Dokumentarfilmtipp des Tages: Sam Peckinpah – Man of Iron

April 26, 2012

Diese BBC-Dokumentation über Sam Peckinpah muss ich mir unbedingt ansehen:

Danach, vielleicht, mal wieder

 

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DVD-Kritik: Sam Peckinpahs Krieg: „Steiner – Das eiserne Kreuz“

Juli 19, 2011

Was es bedeutet als Soldat an der Front zu stehen, zeigt Sam Peckinpah in seinem Hohelied auf den einfachen Soldaten „Steiner – Das eiserne Kreuz“, das damals einer der größten Kinohits der siebziger Jahre war. Dabei waren anscheinend schon die Dreharbeiten des 15 Millionen D-Mark teuren Films in Jugoslawien der reinste Krieg und standen finanziell immer wieder auf der Kippe. Denn Wolf C. Hartwig, der mit seiner Produktionsgesellschaft Rapid für die „Schulmädchen-Report“-Filme verantwortlich war, wollte jetzt einen ernsten Film mit Hollywood-Beteiligung produzieren. Die Verfilmung von Willi Heinrichs Debütroman „Das geduldige Fleisch“ über den deutschen Soldaten Steiner und seine Erlebnisse an der Ostfront während des Rückzugs, sollte, wie später die Produktionen von Bernd Eichinger, ein deutscher Kriegsfilm für den Weltmarkt werden. Für die Bestsellerverfilmung wurden die Stars James Coburn, James Mason, David Warner und Maximilian Schell für die Hauptrollen und eine Riege bekannter deutscher Schauspieler, wie Vadim Glowna, Klaus Löwitsch, Arthur Brauss und Burkhardt Driest, verpflichtet. Die Regie sollte Sam Peckinpah übernehmen – und wahrscheinlich erhielt man damals noch nicht so viele Informationen aus Hollywood. Denn Sam Peckinpah verwandelte die Dreharbeiten in Jugoslawien, wenig überraschend für alle, die ihn kannten, in ein Schlachtfeld. Vor und hinter der Kamera. In dem Bonusmaterial der jetzt veröffentlichten, restaurierten und erstmals ungekürzten Veröffentlichung des Films gibt es dazu zahlreiche Geschichten der damals Beteiligten. Sie erzählen auch, wie Hartwig (der nicht interviewt wurde) sich immer wieder Geld besorgte und kurz vor dem Ruin stand. Er versprach auch Unmengen an Statisten und Material und lieferte dann nicht. So musste ein Großangriff mit drei Panzern gedreht werden. Und Sam Peckinpah inszenierte den Film, den er im Kopf hatte.

Dabei hatte er bei „Steiner – Das eiserne Kreuz“ sogar den Endschnitt und das Ergebnis ist ein auch heute noch überwältigender Kriegsfilm. Die Geschichte, der Kampf zwischen Feldwebel Steiner (James Coburn) und Hauptmann Stransky (Maximilian Schell), ist dabei nur die dramaturgische Klammer für einen illusionslosen Blick auf das Soldatenleben, ein komplexes Beziehungsgeflecht zwischen den einzelnen Charakteren und ihrer widerstreitenden Weltanschauungen.

Die Offiziere organisieren den Rückzug und sehen das Kriegsende und die Niederlage nur als Vorbereitung für den nächsten Krieg an. Neu an der Front ist Stransky. Er hat sich an die Ostfront versetzen gelassen, um dort das Eiserne Kreuz zu erhalten. Für den preußischen Adligen wäre das Eiserne Kreuz die Krönung seiner militärischen Laufbahn und bei seiner Familie und Freunden die endgültige Auszeichnung. Für Steiner ist die Auszeichnung dagegen nur noch ein Stück Blech – und er hat keine Lust seine Männer für die Ambitionen eines Endsieg-gläubigen Feiglings sterben zu lassen.

Diese Geschichte packt Peckinpah in Bilder und Szenen, die im Gedächtnis bleiben. Bei den Kampfszenen, die oft im Nebel oder Rauch stattfinden, ist es die Art, wie er die Zeitlupe verwendet und die ihn sehr deutlich von den vielen glücklosen Nachahmern unterscheidet. Bei den intimen Szenen ist es das Spiel der Schauspieler, ihre Dialoge, ihre Gesten und, wie in den Kampfszenen, der Schnitt.

Gleichzeitig unterläuft Peckinpah von der ersten bis zur letzten Sekunde, obwohl er auf den ersten Blick die Erwartungen eines Kriegsfilms erfüllt, die Konventionen des Kriegsfilms.

 

Die „Special Edition“ auf Blu-ray

 

Digital restauriert, uncut und mit gut zwei Stunden Bonusmaterial. Da bekommt der Peckinpah-Fan schon bei der Ankündigung feuchte Augen. Denn die bisherigen deutschen Ausgaben von „Steiner – Das eiserne Kreuz“ waren gekürzt, enthielten nur die deutsche Tonfassung und kein nennenswertes Bonusmaterial.

Das Bonusmaterial für die „Special Edition“ wurde von Peckinpah-Fan Mike Siegel, der auch die wunderschöne Doppel-DVD „Passion & Poetry – The Ballad of Sam Peckinpah“ (Kaufbefehl!) veröffentlichte, erstellt. Dabei griff er auf Interviews, die er für „Passion & Poetry“ führte (und dort nur in Ausschnitten veröffentlichte), und seine eigene umfangreiche Peckinpah-Sammlung zurück. Das Kernstück ist dabei die 45-minütige Doku „Leidenschaft & Poesie: Sam Peckinpahs Krieg“. Dazu gibt es weitere Ausschnitte aus dem Interview mit Vadim Glowna und viel historisches Material, wie O-Töne der Stars, einige geschnitte Szenen (wozu auch eine Szene mit James Coburn und Senta Berger gehört) und Werbespots, die Sam Peckinpah mit James Coburn in Japan drehte.

Da fehlt nur noch die 48-minütige Super-8-Fassung für das Heimkino. Aber das dürfte, obwohl manche Super-8-Fassungen eine gute Kurzfassung des Films sind, der einzige Wermutstropfen sein.

Insgesamt ist das jetzt die definitive Ausgabe von Sam Peckipahs Kriegsfilmklassiker „Steiner – Das eiserne Kreuz“.

Hinweise zur Blu-ray- und DVD-Veröffentlichung: In der Erstauflage ist in der deutschen Tonspur zwischen Minute 41 und 47 der Ton asynchron zum Bild. Weil in den Minuten gekämpft wird, ist es nicht so schlimm (vor allem wer sich die Originalfassung ansieht), aber Kinowelt tauscht die Blu-rays auch um (einfach Mail an info[@]kinowelt.de bzw. fehlerhafte Blu-ray mit Zustelladresse an Kinowelt schicken).

In der für Mitte Juli angekündigten korrigierten Auflage ist der Fehler behoben.

Am 8. September 2011 erscheint der Kriegsfilmklassiker auf DVD.

Steiner – Das eiserne Kreuz (Cross of Iron, D/GB 1977)

Regie: Sam Peckinpah

Drehbuch: Julius J. Epstein, Walter Kelley, James Hamilton

LV: Willi Heinrich: Das geduldige Fleisch, 1955

mit James Coburn, Maximilian Schell, James Mason, David Warner, Klaus Löwitsch, Vadim Glowna, Fred Stillkrauth, Roger Fritz, Dieter Schidor, Durkhard Driet, Michale Nowka, Senta Berger, Arthur Braus, Véronique Vendell, Mikael Slavco Stimac

Blu-ray (Special Edition)

Kinowelt

Bild: 1,85:1 1080/24p Full HD

Ton: Deutsch Mono (DTS-HD Master Audio), Englisch (Mono LPCM)

Untertitel:Deutsch, Englisch

Bonusmaterial: Leidenschaft und Poesie: Sam Peckinpahs Krieg, On Location (Interviews mit Sam Peckinpah, James Coburn, David Mason, Maximilian Schell, David Warner), Krüger küsst Kern, Briefe von Vadim & Sam, Vadim & Sam: Vater & Sohn, Schnittreste, Steiner in Japan, Mikes Homemovies: Steiner trifft Kiesel wieder, Trailer Deutschland, TV-Spot USA, Trailer USA/England

Länge: 133 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Wikipedia über „Steiner – Das eiserne Kreuz“ (deutsch, englisch)

DVD Beaver: Bildvergleich der verschiedenen Veröffentlichungen des Films

Homepage von Willi Heinrich

Meine Besprechung von Mike Siegels „Passion & Poetry: The Ballad of Sam Peckinpah“

Meine Besprechung von Sam Peckinpahs „Gefährten des Todes“

Sam Peckinpah in der Kriminalakte

 

 


DVD-Kritik: Sam Peckinpahs Debüt „Gefährten des Todes“

April 13, 2010

Das erste was bei der jetzt erschienen DVD-Veröffentlichung von Sam Peckinpahs Debütspielfilm „Gefährten des Todes“ auffällt, ist die Bildqualität. Denn bislang gab es nur Kopien im falschen Format und einer, sehr höflich formuliert, sehr bescheidenen Bildqualität. Nach dem Remaster sind die Farben meistens noch etwas blass, aber die Details sind gut zu erkennen und die Bildkompositionen sind – was bisher ebenfalls nicht zu erkennen war – gelungen.

Als zweites fällt auf, dass der Film sich ziemlich gut gehalten hat. Das liegt daran, dass er das in Peckinpahs Ouevre immer wieder auftauchende, zeitlose Thema von Schuld und Sühne behandelt und die Frau in dem Film kein verhuschtes Hascherls ist. Maureen O’Hara ist als Sandra-Bullock-Typ des netten Mädchens von nebenan ziemlich sexy und sie zeigt auch, für damalige Verhältnisse, viel nackte Haut.

Immerhin reden wir hier von 1960. Das war die Zeit, als Frauen, die über Dreißig waren, wie Großmütter aussahen; als in „Der unsichtbare Dritte“ (North by Northwest) die nur sieben Jahre ältere Jessie Royce Landis die Mutter von Cary Grant spielte und Doris Day die Frau mit dem größten Sex-Appeal; — Hm, wahrscheinlich waren deshalb damals in den USA europäische Filme so beliebt.

Jedenfalls spielt Maureen O’Hara in „Gefährten des Todes“ die Hure mit dem goldenen Herz.

Nachdem Yellowleg (Brian Keith) in einem Schusswechsel irrtümlich ihren Sohn erschießt, will Kit Tilden ihr Kind neben seinem Vater beerdigen. Dummerweise liegt das Grab im Apachengebiet in der Geisterstadt Siringo. Sie macht sich alleine auf den Weg. Yellowleg, der von Schuldgefühlen geplagt ist, begleitet sie, gegen ihren Wunsch, mit seinen beiden Gefährten, den Verbrechern Billy (Steve Cochran) und Turk (Chill Wills). Auf der Reise nach Siringo gibt es den erwartbaren Ärger zwischen ihnen, mit den Apachen und der Natur.

Yellowleg hat nicht nur Schuldgefühle wegen dem Jungen. Er ist auch ein von Rachsucht getriebener Mann. Er verfolgte Turk ein halbes Jahrzehnt, weil dieser ihn damals skalpierte. Turk kann sich nicht daran erinnern und Yellowleg zögert seine Rache hinaus. Denn, so fragt er in einer Szene Kit, was bleibe ihm, wenn er den Sinn seines Lebens umbringe.

Und Turk, ein ziemlich unsympathischer Feigling, ist, wie spätere Szenen in „Gefährten des Todes“ zeigen, selbst ein von den Dämonen der Vergangenheit getriebener Mann.

Da ist Billy die psychologisch langweiligste Figur. Er ist einfach ein junger Berufsverbrecher.

Peckinpah-Fans entdecken in „Gefährten des Todes“ leicht viele Elemente, die auch in seinen späteren Filmen auftauchen. Aber, so Mike Siegel zutreffend in dem Audiokommentar, es gebe nur eine bestimmte Menge an Situationen und Themen und die meisten dieser Elemente stünden bereits in A. S. Fleischmans Roman und Drehbuch.

Der ausschließlich vor Ort in Old Tucson, Arizona, gedrehte „Gefährten des Todes“ ist von seinem Budget und der Drehzeit ein TV-Film fürs Kino. Gerade weil er einen ziemlich realistischen Blick auf den Wilden Westen wirft und zeitlose Themen, wie Schuld und Sühne ohne einfache Lösungen verhandelt, ist er auch heute noch einen Blick wert. Es ist einer der ersten Spätwestern und damit ein Western, der sich an ein erwachsenes Publikum richtet.

Die Action-Szenen sind dagegen TV-Niveau und sie zeigen noch nichts von Sam Peckinpahs späterem Ruf als Action-Regisseur.

Als Bonusmaterial gibt es eine umfangreiche, interessante Bildergalerie, ein Booklet, ein halbstündiges Featurette und einen Audiokommentar von Peckinpah-Fan Mike Siegel. In dem informativem Featurette verarbeitet er viel bereits aus der absolut sehenswerten Doppel-DVD „Passion & Poetry: The Ballad of Sam Peckinpah“ bekanntes Material. Der Audiokommentar ist dagegen eher enttäuschend, weil Siegel sich nicht wiederholen wollte und die Menge an Informationen über einen fast fünfzig Jahre alten Western einfach begrenzt ist.

Gefährten des Todes ist kein Meisterwerk, aber in der remasterden Version durchaus einen Blick wert.

Gefährten des Todes (The Deadly Companions, USA 1961)

Regie: Sam Peckinpah

Drehbuch: Albert Sidney Fleischman

LV: A. S. Fleischman: Yellowleg, 1960 (später „The Deadly Companions“)

mit Maureen O’Hara, Brian Keith, Steve Cochran, Chill Wills, Strother Martin, Will Wright, Jim O’Hara, Billy Vaughn

DVD

Koch-Media

Bild: 2.25:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: –

Bonusmaterial: Booklet, Audiokommentar und Featurette von Mike Siegel, Bildergalerie

Länge: 93 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Bonusinformation

Eine gekürzte Fassung des Films lief 1965 als „Trigger Happy“ in den amerikanischen Kinos.

Hinweise

Wikipedia über „Gefährten des Todes“

Homepage von Sid Fleischman

New York Times: Nachruf auf Sid Fleischman (24. März 2010)

Western Boot Hill: Nachruf auf Albert Sidney Fleischman

Meine Besprechung der DVD „Passion & Poetry: The Ballad of Sam Peckinpah“

Sam Peckinpah in der Kriminalakte


DVD-Kritik: Mike Siegels „Passion & Poetry – The Ballad of Sam Peckinpah“

Dezember 28, 2009

Die breite Öffentlichkeit denkt bei Sam Peckinpah immer noch zuerst an Gewalt. In „Straw Dogs“ kämpft ein junges amerikanisches Intellektuellenpaar gegen rückständige englische Dorfbewohner. Der Stein des Anstoßes war, neben dem gewalttätigem Ende, in vielen Ländern die für den Film zentrale Vergewaltigung der Ehefrau. Auch in Deutschland stand der Film deshalb von 1983 bis 2007 auf dem Index. In „Getaway“ schießt ein Gangsterpaar sich den Weg frei und in „The Wild Bunch“ sterben die Verbrecher in einem wahren Blutrausch. Das Ende ist auch heute, auf dem kleinen Bildschirm, immer noch überwältigend. Vor vierzig Jahren muss es für das damalige Publikum ein schockierender Alptraum gewesen sein.

Peckinpahs andere Filme, wie seine sehr persönlichen Filme „The Ballad of Cable Hogue“ und „Junior Bonner“, sind dagegen viel unbekannter und auch die stillen Momente in seinen Spielfilmen (von denen es viele gibt) wurden zunächst kaum beachtet. So ist auch in „The Wild Bunch“ die Gewalt in den ersten und letzten Minuten des Films nur die Klammer für die vielen ruhigen Szenen, in denen wir Pike Bishop und seine Jungs kennen und auch irgendwie lieben lernen. Aus den Desperados werden Menschen, die wissen, dass ihre Zeit vorüber ist. Denn im Gegensatz zu ihrem Verfolger, ihrem alten Gefährten Deke Thornton, wollen sie sich nicht anpassen.

Bishop und seine Gefährten sind typische Peckinpah-Charaktere. Es sind Westerner, deren Werte nicht mehr in die moderne Gesellschaft passen. Sie sind Individualisten, die ihrem eigenen moralischen Kompass folgen. Sie wissen das, aber sie sind auch unfähig Kompromisse einzugehen. Lieber sterben sie.

Oder, wie Sam Peckinpah in „Ride the High Country“ einem Charakter einen Satz seines Vaters in den Mund legte: „All I want is to enter my house justified.“ In der deutschen Synchronisation wurde daraus: „Alles was ich will, ist, dass ich als rechtschaffener Mensch diese Welt wieder verlasse.“

Außerdem behandelt Peckinpah immer wieder den Zusammenprall unterschiedlicher Kulturen. Oft ist es der alte Wilde Westen gegen die moderne Industriegesellschaft. Deshalb spielen seine Western zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts. Seltener der Norden (vulgo die USA) gegen den Süden (vulgo Mexiko). Einmal kehrt Peckinpah sein normales Wertesystem um. In „Straw Dogs“ müssen linksliberale Intellektuelle gegen rückständige Dorfbewohner kämpfen und der von Dustin Hoffman gespielte linkische Ehemann verteidigt sich am Ende äußert gewalttätig.

Schon zu Lebzeiten und heute noch immer bewundern ihn viele Kollegen, Kritiker und Kinogänger. Allein schon die zahlreichen, vor allem in den USA, nach seinem Tod erschienenen und nicht ins Deutsche übersetze Bücher, verraten einiges über seinen Einfluss.

Auch Mike Siegel ist ein Peckinpah-Fan. Der Sindelfinger war als Teenager von „Convoy“ und „Steiner“ begeistert, wollte mehr über den Macher wissen und baute in den vergangenen Jahren ein großes Peckinpah-Archiv auf. Er veröffentlichte das reich bebilderte und sehr informative Buch „Passion & Poetry: Sam Peckinpah in Pictures“ (nur noch antiquarisch, aber die Suche lohnt sich). Bereits in dem Buch wies er einige Male auf die von ihm gedrehte Dokumentation „Passion & Poetry: The Ballad of Sam Peckinpah“ hin. Denn die meisten Interviews waren damals bereits gedreht und er war gerade beim Schneiden. Aber dann verzögerte sich alles. Siegel übernahm verschiedene Aufträge, wie das schon erwähnte Peckinpah-Buch und Featurettes für Peckinpah-DVDs. In den vergangenen Jahren wurde der Film auf mehreren Festivals gezeigt, aber kein TV-Sender wollte ihn kaufen. Auch Arte machte in letzter Minute einen Rückzieher.

Jetzt brachte Mike Siegel den Film, mit etwas Geld von der Filmförderung Baden-Württemberg, auf DVD heraus und das Warten hat sich gelohnt. Denn, wie Siegel in seinen informativen Audiokommentaren sagt, wollte er jetzt einfach möglichst viel von seinem Peckinpah-Material veröffentlichen. Deshalb gibt es neben der zweistündigen Dokumentation „Passion & Poetry: The Ballad of Sam Peckinpah“ auch die ebenfalls gut zweistündige, dreiteilige Dokumentation „Stories on a Storyteller“, weitere Ausschnitte aus dem Interview mit Ernest Borgnine (der in seinem Redefluss kaum zu bremsen war), ein Featurette über die Hacienda Cienega Del Carmen (dort entstand die legendäre Schlusssequenz von „The Wild Bunch“) und „Mike’s Home Movies“. Das sind einige Impressionen von Ausstellungen über Peckinpah und Präsentationen von „Passion & Poetry: The Ballad of Sam Peckinpah“ auf verschiedenen Festivals. Bis auf „Mike’s Home Movies“, einer kurzen Mischung aus B-Roll und filmischem Tagebuch, sind die anderen Bonusfilme eine absolut wichtige und sehenswerte Ergänzung zu dem Hauptfilm. Die „Stories on a Storyteller“ ist eine weitere eigenständige Dokumentation über Peckinpah, die auch gut als Hauptfilm hätte fungieren können.

Der Hauptfilm „Passion & Poetry“ folgt dem Leben von Sam Peckinpah: chronologisch werden seine Jugend, seine Zeit beim Militär, die ersten TV-Arbeiten in Hollywood und seine Spielfilme abgehandelt. Die Chronologie wird durch Einschübe über Peckinpahs Frauen und seine Alkohol- und Kokainsucht unterbrochen. Die Geschichte seines Lebens wird erzählt von Peckinpah-Vertrauten, wozu vor allem seine Schwester Fern Lea Peter (die hier erstmals vor der Kamera über Sam sprach), seine Tochter Lupita, langjährigen Mitarbeitern, wie Katy Haber, Chalo González, Gordon Dawson und Dan Melnick, Schauspielern, die teilweise in mehreren seiner Filme auftraten, wie Ernest Borgnine, James Coburn, Kris Kristofferson, Bo Hopkins, R. G. Armstrong, L. Q. Jones, David Warner, Vadim Glowna, Ali MacGraw und Senta Berger, und Peckinpah-Biographen, wie David Weddle, zählen. Ergänzt werden die neuen Interviews von einigen längeren Interviews, die Sam Peckinpah noch zu Lebzeiten gab. Illustriert werden die Geschichten von Fotografien, ganz wenigen Filmausschnitten und Trailern zu seinen Filmen. Wie Siegel in dem Audiokommentar erzählt, musste er auf die Trailer ausweichen, weil er nicht genug Geld hatte, um die Rechte an speziellen Filmausschnitte zu erwerben.

Umrahmt wird Peckinpahs Biographe von Bildern der Hacienda Cienega Del Carmen und längeren Behind-the-Scenes-Aufnahmen von seiner letzten Regiearbeit: einem Musikvideo für Julian Lennon. Sie zeigen einen alten Mann – obwohl Peckinpah damals noch keine Sechzig war. Das Video entstand im Sommer 1984. Am 28. Dezember 1984 starb er.

Passion & Poetry“ ist kein Peckinpah-kritischer Film oder eine quasi-wissenschaftliche Werkanalyse. Es ist eine sehr informative Biographie, die vor allem eine Liebeserklärung an den Regisseur ist. Sie lebt von den Erinnerungen seiner Freunde und Mike Siegel lässt sie sehr ausführlich zu Wort kommen. Das driftet öfters ins Anekdotische ab, ist aber immer interessant. Denn Mike Siegel gelingt es, ein ganzes Leben in knapp zwei Stunden zu erzählen. Und die Dokus „Passion & Poetry“ und „Stories on a Storyteller“ (denn alles was ich über „Passion & Poetry“ geschrieben habe, gilt auch für „Stories on a Storyteller“) laden zum wiederholten Ansehen der Filme von Sam Peckinpah ein.

Mike Siegel nahm auch einen deutschen und einen englischen Audiokommentar auf, die sich vom Inhalt kaum unterscheiden. In beiden erzählt er, wie er zum Peckinpah-Fan wurde, von den Dreharbeiten und warum es so lange dauerte, bis der Film endlich auch außerhalb von Filmfestivals einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt wird. Denn der Hauptdreh war im Winter 2002. Damit sind sie ein interessanter Einblick in die Welt des unabhängigen Filmemachens.

Aber auch nach dieser sehr umfangreichen Doppel-DVD kommt Mike Siegel von Sam Peckinpah nicht los. Als nächstes plant er eine Dokumentation über Peckinpahs Kriegsfilm „Steiner – Das eiserne Kreuz“, die dann als Bonusmaterial auf einer werkgetreuen DVD erscheinen soll.

Passion & Poetry: The Ballad of Sam Peckinpah

(D 2005)

Regie: Mike Siegel

Drehbuch: Mike Siegel

mit Ernest Borgnine, James Coburn, Kris Kristofferson, Ali MacGraw, R. G. Armstrong, L. Q. Jones, Bo Hopkins, David Warner, Senta Berger, Vadim Glowna, Mario Adorf, Gordon T. Dawson, Roger Fritz, Chalo González, Katherine Haber, Martin Lewis, Dan Melnick, Lupita Peckinpah, Fern Lea Peter, Garner Simmons, Isela Vega, David Weddle, Monte Hellman (Erzähler), Sam Peckinpah (Archivaufnahmen)

DVD

El Dorado Productions

Länge: 115 Mnuten

Bild: 1,78:1 (4:3)

Sprache: Englisch

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Audiokommentar (deutsch, englisch), Stories of a Storyteller (3-teilige Dokumentation mit zusätzlichen Interviews: The Westerner [29 Minuten], Art & Success [36 Minuten], Poet on the Loose [38 Minuten]), Mapache Territory (15 Minuten), Ernest Borgnine on The Wild Bunch (15 Minuten), Mike’s Home Movies (15 Minuten), Booklet, Wendecover

FSK: ab 12 Jahre

Außerdem

Mike Siegel: Passion & Poetry – Sam Peckinpah in Pictures

Schwarzkopf & Schwarzkopf, 2003

576 Seiten

(nur noch antiquarisch)

Die Spielfilme von Sam Peckinpah

Gefährten des Todes (The deadly Companions, USA 1961, Drehbuch: Albert Sidney Fleischman)

Sacramento (Ride the High Contry, USA 1962, Drehbuch: N. B. Stone jr.)

Sierra Charriba (Major Dundee, USA 1965, Drehbuch: Harry Julian Fink, Oscar Saul, Sam Peckinpah)

The Wild Bunch – Sie kannten kein Gesetz (The Wild Bunch, USA 1969, Drehbuch: Walon Green, Sam Peckinpah)

Abgerechnet wird zum Schluss (The Ballad of Cable Hogue, USA 1970, Drehbuch: John Crawford, Edmund Penney)

Wer Gewalt sät (Straw Dogs, GB 1971, Drehbuch: David Zelag Goodman, Sam Peckinpah)

Junior Bonner (Junior Bonner, USA 1972, Drehbuch: Jeb Rosebrook)

Getaway/Ein Mann wird gejagt (Getaway, USA 1972, Drehbuch: Walter Hill)

Pat Garrett jagt Billy the Kid (Pat Garrett and Billy the Kid, USA 1973, Drehbuch: Rudolph Wurlitzer)

Bring mir den Kopf von Alfredo Garcia (Bring me the Head of Alfredo Garcia, USA/Mexiko 1974, Drehbuch: Gordon Dawson, Sam Peckinpah)

Die Killer-Elite (The Killer Elite, USA 1975, Drehbuch: Marc Norman, Stirling Silliphant)

Steiner – Das eiserne Kreuz (Cross of Iron, DGB/Jug 1977, Drehbuch: Julius J. Epstein, Walter Kelley, James Hamilton)

Convoy (Convoy, USA 1978, Drehbuch: Bill L. Norton)

Das Osterman-Weekend (The Osterman-Weekend, USA 1983, Drehbuch: Alan Sharp, Ian Masters)

Hinweise

Homepage zum Film

Wikipedia über Sam Peckinpah (deutsch, englisch)

Georg Seeßlen über Sam Peckinpah (der Nachruf erschien zuerst in epd Film 2/1985)

The Guardian: Rick Moody über Sam Peckinpah (9. Januar 2009)

Senses of Cinema: Gabrielle Murray über Sam Peckinpah

Die letzte Regiearbeit von Sam Peckinpah: die Musikvideos „Valotte“ und „Too late for goodbyes“ von Julian Lennon



TV-Tipp für den 10. Oktober: Wer Gewalt sät

Oktober 9, 2019

3sat, 22.25

Wer Gewalt sät (Straw Dogs, Großbritannien 1971)

Regie: Sam Peckinpah

Drehbuch: David Zelag Goodman, Sam Peckinpah

LV: Gordon Williams: The siege of Trencher’s Farm, 1969 (später Straw Dogs)

Der friedfertig-weltfremde Mathematiker David Sumner will im Heimatdorf seiner Frau Amy ungestört eine wissenschaftliche Arbeit beenden. Aber schon bald wird er von den Dorfbewohnern in einen Strudel der Gewalt gezogen.

Im Wesentlichen verlegt Sam Peckinpah seine bekannten Western-Topoi in die Gegenwart. Entstanden ist eine bittere Studie über Gewalt und die Eskalation von Gewalt. Denn am Ende verteidigt David Sumner sein Haus mit roher Gewalt. Bereits davor gibt es mehrere, interpretationsoffene und daher äußerst unangenehme anzusehende  Szenen, wie Amys Vergewaltigung. „Wer Gewalt sät“ ist ein immer noch provozierender Film.

„Straw Dogs ist ein vollständiges Werk – eine struktriere Vision des Lebens auf Film.“ (Pauline Kael, New Yorker, 1971)

Mit Dustin Hoffman, Susan George, Peter Vaughan, David Warner

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Wer Gewalt sät“

Wikipedia über „Wer Gewalt sät“ (deutsch, englisch) und über Sam Peckinpah (deutsch, englisch)

Georg Seeßlen über Sam Peckinpah (der Nachruf erschien zuerst in epd Film 2/1985)

The Guardian: Rick Moody über Sam Peckinpah (9. Januar 2009)

Senses of Cinema: Gabrielle Murray über Sam Peckinpah

Meine Besprechung von Sam Peckinpahs „Gefährten des Todes“ (The deadly Companions, USA 1961)

Meine Besprechung von Sam Peckinpahs „Steiner – Das eiserne Kreuz“ (Cross of Iron, D/GB 1977)

Meine Besprechung von Mike Siegels Dokumentation „Sam Peckinpah: Passion & Poetry“ (D 2005)

Sam Peckinpah in der Kriminalakte

 


TV-Tipp für den 15. April: The Getaway

April 15, 2018

Arte, 21.50

The Getaway (The Getaway, USA 1972)

Regie: Sam Peckinpah

Drehbuch: Walter Hill

LV: Jim Thompson: Getaway, 1958 (Getaway)

Auf Wunsch des korrupten Politikers Jack Benyon wird Doc McCoy vorzeitig aus der Haft entlassen. Er soll eine Bank ausrauben. Der Überfall gelingt, aber danach geht alles schief.

Die gelungene und kommerziell sehr erfolgreiche Verfilmung des Krimis, mit Steve McQueen und Ali MacGraw – obwohl das letzte Drittel des Buches fehlt. Und das ist noch nicht alles, wie der französische Regisseur Alain Corneau meint: „Im Gegensatz zu Hammett und Chandler sind die Amerikaner nicht dazu in der Lage, Thompson zu verfilmen. Nehmen wir zum Beispiel Getaway. Die Figuren werden für die Verfilmung um 180 Grad gedreht, das Buch um mindestens ein Drittel gekürzt. Die Personen und das Thema des Romans wurden an die Seite gedrängt. Doc McCoy ist im Buch ein viel düsterer Charakter als Steve McQueen, und die philosophischen Dimensionen gingen völlig verloren.“ – Trotzdem ist „Getaway“ ein kalter, düsterer und amoralischer Film.

Mit Steve McQueen, Ali MacGraw, Ben Johnson, Al Lettieri, Slim Pickens, Bo Hopkins

Wiederholung: Freitag, 27. April, 00.0 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Meine Besprechung von Sam Peckinpahs „Gefährten des Todes“ (The deadly Companions, USA 1961)

Meine Besprechung von Sam Peckinpahs „Steiner – Das eiserne Kreuz“ (Cross of Iron, D/GB 1977)

Meine Besprechung von Mike Siegels Dokumentation „Sam Peckinpah: Passion & Poetry“ (D 2005)

Wikipedia über Sam Peckinpah (deutsch, englisch)

Georg Seeßlen über Sam Peckinpah (der Nachruf erschien zuerst in epd Film 2/1985)

The Guardian: Rick Moody über Sam Peckinpah (9. Januar 2009)

Senses of Cinema: Gabrielle Murray über Sam Peckinpah

Mordlust über Jim Thompson

Crimetime über Jim Thompson

Wikipedia über Jim Thompson (Englisch)

Kirjasto über Jim Thompson

Popsubculture über Jim Thompson

Meine Besprechung von Jim Thompsons „Jetzt und auf Erden“ (Now and on Earth, 1942)

Meine Besprechung von Michael Winterbottoms Jim-Thompson-Verfilmung „The Killer inside me“ (The Killer inside me, USA 2010)

Senses of Cinema über „The Getaway“

Drehbuch „Getaway“ von Walter Hill (Final Revised Shooting Draft – 23. Februar 1972)

Meine Besprechung von Walter Hills “Straßen in Flammen” (Streets on Fire, USA 1984)

Meine Besprechung von Walter Hills „Shootout – Keine Gnade“ (Bullet to the the Head, USA 2013)


TV-Tipp für den 28. Dezember: Ausgelöscht

Dezember 28, 2017

Tele 5, 22.25

Ausgelöscht (Extreme Prejudice, USA 1987)

Regie: Walter Hill

Drehbuch: Deric Washburn, Harry Kleiner (nach einer Geschichte von John Milius und Fred Rexer)

Um persönliche Verfehlungen zu vertuschen, eskaliert ein hochrangiger CIA-Mann (Michael Ironside) mit seinen Männern in einem texanischen Grenzkaff den Kampf zwischen Texas-Ranger Jack Benton (Nick Nolte, seltsam unterkühlt spielend) und Bentons Schulfreund Cash Bailey (Powers Boothe) zu einer blutigen Schlacht. Denn Bailey ist inzwischen ein aus Mexiko operierender Rauschgifthändler, der mit dem CIA-Mann in schmutzige Geschäfte verwickelt ist.

Eine ungewöhnliche Mischung aus Western, Agentenstory und Actionfilm, von Hill mit gewohnter Präzision und Effizienz inszeniert. Störend wirken die kompromisslose Gewalttätigkeit und Menschenverachtung, die die Geschichte prägen.“ (Fischer Film Almanach 1988)

Vor allem das bleihaltige Ende versucht, ziemlich erfolgreich, Sam Peckinpahs „The Wild Bunch“ zu toppen.Auch davor gibt es schon einige Peckinpah-Anspielungen.

mit Nick Nolte, Powers Poothe, Michael Ironside, Maria Conchita Alonso, Rip Torn, Clancy Brown

Wiederholung: Samstag, 30. Dezember, 00.00 Uhr (Taggenau!, anschließend „Doberman“)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Ausgelöscht“

Wikipedia über „Ausgelöscht“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Walter Hills “Straßen in Flammen” (Streets on Fire, USA 1984)

Meine Besprechung von Walter Hills “Shoutout – Keine Gnade” (Bullet to the Head, USA 2013)

Walter Hill in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 7. August: The Wild Bunch – Sie kannten kein Gesetz

August 7, 2016

Arte, 21.45

The Wild Bunch – Sie kannten kein Gesetz (USA 1969, Regie: Sam Peckinpah)

Drehbuch: Walon Green, Sam Peckinpah

Texas 1913: nach einem missglückten Überfall auf die Kasse der Eisenbahngesellschaft flüchten Pike Bishop und seine Revolvermänner nach Mexiko und geraten in die dortigen Revolutionswirren.

Auf ihrer Flucht verfolgt Pikes ehemaliger Kumpel Deke Thornton sie gnadenlos. Er arbeitet inzwischen für die Eisenbahngesellschaft.

Peckinpah-Klassiker, der ist einer der besten Western und für zahlreiche Filmfans auch einer der besten Filme überhaupt: „Sam Peckinpahs definitiver Film über die verlorenen Helden des späten Westens und über die Gewalttätigkeit in Amerika.“ (Joe Hembus: Das Western-Lexikon)

Für George P. Pelecanos ist „The Wild Bunch“ einer der sieben besten Western: „Peckinpah’s stunner was a parable for Vietnam that turned peace-loving audiences on with its cathartic violence, in the process burning down the genre itself. Concludes with the Battle of Bloody Porch, perhaps the most visceral, mindblowing action sequence ever committed to film. Oddly enough, it’s the quiet moments that stick with you.”

Mit William Holden, Ernest Borgnine, Robert Ryan, Edmond O´Brien, Warren Oates, Ben Johnson, L. Q. Jones, Bo Hopkins

Hinweise

Rotten Tomatoes über „The Wild Bunch“

Wikipedia über „The Wild Bunch“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Mike Siegels „Passion & Poetry: The Ballad of Sam Peckinpah“

Meine Besprechung von Sam Peckinpahs „Gefährten des Todes“

Meine Besprechung von Sam Peckinpahs “Steiner – Das eiserne Kreuz”

Sam Peckinpah in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: Die „Legend of Tarzan“ kehrt zurück

Juli 28, 2016

Tarzan, der Herrscher des Urwalds ist zurück – und „Legend of Tarzan“ ist viel besser als der letzte Tarzan-Film „Tarzan 3D“, bei dem nur die computergenerierten Bilder als Leistungsschau der Hersteller überzeugten. Manchmal.

Davor gab es in den letzten Jahrzehnten einige Tarzan-Filme, die sich – auch wenn „Greystoke – Die Legende von Tarzan“ (Großbritannien 1984, von Hugh Hudson) und „Tarzan – Herr des Urwalds“ (USA 1981, von John Derek mit Bo Derek als sexy Dame in ständig feuchter Bekleidung) die Grenzen zwischen Kunst und Trash markierten – bei weiten nicht so in das kollektive Gedächtnis einbrannten wie die legendären Tarzan-Filme mit Johnny Weissmuller.

Legend of Tarzan“, der kein naiver Abenteuerfilm sein will, wird das gleiche Schicksal des schnellen Vergessens ereilen. Daran ändert auch die lange Entwicklungsgeschichte des Films (wobei das 2006er Tarzan-Projekt von Guillermo del Toro mit diesem Film sicher nichts mehr zu tun hat) und das exorbitante Budget von offiziell 180 Millionen US-Dollar nichts.

Dieses Mal lebt Tarzan (Alexander Skarsgård) schon seit längerem unter seinem bürgerlichem Namen John Clayton III, fünfter Lord Greystoke, auf seinem Landsitz und er erledigt klaglos seine Pflichten als Lord und Hausherr. Da wird er vom Parlament gebeten, als Sonderbotschafter für Handelsfragen in den Kongo zu reisen.

Auf seiner Fahrt in seine alte Heimat begleiten ihn seine Freundin Jane (Margot Robbie), die ebenfalls alte Bekanntschaften auffrischen will, und der US-Amerikaner George Washington Williams (Samuel L. Jackson als doofer, alle Klischees bestätigender Sidekick), der Beweise für einen florierenden Sklavenhandel finden will.

In Afrika werden, kurz nach ihrer Ankunft in seinem Heimatdorf, Jane und etliche Dorfbewohner bei einem nächtlichen Überfall entführt und das Dorf verwüstet.

Verantwortlich dafür ist der Belgier Leon Rom (Christoph Waltz). Der Händler und Bösewicht des Films wollte in der Nacht eigentlich den legendären Tarzan entführen.

Lord Greystoke, der entkommen konnte, reißt sich seine Kleider vom Leib und beginnt als Tarzan Rom und seine Bande quer durch den Dschungel und die Steppe und Steinwüsten und Gewässer und Seen zu jagen, weil in Afrika alle Landschaften in Lianenentfernung sind.

Es gibt in „Legend of Tarzan“ zwischen all den CGI-Effekten (so sehen wir nur CGI-Tiere, die auch fast immer so aussehen) einige Momente, die schmerzlich zeigen, was für ein grandioser Film aus dem Stoff hätte werden können. So in Richtung Sam Peckinpahs Spätwestern „The Wild Bunch“. Allerdings n Afrika spielend und den Kolonialismus, die Zerstörung von Menschen, Tieren und Natur, der Ausbeutung eines Kontinents und der Grundsteinlegung von noch heute virulenten Konflikte ansprechend. In dem Wissen, dass der von Tarzan und Jane und seinen afrikanischen Freunden, in trauter Einheit mit den Tieren, gelebte glückliche Naturzustand (der natürlich auch immer nur eine Fiktion war) schon damals nicht mehr existierte. Es hätte also ein bildgewaltiger Abenteuerfilm mit einer ernsten Grundierung werden können.

Entstanden ist ein von einem Komitee gemachter Film. Nichts fügt sich sinnvoll zusammen, weil jeder eine Idee in den Film einbringen durfte. Es gibt immer wieder haarsträubende erzählerische Mängel und inszenatorische Schwächen. So erfahren wir wichtige Teile von Roms Plan erst viel zu spät, teilweise erst am Ende. Auch den Grund für den Konflikt zwischen Tarzan und Häuptling Mbonga (Djimon Hounsou) erfahren wir viel zu spät. Wenn man das alles (ja, Spoilervermeidung) am Anfang weitgehend verraten hätte, hätte man in diesem Moment den Grundstein für eine kraftvolle Geschichte gelegt. Denn in diesem Moment wäre der Grundkonflikt zwischen Tarzan, Rom und Mbonga etabliert gewesen und man hätte ausgehend von dieser Prämisse ein Netz von Konflikten und Beziehungen zwischen den Charakteren aufgespannt. So plätschert der Film vor sich hin, während er erzählt, wie Tarzan seine Frau retten will.

Die zahlreichen Rückblenden, die David Yates wild über den Film verteilt, sind bestenfalls manieristisch, schlimmstenfalls nervig. Der Geschichte hätten sie mehr gedient, wenn sie an den wenigen Punkten in der Geschichte, in der sie erzählerisch Sinn machen, präsentiert worden wären. Also wenn Tarzan von Vertretern des Parlaments gebeten wird, nach Afrika zurückzukehren, hätte man eine große Rückblende mit seiner Geschichte, wie seine Eltern sterben, er von Affen großgezogen wird, Jane kennen lernt und nach England zurückkehrt, einfügen können. Denn in diesem Moment steht John Clayton vor der Frage, ob er wieder in seine Vergangenheit zurückkehren will. Yates verteilt diese Hintergrundgeschichte auf mehrere Rückblenden, die dann nur unnötig die Haupthandlung verlangsamen. Denn letztendlich kenne wir doch alle die Geschichte von Tarzan.

Und dann etabliert „Harry Potter“-Regisseur mehrmals Ort so ungeschickt und auch unlogisch, dass man glaubt, gerade habe man eine Szene verpasst zu haben. So scheint, um nur ein Beispiel zu nenne, das Dorf, in dem Tarzan seine alten Freunde nach einem langen Fußmarsch durch trockenes Grasland, mitten in einer wasserlosen Gegend zu liegen. In der Nacht werden sie von Roms Männern überfallen und Jane wird auf einen Dampfer entführt, der anscheinend wenige Meter neben dem Dorf anlegte.

Wo „Legend of Tarzan“ schon auf der erzählerischen Ebene Schiffbruch erleidet, bringen die überall eingesetzten CGI-Effekte das Schiff dann endgültig zum Sinken. Und im Finale wird dann, während eine Horde CGI-Tiere eine Hafenstadt verwüstetet, auch munter Schiffe versenken gespielt. Das ist visuell selten überzeugend, meistens spektakulär langweilig und wenig beeindruckend.

Legend of Tarzan“ ist wohl der Tarzan-Film mit den meisten verpassten Chancen.

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Legend of Tarzan (The Legend of Tarzan, USA 2016)

Regie: David Yates

Drehbuch: Adam Cozad, Craig Brewer (nach einer Geschichte von Craig Brewer und Adam Cozad, basierend auf den „Tarzan“-Geschichten von Edgar Rice Burroughs)

mit Alexander Skarsgård, Christoph Waltz, Samuel L. Jackson, Margot Robbie, Djimon Hounsou, Sidney Ralitsoele, Osy Ikhile, Mens-Sana Tamakloe, Rory J. Saper, Christian Stevens, Jim Broadbent, Ben Chaplin

Länge: 110 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Lesetipp

Die Johnny-Weismuller-“Tarzan“-Filme laufen ja immer wieder und für mich sind sie die klassischen und definitiven „Tarzan“-Filme. Immerhin sah ich sie als Kind.

Aber man kann die jetzige Verfilmung auch als Gelegenheit nehmen, einen Blick in die Vorlage, die „Tarzan“-Romane von Edgar Rice Burroughs zu werfen. Denn der Heyne-Verlag bietet, mit einem kundigen Nachwort von Georg Seeßlen, einen Sammelband mit drei „Tarzan“-Romanen an. Enthalten sind die Ursprungsgeschichte „Tarzan bei den Affen“ (Tarzan of the Apes, 1912) und die beiden deutlich kürzeren „Tarzan“-Romane „Tarzan und die Schiffbrüchigen“ (Tarzan and the Castaways, 1940/1941/1964) und „Tarzan und der Verrückte“ (Tarzan and the Madman, 1964) und die ersten Seiten lesen sich verdammt gut.

Burroughs - Tarzan - 4

Edgar Rice Burroughs: Tarzan – Drei Romane in einem Band

Heyne, 2013

688 Seiten

11,99 Euro

Taschenbuch-Ausgabe entspricht der Ausgabe von Walde & Graf, Zürich 2012.

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Legend of Tarzan“

Metacritic über „Legend of Tarzan“

Rotten Tomatoes über „Legend of Tarzan“

Wikipedia über „Legend of Tarzan“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Batman v Superman: Dawn of Justice“ für Superhelden?

März 24, 2016

Beginnen wir mit zwei Informationen: es gibt keine Szene im oder nach dem Abspann. Das macht Marvel. Batman, Superman und noch einige andere Superhelden gehören zu DC Comics.

Laut IMDB kostete der Film 250 Millionen US-Dollar.

Gehen wir zum Geschmäcklerischen über: die durchgehend dunklen Bilder störten mich. Zack Snyder verwechselt hier, wie viele andere Regisseure, dunkle Bilder mit Düsternis und Bedeutung.

Und wo wir gerade bei „Bedeutung“ sind: Zeitlupe ist okay. Zeitlupe kann grandios sein. Sam Peckinpah war ein Meister darin und jeder Actionfilm-Regisseur sollte ein Gespür dafür entwickeln. Allerdings wäre „Batman v Superman: Dawn of Justice“ (ein Titel wie die Ankündigung für einen Boxkampf) ohne die Zeitlupe nur noch halb so lang. So schafft es die erste filmische Begegnung zwischen Superman (ein grundgütiger Kämpfer für die gute Sache) und Batman (ein etwas schlecht gelaunter Kämpfer für die gute Sache) auf gut 150 Minuten (der Abspann ist relativ kurz geraten). Dass die beiden Jungs sich am Ende vertragen, können wir uns denken. Sind ja beides Superhelden, die sich niemals gegenseitig töten würden. Deshalb endet so ein Zusammentreffen wie ein Boxkampf, der selbstverständlich mit einem ‚Unentschieden‘ oder einem vorzeigen Abbruch endet. Dass die Szene, in der aus den beiden Gegnern Verbündete werden, sich in Snyders Film in ihrer Absurdität schon jetzt für viele Parodien empfiehlt, konnten wir uns dagegen nicht denken. Und dass der Weg dahin so langweilig ist, haben wir nicht erwartet (über diesen Punkt bestand nach der Vorstellung zwischen mit allen, mit denen ich über den Film redete, Konsens). Denn wenn schon das Ende klar ist, sollte wenigstens, wie bei den Marvel-“Avengers“, der Weg dorthin kurzweilig, unterhaltsam und voller Überraschungen sein.

Batman v Superman: Dawn of Justice“ ist nichts davon. Die von Chris Terrio und David S. Goyer geschriebene Filmgeschichte besteht nämlich nur aus der länglichen Einführung der Hauptcharaktere und vielen Set-Ups. Es beginnt, wieder einmal, mit der Schilderung der Ermordung von Bruce Waynes Eltern. Später wird der kleine Bruce Batman. Wir sehen, noch einmal, den Schlusskampf aus Zack Snyders vorherigem, ziemlich schlechten, aber immerhin schön bunten Superman-Film „Man of Steel“. Dieses Mal aus der Perspektive von Bruce Wayne. Und der Milliardär Lex Luthor sucht Kryptonit, um so Superman zu besiegen. Superman hat auch Ärger mit der US-Regierung, die seine letzte Weltrettung wegen der Kollateralschäden nicht so lustig fand. Deshalb will auch Batman Superman besiegen.

Zwischen den Kloppereien – mal real, mal als Alptraum von Mister Bruce Wayne – wird dann etwas Tiefe vorgegaukelt. Dabei erinnert „Batman v Superman“ an Zack Snyders ungleich gelungenere Alan-Moore-Verfilmung „The Watchmen“, in der all die Dinge verhandelt wurden, die in „Batman v Superman“ nur behauptet werden, weil der Film kein Thema, keine Botschaft, kein Anliegen hat, das konsequent zu Ende erzählt wird. Außer die nächsten Superman-Batman-Filme vorzubereiten.

Er macht aus seiner Grundidee, Superman gegen Batman kämpfen zu lassen, erstaunlich wenig, weil die Macher nachdem sie die beiden Superhelden in den Ring stellten, keine weitere Idee hatten, außer sie aufeinander einschlagen zu lassen. Auch der wirkliche Bösewicht des Films, der bekannte Superman-Gegner und LexCorp-Chef Lex Luthor (hier gespielt von Jesse Eisenberg), bleibt blass. Am Ende des Films werden einfach die verschiedenen Handlungsstränge und Storyideen mutwillig zusammengeknüpft zu einem überlangem, lärmendem und vollkommen sinnfreiem Showdown, bei dem dann auch Wonder Woman ihr Kostüm anziehen darf und Supermans irdische Mutter und seine Freundin durchs Bild huschen.

Die Schauspieler machen ihre Sache ganz gut, ohne jemals wirklich gefordert zu werden. Etliche Schauspieler, die bereits bei „Man of Steel“ dabei waren, sind wieder dabei, wie Amy Adams, Diane Lane, Laurence Fishburne und Kevin Costner. Henry Cavill spielt Superman wieder so herrlich blasiert als männliche Barbie-Puppe, dass er seinen treudoofen Blick unmöglich ernst meinen kann. Immerhin hat es, wie die gesamte Inszenierung von Superman, durchaus Camp-Potential. Ben Affleck kann als Batman und Bruce Wayne immer angemessen grimmig gucken, bis er für den Schlusskampf in ein Kostüm schlüpfen muss, das mehr an Robocop als an Batman erinnert. Gal Gadot absolviert ihren ersten Auftritt als Wonder Woman und Jesse Eisenberg darf als Lex Luthor erratische Sätze aufsagen. Weitgehend ohne Glatze. Die wird ihm erst am Filmende verpasst.

Die Tricks sind – verglichen mit den grandiosen Animationen in Jon Favreaus „The Jungle Book“ (Kinostart ist am 14. April) – erbärmlich schlecht. Wahrscheinlich wird deshalb bevorzugt nach Sonnenuntergang in schlecht beleuchteten Räumen gekämpft. Mit vielen Schnitten, Lichtblitzen und Explosionen.

Das Ende ist, wenig überraschend, eine riesige Schlacht, die trotzt eines vermeintlich schockierenden Ereignisses, genug Raum für mehrere Fortsetzungen bietet. Mit dem Zweiteiler „The Justice League“ von Zack Snyder und mehreren begleitenden Solo-Superheldenfilme, wie wir es von Marvel kennen, wird es in den kommenden Jahren auch von DC Comics hoch budgetiertes Superheldenfutter geben.

Für die Heimkinoauswertung hat Zack Snyder schon eine um eine halbe Stunde längere Fassung angekündigt, die – eher unwahrscheinlich – einige Probleme von „Batman v Superman“ beheben könnte oder – viel wahrscheinlicher – einfach nur noch lääänger ist, ohne dass sich die grundlegenden Probleme dieses Slow-Motion-Desasters ändern. Und die liegen in schlecht motivierten Charakteren (vor allem natürlich das Trio Superman, Batman und Lex Luthor) und einer vergessenswerten Geschichte. Eigentlich werden uns nur ein Haufen zusammenhangloser, pompöser, nirgendwohin führender Szenen, garniert mit einigen Traumsequenzen, präsentiert. Der Showdown ist dann auch nicht aus der Geschichte, sondern aus der Laufzeit des Films begründet.

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Batman v Superman: Dawn of Justice (Batman v Superman: Dawn of Justice, USA 2016)

Regie: Zack Snyder

Drehbuch: Chris Terrio, David S. Goyer

mit Ben Affleck, Henry Cavill, Amy Adams, Jesse Eisenberg, Diane Lane, Laurence Fishburne, Jeremy Irons, Holly Hunter, Gal Gadot, Scoot Mnnairy, Callan Mulvey, Kevin Costner, Michael Shannon

Länge: 152 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Batman v Superman: Dawn of Justice“

Metacritic über „Batman v Superman: Dawn of Justice“

Rotten Tomatoes über „Batman v Superman: Dawn of Justice“

Wikipedia über „Batman v Superman: Dawn of Justice“ (deutsch, englisch)


DVD-Kritik: „Die Wildgänse kommen“ – immer noch?

Januar 14, 2015

In den späten Siebzigern war „Die Wildgänse kommen“ im Kino ein Riesenhit. In Deutschland hatte er fast vier Millionen Besucher und er belegte den sechsten Platz der deutschen Kinocharts von 1978. Selbstverständlich gab es danach weitere Söldnerfilme und auch „Missing in Action“ klopfte eine Jahre später an die Tür.
Als ich den Film vor Ewigkeiten im Kino sah, war ich begeistert und, das kann schon jetzt verraten werden, ich erinnere mich sehr genau an viele Szenen. Eigentlich an fast den gesamten Film. Aber natürlich ist man als Jugendlicher, wenn man höchstens einmal im Monat ins Kino geht, es auch an der Kasse vorbei schafft und sich einen Film anzusehen kann, den man noch nicht ansehen darf (ja, ich war noch Unter-16), wesentlich einfacher zu beeindrucken.
Naja, damals überlegte ich auch, wie ich mir einen „Eis am Stil“-Film ansehen kann. Denn die waren damals noch verbotener. Heute frage ich mich, nachdem ich mir auf YouTube einige Minuten angesehen habe, warum jemals irgendein Lebewesen sich einen solchen Mist ansehen möchte.
Daher fragte ich mich vor dem Ansehen der jetzt erschienenen, neu restaurierten Fassung (für mein Empfnden ist das Bild am Anfang zu Hell, aber insgesamt ist es gut und anscheinend deutlich besser als bei den vorherigen Ausgabe), ob mir „Die Wildgänse kommen“ heute immer noch gefällt.
Schon bei dem Vorspann fällt auf, wie viele bekannte Namen dabei sind. Die Produzenten Euan Lloyd und Erwin C. Dietrich wollten, sicher beflügelt durch den Erfolg von Sam Peckinpahs Weltkrieg-II-Film „Steiner – Das eiserne Kreuz“, mit viel Geld einen Kassenhit produzieren.
Der vor allem für sein kompetentes Handwerk bekannte Andrew V. McLaglen übernahm die Regie. Er inszenierte davor etliche Western, wie „MacLintock“, „Der Mann vom großen Fluß“, „Der Weg nach Westen“, „Bandolero“, „Chisum“, „Geier kennen kein Erbarmen“ und den unterschätzten Western „Der Letzte der harte Männer“ (mit Charlton Heston und James Coburn). Öfters arbeitete er mit James Stewart und John Wayne zusammen.
John Glen übernahm, wie schon vorher bei zwei James-Bond-Filmen und bei „Superman“, die Second-Unit-Regie. Später inszenierte er fünf James-Bond-Filme.
TV-Veteran Reginald Rose („Die zwölf Geschworenen“) schrieb das dichte Drehbuch, das die Geschichte ohne Hänger, aber auch ohne große Überraschungen, gradlinig vorantreibt.
Joan Armatrading, damals noch am Anfang ihrer Karriere, schrieb und sang das Titellied „Flight of the Wild Geese“.
Roy Budd schrieb die beschwingte Marschmusik, die das ganze Abenteuer wie einen Lausbubenstreich wirken lässt. Budd schrieb davor auch die Musik für „Get Carter“, „Fluchtpunkt Marseille“ und „Die schwarze Windmühle“; alle mit Michael Caine.
Und dann die Schauspieler, die ein kleines Who-is-Who der damaligen Stars sind. Heute erinnert so eine Ansammlung natürlich an die „Expendables“-Filme. Jedenfalls übernahm Richard Burton die Hauptrolle. Roger Moore, der damals James Bond war, spielt mit. Ebenso Stewart Granger, Hardy Krüger, Richard Harris (davor „Der Mann, den sie Pferd nannten“, „18 Stunden bis zur Ewigkeit“ und „Robin und Marian“), Barry Foster („Frenzy“ und die Hauptrolle in der englischen Krimiserie „Van der Valk“), Frank Finlay (Richard Lesters „Die drei Musketiere“-Filme und der deutsche „Van der Valk“) und einige Gesichter, die man aus damaligen englischen Spielfilmen kennt, ohne ihre Namen zu kennen. Es sind Charaktergesichter, die so heute kaum noch in Filmen auftreten.
Die Story selbst ist denkbar einfach. Colonel Allen Faulkner (Kann ein Ex-Militär einen Militärrang haben?) soll, im Auftrag von einem britischen Banker, in einem afrikanischen Land einen totgeglaubten Politiker aus der Gefangenschaft befreien. Faulkner stellt ein Team aus alten Kameraden und Neulingen zusammen. Sie trainieren. Am Heiligabend (das ist wahrscheinlich der einzige Weihnachtsfilm, bei dem es keine Weihnachtsbäume gibt) führen sie dann die Mission aus. Sie springen über dem Land ab, töten alle Bewacher von Präsident Julius Limbani, befreien ihn, gehen zum nächsten Flughafen, an dem sie von einem Flugzeug abgeholt werden sollen. Weil der Bankier mit den neuen Machthabern zu einer lukrativen Vereinbarung gekommen ist, cancelt er den Auftrag und das Flugzeug landet nicht. Jetzt sind die Söldner auf sich allein gestellt und sie schlagen sich, verfolgt von Feinden, durch das Land zu einem weiter entfernt liegendem Flugplatz.
Das ist effektiv erzählt und trotz der Länge von 129 Minuten erstaunlich kurzweilig. Es ist auch, wenn wir uns an neuere Aktionen von Söldnerfirmen in Afrika erinnern – ich sage nur „Executive Outcomes“ –, erstaunlich aktuell. Es ist auch, in seiner Glorifizierung des Söldnertums, ein Werbefilm für diese freischaffenden Soldaten, die ihre Talente dem höchsten Bieter zur Verfügung stellen und deren Moral niemals auch nur ansatzweise hinterfragt wird. Dass sie in „Die Wildgänse kommen“ letztendlich für die gute Sache kämpfen und der Rassist zum Freund des bei der Bevölkerung beliebten Revolutionärs (so eine Art Nelson-Mandela-Vorläufer) wird, verleiht den Söldnern einen Glorienschein, den sie nicht verdient haben. Immerhin bringen sie bei der Befreiung von Limbani ohne Skrupel mehrere hundert, größtenteils schlafende Soldaten um.
Sowieso sind die Söldner in „Die Wildgänse kommen“ echte Männer, die ihre Erfüllung im Dienst an der Waffe finden und sich dazwischen eher langweilen. Seelische Probleme haben sie nicht und wenn getrunken wird, dann aus Langeweile.
Die DVD enthält, neben dem Originaltrailer, auch einen, auf dem Cover nicht erwähnten Audiokommentar mit Euan Lloyd, John Glen und Roger Moore.

Die Wildgänse kommen - DVD-Cover - Master 2014

Die Wildgänse kommen (The Wild Geese, Großbritannien/Schweiz 1978)
Regie: Andrew V. McLaglen
Drehbuch: Reginald Rose
LV: Daniel Carney: The Wild Geese, 1977 (Die Wildgänse kommen)
mit Richard Burton, Roger Moore, Richard Harris, Hardy Krüger, Stewart Granger, Jeff Corey, Frank Finlay, Barry Foster, Ronald Fraser, Kenneth Griffith, John Kani, David Ladd, Rosalind Lloyd, Winston Ntshona, Jake Watson

DVD
Ascot Elite
Bild: 1,85:1 (16:9)
Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Audiokommentar, Originaltrailer, Wendecover
Länge: 129 Minuten
FSK: ab 16 Jahre

Hinweise
Rotten Tomatoes über „Die Wildgänse kommen“
Wikipedia über „Die Wildgänse kommen“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Über David Ayers Weltkrieg-II-Film „Herz aus Stahl“

Januar 1, 2015

„Herz aus Stahl“ erfindet das Genre des Kriegsfilms nicht neu oder liefert umwerfend neue Erkenntnisse. Jedenfalls nicht, wenn man Filme wie „Steiner – Das eiserne Kreuz“ (von Sam Peckinpah) oder „The Big Red One“ (von Samuel Fuller) über den Zweiten Weltkrieg oder „Platoon“ (von Oliver Stone) über den Vietnamkrieg gesehen hat; um nur drei Filme zu nennen, die „Herz aus Stahl“ beeinflussten und die von Kriegsveteranen inszeniert wurden. Wobei Peckinpah keine Kampferfahrung hatte. „The Big Red One“ und „Platoon“ verarbeiten persönliche Erlebnisse. David Ayer ist vor allem für seine Drehbücher und Filme aus den innerstädtischen Kampfzonen von Los Angeles bekannt. „Training Day“, „The Fast and the Furious“, „Dark Blue“, „S. W. A. T. – Die Spezialeinheit“, „Harsh Times“, „Street Kings“, „End of Watch“ und zuletzt „Sabotage“ (okay, der war nicht gut). Immer geht es um Männergruppen, ihren Zusammenhalt, Macho-Rituale und auch den Kampf gegeneinander. Meistens sind seine Protagonisten Polizisten, die sich kaum von den Verbrechern, die sie bekämpfen sollen, unterscheiden. Ohne die Dienstmarke wäre diese Grenze zwischen Gut und Böse überhaupt nicht mehr vorhanden.
Alle seine Filme sind Kriegsfilme, die aber, bis auf „U-571“, in der Gegenwart in den USA spielten. In „Herz aus Stahl“ geht es nach Deutschland. Der Krieg ist fast vorbei, dennoch kämpfen die Deutschen bis zum letzten Mann und für die Amerikaner war es der letzte rundum gute Krieg.
Aber gerade weil Ayer seine bekannten Themen und Charaktere, gesättigt mit Erzählungen von Kriegsveteranen, in ein anderes Genre überträgt, entstehen interessante Verschiebungen und Irritationen. Sowohl in Ayers bekanntem Kosmos, als auch im Kriegsfilm.
So ist eine der grausamsten Szenen am Anfang. Die Mannschaft von Don ‚Wardaddy‘ Collier (Brad Pitt) hat, nach dem Tod eines Kameraden, einen neuen fünften Mann bekommen. Norman Ellison. Ein Junge, der den Krieg am Schreibtisch überleben wollte und der für den Einsatz nicht ausgebildet ist. Also gibt Wardaddy ihm einen verkürzten „Training Day“. Nach einem Gefecht soll er einen Deutschen erschießen. Er soll die Hemmung vor dem Töten verlieren. Er soll für seine Kameraden eintreten. Eigentlich will Wardaddy das Richtige: dem Jungen alles mitgeben, um im Krieg zu überleben und ihn im Schnellverfahren zu einem vollwertigen Teil seiner Mannschaft machen. Sie müssen sich auf den Neuling verlassen können.
Aber er will das Erreichen, indem Norman den Deutschen tötet. Er soll ihn hinterrücks exekutieren. Einen Mord begehen. Und dabei will er auch seinen Willen brechen.
Es gibt noch weitere grandiose Szenen, wie eine gruselige Mahlzeit bei zwei deutschen Frauen, die sich episodisch zu einer Chronik von 24 Stunden aus dem Krieg aneinanderreihen und der Logik von Gefecht und Vorbereitung auf das nächste Gefecht folgen, während sie in ihrem Sherman-Panzer im April 1945 durch Deutschland kurven und miteinander reden.
Da ist es schade, dass Ayer den Film nicht einfach, wie Sam Fuller in „The Big Red One“, mit dem Kriegsende enden lässt, sondern er eine Schlacht inszeniert, in der die Mannschaft des Panzers tapfer in den Heldentod marschiert, weil sie sich in den vergangenen Jahren niemals zurückgezogen haben und niemals ihren fahrunfähigen Panzer zurücklassen würden. Da wird der Antikriegsfilm dann doch zu einem Kriegsfilm, der die Tapferkeit des Soldaten feiert und all dem einen Sinn verleiht; wie Oliver Stone in „Platoon“, wenn am Filmende, nach dem Einsatz von Napalm, alle bis auf einige Amerikaner tot sind und, jedenfalls in dem Film, am Ende die Amerikaner den Krieg gewonnen haben. Diese Rechtfertigung hat Ayer nicht nötig. Immerhin spielt der Film während des Zweiten Weltkriegs und natürlich endet „Herz aus Stahl“ zwiespältiger.
Auffallend bei Ayers Film ist die historische Genauigkeit. Bei den Panzern und der Kleidung fällt das eher positiv auf. Die Leuchtspurmunition, die im Krieg eingesetzt wurde, um die Flugbahnen zu verfolgen, verleiht den nächtlichen Kämpfen dann die Ästhetik eines Computerspiels. Die blutigen Kopfschüsse und durch das Bild fliegenden Körperteile erinnern in ihrer Brutalität an aktuelle Zombie-Filme.
Und, bedingt durch die Konzentration auf eine Mannschaft die sich in einem Panzer durch Feindesland bewegt, wird „Herz aus Stahl“ dann auch zu einem Kriegsfilm, der auch zu einer anderen Zeit spielen könnte und eine seltsam verquere Moral hat. Denn Don Collier (Brad Pitt), Boyd Swan (Shia LaBeouf), Grady Travis (Jon Bernthal), Trini Garcia (Michael Pena) und Norman Ellison (Logan Lerman) haben keinen Überblick über die große Gefechtslage. Sie fahren von einem Gefecht zum nächsten. Die Kriegsziele werden niemals angesprochen. Die Deutschen treten nur als eine bedrohliche Masse ohne irgendwelche individuellen Eigenschaften auf. Es werden auch, abgesehen von einer Gruppe abgemagerte Gestalten, die durch ein Feld stolpern, keine Opfer der Nazi-Gräuel gezeigt. Es gibt auch keine Bilder der Konzentrationslager.
Es geht um Männer im Krieg, die zwischen ihnen entstehende Kameradschaft und ihre Weltsicht. Was sie vor dem Krieg getan haben oder was sie danach machen wollen, ist egal.
Das ist im Kriegsfilmgenre nicht neu, wurde aber selten so brutal gezeigt und weil die Eingangs erwähnten Filme schon lange nicht mehr im Kino laufen und teilweise selten im TV gezeigt werden, ist „Herz aus Stahl“ ein empfehlenswerter, aber auch harter und schonungsloser Kriegsfilm, der im Matsch nichts vom Mythos des heldenhaften Todes übrig lässt.
Bei David Ayer gibt es nicht die hemmungslose Glorifizierung des Kampfes. Der Krieg ist hier kein Spaß wie Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“, kein Leben in der Wiederholungsschleife, wie Doug Limans „Edge of Tomorrow“ (der ja unübersehbare Weltkrieg-II-Anspielungen hat), und auch kein „Saving Private Ryan“. Hier geht es nur um das Überleben im Feindesland und wie der Krieg Menschen verändert. Damals und heute.

Herz aus Stahl - Plakat

Herz aus Stahl (Fury, USA 2014)
Regie: David Ayer
Drehbuch: David Ayer
mit Brad Pitt, Logan Lerman, Shia LaBeouf, Jon Bernthal, Michael Pena, Jim Parrak, Brad William Henke, Jason Isaacs, Kevin Vance, Alicia von Rittberg, Scott Eastwood
Länge: 134 Minuten
FSK: ab 16 Jahre

Hinweise
Englische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Herz aus Stahl“
Moviepilot über „Herz aus Stahl“
Metacritic über „Herz aus Stahl“
Rotten Tomatoes über „Herz aus Stahl“
Wikipedia über „Herz aus Stahl“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von David Ayers „End of Watch“ (End of Watch, USA 2012)

Meine Besprechung von David Ayers „Sabotage“ (Sabotage, USA 2014)


Im Verhörzimmer: Wolfgang Schweiger erklärt das „Duell am Chiemsee“ – und einige andere Dinge

August 11, 2014
Wolfgang Schweiger (Bild: Pendragon)

Wolfgang Schweiger (Bild: Marietta Heel)

 

Die Veröffentlichung von „Duell am Chiemsee“, der sechste Fall der am Chiemsee ermittelnden Kommissare Andreas Gruber und Ulrike Bischoff, war für die Kriminalakte die Gelegenheit, Wolfgang Schweiger, den Autor der Chiemgau-Krimis, in eines unserer Verhörzimmer zu bitten.

Wolfgang Schweiger veröffentlichte zwischen 1984 und 1994 elf Romane, die vor allem im Bereich Noir, Hardboiled und Gangsterkrimi angesiedelt waren, und das Sachbuch „Der Polizeifilm“. 1999 gab es mit „Kein Job für eine Dame“ einen einmaligen Nachschlag. Erst 2008 veröffentlichte er mit „Der höchste Preis“ einen weiteren Roman. Seitdem erschienen fünf weitere Kriminalromane. Immer mit den Kommissaren Gruber und Bischoff.

In seinem neuesten Kriminalroman „Duell am Chiemsee“ wird der Ex-Kriminelle und Schauspieler Frank Janek von einem alten Komplizen und Freund erpresst, einen Drogenhändler zu überfallen. Eine einfache Sache, die mit mehreren Toten endet. Gruber und Bischoff beginnen mit den Ermittlungen – und Janek wird unweigerlich immer tiefer in den kriminellen Sog, dem er anscheinend schon vor Jahren entkommen war, gezogen.

Duell am Chiemsee“ ist ein spannender Gangsterkrimi unter der Tarnkappe eines Regiokrimis mit den ermittelnden Polizisten als Zaungäste in einem blutigen und leichengesättigten Drama.

Was war die Ausgangsidee für „Duell am Chiemsee“?

Schon Schiller schrieb, in jedem von uns stecke ein Borgia. Das wollte ich auf die Hauptfigur übertragen, einen solide gewordenen Ex-Gangster, der von seiner Vergangenheit eingeholt wird. Die Herausforderung dabei war für mich, diesen Mann als halbwegs positive Figur zu erhalten, obwohl er bedenkenlos tötet, wenn er es für nötig hält.

Wie sähe Ihre Wunschbesetzung für eine Verfilmung des Romans aus, wenn Sie vollkommen freie Hand hätten und auch Tote mitspielen dürften?

– Ray Winstone (Gruber),

– Julia Koschitz (Bischoff)

– Josh Brolin (Janek)

– Thomas Kretschmann (Bosch)

– Christoph Waltz (Friesinger)

Ihre frühen Romane waren alle Einzelromane. Mit den Gruber-Bischoff-Polizeiromanen schreiben Sie inzwischen eine Serie, die auch noch in einer erkennbaren Ferienregion spielt. Wo sehen Sie die Unterschiede einer Serie gegenüber Einzelromanen und wie vermeiden Sie die Fallen des Regiokrimis?

Eine (Polizei)Serie engt zunächst ein, weil vorhersehbar ist, dass die Ermittler sich zu helfen wissen und am Ende die Gewinner sind.

Andererseits kann ich die Figuren der Ermittler im Verlauf der Serie weiter entwickeln und dem Leser so vertraut machen, dass er sie wie gute Bekannte empfindet, die er im besten Fall einmal im Jahr trifft.

Bei Einzelromanen muss man stets auf neue um die Aufmerksamkeit der Leser kämpfen.

Für meinen Geschmack wird im Regiokrimi häufig zu viel Wert auf Lokalkolorit gelegt zu Lasten der Handlung. Vor allem, wenn die Krimis in (Ober)Bayern spielen und Gaudi und Klischees die Oberhand gewinnen. Auch den Gebrauch von Dialekt in diesen Krimis kann ich nichts abgewinnen. Das ist mühsam für den Leser und bringt atmosphärisch gar nichts.

Sie haben früher auch Drehbücher für „Der Fahnder“ und „Soko 5113“ geschrieben. Wie unterscheidet sich für Sie die Arbeit an einem Drehbuch von der Arbeit an einem Roman?

Rein technisch gesehen ist die Arbeit an einem Drehbuch um Vieles einfacher, da alles über den Dialog und die Handlung läuft, komplizierte Beschreibungen aller Art (Sonnenuntergänge, die Gedankenwelt eines Serienkillers etc) entfallen.

Andererseits muss man, schreibt man z. B. für eine Krimiserie, alle möglichen Vorgaben beachten („unsere Hauptfigur macht so etwas nicht!“) und ständig darauf achten, ob diese oder jene Szene auch finanzierbar (und aus Sicht der TV-Sender moralisch vertretbar) ist.

Bei einem Roman hingegen habe ich alle Freiheiten, kann meine Geschichte überall und zu jeder Zeit spielen lassen. Am Ende ist nicht irgendein Produzent, Redakteur oder Regisseur die letzte Instanz, sondern ich selbst (in Absprache mit dem Verleger).

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus?

Der Schreib- oder besser gesagt Herstellungsprozess bei meinen jährlichen Gruber/Bischoff Krimis sieht so aus, dass ich bald nach Erscheinen des letzten Buches anfange, auf ausgedehnten Spaziergängen nach einer neuen Grundidee zu suchen. Ist die gefunden, skizziere ich auf ein paar Seiten das vorläufige Handlungsgerüst und die wichtigsten Figuren, gefolgt von einer Kapiteleinteilung.

Für mich ist ganz wichtig, dabei, dass ich das Ende der Geschichte kenne. Erst dann fange ich an zu schreiben, meist vormittags zwischen acht und zwölf.

Ist nach sechs bis acht Wochen eine erste durchgeschriebene Fassung fertig, geht sie an den Verlag, damit der Verleger weiß, was auf ihn zukommt und er seine Anmerkungen und Änderungsvorschläge dazu machen kann. Und da Schreiben Überarbeiten heißt, dauert es dann bis zur 4. oder 5. Fassung, bis ich zufrieden bin.

Die Recherche gestaltet sich manchmal recht skurril: Als ich für meinen zweiten Gruber/Bischoff-Roman einen Blick in die JVA Traunstein werfen wollte, wurde mir dies aus Datenschutzgründen verweigert und der zuständige Herr meinte allen Ernstes, ich solle es doch wie der Karl May halten, der die Schauplätze seiner Geschichten ja auch nicht gekannt habe.

Welche fünf Bücher empfehlen Sie für den Sommerurlaub?

– David Weddle „If They Move … Kill ’Em!“

Die beste Sam Peckinpah-Biografie und zugleich das interessanteste Filmbuch, das ich kenne.

– Philipp Blom „Böse Philosophen“

Aufklärung tut not.

– Stephen Hunter „Pale Horse Coming“

Pulp Fiction vom Feinsten. Hunter auf dem Höhepunkt. Leider hat er in den vergangenen Jahren furchtbar nachgelassen.

– Jörg Fauser „Rohstoff“

Ein Klassiker, immer wieder lesenswert.

– Robert Hültner „Tödliches Bayern“

Authentische Kriminalfälle aus Bayern und der Stoff, aus dem Regiokrimis geschnitzt sein sollten.

Schweiger - Duell am Chiemsee - 2

Wolfgang Schweiger: Duell am Chiemsee

Pendragon, 2014

264 Seiten

10,99 Euro

Hinweise

Homepage von Wolfgang Schweiger

Lexikon der deutschen Krimi-Autoren über Wolfgang Schweiger

Rosenheimer Nachrichten: Interview mit Wolfgang Schweiger (26. November 2006)

Meine Besprechung von Wolfgang Schweigers „Der höchste Preis” (2008)

Meine Besprechung von Wolfgang Schweigers „Tödlicher Grenzverkehr“ (2010)

Meine Besprechung von Wolfgang Schweigers „Duell am Chiemsee“ (2014)


DVD-Kritik: Männlichkeitsrituale in der „Killing Season“

November 29, 2013

 

Ein Duell zwischen zwei Männern in der Wildnis mit Robert De Niro und John Travolta in den Hauptrollen. Das klingt doch ziemlich vielversprechend. Aber „Killing Season“ gehört dann doch eher in die Kategorie „auch für Genrejunkies verzichtbar“ und „nur für Komplettisten“. Denn auch die schönen Landschaftsaufnahmen, die in ihrer epischen Länge dem Werk wahrscheinlich eine tiefsinnige Bedeutung verleihen sollen, aber so tiefsinnig wie Kalenderbilder sind, strecken die dünne Geschichte um mehrere Minuten auf dreiundneunzig Minuten. Ohne Abspann.

John Travolta spielt Emil Kovac, einen Serben mit höchst seltsamer Bartrasur. Yeah, das erinnert an die seeligen Hollywood-Zeiten, als der Deutsche Peter Lorre einen Asiaten spielen musste.

Kovac will sich an Benjamin Ford (Robert De Niro) rächen. Der Soldat gehörte vor achtzehn Jahren zu einer Nato-Einheit, die nach irgendeinem Massaker mehrere ganz böse Serben erschoss. Kovac überlebte allerdings und jetzt, nachdem er weiß, wer ihn damals umbringen wollte, will er ihn umbringen.

Und dann kloppen und jagen die beiden sich durch die Appalachen, schießen mit Pfeil und Bogen und Gewehr aufeinander, benutzen Messer und Fäuste, zerstören auch ein Auto und forcieren ein Pseudo-Macho- und Krieg-ist-doof-Bild, das nie glaubhaft ist. Auch die Gegenüberstellung der beiden Charaktere, der eine hasserfüllt bis zum Gehtnichtmehr, der andere nach seinen Kriegserlebnissen friedfertig fotografierend im selbstgewählten Exil lebend, ist nur verquer. Ebenso die Botschaft des Films, die bestenfalls gut gemeint ist. Aber gut gemeint ist mal wieder das Gegenteil von gut gemacht.

Und dabei hätte „Killing Season“ – was sicher so geplant war – ein in der Gegenwart spielender Western werden können. Aber dafür hätte man ein besseres Drehbuch und einen besseren Regisseur gebraucht.

Sam Peckinpah, Walter Hill und William Friedkin (in dem ungleich gelungenerem „Die Stunde des Jägers“) haben ähnliche Geschichten inszeniert. Besser. Viel besser. Auch John McTiernan („Predator“, „Stirb langsam“, „Last Action Hero“), der ursprünglich als Regisseur im Gespräch war, wäre sogar im Wachkoma ein besserer Regisseur als Mark Steven Johnson gewesen. Seine bekanntesten Filme sind „Daredevil“ und „Ghost Rider“.

Killing Season - DVD-Cover - 4

Killing Season (Killing Season, USA 2013)

Regie: Mark Steven Johnson

Drehbuch: Evan Daugherty

mit Robert De Niro, John Travolta, Milo Ventimiglia, Elizabeth Olin, Diana Lyubenova, Kalin Sarmenov

DVD

Splendid

Bild: 2,40:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch, Niederländisch

Bonusmaterial (angekündigt): Interviews, B-Roll

Länge: 103 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Metacritic über „Killing Season“

Rotten Tomatoes über „Killing Season“

Wikipedia über „Killing Season“

Mehr Horror gefälig?

Deutscher Kinostart von „Zwei vom alten Schlag“ (Grudge Match) ist am 9. Januar.


DVD-Kritik: Paul Verhoevens erster Hollywood-Film „Flesh + Blood“

Oktober 16, 2013

Bevor Paul Verhoeven nach Hollywood ging und mit „Total Recall“, „Robocop“ und „Basic Instinct“ zum weltweit bekannten Skandalregisseur wurde, der immer wieder Probleme mit der Zensur hatte und der in seinen Filmen ein veritabler Gesellschaftskritiker ist, war er in seiner Heimat Holland und Europa mit heute fast vergessenen Hits wie „Türkische Früchte“, „Der Soldat von Oranien“ und „Spetters – knallhart und romantisch“ schon bekannt.

Das jetzt mit interessantem Bonusmaterial auf DVD veröffentlichte, nicht mehr auf dem Index stehende Mittelalter-Drama „Flesh + Blood“ ist der Film, der in Verhoevens Karriere das Scharnier zwischen Europa und Hollywood bildet. Damals mit Hollywood-Geld und einem internationalen Cast in Spanien gedreht, war es ein von der Kritik zerrissener Flop, der in den USA nur einen Minimalstart hatte. Die katholische Filmkritik meint im „Lexikon des internationalen Films“ lapidar: „Wir raten ab.“

In dem Film erzählt Verhoeven die Geschichte des Söldners Martin (Rutger Hauer), der von seinem Feldherrn Hawkwood (Jack Thompson) nach der Einnahme einer Stadt verraten wird. Ohne Beute müssen sie abziehen. Kurz darauf kann Martin sich allerdings, mit seiner Bande, an ihrem Auftraggeber, Lord Arnolfini und seinem wissenschaftliche interessiertem Sohn Steven (Tom Burlinson), rächen. Er entführt die Steven versprochene Braut, Prinzessin Agnes (Jennifer Jason Leigh), die kurz darauf beginnt Martin zu becircen. Aus durchaus eigennützigen Motiven.

Sowieso sind in „Flesh + Blood“ die meisten Charaktere vom nackten Überlebensinstinkt und der Gier nach Sex und Reichtum angetrieben. Dafür betrügen und manipulieren sie hemmungslos. So nutzt Martin eine Heiligenfigur und den Glauben seiner Männer an diese Figur aus, um seinen Machtanspruch zu zementieren und Agnes für sich zu behalten. Und Agnes gibt sich Martin willig hin, um nicht von seiner gesamten Bande vergewaltigt zu werden.

In dieser Welt ist Hawkwood dann schon fast eine moralische Instanz. Nachdem er im Gefecht eine junge Nonne irrtümlich schwer verletzt, zieht er sich vom Söldnerhandwerk zurück und wird ein Bauer, bis er von Lord Arnolfini und seinem Sohn, der nach dem Tod seines Vaters ohne zu Zögern dessen Rolle übernimmt, erpresst wird, einen Feldzug gegen Martin zu starten.

Im informativen Audiokommentar, den Paul Verhoeven bereits vor über zehn Jahren aufnahm und der jetzt erstmals auf einer deutschsprachigen Ausgabe des Films erscheint, erzählt er, dass ursprünglich der Konflikt zwischen Martin und Hawkwood, zwei Freunde, die zu Gegnern werden, im Mittelpunkt des Films stehen sollte. Das hätte dann wohlige Erinnerungen an Sam Peckinpah Werks, vor allem natürlich „The Wild Bunch“, heraufbeschwört. Aber die Produzenten wollten, dass die Liebesgeschichte zwischen Steven und Agnes im Mittelpunkt steht. Das tut sie jetzt auch, wobei hier Liebe keinem romantischen Ideal, sondern reinen Zweckbündnissen und Eheversprechen gehorcht. So ist durchaus unklar, ob Steven Agnes unbedingt haben will, weil er in sie verliebt ist (eher unwahrscheinlich; immerhin kennt er sie überhaupt nicht) oder weil Martin ihm etwas gestohlen hat und ein lesekundiger Lord lässt sich nun einmal nichts von einem dahergelaufenem, ungebildeten Söldner stehlen.

Dieser illusionslose Blick auf seine Charaktere verleiht der Geschichte eine düstere Wucht, die von den Bildern unterstrichen wird.

Heute hat der Film, der bis zum März 2013 auf dem Index stand und daher einem Werbeverbot unterlag, nichts von seiner Wirkung verloren hat. Eigentlich hat er, im Gegensatz zu ungefähr zeitgleich entstandenen Filmen wie „Conan, der Barbar“, sogar gewonnen. Denn Verhoevens kompromisslose Version von dem Mittelalter ist düster, pessimistisch, vulgär und, wie der Titel sagt, voller Fleisch und Blut. Er dürfte damit dem wahren Mittelalter als düstere Zeit ziemlich nahe gekommen sein.

Flesh + Blood“ ist ein gnadenlos unterschätzter Paul-Verhoeven-Film, der jetzt in verschiedenen, gut ausgetatteten Ausgaben (wieder)entdeckt werden kann. Wir raten zu.

Flesh and Blood - DVD-Cover

Flesh + Blood (Flesh + Blood, USA 1985)

Regie: Paul Verhoeven

Drehbuch: Gerard Soeteman, Paul Verhoeven

mit Rutger Hauer, Jennifer Jason Leigh, Tom Burlinson, Jack Thompson, Susan Tyreel, Fernando Hillbeck, Ronald Lacey

DVD

Koch Media

Bild: 2.35:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: Deutsch, Englisch

Bonusmaterial: Audiokommentar von Paul Verhoeven, Bildergalerie, deutscher und englischer Kinotrailer

FSK: ab 18 Jahre

Länge: 123 Minuten

Flesh and Blood - DVD-Cover Limited Edition

Blu-ray ist identisch. Es gibt auch ein Mediabook mit einer zusätzlichen, gut zweistündigen Bonus-DVD.

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Flesh + Blood“

Turner Classic Movies über „Flesh + Blood“

Wikipedia über „Flesh + Blood“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: „2 Guns“ ballern sich durch das mexikanisch-amerikanische Grenzgebiet

September 27, 2013

 

Als sich Bobby Trench (Denzel Washington) und Michael ‚Stig‘ Stigman (Mark Wahlberg) kennen lernen, halten sie sich für Gangster. Aber sie sind beide Undercover-Agenten. Trench für die DEA (Drug Enforcement Agency), Stigman für das Office of Naval Intelligence, also den Marinenachrichtendienst – und als sie das erfahren, sitzen sie bereits gewaltig in der Scheiße. Denn ihre Vorgesetzten, die CIA und ein mexikanisches Drogensyndikat wollen die 43 Millionen US-Dollar, die sie aus einer kleinen Provinzbank klauten. Gerechnet hatten sie mit drei Millionen, die dem Drogenbaron gehören, den sie überführen sollen. Notgedrungen arbeiten die beiden gegensätzlichen Männer zusammen.

Viel mehr muss man über die Geschichte von „2 Guns“, dem neuen Action-Vehikel von Denzel Washington und Mark Wahlberg nicht wissen. Denn die beiden stürzen sich lustvoll in die leicht chaotische Story von Verrat, Gegenverrat und Gegengegenverrat, die sie nie so richtig überblicken. Aber alle wollen die Millionen haben. Mit allen Mitteln.

Baltasar Kormákur, der mit Mark Wahlberg bereits den gelungenen Gangsterkrimi „Contraband“ inszenierte, erzählt diese Geschichte mit reichlich Action und Humor. „2 Guns“ ist halt ein kurzweiliges Action-Buddymovie irgendwo zwischen Western und „Lethal Weapon“, das an viele andere Filme erinnert. John Flynns düsterer „Der Mann mit der Stahlkralle“ (Rolling Thunder) und Christopher McQuarries „The Way of the Gun“, die ebenfalls mit einer blutigen Schießerei in Mexiko enden, oder John Herzfelds unterschätzte Don-Winslow-Verfilmung „Kill Bobby Z“, in dem Polizisten und Drogenschmuggler sich gegenseitig aufs Kreuz legen, fallen einem spontan ein. Der wichtigste Einfluss sind unübersehbar die Filme von Sam Peckinpah und Walter Hill, vor allem „The Wild Bunch“ und „Ausgelöscht“ (Extreme Prejudice), dessen Shoutout am Ende eine Hommage an das Ende von „The Wild Bunch“ ist.

2 Guns“ könnte fast, auch wegen der vielen Ähnlichkeiten in der Geschichte, eine Hommage an „Ausgelöscht“, gekreuzt mit „Der große Coup“ (Charley Varrick), sein. Aber dafür ist das bleihaltige und explosive Ende in Mexiko dann doch zu hastig zusammengeschnitten und Kormákur verzichtet auf den bitter-melancholischen Subtext und auf die ruhigen Momente, die die Filme von Sam Peckinpah und Walter Hill zu etwas Besonderem machen. So ging Peckinpahs „The Wild Bunch“ zwar wegen seiner Gewalttätigkeit in die Filmgeschichte ein, aber zum Kultfilm wurde er wegen seiner ruhigen Momente, in denen wir die Charaktere kennen lernen, die wissen, dass ihr Ethos aus dem vorherigen Jahrhundert ist. Deshalb fühlen wir mit ihnen, wenn diese Dinosaurier am Ende in ihr letzte Gefecht ziehen.

2 Guns“ hat, im Gegensatz zu „Contraband“, genau diese ruhigen Momente nicht. Es ist nur noch actionhaltige Große-Jungs-Unterhaltung mit einer ordentlichen Portion One-Liner. Das macht Spaß, ist auch kurzweilig, aber letztendlich auch langweilig. Denn Trench und Stig vermitteln nie den Eindruck, dass für sie wirklich etwas auf dem Spiel steht und dass sie Angst haben, etwas zu verlieren.

Außerdem erzählt Kormákur die gesamte Geschichte in dem immergleichen lauten Ton, der seinen Charakteren und der Geschichte nie die Luft zum Atmen lässt. Denn anstatt die vielen Fragen und Themen, wie Loyalität, Freundschaft, Verrat, Korruption und Regierungskriminalität, die in „2 Guns“ angesprochen werden, auch nur halbwegs zu vertiefen, gibt es einfach den nächsten dummen Spruch von Plappermaul Stig und den nächsten Schusswechsel. Wie in „Lethal Weapon“. Allerdings dieses Mal im mexikanisch-amerikanischen Grenzgebiet.

Aber während die „Lethal Weapon“-Filme niemals mehr als laute Actionkomödien sein wollten, hätte „2 Guns“ mehr als ein vergnüglicher Mix aus den Actionfilmen der letzten Jahrzehnte sein können.

2 Guns - Plakat

2 Guns (2 Guns, USA 2013)

Regie: Baltasar Kormákur

Drehbuch: Blake Masters

LV: Steven Grant/Mateus Santolouco: 2 Guns, 2008 (Comic)

mit Denzel Washington, Mark Wahlberg, Paula Patton, Bill Paxton, James Marsden, Fred Ward, Edward James Olmos, Robert John Burke, Patrick Fischler

Länge: 109 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „2 Guns“

Moviepilot über „2 Guns“

Metacritic über „2 Guns“

Rotten Tomatoes über „2 Guns“

Wikipedia über „2 Guns“

Homepage von Steven Grant

Huffington Post: Interview mit Baltasar Kormakur über „2 Guns“ (31. Juli 2013)

Man Cave Daily: Steven Grant über die Filme, die seinen Comic „2 Guns“ beeinflussten (29. Juli 2013 – bis auf „Der große Coup“ [Charley Varrick] eine eher erstaunliche Liste)

Meine Besprechung von Baltasár Kormakurs „Contraband“ (Contraband, USA 2012)

Meine Besprechung von Steven Grants „CSI: Geheimidentität“ (Secret Identity, 2005 – Comic)

 

 

 


TV-Tipp für den 25. März: The Getaway

März 25, 2013

Arte, 22.25 (VPS 22.30)

Getaway (USA 1972, R.: Sam Peckinpah)

Drehbuch: Walter Hill

LV: Jim Thompson: Getaway, 1958 (Getaway)

Auf Wunsch des korrupten Politikers Jack Benyon wird Doc McCoy vorzeitig aus der Haft entlassen. Er soll eine Bank ausrauben. Der Überfall gelingt, aber danach geht alles schief.

Die gelungene und kommerziell sehr erfolgreiche Verfilmung des Krimis, mit Steve McQueen und Ali MacGraw – obwohl das letzte Drittel des Buches fehlt. Und das ist noch nicht alles, wie der französische Regisseur Alain Corneau meint: „Im Gegensatz zu Hammett und Chandler sind die Amerikaner nicht dazu in der Lage, Thompson zu verfilmen. Nehmen wir zum Beispiel Getaway. Die Figuren werden für die Verfilmung um 180 Grad gedreht, das Buch um mindestens ein Drittel gekürzt. Die Personen und das Thema des Romans wurden an die Seite gedrängt. Doc McCoy ist im Buch ein viel düsterer Charakter als Steve McQueen, und die philosophischen Dimensionen gingen völlig verloren.“ – Trotzdem ist „Getaway“ ein kalter, düsterer und amoralischer Film.

Mit Steve McQueen, Ali MacGraw, Ben Johnson, Al Lettieri, Slim Pickens, Bo Hopkins

Wiederholung: Sonntag, 31. März, 23.35 Uhr

Hinweise

Meine Besprechung von Sam Peckinpahs „Gefährten des Todes“ (The deadly Companions, USA 1961)

Meine Besprechung von Sam Peckinpahs „Steiner – Das eiserne Kreuz“ (Cross of Iron, D/GB 1977)

Meine Besprechung von Mike Siegels Dokumentation „Sam Peckinpah: Passion & Poetry“ (D 2005)

Wikipedia über Sam Peckinpah (deutsch, englisch)

Georg Seeßlen über Sam Peckinpah (der Nachruf erschien zuerst in epd Film 2/1985)

The Guardian: Rick Moody über Sam Peckinpah (9. Januar 2009)

Senses of Cinema: Gabrielle Murray über Sam Peckinpah

Mordlust über Jim Thompson

Crimetime über Jim Thompson

Wikipedia über Jim Thompson (Englisch)

Kirjasto über Jim Thompson

Popsubculture über Jim Thompson

Meine Besprechung von Jim Thompsons „Jetzt und auf Erden“ (Now and on Earth, 1942)

Meine Besprechung von Michael Winterbottoms Jim-Thompson-Verfilmung „The Killer inside me“ (The Killer inside me, USA 2010)

Senses of Cinema über „The Getaway“

Drehbuch „Getaway“ von Walter Hill (Final Revised Shooting Draft – 23. Februar 1972)

Meine Besprechung von Walter Hills „Shootout – Keine Gnade“ (Bullet to the the Head, USA 2013)


Neu im Kino/Filmkritik: Walter Hill meldet sich mit „Shootout – Keine Gnade“ zurück

März 8, 2013

Schon die ersten Minuten, mit den nächtlichen Bildern von New Orleans, den satten, nach Ry Cooder klingenden Gitarren (und dabei ist die Musik von Steve Mazzaro) und dem eingeblendeten Schriftzug „Regie: Walter Hill“, zeigen, wohin die Reise geht: in die Vergangenheit, als Walter Hill – soviel Geschichte muss sein – mit Genrefilmen wie „Driver“ (The Driver, USA 1978), „Die Warriors“ (The Warriors, USA 1979), „Die letzten Amerikaner“ (Southern Comfort, USA 1981), „Nur 48 Stunden“ (48 Hrs., USA 1982), „Straßen in Flammen“ (Streets of Fire, USA 1984), „Ausgelöscht“ (Extreme Prejudice, USA 1987), „Red Heat“ (Red Heat, USA 1988), dem ebenfalls in New Orleans spielenden Noir „Johnny Handsome“ (Johnny Handsome, USA 1989) und „Last Man Standing“ (Last Man Standing, USA 1996) das Action-Genre bestimmte. Sein letzter Spielfilm „Undisputed – Sieg ohne Ruhm“ (Undisputed, USA 2002) liegt schon über zehn Jahre zurück und erlebte hier nur eine DVD-Premiere.

Mit „Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt“ (Alien, GB/USA 1979), den er mitproduzierte, und, auch wenn sein Anteil am Film teilweise kleiner als der Credit waren, den Drehbüchern für Sam Peckinpahs Jim-Thompson-Verfilmung „Getaway“ (The Getaway, USA 1972), John Hustons Desmond-Bagley-Verfilmung „Der Mackintosh-Mann“ (The Mackintosh Man, USA 1973) und Stuart Rosenbergs Ross-Macdonald-Verfilmung „Unter Wasser stirbt man nicht“ (The drowning Pool, USA 1975) hinterließ er weitere Spuren im Genrekino.

In den letzten Jahren war er, im TV, in die Western-Serie „Deadwood“ involviert und drehte den dreistündigen, unter anderem für 16 Emmys nominierten TV-Western „Broken Trail“.

Jetzt kehrt der 71-jährige wieder ins Kino zurück mit einem Action-Thriller, der nahtlos an seine Buddy-Filme aus den Achtzigern anknüpft: In New Orleans verschont der Profikiller Jimmy Bobo (Sylvester Stallone) bei einem Auftrag eine zufällig anwesende Zeugin. Kurz darauf wird sein Partner ermordet und aus Washington fliegt der junge Detective Taylor Kwong (Sung Kang) nach New Orleans. Denn Bobos Opfer war ein Ex-Polizist und Partner von Kwong. Der alte Killer und der junge, sehr gesetzestreue Polizist schließen eine Zweckallianz, weil sie herausfinden wollen, wer den Mord beauftragte. Dabei stoßen sie auf den skrupellosen Immobilienhai Nkomo Morel (Adewale Akinnuoye-Agbaje), dessen schmierigen Adlatus Marcus Baptiste (Christian Slater) und den von ihm beauftragten rücksichtslosen Auftragkiller Keegan (Jason Momoa), der Bobo und Kwong umbringen soll.

Diese überschaubare Geschichte erzählt Walter Hill in seinem gewohnt ökonomischen Stil, in dem die einzelnen Szenen die Geschichte bis zum finalen Aufeinandertreffen der Gegner vorantreiben, die Charaktere sich aus ihren aktuellen Taten und nicht aus episch langen Erzählungen über ihr bisheriges Leben erschließen und er noch einmal seine bekannten Themen und Obsessionen präsentiert.

Das ist nichts neues, sondern eine Wiederbelebung der von ihm vor allem in den Achtzigern gedrehten Action-Filme. In den Neunzigern wandte er sich, auch wenn er alle seine Filme letztendlich als Quasi-Western sieht, dem Western zu. Natürlich knüpft Walter Hill auch in seinem neuesten Film an das klassische Hollywoodgenrekino und alte Erzähltugenden an, die vor ihm schon Regisseure wie John Ford, Howard Hawks, Raoul Walsh, Anthony Mann, Don Siegel und Sam Peckinpah hoch hielten.

Mit dem aktuellen Action-Kino hat das nichts zu tun. Wie Don Siegel in dem Spätwestern „Der letzte Scharfschütze“ (The Shootist, USA 1976), dem letzten Spielfilm von John Wayne, fasst er einfach noch einmal die Genretopoi zusammen, untersucht sie und bestätigt sie. Und wie Don Siegel in seinem Film alte Aufnahmen von John Wayne verwandte, verwendet Walter Hill in „Shootout – Keine Gnade“ bei den Polizeifotos alte Bilder von Sylvester Stallone.

Shootout – Keine Gnade“ ist in jedem Fall ein gelungenes Alterswerk, das den Bogen zu seinem Debütfilm schlägt. Denn der Schlusskampf des komplett in und um New Orleans gefilmten Films ist in dem leerstehenden Kraftwerk an der Market Street, in dem Hill auch Szenen für „Ein stahlharter Mann“ (Hard Times, USA 1975), einem während der Wirtschaftskrise spielendem Boxerdrama mit Charles Bronson, drehte.

Shootout - Plakat

Shootout – Keine Gnade (Bullet to the Head, USA 2013)

Regie: Walter Hill

Drehbuch: Alessandro Camon

LV: Alexis Nolent: Du plomb dans la tête (Graphic Novel)

mit Sylvester Stallone, Sung Kang, Sarah Shahi, Adewale Akinnouye-Agabje, Christian Slater, Jon Seda, Jason Momoa

Länge: 91 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Film-Zeit über „Shootout – Keine Gnade“

Metacritic über „Shootout – Keine Gnade“

Rotten Tomatoes über „Shootout – Keine Gnade“

Wikipedia über „Shootout – Keine Gnade“ (deutsch, englisch)

Walter Hill in der Kriminalakte

Buchtipp

Ritzer - Walter Hill

Ein amerikanischer Filmemacher, ein amerikanischer Künstler. Walter Hill zählt zu den zentralen Protagonisten im US-Genre-, aber auch Autoren-Kino, seit nunmehr über dreißig Jahren. Heute finden seine Filme zwar noch immer regelmäßig Eingang in Kinos, Videotheken oder TV, gelten oft aber als anachronistisch. Dabei gehörte Hill noch in den 1980er Jahren nicht nur zu den kommerziell erfolgreichsten, sondern auch zu den von der intellektuellen Filmkritik am enthusiastischsten gewürdigten Regisseuren: als ‚einzigartiger Stilist und großer Erzähler‘. Umso erstaunlicher mutet es an, dass über die Jahre hinweg weder im englischen respektive amerikanischen Sprachraum eine umfassende Werkanalyse seiner Filme entstanden ist“, schreibt Ivo Ritzer am Anfang von „Walter Hill – Welt in Flammen“, seiner umfassenden Studie über Walter Hill, die diese Lücke schließt. Auf knapp dreihundert Seiten (wobei die kleine Schrift über die Länge der Arbeit täuscht) analysiert er jeden von Hills Filmen, seinen Stil und verortet sein Werk zwischen Autoren- und Genre-Kino.

Ein feines Buch und eine gute Ergänzung zu seinem neuesten Film „Shootout – Keine Gnade“.

Ivo Ritzer: Walter Hill – Welt in Flammen (Deep Focus 2)

Bertz + Fischer, 2009

288 Seiten

25 Euro

Hinweise

Seite von Ivo Ritzer

Meine Besprechung von Ivo Ritzers „Fernsehen wider die Tabus“ (2011)


TV-Tipp für den 22. Januar: Das Osterman-Weekend

Januar 22, 2013

WDR, 23.15

Das Osterman-Weekend (USA 1983, R.: Sam Peckinpah)

Drehbuch: Alan Sharp, Ian Masters

LV: Robert Ludlum: The Osterman-Weekend, 1972 (Das Osterman-Wochende)

Der CIA nimmt an, dass die Freunde von Journalist John Tanner KGB-Spione sind. Mit Tanners Hilfe verwanzen sie für ein Wochenende sein ganzes Haus. Ab da geht alles schief. Seine Freunde wollen ihre Geheimnisse schützen, Tanner will die Wahrheit wissen und CIA-Agent Fassett spielt ein ganz eigenes Spiel.

Peckinpahs letzter Film ist ein kühler Spionagethriller, ein Verwirrspiel (deshalb kann der Film immer wieder angesehen werden. Nach einem Jahr haben Sie die konfuse Handlung schon wieder vergessen.) und eine Studie über den Verfall von Freundschaft und Vertrauen. “Das Osterman-Weekend” ist einer der schwachen Peckinpah-Filme mit einer deprimierenden Aussage.

Ulrich von Berg schrieb in “Sam Peckinpah – Ein Outlaw in Hollywood” (1987): “The Osterman Weekend ist von der ersten bis zur letzten Einstellung ein monströses Vexierspiel, in dem jeder jeden täuscht und betrügt. Keine der Figuren ist zur Identifikation tauglich, alle sind nichts als abhängige Marionetten….Die Menschen in diesem Film sind flach und eindimensional, keiner von ihnen macht eine innere Entwicklung durch, ihre Handlungsmotive sind ohne Ausnahme von Eigennutz bestimmt (Macht, Rache, Prestige, materielle Vorteile). Peckinpah interessiert sich für keinen einzigen von ihnen besonders – und das ist gut angesichts des abstrusen Drehbuchs – sondern allein für das alles Vertrauen zerfressende und alle zwischenmenschliche Beziehungen infiltrierende Geflecht aus Intrigen und Gegenintrigen. Die Atmosphäre von Hilflosigkeit und Abhängigkeit ist wichtig, nicht die Plausibilität des Plots…In Peckinpahs letztem Film unterliegen sie (die eigenen vier Wände, AdV) der totalen Kontrolle eines offensichtlich wahnsinnigen CIA-Agenten. Die stoischen Einzelgänger, die sich in allen seinen anderen Filmen gegen Reglementierung und Anpassung zur Wehr setzen, gib es hier nicht mehr. Das Bild, das Peckinpah in The Osterman Weekend von Amerika entwarf, ist die konsequente Weiterentwicklung der düsteren Zukunftsvision seiner Western, das Versprechen einer freien Gesellschaft wird als Lüge entlarvt. Ein Arrangement mit dieser Gesellschaft ist den höchst unterschiedlichen Männern in Peckinpahs zeitgenössischen Filmen unmöglich”.

Mit Rutger Hauer, John Hurt, Craig T. Nelson, Dennis Hopper, Burt Lancaster, Chris Sarandon, Meg Fosters, Helen Shaver

Hinweise

Wikipedia über “Das Osterman-Wochenende” (deutsch, englisch)

Ludlum Books – The Fansite of Robert Ludlum

Meine Besprechung von Mike Siegels „Passion & Poetry: The Ballad of Sam Peckinpah“

Meine Besprechung von Sam Peckinpahs „Gefährten des Todes“

Meine Besprechung von Sam Peckinpahs “Steiner – Das eiserne Kreuz”

Sam Peckinpah in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 18. November: Convoy

November 18, 2012

Kabel 1, 18.15

Convoy (USA 1978, R.: Sam Peckinpah)

Drehbuch: Bill L. Norton

LV: Song „Convoy“ von C. W. McCall

Zünftige Truckeraction von Sam Peckinpah mit einer hauchdünnen Story (Sheriff Wallace verfolgt Trucker Rubber Duck nach einer Kneipenschlägerei quer durch das Land. Immer mehr Trucker schließen sich Rubber Duck an. Die Polizei rüstet hemmungslos gegen die Gesetzlosen auf.) und vielen Autostunts.

Die Dreharbeiten waren ziemlich chaotisch, die alten Peckinpah-Fans enttäuscht, viele Jüngere (auch ich) wurden durch „Convoy“ zum Peckinpah-Fan und an der Kinokasse war der Film auch erfolgreich.

„Fraglos ist dies Peckinpahs lässigster, nettester und harmlosester Film.“ (Ulrich von Berg: Sam Peckinpah – Ein Outlaw in Hollywood, 1987)

„ action-betontes Popcornkino (…) ein weniger bedeutender Film Peckinpahs“ (Mike Siegel: Passion & Poetry – Sam Peckinpah in Pictures, 2003)

mit Kris Kristofferson, Ali MacGraw, Ernest Borgnine, Burt Young, Madge Sinclair, Seymour Cassel

Wiederholung: Montag, 19. November, 03.05 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Wikipedia über „Convoy“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Mike Siegels „Passion & Poetry: The Ballad of Sam Peckinpah“

Meine Besprechung von Sam Peckinpahs „Gefährten des Todes“

Meine Besprechung von Sam Peckinpahs “Steiner – Das eiserne Kreuz”

Sam Peckinpah in der Kriminalakte

 


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