R. i. P. Sidney Lumet

April 10, 2011

R. i. P. Sidney Lumet (25. Juni 1924, Philadelphia, Pennsylvania – 9. April 2011, New York City, New York)

Nicht jeder seiner Filme (ich nenne nur das überflüssige John-Cassavetes-Remake „Gloria“) wurde ein Klassiker. Aber die meisten Sidney-Lumet-Filme sind richtig gut und es gibt erstaunlich viele Klassiker dabei. Schon das Kinodebüt des Live-TV-Regisseurs, die Theaterverfilmung „Die zwölf Geschworenen“ (12 angry Men, USA 1957), wurde ein Klassiker. Gleichzeitig steckte Sidney Lumet mit diesem Film bereits die wichtigsten Pfeiler seines künftigen Schaffens ab: die Frage nach Schuld, Unschuld, schuldig werden und der Verantwortung des Einzelnen, das Funktionieren und Nicht-Funktionieren von Systemen (die Korruption innerhalb der Systeme thematisierte er erst später), die Wichtigkeit von guten Schauspielern, Drehbuch und einer der Geschichte dienenden Kamera. Denn in diesem Punkt war Lumet immer angenehm altmodisch. Auch in seinem letzten Film, dem grandiosem Noir-Drama „Tödliche Entscheidung“ (Before the Devil knows you are dead, USA 2007) blieb er sich in jedem Punkt treu.

Dazwischen drehte Sidney Lumet „Angriffsziel Moskau“ (Fail Safe, USA 1964), „Ein Haufen toller Hunde“ (The Hill, GB 1965), seine erste Zusammenarbeit mit Sean Connery, „Der Anderson-Clan“ (The Anderson Tapes, USA 1971), „Sein Leben in meiner Gewalt“ (The Offence, GB 1972), „Mord im Orient-Express“ (Murder on the Orient Express, GB 1974) und „Family Business“ (Family Business, USA 1990) folgten, „Serpico“ (Serpico, USA 1973) und „Hundstage“ (Dog Day Afternoon, USA 1975) festigten den Ruf von Al Pacino als grandiosem Schauspieler, „Network“ (Network, USA 1976) ist eine erschreckend aktuelle Mediensatire, „Prince of the City“ (Prince of the City, USA 1981), „The Verdict – Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit“ (The Verdict, USA 1982), „Tödliche Fragen“ (Q & A, USA 1990), „Nacht über Manhattan“ (Night falls on Manhattan, USA 1996) und das unterschätzte „Find me guilty – Der Mafiaprozess (Find me guilty, USA 2006) beschäftigten sich immer wieder mit dem Rechtssystem. In „Daniel“ (Daniel, USA 1983) und „Die Flucht ins Ungewisse“ (Running on empty, USA 1988) beschäftigte er sich mit der jüngeren amerikanischen Vergangenheit. In „Power – Der Weg zum Ruhm“ (Power, USA 1986) wirft er einen erhellenden Blick auf die US-amerikanischen Wahlkämpfe.

Und dabei habe ich seine wenigen, eher gradlinigen Kriminalfilme, wie „Der Morgen danach“ (The morning after, USA 1986), „Sanfte Augen lügen nicht“ (A stranger among us, USA 1992) und „Jenseits der Unschuld“ (Guilty as sin, USA 1993), seine Komödien und Dramen noch nicht erwähnt.

Sehenswert sind alle seine Filme. Sie sind unterhaltsam, gut gemacht und meistens ist man am Ende des Films sogar etwas schlauer als vorher.

2005 erhielt er seinen einzigen Oscar: einen Ehrenoscar. Damit erging es ihm wie Alfred Hitchcock, der 1968 den Irving G. Thalberg Memorial Award erhielt.

Sidney Lumet starb am 9. April in der Stadt, die immer im Mittelpunkt seiner Arbeit stand und deren Chronist er war: New York City.

Nachrufe gibt es bei Spiegel Online, FAZ, Telegraph und der New York Times.

Sidney Lumet in der Kriminalakte und bei Wikipedia (deutsch, englisch).

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TV-Tipp für den 5. Mai: Der Manchurian Kandidat

Mai 4, 2019

Damals eine paranoide Phantasie.

Heute…

Sat.1, 00.10

Der Manchurian Kandidat (The Manchurian Candidate, USA 2004)

Regie: Jonathan Demme

Drehbuch: Daniel Pyne, Dean Georgaris

LV: Richard Condon: The Manchurian Candidate, 1959 (Botschafter der Angst, Der Manchurian Kandidat)

Der weltumspannende Konzern “Manchurian Global” hat einer Golfkrieg-I-Einheit falsche Erinnerungen implantiert. So wollen sie den vielversprechenden Politiker Raymond Shaw ins Weiße Haus bringen. Doch Shaws ehemaliger Vorgesetzter Ben Marco zweifelt an seinen Erinnerungen und will die Wahrheit herausfinden.

Gut besetztes Remake des Kalter Krieg-Klassikers „Botschafter der Angst“. Etliche der Nebendarsteller sind aus anderen Zusammenhängen oder aus verschiedenen hochkarätigen TV-Serien und Filmen bekannt. Der Film selbst ist gut – obwohl für mich die Prämisse heute schlechter funktioniert als vor über vierzig Jahren, als Frank Sinatra die Rolle von Denzel Washington spielte. Davon abgesehen gibt es zahlreiche grandiose Szenen (ich sage nur Meryl Streep), eine beeindruckende Vision des Informationsüberschusses, überraschende Verknüpfungen von Szenen und eine träumerische Stimmung. Fast immer könnte es sein, dass Ben Marco aus einem Alptraum aufwacht.

Insgesamt ist der Polit-Thriller „Der Manchurian Kandidat“ ein gelungenes, eigenständiges Remake, das besonders beim porträtieren der Verflechtung zwischen Politik und Wirtschaft ein gespenstisches Bild der USA entwirft.

Mit Denzel Washington, Meryl Streep, Liev Schreiber, Jon Voight, Kimberly Elise, Jeffrey Wright, Bruno Ganz, Vera Farmiga, Robyn Hitchcock (eigentlich Musiker), Al Franken (als TV-Interviewer fast als er selbst), Paul Lazar, Roger Corman, Zeljko Ivanek, Walter Mosley (eigentlich Krimiautor), Charles Napier, Jude Ciccolella, Dean Stockwell, Ted Levine, Miguel Ferrer, Sidney Lumet

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Dar Manchurian Kandidat“

Wikipedia über „Der Manchurian Kandidat“ (deutsch, englisch)

Drehbuch „The Manchurian Candidate“ von Daniel Pyne und Dean Georgaris

Wikipedia über Richard Condon (deutsch, englisch)

Kirjasto über Richard Condon

Wired for Books: Don Swain redet mit Richard Condon (1982, 1986, 1990 – jeweils eine knappe halbe Stunde)

Meine Besprechung von Jonathan Demmes „Ricki – wie Familie so ist“ (Ricki and the Flash, USA 2015)

 


R. i. P. Larry Cohen

März 25, 2019

R. i. P. Larry Cohen (15. Juli 1941, Manhattan, New York – 23. März 2019, Los Angeles, Kalifornien)

Der 1941 geborene Larry Cohen war spätestens seit den frühen siebziger Jahren als Drehbuchautor und Regisseur eine feste Größe im Genrekino. Vor allem von Thrillern, Kriminal- und Horrorfilmen. In seinen B-Pictures benutzte er das geringe Budget für teils ätzende Gesellschaftskritik und er spielte mit kollektiven Ängsten, ohne jemals im Verdacht zu stehen, Kino für das elitäre Bildungsbürgertum zu machen. Er machte keine Arthouse-Fime, sondern Genrefilme. Es sind Filme von einem Genreliebhaber für Genreliebhaber und immer intelligent genug für einige weitergehende Gedanken. Auch wenn nicht jeder Film gelungen ist.

Zu seinen Werken zählen, als Regisseur, „Black Caesar“ (die afroamerikanische Version des Gangsterfilms „Little Caesar“), „Hell up in Harlem“ und „It’s alive“ (ein Horrorfilm mit mehreren Fortsetzungen), und, nur als Drehbuchautor, „I, the Jury“ („Ich, der Richter“, eine Mike-Hammer-Verfilmung), „Maniac Cop“ (und die Fortsetzungen), „Guilty as Sin“ („Jenseits der Unschuld“, verfilmt von Sidney Lumet), „Phone Booth“ (Nicht auflegen!“, ein Mann in einer Telefonzelle) und „Cellular“ („Final Call – Wenn er auflegt, muss sie sterben“).

Am Samstag starb der 77-jährige in Los Angeles im Kreis seiner Freunde.

Nachrufe gibt es im The Hollywood Reporter, Variety, IndieWire, Slashfilm, Rolling Stone (US), A. V. Club, Roger Ebert, Filmstarts und Spiegel.

Mehr

Homepage von Larry Cohen

Wikipedia über Larry Cohen (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Larry Cohens „Ambulance“ (The Ambulance, USA 1989)


TV-Tipp für den 21. März: A most violent Year

März 21, 2019

3sat, 22.25

A most violent Year (A most violent Year, USA 2014)

Regie: J. C. Chandor

Drehbuch: J. C. Chandor

New York, 1981: Heizölhändler Abel Morales will ehrlich bleiben, während die Stadt im Verbrechen versinkt und seine Laster am helllichten Tag überfallen werden. Seine aus einer Gangsterfamilie stammende Frau rät ihm, zurückzuschlagen. Und die Polizei verdächtigt ihn, wie alle Geschäftsleute aus der Branche, mit der Mafia Geschäfte zu machen.

TV-Premiere. Starker Wirtschaftsthriller in der Tradition von Sidney Lumet.

A most violent Year“ ist ein düsteres, sich langsam entwickelndes Drama, ein Noir über einen Mann, der ehrlich bleiben möchte (jedenfalls so weit das in seiner Branche möglich ist) und der sich zwischen seinen hehren Prinzipien und seiner Existenz, der seiner Familie und ihrem durchaus gehobenem Lebensstil entscheiden muss. Weil Chandor „A most violent Year“ wie einen Weiße-Kragen-Gangsterfilm inszeniert und die Geschichte sich im Bereich der alltäglichen Graustufen, in denen es nur mehr oder weniger richtige und falsche Entscheidungen gibt, geht es vor allem um die Frage, welche und wie viele Kompromisse Abel Morales eingehen muss, um als Unternehmer erfolgreich zu sein. Und, auch das ist von Anfang an klar: Morales wäre nicht so weit gekommen, wenn er sich immer hundertprozentig an die Gesetze gehalten hätte.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Oscar Isaac, Jessica Chastain, David Oyelowo, Albert Brooks, Alessandro Nivola, Elyses Gabel, Catalina Sandino Moreno

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „A most violent Year“
Moviepilot über „A most violent Year
Metacritic über „A most violent Year“
Rotten Tomatoes über „A most violent Year“
Wikipedia über „A most violent Year“
Meine Besprechung von J. C. Chandors „All is lost“ (All is lost, USA 2013)

Meine Besprechung von J. C. Chandors „A most violent Year“ (A most violent Year, USA 2014)


TV-Tipp für den 17. November: Die zwölf Geschworenen

November 17, 2018

RBB, 22.45

Die zwölf Geschworenen (12 Angry Men, USA 1957)

Regie: Sidney Lumet

Drehbuch: Reginald Rose

LV: Reginald Rose (Story, Bühnenstück)

Hat der angeklagte Puertoricaner seinen Vater ermordet? Die Geschworenen beraten.

Lumets erster Spielfilm ist ein Klassiker des Gerichtsfilms: ein Raum, zwölf Personen, die eine Entscheidung fällen müssen: unerträgliche Spannung. Ausgangspunkt für den Spielfilm war ein einstündiges Fernsehspiel von Reginald Rose, der dafür von eigenen Erfahrungen als Geschworener inspiriert wurde. Beim Start wurde der Film von der Kritik gelobt, für zahlreiche Preise nominiert und floppte – trotz des niedrigen Budgets – an der Kasse. „Sidney Lumets Erstlingsfilm verleiht dem Geschehen durch die Begrenzung des Ortes und der Personen eine große Dichte und Spannung. Die Wahrheitsfindung entsteht aus dem Zusammenspiel unterschiedlicher Menschentypen, Ideologien und Interessen – ein Modellfall ´demokratischer´ Aufklärungsarbeit. Hervorragend besetzt, gespielt und fotografiert (Preis der OCIC in Berlin)“ (Lexikon des Internationalen Films)

Mit Henry Fonda, L. J. Cobb, Ed Begley, E. G. Marshall, Jack Warden, Martin Balsam, Jack Klugman, Joseph Sweeney

Hinweise

Wikipedia über “Die zwölf Geschworenen” (deutsch, englisch)

Mein Nachruf auf Sidney Lumet

Sidney Lumet in der Kriminalakte


Arsenal zeigt umfassende John-Cassavetes-Werkschau

Juli 17, 2018

Das Kino Arsenal (Potsdamer Platz, Berlin) zeigt vom 25. Juli bis zum 31. August eine umfassende John-Cassavetes-Werkschau. Das breite Publikum kennt ihn als Schauspieler aus Filmen wie „Das dreckige Dutzend“ (1967, Oscar-Nominierung), „Rosemaries Baby“ (1968), „Teufelskreis Alpha“ (1978) und der „Columbo“-Episode „Etude in Schwarz“ (1972), in der er sich mit Peter Falk sehr vergnüglich die Bälle zuwarf. Mit Falk verband ihn eine lebenslange Freundschaft.

Für Anhänger unkomplizierter Unterhaltung (…) ist der Name des Filmemachers ungefähr so anziehend wie das Etikett auf einer Giftflasche.“ (Fischer Film Almanach 1987)

Cineasten kennen und verehren ihn als Regisseur von echten Independent-Filmen und Erneuerer des amerikanischen Kinos und Vorläufer des New-Hollywood-Kinos. Es sind Schauspielerfilme, mit mehr oder weniger viel Improvisation, in denen er die andere Seite des amerikanischen Traums zeigte. „In all seinen Filmen geht es um Schwierigkeiten der Kommunikation und im Zusammenleben von Menschen der Mittelschicht, um ihre Ängste und Bedürfnisse und die unvermeidlichen Zerstörungen durch das Leben selbst.“ (John Cassavetes, Hanser Reihe Film 29, 1983)

Seine bekanntesten Filme sind sein Debüt „Schatten“, „Ehemänner“, „Eine Frau unter Einfluss“, „Die erste Vorstellung“ und die beiden ‚Kriminalfilme‘ „Mord an einem chinesischen Buchmacher“/“Die Ermordung eines chinesischen Buchmachers“ und „Gloria, die Gangsterbraut“ (hier versuchte Sidney Lumet sich erfolglos an einem Remake).

In der Werkschau werden im Arsenal alle von John Cassavetes inszenierte Filme in 35-mm-Kopien mit deutschen Untertiteln und einige seiner bemerkenswerten Auftritte als Schauspieler gezeigt. Weil nicht alle Cassavetes-Filme bei uns im Kino liefen ist das auch für langjährige Cassavetes-Fans die Gelegenheit, die Filme endlich einmal auf der großen Leinwand zu sehen.

Weiter geht’s jetzt mit der von mir um einige Details und Anmerkungen ergänzte Pressemitteilung des Arsenal-Kinos (Annette Lingg):

John Cassavetes (9. Dezember 1929, New York City – 3. Februar 1989, Los Angeles) gilt mit seinem kompromisslosen Werk als einer der Begründer des unabhängigen amerikanischen Filmschaffens und setzte Maßstäbe in seiner konsequenten Ablehnung künstlerischer Zwänge. In einem 1956 für arbeitslose Schauspieler gegründeten Workshop entwickelte Cassavetes seine Ideen vom Filmemachen als Gruppenarbeit. Daraus entstand in Improvisation und mit kleinstem Budget SHADOWS, der ihm die Türen nach Hollywood öffnete. Der Versuch, seine Arbeitsweise und ästhetischen Vorstellungen im Studiosystem durchzusetzen, geriet jedoch zur Enttäuschung. In der Folge gründete Cassavetes seine eigene Produktionsfirma und situierte sich konsequent außerhalb des Studiosystems Hollywoods. Die Arbeit in engen und kontinuierlichen Gruppenzusammenhängen wurde zum zentralen Aspekt von Cassavetes’ Schaffen, der bevorzugt mit einem festen Ensemble von Schauspieler*innen arbeitete – neben Gena Rowlands, mit der er seit 1954 verheiratet war, vor allem Peter Falk, Ben Gazzara und Seymour Cassel. Von ihrem vollen physischen Einsatz und der vorbehaltlosen Öffnung gegenüber ganz persönlichen Ängsten, Sehnsüchten und Unsicherheiten lebt sein Kino der Intensität und des schonungslosen Sezierens von Gefühlen. So unkalkulierbar, schwer fassbar und erratisch wie diese sind auch seine Geschichten; Exzess und Eruption stehen anstelle von vorhersehbaren narrativen Mustern. An der Produktion schöner Bilder nicht interessiert, widersetzen sich seine Filme konventionellen Sehgewohnheiten, sind ganz um die Menschen herum gebaut, auf ihre Gesichter und Körper fokussiert. Das Geld für seine Filme verdiente Cassavetes oft als Schauspieler in Filmen anderer Regisseure. Auch dabei ging er oft an Grenzen und lotete menschliche Extremzustände aus, spielte häufig Bösewichte, brillierte aber auch in leiseren Rollen. (…)

Die Filme in der Reihenfolge ihrer Präsentation:

Mittwoch, 25. Juli, 20.00 Uhr

Freitag, 31. August, 20.00 Uhr

LOVE STREAMS (Love Streams) John Cassavetes USA 1984 OmU 114‘

Am Ende eines langen Weges durch alle Szenen einer Ehe treten John Cassavetes und Gena Rowlands in LOVE STREAMS als Bruder und Schwester, als geschwisterlich gewordenes Paar, auf. Sie zieht in seine Wohnung, als sie die Einsamkeit nach ihrer Scheidung nicht mehr erträgt. Er ist ein Autor, der Bestseller über einsame Frauen und trinkfeste Männer schreibt und dabei das eigene unheimliche Private in der Arbeit erfolgreich verdrängt.

(Goldener Bär auf der Berlinale; auf der Berlinale präsentierte Cassavetes mehrere seiner Filme)

Donnerstag, 26. Juli, 20.00 Uhr

Mittwoch, 15. August, 20.00 Uhr

FACES (Gesichter) John Cassavetes USA 1968 OmU 129’

Cassavetes’ erster Film über die Schwierigkeiten einer Ehe entstand nach seinen ernüchternden Erfahrungen in Hollywood. Direktton und eine leichte 16-mm-Kamera ermöglichten Dreharbeiten, die man als „dokumentarisches Aufzeichnen von Fiktion im Moment ihrer Entstehung“ (Ulrich Gregor) bezeichnen kann. Ein erfolgreicher Geschäftsmann verbringt die Nacht mit einer Barbekanntschaft, während seine Frau, die in einem Nachtclub Trost sucht, schließlich mit einem Fremden die Nacht verbringt. Verzweifelte eheliche Gespräche, ein Selbstmordversuch und große Ernüchterung lassen keinen Zweifel daran, dass eine Ehe in Trümmern liegt.

(Die deutsche Premiere war 1977 auf den Hofer Filmtagen. Danach lief der Film 1978 im Fernsehen.)

Freitag, 27. Juli, 19.00 Uhr

Freitag, 17. August, 19.00 Uhr

SHADOWS (Schatten) John Cassavetes USA 1959 OmU 87’

Im Zentrum von Cassavetes’ Debüt, entstanden aus einer Reihe von Improvisationsworkshops und angesiedelt im Künstlermilieu des New Yorker Nachtlebens, stehen drei Geschwister in New York, ihr Leben als Schwarze in einer weißen Gesellschaft, ihre Suche nach Identität und Akzeptanz. Die Jazzmusiker Charlie Mingus und Shafti Hadi improvisieren zur Improvisation. Nach einer ersten Filmversion wurde mit Spenden und der Unterstützung eines Verleihers die heute bekannte zweite Fassung fertiggestellt – eines der frühesten Beispiele des New American Cinema.

(Die erste Fassung dauerte eine Stunde und gilt als verloren. Die deutsche Kinofassung dauert 80 Minuten.)

Freitag, 27. Juli, 21.00 Uhr

Montag, 30. Juli, 20.00 Uhr

EDGE OF THE CITY (Ein Mann besiegt die Angst) Martin Ritt USA 1957 OF 85‘

Der Drifter Axel North (John Cassavetes) findet Arbeit im Hafen von New York. Vom Vorarbeiter schikaniert, kommt ihm der schwarze Arbeiter Charlie (Sidney Poitier) zu Hilfe und bietet dem schweigsamen Axel beharrlich seine Freundschaft an. Gefangen in einem Leben zwischen Flucht und traumatischen Erinnerungen, nähert Axel sich nur zögernd der Leichtigkeit und Lebensfreude des neuen Freundes an. Erst als Charlie rassistischen Angriffen ausgesetzt ist, lernt Axel, seine Angst zu besiegen und für Gerechtigkeit einzustehen.

Samstag, 28. Juli, 19.00 Uhr

Dienstag, 14. August, 19.30 Uhr

TOO LATE BLUES (-) John Cassavetes USA 1961 OmU 105‘

TOO LATE BLUES ist Cassavetes’ erster Versuch, im Hollywood-System zu arbeiten – von der Produktionsfirma gewünscht war ein neues SHADOWS, aber weniger experimentell und improvisiert. Eine weiße Westcoast-Jazzband muss sich zwischen Kunst und Kommerz entscheiden. Shelley Manne, Red Mitchell, Jimmy Rowles spielen mit Bobby Darin die Musik zum Ausverkauf der Träume ein. Eine berührende Liebesgeschichte aus dem Leben von Musikern, von künstlerischen Selbstzweifeln bedrängt, inmitten hektischer Partys, auf der Suche nach sich selbst.

Samstag, 28. Juli, 21.00 Uhr

Freitag, 3. August, 19.00 Uhr

SADDLE THE WIND (Vom Teufel geritten) Robert Parrish USA 1958 OF 81‘

Ein Breitwandwestern in Technicolor: Der ehemalige Revolverheld Steve Sinclair lebt ein ruhiges Leben als Farmer auf einer Rinderfarm. Sein jüngerer Bruder Tony (John Cassavetes) kehrt nach längerer Abwesenheit nachhause zurück. Im Schlepptau hat er eine Braut – und, sehr zum Missfallen von Steve, eine neue Waffe. Im unbedingten Willen, die Anerkennung seines Bruders zu gewinnen und sich gleichzeitig aus seinem Schatten zu befreien, lässt sich Tony auf eine letztlich tödliche Auseinandersetzung ein. Verletzlichkeit und Brutalität gleichermaßen charakterisieren Tony, in dem man dank John Cassavetes‘ nuanciertem Spiel noch das einstige unschuldige Kind zu sehen vermag.

Sonntag, 29. Juli, 20.00 Uhr

Montag, 13. August, 20.00 Uhr

A CHILD IS WAITING (Ein Kind wartet) John Cassavetes USA 1963 OmU 104‘

Nachdem Cassavetes monatelang zusammen mit dem Hollywood-Produzenten Stanley Kramer an diesem Film über einen behinderten Jungen in einer psychiatrischen Klinik gearbeitet hatte, wurde er ersetzt und der Film nach den Vorstellungen von Kramer neu geschnitten. Cassavetes: „Ich finde, sein Film – und ich meine, dass es sein Film ist – ist gar nicht so schlecht, nur sentimentaler als meine Version. Die Aussage seines Films, dass behinderte Kinder allein und abgeschoben sind und deshalb mit anderen behinderten Kindern zusammengebracht werden sollten, unterscheidet sich von meinem Film, der sagt, dass behinderte Kinder überall und jederzeit sein könnten. Wir, die damit nicht umgehen können, müssen sich damit auseinandersetzen, und nicht die Kinder.“

Dienstag, 31. Juli, 20.00 Uhr

Samstag, 18. August, 21.15 Uhr

THE KILLERS (Der Tod eines Killers) Don Siegel USA 1964 OF mit span. UT 95‘

Zwei Berufskiller töten ihrem Auftrag gemäß den ehemaligen Rennfahrer Johnny North (John Cassavetes). Irritiert, dass sich North trotz Vorwarnung widerstandslos erschießen lässt, interessieren sich die beiden für die Hintergründe, recherchieren und wittern größere Beute. Die Spur führt sie zu Norths Exfreundin Sheila und dem zwielichtigen Jack Browning (Ronald Reagan in seinem letzten – und wahrscheinlich besten – Leinwandauftritt). Die farbige Neuverfilmung von Robert Siodmaks gleichnamigem Film noir aus dem Jahr 1946 wurde eigentlich fürs Fernsehen gedreht und ist zynischer und kälter als die Vorlage.

(Meine Besprechung des Films)

Freitag, 3. August, 21.00 Uhr

Samstag, 25. August, 19.00 Uhr

THE KILLING OF A CHINESE BOOKIE (Mord an einem chinesischen Buchmacher) John Cassavetes USA 1976 OmU 108’

Cassavetes’ erster Thriller demontiert das Genre systematisch: Nach sieben Jahren Ratenzahlung ist Cosmo Vitelli (Ben Gazzara) endlich alleiniger Eigentümer des Strip-Clubs Crazy Horse West in Los Angeles. Was als Feier der neuen Besitzverhältnisse beginnt, endet im Desaster: Beim Pokern verliert Cosmo das Crazy Horse West. Um es wieder zurückzuerlangen, soll er den titelgebenden chinesischen Buchmacher umbringen. Cosmos Reise in die Nacht führt ihn durch eine Scheinwelt der schummrigen Nachtlokale und düsteren Lagerhallen, durch Räume der Unsicherheit und Verstörung.

(Das Arsenal zeigt Cassavetes neue Schnittversion, die er kurz nach dem Kinostart erstellte und die 1978 in den Kinos lief. Es ist die bekanntere Version des Films. Die erste Version dauert 135 Minuten und sie war ein schnell aus den Kinos genommener Misserfolg.)

Samstag, 4. August, 19.00 Uhr

Sonntag, 19. August, 20.00 Uhr

MINNIE AND MOSKOWITZ (Minnie und Moskowitz) John Cassavetes USA 1971 OmU 114’

Für ein Mal lässt Cassavetes die Einsamkeit überwindbar werden: Eine Museumskuratorin (Gena Rowlands) und ein manischer Parkplatzwächter (Seymour Cassel) erstreiten sich gegen alle sozialen Widersprüche und gegen alle konventionellen Wahrscheinlichkeiten von Attraktion und Aura eine Liebesbeziehung. Eine Hochzeitsfeier und viele Kinder sind der krönende Abschluss der märchenhaften Liebesgeschichte.

Samstag, 4. August, 20.00 Uhr (parallel zu „Minnie und Moskowitz“ im kleinen Saal; aber diese Ira-Levin-Verfilmung kennt man ja)

Freitag, 17. August, 21.00 Uhr (heute läuft der Horrorfilmklassiker im großen Saal)

ROSEMARY’S BABY (Rosemaries Baby) Roman Polanski USA 1968 OmU 136’

Das junge Paar Rosemary (Mia Farrow) und Guy Woodhouse (John Cassavetes) bezieht eine Wohnung im altertümlichen Bramford-Haus in New York, in dem ein Satanisten-Zirkel aktiv gewesen sein soll. Nach dem Verzehr eines von der Nachbarin vorbeigebrachten Desserts fällt Rosemary in Ohnmacht und sieht sich in einem halbbewussten, alptraumhaften Zustand von einem Ungeheuer vergewaltigt. Mit diabolischer Lust spielt Cassavetes den Peiniger seiner Ehefrau, der vor einem Pakt mit dem Teufel nicht zurückschreckt.

Sonntag, 5. August, 20.00 Uhr

Dienstag, 21. August, 20.00 Uhr

A WOMAN UNDER THE INFLUENCE (Eine Frau unter Einfluss) John Cassavetes USA 1974 OmU 155‘

Mabel, die mit Mann und drei Kindern in einer typischen Lower-Middle-Class-Umgebung lebt, wäre gerne so, wie man es von ihr erwartet. Allerdings gelingt es ihr nicht, ihre Rolle als Liebende und Mutter unter Kontrolle zu halten. Gena Rowlands ist die Frau unter Einfluss – in einer Darstellung von irritierender Körperlichkeit kanalisiert sie neurotische Schübe, aufgestaute Aggressionen und erdrückende mütterliche Fürsorge.

Mittwoch, 8. August, 20.00 Uhr

Donnerstag, 23. August, 20.00 Uhr

HUSBANDS (Ehemänner) John Cassavetes USA 1970 OmU 154‘

HUSBANDS zeigt drei (Ehe-)Männer bei der Trauerarbeit. Nach dem Tod und dem Begräbnis eines gemeinsamen Freundes fliehen sie in den Alkohol, und weil das nicht bewirkt, dass alles wieder so ist, wie es einmal war, weil es nie so war, wie es hätte sein sollen, fliehen sie weiter, wenigstens probeweise, aus der Ehe, aus dem Alltag. Das Ende ist ein Desaster: nämlich die Erkenntnis, dass sich die tiefsten Sehnsüchte vielleicht gar nicht mehr erfüllen lassen. In HUSBANDS führte Cassavetes zum ersten Mal nicht nur Regie, sondern übernahm auch eine Rolle in einem seiner Filme, die des dritten Ehemannes neben Peter Falk und Ben Gazzara.

(Auch von diesem Film gibt es verschiedene Fassung. Die deutsche Fassung, die vor allem ab 1976 im TV lief, dauert 130 Minuten.)

Donnerstag, 9. August, 20.00 Uhr

Sonntag, 26. August, 20.00 Uhr

OPENING NIGHT (Premiere/Die erste Vorstellung) John Cassavetes USA 1977 OmU 147‘

Gena Rowlands ist der umschwärmte Theaterstar Myrtle Gordon, für die Leben und Theaterrollen zu einem unentwirrbaren Ganzen verschmolzen sind. Als sie Zeugin eines Unfalls wird, bei dem eine jugendliche Verehrerin zu Tode kommt, verstärkt das Erlebte Myrtles Widerstand gegen das Stück bzw. die Rolle einer alternden Frau, die sie darin spielen soll. Die Probenarbeiten und erste Testaufführungen werden zunehmend zum Kampf, Myrtles hysterisches Dauer-Aufbegehren treibt sie selbst in den Alkohol und ihre Kollegen in die Verzweiflung. Schauspiel im Schauspiel, Diskussionen über das Alter – und ein komplexer Kommentar zur Arbeit mit den Emotionen.

Samstag, 18. August, 19.00 Uhr

Freitag, 24. August, 21.15 Uhr

GLORIA (Gloria, die Gangsterbraut) John Cassavetes USA 1980 OmU 123‘

GLORIA ist eine weitere Reise in die Gangsterwelt, verwoben mit persönlicheren Themen. Erneut steht Gena Rowlands im Mittelpunkt, als gealterte Ex-Sängerin Gloria Swenson, vom Leben und ihrem Beruf abgehärtet. Ein Kind wird Zeuge, als seine Familie von der Mafia getötet wird. Gloria nimmt sich widerwillig des Jungen an und begibt sich mit ihm auf die Flucht quer durch New York.

(Düsterer in New York spielender Gangsterthriller, der nicht den richtigen Ton zwischen Charakterstudie – Cassavetes Metier – und Thriller findet. Und der kleine Junge nervt. Aber Gena Rowlands ist härter als Liam Neeson und „Gloria, die Gangsterbraut“ wird auch als Inspiration für Luc Bessons „Leon – Der Profi“ gesehen.)

Montag, 20. August, 20.00 Uhr

Mittwoch, 29. August, 20.00 Uhr

BIG TROUBLE (Sterben…und leben lassen) John Cassavetes USA 1985 OmU 93‘

BIG TROUBLE ist eine sarkastische Komödie über einen Versicherungsvertreter, der in ein Mordkomplott bzw. in einen Schwindel mit dem Tod gerät, um seinen Drillingen ein Studium zu ermöglichen. Cassavetes’ letzter Film basiert auf einem Drehbuch von Andrew Bergman, der eigentlich auch Regie führen sollte. Zum Schluss prangt in großen Lettern auf der Leinwand: „Not the end.“

(Eine Screwball-Comedy…mit Ähnlichkeiten zu dem Noir „Frau ohne Gewissen“.)

Freitag, 24. August, 19.30 Uhr

Samstag, 25. August, 21.15 Uhr

GLI INTOCCABILI (Die Unschlagbaren) Giuliano Montaldo Italien 1969 engl. OmU 96‘

Frisch aus dem Gefängnis entlassen, wird Hank McCain (von John Cassavetes mit nervöser Energie gespielt) auf den Raub des Royal-Casinos in Las Vegas angesetzt. Dass eigentlich Mafioso Charlie Adamo (Peter Falk) hinter dem Plan steckt, ahnt er nicht. Dieser wiederum wird von seinem Boss Don Francesco DeMarco (Gabriele Ferzetti) zurückgepfiffen und muss nun seinerseits versuchen, Hank zurückzuhalten. Kunstvoll verwebt Regisseur Montaldo die Schicksale dreier Männer miteinander, unterstützt von einem glänzenden Ensemble – mit einem kurzen Auftritt von Gena Rowlands als Retterin in der Not.

Hinweise

Arsenal über die John-Cassavetes-Reihe

Rotten Tomatoes über John Cassavetes (alle seine Regiearbeiten sind tiefroten Bereich, was sehr, sehr gut ist)

Wikipedia über John Cassavetes (deutsch, englisch)

John Cassavetes in der Kriminalakte

Und noch einige Dokus über John Cassavetes


TV-Tipp für den 3. März: Tödliche Entscheidung

März 3, 2018

MDR, 00.30

Tödliche Entscheidung (USA 2007, Regie: Sidney Lumet)

Drehbuch: Kelly Masterson

Andy, der für Drogen Geld aus der Firmenkasse nahm, kann seinen Bruder Hank überreden, das elterliche Juweliergeschäft zu überfallen. Der Überfall, auch weil die Mutter gar nicht daran denkt, irgendwelchen hergelaufenen, maskierten Verbrechern die Juwelen zu geben, geht schief – und dann bröckelt die heile Fassade der Familie verdammt schnell ab.

Mit seinem letzten Film drehte Sidney Lumet, nach einigen schwächeren Werken, mit einer Familientragödie noch einmal so richtig voll auf. Er seziert, wieder einmal, die Kehrseite des amerikanischen Traums anhand. Dieses Mal am Beispiel einer ziemlich kaputten, weißen Mittelstandsfamilie.

Der Pitch war vielleicht: „Family Business“, aber ohne Lacher.

„Tödliche Entscheidung“ ist ein feiner Noir und, kein Wunder bei der Besetzung, großes Schauspielerkino. Ein potentieller Klassiker.

mit Philip Seymour Hoffman, Ethan Hawke, Albert Finney, Marisa Tomei, Aleksa Palladino, Michael Shannon, Amy Ryan, Sarah Livingston, Brían F. O’Byrne, Rosemary Harris

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Französische Homepage zum Film

Wikipedia über „Tödliche Entscheidung“ (deutsch, englisch)

Film-Zeit über „Tödliche Entscheidung“

Rotten Tomatoes über “Tödliche Entscheidung”

Die Zeit: Katja Nicodemus trifft Sidney Lumet (12. April 2008)

Mein Nachruf auf Sidney Lumet (25. Juni 1924 – 9. April 2011)


TV-Tipp für den 17. Dezember: Mord im Orient-Express

Dezember 17, 2017

Weil die Neuverfilmung noch in den Kinos läuft

3sat, 20.15

Mord im Orient-Express (GB 1974, Regie: Sidney Lumet)

Drehbuch: Paul Dehn

LV: Agatha Christie: Murder on the Orient Express, 1934 (Mord im Orientexpress)

Millionär Ratchett wird im Orient-Express ermordet. Der Zug bleibt im Schnee stecken und der Mörder muss noch im Zug sein. Hercule Poirot befragt die Passagiere.

Starbesetzer Edelkrimi mit Albert Finney (als Hercule Poirot), Lauren Bacall, Martin Balsam, Ingrid Bergman, Jacqueline Bisset, Jean-Pierre Cassel, Sean Connery, Sir John Gielgud, Anthony Perkins, Vanessa Redgrave, Michael York, Richard Widmark (als Leiche). Wolf Donner meinte: „Kulinarisches Kino, angenehm überflüssig und verwirrend nutzlos.“ (Donner in Die Zeit)

Wiederholung: Montag, 18. Dezember, 00.30 Uhr (Taggenau!)

Die Vorlage

Agatha Christie: Mord im Orientexpress

(übersetzt von Otto Bayer)

Atlantik Verlag, 2017

256 Seiten

10 Euro

Originalausgabe

Murder on the Orient Express

HarperCollins, London, 1934

Hinweise

Rotten Tomatoes über “Mord im Orient-Express”

Wikipedia über Agatha Christie

Mein Nachruf auf Sidney Lumet

Sidney Lumet in der Kriminalakte

Wikipedia über „Mord im Orientexpress“ (Roman [deutsch, englisch], Lumet-Verfilmung [deutsch, englisch], Schenkel-Verfilmung [englisch], Martin-Verfilmung [deutsch], Branagh-Verfilmung [deutsch, englisch]) und Agatha Christie (deutsch, englisch)

Homepage von Agatha Christie

Krimi-Couch über Agatha Christie

Thrilling Detective über Hercule Poirot

Meine Besprechung von Agatha Christies „Mord im Orientexpress“ (Murder on the Orient Express, 1934)

Meine Besprechung von Kenneth Branaghs Agatha-Christie-Verfilmung „Mord im Orientexpress“ (Murder on the Orient Express, USA 2017)

 


Neu im Kino/Filmkritik: Hercule Poirot und der „Mord im Orientexpress“: bekannte Story, neues Ensemble

November 9, 2017

Erstens: es war vielleicht keine gute Idee, vor dem Genuss der neuesten Verfilmung von Agatha Christies Herucle-Poirot-Roman „Mord im Orientexpress“ noch einmal die vorherigen Verfilmungen anzusehen und noch einmal die Vorlage durchzulesen.

Zweites: ich bin kein großer Fan von traditionellen Rätselkrimis. Meistens empfinde ich den Teil zwischen Auffinden der Leiche und Enttarnung des Täters als eine ziemlich langweilige Abfolge von Befragungen. Ein Puzzle eben, das man nicht wirklich lösen kann, weil man letztendlich doch nicht alle wichtigen Fakten kennt.

Das sollte als einordnendes Vorgeplänkel für meine Besprechung von Kenneth Branaghs Verfilmung von „Mord im Orientexpress“ genügen. Branagh hält sich, nach einem Drehbuch von Michael Green („Green Lantern“, „Logan“), an die wahrscheinlich allseits bekannte Geschichte. Immerhin ist Christies Roman in verschiedenen Übersetzungen gut erhältlich und die klassische Verfilmung von Sidney Lumet läuft ja öfter im Fernsehen.

1934 klärt Hercule Poirot in Jerusalem einen Diebstahl, der das fragile Gleichgewicht der Religionen stört, auf. Danach begibt er sich auf die Reise nach England. Dort werden seine überragenden detektivischen Fähigkeiten gebraucht. Einen Teil seiner Reise legt er im Orientexpress zurück.

In der zweiten Nacht seiner Reise im Orientexpress wird Edward Ratchett ermordet. Der Täter muss sich noch im Zug aufhalten, der auf einer Brücke von einer heruntergekrachten Lawine abrupt gestoppt wurde. Im Roman und den früheren Verfilmungen reichte eine banale Schneeverwehung aus.

Poirot beginnt die Passagiere zu befragen. Dabei ist der Mord ein ziemlich vertrackter Fall. Ratchett wurde bedroht und er hatte Angst, ermordet zu werden. Am Tatort findet Poirot verschiedene, widersprüchliche Spuren. So hat Ratchett zwar eine Pistole zur Selbstverteidigung, aber er benutzte sie nicht. Die zwölf Stichwunden, die zu seinem Tod führten, sind willkürlich gesetzt. Mal wurde stärker, mal schwächer zugestochen. Mal von einem Linkshänder, mal von einem Rechtshänder. Das offene Fenster wird schnell als Ablenkungsmanöver abgetan. Aber die verschlossene Zugabteiltür wirft Rätsel auf (wobei das zu den Fundamenten eines Rätselkrimis gehört). Dafür scheint die Tatzeit, dank Ratchetts zerbrochener Taschenuhr, klar zu sein.

Und in der Mordnacht kam es zu mehreren seltsamen Ereignissen. So sah Poirot eine Frau in einem roten Kimono. Aber keine der Passagierinnen besitzt einen solchen Kimono. So wird im Nebenabteil ein Knopf von einer Schlafwagenschaffneruniform gefunden. Aber an Pierre Michels Uniform sind noch alle Knöpfe. Und in der Nacht hörte Poirot Geräusche in Ratchetts Abteil. Auf die besorgte Nachfrage des Schlafwagenschaffners antwortete eine Männerstimme auf französisch sagte, dass alles in Ordnung sei. Nur: Ratchett spricht keine Fremdsprachen.

Rätsel über Rätsel, die nur ein Meisterdetektiv in langwierigen Befragungen aufdröseln kann. Immerhin hat Poirot schnell herausgefunden, dass Ratchett unter falschen Namen durch Europa reiste. Unter seinem richtigen Namen war er in den USA – zu Recht – verurteilt worden, das Kind einer vermögenden Familie entführt und getötet zu haben. Dieser aufsehenerregende Prozess führte zu mehreren Todesfällen in der Familie und ihrem Umfeld.

Kenneth Branagh orientiert sich in seiner Verfilmung selbstverständlich an Lumets Verfilmung. Allein schon das Aufgebot an Stars ist immens: Kenneth Branagh als Hercule Poirot, Johnny Depp als Edward Ratchett, Josh Gad als Hector MacQueen, Derek Jacobi als Edward Masterman, Michelle Pfeiffer als Caroline Hubbard, Penélope Cruz als Pilar Estravados, William Dafoe als Gerhard Hardman,Lucy Boynton als Gräfin Andrenyi, Sergei Polunin als Graf Andrenyi, Judi Dench als Fürstin Natalia Dragomiroff, Olivia Colman als Hildegarde Schmidt, Daisy Ridley als Mary Debenham, Manuel Garcia-Rulfo als Biniamino Marquez, Marwan Kenzari als Pierre Michel, Leslie Odom, jr. als Dr. Arbuthnot und Tom Bateman als Bouc (und Kenner der Geschichte kennen jetzt, auch wenn drei Namen verändert wurden und es einen neuen Charakter gibt, den Namen des Mörders). Auch im Hinblick auf Dekors und Kostüme schöpft Branagh aus dem Vollen. Nicht weil es unbedingt nötig ist, sondern weil er es kann. Das Essen im Zug wird pompös zubereiten und auf Porzellantellern serviert. Damals war eine Zugfahrt, jedenfalls in der ersten Klasse, nicht eine Fahrt von A nach B, sondern ein rollendes Nobelhotel.

Selbstverständlich gibt es auch einige Änderungen zum Roman und den vorherigen Verfilmungen. Die meisten fallen nicht sonderlich ins Gewicht. So ist es letztendlich einerlei, welchen Fall Poirot in der Levante aufklärt. Wie in den anderen Verfilmungen dient dieser Fall nur dazu, uns zu zeigen, wie brillant der Detektiv ist. Auch bei den Aussagen der Zugpassagiere änderten sich, wie in allen Verfilmungen, einige, letztendlich unerhebliche Details.

Einige Änderungen sind eher missglückt. Jedenfalls gibt es, auch weil es bis auf eine deplatzierte Actionszene (Poirot prügelt sich nicht! Das macht Sherlock Holmes.) für die Handlung egal ist, keinen Grund, den Zug mitten im Gebirge, auf einer Brücke zum Stillstand zu bringen. Dieses Mal wird der Zug sogar von einer Lawine gestoppt. In den älteren Versionen zwingt eine Schneeverwehung den Orientexpress zum Anhalten. Das ist zwar weniger spektakulär und fotogen, erfüllt aber seinen Zweck.

Danach konnte Branagh nicht der Versuchung widerstehen, mehrere Szenen außerhalb des Zuges spielen zu lassen. Auch wenn es nicht viel Sinn ergibt. So wird für ein Gespräch zwischen Poirot und einer Verdächtigen ein Essenstisch im Schnee aufgebaut. Oder die Erste-Klasse-Passagiere setzen sich in einer Imitation von Leonardo da Vincis „Das letzte Abendmahl“ in einen Tunnel und warten auf Poirot. Warum auf den Zuggleisen, auf denen der Orientexpress fahren soll, ein Podest mit Tisch und Stühlen steht, wird nicht verraten.

Auch das Auffinden der Tatwaffe unterscheidet sich von den vorherigen. Normalerweise findet Caroline Hubbard das Messer in ihrer Tasche. Anscheinend hat der Mörder es nach der Tat, auf seiner Flucht durch ihr Abteil, dort versteckt. Dieses Mal steckt es, reichlich sinnfrei, in ihrem Rücken.

Und es gibt einige Änderungen, die eindeutig falsch sind. Das gilt vor allem für die Chronologie der Mordnacht und der Verhöre. Während in allen anderen Versionen der Geschichte uns die Ereignisse in der Tatnacht chronologisch präsentiert werden, gibt es jetzt in der Tatnacht Lücken, die erst später gefüllt werden. Die Verhöre werden teilweise in einem Zusammenschnitt mehrere Verhöre präsentiert. Das ist heute üblich, um sie zu komprimieren und auch etwaige Widersprüche aufzuzeigen. Aber gerade bei Rätselkrimis sind das die Momente, in denen die Schauspieler brillieren können. Auch präsentiert Branagh die verschiedenen Spuren, die zum Täter führen, erstaunlich ungeschickt, fast schon chaotisch.

Sowieso fehlt der zweiten Hälfte (also ab der Entdeckung der Leiche) durchgängig der Humor, die inszenatorische Geschlossenheit, die Verspieltheit und Experimentierfreude der ersten Hälfte. Stattdessen wirkt alles etwas schludrig und fahrig. Als ob man für diese Filmhälfte mit einer früheren Drehbuchversion arbeiten musste oder etliche Szenen nicht drehen konnte. Die Schauspieler können nie so brillieren, wie sie es eigentlich sollten und es gelingt der Regie nicht mehr, ein Gefühl für den Raum und die zeitliche Abfolge zu entwickeln.

Auch der von Kenneth Branagh gespielte Hercule Poirot verliert in diesem Moment plötzlich seine bis dahin gepflegten Marotten, die ihn zu einem Verwandten von Adrian Monk machen. Genau wie Monk sucht Poirot nach dem perfekten Gleichgewicht und weil Verbrechen diese Harmonie stören, sieht er die Abweichungen davon mit übergroßer Deutlichkeit. Bei Monk ist diese Suche nach Harmonie, die er nur bei der Enttarnung des Mörders verspürt, das Prinzip seines Lebens. Er kämpft immer und überall gegen das Chaos. Er sucht die perfekte Balance. Bei Poirot ist es im Film zunächst nur die Suche nach dem perfekten Paar Eier. Was durchaus witzig ist. Oder wenn er mit seinem linken Schuh in einen Kuhfladen tritt und dann, wegen des Gleichgewichts, auch mit seinem rechten Schuh in den Fladen tritt und, unter dem Gelächter des Kinopublikums, „Besser“ murmelt.

Am Ende, wenn er die Verdächtigen versammelt, um seinem staunenden Publikum den Täter zu präsentieren, wird dieser Punkt wieder aufgenommen. Jetzt behauptet Poirot, im Gegensatz zur Romanvorlage, dass er einen Zwiespalt sehe zwischen seinem Verständnis für das Motiv und seinem Gefühl für universelle Symmetrie; also dass der Mörder für seine Tat bestraft werden muss.

In diesem Moment wird, in jeder Beziehung denkbar ungeschickt, die Frage nach den Gründen für Selbstjustiz gestellt. Eine Frage, die während des gesamten Films uninteressant war und die im Kosmos eines Rätselkrimis nicht wirklich behandelt werden kann. Jedenfalls nicht in einem traditionellen Rätselkrimi, in dem es nur um das Zusammensetzen des „Wer war der Täter?“-Puzzles geht. Da sind moralische Fragen, Ambivalenzen und die Motive für eine Tat nebensächlich. Auch der Detektiv steht nie vor einem moralischen Dilemma. Er enttarnt den Täter und übergibt ihn an die Justiz. Meist ist bei der Enttarnung auch ein Polizist mit gezückten Handstellen dabei und der Täter begibt sich, ohne mit der Wimper zu zucken, ins Gefängnis. Es ist die gerechte Strafe für das Fehlschlagen seines perfekten Planes.

Und so ist diese Version des „Mord im Orient-Express“ eine Fassung, die an etlichen dramaturgischen Fehlentscheidungen und einer irritierend schwachen zweiten Hälfte leidet. Dafür kann Branaghs nostalgisches Ausstattungskino mit einer 1-A-Besetzung punkten.

Mord im Orientexpress (Murder on the Orient Express, USA 2017)

Regie: Kenneth Branagh

Drehbuch: Michael Green

LV: Agatha Christie: Murder on the Orient Express, 1934 (Mord im Orientexpress)

mit Kenneth Branagh, Daisy Ridley, Johnny Depp, Michelle Pfeiffer, Penélope Cruz, Judi Dench, Willem Dafoe, Josh Gad, Lucy Boynton, Marwan Kenzari, Olivia Colman, Miranda Raison, Derek Jacobi, Tom Bateman, Sergei Polunin , Manuel Garcia-Rulfo, Leslie Odom, jr.

Länge: 114 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage

Agatha Christie: Mord im Orientexpress

(übersetzt von Otto Bayer)

Atlantik Verlag, 2017

256 Seiten

10 Euro

Originalausgabe

Murder on the Orient Express

HarperCollins, London, 1934

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Mord im Orientexpress“ (2017)

Metacritic über „Mord im Orientexpress“ (2017)

Rotten Tomatoes über „Mord im Orientexpress“ (2017)

Wikipedia über „Mord im Orientexpress“ (Roman [deutsch, englisch], Lumet-Verfilmung [deutsch, englisch], Schenkel-Verfilmung [englisch], Martin-Verfilmung [deutsch], Branagh-Verfilmung [deutsch, englisch]) und Agatha Christie (deutsch, englisch)

Homepage von Agatha Christie

Krimi-Couch über Agatha Christie

Thrilling Detective über Hercule Poirot

Meine Besprechung von Agatha Christies „Mord im Orientexpress“ (Murder on the Orient Express, 1934)

Meine Besprechung von Kenneth Branaghs „Jack Ryan: Shadow Recruit“ (Jack Ryan: Shadow Recruit, USA 2013)

Meine Besprechung von Kenneth Branaghs „Cinderella“ (Cinderella, USA 2015)

Simon Mayo unterhält sich mit Kenneth Branagh über den Film

Kenneth Branagh über den „Mord im Orientexpress“


Verfilmte Bücher: „Mord im Orientexpress“ ist, mal wieder, „Mord im Orientexpress“

November 8, 2017

 

Auch wenn wahrscheinlich jeder, der Sidney Lumets regelmäßig im Fernsehen laufende Agatha-Christie-Verfilmung „Mord im Orient-Express“ gesehen hat, die Lösung kennt: sie wird in dieser Besprechung über den Roman und die bisherigen Verfilmungen verraten. Meine Besprechung der Neuverfilmung von und mit Kenneth Branagh als Hercule Poirot gibt es zum Kinostart am 9. November. .

 

Der Roman

 

1934 veröffentlichte Agatha Christie ihren neunten Roman mit dem belgischen Privatdetektiv Hercule Poirot. Besondere Kennzeichen: seine Hinweise auf seine „kleinen grauen Zellen“ und sein liebevoll gepflegter Schnurrbart. Inspiriert war „Mord im Orientexpress“ von der damals weltweit Aufsehen erregenden Entführung und Ermordung des Babys von Charles Lindbergh. Diese damals noch nicht aufgeklärte Tat ist dann auch die Grundlage für das Mordmotiv.

Der Fall selbst bewegt sich in den etablierten Rätselkrimipfaden.

Hercule Poirot reist mit dem Orientexpress von Istanbul nach Calais. In Jugoslawien bleibt der Zug in einer Schneewehe stecken. Samuel Edward Ratchett, der Drohbriefe erhielt und Poirot als seinen Beschützer engagieren wollte, liegt ermordet in seinem Erster-Klasse-Abteil. Er wurde mit zwölf Messerstichen, die anscheinend von mehreren Personen stammen, ermordet. Das geöffnete Abteilfenster ist eine falsche Fährte. Denn es gibt keine vom Zug wegführenden Fußspuren im Schnee. Schwieriger zu entschlüsseln sind andere Spuren: der im Nebenabteil, das der Mörder anscheinend für seine Flucht benutzte, gefundene Knopf von einer Uniform von einem Schlafwagenschaffner, das Taschentuch mit dem Monogramm „H“, die von Poirot in der Mordnacht gesehene Frau im roten Kimono und die Frage nach der Tatzeit. Zwar zeigt die zerbrochene Uhr des Toten mit 01.15 Uhr eine eindeutige Uhr- und Tatzeit an, aber schon vorher antwortete ein Mann in Ratchetts Abteil auf die nach einem Geräusch gestellte Frage des Schlafwagenschaffners, dass alles in Ordnung sei. Allerdings antwortete er auf französisch und der tote US-Bürger Ratchett spricht keine Fremdsprachen. Sagt sein Sekretär.

Es gibt also genug Hinweise und falsche Fährten, die Poirot in den kommenden Stunden, bis der Zug weiterfahren kann, entschlüsseln muss. Er beginnt die zwölf Passagiere der ersten Klasse zu befragen. In schönster Rätselkrimitradition muss sich der Mörder unter ihnen befinden.

Neben „Alibi“ (The Murder of Roger Ackroyd, 1926), einem anderen Hercule-Poirot-Krimi, in dem sie die Erwartungen des Publikums nach dem Mörder auf den Kopf stellte, und dem Theaterstück „Die Mausefalle“ (The Mousetrap, 1952), das eine ähnliche, den Erwartungen widersprechende Lösung hat, präsentiert sie in „Mord im Orientexpress“ alle Verdächtigen, also alle Zugpassagiere, als den Mörder. Ratchett, eigentlich Cassetti, hat vor einigen Jahren John Armstrongs Baby entführt und getötet. Cassetti wurde angeklagt und wegen eines Formfehlers nicht verurteilt. Die Passagiere des Schlafwagens waren mit Armstrong als Verwandte, Angestellte und Freunde verbunden und, nachdem Ratchett freigesprochen wurde, beschlossen sie, Selbstjustiz zu üben. Was sie, nach präziser Planung, in der Mordnacht taten. Weil mit Poirot ein nicht eingeplanter Gast in dem Zugabteil mitreiste, legten sie außerdem zahlreiche falsche Fährten.

Am Ende präsentiert Poirot den versammelten Verdächtigen diese Lösung und eine andere, in der ein unbekannter, flüchtiger Täter Ratchett ermordete. Die Täter geben ihre Tat zu und der ebenfalls im Zug mitreisende Direktor der Zuggesellschaft, Monsieur Bouc, und der Arzt Dr. Constantine entscheiden sich dafür, der Polizei zu erzählen, dass Ratchett von einem flüchtigen Einzeltäter ermordet wurde.

Diese Lösung (also dass Ratchett gleichzeitig von zwölf Menschen ermordet wurde) ist zwar überraschend, aber auch nicht besonders logisch. So soll das Mordopfer keinen der Mitreisenden erkannt haben.

Wie die Täter, die sich teilweise vorher nicht kannten, sich kennen lernten und wie sie sich zu dieser Tat verabredeten, wird nicht erwähnt. Auch nicht, wie sie sich überzeugten, gemeinsam einen kaltblütigen Mord auszuführen. Wer über diese Punkte auch nur kurz nachdenkt, wird ernsthafte Probleme mit der von Agatha Christie präsentierten Lösung haben.

Der offensichtliche Konflikt zwischen einer moralisch vielleicht gerechtfertigter Selbstjustiz und der Herrschaft des Gesetzes (inklusive einem rechtsstaatlichen Gerichtsverfahren) wird in dem Roman nicht weiter thematisiert. Schließlich steht in einem Rätselkrimi die Tätersuche als intellektuelles Puzzlespiel im Vordergrund. Mit der Illusion, dass man als Leser den Täter ebenfalls enttarnen kann, weil der Autor alle Fakten präsentiert. Sogar wenn man die Lösung kennt, wird man nur wenige Hinweise auf die richtige Lösung finden. Im Klassischen Rätselkrimi, wie ihn Agatha Christie erfand, geht es sogar nur um die Tätersuche. Oder in Poirots Worten: „Es gibt für diesen Mord zwei mögliche Lösungen. Ich werde Ihnen beide vorstellen, und dann mögen Monsieur Bouc und Dr. Constantine entscheiden, welche von ihnen die richtige ist.“

Der Roman ist in einer heute altertümlichen Sprache geschrieben und die gut vierzig Seiten bis zur Entdeckung der Leiche sind ziemlich spannungsfrei.

Ziemlich witzig sind, jedenfalls aus heutiger Sicht, die schamlos vorgetragenen, jeder Grundlage entbehrenden Urteile über verschiedene Völker. Sie sind einfach eine Ansammlung absurder Vorurteile.

 

Die Verfilmungen

 

Seit seiner Veröffentlichung wurde der Roman mehrmals verfilmt. Bei uns sind die beiden Spielfilme (die zweite Spielfilm-Verfilmung startet am Donnerstag) und spielfilmlangen TV-Filme bekannt.

Am bekanntesten ist die Verfilmung von Sidney Lumet. Er sperrte 1974 ein Dutzend Stars in den Zug ein und bei den Verhören von Hercule Poirot hatte jeder seinen großen Auftritt. Das Rezept war so erfolgreich, dass danach, mit Peter Ustinov als Poirot, „Tod auf dem Nil“ und „Das Böse unter der Sonne“ entstanden. Der dritte Ustinov/Poirot Kinofilm „Rendezvous mit einer Leiche“ hatte dann weniger Stars und war auch weniger erfolgreich. Davor spielte Ustinov den Detektiv auch in drei TV-Filmen. Nach dem gleichen Rezept entstand damals, mit Angela Lansbury als Miss Marple, „Mord im Spiegel“.

Lumets Verfilmung ist heute immer noch vergnügliches, aus der Zeit gefallenes, in einer Parallelwelt spielendes Starkino, bei dem jeder Schauspieler in mondäner Kulisse mindestens einmal groß aufspielen darf.

Carl Schenkel verlegte 2001 in seiner erschreckend spannungsfrei inszenierten Verfilmung die Geschichte in die Gegenwart, was man vor allem an einem Handy und einem Laptop erkennt.

Am Ende, wenn Poirot erklärt, dass er der Polizei die Version von dem flüchtigen Täter erzählen wird, zeigt sich ein großes Problem. Damals, als Christie den Roman schrieb, war eine solche Erklärung möglich. Heute, in Zeiten von CSI, ist eine solche Erklärung nicht mehr glaubwürdig. Sie würde allen Spuren widersprechen.

Neun Jahre später inszenierte Philip Martin im Rahmen der langlebigen TV-Serie „Agatha Christie’s Poirot“ mit David Suchet als Hercule Poirot, eine weitere Version des Romans. Wie alle Suchet/Poirot-Filme spielt sie in den Dreißigern. Bei Christie-Fans sind die siebzig TV-Filme mit Suchet sehr beliebt sind.

In diesem Fall wird die Lösung sehr früh präsentiert und Poirot hadert danach länger mit der Frage, welche Lösung er der Polizei präsentieren soll. Es entsteht sogar das Gefühl, dass die Täter jetzt ihn als unliebsamen Zeugen ermorden könnten.

Am Ende bleibt offen, welche Lösung er der Polizei erzählt. Der Zuschauer muss sich entscheiden.

Martins Verfilmung ist deutlich gelungener als Schenkels misslungene Verfilmung. Und Poirots Zweifel wenn er der Polizei als Mörder präsentieren soll, führen zu einigen noirischen Kameraeinstellungen, die das Gefühl vermitteln, dass Poirot wirklich in Lebensgefahr schwebt und bald von den Ratchetts Mördern, die zu einem mordlüsternen Mob werden, umgebracht werden könnte. Das ist, weil in einem Rätselkrimi der Detektiv nach der Enttarnung keine Angst vor irgendwelchen Aktionen des Mörders haben muss, eine interessante Variante, die nur bedingt funktioniert. Auch weil Hercule Poirot danach keine weiteren Fälle lösen könnte.

Beide TV-Filme stehen im Schatten von Lumets Verfilmung.

Und am 9. November kommt Kenneth Branaghs Verfilmung in unsere Kinos. Allein schon von der hochkarätigen Besetzung knüpft er an Lumets Verfilmung an.

In den einschlägigen Foren wird bis dahin emsig über Hercule Poirots Bart diskutiert. Wie auch bei Albert Finney, Alfred Molina und David Suchet darüber diskutiert wurde.

Ich persönlich halte Branaghs Poirot-Bart für eine monströse Geschmacksverirrung.

Agatha Christie: Mord im Orientexpress

(übersetzt von Otto Bayer)

Atlantik Verlag, 2017

256 Seiten

10 Euro

Originalausgabe

Murder on the Orient Express

HarperCollins, London, 1934

Die erste deutsche Übersetzung erschien 1934 als „Die Frau im Kimono“; später „Der rote Kimono“. Elisabeth van Bebber war die Übersetzerin.

Die aktuelle Übersetzung erschien erstmals 2002 im S. Fischer Verlag. Sie müsste, auch wenn es im Impressum nicht gesagt wird, identisch mit Otto Bayers 1999 im Scherz Verlag erschienener Übersetzung sein.

Die Verfilmungen

Der bekannte Kinofilm

Mord im Orient-Express (Murder on the Orient Express, Großbritannien 1974)

Regie: Sidney Lumet

Drehbuch: Paul Dehn, Anthony Shaffer (ungenannt)

mit Albert Finney, Lauren Bacall, Martin Balsam, Ingrid Bergman, Jacqueline Bisset, Jean-Pierre Cassel, Sean Connery, Sir John Gielgud, Anthony Perkins, Vanessa Redgrave, Michael York, Richard Widmark, Wendy Hiller, Colin Blakely

Die unbekannte TV-Verfilmung

Mord im Orient-Express (Murder on the Orient-Express, USA 2001

Regie: Carl Schenkel

Drehbuch: Stephen Harrigan

mit Alfred Molina, Meredith Baxter, Leslie Caron, Peter Strauss, Fritz Wepper, Kai Wiesinger, Amira Casar, Nicolas Chagrin, Tasha de Vasconcelos, David Hunt, Adam James, Dylan Smith, Natasha Wightman

Die TV-Verfilmung im Rahmen der Serie „Agatha Cristie’s Poirot“

 

Agatha Christie’s Poirot: Mord im Orient-Express (Agatha Christie’s Poirot: Murder on the Orient Express, Großbritannien 2010)

Regie: Philip Martin

Drehbuch: Stewart Harcourt

mit David Suchet, Toby Jones, David Morrissey, Jessica Chastain, Barbara Hershey, Susanne Lothar, Tristan Shepherd, Sam Crane, Brian J. Smith, Stewart Scudamore, Serge Hazanavicius, Eileen Atkins, Denis Ménochet, Hugh Bonneville, Marie-Josée Croze, Stanley Weber, Elena Satine, Joseph Mawle, Samuel West

Polyband veröffentlichte diese Verfilmung jetzt als Einzel-DVD „Poirot – Mord im Orient-Express“

Die Neuverfilmung (Kritik gibt es zum Filmstart am 9. November 2017)

Mord im Orientexpress (Murder on the Orient Express, USA 2017)

Regie: Kenneth Branagh

Drehbuch: Michael Green

mit Kenneth Branagh, Daisy Ridley, Johnny Depp, Michelle Pfeiffer, Penélope Cruz, Judi Dench, Willem Dafoe, Josh Gad, Lucy Boynton, Marwan Kenzari, Olivia Colman, Miranda Raison, Derek Jacobi, Tom Bateman

Länge: 114 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage von Agatha Christie

Krimi-Couch über Agatha Christie

Thrilling Detective über Hercule Poirot

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Mord im Orientexpress“ (2017)

Metacritic über „Mord im Orientexpress“ (2017)

Rotten Tomatoes über „Mord im Orientexpress“ (2017)

Wikipedia über „Mord im Orientexpress“ (Roman [deutsch, englisch], Lumet-Verfilmung [deutsch, englisch], Schenkel-Verfilmung [englisch], Martin-Verfilmung [deutsch], Branagh-Verfilmung [deutsch, englisch]) und Agatha Christie (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 15. August: Family Business

August 14, 2017

Nach der „Reifefprüfung“ um 20.15 Uhr gibt es

3sat, 22.00

Family Business (USA 1989, Regie: Sidney Lumet)

Drehbuch: Vincent Patrick

LV: Vincent Patrick: Family Business, 1985

Für den gesetzestreuen Papa ist diese Nachricht eine Katastrophe: der Sohn schlägt ganz nach dem Großvater – einem Einbrecher. Gerade jetzt plant er einen neuen Coup.

Vergnügliche Gaunerkomödie

mit Sean Connery, Dustin Hoffman, Matthew Broderick

Wiederholung: Mittwoch, 16. August, 02.25 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Family Business“

Wikipedia über „Family Business“ (deutsch, englisch)

Mein Nachruf auf Sidney Lumet

Sidney Lumet in der Kriminalakte


DVD-Kritik: In die „Ambulance“ mit Larry Cohen

Juli 3, 2017

Josh Baker (Eric Roberts) arbeitet in New York als Comiczeichner bei Marvel und sein Chef ist Stan Lee, der von Stan Lee gespielt wird. Es war sein erster Auftritt in einem Spielfilm.

Josh zeichnet die Panels für den Comic „Dr. Strong“ (hm, strange) – und alles das hat herzlich wenig mit der Filmgeschichte zu tun.

Als wir Josh das erste Mal begegnen, verfolgt er in Manhattan auf der 5th Avenue (beim Trump Tower) mitten durch das mittägliche Gewühl eine Frau. Er flirtet mit ihr. Sie will nichts von ihm wissen. Da bricht sie auf dem Bürgersteig zusammen, wird von einem Krankenwagen abgeholt und in ein Krankenhaus gebracht. Nur in welches? Der über beide Ohren verliebte Josh beginnt die Krankenhäuser abzuklappern. Aber er findet sie nicht.

Und die Polizei hält ihn nicht für besonders glaubwürdig. Immerhin sucht er eine Frau, deren Namen er nicht kennt und die von einem Krankenwagen entführt würde. Vielleicht für verbotene Experimente. Denn sie hat Diabetes.

Mit „Ambulance“ hat Larry Cohen einen schnörkellosen B-Thriller inszeniert, der gelungen mit den Ängsten der Großstädter spielt. Denn was könnte normaler als ein Krankenwagen sein? Was könnte schlimmer sein, als der Verdacht, dass die Ambulanz einen nicht in das nächste Krankenhaus, sondern an einen ganz anderen Ort bringt?

Die aus dieser Frage entstehende, allumfassende Paranoia ist auch heute noch gut nachvollziehbar. Die teils mit versteckter Kamera gedrehten Straßenaufnahmen bieten eine Blick in die Vergangenheit. Es ist das New York der späten achtziger Jahre. Und die Frisuren und Kleider, vor allem von Hauptdarsteller Eric Roberts, haben aus heutiger Sicht ein ganz eigenes Schockpotential.

Dazwischen gibt es etwas polizeiliche Ermittlungen von James Earl Jones als der fluchende Bulle der schon alles gesehen hat, und Megan Gallagher als junge Polizistin, die die abstruse Geschichte von Eric Roberts glaubt. Und Veteran Red Buttons als pensionierter Zeitungsreporter der alten Sorte ist für den Humor zuständig. Vor allem die erste Begegnung zwischen Roberts und Buttons im Krankenhaus ist eine komödiantische Szene, die die Haupthandlung nicht weiterbringt, durchgehend improvisiert wirkt und einfach Spaß macht. Wie der gesamte Film, der schon damals in weiten Teilen, vor allem wenn der Krankenwagen mit eingeschalteter Sirene durch das nächtliche Manhattan fährt und Angst und Schrecken bei den Wissenden verbreitet oder wenn der Bösewicht am Krankenbett seine Forschungen in schönster Mad-Scientist-Manier erklärt oder, im Finale, eine Discothek zu einem Schlachtfeld zwischen den Guten und Bösen umfunktioniert wird, angenehm altmodisch inszeniert war.

Ambulance“ ist ein spannender B-Thriller.

Der 1941 geborene Larry Cohen ist seit Jahrzehnten als Drehbuchautor und Regisseur eine feste Größe im Genrekino. Vor allem von Thrillern, Kriminal- und Horrorfilmen. In seinen B-Pictures benutzt er das geringe Budget für teils ätzende Gesellschaftskritik und er spielt mit kollektiven Ängsten, ohne jemals im Verdacht zu stehen, Kino für das elitäre Bildungsbürgertum zu machen. Er macht keine Arthouse-Fime, sondern Genrefilme. Es sind Filme von einem Genreliebhaber für Genreliebhaber und immer intelligent genug für einige weitergehende Gedanken. Auch wenn nicht jeder Film gelungen ist.

Zu seinen Werken zählen, als Regisseur, „Black Caesar“ (die afroamerikanische Version des Gangsterfilms „Little Caesar“), „Hell up in Harlem“ und „It’s alive“ (ein Horrorfilm mit mehreren Fortsetzungen), und, nur als Drehbuchautor, „I, the Jury“ („Ich, der Richter“, eine Mike-Hammer-Verfilmung), „Maniac Cop“ (und die Fortsetzungen), „Guilty as Sin“ („Jenseits der Unschuld“, verfilmt von Sidney Lumet), „Phone Booth“ (Nicht auflegen!“, ein Mann in einer Telefonzelle) und „Cellular“ („Final Call – Wenn er auflegt, muss sie sterben“).

Die jetzt von Koch Media veröffentlichte DVD-Ausgabe des Films ist ein Mediabook, das den Film auf DVD und Blu-ray enthält, ergänzt um eine Bildergalerie, den deutschen und den Originaltrailer und, als Herzstück, einen brandaktuellen Audiokommentar und ein ebenso aktuelles, siebzigminütiges Interview mit Larry Cohen.

Ambulance (The Ambulance, USA 1989)

Regie: Larry Cohen

Drehbuch: Larry Cohen

mit Eric Roberts, James Earl Jones, Megan Gallagher, Red Buttons, Janine Turner, Jim Dixon, Stan Lee

DVD/Blu-ray

Koch Media

Bild: 1.85:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (DVD: Dolby Digital 2.0) (Blu-ray: PCM 2.0)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Audiokommentar von Larry Cohen, Cohen on Cohen (Interview mit Larry Cohen), Bildergalerie, Deutscher und Originaltrailer

Länge: 92 Minuten (DVD) 95 Minuten (Blu-ray)

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Ambulance“

Wikipedia über „Ambulance“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 9. Juni: Helden der Nacht

Juni 9, 2017

ZDFneo, 23.25

Helden der Nacht (USA 2007, Regie: James Gray)

Drehbuch: James Gray

Stilsicherer, an das Kino der Siebziger erinnernder, 1988 in New York spielender Polizeithriller über zwei Brüder: der eine folgt der Familientradition und wird Polizist; der andere Discobesitzer und Verbrecher. Jetzt steht der Discobesitzer vor der Frage, ob er vollständig mit seiner Familie brechen soll.

„Helden der Nacht hat alle Ingredienzien eines Genrethrillers. Mehr noch, Gray scheint einigen dieser Klassiker seine Reverenz erweisen wollen. In seinen besten Momenten ruft Helden der Nacht Erinnerungen an die Korruptionsthriller Sidney Lumets oder die dreckigen kleinen Nachtfilme Scorseses wach.“ (epd Film 2/2008)

Mit Joaquin Phoenix, Mark Wahlberg, Eva Mendes, Robert Duvall, Tony Musante

Hinweise:

Amerikanische Homepage zum Film

Film-Zeit über „Helden der Nacht“

Rotten Tomatoes über „Helden der Nacht“

Wikipedia über „Helden der Nacht“ (deutsch, englisch)

Film & Video: Interview mit James Gray über Stuntmen und digitale Bildbearbeitung

Salon Conversations: Podcast mit James Gray

Dark Horizons: Interview mit James Gray

Meine Besprechung von James Grays „Two Lovers“ (Two Lovers, USA 2008)

Meine Besprechung von James Grays „Die versunkene Stadt Z“ (The lost City of Z, USA 2016) (am 17. August erscheint der Film auf DVD und Blu-ray mit, anscheinend, umfangreichem Bonusmaterial. Angekündigt sind ein Making of, ein Behind-the-Scenes-Featurette und ein Special zur Berlinale-Premiere.)


TV-Tipp für den 1. April: Helden der Nacht

März 31, 2017

ZDF, 02.20

Helden der Nacht (USA 2007, Regie: James Gray)

Drehbuch: James Gray

Stilsicherer, an das Kino der Siebziger erinnernder, 1988 in New York spielender Polizeithriller über zwei Brüder: der eine folgt der Familientradition und wird Polizist; der andere Discobesitzer und Verbrecher. Jetzt steht der Discobesitzer vor der Frage, ob er vollständig mit seiner Familie brechen soll.

„Helden der Nacht hat alle Ingredienzien eines Genrethrillers. Mehr noch, Gray scheint einigen dieser Klassiker seine Reverenz erweisen wollen. In seinen besten Momenten ruft Helden der Nacht Erinnerungen an die Korruptionsthriller Sidney Lumets oder die dreckigen kleinen Nachtfilme Scorseses wach.“ (epd Film 2/2008)

Mit Joaquin Phoenix, Mark Wahlberg, Eva Mendes, Robert Duvall, Tony Musante

Hinweise:

Amerikanische Homepage zum Film

Film-Zeit über „Helden der Nacht“

Rotten Tomatoes über „Helden der Nacht“

Wikipedia über „Helden der Nacht“ (deutsch, englisch)

Film & Video: Interview mit James Gray über Stuntmen und digitale Bildbearbeitung

Salon Conversations: Podcast mit James Gray

Dark Horizons: Interview mit James Gray

Meine Besprechung von James Grays „Two Lovers“ (Two Lovers, USA 2008)

Meine Besprechung von James Grays „Die versunkene Stadt Z“ (The lost City of Z, USA 2016)


TV-Tipp für den 29. Oktober: Family Business

Oktober 29, 2016

ZDFneo, 20.15

Family Business (USA 1989, Regie: Sidney Lumet)

Drehbuch: Vincent Patrick

LV: Vincent Patrick: Family Business, 1985

Für den gesetzestreuen Papa ist diese Nachricht eine Katastrophe: der Sohn schlägt ganz nach dem Großvater – einem Einbrecher. Gerade jetzt plant er einen neuen Coup.

Vergnügliche Gaunerkomödie

mit Sean Connery, Dustin Hoffman, Matthew Broderick

Wiederholung: Sonntag, 30. Oktober, 03.30 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Family Business“

Wikipedia über „Family Business“ (deutsch, englisch)

Mein Nachruf auf Sidney Lumet

Sidney Lumet in der Kriminalakte


DVD-Kritik: Ist „Der Tel-Aviv-Krimi“ ein guter Krimi?

April 4, 2016

Erinnert sich noch jemand an „Strangers“/“Sanfte Augen lügen nicht“ (A Stranger among us), diesen 1992 von Sidney Lumet inszenierten Krimi, in dem Melanie Griffith als Polizistin in New York im jüdischen Viertel unter Chassiden in einem Mordfall ermitteln muss? Der war gar nicht so schlecht in seiner Verbindung unterschiedlicher Elemente, garniert mit einem Einblick in eine fremde Kultur.

Wenn jetzt ein deutscher Krimi, eigentlich wohl eher der geplante Start einer ARD-Serie, als „Der Tel-Aviv-Krimi“ an den Start geht, dann erwartet der geneigte Krimifan natürlich, dass der, ähem, Titel irgendwie Programm ist und nicht nur den Schauplatz der Handlung nennt. Wobei das auch nur für den zweiten von bislang zwei „Tel-Aviv-Krimis“ zutrifft. Im Mittelpunkt der beiden, jeweils neunzigminütigen Krimis steht die Berliner Kommissarin Sara Stein, gespielt von Katharina Lorenz.

In „Tod in Berlin“ wird Tamar, eine israelische DJane, ermordet. Ihr Freund, ein Palästinenser, und seine Familie sind natürlich verdächtig. Aber natürlich könnte der Fall auch ein politisches Motiv haben. Sara Stein ermittelt brav nach Lehrbuch, hat zwei ziemlich nervige Assistenten, eine Vorgesetzte mit Beziehungsproblemen und einem Drang zu Pressekonferenzen (wegen: die Presse verlangt Antworten und da müssen wir halt auch Zwischenstände als Ergebnisse verkaufen), einer Familie (nett, aber überflüssig für die Geschichte) und einem Freund. Einem israelischen Pianisten, der gerade in Berlin gastiert und in den sie sich unsterblich verliebt.

Erst am Ende des Krimis fliegt Sara Stein nach Tel Aviv zu David Shapiro, ihrer großen Liebe.

Nachdem sie, was in den Filmen nicht angesprochen wird, alle ihrer Berliner Kollegen und Familie in Berlin zurückgelassen hat, eine Versetzung von Berlin nach Tel Aviv durchsetzen konnte und ein Jahr auf der dortigen Polizeiakademie war, muss sie in „Shiv’a“ als ihren ersten Fall den Mord an einem geachteten Kriminalpolizisten aufklären. Sie soll dafür sorgen, dass die Ermittlungen der Mordkommission bei der Suche nach dem Mörder ihres Kollegen Noam ordentlich verlaufen. Die sind selbstverständlich nicht von dem deutschen Wachhund begeistert. Verdächtige gibt es einige. Eine Spur führt zu einem nie aufgeklärtem Einbruch, dem einzigen Fall, den Noam nicht klären konnte. Aber auch ein Kollege von Noam könnte der Mörder sein.

Sonderlich realistisch ist diese Ausgangslage nicht. Eine neue „Kollegin“, die die Landessprache kaum beherrscht und die Staatsbürgerin eines anderen Landes ist, soll mal so eben einen wichtigen Fall aufklären.

Die Hintergründe von Sara Steins Wechsel von Berlin nach Tel Aviv werden auch nicht geklärt.

Aber das sind nur eine Kleinigkeiten, die aber auf tiefere Probleme hinweisen. Jedenfalls wenn man von „Der Tel-Aviv-Krimi“ (Sorry, das ist ein Untertitel. Das ist noch nicht einmal ein Arbeitstitel.) mehr erwartet als einen bestenfalls biederen Rätselkrimi vor austauschbarer Kulisse auf dem Niveau einer der zahlreichen Vorabendkrimiserien, der in diesem Fall mit vielen privaten Geschichten auf Spielfilmlänge gedehnt wird. Berlin und Tel Aviv sind, wie bei den zahlreichen ZDF-„Sokos“, die austauschbare Kulisse für einen ebenso austauschbaren Fall.

Neben dem 08/15-Rätselplot verplätschert die Geschichte zu oft in vollkommen uninteressanten privaten Subplots zwischen Liebe auf den ersten Blick und familiären Zusammentreffen. Einmal mit Saras, einmal mit Davids ebenso netter Familie. Gerade in „Tod in Berlin“ sind Sara Steins Kollegen zum Erbrechen merkwürdig und ausgedacht (das gilt vor allem für Steins Kollegin Anne Rodeck, bei der es vollkommen rätselhaft ist, wie sie die Polizeischule überlebte). Es gibt zeitraubende Scheinkonflikten, die in vertrauter Art und Weise abgehandelt werden (Wie oft müssen Kommissare zur Pressekonferenz geprügelt werden?). In den papiernen Dialogen wird viel zu oft erklärt, was wir gerade erfahren haben. Falls die Kommissare nicht gerade die berühmte Frage „Wo waren sie zur Tatzeit?“ stellen.

Dagegen werden alle potentiell interessanten Fragen peinlich vermieden, fast so, als sei der Unterschied zwischen Tel Aviv, Venedig und Paris die Skyline. Bei Venedig und Paris kann das noch – auch wenn es bedauerlich ist – verziehen werden, aber bei Tel Aviv und mit einer deutschstämmigen jüdischen Polizistin als Protagonistin kann das nicht verziehen werden. Da müssen die Fälle die Befindlichkeiten der Kulturen erforschen. Da muss über das Judentum, Religion, deutsche Verantwortung, das Leben der Juden im heutigen Deutschland (immerhin spielt „Tod in Berlin“ in Berlin) undundund gesprochen werden. Wie Sidney Lumet es in „A Stranger among us“ tat.

Der Tel Aviv Krimi - Cover

Der Tel-Aviv-Krimi: Tod in Berlin/Shiv’a (Deutschland 2016)

Regie: Matthias Tiefenbacher

Drehbuch: Martin Kluger, Maureen Herzfeld, Matthias Tiefenbacher (Bearbeitung)

mit Katharina Lorenz, Katharina Marie Schubert, Aljoscha Stadelman, Itay Tiran, Ramin Yazdani, Camill Jammal, Meral Perin, Samuel Finzi, Gill Frank

DVD

Edel:Motion

Bild: PAL 16:9

Ton: Deutsch (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: –

Bonusmaterial: –

Länge: 177 Minuten (2 DVDs)

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

ARD über „Der Tel-Aviv-Krimi“ (Tod in Berlin, Shiv’a)

Moviepilot über „Der Tel-Aviv-Krimi“

Fernsehserien über „Der Tel-Aviv-Krimi“

Wikipedia über „Der Tel-Aviv-Krimi“


Neu im Kino/Filmkritik: „Spotlight“ deckt auf

Februar 25, 2016

Als die Journalisten des „Spotlight“-Teams der traditionsreichen Tageszeitung „The Boston Globe“ mit ihren Recherchen für ihr neues Thema begannen, wussten sie, wer ihr Gegner sein wird, aber sie wussten nicht, wie groß der Skandal war, den sie aufdecken würden und welche Auswirkungen ihre Reportagen auch über die Stadtgrenze hinaus haben würden. Denn es hat immer wieder Fälle von pädophilen Priestern gegeben. In Boston und auch in anderen Orten. Aber das waren, so sagte die katholische Kirche, Einzelfälle und sie habe sich um diese Geistlichen gekümmert. Künftig würden sie sich nicht mehr an Minderjährigen vergreifen. Das war die offizielle Version, die auch die Mitglieder der Erzdiözese von Boston glaubten.
Aber Walter „Robby“ Robinson (Michael Keaton) und seine ihm untergebenen Kollegen Mike Rezendes (Mark Rufallo), Sacha Pfeiffer (Rachel McAdams [meine Besprechung von „True Detective – Staffel 2“ gibt es demnächst]), Matt Carroll (Brian D’Arcy James) und Ben Bradlee Jr. (John Slattery) beginnen 2001 tiefer zu graben. Sie sind das „Spotlight“-Team und damit das Team für investigative Recherchen, die manchmal im Sand verlaufen und oft handfeste Skandale aufdecken. Über den Kindesmissbrauch und den Umgang der in Boston enorm mächtigen katholischen Kirche, die dort ihre größte Erzdiözese in den USA hat, werden sie von dem neuen Chefredakteur Marty Baron (Liev Schreiber) angesetzt. Er kommt aus Florida vom Miami Herald. Ihm eilt ein Ruf als eiskalter Kosteneinsparer voraus. Außerdem kommt er nicht aus Boston, hat daher keinen Stallgeruch und wird entsprechend skeptisch von den alteingesessenen Journalisten erwartet. Baron meint, dass diese Missbrauchsgeschichte ein Thema für das „Spotlight“-Team und für die „Boston Globe“-Leser sei. Denn über die Hälfte der Leser sind Katholiken.
Wie die Geschichte der Recherche, die mit einer kleinen Notiz auf der Lokalseite begann, endete und welche Auswirkungen sie hatte, haben wir auch hier in Deutschland mitbekommen.
Der „Boston Globe“ veröffentlichte, nachdem wegen 9/11 die Veröffentlichung zunächst verschoben hatte, im Januar 2002 die ersten Rechercheergebnisse. Und damit endet das grandiose Drama „Spotlight“. Noch im gleichen Jahr erschienen im „Boston Globe“ fast 600 Artikel über sexuellen Missbrauch an Tausenden von Kindern durch Hunderte von Priestern in Boston und auf der ganzen Welt. Im Dezember 2002 trat Kardinal Law von seinem Amt in der Erzdiözese Boston zurück. Fast 250 Priester dieser Erzdiözese wurden öffentlich des sexuellen Missbrauchs bezichtigt. In den USA wurden über 6400 Priester wegen sexueller Übergriffe angeklagt – und angesichts dieser Zahlen frage ich mich, warum in Deutschland bis jetzt so wenige Priester wegen sexuellen Missbrauchs angeklagt wurden.
2003 erhielt das Spotlight-Team den renommierten Pulitzer-Preis für seine investigative Berichterstattung.
Das ist natürlich auch eine Geschichte für einen Film. Regisseur und Drehbuchautor Tom McCarthy („Station Agent“, „Win Win“) und Co-Drehbuchautor Josh Singer („The West Wing“, „Inside Wikileaks“) gelingt es in „Spotlight“ diese Geschichte spannend, pointiert und ohne überflüssige Dramatisierungen zu erzählen. Sie konzentrieren sich nämlich einfach auf die reale Geschichte in all ihren unterschiedlichen Facetten und das ist schon, wie wir mit den recherchierenden Journalisten erfahren, skandalös genug. Im Mittelpunkt stehen nämlich die Journalisten, ihre Arbeit, was diese Recherchen bei ihnen auslösen, in welchem Geflecht unterschiedlicher Interessen sie sich bewegen und mit welchem mächtigen Gegner sie sich anlegen. Denn sie recherchierten nicht über einzelne pädophile Priester, sondern über die konsequente und planmäßige Vertuschung dieser Fälle durch die Vorgesetzten, also die Leitung der Erzdiözese (und vielleicht noch höher in der Hierarchie der katholischen Kirche), über Jahre und, wie man im Lauf des Films mit den Journalisten erfährt, Jahrzehnte.
McCarthy erzählt seine Geschichte in der Tradition großer Journalistenfilme, wie „Die Unbestechlichen“ (über die Recherchen von Bob Woodward und Carl Bernstein und den Watergate-Skandal, der zum Rücktritt von Präsident Nixon führte), und des aufklärerischen Kino eines Sidney Lumet, das auf ein gutes Drehbuch, gute Schauspieler und eine unauffällige Kamera setzt. Dass die Sets exakt nachgebildet waren und die Schauspieler sich für die Recherche vorher mit den von ihnen porträtierten Journalisten trafen half. Diesen gefiel, wie sie und ihre Geschichte dargestellt werden.
„Spotlight“ wurde für sechs Oscars nominiert, erhielt bislang fast einhundert Preise und wurde für über einhundert weitere Preise nominiert; was allein schon etwas über die Qualität dieses grandiosen Ensemblestückes aussagt, das auch ein Hohelied auf die alltägliche journalistische Arbeit und auf den investigativen Journalismus ist, der schon immer gelobt, aber wenig geliebt wurde und seitdem in den USA und auch in anderen Ländern (in Deutschland wegen der Kultur des Zeitungsabonnements weniger) viele Tageszeitungen wegen des Internets um ihr Überleben kämpfen und teilweise ihr Erscheinen schon eingestellt haben. „Spotlight“ zeigt, was guter Journalismus leisten kann. Dass es auch ein in jeder Beziehung guter Film ist, hilft natürlich.

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Spotlight (Spotlight, USA 2015)
Regie: Tom McCarthy
Drehbuch: Tom McCarthy, Josh Singer
mit Mark Ruffalo, Michael Keaton, Rachel McAdams, Liev Schreiber, John Slattery, Brian D’Arcy James, Stanley Tucci, Jamey Sheridan, Billy Crudup, Elena Wohl, Gene Amoroso, Neal Huff, Paul Guilfoyle, Len Cariou
Länge: 129 Minuten
FSK: ab 0 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Englische Homepage zum Film
Moviepilot über „Spotlight“
Metacritic über „Spotlight“
Rotten Tomatoes über „Spotlight“
Wikipedia über „Spotlight“ (deutsch, englisch) und sexuellen Missbrauch in der römisch-katholischen Kirche
History vs. Hollywood über „Spotlight“
Bishop Accountability (äußerst umfassende Seite, die Fälle sexuellen Missbrauchs durch Geistliche behandelt)


TV-Tipp für den 11. Januar: Mord im Orient-Express

Januar 11, 2016

Arte, 20.15

Mord im Orient-Express (GB 1974, Regie: Sidney Lumet)

Drehbuch: Paul Dehn

LV: Agatha Christie: Murder on the Orient Express, 1934

Millionär Ratchett wird im Orient-Express ermordet. Der Zug bleibt im Schnee stecken und der Mörder muss noch im Zug sein. Hercule Poirot befragt die Passagiere.

Starbesetzer Edelkrimi mit Albert Finney (als Hercule Poirot), Lauren Bacall, Martin Balsam, Ingrid Bergman, Jacqueline Bisset, Jean-Pierre Cassel, Sean Connery, Sir John Gielgud, Anthony Perkins, Vanessa Redgrave, Michael York, Richard Widmark (als Leiche). Wolf Donner meinte: „Kulinarisches Kino, angenehm überflüssig und verwirrend nutzlos.“ (Donner in Die Zeit)

Anschließend, um 22.15 Uhr, gibt es den „Mord im Spiegel“ und Miss Marple (Angela Lansbury) geht auf Mörderjagd. Kann man sich ansehen, man kann auch die Lars-Kepler-Verfilmung „Der Hypnotiseur“ ansehen. Ist immerhin eine TV-Premiere.

Wiederholung: Mittwoch, 13. Januar, 13.45 Uhr

Hinweise

Rotten Tomatoes über “Mord im Orient-Express”

Homepage von Agatha Christie

Krimi-Couch über Agatha Christie

Wikipedia über Agatha Christie

Thrilling Detective über Hercule Poirot

Mein Nachruf auf Sidney Lumet

Sidney Lumet in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: Über J. C. Chandors „A most violent Year“

März 21, 2015

Zuletzt sank in New York die Mordrate auf ein über fünfzigjähriges Rekordtief. Vielleicht sogar auf den tiefsten Stand, seitdem dort eine Kriminalitätsstatistik erhoben wird. Letztes Jahr wurden in der Millionenstadt 328 Menschen ermordet. Auch die Zahl der Gewaltverbrechen sank auf Zahlen, die man vor einigen Jahren noch für utopisch hielt.
Zum Beispiel gab es 1981 1826 Morde. 1981 war auch das Jahr mit der höchsten Kriminalitätsrate. So wird jedenfalls am Anfang von J. C. Chandors neuem, bei den Oscars seltsamerweise vollkommen übergangenem Film „A most violent Year“ gesagt und, obwohl ich jetzt keinen Beleg dafür finde, könnte es stimmen. Denn New York war damals keine harmlose Stadt.
Auch die Heizöllaster von Abel Morales (Oscar Isaac) werden regelmäßig überfallen. Aber im Gegensatz zu seinen Konkurrenten will der Einwanderersohn ehrlich bleiben. Und er vertraut der Polizei. Dennoch ermittelt der Stellvertretende Bezirksstaatsanwalt Lawrence (David Oyelowo) gegen ihn. Er vermutet, dass Morales Kontakte zur Mafia hat. Die Gründe dafür liegen, neben dem allgemeinen Geschäftsgebaren der Branche, auf der Hand: Abel Morales ist mit Anna (Jessica Chastain), der Tochter eines bekannten Gangsters, verheiratet und er hat das Geschäft von ihrem Vater übernommen.
Die aus seiner Sicht ebenso lästigen wie überflüssigen Ermittlungen des Staatsanwalts werden, neben den Überfällen auf seine Fahrzeuge und dem damit verbundenem Diebstahl seiner kostbaren Ladung, allerdings zu einer Bedrohung seiner Existenz, als er eine Option auf ein Industriegelände am Fluss erwirbt. Mit den auf diesem Gelände stehenden Tanks hätte er die Grundlage für eine ordentliche Geschäftsvergrößerung. Er könnte größer als seine Konkurrenten werden. Die Besitzer des Grundstücks verlangen, dass in einem Monat die restliche Kaufsumme im sechsstelligen Bereich bezahlt wird. Da würden polizeiliche Ermittlungen bei seiner Hausbank seine Kreditwürdigkeit nur unnötig schmälern und seine Expansionspläne gefährden. Wenn es dumm läuft, könnte er sogar pleite gehen.
In seinem dritten Spielfilm, nach dem Finanzthriller „Der große Crash – Margin Call“ und dem Ein-Mann-Segler-Thriller „All is Lost“, die beide von der Kritik abgefeiert wurden, legt J. C. Chandor grandios nach. „A most violent Year“ ist ein düsteres, sich langsam entwickelndes Drama, ein Noir über einen Mann, der ehrlich bleiben möchte (jedenfalls so weit das in seiner Branche möglich ist) und der sich zwischen seinen hehren Prinzipien und seiner Existenz, der seiner Familie und ihrem durchaus gehobenem Lebensstil entscheiden muss. Weil Chandor „A most violent Year“ wie einen Weiße-Kragen-Gangsterfilm inszeniert und die Geschichte sich im Bereich der alltäglichen Graustufen, in denen es nur mehr oder weniger richtige und falsche Entscheidungen gibt, geht es vor allem um die Frage, welche und wie viele Kompromisse Abel Morales eingehen muss, um als Unternehmer erfolgreich zu sein. Und, auch das ist von Anfang an klar: Morales wäre nicht so weit gekommen, wenn er sich immer hundertprozentig an die Gesetze gehalten hätte.
Während Abel Morales noch hadert, hat seine Frau Anna schon längst Fakten geschaffen. Das ist, vor allem nachdem sie fast während des gesamten Films als treue, die Buchhaltung erledigende, sich um die Kinder kümmernde Hausfrau mit Hang zu teuren Kleidern gezeigt wurde, eine Überraschung, die von Chandor aber – wie alles in dem Film – gut vorbereitet wurde. Bereits bei einem Wildunfall reagierte sie schneller und konsequenter als ihr Mann. Außerdem sahen wir sie nie bei der Hausarbeit und die Kinder tauchen kaum auf, weil sie im Geschäftsleben von Abel und Anna nicht im Mittelpunkt stehen.
Gleichzeitig zeigt J. C. Chandor präzise, wie Strukturen und kurzfristige Interessen zu Ergebnissen führen, die niemand wirklich will.
„A most violent Year“ ist ein düsteres Drama mit einem bitteren Ende, obwohl es keine Schuldigen gibt und auch niemand wirklich böse ist. Das ist klassisches, gut gespieltes Schauspielerkino in der Tradition von Sidney Lumet mit stimmigem Zeitkolorit, klug platzierten Anspielungen, einem feinen Blick auf die vielen Gruppen, die in New York leben und um ihren Platz kämpfen, und moralischen Ambivalenzen und Fragen, die auch heute noch aktuell sind.

A most violent year - Plakat

A most violent Year (A most violent Year, USA 2014)
Regie: J. C. Chandor
Drehbuch: J. C. Chandor
mit Oscar Isaac, Jessica Chastain, David Oyelowo, Albert Brooks, Alessandro Nivola, Elyses Gabel, Catalina Sandino Moreno
Länge: 125 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „A most violent Year“
Moviepilot über „A most violent Year“
Metacritic über „A most violent Year“
Rotten Tomatoes über „A most violent Year“
Wikipedia über „A most violent Year“
Meine Besprechung von J. C. Chandors „All is lost“ (All is lost, USA 2013)

DP/30 bittet J. C. Chandor und Oscar Isaac zum Verhör

 


TV-Tipp für den 21. Februar: Tödliche Entscheidung

Februar 20, 2015

Eins Festival, 22.00

Tödliche Entscheidung (USA 2007, Regie: Sidney Lumet)

Drehbuch: Kelly Masterson

Andy, der für Drogen Geld aus der Firmenkasse nahm, kann seinen Bruder Hank überreden, das elterliche Juweliergeschäft zu überfallen. Der Überfall, auch weil die Mutter gar nicht daran denkt, irgendwelchen hergelaufenen, maskierten Verbrechern die Juwelen zu geben, geht schief – und dann bröckelt die heile Fassade der Familie verdammt schnell ab.

Mit seinem letzten Film drehte Sidney Lumet, nach einigen schwächeren Werken, mit einer Familientragödie noch einmal so richtig voll auf. Er seziert, wieder einmal, die Kehrseite des amerikanischen Traums anhand. Dieses Mal am Beispiel einer ziemlich kaputten, weißen Mittelstandsfamilie.

Der Pitch war vielleicht: „Family Business“, aber ohne Lacher.

„Tödliche Entscheidung“ ist ein feiner Noir und, kein Wunder bei der Besetzung, großes Schauspielerkino. Ein potentieller Klassiker.

mit Philip Seymour Hoffman, Ethan Hawke, Albert Finney, Marisa Tomei, Aleksa Palladino, Michael Shannon, Amy Ryan, Sarah Livingston, Brían F. O’Byrne, Rosemary Harris

Wiederholung: Sonntag, 22. Februar, 01.15 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Französische Homepage zum Film

Wikipedia über „Tödliche Entscheidung“ (deutsch, englisch)

Film-Zeit über „Tödliche Entscheidung“

Rotten Tomatoes über “Tödliche Entscheidung”

Die Zeit: Katja Nicodemus trifft Sidney Lumet (12. April 2008)

Mein Nachruf auf Sidney Lumet (25. Juni 1924 – 9. April 2011)


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