Alte Texte von Ulf Miehe und Philip K. Dick, neu aufgelegt

Oktober 15, 2014

Miehe - Lilli Berlin - Rotbuch 2014 - 2Dick - Marsianischer Zeitsturz - Fischer 2014 - 2

Dick - Ubik - Fischer 2014 - 2Dick - Der dunkle Schirm - Fischer 2014 - 2

Ältere Fans von Ulf Miehe und Philip K. Dick und passionierte Antiquariate-Besucher dürften diese Werke schon in ihrem Regal stehen haben. Obwohl ich die Werke von Philip K. Dick (1928 – 1982) und Ulf Miehe (1940 – 1989) eher selten in Antiquariaten entdecke. Anscheinend behalten die Menschen, die deren Werke gekauft haben, sie. Was für die Qualität ihrer Bücher und für eine Neuauflage spricht. Denn niemand sollte der Zugang zu guten Büchern verwehrt werden.
Von Ulf Miehe, dessen grandioser Gangsterthriller „Puma“ in den vergangenen Jahren mehrmals mit verschiedenem Bonusmaterial erschien, erschien jetzt bei Rotbuch sein dritter Kriminalroman „Lilli Berlin“. In dem Roman erzählt er die Geschichte von Rick Jankowski, der als Mörder gesucht wird und weil der Roman in Berlin um 1980 spielt, dürfte er auch mit Vorwende-Lokalkolorit gesättigt sein.
In der aktuellen Ausgabe von „Lilli Berlin“ sind auch ein neues Nachwort von Rainer Weiss, seinem damaligem Lektor, eine Bio- und Bibliographie und einige Gedanken von Ulf Miehe über den deutschen Kriminalroman enthalten.
Jetzt fehlt nur noch Miehes erster Kriminalroman „Ich hab noch einen Toten in Berlin“, der erstmals 1973 erschien und derzeit nur antiquarisch erhältlich ist. Falls überhaupt.
Philip K. Dick, der Mann, der die Vorlage für „Blade Runner“ schrieb, ist einer der legendären Science-Fiction-Autoren, dessen Hauptwerk in den vergangenen Jahren gut erhältlich war. Einige Bücher, wie das mit dem Hugo Award ausgezeichnete „Das Orakel vom Berge“ (in dem die Nazis und die Japaner den zweiten Weltkrieg gewannen), erschien in mehreren Übersetzungen, zuletzt im Heyne-Verlag, der sich liebevoll um sein Werk kümmert.
Der Fischer-Verlag legte jetzt in seiner Klassik-Reihe den zweiten Schwung von Philip-K.-Dick-Reprints vor. Es sind „Marsianischer Zeitsturz“, „Ubik“ und „Der dunkle Schirm“. Immer in den gut erhältlichen Heyne-Übersetzungen, allerdings nicht immer mit den Nachworten, die es bei den neueren Heyne-Ausgaben gab.
In „Marsianischer Zeitsturz“ ist der Mars besiedelt, das Leben dort ähnelt dem auf der Erde und Arnie Kott, der mächtigste Mann auf dem Mars, will noch mächtiger werden. Dabei soll ihm ein geistesgestörter Junge, der durch die Zeit reisen und sie nach seinen Vorstellungen verändern kann, helfen. Paul Williams schrieb über den Roman: „’Marsianischer Zeitsturz‘ repräsentiert (…) auf einzigartige Weise Dicks Gesamtwerk und seine Genialität.“
In „Ubik“ ist der Mond besiedelt, die Erde zerfällt, Dinge reisen in ihre Zeit zurück und wir fragen uns, was Realität ist.
In „Der dunkle Schirm“ (2006 von Richard Linklater verfilmt) nimmt ein Undercover-Polizist eine neue Droge und plötzlich beginnen seine Identitäten gegeneinander zu kämpfen.
Christian Gasser schreibt in seinem Nachwort über den zwischen 1972 und 1975 geschriebenen, 1977 veröffentlichten Roman: „einer der großen amerikanischen Romane über das Ende der Utopien der Sechziger und die Entzauberung der Drogenmythologie, (…) würde schon lange in einem Atemzug mit den Werken von William S. Burroughs‘ und Thomas Pynchons genannt werden“ wenn er damals nicht als Science-Fiction-Roman erschienen wäre.
Tja, nun: Kaufbefehl. Kaufbefehl. Kaufbefehl. Kaufbefehl.
Oh, und bei „A scanner darkly – Der dunkle Schirm“ gibt es noch einen Sehbefehl. Allein schon die Schauspieler. Und dann noch die Optik.

Ulf Miehe: Lilli Berlin
Rotbuch 2014
224 Seiten
14,95 Euro

Erstausgabe
Piper, 1981

Philip K. Dick: Marsianischer Zeitsturz
(übersetzt von Michael Nagula)
Fischer Klassik, 2014
288 Seiten
9,99 Euro

Reprint der Heyne-Übersetzung.

Originalausgabe
Martian Time-Slip
Ballantine Books, 1964

Philip K. Dick: Ubik
(übersetzt von Renate Laux)
Fischer Klassik, 2014
224 Seiten
9,99 Euro

Reprint der Heyne-Übersetzung.

Originalausgabe
Ubik
Doubleday & Company, 1969

Philip K. Dick: Der dunkle Schirm
(übersetzt von Karl-Ulrich Burgdorf, durchgesehen und überarbeitet von Alexander Martin)
(mit einem Nachwort von Christian Gasser [2003])
Fischer Klassik, 2014
336 Seiten
9,99 Euro

Reprint der Heyne-Übersetzung.

Originalausgabe
A scanner darkly
Doubleday & Company, 1977

Hinweise

Lexikon der deutschen Krimi-Autoren über Ulf Miehe

Wikipedia über Ulf Miehe

Meine Besprechung von Ulf Miehes „Puma“ (1976)

Ulf Miehe in der Kriminalakte

Homepage von Philip K. Dick

Meine Besprechung von Len Wisemans Philip-K.-Dick-Verfilmung „Total Recall“ (Total Recall, USA 2012)

Philip K. Dick in der Kriminalakte

 


Ulf Miehes „Puma“ ist wieder da

April 7, 2010

Puma“ liest sich wie – je nach Betrachtung – die Vorlage für einen Film von Jean-Pierre Melville mit Lino Ventura in der Hauptrolle oder dem Roman zu einem Film von Jean-Pierre Melville mit Lino Ventura in der Hauptrolle. Es ist eine klassische Noir-Geschichte vom großen Coup, der schiefgeht. Und es ist eine illusionslose Gangstergeschichte, die unverkennbar im Deutschland der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts spielt, aber nichts mit dem damals populären Soziokrimi gemein hat.

Zuletzt erschien der Roman, quasi zu Miehes zehntem Todestag (13. Juli 1989), als fünfter Band der von Martin Compart herausgegebenen „DuMont Noir“-Reihe. Wie bei den meisten anderen Bänden der viel zu kurzlebigen Reihe enthielt der Krimi einen informativen Anhang, der mit über sechzig Seiten sogar ungewohnt üppig ausgefallen war.

Jetzt gibt es, quasi zu Miehes siebzigstem Geburtstag (11. Mai 1940), wieder bei DuMont, eine Neuauflage von „Puma“ und wieder spendierte der Verlag dem Roman einen üppigen Anhang. Der gut fünfzigseitige Anhang der Neuausgabe unterscheidet sich, bis auf die Filmographie und die leicht aktualisierte Bio-/Bibliographie, stark von dem früheren Anhang.

Es gibt ein Interview mit Angelika Miehe über ihren Mann und lesenswerte Essays über Ulf Miehe von Peter Henning, Walter Adler, D. B. Blettenberg (über einen geplanten gemeinsamen Film), Manfred Sarrazin und Walter Fritzsche.

In der schon lange vergriffenen Ausgabe in der „DuMont Noir“-Reihe gibt es dagegen zahlreiche Briefe und Statements von Ulf Miehe zur in den Siebzigern geplanten Verfilmung von „Puma“, Pressestimmen zu dem 1976 beim Publikum und der Kritik sehr erfolgreichen Roman, Interviews mit Miehe, eine Reportage von 1987 zu Miehes zweitem Kinofilm „Der Unsichtbare“ und einen siebzehnseitigen Text von Rolf Giesen über das filmische Schaffen von Ulf Miehe als Regisseur und Autor (unter anderem zwei Münchner Kommisar-Lenz-Tatorte, zwei „Der Fahnder“-Folgen, „Verflucht dies Amerika“ und „Jaider, der einsame Jäger“).

Der Roman ist über jeden Zweifel erhaben und gehört wenigstens einmal in jedes gutsortierte Buchregal. Wer sich für das Bonusmaterial interessiert, muss sich beide Ausgaben kaufen. Denn es ist beide Male informativ. Aber vielleicht gibt es irgendwann auch ein Buch, in dem Texte zu Ulf Miehe gesammelt werden.

Und, wenn wir schon beim Wünschen sind, Ulf Miehes drei anderen Romane, „Ich hab noch einen Toten in Berlin“, „Lilli Berlin“ und sein Roman zum Film „Der Unsichtbare“ sollten auch mal wieder veröffentlicht werden.

Ulf Miehe: Puma

DuMont, 2010

480 Seiten

11,95 Euro

Erstausgabe

Piper Verlag, 1976

Hinweise

Lexikon der deutschen Krimi-Autoren über Ulf Miehe

Wikipedia über Ulf Miehe


TV-Tipp für den 27. Februar: Tatort: Gegenspieler

Februar 27, 2016

HR, 21.40
Tatort: Gegenspieler (Deutschland 1987, Regie: Reinhard Schwabenitzky)
Drehbuch: Ulf Miehe, Klaus Richter
Der vorbestrafte Jürgen Koch gibt den Überfall auf eine Tankstelle zu. Aber mit der späteren Fahrerflucht will er nichts zu tun haben. Kommissar Lenz sucht den Mörder.
Der letzte Auftritt von Helmut Fischer als Kommissar Lenz ist eine ironisch erzählte Geschichte über einen kleinen Gauner, Gaunereien, einen Mord, Zufälle, Schicksal und einer seiner besten Fälle.
Das Team Schwabenitzky/Miehe/Richter ist auch für den ebenso gelungenen, vorletzten Lenz-Tatort „Die Macht des Schicksals“ verantwortlich.
Mit Helmut Fischer, Georg Einerdinger, Henner Quest, Rolf Castell, Uschi Wolff, Karl Michael Vogler, Johanna von Koczian, Max Tidof

Hinweise

Tatort-Fundus über Kommissar Lenz

Lexikon der deutschen Krimi-Autoren über Ulf Miehe

Wikipedia über Ulf Miehe

Meine Besprechung von Ulf Miehes „Puma“

Meine Besprechung von Ulf Miehes „Lilli Berlin“

Ulf Miehe in der Kriminalakte


Die KrimiZeit-Bestenliste Oktober 2014

September 25, 2014

Ohne pompöse Einleitung: die Empfehlungsliste der KrimiZeit-Kritiker für den Oktober:
1 (2) Orkun Ertener: Lebt
2 (8) Wolf Haas: Brennerova
3 (-) Franz Dobler: Ein Bulle im Zug
4 (-) Liza Cody: Lady Bag
5 (6) Nic Pizzolatto: Galveston
6 (1) Mike Nicol: Black Heart
7 (7) Carlo Lucarelli: Bestie
8 (10) Chloe Hooper: Die Verlobung
9 (9) Howard Linskey: Gangland
10 (-) Zoran Drvenkar: Still

In ( ) ist die Platzierung vom Vormonat.

Hmhm, also einiges liegt auf meinem Lesestapel. Von Nic Pizzolatto habe ich die Tage „True Detective“ gesehen und ich fand die Serie nicht so gut, wie gesagt wird. Ehrlich gesagt musste ich mich sogar ziemlich durchquälen. Und dann habe ich noch Gillian Flynns „Gone Girl – Das perfekte Opfer“ gelesen. Als Vorbereitung für die Verfilmung von David Fincher. Nun, den Roman fand ich auch nicht so gut, wie gesagt wird. Ich fand die Story auch nicht sonderlich überraschend und mit gut sechhundert Seiten ist das Werk deutlich zu lang geraten.
Aber immerhin liegen die neuen Werke von Stephen King, Ian Rankin und James Lee Burke („Regengötter“ erscheint am 20. Oktober) bei mir rum und da bin ich sehr zuversichtlich.
Oh, und Ulf Miehes „Lilli Berlin“ wurde wieder veröffentlicht.


TV-Tipp für den 29. Mai: Tatort: Die Macht des Schicksals

Mai 29, 2013

 

WDR, 23.05

Tatort: Die Macht des Schicksals (D 1987, R.: Reinhard Schwabenitzky)

Drehbuch: Ulf Miehe, Klaus Richter

Ein falscher Polizist nimmt gutgläubige Rentner aus. Als es dabei Tote gibt, muss der echte Polizist Lenz ermitteln.

Hübsche kleine, pointiert erzählte Geschichte.

Mit Helmut Fischer, Georg Einerdinger, Henner Quest, Rolf Castell, Gunnar Möller, Hans Clarin, Sebastian Koch

Hinweise

Tatort-Fundus über Kommissar Lenz

Lexikon der deutschen Krimi-Autoren über Ulf Miehe

Wikipedia über Ulf Miehe

Meine Besprechung von Ulf Miehes „Puma“

Ulf Miehe in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 30. Juni: Parole Chicago

Juni 30, 2010

Eins Festival, 21.20

Parole Chicago: Die Sache mit dem Ohrring/Ein todsicherer Trick (D 1980, R.: Reinhard Schwabenitzky)

Drehbuch: Heiner Schmidt

LV: Henry Slesar: Ruby Martinson (Ruby Martinson – 14 Geschichten um die größten erfolglosen Verbrecher der Welt erzählt von einem Freunde)

Mal wieder ein Griff in das Senderarchiv. „Parole Chicago“ ist eine dreizehnteilige Gaunerserie, die wahrscheinlich eher „komisch gemeint“ als „komisch“ ist und an die ich mich absolut nicht erinnern kann.

In der im Berlin der zwanziger Jahre spielenden Serie versuchen die beiden blöden Kleinkriminellen Harry und Ede mit genialen Raubzügen ihr Geld zu verdienen und fallen dabei regelmäßig auf die Schnauze.

Macher Reinhard Schwabenitzky inszenierte auch einige Didi-Filmen (keine Empfehlung) und die beiden Münchner „Tatorten“ „Die Macht des Schicksals“ und „Gegenspieler“ (Empfehlung, weil Ulf Miehe die Bücher schrieb).

Parole Chicago“ war einer der ersten Filmauftritte von Christoph Waltz.

Mit Gottfried Vollmer, Christoph Waltz, Monika John, Susanne Herlet, Joachim Wichmann

Wiederholungen

Samstag, 3. Juli, 17.55 Uhr (beide Folgen)

Sonntag, 4. Juli, 14.15 Uhr (beide Folgen)

Hinweise

Eins Festival über „Parole Chicago“ (wenig Text, aber acht Bilder)

Fernsehserien über „Parole Chicago“

Wikipedia über „Parole Chicago“


Im Verhörzimmer: D. B. Blettenberg über „Murnaus Vermächtnis“

Mai 19, 2010

Unter den Krimiautoren ist der deutsche D. B. Blettenberg der Globetrotter. Seine inzwischen elf Romane spielen in Afrika, Asien, Südamerika, Florida und Berlin. Für jeden Roman war er, oft als Entwicklungshelfer, länger in den Ländern. Auch in Ghana, dem Schauplatz seines neuesten und umfangreichsten Romans „Murnaus Vermächtnis“, arbeitete er.

Der Krimi (ein verniedlichendes Wort, das Blettenberg nicht mag; er fragt sich auch, ob „Murnaus Vermächtnis“ überhaupt ein Kriminalroman ist) ist, wie Blettenbergs andere Werke, ein kurzweiliges und sehr informatives Vergnügen. Denn er möchte nicht nur unterhalten, sondern auch Wissen vermitteln, ohne dabei eine bestimmte Weltsicht zu predigen. Als 1981 sein erster Roman „Weint nicht um mich in Quito“ erschien, wurde das mit dem gut dotierten Edgar-Wallace-Preis ausgezeichnete Werk von einigen Kritikern als das Ende des Soziokrimis gefeiert. Denn bereits in seinem Debütroman orientierte er sich vor allem an den Größen der angloamerikanischen Polit-Thriller-Riege, wie Eric Ambler und Ross Thomas.

Dieser Einfluss ist auch in seinem neuesten Werk „Murnaus Vermächtnis“ spürbar. Der Erzähler Victor Voss ist als Vierzigjähriger in Ghana gestrandet. Er war bei der Fremdenlegion, schreibt jetzt ein Buch und spielt Fremdenführer. Jetzt bittet Albin Grau ihn, ihn in die Voltaregion zu fahren. Schon auf der Hinfahrt kommt es zu einer Konfrontation mit dem cholerischen William und Grau wird ermordet. Zurück in Accra wird seine mütterliche Freundin Vera, die an einem Buch über Friedrich Wilhelm Murnau arbeitete, ermordet und alles hängt mit dem am 11. März 1931 bei einem Autounfall tödlich verunglückten Regisseur zusammen. Denn unter Filmfanatikern werden für Kopien seiner verschollenen Filme hohe Preise gezahlt. Anscheinend ist einer dieser verschollenen Filme in der Voltaregion.

Voss ist auf den ersten Buchseiten, wie der klassische Ambler-Held, der Spielball in einem Spiel, in das er gegen seinen Willen hineingestoßen wird, das er nicht überblickt und bei dem er froh sein kann, wenn er überlebt. Später wird deutlich, dass Voss viel stärker involviert ist, als er zunächst glaubte und dass er gerade wegen seiner Vergangenheit (Nein, nicht die Zeit bei der Fremdenlegion.) von Albin Grau als Führer engagiert wurde.

Die Ursprünge von „Murnaus Vermächtnis“

Die erste Idee für den Roman hatte Blettenberg, wie er mir Anfang Mai in einem ausführlichen Interview erzählte, allerdings nicht vor sechs Jahren in Ghana, sondern bereits in den frühen Neunzigern in Managua, der Hauptstadt von Nicaragua. Dort las er in der Wochenendbeilage der Berliner Morgenpost, anlässlich einer Arte-Dokumentation, einen Artikel über Friedrich Wilhelm Murnau und seinen letzten Film „Tabu“, den dieser mit Ureinwohnern auf einer Südseeinsel drehte. Das Murnau-Porträt mit dem an einer Schreibmaschine sitzenden Regisseur erinnerte ihn an den mit ihm befreundeten Regisseur Peter Keglevic („Der Bulle und das Mädchen“). Blettenberg arbeitete an den Drehbüchern für die Keglevic-Filme „Vickys Alptraum“ und „Falling Rocks“ mit.

Zufällig sah er kurz darauf in einem regionalen Sender, der sonst nur ein uninteressantes Programm brachte, Keglevics Spielfilm „Der Skipper“ (der für diese Ausstrahlung kein Geld erhielt. Murnau war in Mexiko mit einer illegalen Vorführung eines seiner Filme konfrontiert.). Bei einem Telefongespräch unterhielt er sich mit Keglevic darüber.

Zurück in Deutschland sah er dann die Dokumentation, recherchierte über Murnau und überlegte, ob er, wie Jörg Fauser es mit Marlon Brando getan hatte, über den Stummfilmregisseur eine subjektive Biographie schreiben sollte.

Aus der Idee wurde nichts und der Murnau-Artikel wanderte in Blettenbergs Archivbox.

2003/2004 arbeitete Blettenberg als Landesdirektor für den Deutschen Entwicklungsdienst in Ghana. Im Gegensatz zu seinen früheren Auslandsaufenthalten wollte er zuerst kein in Ghana spielendes Buch schreiben.

Er traf King Ampaw. Ampaw ist in Ghana ein bekannter Regisseur. Zuletzt inszenierte er den auch in deutschen Kinos gelaufenen Spielfilm „No Time to die“. Außerdem hatte Ampaw in Werner Herzogs Bruce-Chatwin-Verfilmung „Cobra Verde“, neben Klaus Kinski, eine Hauptrolle.

Bereits acht Jahre vor „Cobra Verde“ drehte Werner Herzog mit Klaus Kinski „Nosferatu – Phantom der Nacht“, ein fast bildgenaues Remake von Murnaus stilbildendem Horrorfilm „Nosferatu, eine Symphonie des Grauens“, der auf Bram Stokers „Dracula“ basiert.

Die Voltaregion, das ehemalige Deutsch-Togo, in der auch wichtige Teile des Romans „Murnaus Vermächtnis“ spielen, faszinierte Bletteberg in Ghana am meisten. Einerseits wegen der Landschaft, andererseits weil dort noch Juju (eine Form des Voodoo) praktiziert wird.

Er las viel über die Kolonialgeschichte. So erfuhr er von der Segelschule als Teil der deutschen Entwicklungshilfe. Er informierte sich über die Geschichte von Ghana und über Jerry John Rawlings, der von 1981 bis 2001 der Präsident von Ghana war und der „Che Guevara von Westafrika“ (Blettenberg) ist. Er durchstöberte die Antiquariate nach Büchern und Freunde empfahlen ihm Bücher über Rawlings und die Militärdiktatur, die es nur in Ghana gibt und auch dort teilweise nicht mehr erhältlich sind.

Es kam über die Jahre also einiges zusammen und irgendwann packte Blettenberg der Ehrgeiz, eine Geschichte zu erzählen, die die auf den ersten Blick nicht zusammenpassenden Elemente Ghana und Murnau miteinander verbindet. Das gelang ihm mit dem Thema Tabus und Tabubrüche.

Gleichzeitig wollte er sich verschiedener Genres bedienen und ein Schauerelement sollte enthalten sein. Er selbst nennt den Roman auch Tropical Noir oder Tropical Gothic. Die meisten seiner Romane würde er Abenteuer-Politthriller nennen. „Barbachs Bilder“ als sein Non-Maigret sei die große Ausnahme.

Das Schreiben von „Murnaus Vermächtnis“

Bevor er mit dem Roman bekann, schrieb er eine 120-seitigen Murnau-Biographie. „Bis jetzt gibt es – außer einem schmalen Buch von Lotte Eisner aus dem Jahr 1967 – keine Murnau-Biographie.“

Die Passagen über Friedrich Wilhelm Murnau in „Murnaus Vermächtnis“ sind, weil sie auf Tatsachen basieren, in der dritten Person geschrieben. Blettenberg übernahm große Teile seiner Murnau-Biographie in den Roman.

Die Geschichte von Victor Voss ist dagegen in der ersten Person Singular geschrieben. Für die Ich-Perspektive habe gesprochen, dass Voss immer am Ort des Geschehens ist (Ein Problem beim Konstruieren vieler Geschichten ist, dass der Autor dafür sorgen muss, dass der Ich-Erzähler entweder selbst am Ort des Geschehens ist oder ihm jemand anderes die wichtigen Informationen erzählt, ohne dass die Geschichte langweilig wird. Das ist gar nicht so einfach.) und es um Tabuverletzungen geht. Es geht um moralische Grauzonen und das Verdrängen von unangenehmen Erinnerungen.

Das kann nur in der ersten Person erzählt werden. Sonst wirkt es schnell künstlich“, so Blettenberg. Denn sein Erzähler muss sich seiner Vergangenheit stellen. So wird Voss, nachdem er auf den ersten Seiten noch der normale, austauschbare Ich-Erzähler, der, ähnlich einem Detektiv oder Reporter, vor allem durch die Geschichte führen soll, immer mehr zu einem komplexen Charakter, der sich auch mit den Tabus, gegen die er in der Vergangenheit verstieß, und den moralischen Grauzonen, in die er sich so begab, stellen muss.

Eine Folge dieser Entscheidung war, so Blettenberg, dass das Buch, auch wegen der komplexen Geschichte, mindestens zweihundert Seiten dicker werde und er über vierhundert Seiten schreiben werde. Das wusste er von Anfang an. Die erste Fassung hatte dann neunhundert Seiten.

Beim Schreiben versucht Blettenberg einen Kompromiss zwischen Planung und Improvisation zu finden.

Vor dem Schreiben entwirft er einen Plot. Aber es ist nicht alles geplant und er lässt die Charaktere auch ihre eigenen Entscheidungen treffen. Außerdem beschäftigt er sich mit einigen Fragen erst, wenn sie entschieden werden müssen. So informierte er sich erst relativ spät über die Archivierung von Filmen und er war erstaunt, wieviel Platz ein Spielfilm benötigt.

Auch werden einige Charaktere im Lauf des Schreibens zunehmend wichtiger. So war der schweizer Saft- und Marmeladenfabrikant zunächst nur ein Charakter, der in der Abafun Lodge für einen glaubwürdigen Hintergrund sorgte. „Später ist mir aufgefallen, dass er die Lösung für ein Problem, das ich hatte, war“, erzählt Blettenberg.

Ich habe eine gewisse Sicherheit, dass ich gut rauskomme“, fährt er fort. Dennoch kann es sein, dass er, wenn er gute Ideen hat, die zweite Hälfte komplett neu aufbaut.

Während des Schreibens verwirft er selbstverständlich einige Ideen, wie einen Tauchgang von Voss. Andere Szenen streicht er, nachdem er das Manuskript abgeschlossen hat. So hatte er in einer früheren Fassung die komplette 30-seitige Synopse von Murnaus verschollenem „Four Devils“ aufgenommen.

Einige seiner Testleser hielten diese Passage für zu lang. „Andere sagten, ich solle keine Zeile des 900-seitigen Manuskripts streichen.“ Aber weil er einen Roman und keine filmhistorische Abhandlung schreiben wollte, kürzte er die Inhaltsangabe von „Four Devils“ auf wenige Zeilen ein. Auch einige Passagen aus Murnaus Leben und seinem Umfeld, die in seiner Murnau-Biographie standen, sind – falls er sie überhaupt in eine frühere Fassung aufgenommen hatte – vor dem Druck von ihm gestrichen worden.

Am Ende erstellte er, wegen der Länge von „Murnaus Vermächtnis“, den Prolog, den er „Aufblende“ nannte. „Es ist ein Versprechen und Einstimmung auf die Geschichte.“

Die Einteilung in vier Akte, eine Auf- und Abblende machte er nach dem Schreiben. Sie weist noch einmal darauf hin, dass es in dem Buch um Filme, vor allem Stummfilme, die noch in Akte (vulgo Filmspulen), unterteilt waren, geht.

D. B. Blettenbergs Lektüre

Mit meiner traditionellen Abschlussfrage nach fünf Büchern für den nächsten Urlaub stellte ich D. B. Blettenberg dann vor ungeahnte Probleme. In den vergangenen Monaten hatte er vor allem Sachbücher für seinen nächsten Roman gelesen und er wollte mir unbedingt Bücher empfehlen, die ich noch nicht gelesen hatte. Nach längerem Überlegen nannte er:

– Hugh R. Trevor-Roper: Der Eremit von Peking

– Albert Sánchez Pinol: Pandora im Kongo

– Ulf Miehe: Puma

– Hans Herbst: Mendoza

– Charles McCarry: Christophers‘ Ghost

Als wir dann zur Bücherwand gingen, zeigte er mir die Bücher seiner Lieblingsautoren, die ihn teilweise um die halbe Welt begleiteten. Elmore Leonard, Eric Ambler, Carl Hiaasen („Ich kann von ihm allerdings nur ein halbes Buch lesen. Dann wird es mir zu viel.“), James W. Hall, Brian Freemantle, Ted Allbeury, Len Deighton, Charles McCarry, Alan Furst, James Lee Burke, James Ellroy (mit einer persönlichen Widmung), Ed McBain („Ein Meister des Dialogs.“), Natsuo Kirino, Dennis Lehane, Michael Connelly, Tony Hillerman, Maj Sjöwall/Per Wahlöö, etwas Mickey Spillane, zwei Keller-Romane von Lawrence Block („Mehr kenne ich noch nicht von ihm.“), und die Geschenkausgabe von Elmore Leonards „Ten Rules of Writing“.

D. B. Blettenberg: Murnaus Vermächtnis

Dumont, 2010

576 Seiten

19,95 Euro

Hinweise

Homepage von D. B. Blettenberg

Meine Besprechung von D. B. Blettenbergs „Land der guten Hoffnung“

Meine Besprechung von D. B. Blettenbergs „Murnaus Vermächtnis“

Wikipedia über D. B. Blettenberg

Lexikon der deutschen Krimiautoren über D. B. Blettenberg

Krimi-Couch über D. B. Blettenberg


Cover der Woche

Mai 11, 2010

Ulf Miehe (11. Mai 1940 – 13. Juli 1989)

D. B. Blettenberg über Ulf Miehe (Titel-Magazin, Erstabdruck in der 2010er-Neuausgabe von „Puma“)

Meine Besprechung von Ulf Miehes „Puma“


Tatort-Romane – zum Zweiten

November 24, 2009

Neben den Kölner „Tatorten“ wird normalerweise dem Münchner „Tatort“ ein konstant hohes Niveau attestiert. Doch während die Kölnern einen Hang zum penetranten Moralisieren haben, behandeln die Münchner auch schwierige Themen mit einem guten Gespür für die Münchner Eigenheiten und ohne den hocherhobenen moralischen Zeigefinger. Daran haben, für das aktuelle Team, renommierten Regisseure, wie Dominik Graf, Josef Rödl und Hanns Christian Müller, und, schon seit Jahrzehnten ,die Drehbuchautoren, die öfters auch erfolgreiche Krimiautoren sind, beigetragen. Herbert Rosendorfer, Michael Molsner, Peter Hemmer, Herbert Riehl-Heyse, Ulf Miehe, Robert Hültner und auch Friedrich Ani schrieben Drehbücher für die Münchner Kommissare.

Der Letztgenannte schrieb auch das Drehbuch für den Whodunit „A gmahde Wiesn“ in dem die Kommissare Franz Leitmayr und Ivo Batic, kurz vor dem Beginn des Oktoberfestes, den Mord an Stadtrat Hubert Serner aufklären müssen. Serner war ein Casanova und hatte bei der Vergabe der sehr einträglichen Lizenzen für die Wiesn das letzte Wort. Weil, neben Sex, Geld immer ein gutes Mordmotiv ist, sehen die beiden Kommissare sich die Wiesn-Wirte und ihre erfolglosen Konkurrenten an.

Das Tätersuchspiel ist nur der rote Faden für eine Liebeserklärung an Münchens größtes Volksfest und eine feine Soziographie des Millionengeschäftes Oktoberfest.

Denn Ani will in erster Linie ein Milieu erkunden. Dabei kann er dieses Mal, im Gegensatz seinen ebenfalls sehr gelungenen Münchner „Tatorten“ „Das Glockenbachgeheimnis“ und „Und dahinter liegt New York“, auch für die touristischen Seiten seiner Heimatstadt werben. Im Film führt das zu einigen länglichen Monologen, in denen die städtischen Lizenzvergeber, Wirte und Schausteller das nötige Hintergrundwissen über die ökonomischen Aspekte des Oktoberfestes vermitteln. Im Roman fallen diese Monologe nicht mehr ins Gewicht. Und die Sympathie für die kleinen Leute schimmert in Martin Schüllers Romanfassung vielleicht sogar etwas stärker als im Film durch. „A gmahde Wiesn“ ist, wie von den Münchner gewohnt, ein guter Krimi.

Der Bremer „Tatort“ wagte, sicher auch weil viel weniger Folgen gedreht werden, in den vergangenen Jahren immer wieder Experimente. Es gab sterbenslangweilige Whodunits, gelungene Milieustudien, ergreifende Fallstudien, in denen Kommissarin Inga Lürsen nur noch eine Nebenrolle hatte, eine tolle Aufarbeitung von „1968“, eine überflüssige von „9/11“ und packende Thriller.

Strahlende Zukunft“ ist sogar – eine Seltenheit im deutschen TV – ein Politthriller, der die Verflechtungen von Politik und Wirtschaft ziemlich genau durchleuchtet und auf ein einfaches Happy-End verzichtet.

Denn Kommissarin Inga Lürsen kämpft an zwei Fronten. Einerseits versucht sie Daniel Vegener, der mit ihrer Dienstwaffe flüchtete, von einer Dummheit abzuhalten. Er möchte beweisen, dass seine Mutter Sandra Vegener nicht verrückt war, als sie auf dem Marktplatz Richter Weller überfuhr und sich anschließend umbrachte. Sie war in der Psychiatrie eingewiesen worden, nachdem sie, zunehmend fanatisch, nach dem Leukämietod ihrer Tochter gegen die Sendemasten der Telefongesellschaft 2wave protestierte und behauptete, dass sie mit Strahlen in den Wahnsinn getrieben werden solle. Lürsen die ihr damals nicht geholfen hatte, möchte jetzt beweisen, dass die Anschuldigungen von Sandra Vegener stimmen. Aber 2wave hat weltweite Verbindungen und ist auch an einem polizeilich-militärischem Forschungsprojekt, das von Bremer Senat gefördert wird, beteiligt.

Während Lürsen den amoklaufenden Jungen sucht, versucht die Telefongesellschaft 2wave alles, um ihre Geschäfte zu sichern. Ein Menschenleben ist dabei nur eine Variable in ihrer Kostenrechnung.

Die Story hat, wenn der junge Vegener, der Killer der Firma und Kommissarin Lürsen die gleiche Beute verfolgen, eine in deutschen Krimis viel zu seltene Thriller-Spannung.

Allerdings erscheint die Reaktion von Lürsen auf den Tod von Vegener etwas übertrieben. Sie fühlt sich schuldig ihr vorher nicht geholfen zu haben und will jetzt unbedingt beweisen, dass die Selbstmörderin nicht verrückt war. Gleichzeitig, was allerdings inzwischen ein in den „Tatorten“ so gewohnter Mechanismus ist, dass es wahrscheinlich eine senderübergreifende Richtlinie dafür gibt, ist Lürsen ganz plötzlich, während der gesamten Folge, hochempört über die Gefahren von Handystrahlen und flippt vollkommen aus, als sie von den Forschungen für den Einsatz von nicht-tödlichen Waffen erfährt. Denn Lürsen glaubt, dass an Vegener eine sich offiziell noch in der Testphase befindende Waffe ausprobiert wurde, die mit Strahlen Menschen kampfunfähig machen kann.

Da wäre, wie so oft, etwas weniger folgenlose Empörung glaubwürdiger gewesen. Denn natürlich wirft Lürsen ihr Handy nicht weg und sie wird auch nicht zur Kämpferin gegen Handystrahlen.

Auch auf den Streit zwischen ihr und Stedefreund hätte ruhig verzichtet werden können. Denn dass die Kommissare während der Ermittlungen in wichtigen Fragen eine vollkommen gegensätzliche Meinung haben, und diese mit der lautstark-effekthascherischen Energie von Politikern in einer Talkshow austragen, ist inzwischen ein weiterer fester Bestandteil von jedem „Tatort“-Team, der so gehäuft einfach nur noch nervt. Früher, am Besten in den immer noch aktuellen Trimmel-“Tatorten“, wurde das viel besser gehandhabt.

Davon abgesehen ist „Strahlende Zukunft“ einer der gelungenen Bremer-“Tatorte“ und Christoph Ernsts Romanfassung eine flott gelesene Lektüre.

 

Fortsetzung folgt

 

Martin Schüller: A gmahde Wiesn

Emons, 2009

160 Seiten

8,95 Euro

Vorlage

Tatort: A gmahde Wiesn (D 2007)

Regie: Martin Enlen

Drehbuch: Friedrich Ani

mit Udo Wachtveitl, Miroslav Nemec, Michael Fitz, Monika Baumgartner, Franziska Schlattner, Georg Maier, Fred Stillkrauth, Joram Voelklein, Bettina Redlich, Michael Tregor, Philipp Sonntag, Christian Hoening, Anita Matija, Sabine Bach

Erstausstrahlung: 23. September 2007 (Folge 674)

Christoph Ernst: Strahlende Zukunft

Emons, 2009

160 Seiten

8,95 Euro

Vorlage

Tatort: Strahlende Zukunft (D 2007)

Regie: Mark Schlichter

Drehbuch: Christian Jeltsch

mit Sabine Postel, Oliver Mommsen, Winfried Hammelmann, Ulrich Noethen, Inka Friedrich, Constantin von Jascheroff, Peter Davor, Ann-Kathrin Kramer, Alexander Radszun

Erstausstrahlung: 26. August 2007 (Folge 671)

Hinweise

Kriminalakte: Gespräch mit Hejo Emons über die Tatort-Reihe

Kriminalakte: Tatort-Romane – zum Ersten (Oliver Wachlin: Blinder Glaube; Martin Schüller: Die Blume des Bösen)


Das Compart-Ding

August 29, 2007

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Das war zu erwarten gewesen. Ich meine, wir kennen Martin Compart. Seit vielen Jahren ist er ein scharfzüngiger Krimikritiker und gab verschiedene, vor allem unter Noir- und Hardboiled-Fans geschätzte Krimireihen bei Ullstein, Bastei-Lübbe und Dumont heraus. Dass er in seinem jetzt wiederveröffentlichten Debüt „Der Sodom-Kontrakt“ all seine Vorlieben und Obsessionen hineinpackt, wundert nicht.

Die wüste Story beginnt wie eines der von Compart geliebten Bücher. Der ehemalige Stasi- und BND-Agent Gill schlägt sich jetzt als Privatdetektiv durch. Er ist gerade damit beschäftigt ein Paar beim Sex zu fotografieren. Der Auftrag kommt von einem verheirateten Mann, der wissen möchte, ob ihn seine unverheiratete Freundin betrügt. Da ruft ihn sein alter Kumpel Brenner an und bietet ihm 500 Euro für eine Stunde Arbeit. Gill sagt zu und wenig später ist er in ein mehrere Grenzen überschreitendes Komplott verwickelt. Denn Brenner hat etwas entdeckt und fürchtet um sein Leben. Gill kann ihn vor seinen Verfolgern in ein Safehouse bringen. Aber Gill hat nicht aufgepasst. Wenig später bringen die Killer Schmidt und Schneider Brenner um und präsentieren der Polizei Gill als Mörder. Bevor die Polizei am Tatort erscheint, kann Gill flüchten. Er will jetzt herausfinden, warum sein Freund sterben musste. Gleichzeitig wird er von dem Killerpärchen und der Leiterin der Mordkommission, Alexa Bloch, verfolgt. Das ist erst der Anfang einer blutigen Hatz von Witten nach Brüssel und wieder zurück, bei der sich irgendwann auch Gills früherer Arbeitgeber beteiligt.

Wer Comparts literarische Vorlieben kennt, wird vom „Der Sodom-Kontrakt“ auch ohne den etwas marktschreierisch-falschen Untertitel „Ein politisch inkorrekter Anti-EU-Thriller“ keinen biederen Regionalkrimi erwarten. Hier ist alles so, wie wir es aus den harten amerikanischen Thrillern und ihren europäischen Epigonen Jean-Patrick Manchette, Jörg Fauser und Ulf Miehe kennen. Der Plot, die Charaktere, die Beschreibungen und der schwarze Humor – alles bekannt. Aber die deutschen und belgischen Handlungsorte sind dann für eine solche Geschichte doch neu und Martin Compart hat das alles souverän in Szene gesetzt.

Für die Neuauflage hat Compart sein Debüt zum Glück kaum überarbeitet. Damit spielt die Geschichte immer noch unüberlesbar zur Jahrtausendwende. Denn die zahlreichen Anspielungen auf die Bundesregierung, die EU-Politik, diverse Skandale und den damals Belgien erschütternden Fall Dutroux wären in einem nach 9/11 spielenden Roman unpassend. Deshalb muss Martin Compart unbedingt wieder in die Tasten hauen und einen „politisch inkorrekten 9/11-Thriller“ vorlegen.

 

Martin Compart: Der Sodom-Kontrakt – Ein politisch inkorrekter Anti-EU-Thriller

(vom Autor durchgesehen und für die Neuauflage bearbeitet)

Alexander-Verlag, 2007

336 Seiten

12,90 Euro

 

Erstausgabe: Strange Verlag 2001

 

Evolver-Interview von 2000 mit Martin Compart:

http://www.evolver.at/site/story.php?id=9251&page=1

Alexander Verlag über Martin Compart:

http://www.martincompart.de/


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