„Die Rückkehr des Lemming“, wegen der Verwandtschaft und einer Entführung

Oktober 4, 2017

Stefan Slupetzky hat nach acht Jahren einen neuen „Lemming“-Kriminalroman geschrieben.

So, jetzt sind wir die „Lemming“-Fans los.

Der Wiener Stefan Slupetzky ist bei uns vor allem für seine „Lemming“-Kriminalromane bekannt. Zwischen 2004 und 2009 erschienen vier Krimis mit dem Ex-Kriminalbeamten und Privatdetektiv Leopold Wallisch, genannt Lemming, weil er, wie er in „Die Rückkehr des Lemming“ seinem Sohn erklärt, ein schlechter Polizist war.

Der erste Lemming-Roman „Der Fall des Lemming“ erhielt den Friedrich-Glauser-Preis und er wurde 2009 von Nikolaus Leytner mit Fritz Karl als Lemming verfilmt.

Lemmings Himmelfahrt“ erhielt den Burgdorfer Krimipreis.

Das Schweigen des Lemming“ war eines der hundert Lieblingsbücher der Wiener; – keine Ahnung, wie die das ausgewürfelt haben.

Lemmings Zorn“ war für den Friedrich-Glauser-Preis nominiert und erhielt den erstmals von der Stadt Wien ausgelobten Leo-Perutz-Preis.

Und 2009 erhielt Slupetzky für seine Lemming-Romane den Krimipreis von Radio Bremen.

Ganz schlecht können die „Lemming“-Romane also nicht sein. Aber „Die Rückkehr des Lemming“ ist ziemlich weit von einem guten Roman entfernt.

Inzwischen arbeitet Wallisch als Nachtwächter im Tiergarten Schönbrunn. Er lebt immer noch mit der Tierärztin Klara Breitner zusammen. Über sie wird er in seinen neuen Fall verwickelt. Denn ihr Neffe Theo Ptak hat eine Entführung beobachtet. Der achtundzwanzigjährige Straßenbahnfahrer hat sich in den vergangenen Wochen in eine seiner Kundinnen, die er „die scheinbar Unscheinbare“ nennt, verliebt. Eines Morgens sieht er, wie sie entführt wird. Wallisch soll ihm bei der Suche helfen.

Tatsächlich entdecken sie am Ort der Entführung eine erste Spur: eine alte Zeitungsseite.

In einem Mietshaus finden sie die Leiche des Reisejournalisten Paul Silbermann. Er arbeitete mit seiner Nichte Dora Madar zusammen. Die Fotografin ist die Entführte. Auf ihrem Computer findet Wallisch Bilder von einem Dodovogel. Der mythische Vogel wird auch in dem Zeitungsartikel erwähnt und eigentlich ist er schon seit Ewigkeiten ausgestorben.

In diesem Moment liegt Theo, der wahrscheinlich Silbermanns Mörder gesehen hat, schon schwer verletzt im Krankenhaus und es gibt einen zweiten, im 17. Jahrhundert spielenden Handlungsstrang, in dem Max Horvart mit zwei Vögeln um die halbe Welt zurück nach Österreich reist. Er hat ein Geschenk für den Kaiser.

Gestandene Krimifans können sich den Plot und die Pointe von „Die Rückkehr des Lemming“ schnell und mühelos zusammenreimen. Das ist nicht unbedingt ein Nachteil. Schließlich kennen wir, um nur ein sehr bekanntes Beispiel zu nennen, in den „Columbo“-Krimis den Täter und wir wissen, dass er am Ende der Geschichte von dem Ermittler überführt wird. Wir wissen nur nicht, über welche Fehler der Mörder stolpert und wie Columbo das herausfindet. Das ist ein großer Teil des Vergnügens.

Aber gerade der Weg zum Ziel gestaltet sich in „Die Rückkehr des Lemming“ erstaunlich zäh und langwierig. Auch weil ich mit Slupetkys Humor und Sprache nichts anfangen kann.

Insgesamt erinnert mich „Die Rückkehr des Lemming“ an einen ambitionierten Regionalkrimi, ohne exzessives Name-Dropping von Straßennamen, Lokalen und Lokalgrößen.

Stefan Slupetzky: Die Rückkehr des Lemming

rororo, 2017

256 Seiten

9,99 Euro

Hinweise

Homepage von Stefan Slupetzky

Krimi-Couch über Stefan Slupetzky

Wikipedia über Stefan Slupetzky

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Über Ray Bradburys Kurzgeschichtensammlung „S is for Space“

September 20, 2017

Ob wirklich alle Kurzgeschichten „meisterhaft“ (Untertitel) sind, weiß ich nicht. Das impliziert ja, dass sie die besten der besten Geschichten sind. Jedenfalls sind sie alle lesenswert. Und ob „S is for Space“ wirklich „Der Klassiker“ (Sticker auf dem Cover) ist, bezweifle ich. Denn „S is for Space“ ist eine 1966 von Ray Bradbury für die „Young Adult“-Abteilung der Bibliotheken zusammengestellte Sammlung von sechzehn seiner fantastischen Kurzgeschichten. Etliche erschienen bereits auf Deutsch in verschiedenen mehr oder weniger nur noch antiquarisch erhältlichen Sammelbänden.. Aber der gesamte Sammelband wurde noch nicht übersetzt. Für die aktuelle Veröffentlichung wurden die Geschichten neu übersetzt. Und die Geschichten sind auch nicht speziell für ein jugendliches Publikum geschrieben. Ehrlich gesagt, fällt mir kein großer Unterschied zwischen diesen und anderen Kurzgeschichten von Ray Bradbury auf. Außer vielleicht, dass mehrere Protagonisten Kinder oder Jugendliche sind.

Ray Bradbury (1920 – 2012) ist einer der großen Science-Fiction-Autoren, der vor allem unzählige Kurzgeschichte schrieb, die mal mehr, mal weniger utopisch waren und selbstverständlich auch immer wieder die Grenzen zur Horror- und Kriminalgeschichte überschritten. Zu seinen wenigen Romanen gehören die SF-Klassiker „Die Mars-Chroniken“ und „Fahrenheit 451“. Hollywood verfilmte viele seiner Geschichten und, was jetzt schon Spezialwissen ist, Bradbury schrieb, mit John Huston, das Drehbuch für Hustons Herman-Melville-Verfilmung „Moby Dick“. 2007 erhielt er den Pulitzer-Preis für sein Lebenswerk. Er ist ein Grand Master der Science Fiction Writers of America. Die zahlreichen anderen Ehrungen lasse ich mal weg.

Die meisten der sechzehn in „S is for Space“ enthaltenen Kurzgeschichten sind SF-Geschichten, meistens mit einer überraschenden Pointe. Zweimal geht es zum Mars („Das Millionen-Jahre-Picknick“, „Dunkel waren sie und goldäugig“), und die Begegnung mit den Marsianern fällt beide Male anders aus, als die Menschen es erwarteten. Auch in „Der Mann“ verläuft die Begegnung der Raumfahrer mit einer fremden Rasse anders als geplant, weil kurz vor ihnen bereits ein anderer Reisender den Planeten besuchte. In „Hallo und Lebwohl“ begegnen wir dem Jungen Willie, der körperlich nicht älter wird; was ein Problem ist. Und in „Feuersäule“ (mit 56 Seiten die längste Geschichte des Buches) begegnen wir William Lantry, gestorben und beerdigt 1933, wiederauferstanden und voller Hass 2349. Er lernt eine vollkommen veränderte Welt kennen.

Die schreiende Frau“ ist dann eine Krimi-Geschichte, in der ein Mädchen in der Erde eine schreiende Frau hört. Selbstverständlich will ihr niemand glauben.

Insgesamt zeigen die Geschichten, wie vor über einem halben Jahrhundert, zwischen Weltraumfahrt, Alien-Invasion und selbstgemachter atomarer Zerstörung der Erde über die Zukunft gedacht wurde. Oft spielen die Geschichten in US-amerikanischen Vorstädten und dem menschenleeren Hinterland; – also in den Gebieten, in denen das Publikum, der von Bradbury (und vieler anderer Kurzgeschichtenautoren) geschriebenen Geschichten lebte. Es ist ein Blick in eine unschuldige, der Zukunft zugewandten Zeit. Auch wenn gerade eine Alien-Invasion stattfindet und die Aliens sehr menschlich aussehen. Einmal wird die Invasion sogar von Kindern angeführt.

Ein anderes Mal hat sie etwas mit Pilzen aus New Orleans zu tun. Aber das ist eine andere Geschichte.

Ray Bradbury: S is for Space

(übersetzt von Oliver Plaschka)

Knaur, 2017

288 Seiten

10,99 Euro

Originalausgabe

S is for Space

Doubleday & Company, New York 1966

Hinweise

Homepage von Ray Bradbury

Phantastik-Couch über Ray Bradbury

Wikipedia über Ray Bradbury (deutsch, englisch)


„Deadpool Pulp“ ist immer noch Deadpool

September 18, 2017

Das ist noch nicht „Der Söldner mit der großen Klappe“, den wir aus zahlreichen Comics in verschiedenen Uni- und Multiversen und einem Kinofilm in mehr oder weniger verschiedenen Inkarnationen kennen, sondern ein Deadpool, der in den fünfziger Jahren als schon ziemlich durchgeknallter CIA-Agent eine abtrünnige Agentin und einen von ihr gestohlenen Atomkoffer finden soll. Die Agentin ist Inez Temple, Codename „Outlaw“, und „Deadpool“ Wade Wilsons große Liebe.

Während er sie sucht, fragt er sich, was bei der ganzen Sache faul ist. Denn als erstes soll er Dr. Jackson, den seit einem Jahr untergetauchten, von den Geheimdiensten kaum beschützten Erfinder der Taschenbombe finden.

Die in sich abgeschlossene Miniserie „Deadpool Pulp“ von den Autoren Mike Benson und Adam Glass (sie schrieben auch „Marvel Noir: Luke Cage“) und Zeichner Laurence Campbell ist mehr Pulp als ein normales Deadpool-Abenteuer mit den direkten Ansprachen des Publikums, den popkulturellen Anspielungen und dem latent unzurechnungsfähigen Verhalten des an mehr oder weniger ausufernden Gedächtnisverlusten leidenden Protagonisten. In „Deadpool Pulp“ kann er zwar auch nicht unbedingt seinem Gedächtnis trauen – und das ist wichtig für das Ende der Geschichte -, aber er agiert ziemlich normal als Geheimagent, der verhindern muss, dass während des Kalten Krieges Gegner der USA in den Besitz einer koffergroßen Atombombe kommen.

Das macht Spaß. Als Noir. Als Pulp-Geschichte.

Mike Benson/Adam Glass/Laurence Campbell: Deadpool Pulp

(übersetzt von Michael Strittmatter)

Panini Comics, 2017

100 Seiten

12,99 Euro

Originalausgabe

Deadpool Pulp 1 – 4

Marvel, 2010/2011

Hinweise

 

Wikipedia über Deadpool

Meine Besprechung von Victor Gischler (Autor)/Bong Dazo (Zeichner): Deadpool – Der Söldner mit der großen Klappe: Kopfsprung (Band 1 von 2) (Deadpool: Merc with a Mouth 1 – 6: Headtrip, 2009/2010)

Meine Besprechung von Victor Gischler (Autor)/Bong Dazo (Zeichner)/Kyle Baker (Zeichner): Deadpool – Der Söldner mit der großen Klappe (Band 2 von 2) (Deadpool: Merc with a Mouth 7: Are you there? It’s me, Deadpool; Deadpool: Marc with a Mouth 8 – 15: Next Stop: Zombieville, 2010)

Meine Besprechung von Daniel Way (Autor)/ Shawn Crystal (Zeichner)/Paco Medina (Zeichner): Deadpool 1 (Deadpool 13/14: Wave of Mutilation; Deadpool 15: Want you to want me, Part 1: The complete idiot’s guide to metaphers, 2009)

Meine Besprechung von Duane Swierczynski (Autor)/Jason Pearson (Zeichner): Deadpool: Weiber, Wummen & Wade Wilson! (Sonderband 1) (Deadpool: Wade Wilson’s War, Vol. 1 – 4, 2010)

Meine Besprechung von Victor Gischler (Autor)/Rob Liefeld/Whilce Portacio/Philip Bond/Paco Medina/Kyle Baker (Zeichner) „Deadpool Corps (Deadpool Sonderband 2)“(Prelude to Deadpool Corps, Vol. 1 – 5, März 2010)

Meine Besprechung von Victor Gischler (Autor)/Rob Liefeld/Marat Mychaels (Zeichner) “Deadpool Corps 2 (Deadpool Sonderband 3)” (Deadpool Corps 1 – 6, Juni 2010 – November 2010)

Meine Besprechung von Victor Gischler (Autor)Rob Liefeld/Marat Mychaels (Zeichner) “Deadpool Corps 3: You say you want a Revolution (Deadpool Sonderband 4)” (Deadpool Corps 7 – 12: You say you want a Revolution (Part 1 – Part 6), Dezember 2010 – Mai 2011)

Meine Besprechung von Duane Swierczynski (Autor)/Leandro Fernandez (Zeichner): Deadpool: Das Film-Special (X-Men Origins: Deadpool: The Major Motion Picture, 2010)

Meine Besprechung von Cullen Bunn/Ramon Rosanas „Night of the Living Deadpool“ (Night of the Living Deadpool # 1 – 4, März 2014 – Mai 2014)

Meine Besprechung von Cullen Bunn/Nik Virellas „Return of the Living Deadpool“ (Return of the Living Deadpool # 1 – 4, April 2015 – Juli 2015)

Meine Besprechung von „Deadpool: Greatest Hits – Die Deadpool-Anthologie“ (2016, Sammelband mit vielen Deadpool-Geschichten)

Meine Besprechung von Tim Millers „Deadpool“ (Deadpool, USA 2016)

Meine Besprechung von Mike Benson (Autor)/Adam Glass (Autor)/Shawn Martinbrough (Zeichner): Marvel Noir: Luke Cage (Luke Cage Noir, Vol. 1 – 4, 2009)

 

 

 


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Willkommen in der schönen neuen Welt des „The Circle“

September 7, 2017

Vor vier Jahren war Dave Eggers‘ Anti-Utopie „Der Circle“ in den Feuilletons und den Bestsellerlisten das Buch der Stunde. Denn er schrieb eine seitenstarke Anklage gegen Facebook und Konsorten, er warnte vor dem Überwachungswahn von Internetfirmen und der freiwilligen Preisgabe intimster Details.

Er reihte sich damit, wenigstens im Werbesprech, ein in die Reihe großer SF-Romane wie Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“ (Brave new World, 1932), George Orwells „1984“ (Nineteen Eighty-Four, 1949) und Ray Bradburys „Fahrenheit 451“ (1953).

Dass Eggers‘ Dystopie für Science-Fiction-Fans spätestens seit Cyberpunk ein alter Hut ist, dass Eggers‘ Dystopie deutlich länger und oberflächlicher als die eben genannten Klassiker ist; – geschenkt, solange das Werk auf ein aktuelles Problem aufmerksam machen kann und eine breite Diskussion darüber anstößt.

Außerdem zeigt er schön die subtilen Methoden, mit denen Arbeitgeber ihre Angestellten und Kunden beeinflussen. Sie müssen keinen Druck ausüben, weil, wie in einer Sekte, alle Circle-Mitarbeiter sich freiwillig dem Gebot der Transparenz unterwerfen, intimste Details miteinander teilen und sich gegenseitig über den grünen Klee loben.

Jetzt läuft bei uns James Ponsoldts Verfilmung von Dave Eggers‘ Roman an und es könnte der hochkarätig besetzte Film zur Stunde sein. Emma Watson, Tom Hanks, John Boyega (bekannt aus „Star Wars: Das Erwachen der Macht“) und Allzweckwaffe Patton Oswalt sind dabei. Darren-Aronofsky-Stammkameramann Matthew Libatique übernahm die Kamera. Tim-Burton-Hauskomponist Danny Elfman schrieb die Musik.

Aber in den USA waren die Kritiken verheerend und an der Kinokasse blieb der Film weit hinter den Erwartungen zurück.

Ob das in Deutschland anders ist, wage ich zu bezweifeln. Denn „The Circle“ ist ein schlechter Film, der aber nicht mit dem Remmidemmi eines hirnlosen Blockbusters für sich werben kann.

Im Mittelpunkt des Buches und des Films steht die 24-jährige Mae Holland. Sie erhält, protegiert von ihrer Universitätsfreundin Annie Allerton, eine Stelle bei der Internetfirma „Circle“. Das ist, kurz gesagt, ein das Internet beherrschendes Konglomerat aller verfügbaren Dienste. So eine Art Super-Facebook-Amazon-YouTube-Twitter-Instagram-undwasessonstnochgibt, bei dem fast jeder Mensch ein persönlich verifiziertes TruYou-Konto hat. Ihre Arbeit beginnt Mae in der Kundenbetreuung. In den ersten Tagen erkundet sie die riesige Firmenzentrale. Sie ist ein Campus mit kostenlosen Mahlzeiten (teils von Spitzenköchen zubereitet), Apartments (bei Bedarf) und Endlospartys mit bekannten Künstlern. Im Film tritt Beck auf. Im Buch nennt Eggers keine Namen, aber Mae ist immer wieder begeistert, dass sie gerade den angesagten Musiker sehen kann. Denn die Firmenchefs wollen, dass es ihren Angestellten gut geht. Deshalb gibt es auch eine kostenlose Gesundheitsvorsorge; bei Bedarf auch für die Eltern. Und weil Maes Vater MS hat, ist das eine tolle Sache.

Circle-Firmengründer Eamon Bailey stellt mit SeeChange ein neues Projekt vor. Mit Minikameras, die überall auf der Welt verteilt werden, kann er vor dem Surfen sehen, ob die Wellen gut sind, ob seine Mutter in ihrer Wohnung nicht gestürzt ist (er hat die Kameras ohne ihr Wissen angebracht) und ob irgendwo in der Welt gerade etwas Schlimmes passiert, ein übergriffiger Polizist oder ein Aufstand. Die Kameras schaffen Transparenz für die gute Sache und sie führen zu einer besseren Welt. Meint Bailey.

Als Mae bei einer nächtlichen Kajakfahrt fast ertrinkt und nur durch die SeeChange-Kamera, die dafür sorgt, dass Rettungskräfte informiert werden, gerettet werden kann, ist sie von Baileys neuer Vision restlos überzeugt. Sie beschließt, vollkommen transparent zu werden.

Ab jetzt hat sie eine Kamera dabei, die ständig ins Internet überträgt, was sie tut. Sie will, dass alle Menschen ihrem Beispiel folgen. Denn, so ihr Spruch, der gleich vom Circle übernommen wurde: „Geheimnisse sind Lügen – Teilen ist Heilen – Alles Private ist Diebstahl“.

Während der Roman diese Geschichte (keine Panik, sie geht noch weiter) stringent als Verführungs- und bescheidene Aufstiegsgeschichte erzählt, geht der Film einen anderen Weg. Dass dafür einige Details verändert werden und dass aus zwei im Roman wichtigen Personen im Film eine wird, ist für das Scheitern des sich insgesamt sehr nah am Roman bewegenden Films letztendlich egal.

Wenn dabei allerdings die Motivation der Charaktere für ihr Handeln verändert wird, hat es Auswirkungen auf unseren Blick auf die Person und ihr Handeln.

So wird, um nur ein Beispiel zu nennen, Mae im Film transparent, weil sie in der Bucht bei einem nächtlichen Kajakausflug fast ertrunken wäre und nur durch SeeChange-Kameras gerettet werden konnte. Im Roman wird sie durch die SeeChange-Kameras bei dem Diebstahl des Kajaks erwischt und kann nur durch die Intervention der Besitzerin des Bootsverleihs, die für ihre Stammkundin Mae lügt, einer Verhaftung entgehen. Anschließend redet Bailey mit ihr darüber und wie unfair es sei, dass sie ihren nächtlichen Bootsausflug für sich behalten wollte und fragt sie, ob sie das Boot auch dann gestohlen hätte, wenn sie gewusst hätte, dass sie bei dem Diebstahl gefilmt werde.

In diesem und in vielen anderen Momenten, zeigt Eggers, wie Mae manipuliert wird. Ständig wird ihr ein schlechtes Gewissen eingeredet. Sie verändert ihr Verhalten, passt sich klaglos den Circle-Regeln an und wird immer mehr zu einer überzeugten Circle-Jüngerin, weil sie so ein besserer Mensch wird.

Trotzdem gibt es im Roman, auch nachdem Mae ihr gesamtes Leben in das Internet überträgt, immer wieder Brechungen. Denn Mae und ihre Gesprächspartnerinnen verändern bewusst ihr Verhalten, wenn sie ihr begegnen. Sie wissen in dem Moment, dass sie sich vor einem Millionenpublikum unterhalten. Mae schauspielert und sie weiß das. Eine Intimsphäre hat sie nur noch in wenigen Momenten ihres Lebens. Wenn sie schläft, nimmt sie die Kamera ab. Wenn sie auf die Toilette geht, wird die Kamera für drei Minuten stumm gestellt.

Doch auch hier geht ihre Entwicklung weiter. Sie wird zu einer immer lautstärkeren Verfechterin der Circle-Philosophie und sie möchte, dass der Kreis sich schließt. Auch wenn sie in dem Moment keine Ahnung, was das Schließen des Circle-Kreises sein wird.

Im Film, und das ist das größte Problem der Verfilmung, enthüllt Regisseur und Drehbuchautor James Ponsoldt die Motive des Circle und die damit verbundenen Gefahren für unser Zusammenleben schon sehr früh. Danach weiß Mae, dass ihr Arbeitgeber nicht so edel ist, wie er behauptet, aber als die nächste App auf ihrem Computer installiert wird, denkt sie nicht mehr daran. Es ist ihr egal. Es hat keine Auswirkung auf ihr Handeln. Es gibt keine Entwicklung, sondern nur eine durchgehend naive Protagonistin, die jedes Mal, wenn ihr ein für sie besonders wichtiger Circle-App präsentiert wird, skeptisch die Stirn runzelt (nein, das kann Emma Watson nicht besonders gut), nickt und sofort die App begeistert und vollkommen kritiklos anwendet .

Deshalb ist das Filmende, das sich vom Romanende unterscheidet, ärgerlich. Das Romanende ergibt sich aus der vorherigen Geschichte. Im Film ist man dagegen von Maes Handlung überrascht, weil sie dramaturgisch nicht vorbereitet wurde. Es ist das Ende eines Films, der unter seiner glänzenden Oberfläche das Potential seiner Geschichte niemals auch nur im Ansatz ausschöpft, weil er durchgehend viel zu nah am schwachen Romantext bleib. Die wenigen Veränderungen schwächen die Geschichte eher, als dass sie sie stärken.

Und jetzt habe ich noch nichts über die vollkommen verschenkten politischen Subplots gesagt.

The Circle (The Circle, USA/UAE 2017)

Regie: James Ponsoldt

Drehbuch: James Ponsoldt

LV: Dave Eggers: The Circle, 2013 (Der Circle)

mit Emma Watson, Tom Hanks, John Boyega, Karen Gillan, Ellar Coltrane, Patton Oswalt, Glenne Headly, Bill Paxton, Jimmy Wong, Judy Reyes, Beck (als Beck)

Länge: 110 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage

Dave Eggers: Der Circle

(übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann)

KiWi, 2015

560 Seiten

10,99 Euro

Deutsche Erstausgabe

Kiepenheuer & Witsch, 2014

Originalausgabe

The Circle

Knopf, 2013

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „The Circle“

Metacritic über „The Circle“

Rotten Tomatoes über „The Circle“

Wikipedia über „The Circle“ (deutsch, englisch)

Perlentaucher über „Der Circle“

Meine Besprechung von Tom Tykwers Dave-Eggers‘-Verfilmung „Ein Hologramm für den König“ (Deutschland/Großbritannien 2016)


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Über Ödön von Horvárths „Jugend ohne Gott“ als Dystopie

August 31, 2017

Dass Alain Gsponer in seiner Verfilmung die Geschichte von Ödön von Horváths „Jugend ohne Gott“ aus der Nazi-Zeit in die Zukunft verlegt, ist nicht das größte Problem des Films. Im Gegenteil. Diese Verlegung der Handlung aktualisiert die Geschichte und macht sie auch für ein neues Publikum zugänglich.

Das gleiche gilt für den Wechsel des Protagonisten. Im Roman ist es der Lehrer. Ein Ich-Erzähler, der seinen Schülern etwas beibringen will und in Konflikt mit der herrschenden Ideologie gerät. Danach soll er, wie ihm sein Schuldirektor sagt, seine Schüler „moralisch zum Krieg erziehen“.

Im Film ist er eine Nebenfigur. Zach, einer seiner Schüler, ist der Protagonist. Um ein junges Publikum zu erreichen, ist das eine kluge Entscheidung. Schließlich identifiziert man sich als Jugendlicher eher mit einem Gleichaltrigen als mit einem Lehrer. Vor allem mit einem Lehrer, der an seiner Aufgabe hadert und von Selbstzweifeln darüber geplagt ist.

Diese beiden Änderungen und einige weitere, zu denen ich gleich komme, machen dann aus Gsponers Film eine freie Verfilmung des Romans.

In dem Film – und ich muss jetzt in Teilen der Filmhandlung weit vorgreifen – fährt die Schulklasse des namenlosen Lehrers (Fahri Yardim) in die Berge zu einem Zeltlager. Durch verschiedene Tests ihrer Persönlichkeit sollen die Schüler ausgewählt werden, die sich für einen Platz an Eliteuniversität qualifizieren.

Alle bis auf Zach (Jannis Niewöhner) folgen willig und ohne darüber nachzudenken, der in der Gesellschaft propagierten Leistungsideologie. Er ist, obwohl beliebt, schon in der Klasse ein hochintelligenter Außenseiter. Sein wertvollster Besitz ist ein Tagebuch, dem er seine Gedanken und Gefühle anvertraut. Im Gegensatz zu seinen Klassenkameraden denkt er nach. Er nimmt die gesellschaftlichen Veränderungen wahr und sie gefallen ihm nicht. Denn hinter dem schönen Schein der egalitären Wohlstandswelt gibt es bittere Armut. Letztendlich ist die von Gsponer gezeichnete Welt eine dystopische Zwei-Klassen-Gesellschaft. Es ist eine diktatorische Leistungsgesellschaft, die gnadenlos unliebsame, nicht angepasste oder nicht leistungsfähige Menschen aussortiert.

In dem Zeltlager werden sie von dem Aufseher vor einer im Wald lebenden Bande Jugendlicher, die außerhalb ihrer Zone leben und sich mit Diebstählen über Wasser halten, gewarnt. Zach lernt das im Wald lebende Mädchen Ewa (Emilia Schüle) kennen. Er verliebt sich in die Wilde.

Dann verschwindet Zachs Tagebuch (Leser des Romans kennen den Dieb) und ein Klassenkamerad, mit dem er schon in den vergangenen Tage handgreifliche Auseinandersetzungen hatte, wird ermordet im Wald aufgefunden. Aber hat er ihn auch ermordet?

Das größte Problem von Gsponers von-Horváth-Verfilmung ist die Erzählweise. Anstatt die Geschichte, wie im Roman, einfach chronologisch vom Anfang bis zum Ende zu erzählen, gibt es zahlreiche Rückblenden, die einem zum Verständnis notwendige Informationen erst sehr spät geben und das Geschehen aus einer anderen Perspektive schildern. Das erschwert das Hineinfinden in die Geschichte und die Identifikation mit den Figuren. Das zeigt sich schon in den ersten Minuten. Der Film beginnt mit der Ankunft im Zeltlager und es wirkt, als ob sich die Jugendlichen nicht kennen. Dabei sind sie Klassenkameraden, die mit ihrem Klassenlehrer zu dem Camp gefahren sind und vor der Fahrt schon einen unliebsamen (vulgo nicht leistungsfähigen) Schüler aussortiert haben. Das setzt sich später fort, wenn wir erst später erfahren, wer das Tagebuch geklaut hat und ob der oder die Mordverdächtigen die Tat begangen haben.

Ein anderes Problem ist die zu sparsam gezeichnete dystopische Gesellschaft. Entsprechend diffus bleibt die Gesellschaftskritik.

Am Ende ist „Jugend ohne Gott“ ein weiterer gescheiterter Versuch eines deutschen Science-Fiction-Films, der nicht an seinem Budget, sondern an seinem Drehbuch und seiner Inszenierung scheitert. Jedenfalls in der Form, die im Kino läuft.

Jugend ohne Gott (Deutschland 2017)

Regie: Alain Gsponer

Drehbuch: Alex Buresch, Matthias Pacht

LV: Ödön von Horváth: Jugend ohne Gott, 1937

mit Jannis Niewöhner, Fahri Yardim, Emilia Schüle, Alicia von Rittberg, Jannik Schümann, Anna Maria Mühe, Rainer Bock, Katharina Müller Elmau, Iris Berben

Länge: 114 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage

Ödön von Horváth: Jugend ohne Gott

Suhrkamp, 2017 (Movie Tie-In)

160 Seiten

5 Euro

Erstausgabe

Exil-Verlag, Amsterdam, 1937

Die aktuelle Suhrkamp-Ausgabe basiert auf „Gesammelte Werke. Kommentierte Werkausgabe in Einzelbänden – Band 4: Prosa und Werke 1918 – 1938“ (Suhrkamp, 1988)

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Filmportal über „Jugend ohne Gott“

Moviepilot über „Jugend ohne Gott“

Wikipedia über „Jugend ohne Gott“ (die aktuelle Verfilmung, der Roman) und Ödön von Horváth (deutsch, englisch)


Horrorautor Joe Hill erzählt „Tales from the Darkside – Geschichten aus der Schattenwelt“

August 30, 2017

Die TV-Anthologieserie „Tales from the Darkside“ lief von 1983 (Pilotfilm, regulär ab 1984) bis 1988 im US-TV und ab 1989 auch bei uns, bei Pro7. Sie war, wie alle Anthologiserien, die das weite Feld zwischen Horror, Unheimlichem, Übernatürlichem, Science-Fiction (selten) und Krimi (noch seltener) bespielen, von „The Twilight Zone“ (Unglaubliche Geschichten/Unwahrscheinliche Geschichten/Geschichten, die nicht zu erklären sind) beeinflusst. In einer halben Stunde (mit Werbung) wird eine kurze Geschichten mit einem überraschendem Ende erzählt.

Vor ein paar Jahren gab es Pläne, das Konzept unter dem altbekannten Titel wieder zu beleben. Horrorautor Joe Hill erarbeitete 2014/2015 Vorschläge, die drei Staffeln und eine Darkside-Mythologie beinhalteten. Das Projekt zerschlug sich und jetzt hat er seine damaligen Ideen als Comic veröffentlicht. Michael Benedetto ist für die Adaption, Gabriel Rodriguez für die Zeichnungen verantwortlich. In dem Sammelband „Tales from the Darkside“ sind drei Geschichten (zwei kurze, eine lange), die damals verfilmt werden sollten, enthalten.

In „Schlafwandler“ döst der junge Bademeister Ziggy, nach einer weiteren durchfeierten Nacht, bei der Arbeit ein und eine Frau ertrinkt. Geplagt von Schuldgefühlen kann Ziggy nicht mehr einschlafen. Die Menschen in seiner Umgebung schon.

In „Black Box“ (der langen Geschichte) steht Brian Newman, der auch in den beiden anderen Geschichten Kurzauftritte hat, im Mittelpunkt. Er hat einen boshaften Schattenzwilling, den er Großer Gewinner nennt, und er kann die Realität verändern. Zum Beispiel indem ein Pelz lebendig wird und seine Trägerin attackiert.

Jetzt bietet ihm der Konzern Briterside die Implantation eines Chips an, der ihn heilen kann. Durch die Operation soll sein Schattenzwilling verschwinden. Aber was ist, wenn der sich gegen die Folgen der Operation wehrt?

In „Ein offenes Fenster“ weicht die junge Joss einem plötzlich auf der Straße auftauchendem Mann (es ist Brian Newman) aus und fährt auf einem Grundstück einen Briefkasten um. Sie will sich bei den Hausbesitzern entschuldigen und wird von ihnen gleich als Babysitter engagiert. Die beiden Kinder starren nur auf ihr Tablet und wollen es unter keinen Umständen aus der Hand geben. Und das ist noch der harmlose Teil des Jobs.

Das sind drei hübsche kleine Horrorgeschichten. Auch wenn, für meinen Geschmack, vor allem bei der zweiten Geschichte schon zu sehr auf einen größeren zusammenhängenden Kosmos spekuliert wird, anstatt die Geschichten einfach für sich stehen zu lassen. Denn ob es eine Fortsetzung der ursprünglich auf vier Hefte, die in „Tales from the Darkside“ zusammengefasst sind, angelegten Mini-Serie gibt, ist ungewiss.

Joe Hill/Gabriel Rodriguez: Tales from the Darkside – Geschichten aus der Schattenwelt

(übersetzt von Gerlinde Althoff)

Panini, 2017

108 Seiten

16,99 Euro

Originalausgabe

Tales from the Darkside # 1 – 4

IDW, 2016

Buchtipp

Eigentlich ist Joe Hill ein Romanautor und bei Heyne ist kürzlich sein neuer Roman „Fireman“ erschienen. Mit gut tausend Seiten Seiten, eng bedruckt und ohne Bilder, dürfte das genug Lesestoff für einige lange Tage sein.

Der titelgebende Fireman ist, so sagen die Gerüchte, ein Mann, der eine Seuche, die schon unzählige Menschen in Flammen aufgehen ließ, kontrollieren kann. Als die schwangere Harper Grayson infiziert wird, beschließt sie den Fireman in einer postapokalyptischen Welt zu suchen. Er soll ihr helfen. Aber gibt es ihn überhaupt?

Joe Hill: Fireman

(übersetzt von Ronald Gutberlet)

Heyne, 2017

960 Seiten

17,99 Euro

Originalausgabe

The Fireman

William Morrow, 2016

Hinweise

Homepage von Joe Hill

Joe Hill in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Joe Hill/Stephen King/Richard Mathesons „Road Rage“ (Road Rage, 2012)


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: „Tulpenfieber“, eine außereheliche Affären, ein uneheliches Kind und viel Liebe

August 27, 2017

 

Heute ist es, außer man hat sich mal mit Volkswirtschaft und Spekulationsblasen beschäftigt, unvorstellbar, dass Tulpenzwiebeln ein begehrtes Gut, ein Spekulationsobjekt mit unglaublichen Gewinnaussichten sind. Aber in den Niederlande kam es zwischen 1634 und 1637 zu einer Tulpenmanie, die noch heute in ökonomischen Lehrbüchern besprochen wird. Die Preise stiegen in kurzer Zeit ins Unermessliche. Auch weil schon damals an der Börse alles das gemacht wurde, was vor zehn Jahren zur Banken- und Finanzkrise führte.

Insofern ist „Tulpenfieber“, das während der Tulpenmanie in Amsterdam spielt, auch ein Lehrstück über das Funktionieren von Börsen und Spekulation. Im Film mehr als in Deborah Moggachs Roman.

Im Zentrum der von ihr erfundenen Geschichte steht die Mittzwanzigerin Sophia (Alicia Vikander). Sie ist mit dem deutlich älteren Gewürzhändler Cornelis Sandvoort (Christoph Waltz) verheiratet. Als er von ihnen ein Porträt malen lässt, verliebt sie sich in den Maler Jan van Loos (Dane DeHaan).

Im Haushalt der Sandvoorts ist auch das Dienstmädchen Maria (Holliday Grainger). Sie ist in den Fischhändler Willem (Jack O’Connell) verliebt. Als er glaubt, dass Maria ihn betrügt, begibt er sich auf große Seefahrt. Im Film wird er schanghait, im Buch ist es sein eigener Entschluss. Für die Handlung ist das Detail unerheblich. Tom Stoppard und Deborah Moggach veränderten in ihrem Drehbuch noch einige weitere Details. Wichtig ist vor allem, die Hinzuerfindung einer Äbtissin (Judi Dench), die Sophia erzog und die in ihrem Klostergarten Tulpenzwiebeln züchtet. Und Dr. Sorgh (Tom Hollander) hat im Film als Doktor eine größere Präsenz als im Film. Er hilft bei der Geburt und bei der Durchführung des verwegenen Plans von Sophia, Maria und Jan. Denn Maria will sich von Cornelis trennen, aber er würde niemals einer Scheidung zustimmen und er will unbedingt ein Kind haben. Und Maria will kein uneheliches Kind von dem Mann haben, der spurlos verschwunden ist.

Aber das sind kleinere Änderungen, die die Hauptgeschichte kaum beeinflussen. Wichtiger ist, obwohl Buch und Film zwischen verschiedenen Handlungssträngen und Erzählperspektiven wechseln, der Wechsel der Ich-Erzählerin. Im Roman ist es Sophia, die ja auch die Hauptperson der Geschichte ist. Im Film ist es die Dienstmagd Maria, die eine unglückliche Position zwischen direkt Beteiligte und unbeteiligte Beobachterin hat. Dadurch vergrößert sich die Distanz zwischen dem Geschehen auf der Leinwand und der emotionalen Involvierung des Zuschauers. Immer dann, wenn man ungehemmt mit Sophia mitfühlen möchte, unterbricht die Erzählerin den Handlungsfluss, die vieles nicht weiß, was wir als Zuschauer sehen. Gleichzeitig sinkt die Sympathie gegenüber Sophia. Sie ist zwar mit einem alten Mann verheiratet (laut Roman ist er 61 Jahre alt) und es war keine Liebesheirat; wobei die Idee einer Liebesheirat erst in der Romantik populär wurde. Aber Cornelis ist kein schlechter Mensch. Der Witwer ist vielleicht etwas unbeholfen und eitel, aber er hat seine erste Frau und seine beiden Kinder verloren. Von Maria will er nur einen Erben haben. Dafür erfüllt er ihr jeden Wunsch und ein Leben im Wohlstand. Denn Maria wuchs mittellos in einem Kloster auf. Diesen Menschen betrügt Maria dann und sie will ihm noch mehr Leid zufügen. Sie ist damit der Bösewicht des Films. Allerdings wird das im Film nicht thematisiert. Stattdessen sollen wir für sie Sympathie empfinden, weil sie verliebt ist und Liebe alles rechtfertigt. Das ist, wie in dem Science-Fiction-Film „Passengers“, eine problematische Ausgangslage, die im Film nie thematisiert wird.

Dazu kommt, dass Justin Chadwick („Mandela: Der lange Weg zur Freiheit“) nie die richtige Balance zwischen Liebes-, Krimi- und Finanzdrama findet und damit die Möglichkeiten verschenkt, die die Geschichte hätte. Aber diese Unentschlossenheit ist schon im Drehbuch angelegt, das sich nicht zwischen Liebes- und Finanzdrama entscheiden will und eine problematische Haltung zur Protagonistin Sophia hat.

Fans von historischen Liebesschmonzetten werden dagegen gut bedient. Die Schauspieler sind gut. Die Kulisse gefällt (auch wenn nur in Großbritannien gedreht wurde). Danny Elfman schrieb die Musik. Sie müssen nur akzeptieren, dass die Geschichte nicht das typische Schmonzettenende hat.

Tulpenfieber (Tulip Fever, USA/Großbritannien 2017)

Regie: Justin Chadwick

Drehbuch: Tom Stoppard, Deborah Moggach

LV: Deborah Moggach: Tulip Fever, 1999 (Tulpenfieber)

mit Alicia Vikander, Christoph Waltz, Judi Dench, Dane DeHaan, Cara Delevingne, Zach Galifianakis, Holliday Grainger, Tom Hollander, Jack O’Connell

Länge: 105 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Die Vorlage

Deborah Moggach: Tulpenfieber

(übersetzt von Ursula Wulfekamp)

Insel Verlag, 2016

288 Seiten

10 Euro

Frühere deutsche Ausgaben bei Verlag Fretz & Wasmuth (1999) und S. Fischer Verlag (2007)

Originalausgabe

Tulip Fever

Verlag William Heinemann, London, 1999

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Tulpenfieber“

Metacritic über „Tulpenfieber“

Rotten Tomatoes über „Tulpenfieber“

Wikipedia über „Tulpenfieber“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Justin Chadwicks „Mandela – Der lange Weg zur Freiheit“ (Mandela: Long Walk to Freedom, USA 2013)

Homepage von Deborah Moggach

 


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