„King of Cool – Die Elmore-Leonard-Story“, erzählt von Frank Göhre und Alf Mayer

März 18, 2019

Heute sagt man wohl: ein Buch über den Erfinder von „Justified“. Obwohl die TV-Serie bei uns kein großer Erfolg war. Vor zwanzig Jahren hätte man gesagt: ein Buch über den Autor von „Schnappt Shorty“, „Jackie Brown“ und „Out of Sight“. Vor dreißig, vierzig Jahren war Elmore Leonard dagegen vor allem ein unter Krimifans angesehener Krimiautor.

Leonard (11. Oktober 1925 – 20. August 2013) begann seine Schriftstellerkarriere in den frühen fünfziger Jahren als Autor von Westernkurzgeschichten. Später schrieb er mehrere Western-Romane und ab 1969 vor allem Kriminalromane. Insgesamt schrieb er 44 Romane. Seine Erzählungen erschienen in mehreren Sammelbänden. Auch wenn einige seiner Figuren in mehreren Romanen auftauchen, handelt es sich mehr um eine Namensgleichheit als um eine Serie oder eine direkte Fortsetzung des ersten Romans. Die wenigen Ausnahmen bestätigen diese Regel.

Frank Göhre und Alf Mayer haben jetzt ein Buch über Elmore Leonard geschrieben. Frank Göhre ist Krimi-Autor, der in seinen Noirs die Geschichte von Hamburg und, vor allem, dem Stadtteil St. Pauli erzählt. Seine St.-Pauli-Trilogie „Der Schrei des Schmetterlings“, „Der Tod des Samurai“ und „Der Tanz des Skorpions“ (zuletzt bei Pendragon als „Die Kiez-Trilogie“ veröffentlicht) ist einer der unbestrittenen Höhepunkte des deutschen Kriminalromans. Wegen der Verfilmung von Sönke Wortmann dürfte sein Episodenkrimi „St. Pauli Nacht“ sein bekanntestes Werk sein. Er schrieb auch einige Drehbücher, unter anderem für die den Schimanski-Tatort „Einzelhaft“ und den Stoever-Tatort „Finale am Rothenbaum“ und er war an einer Friedrich-Glauser-Werkausgabe beteiligt.

Alf Mayer ist freier Journalist. Er war Redakteur der Zeitschrift „medium“, Direktor der Filmbewertungsstelle (FBW) und Textchef bei Manufactum. Seit 1984 schreibt er im Frankfurter Kulturmagazin „Strandgut“ die Krimi-Kolumne „Blutige Ernte“. Im „CulturMag“ betreut er das „CrimeMag“.

Zusammen schrieben sie schon das Sachbuch „Cops in the City – Ed McBain und das 87. Polizeirevier: Ein Report“ (2016).

Mit „King of Cool – Die Elmore-Leonard-Story“ nehmen sie sich einen weiteren Großen der US-Literatur vor. In den USA sind seine Bücher gut erhältlich. In Deutschland wurde er munter von Verlag zu Verlag weitergereicht. Einige seiner Bücher, vor allem die Western, wurden überhaupt nicht ins Deutsche übersetzt. Inzwischen sind die deutschen Ausgaben seiner Bücher vor allem antiquarisch erhältlich. Immerhin werden sie nicht zu Mondpreisen angeboten.

Damit ist auch klar, dass das Elmore-Leonard-Buch „King of Cool“ von Frank Göhre und Alf Mayer ein Werk von Fans für Fans ist.

Es ist, so die Herren Göhre und Mayer im Vorwort, „ein Mix aus Interviewäußerungen, Textpassagen, Nacherzählungen, Schlaglichtern, Bekenntnissen, Anekdoten, dazu Songs und Stimmen von außen, all das seinem Werk entlang aufgefächert, arrangiert wie eine große und vergnügliche Jamsession. Ein Leseabenteuer. Ein Lebensroman. Die Elmore-Leonard-Story.“

Bei ihrer Jamsession orientieren sie sich rudimentär an Leonards Biographie, setzen immer wieder Schwerpunkte bei bestimmten Werken, wobei die bekannten Verfilmungen und seine Arbeit in Hollywood einen großen Teil einnehmen. Quentin Tarantino nimmt selbstverständlich einen Ehrenplatz ein. Der obsessive Elmore-Leonard-Fan, der schon in seinem Debütfilm „Reservoir Dogs“ auf dem Leonard-Trip war, machte mit seiner grandiosen Leonard-Verfilmung „Jackie Brown“ (basierend auf dem Roman „Rum Punch“) Leonard Mitte der neunziger Jahre allgemein bekannt. Da geraten Barry Sonnenfelds „Schnappt Shorty“ (Get Shorty) und Steven Soderberghs „Out of sight“, beide nach Drehbüchern von Scott Frank, dem es ebenfalls gelang, Leonards Prosa auf die Leinwand zu übertragen, etwas aus dem Blickfeld.

Leonards sich über mehrere Jahrzehnte erstreckende Erfahrungen mit Hollywood, beginnend 1957 mit dem Western „Um Kopf und Kragen“ (The Tall T, basierend auf der Kurzgeschichte „The Captives“), liefern auch einige interessante und immer wieder amüsante Einblicke in den Maschinenraum der Traumfabrik. Zum Beispiel über Abel Ferraras Leonard-Verfilmung „Hexenkessel Miami“ (Cat Chaser).

Bei all den Verfilmungen und den Hollywood-Anekdoten und Lobpreisungen geraden Elmore Leonards Romane, vor allem die nicht verfilmten, etwas zu sehr in den Hintergrund. Trotzdem werden einige Romane wie „Cuba Libre“ (Cuba Libre) und seine in Detroit spielenden Romane, wie „Dies ist ein Überfall“/“Beute“ (Ryan’s Rules, später Swag) und „Nr. 89 – unbekannt“ (Unknown Man No. 89), ausführlicher vorgestellt.

Das weckt, wegen der Zitate aus den Krimis, bei langjährigen Leonard-Fans den Wunsch, mal wieder in seinen Büchern herumzublättern (was regelmäßig zu einer längeren Lektüre führt) und sich die wenigen guten Verfilmungen wieder anzusehen. Das sind, neben den schon erwähnten Leonard-Verfilmungen, eigentlich nur noch die auch in „King of Cool“ ausführlicher vorgestellten Western „Zähle bis drei und bete“ (3:10 to Yuma), „Man nannte ihn Hombre“ (Hombre), der Quasi-Western „Das Gesetz bin ich“ (Mr. Majestyk) und „52 Pick-Up“.

Ich schreibe „vorgestellt“ weil Frank Göhre und Alf Mayer Elmore Leonards Werk nicht kritisch würdigen. Bei den Filmen folgen sie dem allgemeinen Konsens und Elmore Leonards Meinung.

Auch wenn viele Anekdoten bekannt sind, gibt es für alte Leonard-Fans doch noch einige neue Informationen. Das sind jetzt nicht unbedingt die Informationen zu seinen Agenten, denen er immer lange die Treue hielt, seinem Einkommen, seinen Häusern und seinen Ehen, sondern die zu seinem Alkoholismus. In jungen Jahren soff er. Die Männer, mit denen er Geschäfte machte, ebenso. Irgendwann besuchte er ein Treffen der Anonymen Alkoholiker. „Da musste ich nur dasitzen und zuhören, und ich wusste, dass ich ein Alkoholiker war“, so Leonard. Am 24. Januar 1977 um 9.30 Uhr nahm er seinen letzten Drink. Einen Scotch mit Ginger Ale. In dem 1984 veröffentlichten Sammelband „The Courage to Change. Personal Conversations about Alcoholism“ erzählte er davon. Göhre und Mayer zitieren ausführlich aus diesem, bislang (soweit ich weiß) nicht übersetzten Text.

Und sie unterhielten sich mit Gregg Sutter. Er lernte Leonard 1979 kennen, schrieb 1980 für das Magazin „Monthly Detroit“ ein Porträt über Leonard und im Januar 1981 fragte Leonard ihn, ob er für ihn recherchieren möge. Seitdem arbeitete Sutter für Leonard und Leonard machte daraus niemals ein Geheimnis. In „King of Cool“ erzählt Sutter über seine Arbeit für Leonard und wie Leonard arbeitete.

King of Cool“ ist vor allem ein Buch für Elmore-Leonard-Fans, die bei den zahlreichen Zitaten aus Leonards Romanen kundig mit dem Kopf nicken und sich an den ganzen Roman erinnern. Für sie ist der essayistische Stil kein Problem. Immer wieder ignorieren sie die Chronologie. Sie setzten willkürlich Schwerpunkte (Warum schreiben sie so viel über „Cuba Libre“, so wenig über seine in den dreißiger Jahren spielenden Geschichten mit U.S. Marshal Carl Webster und nichts über die Religionssatire „Blutsmale“ [Touch], die unbestritten sein ungewöhnlichster Roman ist?). Und, wenn sie schon einmal eine Romangeschichte zusammenfassen, geschieht dies sehr kryptisch. Sie kennen ja die Romane und Filme. Ein Neueinsteiger dürfte da seine Probleme haben.

Aber ich kann mich auch irren und jemand kommt über eine Elmore-Leonard-Verfilmung, die er im Fernsehen sieht, zu diesem biographischen Essay und dann zu den Romanen des Grand Master der Mystery Writers of America.

Frank Göhre/Alf Mayer: King of Cool – Die Elmore-Leonard-Story

Culturbooks, 2019

240 Seiten

15 Euro

Hinweise

Culturbooks über das Buch

Wikipedia über Elmore Leonard (deutsch, englisch)

Homepage von Elmore Leonard

Meine Besprechung von Elmore Leoanrds “Raylan” (Raylan, 2012)

Meine Besprechung von Elmore Leonards “Raylan” (2012)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Dschibuti“ (Djibouti, 2010)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Djibouti“ (2010)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Road Dogs“ (Road Dogs, 2009)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Up in Honey’s Room“ (2007)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Gangsterbraut“ (The hot Kid, 2005)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Callgirls“ (Mr. Paradise, 2004)

Mein Porträt „Man nennt ihn Dutch – Elmore Leonard zum Achtzigsten“ erschien im „Krimijahrbuch 2006“

Meine Besprechung der Elmore-Leonard-Verfilmung „Sie nannten ihn Stick“ (Stick, USA 1983)

Meine Besprechung der Elmore-Leonard-Verfilmung „Killshot“ (Killshot, USA 2008)

Elmore Leonard in der Kriminalakte

Lexikon der deutschen Krimiautoren über Frank Göhre

Homepage von Frank Göhre

Meine Besprechung von Frank Göhres „Der letzte Freier“ (2006)

Meine Besprechung von Frank Göhres „Zappas letzter Hit“ (2006)

Meine Besprechung von Frank Göhres „St. Pauli Nacht“ (2007, überarbeitete Neuausgabe)

Meine Besprechung von Frank Göhres „MO – Der Lebensroman des Friedrich Glauser“ (2008)

Meine Besprechung von Frank Göhres „An einem heißen Sommertag“ (2008)

Meine Besprechung von Frank Göhres „Abwärts“ (2009, Neuausgabe)

Meine Besprechung von Frank Göhres „Seelenlandschaften – Annäherungen, Rückblicke“ (2009)

Meine Besprechung von Frank Göhres „Der Auserwählte“ (2010)

Meine Besprechung von Frank Göhres “Die Kiez-Trilogie” (2011)

Meine Besprechung von Frank Göhres „I and I – Stories und Reportagen“ (2012)

Meine Besprechung von Frank Göhres “Geile Meile” (2013)

Meine Besprechung von Frank Göhres „Gut leben – früh sterben: Stories von unterwegs“ (2014)

Meine Besprechung von Frank Göhres „Du fährst nach Hamburg, ich schwör’s dir – Ein Heimatfilm“ (2014)

Meine Besprechung von Frank Göhres „Die Härte, der Reichtum und die Weite – Ein Heimatfilm, Teil II“ (2014)

Frank Göhre in der Kriminalakte

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Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: „The Sisters Brothers“ reiten durch den Wilden Westen

März 12, 2019

Wir sind die Sisters Brothers“ rufen sie durch die Nacht und normalerweise reicht die Nennung ihres Namens, um für klare Verhältnisse zu sorgen. Wenn nicht helfen einige Kugeln nach.

Eli (John C. Reilly) und Charlie Sisters (Joaquin Phoenix) sind psychopathische Killer, die für den Commodore (Rutger Hauer) im Wilden Westen Männer jagen und normalerweise töten. Warum sie diese Männer töten sollen, ist ihnen egal. Jetzt sollen sie Hermann Kermit Warm (Riz Ahmed) töten. Davor soll er ihnen seine Wunderformel zum Goldwaschen verraten. John Morris (Jake Gyllenhaal), der ebenfalls für den Commodore arbeitet, hat sich bereits auf die Suche nach Warm gemacht. Er soll herausfinden, wo Warm sich aufhält und das den Sisters-Brüder sagen. Die Jagd geht dabei von Oregon bis nach Kalifornien, wo um 1851 gerade unzählige Goldsucher und Strauchdiebe nach dem kostbaren Metall suchen.

Beginnen wir mit den netten Paradoxien. In Interviews betont Jacques Audiard, er habe keine Beziehung zu dem Genre. Gedreht wurde der Film in Spanien, Rumänien und Frankreich. Das Geld für den Film stammt aus Frankreich, Spanien, Rumänien, Belgien und, immerhin auch, den USA. Und die Vorlage für den Film schrieb ein Kanadier.

Gestandene Westernfans wird nichts davon sonderlich irritieren. Denn der Western gehört schon lange nicht mehr exklusiv Hollywood und den USA. Wenn gewisse Elemente erhalten bleiben, kann ein Western auch im Weltall spielen. Und spätestens seit den Spaghetti-Western ist klar, dass bei einem Western die Optik wichtiger als der Drehort ist.

Und die stimmt in „The Sisters Brothers“. Der mit dem Silbernen Löwen für die beste Regie bei den Filmfestspielen von Venedig 2018 ausgezeichnete Film hat alles, was zu einem Western dazu gehört: fotogene Landschaften, viel Sand, Goldsucher, dreckige Männer und Schießereien. Nur die Indianer fehlen. Aber die fehlen auch in fast jedem Hollywood-Western.

Im Roman noch mehr als in Film erscheint der Wilde Westen als eine fast schon überbevölkerte Gegend. Denn ständig treffen die Sisters-Brüder auf andere Menschen. Fast immer enden diese Begegnungen, aus den verschiedensten Gründen, tödlich für die Menschen, die die Sisters-Brüder treffen. Mal weil sie die Sisters-Brüder umbringen wollen, mal weil sie ihnen etwas nicht geben wollen.

Während Charlie Alkohol und andere Drogen in rauen Mengen konsumiert, ist sein älterer Bruder Eli der sensiblere. Er trägt einen Schal, den er von einer Frau erhielt und, nachdem ihm ein Händler eine Zahnbürste verkaufte, pflegt er mit der Sorgfalt eines Kindes, das gerade etwas Faszinierendes entdeckte, seine Zähne. Diese Zahnpflege ist gleichzeitig ein Bote der Zivilisation. Ein Zeichen, dass die gesetzlose Zeit des Wilden Westens langsam endet.

Die beiden Brüder sind dabei wie kleine Kinder, die zwar auf dem Weg von Oregon nach Kalifornien unglaublich viele Menschen umbringen, aber auch immer wieder naiv-staunend durch den Wilden Westen reiten. Man muss diese beiden Psychopathen, wundervoll gespielt von Joaquin Phoenix und John C. Reilly, einfach ins Herz schließen.

Während der Roman von Eli erzählt wird, erhalten im Film John Morris und Hermann Kermit Warm ein größeres Gewicht. Warm ist nicht mehr nur die Person, die Charlie und Eli Sisters jagen, sondern Teil eines eigenen Plots. Gleichzeitig ist Warm als Entrepreneur, der mit seiner Intelligenz und seinen Händen auf ehrliche Weise ein Vermögen aufbauen will, die Verkörperung eines neuen Geistes, der sich deutlich von der Raubrittermentalität des Commodore unterscheidet.

Und so erzählt Jacques Audiard („Ein Prophet“, „Der Geschmack von Rost und Knochen“, „Dämonen und Wunder“) nur auf den ersten Blick eine typische Western-Geschichte mit Pferden und Killern. Auf den zweiten Blick ist es eine vielschichtige, sehr vergnügliche, kurzweilige und witzige Abhandlung über das Erwachsenwerden von zwei Brüdern und einer Gesellschaft. Mit unklaren Erfolgsaussichten, aber einem großen Vergnügen am Unterlaufen der Zuschauererwartungen an einen typischen Western.

The Sisters Brothers (The Sisters Brothers, Frankreich/Spanien/Rumänien/USA/Belgien 2018)

Regie: Jacques Audiard

Drehbuch: Jacques Audiard, Thomas Bidegain

LV: Patrick deWitt: The Sisters Brothers, 2011 (Die Sisters Brothers)

mit John C. Reilly, Joaquin Phoenix, Jake Gyllenhaal, Riz Ahmed, Rutger Hauer, Rebecca Root, Carol Kane

Länge: 121 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Die lesenswerte Vorlage

Patrick deWitt: Die Sisters Brothers

(übersetzt von Marcus Ingendaay)

Goldmann, 2013

352 Seiten

9,99 Euro

Deutsche Erstausgabe

Manhattan/Goldmann, 2012

Originalausgabe

The Sisters Brothers

ecco/HarperCollins Publishers, New York 2011

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „The Sisters Brothers“

Metacritic über „The Sisters Brothers“

Rotten Tomatoes über „The Sisters Brothers“

Wikipedia über „The Sisters Brothers“ (deutsch, englisch)

 


Buch- und DVD-Kritik: Die China-Miéville-Verfilmung „The City & The City“

März 6, 2019

Die Idee ist gleichzeitig faszinierend und idiotisch und innerhalb des Romans und der Verfilmung als vierteilige TV-BBC-Miniserie funktioniert sie ausgezeichnet. Denn die Städte Beszel und Ul Qoma sind zur gleichen Zeit am gleichen Ort. Sie sind miteinander verfeindet. Die Bewohner der einen Stadt dürfen die Bewohner der anderen Stadt nicht sehen. Ihr ganzes Leben üben und praktizieren sie dieses Nicht-Sehen. Selbstverständlich dürfen sie auch keine Beziehungen zu einem Bewohner der anderen Stadt haben und sie dürfen die andere Stadt auch nicht betreten (Okay, hier gibt es einige wenige Ausnahmen).

Und dann gibt es noch eine alte Legende, dass neben Beszel und Ul Qoma noch eine dritte Stadt, genannt Orciny, auf dem gleichen Gebiet läge, aber die Bewohner von Beszel und Ul Ooma die Bewohner von Orciny nicht sähen.

In dem Moment fragte ich mich nicht mehr, wie es den Bewohner von Beszel und Ul Qoma gelingt, nicht ständig ineinander zu laufen und Autounfälle zu verursachen, sondern wie überbevölkert die Stadt sein muss, wenn gleichzeitig die Bewohner von drei Städten sich nicht wahrnehmen dürfen.

Aber man kann Beszel und Ul Qoma auch einfach als interpretationsoffene Metapher sehen. Schließlich übersehen und ignorieren wir täglich Menschen und Dinge.

Außerdem ist „Die Stadt & Die Stadt“ ein von China Miéville geschriebener Science-Fiction-Roman. Dass er sein Gedankenexperiment in der Gegenwart spielen lässt und die beiden Städte mehr oder weniger unpräzise nach Osteuropa verlegt (im Roman schreibt er nie, wo die Städte genau liegen, aber durch die verschiedenen Wege, wie man die Städte besuchen kann, ist das ungefähr die Lage der Städte), ändert daran nichts.

Die in schönster Hardboiled-Tradition von Kommissar Tyador Borlú (David Morrissey) erzählte Geschichte beginnt mit einer toten Frau, deren Name und Wohnort zunächst unbekannt sind. Seine Ermittlungen ergeben, dass sie Mahalia Geary heißt und in Ul Qoma als Doktorandin an einer historischen Forschungsstätte arbeitete. Die vierundzwanzigjährige, amerikanische Doktorandin glaubte an die Theorie, dass es noch die dritte Stadt Orciny gebe. Und sie versuchte sie zu beweisen. Diese Theorie verfocht Professor David Bowden in seinem im Roman weniger, im Film mehr verbotenem Buch „Zwischen der Stadt und der Stadt“. Inzwischen distanziert er sich von seinem Buch.

Aufgrund der strengen Regeln, die das Leben zwischen Beszel und Ul Qoma regeln, hätte Geary niemals, weder tot noch lebendig, in Beszel sein dürfen. Es ist ein Grenzbruch, der damit in die Zuständigkeit von Ahndung fällt. Ahndung ist eine mächtige, niemals von den Bewohnern von Beszel und Ul Qoma gesehene Polizeieinheit, die sich in und zwischen den beiden Städten bewegen darf. Ihre Aufgabe ist es Menschen, die ohne Erlaubnis die Grenze ignorieren, zu verhaften und zu bestrafen.

Aber Ahndung will den Fall nicht übernehmen. Stattdessen erhält Borlú die Erlaubnis, in Ul Qoma zu ermitteln.

Spätestens in dem Moment wissen gestandene Krimifans, dass Borlú nicht in einem einfachen Mordfall ermittelt.

Miévilles SF-Krimi räumte nach seinem Erscheinen 2009 bei den wichtigen Science-Fiction-Preisen groß ab. Er wurde mit dem Arthur C. Clarke Award, dem Hugo Award als Bester Roman, dem Locus Award als Best Fantasy Novel, dem World Fantasy Award, dem BSFA Award (der British Science Fiction Association), dem Kitschies Red Tentacle und dem deutschen Kurd-Laßwitz-Preis als bester ausländischer SF-Roman ausgezeichnet. Außerdem war er für den Nebula Award und den John W. Campbell Memorial Award nominiert.

Tom Shankland, der für „Dirk Gently“, „Ripper Street“, „The Missing“, „House of Cards“, „The Punisher“ und, aktuell, die Miniserie „Les Misérables“ Regie führte, verfilmte Miévilles Roman jetzt als vierstündige Miniserie.

Drehbuchautor Tony Grisoni schrieb bereits die Bücher für die „Red Riding“-Trilogie (basierend auf den unverfilmbaren Romanen von David Peace) und, zusammen mit Terry Gilliam, „Fear and Loathing in Las Vegas“, „Tideland“ und „The Man Who Killed Don Quixote“.

Kameramann Stephan Pehrsson hatte die Aufgabe, Miévilles Vision in Bilder zu übersetzen, die eben dieses Nicht-Sehen illustrieren. Das gelingt ihm, indem er mit der Schärfe spielt. Außerdem unterscheiden sich in beiden Orten die Farben, Architektur und Kleider. Immer wieder in einem Bild. Optisch orientiert sich die Miniserie an „Blade Runner“ und Bildern, die man aus ebenso beklemmenden Kalter-Kriegs-Filmen kennt. Die aus allen Nähten platzende Filmstadt sieht wie eine nicht genau spezifizierbare osteuropäisch-asiatische Metropole aus, in der zu viele Menschen in einem zu engem Raum miteinander auskommen müssen. Eine Außenwelt gibt es, im Gegensatz zum Roman, nicht mehr. Dass die Miniserie in Manchester und Liverpool gedreht, will man angesichts dieser Bilder nicht glauben.

Zugunsten dieser rundum überzeugenden Inszenierung wurde die Story, die gegenüber dem Roman durchaus eigene Wege beschreitet, vernachlässigt. So verfolgt man, emotional involviert wie ein Insektenforscher, die Ermittlungen und die persönliche Reise von Borlú, der auf dem Papier genug Probleme und Konflikte für mindestens zwei Serien hat. Dabei unterscheiden sich im Roman und im Film Borlús Probleme.

Am Ende ist die Miniserie „The City & The City“ ist optisch überzeugendes, emotional nie wirklich packendes SF-TV-Kino.

P. S.: in „Das Science Fiction Jahr 2010“ (herausgegeben von Sascha Mamczak und Wolfgang Jeschke) gibt es ein von Uwe Kramm mit China Miéville geführtes Interview zu seinem Roman „Die Stadt & Die Stadt“. Wer das Buch in die Finger bekommt, sollte das Interview lesen.

The City & The City (The City & The City, Großbritannien 2018)

Regie: Tom Shankland

Drehbuch: Tony Grisoni

LV: China Miéville: The City & The City, 2009 (Die Stadt & Die Stadt)

mit David Morrissey, Mandeep Dhillon, Maria Schrader, Lara Pulver, Christian Camargo, Ron Cook, Danny Webb, Morfyod Clark, Andrea Deck, Paprika Steen, Corey Johnson

DVD

Pandastorm

Bild: 2,66:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Französisch/Englisch (DD 5.1)

Untertitel: Deutsch, Englisch

Bonusmaterial: –

Länge: 240 Minuten (4 Folgen à 60 Minuten) (2 DVD)

FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage

China Miéville: Die Stadt & Die Stadt

(übersetzt von Eva Bauche-Eppers)

Bastei-Lübbe, 2010

432 Seiten

7,99 Euro (E-Book)

Taschenbuch nur noch antiquarisch erhältlich.

Originalausgabe

The City & The City

Macmillan, 2009

Hinweise

BBC über „The City & The City“

Moviepilot über „The City & The City“

Rotten Tomatoes über „The City & The City“

Wikipedia über „The City & The City“ (deutsch, englisch) und China Miéville (deutsch, englisch)

Blog von China Miéville

Meine Besprechung von Tom Shanklands „The Fades“ (The Fades, Großbritannien 2011)

Meine Besprechung von Tom Shanklands „Ripper Street – Staffel 1“ (Ripper Street, Großbritannien 2012)


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Black History Tage: Die Angie-Thomas-Verfilmung „The Hate U Give“

Februar 28, 2019

Für einen ganzen Monat reicht es nicht, aber mit der James-Baldwin-Verfilmung „Beale Street“ und der ebenfalls sehenswerten Angie-Thomas-Verfilmung „The Hate U Give“ und dem lesenswerten Sachbuch „Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche“ von Reni Eddo-Lodge habe ich aktuell drei Werke, in denen es um das Leben von Schwarzen geht. Vielleicht passt auch noch Attica Lockes Edgar-prämierter Krimi „Bluebird, Bluebird“ in diese kleine Reihe.

Beginnen wir mit der heute im Kino anlaufenden Angie-Thomas-Verfilmung „The Hate U Give“. Im Mittelpunkt steht die sechzehnjährige Starr Carter. Sie geht auf eine vierzig Minuten von ihrer Wohnung entfernten Privatschule. Ihre Eltern wollen, dass sie für ihre späteres Leben alle Chancen hat. Die meisten ihrer Klassenkameraden sind weiß. Auch ihr Freund ist ein Weißer.

In Garden Heights, wo sie mit ihren Eltern und Geschwistern wohnt, leben dagegen fast nur Schwarze. Weiße trauen sich kaum in das Ghetto. Starrs Vater, früher ein Gangster, heute der Betreiber eines kleinen Ladens, sieht ihren Wohnort als ein politisches Statement. Er will nicht zu den Afroamerikanern gehören, die Garden Heights verlassen. Er will durch sein tägliches Handeln seinen Beitrag leisten, um den Kreislauf der Gewalt zu durchbrechen.

Als Starr in ihrem Viertel eine Party besucht, gibt es Ärger. Zusammen mit Khalil, einem Freund aus Kindertagen, den sie lange nicht mehr gesehen hat, haut sie ab. Kurz darauf werden sie ohne einen ersichtlichen Grund von der Polizei angehalten. Als Khalil sich während der Kontrolle in sein Auto beugt, wird er von einem Polizisten erschossen.

Und Starr steht vor der Frage, was sie tun soll.

Denn die Polizei beginnt schnell, den Schusswaffengebrauch des Polizisten als gerechtfertigt und das Opfer als einen Drogenhändler hinzustellen.

Die schwarze Gemeinschaft ist empört über den weiteren Mord an einem ihrer Mitglieder. Sie fordern Gerechtigkeit. Sie protestieren und sie hoffen, dass die Zeugin des Vorfalls redet.

Starrs Geschichte wurde zuerst von Angie Thomas in ihrem Romandebüt „The Hate U Give“ erzählt. Sehr detailreich aus Starrs Perspektive, die ein ganz normaler Teenager mit ganz normalen Teenagerproblemen ist, gerne Harry Potter liest und „Der Prinz von Bel Air“ sieht. Bis auf ihre Hautfarbe und damit der Möglichkeit, jederzeit von einem Polizisten erschossen zu werden. Deshalb erzählte ihr Vater ihr auch, als sie zwölf Jahre alt war, was sie tun soll, wenn sie von einem Polizisten angehalten wird: „Du machst alles, was sie sagen. Halt deine Hände so, dass man sie sieht. Mach keine plötzlichen Bewegungen. Red nur, wenn du was gefragt wirst.“

Diese allen Afroamerikanern vertrauten Ratschläge helfen im Alltag nicht immer. Die zahlreichen tödlichen Schüsse auf Schwarze sprechen da eine deutliche Sprache. Sie werden überproportional oft von Polizisten erschossen. Die Polizisten und Sicherheitsbeamten, die die Schüsse abfeuerten, werden normalerweise nicht oder mit einer geringen Haftstrafen bestraft. 2013 gründete sich „Black Lives Matter“ dagegen.

Der konkrete Anlass für Angie Thomas, „The Hate U Give“ zu schreiben, waren die tödlichen Schüsse auf den unbewaffneten und in dem Moment wehrlosen Oscar Grant in Oakland, Kalifornien, am 1. Januar 2009 durch einen BART-Polizisten. Der landes- und auch weltweit Aufsehen erregende Fall inspirierte „Black Panther“-Regisseur Ryan Coogler zu seinem Spielfilmdebüt „Nächster Halt: Fruitvale Station“.

In ihrem Roman und der Verfilmung präsentieren die verschiedenen Personen die verschiedenen Aspekte des Themas Polizeigewalt und wie auf sie reagiert wird. Individuell und auch strukturell. In „The Hate U Give“ wird das Verhalten des Polizisten nicht auf einen individuellen Fehler reduziert, sondern es werden auch die strukturellen Probleme angesprochen, die dazu führen, das Schwarze eher als Weiße von Polizisten angehalten, inhaftiert, geschlagen und auch erschossen werden (nicht unbedingt in dieser Reihenfolge und auch nicht immer alles). Einiges gerät dabei im Buch und im Film ziemlich didaktisch und einiges wirkt in seiner Verdichtung übertrieben. So war Starrs Vater vor einer längeren Haftstrafe ein wichtiges Gangmitglied. In der Haft schwor er dem Verbrecherleben ab und er beschloss für seine Tochter, ein richtiger Vater zu sein. Der heutige Drogenkönig des Viertels ist sein damaliger Kumpel und Khalil, der am Anfang einer Verbrecherkarriere steht, verdient sich seine ersten Sporen als Gangster.

Starrs Onkel, der sie während ihrer ersten Lebensjahre erzog (als ihr Vater im Gefängnis saß), ist Polizist. Starrs Klassenkameradinnen verkörpern verschiedene Positionen der Weißen gegenüber dem Rassismus und rassistischer Gewalt.

Bürgerrechtsanwälte und die Medien sind selbstverständlich auch involviert, während die Community sich zuerst zum Gottesdienst und dann zum Protest auf der Straße versammelt.

In diesem Geflecht unterschiedlicher Positionen, Haltungen und Ansprüche muss Starr ihre Stimme finden.

Thomas‘ Roman erzählt diesen Gewissenskonflikt sehr anschaulich für eine junge Leserschaft. Der Roman stand auf dem ersten Platz der „New York Times“-Bestsellerliste, erhielt in den USA mehrere Preise, und in Deutschland war es für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2018 nominiert und erhielt den Preis der Jugendjury.

Die gelungene Verfilmung bleibt in jeder Beziehung nah am Roman.

Regisseur George Tillman Jr. produzierte die „Barbershop“-Filme und inszenierte Filme wie „Faster“ und „Kein Ort ohne dich“, die gekonnt die Genreregeln bedienen. Auch „The Hate U Give“ ist ein konventionell inszenierter Film, der gut gespielt und flüssig erzählt eine zu Herzen gehende Geschichte erzählt. Er gibt, wie der Roman, einen tiefen Einblick in das Leben des afroamerikanischen Mittelstandes und die verschiedenen Aspekte des Themas. Zubereitet für ein jugendliches Publikum.

Für Erwachsene, die ihre Spike-Lee-Schule hinter sich haben und noch über „Capernaum – Stadt der Hoffnung“ nachdenken, ist dann alles etwas zu einfach und zu glatt innerhalb der bekannten Hollywood-Erzählkonventionen. Aber sie gehören nicht zur Zielgruppe des Films. Und auch sie müssen die ehrlichen und ehrenwerten Absichten des Films anerkennen, der neben dem individuellen auch den institutionellen Rassismus anspricht und das, ohne blind zu predigen, in einer packenden Geschichte erzählt, die das Publikum zum Nachdenken auffordert.

Und Starr, überzeugend gespielt von Amandla Stenberg, ist eine tolle Heldin. Sie ist keine der aus zahllosen Dystopien bekannten Young-Adult-Heldinnen, die am Ende doch nur, ganz klassisch-konservativ, einen Mann und Kinder wollen. Dagegen hat Starr zwar auch nichts, aber zuerst muss sie Khalils Tod verarbeiten und herausfinden, wer sie ist.

The Hate U Give (The Hate U Give, USA 2018)

Regie: George Tillman Jr.

Drehbuch: Audrey Wells

LV: Angie Thomas: The Hate U Give, 2017 (The Hate U Give)

mit Amandla Stenberg, Regina Hall, Russell Hornsby, Anthony Mackie, Issa Rae, Common, Algee Smith, Sabrina Carpenter, K.J. Apa, Lamar Johnson, TJ Wright, Megan Lawless

Länge: 133 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage (Lesetipp für junge Leseratten, vom Verlag empfohlen ab 14 Jahre)

Angie Thomas: The Hate U Give

(übersetzt von Henriette Zeltner)

cbj, 2017

512 Seiten

18 Euro (Gebundene Ausgabe)

9,99 Euro (Taschenbuch)

Originalausgabe

The Hate U Give

Balzer + Bray/Harper Collins, 2017

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „The Hate U Give“

Metacritic über „The Hate U Give“

Rotten Tomatoes über „The Hate U Give“

Wikipedia über „The Hate U Give“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von George Tillman Jr. Nicholas Sparks-Verfilmung „Kein Ort ohne dich“ (The longest ride, USA 2015)

Homepage von Angie Thomas

Perlentaucher über „The Hate U Give“

Chrismon: Interview mit Angie Thomas über ihren Roman, Polizeigewalt und Donald Trump (November 2017)

Zwei kleine Making-ofs

TIFF-Pressekonferenz zum Film (ab Minute 8 und sehr leise)

Ein Q&A mit George Tillman Jr. und Amandla Sternberg über den Film

Gespräch mit Angie Thomas über ihren Roman (März 2017)


„Der wilde Detektiv“ Jonathan Lethem besucht Deutschland. Mit einem neuen (Kriminal)roman im Gepäck

Februar 18, 2019

Die gerade arbeitslose New Yorker Radiojournalistin Phoebe Siegler fliegt für ihre zwanzig Jahre ältere Freundin Rosalyn Swados von New York nach Kalifornien. Dort ist Rosalyns achtzehnjährige Tochter Arabella seit drei Monaten spurlos verschwunden. Phoebes einzige Spur ist, dass der von Arabella bewunderte Sänger Leonard Cohen lange im Zen-Kloster auf dem Mount Baldy lebte. Sie hielt sich zuletzt in der Nähe des Berges auf.

Weil sie sich in der Gegend nicht auskennt und die Polizei auch keine große Hilfe ist, engagiert Phoebe den Privatdetektiv Charles Heist. Einen seltsamen Typen mit Penisgesicht (wenn ich mit dem Bild im Kopf leben muss, dürft ihr das auch) und einer unorthodoxen, aber oft erfolgreichen Arbeitsweise.

Der wilde Detektiv“ sei, so die Werbung für das Buch, sein erster Detektivroman seit „Motherless Brooklyn“. Mit dem 1999 im Original und zwei Jahre später auf Deutsch erschienenem Roman wurde Jonathan Lethem auch in Deutschland bekannt. Sein mit dem Locus Award ausgezeichnetes Romandebüt „Der kurze Schlaf“ (Gun with occasional Music, 1994) ist „eine Mischung aus Raymond Chandler und Phlip K. Dick, mit extrem hoher Oktanzahl“ (Boston Review). Der SF-Roman erschien auch bei uns in den Neunzigern in einer deutschen Übersetzung, die damals kein großes Aufsehen verursachte.

Lethems mit dem Gold Dagger ausgezeichneter Noir „Motherless Brooklyn“ über einen Detektiv mit Tourette-Syndrom, der den Mörder seines Mentors sucht, wurde inzwischen von Edward Norton nach seinem Drehbuch mit ihm in der Hauptrolle und Bruce Willis, Willem Dafoe, Gugu Mbatha-Raw, Alec Baldwin und Bobby Cannavale in weiteren Rollen verfilmt. In den USA soll der Film am 1. November 2019 starten.

Doch zurück zu Jonathan Lethems neuen Roman.

Der wilde Detektiv“ beginnt wie ein klassischer Privatdetektiv-Krimi. Geschrieben mit den üblichen Codierungen und Doppelcodierungen, die ein literarisch versierter Autor heute im Gepäck hat. Denn selbstverständlich ist Lethems Roman ein anspielungsreiches Spiel mit den Genreregel und -konventionen. Das beginnt schon mit Lethems Sprache, die vor Wortspielen und Anspielungen nur so strotzt. Übersetzer Ulrich Blumenbach hat hier ganze Arbeit geleistet und den Roman kongenial ins Deutsche übersetzt. Da taucht – der Roman spielt in den Tagen um Donald Trumps Amtseinführung – das Trumpeltier auf. Eine Zeitschrift namens „Inland Empire“ wird öfters erwähnt. Die verschwundene Arabella nennt sich jetzt Phoebe. Und selbstverständlich gibt es in der Mojave-Wüste verfeindete Hippie-Stämme und Koreaner, die ein inzwischen in einem Nationalpark stehendes Haus auf einem Berg kauften und es mit Stacheldraht umzäunten. Das hindert Einheimische nicht daran, weiterhin Rituale auf dem Berg abzuhalten.

In dem Moment könnte „Der wilde Detektiv“, um nur einen Roman und keinen Film zu nennen, wie Thomas Pynchosn grandioser Roman „Natürliche Mängel“ (Inherent Vice, 2009), zu einem atemberaubenden Ritt durch die US-Realität und Mythenwelt werden.

Aber Lethems „wilder Detektiv“ ist dann weniger abenteuerlustig und durchgeknallt als Pynchons „Natürliche Mängel“. So entdeckt Phoebe die verschwundene Arabella schon nach knapp zwei Dritteln und sie kann sie problemlos zurück nach New York bringen. Andere Rätsel, die Lethem bis dahin angesprochen hat, werden nicht weiter verfolgt. Stattdessen plätschert die Geschichte bis zu ihrem seltsamen Ende zunehmend orientierungslos vor sich hin. Das hat dann nie die psychedelische Qualität von „Natürliche Mängel“ und auch das Lethemsche Spiel mit den Hardboiled-Klischees erreicht nie Pynchons Niveau. Stattdessen bleibt „Der wilde Detektiv“ lustlos unter den Anfangs geschürten Erwartungen.

Das liegt auch an der Erzählerin Phoebe Siegler. Die gebildete New Yorkerin ist peinlich nah am hoffnungslos veralteten Klischeebild der ‚damsel in distress‘, die nur möglichst schnell mit dem animalischen Detektiv ins Bett springen will. Sie ist eine Klischeefigur, die nur primitivsten männlichen Wünschen entspricht. Lethem gesteht seiner Ich-Erzählerin erstaunlich wenig Eigenständigkeit zu.

Am Ende überzeugt Phoebes Abenteuer mit dem wilden Detektiv weder als literarisches Spiel mit dem Genre und dem Mythos Kalifornien, noch als Abrechnung mit der USA unter Donald Trump. Trotz der Sprache, dem furiose Beginn und den ersten zwei Drittel, in denen, siehe „Inland Empire“,Lethem  Fährten für ein Lyncheskes Spiel mit der Realität auslegt. Sie interessieren ihn nicht weiter. Anstatt absurder zu werden, läuft alles auf ein arg konventionelles und nicht befriedigendes Ende hinaus.

Jonathan Lethem: Der wilde Detektiv

(übersetzt von Ulrich Blumenbach)

Tropen, 2019

336 Seiten

22 Euro

Originalausgabe

The feral detective

Doubleday, New York, 2018

Die Lesetour von Jonathan Lethem oder Drei Tage Deutschland

Montag, 18. Februar, 20.00 Uhr

München | Lesung und Gespräch

Literaturhaus München (Salvatorplatz 1, 80333 München)

mit Ulrich Blumenbach (Moderation) und Thomas Loibl (deutsche Lesung)

Dienstag, 19. Februar, 19.30 Uhr

Hamburg | Lesung und Gespräch

Eine Veranstaltung der Buchhandlung Cohen + Dobernigg Hamburg.

Uebel & Gefährlich (Feldstraße 66, 20359 Hamburg)

mit Frederik Eikmeier (Moderation) und Sven Amtsberg (deutsche Lesung)

Mittwoch, 20. Februar, 19.00 Uhr

Berlin | Lesung und Gespräch

Geistesblüten – AUTOREN BÜCHER KÜNSTLER (Walter-Benjamin-Platz 2, 10629 Berlin am Kurfürstendamm)

mit Barbara Wahlster (Moderation) und Anne Ratte-Polle (deutsche Lesung)

Hinweise

Homepage von Jonathan Lethem

Wikipedia über Jonathan Lethem (deutsch, englisch)

Perlentaucher über „Der wilde Detektiv“


Privatdetektive: Vic Warshawski erreicht die „Kritische Masse“

Februar 17, 2019

Kurz nachdem Robert B. Parker in seinen Spenser-Romanen das Modell des Privatdetektivs und seines besten Freundes etablierte, etablierte Sara Paretsky etwas anderes: den weiblichen Privatdetektiv. Ihr Charakter Vic Warshawski begann als weiblicher Philip Marlowe. Ihr erster Auftritt war in „Schadenersatz“ (Indemnity Only, 1982). In den nächsten Jahren folgten ziemlich schnell weitere Hardboiled-Romane mit ihr. Sie waren Kritiker- und Publikumserfolge. Weitere Autorinnen begannen Krimis mit taffen Privatdetektivinnen zu schreiben. In ihren Romanen behandelten sie auch die gesamte Palette aktueller Themen.

Neben Preisen und Nominierungen für ihre Romane wurde Sara Paretsky mehrmals für ihr Lebenswerk ausgezeichnet. 2002 erhielt sie den Cartier Diamond Dagger Award der Crime Writers‘ Association, 2011 den Anthony Lifetime Achievement Award und, ebenfalls 2011, wurde sie Grand Master der Mystery Writers of America (MWA).

Zur Verleihung des Titels Grand Master an Sara Paretsky schrieb die MWA: „The mystery genre took a seven-league stride thanks to Sara Paretsky, whose gutsy and dauntless protagonist showed that women can be tough guys, too,“ said Larry Light, Executive Vice President of Mystery Writers of America. „Before, in Sara’s words, women in mysteries were either vamps or victims. Her heroine, private eye V.I. Warshawski, is whip-smart and two-fisted, capable of slugging back whiskey and wrecking cars, and afire to redress social injustice.“

Mit „V. I. Warshawski – Detektivin in Seidenstrümpfen“ (V. I. Warshawski) gab es 1990 auch eine sehr freie, Richtung Komödie gehende Verfilmung des Warshawski-Krimis „Deadlock“ mit Kathleen Turner als Detektivin. Das Beste was über den Film gesagt werden kann, ist, dass aus der geplanten Serie nichts wurde und das dümmliche Machwerk vergessen ist; — das sind schon zwei Dinge.

Paretsky schrieb weiter. In den USA sind ihre Krimis Bestseller. In Deutschland veröffentlichte Piper zehn, Goldmann zwei und Piper einen ihrer Warshawski-Romane. Fast alle sind nur noch antiquarisch erhältlich. Fünf Warshawski-Romane sind noch nicht übersetzt. Paretsky schrieb auch zwei Einzelromane.

Und sie ist eine der Gründerinnen des internationalen Netzwerks „Sisters in Crime“.

Mit „Kritische Masse“ wagt jetzt der Argument-Verlag einen Neustart.

Dieses Mal sucht Vic Warshawski zunächst die spurlos verschwundene, drogensüchtige Judy Binder. In einem einsam in Palfry, einem Kuhdorf hundert Meilen weg von ihrer Heimat Chicago, gelegenem Meth-Haus findet Warshawski zwar nicht Judy, aber eine Leiche. Über ein, zwei Umwege wird Warshawski von Judys Mutter beauftragt, Martin Binder zu finden. Martin ist Judys Sohn, der noch bei seiner Großmutter lebt und ebenfalls spurlos verschwunden ist. Zuletzt arbeitete er bei Metargon, einer großen, seit Jahrzehnten bestehenden Computerfirma. Der Gründungsmythos reicht zurück bis zum Zweiten Weltkrieg. In der Firma entdeckte Martin etwas, das ihn beunruhigte und zu eigenen Nachforschungen veranlasste. Kurz darauf verschwindet er spurlos. Seitdem gibt es auch keine elektronischen Spuren von ihm.

Während Warshawski Judy und Martin Binder sucht, beginnt sie sich für die Vergangenheit der Familie Binder zu interessieren. Die jüdische Familie flüchtete während der Nazi-Diktatur aus Österreich.

Weil in einem Kriminalroman ein Autor nicht einfach so in epischer Breite vollkommen belanglose Informationen über das Leben der Eltern, Großeltern und Urgroßeltern von Figuren erzählt, ist schon auf den ersten Seiten klar, dass diese Geschichten aus der Vergangenheit etwas mit Martins Verschwinden zu tun haben werden. Damit ist auch klar, dass Martin wahrscheinlich keine aktuellen krummen und staatsbedrohenden Geschäfte von Metargon entdeckte. Diese Lösung wird angedeutet, als Warshawski eines Abends in ihrer Wohnung zurückkehrt und dort auf zwei Heimatschutz-Agenten trifft. Sie sind bei ihr eingebrochen und murmeln etwas von nationaler Sicherheit.

Insgesamt ist nach gut 540 Seiten die Erklärung für Martins Verschwinden dann fast schon erstaunlich unspektakulär und die Geschichte verliert sich etwas zu sehr in der Geschichte der Familie Binder. 

Das ändert nichts daran, dass die Freude über die Rückkehr von Sara Paretsky auf den deutschen Buchmarkt eindeutig überwiegt.

Nächstes Jahr will der Argument-Verlag einen weiteren Warshawski-Roman veröffentlichten.

Sara Paretsky: Kritische Masse

(übersetzt von Laudan & Szelinski)

Ariadne/Argument Verlag, 2018

544 Seiten

24 Euro

Originalausgabe

Critical Mass

G. P. Putnam’s Sons, 2013

Die Warshawski-Krimis

Schadenersatz (Indemnity Only, 1982)

Deadlock (Deadlock, 1984)

Fromme Wünsche (Killing Orders, 1985)

Tödliche Therapie (Bitter Medicine, 1987)

Blood Shot (Blood Shot, 1988 [britischer Titel: Toxic Shock])

Brandstifter (Burn Marks, 1990)

Eine für alle (Guardian Angel, 1992)

Engel im Schacht (Tunnel Vision, 1994)

Die verschwundene Frau (Hard Time, 1999)

Ihr wahrer Name (Total Recall, 2001)

Blacklist (Blacklist, 2003)

Feuereifer (Fire Sale, 2005)

Hardball (Hardball, 2009)

Body Work (2010)

Breakdown (2012)

Kritische Masse (Critical Mass, 2013)

Brush Back (2015)

Fallout (2017)

Shell Game (2019)

Hinweise

Homepage von Sara Paretsky

Wikipedia über Sara Paretsky (deutsch, englisch)

Thrilling Detective über Vic Warshawski

Ein Gespräch mit Sara Paretsky von 2009

Sara Paretsky 2013 in der National Writers Series


Fantastisch! „Die wandernde Erde“ und andere SF-Kurzgeschichten von Cixin Liu

Februar 13, 2019

Die drei Sonnen“, der erste Band der Trisolaris-Trilogie, bringt es auf gut sechshundert Seiten. Der Folgeband „Der dunkle Wald“ auf über achthundert Seiten und der für April angekündigte Abschluss der Trilogie, „Jenseits der Zeit“, soll gut tausend Seiten umfassen. Das ist eine Menge Holz und eine Menge Lebenszeit und -energie, die Cixin Liu von seinem Publikum fordert. Der jetzt erschienene Sammelband „Die wandernde Erde“ kann Unentschlossenen, die zuerst einmal prüfen wollen, ob sie mit dem Autor etwas anfangen können, bei der Entscheidung helfen. Die Kurzgeschichten bieten einen guten, facettenreichen und sehr flott lesbaren Einstieg in das Werk von Cixin Liu, dem Shooting Star und neuen Liebling der Science-Fiction-Gemeinde.

Nachdem Liu seit Jahren in seiner Heimat China regelmäßig mit dem Galaxy Award, dem bedeutendsten Genre-Literaturpreis Chinas, ausgezeichnet wurde, erhielt die US-Ausgabe von „Die drei Sonnen“ auch den Hugo Award. Das Epos wurde ein Bestseller. Auch die anderen Hard-Science-Fiction-Werke von Liu sind sehr beliebt.

In den elf zwischen 1999 und 2008 erschienen Geschichten, von denen zwei, drei sehr lose miteinander zusammen hängen, zeigt er, was ihn von anderen SF-Autoren unterscheidet. Der eine Teil – Außerirdische und aus heutiger Sicht fantastische technische Entwicklungen – gehört zur Science-Fiction-DNA. Der andere Teil ist dagegen kulturell bedingt und individuell. Selbstverständlich hat jeder Autor seine eigene Sicht auf die Welt und gerade wenn er Science-Fiction (oder Fantasy) schreibt, kann er seiner Fantasie freien Lauf lassen. Allerdings ist gerade Science-Fiction auch immer kulturell verwurzelt. Sie bietet ein Bild der Welt, in der der Autor lebt. Sein Schreiben und Denken ist in einer bestimmten Kultur verwurzelt. Und als Science-Fiction-Autor kann er im Gewand von zukünftigen Entwicklungen und mehr oder weniger fantastischen Welten (Eine Gesellschaft, in der Frauen die Welt beherrschen? Kein Problem. Eine Welt, in der Menschen vier Köpfe und acht Arme haben und auf Dinosauriern durch die Welt reiten? Dito.) seinen Mitmenschen einen Spiegel vorhalten, Möglichkeiten eines anderen Lebens zeigen und auch Kritik an der Gesellschaft und bestimmten Entwicklungen üben.

Gerade das macht die in China spielenden Geschichten von Cixin Liu so aufregend.

Neben der Auseinandersetzung mit der chinesischen Gesellschaft, schimmert in seinen Geschichten auch immer eine sehr unwestliche Philosophie durch. Einige Sätze aus dem Sammelband „Die wandernde Erde“ verdeutlichen das:

Ach, es lag auf dem Weg. Als wir sahen, dass es hier eine intelligente Zivilisation gibt, wollten wir ein bisschen plaudern – mit dem Erstbesten, der auf den Berg bestieg.“

Danke! War nett, sich mit dir zu unterhalten. Aber langsam müssen wir weiter. Wir haben noch fünfzigtausend Jahre vor uns, da muss man sich schon ranhalten.“

Die Zeit ist unendlich. Irgendwann nimmt alles seinen Anfang, sage ich. Irgendwann nimmt alles seinen Anfang.“

Wer geduldig zu warten vermag, dem kann sich in diesem Universum jeder Wunsch erfüllen. Es mag nur eine äußerst geringe bestehen, aber sie existiert.“

Ihre Anordnung war das Ergebnis einer Reihe von Flugmanövern unglaublich komplizierter Natur. Diese Manöver verwirrten die Menschen, bis sie herausfanden, dass sie allein dem Zweck dienten, alle Schiffe gleichzeitig in ihre Endposition zu bringen. Andernfalls hätte ihre Gravitation womöglich lebensbedrohliche Gezeiten in den Ozeanen der Erde heraufbeschworen. So viel Rücksichtnahme beruhigte die Menschheit ein wenig: Zumindest schienen die Aliens keine feindlichen Absichten zu hegen.“

Während in westlichen Science-Fiction-Geschichten das Zusammentreffen mit den Außerirdischen normalerweise der Anfang von einem interstellaren Krieg ist, bei dem unsere Erde vor einer Vernichtung gerettet werden muss, Aliens prinzipiell böse sind und spätestens seit „Blade Runner“ die Welt eh nur noch eine dystopische Müllhalde ist, sind bei Cixin Liu die Begegnungen mit Außerirdischen fast immer von einer freundlichen Neugier geprägt. Oder es gibt Außerirdische, die vor anderen Außerirdischen warnen.

Ein weiterer Punkt, in dem Lius Geschichten (das gilt auch für die Trisolaris-Trilogie) sich von westlichen SF-Geschichten unterscheiden, ist der Zeithorizont. Bei ihm brechen die außerirdischen Besucher nach einer kurzen Stippvisite, die ungefähr die Länge einer Tasse Kaffee hatte, auf zu ihrem Ziel, das sie in fünfzigtausend Jahren erreichen wollen. In seiner inzwischen verfilmten Geschichte „Die wandernde Erde“ wird die Erde aus ihrer Umlaufbahn befördert, weil Forscher annehmen, dass es in vierhundert Jahren zu einer die Erde und das Sonnensystem vernichtenden Sonnenexplosion kommen wird. Und in „Weltenzerstörer“ warnt ein kleines Mädchen, das seit sechzigtausend Jahren unterwegs ist, die Menschen, dass der Weltenzerstörer in einem Jahrhundert die Erde vernichten wird.

Dieses Denken in unglaublich langen Zeithorizonten von mehreren Generationen und den Menschen, die ihr Handeln daran ausrichten, ist dem Westen sehr fremd. Schließlich klopften unsere Vorfahren sich vor hundert Jahren den Staub vom Ersten Weltkrieg ab und vor fünfhundert Jahren dachten unsere Urahnen noch nicht einmal an die Aufklärung. Immerhin vollzogen sie gerade die kopernikanische Wende.

In den anderen in „Die wandernde Erde“ versammelten Kurzgeschichte erzählt Cixin Liu wie die Kooperation zwischen Ameisen und Dinosauriern zu einer technisch weit entwickelten Welt führte und wie sie zerstört wird („Das Ende der Kreidezeit“). Er schreibt über einen Mann, der einen von Außerirdischen errichteten Wassergipfel erklimmt, sie auf dem Gipfel trifft und sich mit ihnen unterhält („Gipfelstürmer“). Er erzählt die Geschichte von Shuiwa, der aus einem Dorf kommt und seines über Jahrzehnte erfolgenden Aufstiegs in immer höhere Sphären („Die Sonne Chinas“). Er schreibt über die Ankunft von zwei Milliarden Göttern auf der Erde, die darum bitten, von den Menschen versorgt zu werden und wie diese Begegnung mit den vielen freundlichen, aber auch tatterigen Aliens verläuft („Um Götter muss man sich kümmern“). Er erzählt von den ungeahnten Folgen eines zunächst harmlosen Computervirus und der Rolle, die Hard-SF-Autor Cixin Liu und sein Schriftstellerkollege Pan Dajiao (früher SF, jetzt Fantasy) dabei spielen („Fluch 5.0“). Er schreibt über einen Astronauten, der bei der Rückkehr auf die Erde nach fünfundzwanzigtausend Jahren entdeckt, wie die Menschheit sich mit einer überraschenden Idee aus der existenzbedrohenden Notlage rettete, die auch der Grund für seine Mission war („Das Mikrozeitalter“). Er schreibt über einen Auftragsmörder, der im Auftrag der reichsten Männer des Planeten drei Habenichtse umbringen soll und was sein Auftrag mit der Ankunft der Alten (wie dieses Mal die Außerirdischen genannt werden) zu tun hat („Die Versorgung der Menschheit“). Er schreibt über einen Wissenschaftler, der nach seinem vierundsiebzigjährigem kryonischen Kälteschlaf sofort von einer Gruppe Menschen entführt wird, die ihn für die Taten seines Sohns büßen lassen wollen („Durch die Erde zum Mond“) und über eine Frau, die mit einer Multisensor-Brille einer anderen Frau einen unvergesslichen Kurzurlaub in der Natur bietet („Mit ihren Augen“).

Aber wichtiger als der Kurzurlaub ist, wer die andere Frau ist, wo sie ist und warum sie an diesem Ort ist. Und das erklärt, warum für sie die Bilder von dem Urlaub auf der Erde so bedeutsam sind. Damit reiht sich „Mit ihren Augen“ in Lius andere Kurzgeschichten ein. Es geht ihm in erster Linie nicht um eine nach bekannter Manier erzählte Geschichte einer Konfrontation. Bei ihm steht immer die Idee und die Schilderung einer Welt oder einer sich über viele Jahre, Jahrzehnte und oft auch Jahrhunderte erstreckende Geschichte im Mittelpunkt. Gerne verbunden mit wissenschaftlichen Ideen und einem optimistischen Blick in die Zukunft. Immer mit einer gelungenen Schlusspointe. Und immer zum Nachdenken anregend.

Es sind Gedankenexperimente, Ideen und Theorien, die Liu liebevoll ausformuliert, während er den Plot und die Charaktere vernachlässigt. Die meisten Charaktere sind reine Platzhalter. Es sind Erzähler, die einem anderen von ihrer Welt und ihrem Leben erzählen. Wie die Götter, die in „Um Götter muss man sich kümmern“ erzählen, wie sie bereits mehrere Welten erschufen und was dabei passierte. Und das ist so spannend, dass man die Geschichten, die einen in sehr verschiedene Welten entführen, schnell hintereinander liest.

Cixin Liu: Die wandernde Erde

(übersetzt von Karin Betz, Johannes Fiederling und Marc Hermann)

Heyne, 2019

688 Seiten

14,99 Euro

Originalausgabe

Liulang diqiu

Beijing Wenyi Chubanshe, 2008

enthält

Die wandernde Erde, 2000 (Liulang diqiu, ausgezeichnet mit dem Galaxy Award 2000)

Gipfelstürmer (Shan, 2006)

Das Ende der Kreidezeit (vom Autor gekürzte Fassung von Dang konglong yu shang mayi, 2004)

Die Sonne Chinas (Zhongguo taiyang, 2002, Galaxy Award 2002)

Um Götter muss man sich kümmern (Shanyang shangdi, 2005, Premio Ignotus für die beste fremdsprachige Kurzgeschichte 2015)

Fluch 5.0 (Taiyuan zuzhou, ?)

Das Mikrozeitalter (Wei jiyuan, 2001)

Weltenzerstörer (Ren he tunshizhe, 2002, bereits als Einzelband erschienen)

Die Versorgung der Menschheit (Shanyang reinlei, 2005, Galaxy Award 2005)

Durch die Erde zum Mond (Diqiu dapao, 2003, Galaxy Award 2003)

Mit ihren Augen (Daishang tade yanjing, 1999, Prix Imaginaire 2018)

Hinweise

Blog/Homepage von Cixin Liu (laut Wikipedia und wer…)

Phantastik Couch über Cixin Liu

Die Zukunft über Cixin Liu

Wikipedia über Cixin Liu (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Cixin Lius „Spiegel“ (Jingzi, 2004)

Meine Besprechung von Cixin Lius „Die drei Sonnen“ (San Ti, 2008) (und der anderen Werke von Liu)


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