„Jean-Luc Godard – Der permanente Revolutionär“ hat Geburtstag – und Bert Rebhandl schenkt ihm ein Buch

Dezember 3, 2020

Jean-Luc Godard, geboren am 3. Dezember 1930 in Paris

Regisseur von „Außer Atem“, Begründer der Nouvelle Vague

lebt seit Jahrzehnten, zusammen mit Anne-Marie Miéville, zurückgezogen und produktiv, in der Schweiz in der Kleinstadt Rolle am Genfersees

So könnte Jean-Luc Godards Leben in drei Zeilen aussehen. Nichts davon ist falsch. Nichts davon verrät, warum Godard noch heute, sechzig Jahre nachdem „Außer Atem“ seine Premiere hatte und über fünfzig Jahre nachdem er sich vom normalen Kinobetrieb abwandte, ein immer noch weithin bekannter Name ist. Mit Godard verbindet jeder irgendetwas und hat sogar ein Bild von ihm im Kopf.

Godard gehörte in den fünfziger Jahren in Paris zu einem Kreis filmbegeisterter junger Männer, die in der Filmzeitschrift „Cahiers du Cinéma“ lautstark über ihre Liebe zum Film und zu bestimmten Regisseuren schrieben und später selbst Regisseure wurden. Zu diesem Kreis gehören, neben Godard, François Truffaut, Éric Rohmer, Claude Chabrol und Jacques Rivette.

In den Sechzigern drehte Godard nach seinem umjubeltem Spielfilmdebüt „Außer Atem“ mit einem ähnlichen Arbeitstempo wie wenig später in Deutschland Rainer Werner Fassbinder. Fast jeder dieser Godard-Filme gehört noch heute zum Godard-Kanon (ich zögere, sie Klassiker zu nennen, weil ich mit solchen Worten sparsam umgehe und weil bei einigen dieser Filme der Titel und ein Image bekannter als der ganze Film sind). Bis 1968 drehte er „Der kleine Soldat“, „Eine Frau ist eine Frau“, „Die Geschichte der Nana S.“, „Die Karabinieri“, „Die Verachtung“, „Die Außenseiterbande“, „Eine verheiratete Frau“, „Lemmy Caution gegen Alpha 60“ (Alphaville), „Elf Uhr nachts“ (Pierrot le fou), „Masculin – Feminin oder: Die Kinder von Marx und Coca-Cola“, „Made in U.S.A.“, „Zwei oder drei Dinge, die ich von ihr weiß“, „Die Chinesin“, „Weekend“ und „Eins plus Eins“ (One plus One/Sympathy for the Devil).

Schon in diesen Jahren wurden seine Filme immer politischer und experimenteller. 1968, nach „Eins plus Eins“ verabschiedete er sich als Regisseur vom Kino. In den nächsten Jahren arbeitete er auch im Kollektiv. Teils verschwand sein Name hinter einer Gruppenidentität in der Anonymität. Dazu gehören die Flugblattfilme, die auf politischen Veranstaltungen gezeigt wurden. Er identifizierte sich mit den Anliegen der 68er. Gleichzeitig begann er mit der Videotechnik zu experimentieren. Außerdem arbeitete er für das Fernsehen. Zum Beispiel 1976 mit der 13-teiligen TV-Serie „Six fois deux, sur et sous la communication“ und, zwei Jahre später, mit der 12-teiligen TV-Serie „France, tour, détour, deux enfants“. Diese Arbeiten sind fast unbekannt.

Erst in den Achtzigern kehrte Godard wieder zurück ins Kino. „Rette sich, wer kann“, „Passion“, Vorname Carmen“ (seine sehr freie Version von Prosper Mérimées Novelle „Carmen“) , „Maria und Joseph“ (seine skandalumwitterte Interpretation der aus der Bibel bekannten Geschichte von Maria und Joseph von Nazaret), „Détective“ und „Nouvelle Vague“ sind seine bekanntesten Filme aus dieser Zeit. Teils spielten, wie schon bei seinen Filmen aus den Sechzigern, Stars mit. Eigentlich nie gab es eine nacherzählbare Geschichte. Es ging eher um die Idee einer Geschichte, die es ihm ermöglicht, seine Gedanken zu entfalten. Beides diente als vernachlässigbares Korsett und als willkommener Anlass, das zahlende Publikum ins Kino zu bringen, und es dort mit philosophischen Gedanken, Geistesblitzen, Assoziationen und Humor zu belästigen. Jean-Luc Godard inszenierte sich gleichzeitig als Narr und Klugscheißer, der munter mit seinem Wissen protzte.

In seinen letzten Filme, wie jüngst „Bildbuch“, versuchte der wie ein Eremit lebende Godard überhaupt nicht mehr, ein großes Publikum anzusprechen. Wer sich allerdings auf den assoziativen Strom von Bildern und Gedanken einlässt, wird immer ein, zwei Goldstücke finden. Nur der Spaß, den wir mit Jean-Paul Belmondo und Anna Karina in „Pierrot le fou“ oder mit der „Außenseiterbande“ hatten, ist in seinen experimentellen Essayfilmen verschwunden.

Filmkritiker Bert Rebhandl zeichnet in seinem pünktlich zu Godards neunzigstem Geburtstag erschienenen Biographie „Jean-Luc Godard – Der permanente Revolutionär“ Godards Leben und Schaffen chronologisch nach. Dabei gibt es drei Schwerpunkte: sein noch heute einflussreiches Werk in den sechziger Jahren, seine zwischen 1988 und 1998 entstandene mehrteilige Serie „Geschichte(n) des Kinos“ (Histoire(s) du cinéma) und sein Spätwerk; also die wenigen Filme, die er in den letzten zwanzig , dreißig Jahren veröffentlichte.

Er streift Godards Umgang mit seinen Schauspielern (oft sehr schwierig), das Zeigen nackter Frauen (ähem, das könnte, neben der intellektuellen Brillanz der Monologe und Dialoge, ein Grund für seine Beliebtheit bei jüngeren Zuschauern sein; davon abgesehen ebenfalls sehr schwierig, mit einer Tendenz zur Pornographie), seine Beziehungen zu jungen Frauen (man könnte sie übergriffig nennen) und seine, höflich formuliert, unklare Haltung zum Antisemitismus. Das alles nennt Rebhandl ohne ein Urteil zu fällen.

Auf Godards Privatleben geht er nur ein, wenn es für sein Werk und seine Selbstinszenierung eine Rolle spielt. Auf einen intellektuellen Überbau, der Godards offenes Werk in eine bestimmte Lesart zwängen würde, verzichtet Rebhandl bewusst.

So ist „Jean-Luc Godard – Der permanente Revolutionär“ eine informative Biographie, die einmal chronologisch durch Godards Werk geht und die Neugierde auf eine wiederholte (?) Sichtung von Godards unbekannteren Werken weckt. Soweit sie allgemein verfügbar sind.

Bert Rebhandl: Jean-Luc Godard – Der permanente Revolutionär

Paul Zsolnay Verlag, 2020

288 Seiten

25 Euro

 

 

Die Filme von Jean-Luc Godard (vor allem seine Spielfilme und wichtigen längeren Werke, daneben drehte er Kurzfilme, kurze und lange TV-Filme und Werbefilme unterschiedlicher Länge)

Außer Atem (À bout de souffle, 1960)

Der kleine Soldat (Le petit soldat. 1960)

Eine Frau ist eine Frau (Une femme est une femme, 1961)

Die Geschichte der Nana S. (Vivre sa vie, 1962)

Die Karabinieri (Les Carabiniers, 1962)

Die Verachtung (Le Mépris, 1963)

Die Außenseiterbande (Bande à part, 1964)

Eine verheiratete Frau (Une femme mariée, 1964)

Lemmy Caution gegen Alpha 60 (Alphaville, une étrange aventure de Lemmy Caution, 1965)

Elf Uhr nachts (Pierrot le fou, 1965)

Masculin – Feminin oder: Die Kinder von Marx und Coca-Cola (Masculin – féminin: 15 faits précis, 1966)

Made in U.S.A. (Made in U.S.A, 1966)

Zwei oder drei Dinge, die ich von ihr weiß (Deux ou trois choses que je sais d’elle, 1967)

Die Chinesin (La Chinoise, 1967)

Weekend (Week-end, 1967)

Eins plus Eins (One plus One/Sympathy for the Devil, 1968)

Die fröhliche Wissenschaft (Le Gai Savoir, 1969, TV-Film)

Alles in Butter (Tout va bien, 1972, mit Jean-Pierre Gorin)

Nummer zwei (Numéro 2, mit Anne-Marie Miéville)

Rette sich, wer kann (das Leben) (Sauve qui peut [la vie], 1980)

Passion (Passion, 1982)

Vorname Carmen (Prénom Carmen, 1983)

Maria und Joseph (Je vous salue, Marie, 1985)

Détective (Détective, 1985)

King Lear (King Lear, 1987)

Schütze deine Rechte (Soigne ta droite, 1987)

Nouvelle Vague (Nouvelle Vague, 1990)

Deutschland Neu(n) Null (Allemagne neuf zéro, 1991)

Weh mir (Hélas pour moi, 1993)

JLG/JLG – Godard über Godard (JLG/JLG – Godard par Godard, 1995)

For Ever Mozart (1996)

Geschichte(n) des Kinos (Histoire(s) du cinéma, 1988 – 1998)

Auf die Liebe (Eloge de l’amour, 2001)

Unsere Musik (Notre musique, 2004)

Film Socialisme (2010)

Adieu au langage (2014)

Bildbuch (Le Livre d’image, 2018) (bis 15. Dezember 2020 in der Arte-Mediathek)

Hinweise

Homepage von Bert Rebhandl

Rotten Tomatoes über Jean-Luc Godard

Wikipedia über Jean-Luc Godard (deutsch, englisch, französisch)

Meine Besprechung von Jean-Luc Godards „Außer Atem“ (À bout de souffle, Frankreich 1960)

Jean-Luc Godard in der Kriminalakte


Verbrechen, Straftaten und Morde, Morde, Morde an, zu, um und wegen Weihnachten – Ein unvollständiger Überblick über die diesjährige Saison an Weihnachtskrimis

Dezember 1, 2020

Während in den Buchhandlungen die Tische mit den Weihnachtsbüchern aufgestellt werden, ist Weihnachten für mich alten Weihnachtsignoraten jetzt größtenteils erledigt. Jedenfalls literarisch. Dafür habe ich „Rentier, Raubmord, Rauschgoldengel“ anders gelesen, als es von Herausgeberin Monika Beck geplant war. Das Buch enthält „24 Weihnachtskrimi von Heiligenhafen bis Zermatt“ und ist damit das literarische Äquivalent zu einem Adventskalender. Die Kurzkrimis sind von Regine Kölpin, Gert Anhalt, Till Raether, Andreas Gößling, Jan Jacobs, Judith Merchant, Dina El-Nawab/Markus Stromiedel, Thomas Kastura, Nicola Förg, Wolfgang Burger/Hilde Artmeier, Alexander Oetker, Stefan Haenni, Gisa Pauly, Romy Fölck, Christiane Franke/Cornelia Kuhnert, Katja Bohnet, Christian Kraus, Marc Hofmann, Hanni Münzer, Wolfram Fleischhauer, Iny Lorentz, Angela Svensson, Michaela Kastel und Susanne Mischke. Sie sind erfolgreiche deutsche Autoren, die, jedenfalls gehe ich von dieser Annahme aus, für diesen Sammelband im Frühjahr/Sommer eine Geschichten geschrieben haben. In einigen treten ihre bekannten Seriencharaktere auf. Zwei Geschichten – Gert Anhalts „Der King muss sterben“ mit einem Auftritt von Elvis Presley und Iny Lorentz‘ im Königreich Bayern spielende „Weihnachtslist“ – spielen in der Vergangenheit. Alle anderen spielen in einer unspezifischen Gegenwart, in der die Coronavirus-Pandemie egal ist. Die Pandemie wird nur einmal, in Nicola Förgs „Ein frostiger Boomerang“ in einem Halbsatz, erwähnt. Aber auch diese Geschichte könnte in jedem anderen Jahr spielen. Sowieso könnten fast alle Geschichten, manchmal mit kleinen Änderungen, irgendwann in den vergangenen Jahren und sogar Jahrzehnten spielen. Auch Weihnachten und die Weihnachtszeit sind oft nur ein beliebig austauschbarer, für die Handlung unwichtiger Hintergrund. Alexander Oetkers „Schneegestöber am Matterhorn“ ist hier die lesenswerte Ausnahme. Und selbstverständlich wird in den meisten Kurzgeschichten der in deutschen Krimi-Kurzgeschichten beliebte schwarzhumorig-schnurrige Ton gepflegt.

Insgesamt ist „Rentier, Raubmord, Rauschgoldengel“ eine seltsam von allen Zeitläufen entkoppelte Sammlung von wenig überraschenden Geschichten. Einige Ausnahmen, wie Dina El-Nawab/Markus Stromiedels „Tote halten keine Vorträge“, bestätigen diesen Eindruck.

Monika Beck (Hrsg.): Rentier, Raubmord, Rauschgoldengel – 24 Weihnachtskrimis von Heiligenhafen bis Zermatt

Knaur, 2020

416 Seiten

10,99 Euro

Neben Kurzgeschichten gibt es auch an Weihnachten spielende Kriminalromane. Diese spielen gerne in einem einsam gelegenem, von Schneebergen umgebenem Anwesen. Die Verwandtschaft versammelt sich, in herzlich abgrundtiefer Abneigung gegeneinander vereinigt, um das Kaminfeuer. Einer wird ermordet. Jeder hat ein Motiv. Keiner hat ein Alibi, das einer genaueren Überprüfung standhält. Und weil niemand in der Mordnacht zum Anwesen kommen und es wieder verlassen konnte, ist einer der Anwesenden der Mörder.

Diese immer noch sehr beliebte und sehr variable Formel benutzt Anne Meredith in ihrem Krimi „Das Geheimnis der Grays“. In dem 1933 im Original erschienenem Cozy versammelt sich am Heiligabend 1931 die Verwandtschaft im abgelegenem Landhaus King’s Poplars und einer von ihnen bringt in der Nacht das greise und geizige Familienoberhaupt um.

Für die aktuelle Ausgabe schrieb Martin Edwards, selbst erfolgreicher Krimiautor und Cozy-Fan, ein Nachwort und erwähnt dabei auch Dorothy L. Sayers Buchkritik mit ihrem Urteil: „Ein starkes, beeindruckendes Buch mit einer überzeugenden Zwangsläufigkeit des Handlungsablaufs, die dem Werk etwas wahrhaft Tragisches verleiht.“

Anne Meredith ist ein Pseudonym von Lucy Beatrice Malleson. Sie schrieb auch als Anthony Gilbert.

Anne Meredith: Das Geheimnis der Grays – Eine weihnachtliche Kriminalgeschichte

(übersetzt von Barbara Heller)

Klett-Cotta, 2020

304 Seiten

10 Euro

Originalausgabe

Portrait of a Murderer. A Christmas Crime Story

Victor Gollanz, London, 1933

Hinweise

Wikipedia über Anne Meredith (deutsch, englisch)

Auch „Das Geheimnis von Dower House“ folgt dieser Formel. In dem im Original 1936 erschienenem Kriminalroman erhält der legendäre Flieger Ferguson O’Brien mehrere Morddrohungen, nach denen er an Weihnachten sterben wird. Der Absender ist einer seiner Weihnachtsgäste und, auch wenn O’Brien die Drohungen nicht ganz ernst nimmt, bittet er Amateurdetektiv Nigel Strangeways um Hilfe. Noch während Strangeways mit den Weihnachtsgästen redet, wird O’Brien ermordet.

Der bekannteste Roman von Nicholas Blake ist, ebenfalls mit Nigel Strangeways, „Mein Verbrechen“ (The Beast must die, 1938). Claude Chabrol verfilmte das Buch als „Das Biest muss sterben“ (Que la bête meure, Frankreich 1969).

Nicholas Blake: Das Geheimnis von Dower House – Eine weihnachtliche Kriminalgeschichte

(übersetzt von Jobst-Christian Rojahn)

Klett-Cotta, 2020

336 Seiten

15 Euro

Originalausgabe

Thou Shell of Death

Collins Crime Club, Glasgow, 1936

Diese Übersetzung erschien bereits 1996 im Diogenes Verlag als „Eine vertrackte Geschichte“.

Hinweise

Wikipedia über Nicholas Blake (deutsch, englisch)

Kaum ist der Weihnachtsbraten verzehrt, wird Inspector Morse zu einem Mord gerufen. Im Zimmer 3 des noblen Haworth Hotels wird eine Leiche gefunden. Der Tote gehörte zu den Gästen, die ein dreitägiges Pauschalangebot mit Rundführung durch Oxford und Kostümball gebucht haben.

Mit dem Mord ist die Stimmung ruiniert und Inspector Morse darf den Januar mit einer Mordermittlung beginnen. Wie immer begleitet von Sergeant Lewis.

Das Geheimnis von Zimmer 3“ ist ein weiterer gelungener Rätselkrimi von Colin Dexter.

Colin Dexter: Das Geheimnis von Zimmer 3 – Ein Fall für Inspector Morse

(übersetzt von Marie S. Hammer)

Unionsverlag, 2020

272 Seiten

12,95 Euro

Originalausgabe

The Secret of Annexe 3

Macmillan, London, 1986

Deutsche Erstausgabe

Hüte dich vor Maskeraden

Rowohlt Taschenbuch Verlag, 1988

Hinweise

Unionsverlag über Colin Dexter

Wikipedia über Colin Dexter (deutsch, englisch)

Krimi-Couch über Colin Dexter

Meine Besprechung von „Lewis – Der Oxford Krimi: Staffel 6“

Meine Besprechung von „Lewis – Der Oxford Krimi: Collector’s Box 1“

Meine Besprechung von „Lewis – Der Oxford Krimi: Gesamt Box“

Meine Besprechung von „Inspector Morse: Staffel 1“

Meine Besprechung von Colin Dexters „Gott sei ihrer Seele gnädig“ (The Wench Is dead, 1989)

Mein Geburtstagsgruß an Colin Dexters

Das war’s mit den Geheimnissen im Buchtitel. Fortan gibt es weihnachtliche Geheimnisse nur noch zwischen den Buchtiteln.

Wobei Denis Mina, die Queen of Tartan Noir, in ihrem ’neuesten‘ Alex-Morrow-Krimi auch gleich die ganze Cozy-Heimeligkeit links liegen lässt. Kurz vor Weihnachten spaziert ein Maskierter mit einer AK-47 in eine Glasgower Postfiliale und richtet, als ein älterer Mann gegen seine Anweisungen verstößt, ein Massaker an. Und das ist nicht der einzige Fall, mit dem Morrow, die nach der Geburt von Zwillingen wieder im Dienst ist, sich herumschlagen muss, während die Glocken nie süßer klingen.

Mit der Übersetzung von „Götter und Tiere“, dem dritten von fünf Alex-Morrow-Krimis, liegen Minas Morrow-Krimis jetzt komplett auf Deutsch vor.

Der Verlag nennt den Krimi „einen rasanten, harten und philosophischen Noir“. Aktuell steht er auf dem ersten Platz der monatlichen Krimibestenliste. Viel wichtiger ist allerdings, dass „Götter und Tiere“ 2013 den renommierten Theakstons Old Peculier Crime Novel of the Year Award gewann.

Denise Mina: Götter und Tiere

(übersetzt von Karen Gerwig)

Ariadne, 2020

352 Seiten

21 Euro

Originalausgabe

Gods and Beasts

Orion, 2012

Hinweise

Homepage von Denise Mina

Wikipedia über Denise Mina (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Denise Mina (Autor)/Leonardo Manco/Andrea Mutti (Zeichner) „Stieg Larsson – Millennium: Verblendung – Band 1“ (The Girl with the Dragoon Tattoo – Book One, 2012 )

Meine Besprechung von Denise Mina/Leanordo Manco/Andrea Muttis „Stieg Larsson- Millennium: Verblendung – Band 2“ (The Girl with the Dragoon Tattoo – Book Two, 2013)

Meine Besprechung von Denise Mina/Leonardo Manco/Andrea Mutti/Antonio Fusos „Stieg Larsson Millenium: Verdamnis – Band 1″ (The Girl who played with Fire, 2014)

Etwas cozy wird es wieder in Lucy Foleys Thriller „Neuschnee“.

Neun Freunde treffen sich um den Jahreswechsel in den schottischen Highlands in einer einsamen Berghütte, um dort zu tun, was Freunde halt so tun. Heftiger Schneefall schneidet sie von der Außenwelt ab. Ein Serienmörder (so etwas gab es zu Agatha Christies Zeiten noch nicht) macht die Gegend unsicher.

Als einer aus der neunköpfigen Feiergruppe vor dem Haus ermordet wird, fragen die Überlebenden sich, ob der Serienmörder sie belagert oder ob einer ihrer Freunde der Mörder ist.

Lucy Foley: Neuschnee

(übersetzt von Ivana Marinovic)

Penguin Verlag, 2020

432 Seiten

15 Euro

Originalausgabe

The Hunting Party

HarperCollins, London, 2018

Schon etwas älter, aber nicht uninteressant sind „Jul-Morde“ und „Eine Leiche zum Advent“.

Jul-Morde – Skandinavische Weihnachtskrimis“ ist etwas für die Freunde des Mordens im Norden. Die Geschichten sind von Åke Edwardson, Johan Theorin, Leena Lehtolainen, Mons Kallentoft, Thomas Enger, Kristina Ohlsson, Hans Koppel, Arne Dahl, Viveca Sten, Olle Lönnaeus, Kari F. Brænne, Robert Kviby und Michael Hjorth & Hans Rosenfeldt. Bis auf drei Geschichten handelt es sich um Originalbeiträge.

Das dürfte für die Fans skandinavischer Kriminalgeschichten als Empfehlung ausreichen.

Sibylle Klöcker (Hrsg.): Jul-Morde – Skandinavische Weihnachtskrimis

(übersetzt von: Anne Helene Bubenzer, Antje Rieck-Blankenburg, Günther Frauenlob, Angelika Kutsch, Ursel Allenstein, Christel Hildebrandt, Holger Wolandt, Lotta Rüegger, Gabriele Schrey-Vasara, Sibylle Klöcker, Susanne Dahmann, Dagmar Lendt, Kerstin Schöps, Maike Dörries)

rororo, 2014

272 Seiten

9,99 Euro

Erstausgabe 2013 bei Wunderlich.

Und dann gibt es noch den von Otto Penzler herausgegebene und hier schon mehrmals empfohlenen Sammelband „Eine Leiche zum Advent“. Mit 708 eng bedruckten Seiten ist das genug Stoff für einige mörderisch lange Abende. Trotzdem hat der Lübbe-Verlag es geschafft, den großen Sammelband (fester Einband, 19 x 5 x 23,4 cm, also so in Richtung Bildband gehend) so zu drucken, dass er angenehm leicht in der Hand liegt. Damit eignet er sich nicht als Schlagwaffe (diese Verwendung schlägt der Klappentexter, wahrscheinlich ein echter Scrooge, vor). Otto Penzler schlägt in seinem Vorwort vor, die Geschichten im trauten Kreis von Freunden und Verwandten vorzulesen. „Und falls irgendjemand diese nette, altmodische Aktivität nicht zu schätzen weiß…Nun, Sie können ihn immer noch umbringen.“

Über die Geschichten sagt Penzler: „viele Geschichten in dieser Anthologie [sind] nicht so einfach zu bekommen. Manche sind sogar nicht mehr erhältlich oder auch nur irgendwie auffindbar.“ Und was für die USA gilt, gilt für Deutschland noch mehr.

Für den Sammelband „Eine Leiche zum Advent“ suchte Penzler 49 Geschichten aus (im Original 59; der Verlust einiger Geschichten, u. a. von Agatha Christie, liegt wohl an der Rechtesituation), die er thematisch sortierte. Unter anderem in „Traditionelle Weihnachten“, „Lustige Weihnachten“, „Ein Sherlockianisches Weihnachten“, „Unheimliche Weihnachten“ „Moderne Weihnachten“ und „Klassische Weihnachten“. Es sind teils bekannte, teils ziemlich unbekannte Geschichten von, in der Reihenfolge ihres Auftretens, Peter Lovesey, Ellery Queen, Colin Dexter, Donald E. Westlake, Thomas Hardy, Edward D. Hoch, Arthur Conan Doyle, John D. MacDonald, Andrew Klavan, Max Allan Collins, Peter Robinson, Ed McBain, John Lutz, Sara Paretsky, Mary Higgins Clark, Isaac Asimov, Ed Gorman, G. K. Chesteron, Rex Stout, H. R. F. Keating, Robert Louis Stevenson, O. Henry, Edgar Wallace, undsoweiter. Teilweise mit vertraut-beliebten Charakteren, wie Sherlock Holmes, Father Brown und Nero Wolfe.

Allein schon die Namen verraten Krimifans, dass Krimikenner Penzler eine schöne, undogmatische Auswahl zwischen Tradition und Moderne zusammenstellte. Zu jeder Geschichte verfasste er, wie bei seinen anderen Anthologien, eine kurze Einführung über den Autor und sein Werk.

Da werden auch „die Mürrischsten – jene, die behaupten, sie könnten es gar nicht erwarten, dass die Feiertage vorbei sind“ (Penzler), um eine kleine Verlängerung der Weihnachtstage bitten. Immerhin müssen über siebenhundert, zweispaltig bedruckte Seiten (also viel Lesestoff) durchgearbeitet werden.

Otto Penzler (Herausgeber): Eine Leiche zum Advent – Das große Buch der Weihnachtskrimis

(übersetzt von Stefan Bauer, Winfried Czech, Axel Franken, Stefanie Heinen, Daniela Jarzynka, Helmut W. Pesch, Barbara Röhl, Anna-Lena Römisch, Thomas Schichtel, Dietmar Schmidt und Rainer Schumacher)

Lübbe, 2016

708 Seiten

12 Euro

Originalausgabe

The Big Book of Chistmas Mysteries

Vintage Books, 2013

Und was lernen wir aus all diesen Weihnachtsmorden? Erstens: Weihnachten ist mörderisch. Zweitens: vielleicht besser eine Kreuzfahrt unternehmen…

… „Passagier 23“ von Sebastian Fitzek!…


„Dammbruch“: Robert Brack schickt zwei Safeknacker und eine Mörderin in eine Sturmflut

November 30, 2020

Es ist windig und es regnet. In Hamburg ist beides nicht ungewöhnlich. Dass dieser Wind und Regen die Vorboten der historischen Sturmflut von 1962 sind, weiß damals niemand. Es ist die Sturmflut, die Helmut Schmidt, den damaligen Innensenator von Hamburg, durch sein Krisenmanagement bundesweit bekannt machte. In Robert Bracks neuem Roman „Dammburch“, der während dieser Sturmflut am 16. Februar 1962 spielt, taucht Helmut Schmidt nicht auf. Auch das Militär und sonstige staatliche Stellen, bis auf zwei Streifenpolizisten, tauchen nicht auf. In „Dammbruch“ ist die Flut nur ein Storyelement, das die Pläne von Lou Rinke, Piet Kummerfelt und Betty durcheinanderbringt.

Lou Rinke ist ein Berufsverbrecher, der mit Piet Kummerfelt, seinem jungen, unerfahrenem Gehilfen, im Spreehafen aus einem Tresor illegal mit einem Schiff nach Deutschland gebrachtes Gold rauben will.

Betty arbeitet als 24/7-Pflegerin für Herrn Heinrich, einen kriegsversehrten, herrischen Rentner. Als er sie genug genervt hat und sie weiß, wo er sein Geld versteckt hat, bringt sie ihn um.

Nach ihren Verbrechen treffen Lou, Piet und Betty sich auf ihrer Flucht. Das unaufhaltsam steigende Wasser und die brechenden Deiche lassen ihre Fluchtwege im kalten Nordseewasser verschwinden.

Gemeinsam versuchen sie die Nacht zu überleben und ihre Beute in Sicherheit zu bringen. Da sie schnell ahnen, dass jeder von ihnen ein erklautes Vermögen bei sich hat und weil auch einige Polizisten in der Nähe sind, ist es nur eine Frage der Zeit bis das gegenseitige Misstrauen zu weiteren Verbrechen führt.

Mit seinem neuen Krimi begibt Robert Brack sich wieder in die Geschichte seiner Heimatstadt Hamburg. Während er in anderen Romanen unbekannte Ereignisse, wie die die Auflösung der „Weiblichen Kriminalpolizei“, oder bekannte Ereignisse, wie den Altonaer Blutsonntag, in den Mittelpunkt rückte und er beim Schreiben auf historische Quellen zurückgriff, die er in den Text einfließen ließ, ist die Sturmflut von 1962 hier nur ein austauschbares Wetterphänomen, das die Fluchtpläne von Lou, Piet und Betty beeinflusst.

Das ist etwas schade, aber verzeihlich. Denn Brack will dieses Mal vor allem eine altmodische Gangstergeschichte erzählen. Lou ist ein Safeknacker. Sein Plan ist denkbar simpel: Werkzeug besorgen, aufpassen, dass kein Polizist oder Wachmann in der Nähe ist, einbrechen, Safe aufschweißen, Inhalt umfüllen und abhauen.

Betty ist dagegen ein ganz anderes Kaliber.

Allerdings vergeht einige Lesezeit, bis es wirklich spannend wird. Dann, parallel zum steigenden Wasserspiegel, entfaltet „Dammbruch“ wahre Pageturner-Qualitäten. Bis dahin schildert Robert Brack erstaunlich behäbig die Vorbereitungen der beiden Safeknacker für ihren Bruch und Bettys Alltag mit ihrem Arbeitgeber.

Das macht „Dammbruch“ zu einem schwächeren Werk des vielseitigen und in jedem Jahrzehnt zuverlässigen Robert Brack.

Robert Brack: Dammbruch – Ein Sturmflut-Thriller

Ellert & Richter Verlag, 2020

240 Seiten

12 Euro

Hinweise

Homepage von Robert Brack

Meine Besprechung von Robert Bracks „Schneewittchens Sarg“ (2007)

Meine Besprechung von Robert Bracks „Und das Meer gab seine Toten wieder” (2008)

Meine Besprechung von Robert Bracks „Psychofieber” (1993, Neuausgabe 2008)

Meine Besprechung von Robert Bracks „Blutsonntag“ (2010)

Meine Besprechung von Robert Bracks „Unter dem Schatten des Todes“ (2012)

Meine Besprechung von Robert Bracks „Die drei Leben des Feng Yun-Fat“ (2015)


„Broken“ – sechs Kurzkrimis von Don Winslow, mit einigen alten Bekannten

November 26, 2020

In seinem letzten Roman „Jahre des Jägers“ erzählte Don Winslow auf fast tausend Seiten die Jahrzehnte umspannende Geschichte des Drogenkriegs zwischen Mexiko und den USA weiter. Wie in „Tage der Toten“ und „Das Kartell“, den beiden vorherigen Romanen mit US-Drogenfahnder Art Keller, vermischt er wahre Ereignisse mit Fiktion zu einem großen Panorama des schon vor Ewigkeiten gescheiterten „war on drugs“.

In seinem neuen Buch „Broken“ macht er dann eine Kehrtwende hin zur kurzen Form. Wobei die sechs Geschichten mit jeweils um die achtzig Seiten nicht die Länge einer Kurzgeschichte, sondern eher einer Novelle haben.

In „Broken“ beginnt der in New Orleans lebende Drogenboss Oscar Diaz einen Kleinkrieg mit dem Drogen-Polizisten Jimmy McNabb, der sehr schnell sehr tödlich eskaliert und in einem mehr als filmreifen Finale mündet.

Crime 101“ ist Steve McQueen gewidmet. Der Juwelendieb Davis, ein allein arbeitender Profiverbrecher der alten Parker-Schule, ist ein großer Steve-McQueen-Fan. Und weil Steve McQueen („Bullitt“, „Thomas Crown ist nicht zu fassen“, „Getaway“) der King of Cool war (ist?; also für Davis definitiv „ist“), ist auch Davis ziemlich cool, wenn er entlang der titelgebenden Highway 101 an der kalifornischen Küste seine Verbrechen verübt und mit schönen Frauen Affären hat. In San Diego ist ihm Lieutenant Ronald ‚Lou‘ Lubesnick, der Leiter des Raubdezernats, auf den Fersen. Er glaubt nämlich, dass ein Profiverbrecher seit Jahren unentdekt entlang der Highway 101 seine Verbrechen begeht.

The San Diego Zoo“ ist eine vergnügliche Geschichte in der Tradition von Elmore Leonard, dem die Geschichte auch gewidmet ist. Im Mittelpunkt steht der junge Streifenpolizist Chris Shea, der gerne in Lou Lubesnicks Team aufgenommen würde. Allerdings ist er seit Kurzem als der Trottel bekannt, der einen aus dem Zoo ausgebrochenen Schimpansen von einem Turm holen wollte und von dem Affen mit der Waffe beworfen und zum Gespött der Stadt gemacht wurde. Immerhin lernte er bei dieser Aktion Carolyn Voight, Mitarbeiterin in der Primatenabteilung des Zoos, kennen. Als Shea herausfinden will, wie der Schimpanse in den Besitz des Revolvers gelangte, trifft er auf einige Gauner, die auch in einer Elmore-Leonard-Geschichte gut aufgehoben wären.

Sunset“ ist Raymond Chandler („Der lange Abschied“) gewidmet. In dieser Geschichte erzählt Don Winslow ein weiteres Abenteuer von Boone Daniels, Kopfgeldjäger, Privatdetektiv, Surfer und Mitglied der aus Surfern bestehenden „Dawn Patrol“. Winslow-Fans kennen Boone Daniels bereits aus „Pacific Private“ und „Pacific Paradise“. Jetzt soll Daniels für den in San Diego lebenden Kautionssteller Duke Kasmajian die Surferlegende Terry Maddux finden. Maddux hat mal wieder Mist gebaut. Duke hat die hohe Kaution gestellt. Aber Maddux erscheint nicht zur Gerichtsverhandlung. Also soll Daniels den spurlos verschwundenen Surfer finden.

Paradise“ erzählt ein weiteres Abenteuer von Ben, Chon und O, dem aus „Savages – Zeit des Zorns“ (verfilmt als „Savages“) und „Kings of Cool“ bekanntem Trio von qualitätsbewussten, schlagkräftigen und ziemlich coolen Marihuanahändlern. In „Paradise“ wollen sie ihr Geschäft in Richtung Hawaii expandieren. Ihr dortiger Geschäftspartner ist, wie sie auf der Insel bemerken, der legendäre, seit Jahren spurlos verschwundene Bobby Z, der sich jetzt Tim Karsten nennt und mit seiner Familie glücklich auf der Insel lebt. Winslow-Fans kennen ihn aus dem Roman „Die Auferstehung des Bobby Z“/“Bobby Z“, der als „Kill Bobby Z“ ebenfalls kongenial verfilmt wurde.

The Last Ride“ ist die Geschichte in dem Sammelband, die am nächsten an der aktuellen Realität ist. Cal Strickland ist einer der Grenzschützer, der die Grenze nach Mexiko sichern soll. Als das Heimatministerium Flüchtlinge und Kinder in Käfige einsperrt und Familien trennt, ist für den Trump-Wähler Strickland eine Schwelle überschritten. Er will eines der gefangenen Kinder, das von ihrer Mutter getrennt wurde und aufgrund falsch aufgeschriebener Namen nicht wieder zu seiner Mutter zurückkehren kann, zu ihr zurückzubringen. Dafür muss er das Mädchen aus dem Käfig befreien und nach Mexiko bringen, bevor er von seinen Kollegen verhaftet wird.

Die sechs Geschichten sind für Don-Winslow-Fans natürlich eine schöne Ergänzung zu seinem bisherigen Werk. Immerhin treten in einigen Geschichten in den Hauptrollen altbekannte Winslow-Figuren auf. Manchmal gesellen sich in der gleichen oder einer anderen Geschichte weitere altbekannte Winslow-Figuren dazu. Aber es würde einen Teil des Lesespaßes verderben, wenn ich jetzt verraten würde, wo die aus früheren Romanen als Hauptfiguren bekannten Figuren Neal Carey, Frankie Machine und Jack Wade, auftauchen. Denn manchmal leben sie jetzt unter einem anderen Namen.

Das schöne bei dieser Wiederbegegnung mit altbekannten Winslow-Figuren ist nicht nur die alte, fast schon kindische Freude, einer bekannten Figur, mit der man einige vergnügliche Stunden verbrachte, wieder zu begegnen, sondern dass Don Winslow sie wirklich altern ließ. Es sind jetzt zehn, zwanzig, dreißig Jahre ältere Männer, die erkennbar an einem anderen Punkt ihres Lebens stehen. Sie haben Erfahrungen gemacht und sich verändert. Jedenfalls teilweise.

Die anderen Geschichten lesen sich wie ausführliche Treatments für Hardboiled-Actionfilme. Es sind Skizzen, denen dann die Tiefe eines Romans fehlt.

Daher sollten Winslow-Neueinsteiger unbedingt mit seinen Romanen beginnen. Vor allem die bei Suhrkamp erschienenen Romane sind ein sehr guter Einstieg.

Don Winslow: Broken – Sechs Geschichten

(übersetzt von Ulrike Wasel, Klaus Timmermann, Kerstin Fricke, Peter Friedrich und Joannis Stefanidis)

HarperCollins, 2020

512 Seiten

22 Euro

Originalausgabe

Broken

William Morrow, 2020

Hinweise

Homepage von Don Winslow

Deutsche Homepage von Don Winslow (von Suhrkamp)

Don Winslow twittert ziemlich oft

Meine Besprechung von Don Winslows “London Undercover” (A cool Breeze on the Underground, 1991)

Meine Besprechung von Don Winslows “China Girl” (The Trail to Buddha’s Mirror, 1992)

Meine Besprechung von Don Winslows „Way Down on the High Lonely – Neal Careys dritter Fall“ (neue Übersetzung von „Das Schlangenmaul“; Way Down on the High Lonely, 1993)

Meine Besprechung von Don Winslows „A long Walk up the Water Slide – Neal Careys vierter Fall“ (A long Walk up the Water Slide, 1994)

Meine Besprechung von Don Winslows „Palm Desert“ (While Drowning in the Desert, 1996)

Meine Besprechung von Don Winslows „Pacific Private“ (The Dawn Patrol, 2008)

Meine Besprechung von Don Winslows „Pacific Paradises“ (The Gentlemen’s Hour, 2009) und „Tage der Toten“ (The Power of the Dog, 2005)

Meine Besprechung von Don Winslows „Bobby Z“ (The Death and Life of Bobby Z, 1997)

Meine Besprechung von Don Winslows „Satori“ (Satori, 2011)

Mein Interview mit Don Winslow zu “Satori” (Satori, 2011)

Meine Besprechung von Don Winslows “Savages – Zeit des Zorns” (Savages, 2010)

Meine Besprechung von Don Winslows “Kings of Cool” (The Kings of Cool, 2012)

Meine Besprechung von Don Winslows „Vergeltung“ (Vengeance, noch nicht erschienen)

Meine Besprechung von Don Winslows „Missing. New York“ (Missing. New York, noch nicht erschienen)

Meine Besprechung von Oliver Stones Don-Winslow-Verfilmung „Savages“ (Savages, USA 2012)

Meine Besprechung von Don Winslows „Das Kartell“ (The Cartel, 2015)

Meine Besprechung von Don Winslows „Germany“ (Germany, 2016 – noch nicht erschienen)

Mein Hinweis auf Don Winslows „London Undercover – Neal Careys erster Fall“ (A Cool Breeze on the Underground, 1991)

Don Winslow in der Kriminalakte


„California Dreamin’“ mit Pénélope Bagieu und The Mamas & The Papas

November 20, 2020

Die Musik dürfte heute noch bekannt sein. Aber wer „California Dreamin‘, „Monday, Monday“ und andere Songs der Band „The Mamas & The Papas“ nur aus dem Radio kennt, der kennt nur die schönen Stimmen der Bandmitglieder, aber nicht ihre Gesichter. Dabei war in den Sechzigern – „The Mamas & The Papas“ existierte von 1965 bis 1968 (1971 veröffentlichte sie ihre fünfte LP, zu der sie vertraglich verpflichtet war) – sowohl der Gesang als auch das Aussehen der Bandmitglieder ungewöhnlich. Bei ihren optimistisch-lebensbejahend-wohlklingenden Popsongs mischten sie im Chorgesang nämlich Männer- und Frauenstimmen.

Bei den Bandmitgliedern fiel Sängerin Cass Elliot sofort auf. Sie entsprach nicht dem Schönheitsideal für Sängerinnen von Popbands, die jung, schlank und überaus attraktiv sein sollen. Wenn sie dann auch noch singen können, ist das kein Hindernis. Cass war übergewichtig. Damals war das ein hundertprozentiger Karrierekiller. Aber die am 13. September 1941 in Baltimore, Maryland, als Ellen Naomi Cohen geborene Sängerin, Kind jüdischer Eltern, wollte unbedingt auf die Bühne. Als Kind war Florence Foster Jenkins ihr Vorbild. Von ihr stammt die berühmte Bemerkung: „Man mag einmal sagen, ich könnte nicht singen, aber nicht, ich hätte nicht gesungen.“

Damit hätte Cass, die singen konnte, auch in Pénélope Bagieus „Unerschrocken“ gepasst. In dem zweibändigen Comic porträtiert sie dreißig bekannte und heute unbekannte Frauen, die für die Verwirklichung ihrer Träume kämpften und auf dem Weg zu ihrem Ziel Barrieren einrissen.

Jetzt hat Bagieu Cass Elliot mit „California dreamin’“ ein eigenes Buch gewidmet.

Sie erzählt vor allem die Geschichte vor dem ersten Hit der Band. Es geht also um Cass‘ Kindheit und Jugend, ihren ersten Erfahrungen als Sängerin bei Veranstaltungen und dem schwierigen Zusammenfinden der vier Musiker, die dann „The Mamas & The Papas“ wurden. Die Folkpopband bestand aus ihr, John Phillips, Denny Doherty und Michelle Phillips. Lange stritten sie sich darüber, ob Folk tot sei (immerhin hatte Bob Dylan damals gerade die E-Gitarre entdeckt), ob Cass ein reguläres Mitglied der Band sein sollte und welche Musik sie machen sollten.

Bagieu schildert auch die ständigen Vorurteile, mit denen Cass wegen ihres Aussehens konfrontiert wird. Sie zeigt aber auch, wie Cass wegen ihres Wesens immer wieder schnell der beliebte Mittelpunkt einer Party oder Gruppe wird. Sie war eine richtige Stimmungskanone. Und wohl auch etwas nervig, weil sie immer im Mittelpunkt stehen musste.

California dreamin’“ erzählt humorvoll den Weg von Cass und „The Mamas & The Papas“ an die Spitze der Hitparade in pointiert zugespitzten Szenen.

Am 29. Juli 1974 starb Cass in London in einem Hotel. Die Todesursache war ein Herzversagen. Bagieus Comic hört lange vorher, nämlich 1966, auf. Damals war „California dreamin’“ ein Hit und die Band eine glücklich zusammenlebende Kommune. Jedenfalls für die Fans, die gerne ein Leben wie Cass führen würden. Wenn sie nicht gleich Cass sein könnten.

 

Pénélope Bagieu: California dreamin‘

(übersetzt von Ulrich Pröfrock)

Reprodukt, 2020

280 Seiten

24 Euro

Originalausgabe

California dreamin‘

Gallimard, 2019

Hinweise

Homepage von Pénélope Bagieu

Meine Besprechung von Pénélope Bagieus „Hexen hexen“ (Sacrées sorcières, 2020)

Allmusic über „The Mamas & The Papas“

Wikipedia über „The Mamas and The Papas“ (deutsch, englisch) und Cass Elliot (deutsch, englisch)


„Blade Runner 2019“ besucht die „Off-World – Jenseits der Erde“

November 9, 2020

Vor Jahrzehnten erschien ein Science-Fiction-Roman, der es damals immerhin auf die Nominierungsliste für den Nebula-Award schaffte. Über zehn Jahre später wurde das Buch verfilmt. Mit den üblichen Freiheiten, die sich Hollywood gerne nimmt. Der Film war zunächst kein großer Erfolg. Inzwischen ist „Blade Runner“ einer der ikonischen Filme, ein Kultfilm, der unzählige weitere Werke inspirierte. Jüngst eine von Michael Green (auch das Drehbuch für „Blade Runner 2049“) und Mike Johnson geschriebene und von Andrés Guinaldo gezeichnete offizielle Comic-Serie, die in der dystopischen Welt des originalen Films spielt: Los Angeles, 2019.

In dem ersten „Blade Runner 2019“-Sammelband „Los Angeles“ erhält Aahna „Ash“ Ashina, einer der ersten und besten Replikantenjäger, einen Spezialauftrag. Sie soll Isobel, die Frau von Alexander Selwyn, und ihre vierjährige Tochter Cleo finden. Er ist der Chef der Canaan Corporation und mit der menschenähnliche Replikanten bauenden Tyrell Corporation verbandelt.

Bei ihrer Suche erfährt Ash, dass Cleo und Isobel Replikanten sind. Besonders Cleo ist wichtig für die Tyrell Corporation, weil ihr Genom den Schlüssel für ein längeres Leben der Replikanten enthält.

Am Ende des Buches flüchtet Ash mit Cleo auf die von der Erde weitab gelegenen Planeten. Cleos Mutter ist tot.

Der jetzt erschienene zweite Band „Off-World – Jenseits der Erde“ spielt sieben Jahre später. Ash und Cleo haben eine neue Identität angenommen und leben auf Off-World, einer Minen-Kolonialwelt. Sie gehen davon aus, dass sie immer noch gejagt werden. Da taucht die Replikantenjägerin Hythe auf und macht Ash ein Angebot, das sie nicht ablehnen kann.

Off-World – Jenseits der Erde“ führt die Geschichte von „Los Angeles“ fort und kämpft, falls „Blade Runner 2019“ wie angekündigt mit dem dritten Sammelband endet, mit den üblichen Problemen eines Mittelteils. Mühsam werden, immerhin sind seit den Ereignissen in Los Angeles einige Jahre vergangen, die einzelnen Figuren und ihre Identität etabliert, während die eigentliche Handlung lange Zeit nebulös bleibt. Das liegt auch daran, dass in „Off-World“ eine neue, aus dem Film unbekannte Welt etabliert werden muss. Es ist eine Welt, die an „Outland“ (ein SF-Western von Peter Hyams mit Sean Connery) erinnert. „Los Angeles“ konnte dagegen einfach die aus dem Film bekannte Noir-Welt und ihre Regeln als bekannt voraussetzen und in dieser Welt eine abgeschlossene Kriminalgeschichte erzählen.

Ob „Off World – Jenseits der Erde“ nur einige Seiten füllte oder das Finale konsequent vorbereitete, wird die Zukunft zeigen.

Michael Green/Mike Johnson/Andrés Guinaldo: Blade Runner 2019: Off-World – Jenseits der Erde (Band 2)

(übersetzt von Bernd Kronsbein)

Panini, 2020

116 Seiten

15 Euro

Originalausgabe

Blade Runner 2019 # 5 – 8

Titan Comics, 2020

Hinweise

Wikipedia über das Blade-Runner-Franchise

Meine Besprechung von Michael Green/Mike Johnson/Andrés Guinaldos „Blade Runner 2019: Los Angeles“ (Blade Runner 2019 # 1- 4, 2020)


Nützliches über James Bond in „Unnützes James Bond Wissen“

November 8, 2020

Der Titel „Unnützes James Bond Wissen“ ist eine glatte, hundertfünfzigprozentige Lüge. Es gibt kein unnützes Bond-Wissen. Das sage ich als moderater Bond-Fan, der jetzt nicht erklären möchte, wie viele Regalmeter mit James Bond gefüllt sind.

Bei Danny Morgenstern, dem Autor von „Unnützes James Bond Wissen“ und einiger Bücher über James-Bond-Filme, dürften es deutlich mehr Regalmeter sein.

Im Mittelpunkt von seinem neuen Buch stehen, wenig überraschend, die James-Bond-Filme. Sie werden chronologisch von „Casino Royale“ (dem TV-Film von 1954, der lange als verschollen galt) bis zu dem für nächstes Jahr angekündigtem, neuen Bond-Film „Keine Zeit zu sterben“ (der letzte mit Daniel Craig) behandelt. Neben den offiziellen Bond-Filmen sind auch „Casino Royale“ (1967) und „Sag niemals nie“ (1983) enthalten. In den einzelnen Kapiteln gibt es keine langen Texte, sondern unzählige, wenige Zeilen umfassende Notizen mit wichtigen, um nicht zu sagen lebenswichtigen Informationen, wie dass am Drehbuch zu „Sag niemals nie“ unter anderem Francis Ford Coppola, Ian La Frenais, Dick Clement und Len Deighton mitarbeiteten oder bei den Dreharbeiten für „Sag niemals nie“ (der letzte Auftritt von Sean Connery als James Bond) echte Haie eingesetzt wurden.

Die Bond-Romane von Ian Fleming und, nach seinem Tod, von Kingsley Amis (als Robert Markham), John Gardner, Raymond Benson, Sebastian Faulks, Jeffery Deaver, William Boyd und Anthony Horowitz werden auf wenigen Seiten abgehandelt. Sie haben hier wieder das ihnen aus anderen Büchern über James Bond bekannte Schicksal: sie werden pflichtschuldig erwähnt.

Für Bond-Fans ist Morgensterns Buch mit unnützem Bond-Wissen eine gut gefüllte Fundgrube mehr oder weniger trivialer Informationen über den Geheimagenten ihrer Majestät und seine weltrettenden Missionen rund um den Globus.

Zum Abschluss noch ein Bond-Fakt, der es nicht in Morgensterns Buch geschafft; vielleicht weil er nicht unnütz genug ist: Donald Westlake (aka Richard Stark) wurde vor dem Kinostart von „GoldenEye“ für Ideen für den nächsten Bond-Film gefragt. Westlake schrieb zwei Treatments, die nicht hundertprozentig den Erwartungen der Produzenten entsprachen und weil Westlakes Arbeitsweise (ausgehend von einer Idee einfach drauflos schreiben) mit den Erfordernissen für eine Großproduktion (bei der wenigstens ein grobes Handlungsgerüst mit den notwendigen Schauplätzen feststehen muss) kollidierte, wurde aus dem gemeinsamen Bond-Film nichts. Westlake verarbeitete seine Ideen in dem Roman „Forever and a Death“, der posthum 2017 bei Hard Case Crime erschien. Übersetzt wurde der Thriller noch nicht und das wird sich wahrscheinlich nicht ändern.

Ein Wort zum Video: Ab der 13. Minute packt Danny Morgenstern „Unnützes James Bond Wissen“ aus und erzählt einiges zum Buch. Danach kündigt er einige Veranstaltungen an, die wegen des Lockdowns nicht stattfinden.

Danny Morgenstern: Unnützes James Bond Wissen

Cross Cult, 2020

464 Seiten

15 Euro

Hinweise

Homepage von Danny Morgenstern

Homepage von Ian Fleming

Meine Besprechung von Ian Flemings ersten drei James-Bond-Romane “Casino Royale”, “Leben und sterben lassen” und “Moonraker”

Meine Besprechung von John Gardners “James Bond – Kernschmelze” (James Bond – Licence Renewed, 1981; alter deutscher Titel “Countdown für die Ewigkeit”)

Meine Besprechung von John Gardners „James Bond – Der Mann von Barbarossa“ (James Bond – The Man from Barbarossa, 1991)

Meine Besprechung von Sebastian Faulks’ James-Bond-Roman „Der Tod ist nur der Anfang“ (Devil may care, 2008)

Meine Besprechung von Jeffery Deavers James-Bond-Roman “Carte Blanche” (Carte Blanche, 2011)

Meine Besprechung von William Boyds James-Bond-Roman “Solo” (Solo, 2013)

Meine Besprechung von Anthony Horowitz’ “James Bond: Trigger Mortis – Der Finger Gottes” (James Bond: Trigger Mortis, 2015)

Meine Besprechung von Anthony Horowitz‘ „James Bond – Ewig und ein Tag“ (James Bond – Forever and a day, 2018)

Meine Besprechung der TV-Miniserie „Fleming – Der Mann, der Bond wurde“ (Fleming, Großbritannien 2014)

Meine Besprechung von Sam Mendes’ James-Bond-Films „Skyfall“ (Skyfall, GB/USA 2012)

Meine Besprechung von Sam Mendes’ James-Bond-Film “Spectre” (Spectre, USA/GB 2015)

James Bond in der Kriminalakte

Ian Fleming in der Kriminalakte


Über „Streamland: Wie Netflix, Amazon Prime und Co. unsere Demokratie bedrohen“

November 5, 2020

Streamingdienste bedrohen aufgrund ihres Geschäftsmodells unsere Demokratie. Das ist in einem Satz Marcus S. Kleiners These in seinem Buch „Streamland: Wie Netflix, Amazon Prime und Co. unsere Demokratie bedrohen“. Kleiner ist Professor für Medien- und Kommunikationswissenschaft an der SRH Berlin Universitiy of Applied Sciences.

Diese These ist interessant. Aber ist sie auch plausibel? Immerhin sind Streamingdienste Unterhaltungsplattformen, die mehr oder weniger gelungene Serien und Filme zeigen. Meistens fiktionale Filme, seltener Dokumentarfilme. Nachrichten und politische Meinung gehören nicht zu ihrem Geschäftsmodell. Auf dem deutschen Markt, über den Kleiner schreibt, gibt es solche tagespolitischen Formate nicht; – jedenfalls soweit ich diesen Markt überblicke. Außerdem erwähnt Kleiner auch kein entsprechendes Format. Tagespolitik läuft in Deutschland im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, im Radio, in den Printmedien und inzwischen auch auf verschiedenen YouTube-Kanälen und Podcasts. Warum sollten also Streamingdienste mit ihrem Unterhaltungsprogramm unsere Demokratie und den demokratischen Diskurs über wichtige gesellschaftliche Themen bedrohen?

Das liegt nach Kleiner nicht an dem Angebot der Streamtingdienste, sondern wie sie Filme empfehlen: „Wer die Fähigkeit verliert, selbst zu entscheiden, ist nur noch sehr eingeschränkt ein/e mündige/r Bürger*in. Wir werden entmündigt, wenn unsere Urteilskraft zunehmend durch Programmcodes ersetzt wird. Und wir entmündigen uns permanent selbst, wenn wir das zulassen. Wir tragen damit selbst zur Abschaffung unserer Demokratie bei, denn wir reagieren nur noch, klicken auf Felder, die ein Algorithmus für uns vorbereitet hat. Damit ist aber ein Kennzeichen unserer Demokratie verloren, weil diese voraussetzt, dass wir autonome, selbstständige, bewusst urteilende und uns frei entscheidende Individuen sind.“

Streamingdienste sind, so Kleiner, nicht an Aufklärung und einem kritischen Diskurs (also, salopp gesagt, der Demokratie) interessiert. Sie wollen ihre Kunden unterhalten und sie wollen sie möglichst lang auf ihrer Plattform behalten. Und jede Minute, die man mit Unterhaltung verbringt, verbringt man nicht mit anderen Dingen.

Kleiner stellt dann das bundesdeutsche öffentlich-rechtliche Fernsehen den Streamingdiensten gegenüber. Das ÖR-Fernsehen hat einen Neutralitäts- und Bildungsauftrag. Es muss also Informationssendungen zum politischen Geschehen bringen, verschiedene Meinungen neutral präsentieren und Fakten und Ereignisse einordnen.

Ein Streamingdienst hat diese Verpflichtung nicht

Konkret gesagt: ein Streamingdienst wird sich über eine absurde Theorie oder Sensationsreportage freuen, wenn er damit neue Kunden gewinnt. Ein ÖR-Sender wird die absurde Theorie als absurd einordnen; – falls er überhaupt darüber berichtet.

Das ist der einleuchtende Kern von Kleiners These, die er in „Streamland“ allerdings kaum begründet. Anstatt empirischer Beweise, beschränkt er sich auf das Anekdotische. Statt Zahlen von Streamingdiensten, verweist er auf das Geschäftsmodell von Facebook und YouTube, die wollen, dass ihre Kunden möglichst lange bei ihnen bleiben. Das geht am besten mit Sensationsmeldungen, Polemik und extremen Zuspitzungen. Gleichzeitig werden Empfehlungen von Algorithmen aufgrund vorherigen Verhaltens generiert. Wer also – und das könnt ihr auf YouTube einfach ausprobieren – eine Stunde einen Schlager nach dem nächsten anhört, bekommt weitere Schlager vorgeschlagen. Auch wenn er normalerweise Punk hört.

Ein weiteres Problem von Kleiners Argumentation ist, dass er sich ausschließlich auf die deutschen Verhältnisse konzentriert. Diese sind allerdings nicht auf umstandslos auf andere Länder übertragbar.

Er kann auch nicht schlüssig erklären, warum Netflix eine größere Bedrohung für die Demokratie ist, als Facebook und Twitter. Oder warum ein Mediensystem wie in den USA, wo es kein ÖR-Fernsehen gibt und FoxNews als rechter Propagandasender und Lautsprecher für jede noch so absurde Verschwörungstheorie fungiert, die Demokratie weniger bedrohen soll als ein Portal, das vor allem Unterhaltung anbietet.

So liest sich „Streamland“ wie eine dieser alarmistischen konservativen Medienkritiken, in denen das Neue verteufelt und die Vergangenheit verklärt wird. Hier sind es Kleiners Erinnerungen an die Kindheit und Jugend in den achtziger Jahren mit drei Programmen, einem Sendeschluss, die Welt erklärenden und halt gebenden Moderatoren („Stefanie Tücking hat mich als Moderatorin der ARD-Musikvideosendung ‚Formel Eins‘ […] im Sturm erobert.“), tollen Serien (jedenfalls aus der Erinnerung) und einem Sendeschluss.

Den gibt es bei Netflix nicht.

Wer sich aber seines eigenen Verstandes bedient, kann jederzeit ausschalten und die Freiheit eigener Entscheidungen erfahren.

Marcus S. Kleiner: Streamland: Wie Netflix, Amazon Prime und Co. unsere Demokratie bedrohen

Droemer, 2020

304 Seiten

20 Euro

Hinweise

Homepage von Marcus S. Kleiner

Wikipedia über Marcus S. Kleiner

 


Wieder im Chiemgau, dem „Land der bösen Dinge“

November 2, 2020

Mitten in einer kalten und nebligen Herbstnacht wird auf der Landstraße vor dem einsam gelegenem Haus von Tobias Kern, einem LKW-Fahrer mit bunter Vergangenheit, Sami Haddad erschossen. Für die Polizei ist es ein merkwürdiger Mord. Der 34-jährige Kleingangster Haddad wurde nämlich mit seiner eigenen Pistole erschossen. Alles sieht nach einer geplanten Tat aus oder dass er wenigstens den Täter kannte. Aber die Umstände sprechen dagegen. Und warum fuhr der in München lebende Haddad in der Nacht durch die Provinz?

Was die Polizei nicht weiß, ist, dass Haddad fast eine halbe Million Euro in seinem Auto hatte. Als die Polizei am Tatort eintrifft, ist das Geld weg.

Dieses spurlos verschwundene Geld wollen jetzt seine Kumpels aus München, vor denen er floh, und einige andere mehr oder weniger skrupellose Menschen mit einer mehr oder weniger langen Strafakte haben.

Vier Jahre nach seinem letzten in Traunstein und im Landkreis Altötting spielendem Krimi „Ein Dorf in Angst“ hat Wolfgang Schweiger einen neuen Altötting-Krimi geschrieben, der nur deshalb als „Heimatkrimi“ gelabelt wird, weil das ein verkaufsförderndes Label ist. Denn Schweigers Romane haben, außer dem Handlungsort, nichts mit den handelsüblichen, bei Kritikern normalerweise verhassten Regio-/Provinz-/Heimatkrimis zu tun. Es sind an US-amerikanischen Hardboiled-Vorbildern geschulte Kriminalromane, die diese Themen und Motive gelungen nach Deutschland übertragen. Es sind Romane, wie sie früher Elmore Leonard schrieb oder wie sie heute im Polar Verlag veröffentlicht werden und die hundertprozentig nicht der etablierten Krimiformel von Mord, Sozialkritik und anschließender Aufklärung durch die mit privaten Problemen belasteten Ermittler folgen.

Im „Land der bösen Dinge“ bewegt die Story sich sogar stark in Richtung Western. Die Geschichte spielt fast ausschließlich auf einsam gelegenen Bauernhöfen. Konflikte werden ohne die Polizei gelöst und zitiert immer wieder bekannte Western-Topoi. Auch wenn Kerns Lieblingswaffe eine Machete ist.

In dieser Welt hat die Polizei nur eine Nebenrolle. Da fällt es kaum auf, dass Schweiger mit Simone Gerber eine neue Kommissarin ermitteln lässt und das aus seinen vorherigen Romanen bekannte Ermittlerduo Gruber/Bischoff nicht auftaucht.

Wolfgang Schweiger: Land der bösen Dinge

BoD – Books on Demand, 2020

222 Seiten

9,99 Euro

Hinweise

Homepage von Wolfgang Schweiger

Lexikon der deutschen Krimi-Autoren über Wolfgang Schweiger

Meine Besprechung von Wolfgang Schweigers „Der höchste Preis” (2008)

Meine Besprechung von Wolfgang Schweigers „Tödlicher Grenzverkehr“ (2010)

Meine Besprechung von Wolfgang Schweigers „Duell am Chiemsee“ (2014)

Meine Besprechung von Wolfgang Schweigers „Ein Dorf in Angst“ (2016)

Mein Interview mit Wolfgang Schweiger (2014)

 


Scott Snyder, Greg Capullo, Batman, „Der letzte Ritter auf Erden“ und „Der Tod der Familie“

November 1, 2020

Schon die Labelnamen geben die Richtung bei den von Scott Snyder geschriebenen und Greg Capullo gezeichneten Batman-Abenteuern „Der Tod der Familie“ und „Der letzte Ritter auf Erden“ an. „Der Tod der Familie“ erschien jetzt in einer Neuauflage in der „Batman Noir“-Reihe; „Der letzte Ritter auf Erden“ im neuen „DC Black Label“. Düster, sogar ziemlich wahnsinnig und verrückt sind beide Geschichten. Nicht nur, aber auch wegen dem Joker, der in beiden Geschichten der Bösewicht ist.

In „Der letzte Ritter auf Erden“ fragt Bruce Wayne sich, ob er verrückt wurde oder nur einen Alptraum hat. Oder gleich mehrere.

Jedenfalls erwacht er gefesselt in einem Krankenbett im Arkham Asylum. Sein Arzt, Doktor Redmund Hudd aka der Joker, behauptet, dass Wayne seit fast zwanzig Jahren von ihm behandelt werde. Sein Diener Alfred Pennyworth behauptet, er habe seine Eltern ermordet. Beide versuchen ihn zu überzeugen, dass seine Existenz als Verbrechensbekämpfer Batman ein Wahngebilde ist. Kein Wunder, dass Wayne aus der Irrenanstalt ausbrechen möchte.

Kurz darauf ist er in einer postapokalyptischen Wüste. Mit dem munter vor sich hin plapperndem Kopf des Jokers in einer Laterne. Gemeinsam machen sie sich auf den Weg.

Der letzte Ritter auf Erden“ ist sicher eine der ungewöhnlichsten Batman-Geschichten.

Der Tod in der Familie“ fällt dagegen wesentlich konventioneller aus. Nach einem Jahr kehrt der Joker nach Gotham zurück. Als erstes besucht der „Clownprinz des Verbrechens“ (Christian Endres im Vorwort) ein Polizeirevier, das danach etwas anders aussieht. Danach kündigt er im Fernsehen den Tod des Bürgermeisters an. Batman erinnert das an die ersten Verbrechen des Jokers in Gotham. Nur: warum spielt der Joker sie jetzt wieder nach?

Diese Geschichte erschien bereits vor sieben Jahren, auch in einer deutschen Übersetzung, und sie war damals natürlich koloriert. In der „Batman Noir“-Reihe hat man jetzt die Farben weggelassen. So soll ein neuer Blick auf das Werk ermöglicht werden. Für mich war beim Lesen bemerkenswert, wie sehr ich die Farben vermisste.

Scott Snyder/Greg Capullo: Batman: Der letzte Ritter auf Erden

(übersetzt von Ralph Kruhm)

Panini, 2020

188 Seiten

20 Euro

Originalausgabe

Batman: Last Knight on Earth # 1 – 3

DC Black Label, Juli 2019 – Februar 2020

Scott Snyder/Greg Capullo: Batman: Der Tod der Familie

(übersetzt von Steve Kups)

Panini, 2020

148 Seiten

26 Euro

Originalausgabe

Batman: Death of the Family (Batman 13 – 17)

DC Comis, Dezember 2012 – April 2013

Hinweise

Wikipedia über Scott Snyder (deutsch, englisch) und Batman (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Scott Snyder/Stephen King/Rafael Albuquerques (Zeichner) „American Vampire – Band 1“ (American Vampire, Vol. 1 – 5, 2010)

Meine Besprechung von Scott Snyder/Rafael Albuquerque/Mateus Santoloucos “American Vampire – Band 2″ (American Vampire, Vol. 6 – 11, 2010/2011)

Meine Besprechung von Scott Snyder/Rafael Albuquerque/Danijel Zezeljs “American Vampire – Band 3″ (American Vampire, Vol. 12 – 18, 2011)

Meine Besprechung von Scott Snyder/Sean Murphys “American Vampire – Das Überleben des Stärkeren, Band 4″ (American Vampire: The Survival of the Fittest, 2011)

Meine Besprechung von Scott Snyder/Greg Capullos „Batman: Jahr Null – Die geheime Stadt (Band 4)“ (Zero Year – Secret City: Part 1 – 3; Zero Year – Dark City: Part 1 (Batman # 21 – 24), August – Dezember 2013)

Meine Besprechung von Scott Snyder/JamesTynion IV/Greg Capllo/Andy Clarkes „Batman: Jahr Null – Die dunkle Stadt (Band 5)“ (Batman # 25 – # 33, 2014)

Meine Besprechung von Scott Snyder/Jock/Francesco Francavillas „Batman: Der schwarze Spiegel“ (Detective Comics # 871 – 881, 2011)

Meine Besprechung von Scott Snyder/Kyle Higgins/Trevor McCarthys „Batman: Die Pforten von Gotham“ (Batman: Gates of Gotham # 1 – 5, 2011)

 


Was tun Batman und Deathblow „Nach dem Feuer“?

Oktober 31, 2020

Vor ihrem neuesten Batman-Abenteuer „Batman: Damned“ erzählten Autor Brian Azzarello und Zeichner Lee Bermejo ähnlich bildgewaltig und düster bereits mehrere Geschichten mit Figuren aus dem DC-Universum. Eine dieser DC-Geschichten ist „Nach dem Feuer“ mit Batman und Deathblow. 2003 erschien die dreiteilige Geschichte auf Deutsch in schon lange ausverkauften Einzelheften. Jetzt liegt die Geschichte bei uns erstmals in einem Band vor.

Als an einer Mautstation eine abgehakte Hand mit einer Todeskarte auftaucht, will ‚Batman‘ Bruce Wayne mehr darüber erfahren.

Zur gleichen Zeit wird der Regierungsagent Scott Floyd mit schweren Verbrennungen in das Krankenhaus eingeliefert. Es war ein Anschlag auf sein Leben. Im Krankenhaus sagt Floyd Wayne, dass es sich bei der in der Mautstation gefundenen Todeskarte um die Visitenkarte von Deathblow handelt.

Vor zehn Jahren ging Deathblow, so der Kampfname des staatlichen Auftragskillers Michael Cray, in Gotham seinem blutigem Handwerk nach. Oder hatte er Skrupel bekommen?

Jedenfalls ging damals bei seinem Auftrag aufgrund fehlerhafter Informationen etwas schief und er wurde nicht vollständig ausgeführt. Soll dieser Fehler jetzt korrigiert werden?

Wie der Titel schon sagt, treten mit Batman und Deathblow zwei DC-Serienfiguren auf. Während Batman allgemein bekannt ist, ist Deathblow deutlich unbekannter. Bürgerlich heißt er Michael Cray. Der Soldat gehört zum Team 7 des US-Geheimdienst IO (International Operations), der in den USA nichts zu suchen hat. Durch Mutation erhielt er übermenschliche Widerstandskräfte und einen Gehirntumor. Außerdem plagt ihn sein Gewissen. Die Figur wurde 1993 von Jim Lee und Brandon Choi erschaffen und erlebte seitdem mehrere Neudefinitionen. Eine war ab 2006 von Brian Azzarello.

Bereits 2002 beschäftigte er sich mit Deathblow. Und zwar in „Nach dem Feuer“.

Azzarello und Bermejo erzählen ihre Geschichte auf zwei Zeitebenen, die sich überlagern. Die von Azzarello erfundene und von Bermenjo kongenial gezeichnete Geschichte ist sehr düster mit sehr dunklen Panels, die an die Filme von Hollywoods Schwarzen Serie und „Blade Runner“ ohne Neonoptik erinnern.

Nach dem Feuer“ ist ein Noir, wie man es von „100 Bullets“-Erfinder Brian Azzarello erwartet. Auch wenn es dieses Mal nicht um verführerische Frauen (Gut, eine ist doch dabei.), sondern um Terrorismus und konkurrierende Geheimdienste geht. Wenn das nicht so zeitlos wäre, könnte man „Nach dem Feuer“ als Kommentar zur US-Politik nach 9/11 lesen.

Brian Azzarello/Lee Bermejo: Batman/Deathblow: Nach dem Feuer

(übersetzt von Steve Kups)

Panini, 2020

164 Seiten

17,99 Euro

Originalausgabe

Batman/Deathblow: After the Fire #1 – 3

DC Comics, September – November 2002

Hinweise

DC Comics über Batman

Wikipedia über Batman (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos “Jonny Double” (Jonny Double, 2002)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Marcello Frusins “Loveless 1 – Blutrache” (Loveless: A Kin’ of Homecoming, 2006)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Marcello Frusins „Loveless 2 – Begraben in Blackwater“ (Loveless: Thicker than Blackwater, 2007)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Danijel Zezeljs „Loveless 3 – Saat der Vergeltung” (Loveless: Blackwater Falls, 2008)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Danijel Zezeljs “Loveless 4 – Stunde der Abrechnung” (Loveless, Vol. 19 – 24, 2008)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos “100 Bullets 3 – Alle guten Dinge” (100 Bullets: Hang up on the Hang Low, 2001)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos „100 Bullets 5 – Du sollst nicht töten“ (100 Bullets Vol. 5: The Counterfifth Detective, 2002)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos „100 Bullets – Dekadent (Band 10)“ (100 Bullets: Decayed, Volume 68 – 75)

Meine Besprechung von Brian Azzarellos/Eduardo Rissos „!00 Bullets: Das Einmaleins der Macht (Band 11)“ (100 Bullets: Once upon a crime, Volume 76 – 83)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos „100 Bullets: Das dreckige Dutzend (Band 12)“ (100 Bullets: Dirty, Volume 84 – 88)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos “100 Bullets: Freitag (Band 13) (100 Bullets: Wilt, Volume 89 – 100)

Meine Besprechung von Brian Azzarello (Autor)/Eduardo Risso (Zeichner): Batman – Kaputte Stadt, 2012 (Broken City: Part 1 – 5, Conclusio (Batman # 620 – 625), Dezember 2003 – Mai 2004)

Meine Besprechung von Brian Azzarellos “Wonder Woman: Blut (Band 1)” (Wonder Woman #1 – 6, 2011/2012)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Lee Bermejos „Before Watchmen: Rorschach“ (Before Watchmen: Rorschach – Damntown (Part One – Four), 2012/2013)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Goran Sudžuka/Cliff Chiangs „Wonder Woman: Königin der Amazonen (Band 6)“ (Wonder Woman # 30 – 35, 2014)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Matteo Casalis „Batman: Europa (Batman: Europa, 2016)

Meine Besprechung von Frank Miller/Brian Azzarello/Andy Kubert/Klaus Janson/Brad Anderson/Alex Sinclairs „Batman – Die Übermenschen“ (Dark Knight III: The Master Race # 1 – 9, 2018 )

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos „Batman: Kaputte Stadt und weitere Abenteuer“ (Batman: Gotham Knights #8, 2000; Batman # 620 – 625, 2003/2004; Flashpoint: Batman – Knight of Vengeance # 1 – 3, 2011; Wednesday Comics # 1 – 12, 2009)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Lee Bermejos „Batman: Damned – Band 1“ (Batman: Damned # 1, 2018)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Lee Bermejos „Batman: Damned – Band 2“ (Batman: Damned # 2, 2018)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Lee Bermejos „Batman: Damned – Band 3“ (Batman: Damned 3, 2019)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos „Moonshine – Band 1“ (Moonshine, Volume 1, 2017)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos „Moonshine: Band 2“ (Moonshine, Volume #2, 2017)


Schaurig. Ungemütlich ist es in „Batmans Grab“

Oktober 30, 2020

Das Team von „Stormwatch“ und „The Authority“, Autor Warren Ellis und Zeichner Bryan Hitch, hat sich wieder zusammengetan für die zwölfteilige Batman-Miniserie „Batmans Grab“. Die ersten sechs Hefte sind jetzt in einem Band auf Deutsch erschienen.

Bruce Wayne bekämpft in Gotham City als Batman immer noch das Verbrechen. Mit Hightech, Gewalt und seinem Butler Alfred Pennyworth. Neu ist allerdings, dass Wayne sich in die Opfer von Verbrechen hineinversetzt und er so Hinweise auf den Tathergang und den Täter erhält.

Jetzt entdeckt er in einem billigem Apartment die Leiche eines ehemaligen Mitarbeiters des stellvertretenden Staatsanwalts von Gotham. Über ihn und einige weitere Leichen kommt Batman auf die Spur der Scorn-Armee. Diese geheimnisvolle Organisation ist gut vernetzt und übt einen beträchtlichen Einfluss auf seine Mitglieder aus.

Was sie allerdings wollen ist am Ende des ersten Bands von „Batmans Grab“ noch unklar.

Letztendlich sind die ersten sechs Kapitel dieser Miniserie eine groß angelegte Einführung wichtiger und vermeintlich wichtiger Personen. Erst in den nächsten sechs Kapiteln werden die Geheimnisse gelüftet. Das gelingt Ellis und Hitch gut. Die Story bewegt sich flott voran. Die Actionszenen sind lang und äußerst dynamisch gezeichnet. Die Lesegeschwindigkeit ist entsprechend hoch.

Der zweite Band ist für 2021 angekündigt.

Warren Ellis/Bryan Hitch: Batmans Grab – Band 1 (von 2)

(übersetzt von Christian Heiss)

Panini, 2020

164 Seiten

19 Euro

Originalausgabe

The Batman’s Grave – Chapter 1 – 6

DC Comics, Dezember 2019 – Mai 2020

Hinweise

DC Comics über Batman

Wikipedia über Batman (deutsch, englisch)

 


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: „Hexen hexen“ – im Buch, Comic und Film

Oktober 29, 2020

Echte Hexen tragen ganz normale Kleider und sehen auch wie ganz normale Frauen aus. Sie wohnen in normalen Häusern, und sie üben ganz normale Berufe aus.

Eine echte Hexe hasst Kinder so glühend, dass es zischt, und dieser Hass ist verzehrender und verheerender als alle anderen Gefühle, die ihr euch selbst in euren ärgsten Träumen vorstellen könntet.“

(der Erzähler in Roald Dahl: Hexen hexen)

1983 veröffentlichte Roald Dahl „The Witches“, das bei uns den viel schöneren Titel „Hexen hexen“ hat. Ein Kinderbuch, in dem Junge gegen eine böse Oberhexe kämpft, die alle Kinder in Mäuse verwandeln will.

Das Buch war ein Erfolg. Bereits vor über dreißig Jahren wurde es von Nicolas Roeg mit Anjelica Huston als böser Hexe und Figuren von „Muppets“-Erfinder Jim Henson verfilmt. Roegs in der Gegenwart spielender Film beeindruckt durch Hensons lebensechte Figuren und erstaunt, jedenfalls für einen Kinderfilm, durch mehrere furchterregend orgiastische Hexenszenen, die an entsprechende Orgien-Szenen aus Siebziger-Jahre-Filme erinnern. Und er besitzt eine ordentliche Portion schwarzen Humors. Da verzeiht man auch das neue Ende.

Jetzt wurde Dahls Buch wieder verfilmt. Dieses Mal von Robert Zemeckis, dem Regisseur von „Zurück in die Zukunft“, „Forrest Gump“, „The Walk“ und, für „Hexen hexen“ besonders wichtig, „Falsches Spiel mit Roger Rabbit“, „Der Tod steht ihr gut“, „Der Polarexpress“, „Die Legende von Beowulf“ und „Disneys Eine Weihnachtsgeschichte“. Auch in seinem neuesten Film verknüpft Zemeckis reale mit animierten Szenen. Wobei es sich, der Zeit folgend, nicht mehr um gezeichnete Szenen oder traditionelle Spezialeffekte, sondern um computergenerierte Animationen handelt. Und das ist eines der Probleme von seinem Film.

Doch beginnen wir mit der Geschichte, die auch in diesem Film Dahls Geschichte ziemlich genau folgt.

Ginder sind zum Gotzen! Wir werden sie alle verschwinden lassen! Wir werden sie wegpusten vom Angesicht der Erde. Ginder riechen nach Hündegötteln!“

(die Hoch- und Großmeisterhexe in Roald Dahl: Hexen hexen)

1968 verliert in der Nähe von Chicago ein achtjähriger afroamerikanischer Junge bei einem Autounfall seine Eltern. Seine in Demopolis, Alabama, lebende Großmutter nimmt ihn auf. Sie ist eine strenge, aber auch herzensgute Raucherin, die viel über Hexen weiß. Sie entwickelt einen asthmatischen Husten, der sie zu einem Aufenthalt an der Küste bewegt.

Sie steigen im mondänen Grand Orleans Imperial Island Hotel ab. Der Junge stromert durch das Hotel. In einem leeren Ballsaal, in dem die Königliche Gesellschaft zur Verhinderung von Kindesmissbrauch ihr Jahrestreffen abhalten will, beginnt er seine beiden Mäuse Kunststücke zu trainieren. Währenddessen stürmen die Kinderschützerinnen in den Saal und beginnen ihr Treffen. Erschrocken bemerkt der Junge, als sie ihre Handschuhe und Schuhe ausziehen und ihre Perücken absetzen, dass diese Damen keine Kinderschützerinnen sind. Sie sind Hexen, die ihre nächsten Aktionen planen.

Die Hoch- und Großmeisterhexe, eine extrem herrische, ungeduldige und bösartige Person, will, dass die Hexen alle Kinder mit einem von ihr gebrautem Elixier in Mäuse verwandeln. Die Wirksamkeit ihres Elixiers demonstriert sie an dem ständig essendem Bruno Jenkins, der sich vor ihren Augen schwuppdiwupp in eine Maus verwandelt.

Als sie kurz vor dem Ende ihrer Versammlung den Jungen entdecken, verwandeln sie ihn ebenfalls in eine Maus, die sie sofort töten wollen. Er kann ihnen entkommen.

Jetzt will er den teuflischen Plan der Oberhexe vereiteln. Seine Großmutter und Bruno Jenkins, wenn er nicht gerade mit Essen beschäftigt ist, sollen ihm helfen.

Kinder sollten niemals baden. Es ist eine lebensgefährliche Gewohnheit.“

(die Großmutter in Roald Dahl: Hexen hexen)

Soweit die Filmgeschichte. Im Roman ist die Großmutter eine Norwegerin, das Hotel ist in England und der Junge ist ein Weißer. Davon abgesehen veränderten die Macher nicht viel.

Trotzdem ist Robert Zemeckis „Hexen hexen“ eine ziemliche Enttäuschung. Der eine Grund sind die schon erwähnten Spezialeffekte. Bei Roeg waren es liebevoll hergestellte Puppen und traditionelle Spezialeffekte. Bei Zemeckis stammt dagegen alles aus dem Computer und das sieht in diesem Fall, vor allem bei den Hexen, sehr künstlich und wenig furchterregend aus. Das kann auch an dem fehlendem schwarzen Humor liegen.

Das zweite Problem ist das Drehbuch. Es dauert zu lange, bis die Oberhexe auftaucht und die eigentliche Filmgeschichte beginnt. Erst ungefähr in der Filmmitte wird der Junge verwandelt. Entsprechend wenig Zeit bleibt dann für seine Versuche, den teuflischen Plan der Hexe zu vereiteln. Die Figuren sind arg eindimensional gezeichnet. Das durch den Handlungsort und -zeit und die Hautfarbe des Jungen und seiner Großmutter angedeutete Thema ‚Rassismus‘ wird nicht weiterverfolgt.

So ist die neueste Version von „Hexen hexen“ eine seelenlose CGI-Schau mit vielen verpassten Chancen, die niemals auch nur den Hauch des Schreckens von Roegs Version versprüht.

Wenige Wochen vor Zemeckis Version erschien Pénélope Bagieus Comicversion von „Hexen hexen“. Auch sie hält sich an Dahls Geschichte. Aber sie verändert das Geschlecht von Bruno Jenkins. Im Comic ist Bruno Jenkins ein Mädchen, das weniger als Bruno isst (was leicht ist) und schlauer ist. Damit verändert sich auch die Beziehung zwischen ‚Bruno‘ und dem Jungen. Diese behutsame Modernisierung und ihre Zeichnungen machen diese Version zu einem witzigen Lesevergnügen.

Hexen hexen (The Witches, USA 2020)

Regie: Robert Zemeckis

Drehbuch: Robert Zemeckis, Kenya Barris, Guillermo del Toro

LV: Roald Dahl: The Witches, 1983 (Hexen hexen)

mit Jahzir Bruno, Octavia Spencer, Anne Hathaway, Stanley Tucci, Charles Edwards, Morgana Robinson, Codie-Lei Eastick, Chris Rock (im Original eine wichtige Stimme)

Länge: 105 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage

Roald Dahl: Hexen hexen

(übersetzt von Sybil Gräfin Schönfeldt)

rowohlt rotfuchs, 2020

240 Seiten

10 Euro

Deutsche Erstübersetzung 1986

Der aktuellen Ausgabe liegt die Neuausgabe von September 2016 zugrunde

Originalausgabe

The Witches

Jonathan Cape Ltd., London, 1983

Der Comic

Pénélope Bagieu: Hexen hexen

(übersetzt von Silv Bannenberg)

Reprodukt,2020

304 Seiten

29 Euro

Originalausgabe

Sacrées sorcières

Gallimard Jeunesse, 2020

Die erste Verfilmung

Hexen hexen (The Witches, Großbritannien 1989)

Regie: Nicolas Roeg

Drehbuch: Allan Scott

LV: Roald Dahl: The Witches, 1983 (Hexen hexen)

mit Anjelica Huston, Mai Zetterling, Jasen Fisher, Rowan Atkinson, Bill Paterson

Hinweise

Moviepilot über „Hexen hexen“

Metacritic über „Hexen hexen“

Rotten Tomatoes über „Hexen hexen“

Wikipedia über „Hexen hexen“ (deutsch, englisch)

Homepage von Roald Dahl

Homepage von Pénélope Bagieu

Meine Besprechung von Steven Spielbergs Roald-Dahl-Verfilmung „BFG – Big Friendly Giant (The BFG, USA 2016)


„Stadt, Land, Raub“ und Cash sucht verschwundene Frauen

Oktober 28, 2020

Es beginnt mit einer spurlos verschwundenen College-Studentin und endet mit der Aufklärung des Verbrechens. Denn die Studentin verschwand nicht freiwillig.

Aber ein Krimi, in dem ein Ermittler emsig Spuren und falsche Fährten verfolgt, ist „Stadt, Land, Raub“ von Marcie Rendon nicht. Es ist eher die Entwicklungsgeschichte einer jungen Frau mit einer minimalen Krimibeilage. Diese Frau ist Cash Blackbear, eine neunzehnjährige Waise, die quasi von Sheriff Wheaton adoptiert wurde und der sie am Ende von „Am roten Fluss“ nachdrücklich aufforderte, das College zu besuchen.

Am Anfang von „Stadt, Land, Raub“ lernt Cash die für sie sehr ungewohnten und teils abstrusen Regeln des College-Betriebs kennen, während sie weiterhin Rübenlaster fährt, Billard spielt und Bier trinkt. Letztendlich lebt sie das unstudentische Leben, das sie bereits in „Am roten Fluss“ lebte, weiter. Jedenfalls versucht sie das zunächst. Aber dann wird sie gefragt, ob sie im AIM (American Indian Movement) mitmacht, ihr schon vor Ewigkeiten von ihr getrennter Bruder – inzwischen ein Vietnam-Veteran mit postraumatischer Belastungsstörung – klopft bei ihr überraschend an die Tür und ein Professor reicht eines ihrer Essays bei einem Wettbewerb ein. Cash gerät in die Endauswahl und sie muss mit dem Professor und einigen Mitstudenten in die Citys fahren, wie die Städte Minneapolis und St. Paul in Minnesota normalerweise genannt werden. Für Cash, die bislang nie die mehr als ländliche Gegend um Fargo, den Red River und das Valley verließ, sind die wenigen Kilometer von ihrem Revier in die Stadt mehr als eine halbe Weltreise. Immerhin kann sie sich dort die Getreidebörse, die sie bislang nur aus dem Radio kannte, ansehen und sich überzeugen, dass sie wirklich existiert. Und sie trifft auf Prostituierte.

Natürlich gibt es einen Kriminalfall und natürlich hängen Cashs Erlebnisse, Visionen und Beobachtungen ihrer Mitstudentinnen mit der Lösung des Falls zusammen. Auch wenn Cash dieses Mal nicht ermittelt, sondern eher in den Fall hineinstolpert.

Lesenswert ist Marcie Rendons Roman vor allem wegen der Schilderung des Lebens einer deutlich älter wirkenden Frau (Cash ist Neunzehn!), die am Beginn einer neuen Phase ihres Lebens steht. Garniert mit einer ordentlichen Portion Siebziger-Jahre-Zeitkolorit und einer eindrücklichen Beschreibung des damaligen Lebens im US-amerikanischen Hinterland.

Man sollte nur keinen Krimi erwarten; – obwohl „Stadt, Land, Raub“ dann doch ein Krimi ist. Nur halt anders.

Außerdem war Rendons Roman bei den diesjährigen Edgars für den G.P. Putnam’s Sons Sue Grafton Memorial Award nominiert und er steht auf der aktuellen Krimibestenliste.

Marcie Rendon: Stadt, Land, Raub

(übersetzt von Jonas Jakob)

Ariadne/Argument Verlag, 2020

240 Seiten

13 Euro

Originalausgabe

Girl Gone Missing: A Cash Blackbear Mystery

Cinco Puntos Press, El Paso, 2019

Hinweise

Homepage von Marcie Rendon

The Authors Guild über Marcie Rendon

Ariadne über Marcie Rendon

Meine Besprechung von Marcie Rendons „Am roten Fluss“ (Murder on the Red River, 2017)


„Ein perfider Plan“, „Mord in Highgate“ – und Detektiv Hawthorne ermittelt

Oktober 21, 2020

Wie geht’s Sportsfreund? Hier ist Hawthorne. (…) Wir werden viel Spaß haben.“

Anthony Horowitz ist ein erfolgreicher Autor. Er schreibt die bei Jugendlichen beliebten Alex-Rider-Romane, in denen ein Jugendlicher James-Bond-artige Abenteuer erlebt. Er schrieb zwei erfolgreiche Sherlock-Holmes-Romane, zwei ebenso erfolgreiche James-Bond-Romane (alle im Auftrag der Erben) und weitere Kriminalromane, von denen etliche zu Serien wurden. Er erfand mehrere TV-Serien und Miniserien. Die wichtigsten sind „Foyle’s War“ (bei uns nie gelaufen) und „Inspector Barnaby“ (Midsomer Murders) . Er schrieb und schreibt Drehbücher für beliebte Krimiserien wie „Agatha Christie’s Poirot“.

Und er begleitet Daniel Hawthorne bei seinen Ermittlungen. Hawthorne ist ein ehemaliger Polizist, der jetzt als freier Berater für die Polizei arbeitet. Er wird immer zu den Fällen hinzugezogen wird, die für die normalen Mordermittler zu schwierig sind. Das sind ungefähr alle Fälle, bei denen der Mörder nicht mit der Tatwaffe in der Hand neben der Leiche steht und seine Tat gesteht.

Horowitz lernte Hawthorne als Drehbuchberater für eine TV-Serie kennen. Jetzt, also schon vor einigen Jahren, aber die Bücher erschienen erst vor kurzem, schlug Hawthorne Horowitz vor, dass Horowitz ihn bei seinem neuesten Mordfall begleitet, alles aufschreibt und dann einen True-Crime-Bestseller schreibt, der beide reich macht. Horowitz ist einverstanden und begleitet als Dr. Watson seinen Sherlock Holmes.

In ihrem ersten Fall „Ein perfider Plan“ wird Diana Cowper, eine wohlhabende, allein lebende Frau in den Sechzigern, in ihrer Wohnung erdrosselt. Mysteriös und damit zu einem Fall für Hawthorne wird der Mord an Cowper, weil sie einige Stunden vor ihrem Ableben in einem Beerdigungsinstitut alles für ihren Tod regelte. Hawthorne glaubt nicht an einen Zufall. Und, soviel kann verraten werden, es handelt sich auch nicht um einen Zufall.

In ihrem zweiten gemeinsamen Fall „Mord in Highgate“ wird der Scheidungsanwalt Richard Pryce in seinem Haus mit einer teuren Weinflasche erschlagen. Der erste Verdacht richtet sich gegen Akira Anno. Wenige Tage vor Pryces Tod drohte sie ihm lautstark in einem vollen Nobelrestaurant. Pryce hatte kurz davor in dem Scheidungsverfahren den Mann der prominenten feministischen Autorin vertreten und eine für ihn günstige finanzielle Regelung erreicht. Damit hätte Anno ein gutes Motiv und auch das entsprechende Temperament. Aber es führt, wie bei „Ein perfider Plan“, auch eine Spur in die Vergangenheit zu einem Unfall, bei dem ein Mensch starb.

Mit seinen bis jetzt erschienenen beiden Hawthorne-Rätselkrimis (in „Mord in Highgate“ schreibt Horowitz, dass er einen Vertrag für drei Hawthorne-True-Crime-Romane abgeschlossen habe) setzt Anthony Horowitz die schöne Erzähltradition fort, in der der Ich-Erzähler identisch mit dem Autor des Romans ist und er in Mordfälle verwickelt wird. Das bekannteste Beispiel sind die momentan nur antiquarisch erhältlichen Kult-Krimis von Kinky Friedman, in denen der Musiker und Freigeist mit seinen Freunden, viel Humor und einigen anderen Dingen in New York Morde aufklärt. Und genau wie in Friedmans Krimis gibt es in den beiden Hawthorne-Krimis viele Informationen aus dem Leben von Anthony Horowitz. Mehr oder weniger nah an den Fakten. Dieser intime Einblick in das Leben eines Schriftstellers ist ein Teil des Spaßes bei „Ein perfider Plan“ und „Mord in Highgate“.

Die Fälle sind beide Male Rätselkrimis mit vielen falschen Fährten und Hinweisen auf die großen, von Horowitz verehrten Klassiker und Ermittler der Kriminalliteratur. Vor allem Sherlock Holmes ist hier zu nennen.

Dabei ist „Ein perfider Plan“ der gelungenere Roman. Außerdem haben Steven Spielberg und Peter Jackson einen kurzen, für die Ermittlung nicht wichtigen aber – jedenfalls für uns Leser – sehr witzigen Auftritt. „Mord in Highgate“ wirkt dagegen oft wie eine etwas lustlose Wiederholung des Plots von „Ein perfider Plan“ mit anderen Figuren und weniger Humor.

Bis jetzt hatte ich schon drei wichtige Hinweise übersehen und zwei andere falsch gedeutet.

Und es sollte noch schlimmer kommen.“

(Anthony Horowitz über seine detektivischen Fähigkeiten in „Mord in Highgate“ auf Seite 57)

Anthony Horowitz: Mord in Highgate – Hawthorne ermittelt

(übersetzt von Lutz-W. Wolff)

Insel Verlag, 2020

352 Seiten

22 Euro

Originalausgabe

The Sentence is Death

Penguin Random House UK, London, 2018

Anthony Horowitz: Ein perfider Plan – Hawthorne ermittelt

(übersetzt von Lutz-W. Wolff)

Insel Verlag, 2019

368 Seiten

22 Euro

Taschenbuch-Ausgabe

Insel Taschenbuch, 2020

11 Euro

Originalausgabe

The Word is Murder

Penguin Random House UK, London, 2017

Hinweise

Homepage von Anthony Horowitz

Meine Besprechung von Anthony Horowitz’ „Das Geheimnis des weißen Bandes“ (The House of Silk, 2011)

Meine Besprechung von Anthony Horowitz‘ „Der Fall Moriarty“ (Moriarty, 2014)

Die “Inspector Barnaby”-Fälle von Anthony Horowitz

Meine Besprechung von Anthony Horowitz‘ „James Bond: Trigger Mortis – Der Finger Gottes“ (James Bond: Trigger Mortis, 2015)

Meine Besprechung von Anthony Horowitz‘ „James Bond – Ewig und ein Tag“ (James Bond – Forever and a day, 2018)


„Quantenträume“ aus China

Oktober 15, 2020

Cixin Liu ist Schuld. Seine mit „Die drei Sonnen“ fulminant beginnende Trisolaris-Trilogie war ein weltweiter Erfolg dank einer Übersetzung ins Englische 2014, einem gewonnenem Hugo Award als bester Roman, Nominierungen für den Nebula Award, den Locus Award, den Prometheus Award und den John W. Campbell Memorial Award, und Lob von Präsident Barack Obama, Mark Zuckerberg und George R. R. Martin. Diese Übersetzung ins Englische führte zu weiteren Übersetzungen (die deutsche Ausgabe erschien 2017). Science-Fiction-Fans verschlangen Cixin Lius dicke Bücher. Aber auch Leser außerhalb der Science-Fiction-Szene griffen zu und waren begeistert. Das Interesse an Zukunftsgeschichten aus China stieg. Nur: welche Autoren sollen gelesen werden?

Um sich einen schnellen Überblick über die chinesische Science-Fiction-Szene zu verschaffen und um neue Autoren zu etablieren, ist daher ein Sammelband eine gute Gelegenheit. Vor allem wenn der Sammelband genau mit dem Ziel zusammengestellt wurde, um chinesische Science-Fiction-Autoren einem nicht-chinesischem Publikum vorzustellen.

Mit „Quantenträume – Erzählungen aus China über Künstliche Intelligenz“ legt der Heyne-Verlag jetzt innerhalb eines halben Jahres einen zweiten Band mit chinesischen Science-Fiction-Geschichten vor. Der erste Sammelband „Zerbrochene Sterne“, zusammengestellt von Ken Liu, gab (und gibt) einen guten Überblick über die chinesische Science-Fiction-Szene hinsichtlich wichtiger Autoren, Stile und Themen. Es wird auch deutlich, wie sehr sich chinesische Science-Fiction-Geschichten von den uns vertrauteren angloamerikanischen Science-Fiction-Geschichten unterscheiden. Die Geschichten reflektieren auch immer die Gesellschaft in der sie spielen und wie in ihnen das Verhältnis zwischen Individuum und Gemeinschaft gesehen wird. In den in „Zerbrochene Sterne“ gesammelten Geschichten ist das Individuum öfter Teil eines Kollektivs. Außerdem spielen sie oft in der Vergangenheit oder in Fantasy-Welten.

Quantenträume“ konzentriert sich dagegen auf das Thema der künstlichen Intelligenz und der damit verbundenen Frage, was eine künstliche Intelligenz von einem Menschen unterscheidet. Also ob eine Künstliche Intelligenz einen eigenen Willen haben kann und ob ihr die Rechte zugeschrieben werden können und sollen, die ein Mensch hat. Oder ob eine Künstliche Intelligenz letztendlich nur eine Sache ist, die wie ein Staubsauger benutzt werden kann. Die von Xia Jia, Liu Yang, Fei Dao, Sun Wanglu, Luo Longxiang, Shuang Chimu, Qiufan Chen, Gu Shi, Liu Weijia, Wang Jinkang, Hao Jingfang, Baoshu, A Que, Ling Chen und Han Song geschriebenen Geschichten sind dabei deutlich weniger von einem bestimmten Gesellschaftsbild geprägt als die in „Zerbrochene Sterne“ publizierten Geschichten. Künstliche Intelligenz, Computer und die Ideen für eine Interaktion zwischen Mensch und Computer unterscheiden sich in ihrer Anwendung und theoretischen Diskussion darüber zwischen dem Westen und China kaum. Im Westen werden diese Fragen in Geschichten (und uns hier nicht interessierenden Sachbüchern, Aufsätzen, Essays und Berichten) schon lange diskutiert, während Myriaden mehr oder weniger intelligenter und bedrohlicher Roboter den Menschen helfen oder ihnen das Leben zur Hölle machen. Manchmal machen sie ihnen das Leben zur Hölle, indem sie ihnen helfen wollen.

Auch wenn die Autoren in ihren zwischen 2000 und 2020 in der Zeitschrift „Renmin Wenxue – Volksliteratur“ erschienenen Geschichten immer wieder eigene Akzente setzen, drängt sich immer wieder der Eindruck auf, dass man diese Geschichten so ähnlich schon einmal gelesen hat und die Pointe deshalb kennt.

Im Gegensatz zu „Zerbrochen Sterne“, der die Tür weit aufstieß zu einer bislang unbekannten Science-Fiction-Kultur, ist „Quantenträume“ insgesamt etwas enttäuschend. Die fünfzehn Geschichten sind okay, aber keine begeistert wirklich. Letztendlich wirken sie oft wie die Versuche eines durchaus begabten Schülers, der seinen Meister nachahmt.

Jing Bartz, Shi Zhanjun, in Zusammenarbeit mit der Zeitschrift ‚Renmin Wenxue – Volksliteratur‘ (Hrsg.): Quantenträume – Erzählungen aus China über künstliche Intelligenz

(mit einem Vorwort von Cixin Liu)

(übersetzt von Karin Betz, Johannes Fiederling, Marc Hermann, Michael Kahn-Ackermann und Eva Lüdi Kong)

Heyne, 2020

512 Seiten

15,99 Euro

 


„Das Jahr des Schurken“ mit Auftritten der bekannt-beliebt-gefürchteten DC-Bösewichtern

Oktober 14, 2020

Der Joker, Black Mask, Sinestro, der Riddler, Harley Quinn, Lex Luthor und Ocean Master sind die Namen einiger Bösewichter, die DC-Fans aus unzähligen Comics und inzwischen sehr vielen Filmen kennen. Besiegt werden diese Bösewichter immer wieder von den DC-Helden Batman, Superman, Green Lantern und Aquaman, die ihre sinistren Pläne immer wieder in letzter Minute verhindern.

Um frisches Leben in diese Routine der Verbrechensbekämpfung zu bringen, hat Bösewicht Lex Luthor jetzt „Das Jahr des Schurken“ ausgerufen. Damit das Jahr ein voller Erfolg für das Verbrechen wird, bietet er den Superbösewichtern alles an, um ihre Träume zu verwirklichen und ihren Heldenerzfeind endgültig zu vernichten.

Das ist die Prämisse, die den jetzt in zwei Sammelbänden vorliegenden Geschichten zugrunde liegt. Die kurzen Geschichten können unabhängig voneinander gelesen werden.

Im ersten Sammelband sind „Der Joker. Das Jahr des Schurken“ (geschrieben von John Carpenter [der bekannte Horrorfilmregisseur] und Anthony Burch, gezeichnet von Philip Tan), „Black Mask: Das zweite Gesicht“ (geschrieben von Tom Taylor, gezeichnet von Cully Hamner), „Sinestro: Mikronen-Management“ (geschrieben von Mark Russell, gezeichnet von Yildiray Cinar) und „Der Riddler: Danke für Nichts“ (geschrieben von Mark Russell, gezeichnet von Scott Godlweski) enthalten.

Im zweiten Sammelband sind „Lex Luthor: Nur Luthor“ (geschrieben von Jason Latour, gezeichnet von Bryan Hitch), „Ocean Master: König“ (geschrieben von Dan Watters, gezeichnet von Miguel Mendonca) und „Harley Quinn: Harley Quinns Schurke des Jahres“ (geschrieben von Mark Russell, gezeichnet von Mike Norton) enthalten.

Auf den ersten Blick ist es eine schöne Idee, den bekannten Schurken eine eigenständige Geschichte zu geben. Sie zum Protagonisten einer Geschichte zu machen und ihre Wünsche Realität werden lassen. Auf den zweiten Blick bemerkt man schnell ein Problem, das in den Geschichten nicht oder nur unbefriedigend gelöst wird. Denn jetzt müssen die Bösewichter irgendwie zu einem Werkzeug für das Gute werden oder sich einem bislang unbekanntem persönlichen Problem, das einem bis dahin herzlich egal war, stellen. Die Bösewichter dürfen letztendlich das Angebot von Lex Luthor, ihre Träume zu verwirklichen und ihre Gegner zu töten, nicht annehmen.

Dabei gefällt einem bei den Comicbösewichtern gerade, dass sie so unverhohlen, ungebremst, radikal Böse sind. Und ihre grandiosen Pläne in schönster Regelmäßigkeit scheitern, weil die Superhelden doch schlauer sind. .

Das Jahr des Schurken – Band 1

Panini Comics, 2020

140 Seiten

16,99 Euro

enthält

The Joker: Year of tje Villain 1 (Dezember 2019)

Black Mask: Year of the Villain 1 (Oktober 2019)

Sinestro: Year of the Villain 1 (Oktober 2019)

The Riddler: Year of the Villain (Dezember 2019)

Das Jahr des Schurken – Band 2

Panini Comics, 2020

108 Seiten

13 Euro

enthält

Lex Luthor: Year of the Villain 1 (November 2019)

Ocean Master: Year of the Villain 1 (Februar 2020)

Harley Quinn’s Villain of the Year 1 (Februar 2020)


Über Sven Heucherts „Alte Erde“

Oktober 5, 2020

Thies Frühreich kehrt mit seiner Freundin Monique und einem Koffer voller nicht legal erworbenem Geld zurück in seine alte Heimat. In dem menschenleeren Gebiet zwischen Vierheilig und Altglück veränderte sich in den vergangenen vierzehn Jahren, in denen er fort war und keinen Kontakt zu seiner Familie hatte, wenig. Erst jetzt, durch den geplanten Bau eines riesigen Warenlagers für einen Internetversandhändler, scheint sich seine alte Heimat grundlegend zu verändern.

Dort trifft Thies seinen Bruder Karl, den alte Revierjäger Wouter Bisch und einige weitere alte Bekannte. Und er erinnert sich an seine Vergangenheit in der deutschen Provinz.

Als vor drei Jahren Sven Heucherts Debütroman „Dunkels Gesetz“ erschien, war die Begeisterung groß. Auch bei mir. „Dunkels Gesetz“ ist zwar kein perfekter Roman, aber ein sehr gelungener Versuch, Noir- und Hardboiled-Topoi nach Deutschland und in die deutsche Provinz zu versetzen, ohne beim biederen Regiokrimi zu enden. Heuchert gelang nicht alles, aber er machte so viel richtig, dass ich mich auf seinen nächsten Roman freute.

Der liegt jetzt vor, heißt „Alte Erde“ und ist eine riesige Enttäuschung. Der Klappentext und auch die ersten Seiten versprechen einen Noir, der wieder in der deutschen Provinz spielt, ohne provinziell zu sein. Aber dann hat Heuchert an diesem Krimiplot kein Interesse. Der Koffer mit dem Geld wird anfangs noch heimlich von einem Zimmer zum nächsten Zimmer transportiert. Aber nachdem Karl das Geld entdeckt und sofort verbrennt, löst sich in dem Moment, der auf Seite 73 ist, der auf den ersten Seiten angekündigte Konflikt über die Beute in Luft auf.

Im folgenden – und es spricht prinzipiell nichts dagegen, Erwartungen zu enttäuschen, einen ganz anderen Weg zu beschreiten, als es Anfangs aussieht, oder sogar das Genre zu wechseln – verschwindet jeglicher Krimiplot zugunsten einer in Gegenwart und Vergangenheit spielenden Abfolge von unzusammenhängenden Episoden, in denen teils nicht erkennbar oder nur erahnbar ist, wer gerade „er“ oder „sie“ ist. Es werden auch viele Menschen und Tiere getötet. Auch hier ist im ersten Moment nicht immer klar, ob gerade ein Mensch oder ein Tier erschossen wurde. Dieses Töten geschieht so beiläufig, dass man schon einmal einen Tod überlesen kann. Weil man überhaupt keine emotionale Verbindung zu dem Getöteten hat, ist auch egal, wer gerade gestorben ist. Es hat auch keinerlei Auswirkung auf die in diesem Moment nicht mehr erkennbare Handlung.

Alte Erde“ reiht nämlich schnell Episoden aneinander, die auch in jeder anderen Reihenfolge stehen könnten. Entsprechend zäh gestaltet sich die Lektüre des Romans, den ich nur zu Ende las, weil mir Heucherts Debüt so gut gefiel und er mit zweihundert Seiten erfreulich kurz ist.

Sven Heuchert: Alte Erde

Ullstein, 2020

224 Seiten

22 Euro

Hinweise

Homepage von Sven Heuchert

Meine Besprechung von Sven Heucherts „Dunkels Gesetz“ (2017)


Alles Gute zum Geburtstag, Colin Dexter

September 29, 2020

Die Legende geht so: In den frühen siebziger Jahren verbringt Colin Dexter einen Familienurlaub in Wales. Es regnet ununterbrochen. Er schreibt zwei Kriminalgeschichten, die ihn nicht überzeugen. Er meint, er könne es besser. Er schreibt „Der letzte Bus nach Woodstock“ (Last Bus to Woodstock) mit Inspector Morse als Ermittler. Der Roman wird 1975 veröffentlicht und ist ein Erfolg.

Bis zu seinem Tod schreibt Colin Dexter (29. September 1930 in Stamford, England – 21. März 2017 in Oxford, England) zwölf weitere Morse-Kriminalromane und einige Kurzgeschichten. Einige mit, einige ohne Inspector Morse.

Der von Dexter erfundene Inspector Endeavour Morse ist einer der großen Ermittler der Kriminalliteratur. Sein Vorname wird erst in „ Der Tod ist mein Nachbar“ (Death is now my Neighbor, 1997) enthüllt. Bis dahin ist sein Vorname wahlweise ‚Inspector‘ oder ‚Morse‘. Bei Morse fällt vor allem seine Normalität auf. Morse ist angenehm unbelastet von privaten und psychischen Problemen. Er hat kein nennenswertes, die Ermittlungen störendes Privatleben. Er ist überzeugter Single. Er liebt Kreuzworträtsel, klassische Musik, ist gebildet und ein leidenschaftlicher Biertrinker. Das sind letztendlich nette Marotten, die beim Leser schnell ein Gefühl von Vertrautheit vermitteln und nicht weiter von dem Rätselplot ablenken. Denn die Morse-Krimis sind traditionsbewusste Rätselkrimis, die wohlige Erinnerungen an die Vergangenheit heraufbeschwören als es noch kein Internet, keine Mobiltelefone, keine DNA-Analyse und keine Videokameras an jeder Ecke gab.

So geht es in seinem jüngst vom Unionsverlag wiederveröffentlichen Morse-Krimis „Der Weg durch Wytham Woods“ (The Way through the Woods, 1992) um eine vor einem Jahr spurlos verschwundene schwedische Studentin. Während der Ermittlungen stößt Morse auf eine Gruppe von Männern, die in ihrer Freizeit gerne freizügige Aufnahmen von jungen Frauen machen und, wenn die Dame aufgeschlossen ist, auch einen Schritt weitergehen.

Dieser Sexkreis erinnert dann doch weniger an die frühen neunziger Jahre, in denen der Roman spielt, sondern an die siebziger Jahre, als die sexuelle Befreiung auch auf dem Land praktiziert wurde und die Kinos mit erotischen Filmen und Pornos überschwemmt wurden „Deep Throat“ wurde sogar zu einem Must-see-Film.

Das, vor allem die Heimlichtuerei und die Schuldgefühle der Männer, wirkte vor knapp dreißig Jahren vielleicht etwas altmodisch. Heute, wo wir den direkten Vergleich zu den damaligen Bestellern (wie „Das Schweigen der Lämmer“ und dem ganzen Serienkillergedöns), nicht mehr haben, liest sich auch dieser Morse-Krimi angenehm nostalgisch. Er ist, wie die anderen Morse-Krimis, gut geschrieben, gut geplottet und mit einem vertrackten Rätsel im Mittelpunkt. Auch wenn man in „Der Weg durch Wytham Woods“ die Zusammenhänge rasch erahnt.

Heute zählt der Roman zu den besten Morse-Krimis. Unter anderem in der „Good Reading Guide to Crime Fiction“ und der „The Rough Guide to Crime Fiction“ wird er als bester Morse-Krimi genannt. Er wurde von der CWA mit dem „Gold Dagger“ ausgezeichnet. In der „Rough Guide to Crime Fiction“ wird außerdem John Maddens Verfilmung für die „Inspector Morse“-TV-Serie gelobt.

Dexters Romane waren in England die Grundlage für die dort sehr erfolgreiche Krimiserie „Inspektor Morse, Mordkommission Oxford“ (Inspector Morse). John Thaw spielte Morse. Regisseure waren Peter Hammond, Jack Gold, John Madden, Danny Boyle und Antonia Bird. Anthony Minghella gehörte zu den Drehbuchautoren. Die Serie entstand von 1987 bis 2000. In Deutschland ist sie fast unbekannt.

Später entstanden die Spin-Offs „Lewis – Der Oxford-Krimi“ (mit dem aus der „Inspektor Morse“-Serie vertrauten Kevin Whately als Lewis) und „Der junge Inspektor Morse“ (gespielt von Shaun Evans).Und Colin Dexter hatte auch in ihnen zahlreiche Cameo-Auftritte.

Alles Gute zum Geburtstag, Colin Dexter! (wenn auch posthum, aber dafür vom Herzen kommend)

Zuletzt erschienen in der Neuausgabe des Unionsverlags, für die Eva Berié die alten Übersetzungen überarbeitet:

Colin Dexter: Der Wolvercote-Dorn

(übersetzt von Ute Tanner)

Unionsverlag, 2020

288 Seiten

12,95 Euro

Originalausgabe

The Jewel that was ours

Macmillan, London 1991

Deutsche Erstausgabe

Tod für Don Juan

Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek, 1992

Colin Dexter: Der Weg durch Wytham Woods

(übersetzt von Karin Pelz)

Unionsverlag, 2020

352 Seiten

12,95 Euro

Originalausgabe

The Way through the Woods

Macmillan, London 1992

Deutsche Erstausgabe

Finstere Gründe

Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 1992

Die Inspector-Morse-Romane

Last Bus to Woodstock, 1975 (Der letzte Bus nach Woodstock)

Last seen wearing, 1976 (… wurde sie zuletzt gesehen; Zuletzt gesehen in Kidlington)

The silent World of Nicholas Quinn, 1977 (Die schweigende Welt des Nicholas Quinn)

Service of Aal the Dead, 1979 (Eine Messe für all die Toten)

The Dead of Jericho, 1981 (Die Toten von Jericho)

The Riddle of the Third Mile, 1983 (Das Rätsel der dritten Meile)

The Secret of Annexe 3, 1986 (Hüte dich vor Maskeraden; Das Geheimnis von Zimmer 3)

The Wench is dead, 1989 (Mord am Oxford-Kanal; Gott sei ihrer Seele gnädig)

The Jewel that was ours, 1991 ( Tod für Don Juan; Der Wolvercote-Dorn)

The Way through the Woods, 1992 (Finstere Gründe; Der Weg durch Wytham Woods)

The Daughter of Cain, 1994 (Die Leiche am Fluss; Die Töchter von Kain – Neuausgabe für Februar 2021 angekündigt)

Death is now my Neighbour,1996 (Der Tod ist mein Nachbar – Neuausgabe für Februar 2021 angekündigt)

The remorseful Day, 1999 (Und kurz ist unser Leben; Der letzte Tag – Neuausgabe für Juli 2021 angekündigt)

zusätzlich und um die Liste komplett zu machen, erscheint im Juli 2021 im Unionsverlag

Ihr Fall, Inspector Morse (6 Kurzgeschichten – angekündigt für Juli 2021)

Hinweise

Unionsverlag über Colin Dexter

Wikipedia über Colin Dexter (deutsch, englisch)

Krimi-Couch über Colin Dexter

Meine Besprechung von „Lewis – Der Oxford Krimi: Staffel 6“

Meine Besprechung von „Lewis – Der Oxford Krimi: Collector’s Box 1“

Meine Besprechung von „Lewis – Der Oxford Krimi: Gesamt Box“

Meine Besprechung von „Inspector Morse: Staffel 1“

Meine Besprechung von Colin Dexters „Gott sei ihrer Seele gnädig“ (The Wench Is dead, 1989)


Über Sam Hawkens grandiosen Noir „Vermisst“

September 22, 2020

Brauchen wir wirklich noch eine Geschichte, in der im amerikanisch-mexikanischen Grenzgebiet ein US-Amerikaner in Mexiko für Gerechtigkeit sorgt? Nach der Lektüre von Sam Hawkens bei uns neuem Roman „Vermisst“ lautet die Antwort: eindeutig Ja.

Außerdem kann „Vermisst“ als gelungener und überfälliger Gegenentwurf zu dem letzten Rambo-Film „Rambo: Last Blood“ gesehen werden. Dabei erschien in den USA „Vermisst“ bereits 2014 und damit lange vor dem letzten Rambo-Film. An seiner Aktualität hat Hawkens Roman nichts eingebüßt.

Jack Searle ist in Laredo, Texas, ein Handwerker und Witwer, der seine beiden pubertierenden Stieftöchter liebevoll aufzieht. Er trifft sich auch regelmäßig mit den mexikanischen Verwandten seiner verstorbenen Frau, die in Nuevo Laredo leben; einer Grenzstadt, die sich in den Händen von Verbrecherkartellen befindet.

Eines Abends gehen seine Tochter Marina und die etwas ältere, mit ihr verwandte Patricia Sigala in Nuevo Laredo zu einem Konzert. Nach dem Konzert verschwinden sie spurlos.

Searle und Patricias Vater Bernardo wenden sich an die Polizei. Dort wird Gonzalo Soler mit dem Fall betraut. Und, im Gegensatz zu anderen Polizisten, legt er den Fall nicht zu den Akten, sondern er ermittelt und findet erste Spuren.

Diesen Teil seiner Noir-Geschichte erzählt Hawken indem er einfach der normalen Ermittlungsroutine folgt. Dank seiner klaren Sprache und der detaillierten Beschreibung der Ermittlungen von Soler und den Gefühlen und Aktionen von Searle und Sigala entsteht schon auf diesen Seiten eine beträchtliche Spannung. Das liegt auch daran, dass Sam Hawken die Gegend und die Menschen gut kennt. Schon seine vorherigen auf Deutsch erschienen Romane „Die toten Frauen von Juárez“ und „Kojoten“ spielen im amerikanisch-mexikanischen Grenzgebiet. Er erzählt seine Kriminalgeschichten vor dem Hintergrund wahrer Ereignisse und Entwicklungen.

Daher ist auch die nächste Entwicklung von „Vermisst“ historisch verbürgt. Das Militär übernimmt die Stadt. 2011 wurde in Nuevo Laredo die gesamte Polizei suspendiert, um sich „Professionalisierungsmaßnahmen und Umschulungen“ zu unterziehen. Drei Jahre später, als Hawken seinen Roman beendete, war die Polizei immer noch suspendiert und die Stadt ein „kriminelles Irrenhaus“ (Hawken).

Währenddessen soll das Militär gegen die Drogenkartelle kämpfen und gleichzeitig die normale Polizeiarbeit übernehmen. Denn, so die Regierung, die Korruption in der Polizei und die Verflechtung zwischen ihnen und den Kartellen verhindere einen erfolgreichen Kampf gegen sie. Dass das Militär keine Ahnung von der normalen Polizeiarbeit hat, ist egal. Soler wird der Fall entzogen. Er wird, wie alle Polizisten, bis zum Ende seiner Überprüfung in den unbezahlten Urlaub geschickt.

Searle engagiert Soler und gemeinsam beginnen sie nach den verschwundenen Mädchen zu suchen.

Diese gemeinsame Suche führt dann zu einem schon im Klappentext angedeuteten blutgetränkten Rachefeldzug von Searle gegen die Verbrecherkartelle, der auch in „Rambo: Last Blood“ gut aufgehoben wäre. Für mein Empfinden kommt Searles Blutrausch, weil nichts in seinen vorherigen Handlungen einen darauf vorbereitet, zu unvermittelt.

Aber das ist nur ein kleiner Einwand gegen einen hochspannenden Thriller, der eine kleine, alltägliche Geschichte mit differenziert und lebensnah gezeichneten Figuren, äußerst detailliert und mit viel gut präsentiertem Hintergrundwissen (in Teilen liest sich „Vermisst“ wie eine gute Zeitungsreportage) präsentiert. Zu Recht wurde „Vermisst“ für den CWA Gold Dagger Award und den CWA Ian Fleming Award nominiert.

Sam Hawken: Vermisst

(übersetzt von Karen Witthuhn)

Polar, 2020

400 Seiten

22 Euro

Originalausgabe

Missing

Serpent’s Tail, 2014

Mehr von Sam Hawken auf Deutsch

Sam Hawken: Die toten Frauen von Juárez

(übersetzt von Joachim Körber)

Tropen, 2012

320 Seiten

19,95 Euro (vergriffen)

Originalausgabe

The Dead Women of Juárez

Serpent’s Tail, 2011

Sam Hawken: Kojoten

(übersetzt von Karen Witthuhn)

Polar, 2015

304 Seiten

14,90 Euro

Originalausgabe

La Frontera

Betimes Books, 2013

Hinweise

Homepage von Sam Hawken

Polar über Sam Hawken

Perlentaucher über Sam Hawken


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