, Hassam Ghancy, Nabiha Akkari

Länge: 108 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

AlloCiné über „Happy End“

Filmportal über „Happy End“

Moviepilot über „Happy End“

Metacritic über „Happy End“

Rotten Tomatoes über „Happy End“

Wikipedia über „Happy End“ (deutsch, englisch, französisch)

Meine Besprechung von Thomas Assheuers Interviewbuch “Nahaufnahme: Michael Haneke” (2010)

Michael Haneke in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Michael Hanekes „Liebe“ (Amour, Frankreich/Deutschland/Österreich 2012)

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Neu im Kino/Filmkritik: Michael Haneke denkt über die „Liebe“ nach

September 19, 2012

Georg und Anna sind Musikprofessoren und nicht mehr die Jüngsten. Sie genießen schon seit einigen Jahren ihren Ruhestand und besuchen gelegentlich Konzerte von ehemaligen Zöglingen. Als Anna eines Tages einen Schlaganfall hat, ruft Georg den Notarzt – und es beginnt der alltägliche Horror des Alters. Das langsame Sterben eben.

Denn Anna kommt aus dem Krankenhaus zurück und Georg versucht ihr in ihrer Wohnung zu helfen. So gut er kann. Aber sie kann sich immer weniger alleine bewegen. Das Sprechen wird auch immer schwieriger. Musizieren kann sie schon lange nicht mehr. Sie ist jetzt in einer Lage, in die sie nie kommen wollte.

Liebe“ erzählt wie einige andere Filme, die in den letzten Jahren im Kino liefen, vom Alt-Werden und den Problemen des Alt-Werdens.

Aber weil es ein Film von Michael Haneke ist, erzählt er nicht von rüstigen Rentnern, die Jungspunden zeigen, dass sie noch nicht zum alten Eisen gehören, oder vom wiedererwachten Liebesglück. Er erzählt vom Alltag, in dem einfach nur noch auf das letzte große Ereignis, den Tod, gewartet wird. Und das in der Detailgenauigkeit, Konsequenz und objektiv-beobachtenden Erzählhaltung, wie wir sie aus seinen früheren Werken, wie „Bennys Video“, „Funny Games“ (von dem er sogar ein US-Remake drehte, das bei uns weitgehend ignoriert wurde) und seinem Überraschungserfolg „Das weiße Band“, für den er, unter anderem, in Cannes die Goldene Palme und den Golden Globe als bester fremdsprachiger Film erhielt, kennen. Für „Liebe“ erhielt er vor wenigen Monaten die Goldene Palme. Weitere Preise werden – dafür muss man kein Prophet sein – folgen.

Die Hauptrollen übernahmen Jean-Louis Trintignant (Jahrgang 1930), nach einer mehrjährigen Leinwandabstinenz, und Emmanuelle Riva (Jahrgang 1927), die in „Hiroshima, mon Amour“ von Alain Resnais, „Eva und der Priester“ von Jean-Pierre Melville und „Drei Farben: Blau“ von Krzysztof Kieslowski mitspielte und die bei uns nicht so bekannt ist, und sie spielen das alte Ehepaar beängstigend glaubwürdig; vor allem Emmanuelle Riva, die den körperlichen Verfall von Anna spielt, kann nicht genug gelobt werden.

Und weil es ein Film von Michael Haneke ist, geht es in „Liebe“ auch um Einsamkeit, Verlust, Schuld und Sühne. Denn gerade weil Georg seine Frau liebt, ruft er den Notarzt; gerade weil er sie liebt, pflegt er sie und setzt sich über ihren Wunsch zu Sterben hinweg. Sie will vielleicht nur deshalb sterben, weil sie ihn liebt und ihm keine Belastung sein will. Und die Geschichte steuert ohne Umwege und Atempausen auf ihr tödliches Ende, das bereits in den ersten Bildern gezeigt wird, zu. Diesen Weg schildert Haneke mit einer solchen bitteren Konsequenz, als ob er mit jedem Filmmeter beweisen möchte, dass Alt-Werden nichts für Feiglinge ist und dass es im Alter vielleicht noch Liebe, aber keine Freude mehr gibt.

Weil wir alle Alt-Werden, kann man sich dem formvollendet inszeniertem Film, seinem Thema und seiner Aussage wesentlich schwerer als Hanekes anderen Filmen entziehen. In „Funny Games“ konnte man sich sagen, dass man kein Haus am See habe. „Das weiße Band“ spielt in der Vergangenheit. „Bennys Video“ war ja ein Extrembeispiel von Jugendgewalt und dem schädlichen Einfluss von Videos.

In „Liebe“ haben wir nur den nackten Alltag eines seit Ewigkeiten verheirateten Ehepaares, das in einer großen Mietwohnung lebt und das unregelmäßig von ihrer glücklich verheirateten Tochter (Isabelle Huppert) besucht wird.

Liebe (Amour, Frankreich/Deutschland/Österreich 2012)

Regie: Michael Haneke

Drehbuch: Michael Haneke

mit Jean-Louis Trintignant, Emmanuelle Riva, Isabelle Huppert, Alexandre Tharaud, William Shimell, Ramón Agirre, Rita Blanco

Länge: 125 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Liebe“

Metacritic über „Liebe“

Rotten Tomatoes über „Liebe“

Wikipedia über „Liebe“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Thomas Assheuers Interviewbuch “Nahaufnahme: Michael Haneke” (2010)

Michael Haneke in der Kriminalakte


Im Verhörzimmer nebenan: Thomas Assheuer befragt Michael Haneke

Juni 18, 2010

Mit seinem neuesten Film „Das weiße Band“ ist Michael Haneke wahrscheinlich an einem Ort angekommen, an dem er nie ankommen wollte. Denn der Schwarzweiß-Film wird von den Kritikern abgefeiert (bei Haneke normal), mit Preisen überhäuft (auch bei Haneke nicht ungewöhnlich, aber die Menge ist dann doch besorgniserregend: Cannes, Golden Globe, Deutscher Filmpreis,…) und auch vom Publikum geliebt. In Österreich haben über 100.000 Menschen den Film gesehen. In Deutschland über 600.000. Hier in Berlin hält der Film sich seit Monaten in den Kinos. Und dabei kann man dem Film alles vorwerfen, außer dass er leichte Kost ist.

Leichte Kost waren die Filme von Michael Haneke noch nie. Meistens geht es um Gewalt: wie sie entsteht und wie sie in den Medien vermittelt wird. „Bennys Video“, „Funny Games“, „Code unbekannt“, „Die Klavierspielerin“, „Wolfzeit“ und „Caché“ sind seine bekanntesten und auch kontroversesten Filme. Seine früheren, vor allem für das Fernsehen gedrehten, Filme sind dagegen, auch weil sie kaum gezeigt werden, unbekannter.

So ein Filmemacher lädt natürlich zu einer eingehenderen Betrachtung ein. „Zeit“-Journalist Thomas Assheuer wählte in „Nahaufnahme Michael Haneke“ den direkten Weg. Er interviewte Haneke zu seinem Werk. Den Hauptteil des Buches bildet dabei ein vom 14. bis zum 16. Juni 2007 in Wien geführtes Interview in dem Assheuer mit Haneke über dessen Leben, seine ästhetischen Vorstellungen und sein Werk, vor allem das Spätwerk, sprach. Sie unterhielten sich vor allem über wiederkehrende Themen in Hanekes Filmen und weniger über einzelne Filme.

Ich sage immer: Was unter den Teppich gekehrt wird, wird den Teppich irgendwann in Bewegung setzen. Wir leben alle mit Schuldgefühlen. Man kann gar nicht anders, denn es scheint die condition humaine zu sein. Man wird immer, willentlich oder unwillentlich, schuldig an anderen. Schuld ist immer dort, wo Leid entsteht. Wir können nicht schuldfrei leben, als Teil einer Gemeinschaft und eines Systems wird man zwangsläufig schuldig. Die Frage ist nur, wie wir damit umgehen. Meistens drücken wir uns.

Michael Haneke, S. 65

Dabei, und das macht den Österreicher Michael Haneke in dem Gespräch sympathisch, wehrt er sich gegen platte Interpretationen. Ebenso rigoros wehrt er viele persönliche Fragen und (vulgär-)psychologische Interpretationen seiner Filme ab. Er präsentiert sich als einen sehr nachdenklichen Menschen, der durchaus selbstironisch über seine Filme und die verschiedenen Reaktionen des Publikums spricht. So sind einige Filme in Frankreich (seinem zweiten Land, in dem er regelmäßig dreht) erfolgreich, aber nicht in Österreich oder Deutschland – und in den USA sieht es wieder anders aus.

Wenn mich die Leute in New York auf der Straße an sprechen und mir sagen, Caché habe sie bewegt wie noch lange kein Film mehr, dann freut mich das natürlich. Und in Frankreich passiert mir das auch oft. In Frankreich kennt man mich ohnehin besser als hier. Dort gibt es ein Kinopublikum, das wirklich enthusiastisch ist, und die Leute zeigen es einem auch. Natürlich gibt’s dann auch Lob von der falschen Seite. Mir sind die kritischen Äußerungen eines intelligenten Kritikers lieber als die Begeisterung von Dummköpfen. Aber selbst die freut einen – wer ist schon frei von Eitelkeit?

Michael Haneke, S. 126

Für die zweite Auflage von „Nahaufnahme Michael Haneke“ interviewte Assheuer am 7. November 2009 den Regisseur über seinen neuen Film „Das weiße Band“. Dabei geht Haneke vor allem auf die Schwierigkeiten vor und während des Drehs ein: die langwierige Suche nach den Kinderdarstellern und dem richtigen Drehort und die ebenfalls langwierige Überzeugungsarbeit bei Geldgebern, dass „Das weiße Band“ in Schwarzweiß gedreht wird. Eine Entscheidung, die aus ästhetischen Gründen nachvollziehbar ist, aber normalerweise den Tod an der Kasse bedeutet.

Als nette Beigabe gibt es die beiden von Michael Haneke geschriebenen Texte „Schrecken und Utopie der Form – Bressons ‚Au hasard Balthazar’“ und der Vortrag „Gewalt und Medien“ zu einer Vorführung von „Bennys Video“.

Die Interviews laden zum Nachdenken über das eigene Sehen und zum wiederholten (?) Sehen der Filme von Michael Haneke, die ja ziemlich regelmäßig im Fernsehen laufen und auf DVD erhältlich sind, ein.

Nahaufnahme Michael Haneke – Gespräche mit Thomas Assheuer

(Zweite, aktualisierte Auflage)

Berlin, 2010

224 Seiten

14,90 Euro

Hinweise

Wikipedia über Michael Haneke (deutsch, englisch)

Arte: Interview mit Michael Haneke zu „Das weiße Band“



Zitat des Tages: Michael Haneke über innere Spannung

Mai 10, 2010

Wenn der Zuschauer auch nur einen Moment stockt, weil die innere Spannung nachläßt, dann ist er draußen und kommt nicht mehr rein. Das Timing im Drama ist unendlich viel wichtiger als bei einem Roman. Dort kann man weiterblättern, wenn’s langweilig wird – im Kino steigt man aus. Deshalb ist dort eine zwingende Konstruktion notwendig.

Michael Haneke

(aus Nahaufnahme Michael Haneke

Alexander Verlag, 2010, S. 36)


TV-Tipp für den 4. Oktober: Liebe

Oktober 4, 2017

Wenige Tage vor dem Kinostart von Michael Hanekes „Happy End“ (ebenfalls mit Jean-Louis Trintignant und Isabelle Huppert) kann man sich noch einmal seinen vorherigen Film ansehen:

Arte, 20.15
Liebe (Amour, Frankreich/Deutschland/Österreich 2012)
Regie: Michael Haneke
Drehbuch: Michael Haneke
Georges pflegt seine Frau Anne, mit der er seit Jahrzehnten verheiratet ist – und Michael Haneke beobachtet diesen Weg in den Tod mit der ihm eigenen Präzision.
Der grandiose Film erhielt unter anderem die Goldene Palme (kurz nach seiner Weltpremiere), den Oscar als bester ausländischer Film (er war auch nominiert als bester Film, beste Regie, bestes Drehbuch und beste Hauptdarstellerin), mehrere Césars und viele weitere Preise.
Warum ich den Film so gut finde, obwohl er nicht unproblematisch ist, habe ich hier erklärt.
mit Jean-Louis Trintignant, Emmanuelle Riva, Isabelle Huppert, Alexandre Tharaud, William Shimell, Ramón Agirre, Rita Blanco

Wiederholungen

Freitag, 6. Oktober, 00.45 Uhr (Taggenau!)

Freitag, 13. Oktober, 13.50 Uhr (jetzt dürfte jeder seine Wunschuhrzeit haben)

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Liebe“

Metacritic über „Liebe“

Rotten Tomatoes über „Liebe“

Wikipedia über „Liebe“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Thomas Assheuers Interviewbuch “Nahaufnahme: Michael Haneke” (2010)

Michael Haneke in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Michael Hanekes „Liebe“ (Amour, Frankreich/Deutschland/Österreich 2012)


TV-Tipp für den 6. September: Liebe

September 6, 2016

WDR, 22.10
Liebe (Amour, Frankreich/Deutschland/Österreich 2012)
Regie: Michael Haneke
Drehbuch: Michael Haneke
Georges pflegt seine Frau Anne, mit der er seit Jahrzehnten verheiratet ist – und Michael Haneke beobachtet diesen Weg in den Tod mit der ihm eigenen Präzision.
Der grandiose Film erhielt unter anderem die Goldene Palme (kurz nach seiner Weltpremiere), den Oscar als bester ausländischer Film (er war auch nominiert als bester Film, beste Regie, bestes Drehbuch und beste Hauptdarstellerin), mehrere Césars und viele weitere Preise.
Warum ich den Film so gut finde, obwohl er nicht unproblematisch ist, habe ich hier erklärt.
mit Jean-Louis Trintignant, Emmanuelle Riva, Isabelle Huppert, Alexandre Tharaud, William Shimell, Ramón Agirre, Rita Blanco

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Liebe“

Metacritic über „Liebe“

Rotten Tomatoes über „Liebe“

Wikipedia über „Liebe“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Thomas Assheuers Interviewbuch “Nahaufnahme: Michael Haneke” (2010)

Michael Haneke in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Michael Hanekes „Liebe“ (Amour, Frankreich/Deutschland/Österreich 2012)


Neu im Kino/Filmkritik: „Everybody wants some!!“ – Richard Linklaters Reise zurück in die Achtziger

Juni 4, 2016

Da liefert mir Hannah Pilarczyk auf Spiegel Online mit ihrer Nicht-Kritik über Richard Linklaters neuen Film „Everybody wants some!!“ doch glatt die Steilvorlage für den Einstieg in meine Besprechung des Films. Sie schreibt:

Das alles kann man schreiben. Allein: Der Film hat mir keine Freude bereitet. Ich habe das alles erkannt und dennoch nicht gelacht. (…)

Stattdessen hat mich dieser Film dazu gebracht, ganz grundlegend über die Aufgabe einer Filmkritik nachzudenken. Das soeben Angeführte ist die Summe des Wissen, (…)

Einen ähnlichen Kenntnisstand kann man bei der durchschnittlichen Kinobesucherin, beim durchschnittlichen Kinobesucher nicht voraussetzen. Muss ich ihn als Kritikerin deshalb liefern? Auch wenn er nur das Wissen über den Film vergrößert, aber nicht den Spaß daran?“

Ob eine Kritik den „Spaß“ an einem Film vergrößern kann, weiß ich nicht. Das liegt daran, was man unter „Spaß“ versteht. Und „Freude“ bei einem Film ist auch okay. Wobei sie hier mit „Freude“ wohl nicht „Wohlgefallen“ oder „Vergnügen“, sondern allgemeiner meint, er habe sie nicht angesprochen; sie in keinster Weise berührt. Zum Beispiel wird niemand von einem Film von Michael Haneke, Ulrich Seidl oder Todd Solondz „Freude“ erwarten und auch niemand, der seine fünf Sinne beisammen hat, wird sagen, Roman Polanskis „Der Pianist“ (am Sonntag auf Arte) habe ihr Freude bereitet. Aber es sind sehenswerte, gute Filme, die einen berühren und mit denen sich eine Auseinandersetzung lohnt.

Eine Kritik als eine begründete Meinung sollte genau dazu einladen. D. h.: ich versuche meine Meinung zum Film nachvollziehbar zu erläutern. Ich schreibe auch, um was es in dem Film geht, was der Regisseur zeigen wollte, ob er das erreicht und warum es nach welchem Standard und nach welchen Erwartungen ein gelungener oder misslungener Film ist. Die Kritik sollte den Leser auch befähigen zu beurteilen, ob ihm der Film gefallen könnte. Und, wenn er ihn schon gesehen hat, neue Informationen und Einsichten vermitteln. Also zum Beispiel, warum er ihm nicht gefallen hat, oder warum er vielleicht doch nicht so schlecht ist, wie er glaubt. Insofern ist eine Kritik immer eine persönliche und natürlich subjektive, aber informierte Auseinandersetzung mit dem Film, die mehr als ein „gefällt mir“ oder „gefällt mir nicht“ ist und bei der das Ego und die persönlichen Befindlichkeiten des Verfassers nicht im Mittelpunkt stehen sollten.

Richard Linklaters neuer Film hat mir auch nicht gefallen. Ich fand ihn langweilig und auch ich konnte für keinen Charakter irgendetwas empfinden, obwohl mir Linklaters andere Filme gefallen, er wieder einen autobiographischen Stoff inszenierte und der Film, siehe Rotten TomatoesLINK, bei der US-Kritik überaus gut ankommt.

Wo also lief es für mich (okay, nicht nur für mich) schief?

Everybody wants some!!“ erzählt von den letzten Tagen vor dem Beginn des Studiums. Im Sommer 1980 kommt Jake Bradford als Neuling an die Southeast Texas State University. Er gehört zum Baseball-Team und hat ein Zimmer in dem in der Stadt gelegenem Studentenwohnheim des Baseball-Teams. Seine Mitbewohner nehmen ihn auf und ziehen mit ihm an dem Wochenende vor dem College-Beginn um die Häuser. Sie nehmen feste und flüssige Drogen. Sie amüsieren sich in verschiedenen Lokalen von einer Disco über einen Punk-Schuppen und eine Country-&-Western-Bar hin zu einer Party im Studentenwohnheim der Kunst-Studenten. Sie spielen etwas Baseball. Sie haben Sex – oder versuchen es. Sie hängen ab. Und am Montag hängen sie müde in der ersten Vorlesung.

Der 1960 geborene Texaner Linklater, der selbst an der Universität Baseball spielte, blickt mit „Everybody wants some!!“ auf seine College-Zeit zurück und er schließt auch an „Dazed and Confused – Sommer der Ausgeflippten“ (Dazed and Confused, USA 1993) an. In diesem autobiographisch inspiriertem Film erzählt er in Episoden von den Erlebnissen mehrerer High-School-Freshmen und den Schülern der Abschlussklasse im Sommer 1976 in Texas. Es geht von der ersten Minute an um den Abschied aus der vertrauten Schule und Umgebung und um den Aufbruch in eine neue Welt. Die Folie, vor der sich alles abspielt, ist das Wissen, dass nach dieser Nacht alles anders sein wird.

Genau diese Folie fehlt „Everybody wants some!!“. Es geht zwar auch um die Aufnahme eines neuen Schülers in die Gemeinschaft, aber dieses Mal gibt es kein Ziel. Also ob das Wochenende der letzte Abschied von der unbeschwerten Jugend oder der Anfang der Eroberung einer neuen, schöneren, offeneren, mehr Möglichkeiten bietenden Welt ist. Es wird nur ein Wochenende gezeigt, bei dem es egal ist, ob es am Anfang oder Ende oder in der Mitte des Semesters oder des Studiums spielt.

Allein das führt schon zu einer Distanz zum Erzählten. Es gibt nämlich keinen Rahmen, in den man die Episoden sinnvoll einordnen kann und die ihnen damit eine größere Bedeutung verleihen. So ist es nur der Tanz in der Disco, das Besäufnis, der wirre Vortrag eines kiffenden Mitstudenten und die nächste Schönheit, die man erobern will.

Dazu kommt das Ensemble von jungen, unbekannten Schauspielern, die alle erschreckend eindimensionale Charaktere verkörpern müssen. Denn letztendlich muss sich keiner von ihnen mit einem Problem herumschlagen oder eine Entscheidung treffen. Aber gerade das Treffen von Entscheidungen verrät uns einiges über den Charakter einer Person und je wichtiger für ihn die Entscheidung ist, umso mehr können wir mit ihm mitfühlen.

Dann würden wir auch verstehen, warum der durchgeknallte Student, der wie eine Kopie von „Taxi Driver“ Travis Bickle wirkt, so ist, wie er ist. In dem Film erleben wir ihn zuerst in der Disco als den grundlos für Ärger sorgenden Psychopathen, mit dem wir keine zwei Sekunden zusammen sein wollen. Später sollen wir glauben, dass er ein wichtiges und durchaus respektiertes Mitglied des Baseball-Teams ist. Nur: wir glauben es nicht.

Ein anderes, älteres Mitglied aus dem Team verschwindet plötzlich, weil er seine College-Zulassung fälschte. Aus diesem Charakter hätte man durchaus etwas machen können, aber in dem Film bleibt er so nebensächlich, dass nicht nur ich mich fragte, wer er denn genau war, was er vorher in dem Film gemacht hat und, verdammt noch mal, welches Teammitglied er war.

Ebenso austauschbar bleiben die vielen anderen Charaktere. Über keinen will man unbedingt mehr erfahren, von keinem erwartet man sehnsüchtig den nächsten Auftritt und keinen würde man, wenn er plötzlich aus dem Film ausscheiden würde, vermissen.

So bleibt aber alles an der Oberfläche. Als ob man ein altes Fotoalbum durchblättert.

Everybody wants some

Everybody wants some!! (Everybody wants some!!, USA 2016)

Regie: Richard Linklater

Drehbuch: Richard Linklater

mit Will Brittain, Zoey Deutch, Ryan Guzman, Tyler Hoechlin, Blake Jenner, J. Quinton Johnson, Glen Powell, Wyatt Russell

Länge: 117 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Everybody wants some!!“

Metacritic über „Everybody wants some!!“

Rotten Tomatoes über „Everybody wants some!!“

Wikipedia über „Everybody wants some!!“

Meine Besprechung von Richard Linklaters „Before Midnight“ (Before Midnight, USA 2013)

Richard Linklater in der Kriminalakte

Ein ausführliches Gespräch mit Richard Linklater über den Film und den ganzen Rest

Ein etwas kürzeres Gespräch mit ihm über den Film

Und eines mit ihm, Rick Keeler und Tyler Hoechlin (beides Mitstudenten von Linklater) und über den Film und ihre gemeinsame Uni-Zeit


Neu im Kino/Filmkritik: „The Loft“ – fünf Männer, fünf Schlüssel, eine Frauenleiche, ein Problem

Dezember 11, 2014

Wer nicht gerade zu den vergleichenden Filmwissenschaftlern gehört, wird mit der US-Version von „The Loft“ ein Problem haben: Erik Van Looy inszenierte ein Remake von seinem 2008er Kinohit „Loft – Tödliche Affären“, das sich kaum vom Original unterscheidet. Entsprechend bekannt sind, wenn man das Original kennt, die Dialoge und Twists, auf denen die vertrackte Whodunit-Filmgeschichte aufbaut.
„The Loft“ ist einfach die US-Version von „Loft – Tödliche Affären“, mit höherem Budget und bekannteren Schauspielern. Die Geschichte wurde nicht verändert und ist, wenn man das Original oder das bei uns fast unbekannte 2010er Remake „Loft – Liebe, Lust, Lügen“ von Antoinette Beumer, das bei uns nur auf DVD erschien, nicht kennt, ein herrlich gemeiner und vertrackter Rätselkrimi über fünf verheiratete Männer, die in einem Luxusapartment ihre Schäferstündchen abhalten, bis eines Tages Luke Seacord (Wentworth Miller) in dem Loft eine nackte, blutbesudelte, an das Bett gekettete Frauenleiche entdeckt. Panisch informiert er Vincent Stevens (Karl Urban), Chris Vanowen (James Marsden), Marty Landry (Eric Stonestreet) und Philip Trauner (Matthias Schoenaerts, der schon im Original dabei war). Die fünf Ehebrecher fragen sich, wer von ihnen der Mörder ist. Denn es gibt nur fünf Schlüssel für das Loft.
Erik Van Looy, der auch den genialen Thriller „Mörder ohne Erinnerung“/“Totgemacht – The Alzheimer Case“ inszenierte, inszenierte, mit vielen Rückblenden, wie die fünf Männer versuchen, mit der Situation umzugehen, sich dabei gegenseitig verdächtigen und hinter einige schmutzige Geheimnisse kommen. Denn, entsprechend der alten Thriller-Regel „Nichts ist so, wie es scheint“, hat jeder mindestens ein Geheimnis vor seinen besten Freunden.
Das Erzähltempo ist hoch, die Twists sind (jedenfalls wenn man das Original nicht kennt) unvorhersehbar und die Schauspieler sind gut. Wobei die Schauspieler sich im Remake noch mehr ähneln als im Original, wo sie eher unterscheidbare, aus einem Werbekatalog entsprungene Charakterköpfe waren. Im Remake sind es eher dunkelhaarige Schönlinge mit gut aussehenden Frauen, die man leicht verwechseln kann; was auch von Erik Van Looy beabsichtigt war. Und mit seiner Hochglanz-Optik, seinem subtil-ätzendem Kommentar zur bürgerlichen Ehe und den immer auf ihre hübsche Fassade bedachten Charakteren reiht sich „The Loft“ sehr gelungen in die Reihe von aktuellen Thrillern, wie „Gone Girl“ und „Ich. Darf. Nicht. Schlafen“, ein, die ebenfalls einen Blick auf die Ehe im 21. Jahrhundert werfen.
Aber wer bereits Erik Van Looys „Loft – Tödliche Affären“, das bei uns auf dem Fantasy-Filmfest lief, auf DVD veröffentlicht und bereits im Fernsehen gezeigt wurde, gesehen hat, erfährt in „The Loft“ nichts Neues. Deshalb ist sein US-Remake, wie Michael Hanekes „Funny Games“, ein spannender, aber auch redundanter Thriller.

The Loft - Plakat

The Loft (The Loft, USA 2014)
Regie: Erik Van Looy
Drehbuch: Wesley Strick, Bart de Pauw
mit Karl Urban, James Marsden, Wentworth Miller, Eric Stonestreet, Matthias Schoenaerts, Isabel Lucas, Rachael Taylor, Rhona Mitra, Valerie Cruz
Länge: 103 Minuten
FSK: ab 16 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „The Loft“
Moviepilot über „The Loft“
Metacritic über „The Loft“
Rotten Tomatoes über „The Loft“
Wikipedia über „The Loft“


TV-Tipp für den 21. September: Liebe

September 21, 2014

ARD, 21.45
Liebe (Amour, Frankreich/Deutschland/Österreich 2012)
Regie: Michael Haneke
Drehbuch: Michael Haneke
Georges pflegt seine Frau Anne, mit der er seit Jahrzehnten verheiratet ist – und Michael Haneke beobachtet diesen Weg in den Tod mit der ihm eigenen Präzision.
Der grandiose Film erhielt unter anderem die Goldene Palme (kurz nach seiner Weltpremiere), den Oscar als bester ausländischer Film (er war auch nominiert als bester Film, beste Regie, bestes Drehbuch und beste Hauptdarstellerin), mehrere Césars und viele weitere Preise.
Warum ich den Film so gut finde, obwohl er nicht unproblematisch ist, habe ich hier erklärt.
mit Jean-Louis Trintignant, Emmanuelle Riva, Isabelle Huppert, Alexandre Tharaud, William Shimell, Ramón Agirre, Rita Blanco

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Liebe“

Metacritic über „Liebe“

Rotten Tomatoes über „Liebe“

Wikipedia über „Liebe“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Thomas Assheuers Interviewbuch “Nahaufnahme: Michael Haneke” (2010)

Michael Haneke in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Michael Hanekes „Liebe“ (Amour, Frankreich/Deutschland/Österreich 2012)


TV-Tipp für den 30. Oktober: Benny’s Video

Oktober 30, 2013

 

Arte, 22.40

Benny’s Video (Österreich/Schweiz 1992)

Regie: Michael Haneke

Drehbuch: Michael Haneke

Weil seine vermögenden Eltern mit anderen Dingen beschäftigt sind, verbringt der 14-jährige Benny seine Zeit vor dem Videorecorder mit dem Genuss von Gewaltfilmen. Als er ein gleichaltriges Mädchen trifft, demonstriert er an ihr die Wirkung eines Bolzenschussgeräts – und zeigt später das Video seinen Eltern.

Der Film von Michael Haneke beobachtet nur und kommentiert nicht. Er erzählt die Geschichte in einer Stringenz und Dichte, die zunächst äußerst unbequem wirken, aber dem Thema und dem Anliegen des Films angemessen sind.“ (Fischer Film Almanach 1994)

Und über diese These kann man trefflich streiten. Damals und heute immer noch.

Mit diesem Film, der bereits all die Themen und Stilistiken hat, die seine späteren Filme auch haben, wurde Michael Haneke einem breiteren Publikum bekannt. Danach drehte er „Funny Games“ (und zehn Jahre später ein für uns überflüssiges US-Remake), „Code – Unbekannt“, „Caché“, „Das weiße Band“ und „Liebe“.

Haneke erhielt für „Benny’s Video“ den FIPRESCI Preis.

mit Arno Frisch, Angela Winkler, Ulrich Mühe, Ingrid Stassner

Wiederholung: Dienstag, 5. November, 00.40 Uhr (VPS 01.05 Uhr, Taggenau!)

Hinweise

Arte über „Benny’s Video“

Rotten Tomatoes über „Benny’s Video“

Wikipedia über „Benny’s Video“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Thomas Assheuers Interviewbuch “Nahaufnahme: Michael Haneke” (2010)

Meine Besprechung von Michael Hanekes „Liebe“ (Amour, Frankreich/Deutschland/Österreich 2012)

Michael Haneke in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: Der diesjährige Berlinale-Gewinner „Mutter & Sohn“

Mai 26, 2013

 

Ein Mann überfährt ein Kind. Ein dummer Unfall. Seine Mutter will ihm helfen. Sie redet mit der Polizei. Lässt ihre Beziehungen spielen. So weit, so normal und allgemeingültig. Aber Calin Peter Netzer zeichnet, eher im Hintergrund, ein Bild der rumänischen Gesellschaft und einer problematischen Mutter-Sohn-Beziehung. Denn die Mutter Cornelia ist eine angesehene Architektin für die Oberschicht Bukarests, geschieden, gerade sechzig geworden und enttäuscht darüber, dass ihr Sohn sich seit zwei Monaten nicht mehr bei ihr gemeldet hat. Seine Freundin gefällt ihr auch nicht. Sie kann einfach nicht akzeptieren, dass ihr inzwischen 35-jähriger Sohn Barbu ein eigenes Leben führen will. Ungefragt und sehr dominant mischt sie sich in die polizeiliche Aufarbeitung des Unfalls und versucht alles, um ein Verfahren gegen ihren selbstverständlich unschuldigen Sohnes abzuwenden. Dafür lässt sie, noch bevor sie mit ihm über den Unfall redet, ihre Beziehungen und Bakschisch spielen.

Viel erschreckender als die alltägliche Korruption, wenn sie um ihr Ziel zu erreichen, zum Beispiel, den ermittelnden Polizisten zusichert, sich um die Probleme bei einer Baugenehmigung zu kümmern oder sie sich mit einem Zeugen trifft und ohne mit der Wimper zu zucken, auf dessen finanziellen Forderungen eingeht, ist die Beziehung der Mutter zu ihrem Sohn, dem sie, mit den allerbesten Absichten, jede Möglichkeit, sich irgendwie selbst zu entfalten, nimmt. Diesen schmalen Grad zwischen normaler mütterlicher Fürsorge (und Sorge der Eltern um ihre Kinder) und übertriebener Fürsorge zeichnet Netzer bis zum Ende ambivalent. Meistens sind ihre Handlungen sowohl in die eine, als auch in die andere Richtung interpretierbar. Selten wird er dabei so deutlich, wie in der Szene, in der sie ihrem Sohn den verspannten Rücken einreibt und es schnell wie eine Vergewaltigung wirkt. Eine Vergewaltigung, bei der das Opfer nichts sagt und die vieles über die Beziehung zwischen der Mutter und ihrem Sohn verrät. Denn sie steht im Zentrum des Films. Er ist als Täter nur eine weitgehend passive Nebenfigur.

Gedreht wurde der Film, in langen, oft ungeschnittenen Szenen, mit einer pseudokumentarischen Handkamera, die spontan wirken soll, aber doch hochgradig inszeniert ist. Wie die Dialoge, die sich wie alltägliche Gespräche anhören sollen, aber in ihrer Zuspitzung immer auf das ausgefeilte Drehbuch verweisen. Denn auch hier bieten Netzer und sein Co-Autor Razvan Radulescu immer mindestens zwei sich widersprechende Interpretationsmöglichkeiten an, immer werden Machtverhältnisse und Abhängigkeiten thematisiert und jede Handlung, vor allem von der Mutter, aber auch von fast allen anderen Charakteren, erscheint letztendlich egoistisch.

Dieser schonungslose Blick auf seine Charaktere ähnelt dem ähnlich kalt-analytischem Blick von Michael Haneke, der allerdings zugunsten einer ausgefeilten Bilddramaturgie auf die nervig-trendige Handkamera verzichtet. Und wie Hanekes Filme einen nach dem Kinobesuch noch weiter beschäftigen, lädt auch Netzers Film – je nach Alter – zum Nachdenken über die eigene Beziehung zu seinen Eltern und Kindern an.

Mutter & Sohn“, der den diesjährigen Goldenen Bär auf der Berlinale gewann, ist kein schöner Blick auf die Conditio Humana und ein illusionsloser Blick in die korrupte rumänische Gesellschaft. Denn „Mutter und Sohn“ kann auch als eine kaum verhüllte Metapher für Rumänien und den ehemaligen Ostblock gesehen werden.

Mutter und Sohn - Plakat

Mutter & Sohn (Pozitia Copilului/Child’s Pose, Rumänien 2013)

Regie: Calin Peter Netzer

Drehbuch: Razvan Radulescu, Calin Peter Netzer

mit Luminita Gheorghiu, Bogdan Dumitrache, Ilinca Goia, Natasa Raab, Florian Zamfirescu, Vlad Ivanov

Länge: 112 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Mutter & Sohn“

Wikipedia über „Mutter & Sohn“ (deutsch, englisch)

Berlinale: Pressekonferenz zum Film

 

 


Prämierte Drehbücher online verfügbar

Februar 11, 2013

Kurz bevor wichtige Filmpreise, wie die Golden Globes und die Oscars, vergeben werden, machen die Produktionsfirmen etliche  der prämierten Drehbücher online verfügbar und Filmfans around the Globe können sich bedienen:

Chris Terrio: Argo (meine Besprechung)

Rian Johnson: Looper (meine Besprechung – und demnächst auch einige Worte zur DVD)

John McLaughlin: Hitchcock (meine Besprechung der Vorlage; der Film startet demnächst)

Bridget O’Connor/Peter Straughan: Tinker, Tailer, Soldier, Spy (meine Besprechung der John-le-Carré-Verfilmung „Dame, König, As, Spion“)

Michael Haneke: Liebe (Amour – englische Fassung; meine Besprechung)

Quentin Tarantino: Django Unchained (meine Besprechung)

John August: Frankenweenie (meine Besprechung des tollen Tim-Burton-Films)

Ronald Harwood: Quartet (meine Besprechung von Dustin Hoffmans Regiedebüt)

John Gatins: Flight (meine Besprechung)

Tony Kushner: Lincoln (meine Besprechung)

Mark Boal: Zero Dark Thirty (meine Besprechung)

Evan Daugherty, John Lee Hancock, Hossein Amini: Snow White and the Huntsman (meine Besprechung dieser Variante von Schneewittchen)

John Krasinski/Matt Damon: Promised Land

David Magee: Life of Pi

Richard Nelson: Hyde Park on Hudson (deutscher Titel: Hyde Park am Hudson, Kinostart: 28. Februar)

Nicholas Jarecki: Arbitrage (Drama mit Richard Gere und Susan Sarandon, deutscher Kinostart unklar)

Cinco Paul/Ken Daurio: Dr. Seuss‘ The Lorax

Rashida Jones/Will McCormack: Celeste and Jesse Forever (deutscher Titel: „Celeste & Jesse – Beziehungsstatus: Es ist kompliziert“, Kinostart: 14. Februar)

Ol Parker: The Best Exotic Marigold Hotel

Lucy Alibar/Benh Zeitlin: Beasts of the Southern Wild

Tom Stoppard: Anne Karenina

James Ponsoldt/Susan Burke: Smashed

David O. Russell: Silver Linings Playbook (deutscher Titel: Silver Linings)

Jacques Audiard/Thomas Bidegain: Rust and Bone (na, das müsste „De Rouille et D’Os“ bzw. „Der Geschmack von Rost und Knochen“ sein)

David Lindsey-Abaire: Rise of the Guardians

Stephen Chbosky: The Perks of being a Wallflower

Christopher Butler: ParaNorman

Phil Johnson/Jennifer Lee: Wreck it Ralph

Wes Anderson/Roman Coppola: Moonrise Kingdom

Ava DuVernay: Middle of Nowhere

Paul Thomas Anderson: The Master

William Nicholson, Alain Boublil, Claude-Michel Schönberg, Herbert Kretzmer: Les Misérables (ein Musical, Kinostart: 21. Februar)

Judd Apatow: This is 40

Seth MacFarlane/Alec Sulkin/Wellesly Wild: Ted

Ben Lewin: The Sessions

Und hier, bei den 2012 nominierten Drehbüchern, gibt es auch noch einige Treffer.


Etwas Kleinkram

Dezember 5, 2012

Nicht sortiert, teilweise schon etwas älter, aber einen Blick wert:

Die Dezemberausgabe von „The Big Thrill„, die Zeitung der International Thriller Writers (ITW), ist online.

Bill Massey über George V. Higgins (dessen Roman „Cogans Trade“ jetzt als Killing them softly“ verfilmt wurde):

In a typical Higgins novel, mobsters, hitmen, shylocks, thieves, and other assorted sleazeballs – along with the cops and lawyers who are pursuing them – sit together in bars and diners and dingy offices in the less salubrious parts of Boston and talk. Talk in a way that only a lawyer who had himself spent many hours in these same bars and dingy offices listening, could recreate. And out of that talk, almost without you being aware of it, emerge his stories – acutely observed, by turns shocking and hilarious stories of Boston lowlife at its lowest. And that, in the end, is what makes Higgins such a great writer.

Wie man einen großartigen Kriminalroman schreibt wird hier (Teil 1, Teil 2) verraten.

Der Noir of the Week ist „The Las Vegas Story“ (USA 1952); wohl kein Meisterwerk, aber mit Jane Russell.

Alle Gewinner des Europäischen Filmpreises. Der große Abräumer war Michael Haneke mit „Liebe“.

Wer noch ein Weihnachtsgeschenk sucht, sollte mal im Katalog für die Hollywood Auction blättern. Da gibt es gefühlt tausend Dinge, die etwas mit Film zu tun haben und jetzt versteigert werden. Wer also eine alte Fotografie, ein Storyboard, Filmkleider, Filmmodelle undundund will,…

Zum Glück kann der Katalog kostenlos runtergeladen werden.

Neu bei Mulholland Books:

Duane Swierczynski (aka Duane Louis) über Judge Dredd

Ein Gespräch mit Denise Mina über ihren Stieg-Larsson-Comic „The Girl with the Dragoon Tatoo“ (bei uns erschien der Roman als „Verblendung“); deutsche Veröffentlichung unklar

– Anthony Horowitz verrät „10 Rules to write a Sherlock Holmes Novel“ (und wir können prüfen, welche er in seinem grandiosen Sherlock-Holmes-Roman „Das Geheimnis des weißen Bandes“ wirklich beherzigte)

Jo Nesbo verrät, warum man Jim Thompsons „Pop. 1280“ (1280 schwarze Seelen) lesen muss.

Peter Bogdanovich veröffentlicht weitere Kurzkritiken zu Filmen von Howard Hawks. Im fünften Teil auch seine beiden Bewertungen des John-Wayne-Westerns „Rio Lobo“.

Martin Compart feiert die zweite Staffel von „Strike Back“ ab.

„The Losers“ gefällt ihm auch.

Er schreibt etwas über den Spionageroman (Teil 1, Teil 2) und spricht mit Frank Festa über die im Fest Verlag gestartete neue Krimireihe (für die Freunde der härteren Kost).

Brian Greene schreibt über Ted Lewis (Ähem; GET CARTER)

Zum Abschluss noch etwas für’s Auge:

Das Plakat für die Lee-Child-Verfilmung

Jack Reacher - Plakat4

Und für den nächsten „Star Trek“-Film

Star Trek - Into Darkness - Teaser

Einerseits gefällt mir das Teaser-Plakat, andererseits hat es so überhaupt nichts mit Raumschiff Enterprise zu tun.


Neu im Kino/Filmkritik: Hat Matthias Glasner „Gnade“ mit Jürgen Vogel und Birgit Minichmayr?

Oktober 19, 2012

Gnade“, der neueste Film von Regisseur Matthias Glasner mit Jürgen Vogel ist ein sperriger Film. Doch das überrascht bei einem Blick auf ihre früheren Filme, wie „Sexy Sadie“, „Der freie Wille“ und „This is Love“, nicht.

Eine Frau überfährt auf dem Heimweg von einer anstrengenden Schicht im Hospiz in der Dunkelheit zufällig etwas. Als ihr Mann zur Unfallstelle fährt, entdeckt er nichts. Am nächsten Tag erfahren sie, dass sie ein Mädchen überfuhr. Jetzt versuchen die beiden Eheleute mit dieser Schuld zu leben und ihr Sohn soll nichts davon erfahren. Die Nachbarn auch nicht.

Denn das Ehepaar ist erst vor kurzem nach Hammerfest gezogen. Vor allem Niels (Jürgen Vogel) will dort mit seiner Familie, seiner Frau Maria (Birgit Minichmayr) und ihrem Sohn Markus (Henry Stange), ein neues Leben beginnen. Er hofft auch, seine Ehe wieder in Ordnung zu bringen. Das hindert ihn aber nicht daran, sich, wie an den seinen früheren Arbeitsorten (zu denen er nicht von seiner Familie begleitet wurde), gleich eine Geliebte zu nehmen.

Marias Unfall mit Fahrerflucht stellt ihre kriselnde Ehe auf die Probe. Denn sie, die in ihrem Beruf von allen geliebte, hilfsbereite, einfühlsame Krankenschwester, möchte nicht als Mörderin aus dem Dorf gejagt werden. Er beginnt wieder Gefühle für sie zu entwickeln.

Ihr pubertierender Sohn zieht sich währenddessen immer weiter in die Welt der Videospiele zurück. Außerdem nimmt er seine Eltern bei ihren Gesprächen über den Unfall und ihre Schuld heimlich auf.

Gnade“ ist kein leichter Film. Es ist sogar ein Film, der zu einem Verriss einlädt. So sind die Dialoge oft sehr spröde und wenn sich Niels und Maria am Küchentisch unterhalten, sind sie unerträglich gekünstelt. Es gibt zu viele Subplots, die im Nichts enden. Das Ende ist eher seltsam als befriedigend. Vor allem aus psychologischer Sicht. Die von Glasner und seinem Autor Kim Fupz Aakeson (u. a. „Kleiner Soldat“, „Ein Mann von Welt“, „Eine Familie“, „Perfect Sense“) verfochtene Moral ist nicht besonders einleuchtend. Und mit über zwei Stunden ist der Film arg lang geraten.

Aber trotzdem hat mir „Gnade“ gefallen. Da sind einmal die Bilder von Hammerfest, einer Gegend, in der ich keine fünf Minuten bleiben möchte, die aber auf der großen Leinwand atemberaubend sind. Dann ist da die Wucht der Inszenierung, die Schauspieler und die konsequente Behandlung seines Themas: der Frage nach Schuld und Sühne, nach Vergebung und Gnade. Denn die Charaktere verhalten sich immer wieder, ohne Erklärung, konträr zu ihrem Charakter und ihrem vorherigen Verhalten. So verlässt die Geliebte Niels freiwillig und erpresst ihn nicht mit ihrem Wissen über die Fahrerflucht. Der Sohn, der sich im Lauf des Films fast zum idealtypischen Psychopathen entwickelt, benutzt die Videoaufnahmen nicht gegen seine Eltern, Niels kehrt, nach dem tödlichen Unfall, wieder zu seiner Frau zurück und als Niels und Maria den Eltern des toten Mädchens die Tat beichten, sind diese zuerst ratlos, aber Monate später, während der gemeinsamen Feier der Mittsommernacht nimmt Markus sie mit seiner Kamera auf, wie sie friedlich nebeneinander feiern.

All das zeigt Matthias Glasner mit einem Blick, der eher ein düsteres Ende erwarten lässt. Aber bei „Gnade“ geht es immer wieder um Vergebung und nie um Rache, allerdings ohne jeglichen süßlichen Schmelz oder religiöse Überhöhung, den wir aus anderen Filmen kennen.

Plakativ ist „Gnade“ nur in seinen Landschaftsaufnahmen. Der Rest ist, wie Michael Hanekes „Liebe“ eine Anregung zur Diskussion mit einigen schwerverdaulichen Thesen.

Gnade (Deutschland/Norwegen 2012)

Regie: Matthias Glasner

Drehbuch: Kim Fupz Aakeson

mit Jürgen Vogel, Birgit Minichmayr,Henry Stange, Anne Dahl Torp, Maria Bock, Stig Henrik Hoff, Iren Reppen

Länge: 131 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Film-Zeit über „Gnade“

Wikipedia über „Gnade“

Berlinale: Pressekonferenz zu „Gnade“

 


DVD-Kritik: Wer ist der „King of Devil’s Island“?

August 20, 2012

Vor hundert Jahren wurde in der auf der Insel Bastøy liegenden Haftanstalt, wo der bedrückende Film „King of Devil’s Island“ spielt, versucht, Jugendlichen mit harter Hand zu wertvollen Mitgliedern der Gemeinschaft zu machen. Dafür wurden sie auf der kleinen Insel uniformiert, mit Nummern angesprochen und nach rigiden Regeln erzogen. Wer sich unterordnete, hatte die Chance, irgendwann die Insel zu verlassen.

Eines Tages trifft Erling (Benjamin Helstad) ein. Er passt nicht wirklich zu den anderen Sträflingen. Denn er ist anscheinend älter als die anderen Jugendlichen, die teilweise noch Kinder sind oder als Kinder auf die Insel kamen, und er arbeitete vorher schon als Seemann. Viel mehr erfahren wir nicht über ihn. Auch nicht, weshalb er, oder irgendein anderer der inhaftierten Jugendlichen, nach Bastøy geschickt wurde.

Er befreundet sich mit Olav (Trond Nilssen), versucht zu fliehen, erkennt schnell, dass das über den Fjord fast nicht möglich ist.

Sein Gegenspieler ist der von Stellan Skarsgård gespielte Anstaltsleiter. Es gelingt ihm, den gläubigen Heimleiter in wenigen Szenen als einen Mann zu zeichnen, der zwar Gutes tun will, der dafür aber die falschen Mittel einsetzt und durch seinen Führungsstil und seine Entscheidungen letztendlich eine Revolte der Jugendlichen provoziert.

In diesen Momenten erinnert er an den von Burghart Klaußner in Michael Hanekes „Das weiße Band“ gespielten Pastor. Sowieso hat Marius Holsts „King of Devil’s Island“ mehr Ähnlichkeiten mit Hanekes fast zeitgleich spielendem Film, als mit Hollywoodfilmen wie „Gesprengte Ketten“, „Papillon“ oder „Flucht von Alcatraz“, die den Kampf des Individuums gegen ein unterdrückerisches System feiern.

Marius Holst erzählt in nüchternen, ruhigen Bildern, die sich den offensichtlichen Dramatisierungen verschließen, von den Bastøy-Jugendlichen. Durch eben diese distanzierte Erzählweise, die auch die meisten Klischees des Gefängnisfilms meidet, ist man allerdings auch immer ein eher objektiver Beobachter des Geschehens. Die in den Bildern liegende Anklage gegen das damalige Bastøy-Regime kann man intellektuell gut nachvollziehen.

Emotional bleibt man allerdings eher unbeteiligt und weil die Geschichte auch keine großen Überraschungen hat, wird „King of Devil’s Island“ auch etwas zäh.

King of Devil’s Island (Kongen av Bastøy, Norwegen 2010)

Regie: Marius Holst

Drehbuch: Dennis Magnusson, Eric Schmid (nach einer Geschichte von Mette M. Bølstad und Lars Saabye Christensen)

mit Stellan Skarsgård, Benjamin Helstad, Kristoffer Joner, Trond Nilssen, Morten Løvstad, Daniel Berg, Odin Gineson Brøderud, Magnar Botten, Magnus Langlete

DVD

Alamode Film

Bild: 2,35:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Norwegisch

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: ?

Länge: 115 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Norwegische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „King of Devil’s Island“

Rotten Tomatoes über „King of Devil’s Island“

Wikipedia über „King of Devil’s Island“ (deutsch, englisch, norwegisch)

 

 


TV-Tipp für den 21. August: Funny Games U. S.

August 21, 2011

Pro7, 23.15

Funny Games U. S. (USA 2007, R.: Michael Haneke)

Drehbuch: Michael Haneke

Michael Haneke macht ein eins-zu-eins-Remake von seinem 1997er Film. Das verschaffte ihm sicher in den USA einige Zuschauer, aber für die Kenner des Originals stellt sich die Frage, warum sie sich Naomi Watts und Tim Roth statt Susanne Lothar und Ulrich Mühe ansehen sollen. Und Haneke liefert auch keinen Grund: „Habe ich es zu aktualisieren? Eigentlich nicht. Die Aktualität ist innerhalb dieser zehn Jahre gewachsen, und inhaltlich fiel mir nichts Neues dazu ein.“

Mit Naomi Watts, Tim Roth, Michael Pitt, Brady Corbet, Devon Gearhart

Wiederholung: Montag, 22. August, 02.55 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Funny Games U. S.“

Meine Besprechung von Thomas Assheuers Interviewbuch „Nahaufnahme: Michael Haneke“ (2010)


R. i. P. Frank Giering

Juni 24, 2010

R. i. P.: Frank Giering (23. November 1971 – 23. Juni 2010)

Via Zeit Online habe ich erfahren, dass Frank Giering am Mittwochabend gestorben ist. Die Todesursache ist noch nicht bekannt.

Die Berliner Zeitung schreibt:

Giering wurde von dessen Stiefvater in seiner Wohnung an der Kantstraße in Berlin-Charlottenburg gefunden, der die Polizei alarmierte. In der Wohnung im 6. Obergeschoss diagnostizierten Feuerwehrsanitäter einen Herz- und Kreislaufstillstand und alarmierten einen Notarzt. Dieser versuchte noch eine Stunde und 14 Minuten lang, den Leblosen zu reanimieren. Um 22.13 Uhr gab er schließlich auf.

Die Polizei hat nach Angaben eines Sprechers bisher keine Anhaltspunkte für ein „Fremdverschulden“.

In jedem Fall hat uns einer der beeindruckensten jungen Schauspieler verlassen. Er debütierte in „Ebbies Bluff“. Mit Michael Hanekes „Funny Games“ hatte er seinen Durchbruch als psychopathischer Killer. Später spielte er in „Absolute Giganten“ eine vollkommen andere Rolle. Danach kamen „Gran Paradiso“, „Ein mörderischer Plan“, „Baader“, „Gangster“, „Die Spielerin“, „Störtebeker“, eine Gastrollen in der Crime-Comedy-TV-Spielfilmserie „Blond, Eva Blond“, der Lena-Odenthal-Tatort „Der glückliche Tod“ (über Sterbehilfe) und ein Ensemblepart in der Krimiserie „Der Kriminalist“.

Die ersten Nachrufe gibt es im Tagesspiegel, Die Welt, Süddeutsche Zeitung, Berliner Zeitung, FocusFrankfurter Allgemeine Zeitung und Frankfurter Rundschau.


Kleinkram

Mai 28, 2010

Der neue Trailer für Michael Winterbottoms Jim-Thompson-Verfilmung „The Killer inside me“ gefällt mir wirklich gut. Leider gibt es immer noch keinen deutschen Starttermin.

Über den Film habe ich ja bereits einige Male geschrieben.

The Hollywood Interview hat sich mit Sydney Pollack (1999 und 2006) und Peter Bogdanovich (2002) unterhalten.

The Bat Segundo Show hat sich zuletzt unter anderem mit Barry Gifford (Wild at heart), Sue Grafton (A is for…, B is for…, C is for…) und Michael Haneke (zuletzt „Das weiße Band“) unterhalten.

Bei Spinetingler erzählt Brian Lindenmuth, mit vielen Videos, die Geschichte der Fluchtwagenfahrer (aka „Driver“) im Krimi.

Robert Gregory Browne schreibt über seine Erfahrungen mit der Verfilmung seines Romans „Kiss her goodbye“ (deutscher Titel ist „Devil’s Kiss – Dir bleiben 48 Stunden“).

Solche Filme machen sie nicht mehr:

(Dank an Spinetingler für den Hinweis, dass in den USA vor vierzig Jahren diese Chester-Himes-Verfilmung startete. Deutschlandstart war am 26. Januar 1971.)


Kleinkram – mit vielen Drehbüchern

Februar 23, 2010

Spinetingler ist wieder zurück, unter anderem mit dem Hinweis, dass Dennis Lehane die Einleitungen für drei Neuveröffentlichungen von Parker-Romanen von Richard Stark geschrieben hat, einer Besprechung der Graphic Novel „The Chill“ von Jason Starr und Mick Bertilorenzi, einer Besprechung der Dennis-Lehane-Verfilmung „Shutter Island„, zwei neuen Poster für die Jim-Thompson-Verfilmung „The Killer inside me“ und einem Poster und mehreren Trailern für die demnächst im US-TV startende, auf einer Geschichte von Elmore Leonard basierende Serie „Justified“.

Bei BSC gibt es ein knapp 15-minütiges Interview mit T. Jefferson Parker.

Das hat wohl kaum jemand mitbekommen: Der Verband der deutschen Filmkritik hat den Preis der deutschen Filmkritik verliehen. Der große Gewinner war Michael Haneke mit „Das weiße Band“ in den Kategorien Spielfilm, Drehbuch, Kamera und bester Schauspieler.

Michael Haneke bedankt sich.

Zum Abschluss gibt’s einige DREHBÜCHER:

Andrew Kevin Walker/Will Self: The Wolfman

Robert Harris, Roman Polanski: The Ghostwriter (aka The Ghost) (nach dem Roman von Robert Harris)

Laeta Kalogridis: Shutter Island (nach dem Roman von Dennis Lehane) (oder hier)

William Monahan/Andrew Bovell: Edge of Darkness („Auftrag Rache“, Deutscher Kinostart am 11. März 2010)

William Monahan: The Departed (nicht datierte Fassung)

William Monahan: The Departed (Fassung vom 23. Mai 2005)

William Monahan: The Departed (Fassung vom 7. Juli 2006)

Harold Pinter: Sleuth („1 Mord für 2“, nach dem Theaterstück von Anthony Shaffer)

Larry Cohen: Phone Booth („Nicht auflegen!“)

Michael Ferris/John D. Brancato: Terminator Salvation (Terminator – Die Erlösung [nur wegen der Vollständigkeit])

Tedi Sarafian: Terminator 3 – Rise of the Machines (Fassung vom 10. Juli 1997, „Terminator 3 – Rebellion der Maschinen“; keine Ahnung wie nah am Film diese Fassung ist)

James Cameron/William Wisher jr.: Terminator 2 – Judgment Day (Terminator 2 – Tag der Abrechnung)

James Cameron: The Terminator

Hampton Fancher/David Peoples: The Blade Runner (Final Script vom 23. Februar 1981, nach dem Roman von Philip K. Dick)

William Goldman: All the president’s men („Die Unbestechlichen“)

Waldo Salt/Norman Wexler: Serpico

Billy Wilder/Raymond Chandler: Double Indemnity („Frau ohne Gewissen“, nach dem Roman von James M. Cain; Seite 32 fehlt)

Julius J. Epstein/Philip G. Epstein/Howard Koch: Casablanca (Fassung vom 1. Juni 1942)

William Faulkner/Leigh Brackett/Jules Furthman: The Big Sleep (nach dem Roman von Raymond Chandler)


Kleinkram mit Stieg Larsson, Sue Grafton, Peter Straub, Stefan Arndt, Walton Goggins, Robert Rodriguez, James Ellroy und einem Rückblick auf die TV-Serien des Jahrzehnts

Dezember 22, 2009

Stieg Larsson

Die Verfilmung seines zweiten Romans „Verdammnis“ startet am 4. Februar 2010. Die Besprechung gibt’s zum Filmstart. Den Trailer jetzt:

Ali Karim sich in London die erste Larsson-Verfilmung „Verblendung“ angesehen:

You can put me down right now as saying, the Swedish film version of The Girl with the Dragon Tattoo is going to be a “sleeper hit” in 2010. Even at 2.5 hours in length, the movie seemed to jet by. Afterward, the buzz was overwhelmingly enthusiastic. The only thing we all agreed upon was that the level of violence in this picture was disturbing.

Die Filmrechte für eine amerikanische Version der Romane von Stieg Larsson sind an Sony verkauft. Scott Rudin soll produzieren und Steve Zaillian das Drehbuch schreiben. Ich bin zwar skeptisch, ob Larssons Geschichte auch in den USA funktioniert (jedenfalls gehe ich davon aus, dass die Story in die USA verlegt wird), aber bei der Sjöwall/Wahlöö-Verfilmung „Massenmord in San Fanzisco“ (nach ihrem Roman „Endstation für neun“), mit Walter Matthau in der Hauptrolle, hat es ja prächtig funktioniert.

Sarah Weinman porträtiert Sue Grafton (A is for Alibi, B is for Burglar, C is for…).

Tom Piccirilli unterhält sich mit Peter Straub.

Die Süddeutsche unterhält sich mit X-Filme-Gründer Stefan Arndt (zuletzt Michael Hanekes „Das weiße Band“).

Peter Mühlbauer blickt bei Telepolis auf das Jahrzehnt der Serien zurück. Im ersten Teil „The Wire“, „Rome“, „The Shield“, „House MD“ und „Jericho“; im zweiten „Dexter“, „Drawn Together“, „American Dad“, „24“ und „Aqua Teen Hunger Force“.

Apropos „The Shield“: Walton Goggins (er spielte Detective Shane Vendrell und war Mitglied in Vic Mackeys Strike Team) erzählt Steve Weintraub (Collider), was er vom Ende der grandiosen Cop-Show hält und was seine künftigen Pläne sind.

Robert Rodriguez verrät Steve Weintraub (Collider) einiges über „Sin City 2“ und „Machete“.

Im neuen „Rolling Stone“ gibt es ein vierseitiges Interview von Sean Wood mit James Ellroy. Lesenswert, aber leider nur offline.


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