Französisch morden mit Léo Malet und Christian Roux

April 20, 2016

pbRoux - Der Mann mit der Bombe

Wahrscheinlich wird in Frankreich genauso viel Mist veröffentlicht wie bei uns, aber es wird nicht alles übersetzt und das, was übersetzt wird, hat dann oft einen sehr eigenen Ton, der gefällt. Jedenfalls wenn man auf Noir steht.

Dass es düster wird, verrät schon der Titel von Léo Malets jetzt wieder veröffentlichtem zweiten Band der Schwarzen Trilogie: „Die Sonne scheint nicht für uns“. Und der Klappentext des im Original 1949 erschienenen hundertzwanzigseitigen Romans verrät das Ende: „Der sechzehnjährige André wird wegen Vagabundierens ins Jugendgefängnis gesteckt – und endet als jüngster Geköpfter Frankreichs unter der Guillotine.“ Aber über den Weg dorthin verrät der Klappentext nichts und dieser gradlinige Weg ins Verderben, natürlich beschritten mit einer Femme Fatale, ist überaus lesenswert. Immer noch. Denn während mir Malets erster Band der Schwarzen Trilogie „Das Leben ist zum Kotzen“ nicht so gefiel, ist „Die Sonne scheint nicht für uns“ ein spannender Einblick in das Leben der Unterschicht in den zwanziger Jahren (das Buch spielt 1926), das mit dem heute immer noch allseits bekanntem Leben der Bohème nichts zu tun hat. Woody Allen beschrieb es ja in seinem 2011er „Midnight in Paris“ wieder in den schönsten Farben, die in „Die Sonne scheint nicht für uns“ nichts zu suchen haben. Außerdem ist Malets Ich-Erzähler André für seine jungen Jahre schon erstaunlich desillusioniert. Aber er hatte auch nie eine Chance.

Neben der Schwarzen Trilogie ist Léo Malet vor allem als Erfinder von Nestor Burma bekannt. Aber das ist eine andere Geschichte.

Mit hundertvierzig Seiten ist Christian Roux‘ „Der Mann mit der Bombe“ ebenfalls ziemlich kurz geraten und auch hier würde niemand ernsthaft auf ein glückliches Ende wetten. Der Arbeitslose Mittvierziger Larry, der Tontechniker war, Frau und Kind hat, hat sich eine Bombenattrappe gebaut. Das verleiht ihm vor allem bei den peinlichen Vorstellungsgesprächen ein Gefühl von Macht. Als er, während er selbst gerade die Bank überfallen will, zufällig in einen aus dem Ruder laufenden Banküberfall gerät, zeigt er seine Bombe und flüchtet mit der Bankräuberin Lu, einer jungen, kokssüchtigen Frau, die panische Angst vor dem Alleinsein hat. Auf ihrer ziellosen Reise durch Frankreich überfallen sie kleine Postfilialen, werden von ihren Kompagnons und der Polizei verfolgt und fragen sich, wie ihr Leben enden soll.

Das hat natürlich etwas von Bonnie & Clyde, erinnert auch an all die französischen Krimis, in denen sich im Hinterland (also alles, was nicht das Zentrum Paris ist), garniert mit Sex und Gewalt, eine wilde Hatz zwischen Polizisten und mehr oder weniger unschuldig Verfolgten entwickelt.

Der Mann mit der Bombe“ ist der erste ins Deutsche übersetzte Roman des 1963 geborenen Christian Roux. Für seine Romane erhielt er mehrere Krimipreise.

Léo Malet: Die Sonne scheint nicht für uns

(übersetzt von Andrea Jossen, mit einem Nachwort von Tobias Gohlis)

Nautilus, 2016

144 Seiten

14,90 Euro

Deutsche Erstausgabe

Edition Nautilus, 1989

Originalausgabe

Le soleil n’est pas pour nous

Editions du Scorpion, 1949

Christian Roux: Der Mann mit der Bombe

(übersetzt von Cornelia Wend, mit einem Vorwort von Frank Göhre )

Polar, 2016

154 Seiten

12,90 Euro

Originalausgabe

L’homme à la bombe

Editions Payot & Rivages, 2012

Hinweise

Wikipedia über Léo Malet (deutsch, französisch)

Krimi-Couch über Léo Malet

Meine Besprechung von Leo Malets „Das Leben ist zum Kotzen“ (La vie est dégueulasse, 1948)

Polar über Christian Roux

Wikipedia über Christian Roux


Gerald Kersh meint „Die Toten schauen zu“

April 18, 2016

Kersh - Die Toten schauen zu

Zur Information: Diese Besprechung enthält Spoiler. Aber nach meiner Einschätzung sind das keine das Lesevergnügen beeinträchtigende Spoiler.

Schon Gerald Kersh „Ouvertüre um Mitternacht“ spielte während der Nazi-Diktatur. 1935 suchten die Sozialreformerin Asta Thundersley und Detective Inspector Dick Turpin in London den Mörder eines zehnjährigen Mädchens. Das war ein Kriminalroman.

Von seinem jetzt auf Deutsch veröffentlichtem Werk „Die Toten schauen zu“ (das Original erschien 1943) kann man das nicht behaupten. Es ist ein Roman und aus der Krimileser-Perspektive, die auf Rätseln, überraschende Wendungen und, meist, die Überführung des Übeltäters geeicht ist, ist das durchaus ein Nachteil. Kersh, dessen heute noch bekanntestes Werk der zweimal verfilmte Noir „Nachts in der Stadt“ (Night and the City, 1938) ist, erzählt, wie die Nazis eine Stadt ausradieren.

In der von den Nazis besetzten Tschechoslowakei erschießt ein Motorradfahrer den skrupellosen SS-Obergruppenführer Max von Bertsch. Die Nazis, die das Land besetzt haben, wollen ein Exempel statuieren. Das Dorf Dudicka, in dessen Nähe ein Motorrad gefunden wurde (später erfahren wir, dass es ein schrottreifes, seit Jahren nicht mehr benutztes Motorrad war), soll den Täter übergeben. Um den Widerstand der Dörfler zu brechen, beginnt SS-Offizier Heinz Horner die Dorfbewohner zu drangsalieren und er lässt sie der Reihe nach erschießen, während seine Männer die Stadt plündern.

Das auch im ausführlichen Nachwort von Angelika Müller erwähnte reale Vorbild für von Bertsch war Reinhard Heydrich, stellvertretender Reichsprotektor von Böhmen und Mähren, genannt der „Schlächter von Prag“. Auf ihn wurde am 27. Mai 1942 ein Attentat verübt. Am 4. Juni starb er. Am 9. Juni wurde das Dorf Lidice von der Landkarte getilgt. Die Nazis erschossen 177 Männer zwischen 14 und 84 Jahren, deportierten die Frauen nach Ravensbrück, ‚germanisierten‘ neun Kinder und töteten die anderen Kinder.

Kersh schildert diese Racheaktion mit erstaunlich vielen Details, die heute zum Allgemeinwissen gehören, und die damals anscheinend auch schon mehr oder weniger bekannt waren. Die Ereignisse in Dudicka schildert Kersh in vielen kurzen, nüchtern geschilderten Szenen, die ein Kaleidoskop der Ereignisse entfalten und ohne einen Protagonisten auskommen. Am ehesten bieten sich, bei den Dörflern noch die jung Verliebten Max Marek und Anna Horak an. Aber sie sind weitgehend passiv und an den Ereignisse können sie nichts ändern. Sie können die Vernichtung von Dudicka nicht aufhalten. Sie können auch kein Leben retten. Noch nicht einmal ihr eigenes. Aber, wie die letzten Zeilen dieses Panoramas des Schreckens verraten, ist der Widerstand in der Tschechoslowakei ungebrochen.

Deshalb wirkt „Die Toten schauen zu“ auch niemals wie ein schon vor über siebzig Jahren geschriebenes Buch, das vor allem der Propaganda, also der Mobilisierung der Alliierten gegen Nazi-Deutschland, dienen sollte.

Gerald Kersh: Die Toten schauen zu

(übersetzt von Ango Laina und Angelika Müller)

pulp master, 2016

240 Seiten

12,80 Euro

Originalausgabe

The Dead look on

William Heinemann LTD., 1943

Hinweise

Krimi-Couch über Gerald Kersh

Perlentaucher über Gerald Kersh

Wikipedia über Gerald Kersh

Meine Besprechung von Gerald Kershs „Ouvertüre um Mitternacht” (Prelude to a Certain Midnight, 1947)


Kurzkritik: Über William Giraldis „Wolfsnächte“

April 15, 2016

Giraldi - Wolfsnächte

Auf dem Cover von William Giraldis „Wolfsnächte“ steht „Thriller“ und die ersten Seiten lassen einen Jack-London-Roman erwarten: Tierforscher und Naturschriftsteller Russell Core wird von Medora Slone gebeten ihren von den Wölfen aus dem Dorf Keelut verschleppten sechsjährigen Sohn zu finden und den Wolf zu töten. Er sei das jüngste Opfer der Wölfe, die sich bereits mehrere Kinder aus Keelut geholt haben. Core, der weiß, dass Wölfe normalerweise Menschen meiden und höchstens wenn sie hungrig sind, Menschen töten, beginnt den Wolf in der Wildnis von Alaska zu jagen.

Diese Thrillergeschichte nimmt schnell eine überraschende Wende. Denn bereits auf Seite fünfzig entdeckt Core die Leiche von Bailey im Keller des Hauses. Und als Täterin kommt nur Baileys Mutter Medora in Frage. Sie ist in die Wildnis geflüchtet.

Kurz darauf kommt ihr Mann Vernon aus dem Kriegseinsatz zurück. Auch der Soldat jagt, neben der Polizei, Medora.

Aber William Giraldi hat wenig Interesse an den Thrillerkonventionen. Stattdessen wandelt sich seine Geschichte immer mehr zu einer sehr spezifischen und düsteren Version einer Geistergeschichte. Da fehlt dann zwar die Thrillerspannung, aber, auch dank Giraldis Sprache, wird „Wolfsnächte“ dadurch nicht weniger lesenswert.

Es ist, wie Core am Ende des Romans meint „nur eine Geschichte (…) – die, wie ihm schien, halb im Traum stattgefunden hatte und der echten Welt, wie er sie kannte, nur entliehen war -, und diese Geschichte trug die Kleider der Wahrheit.“

William Giraldi: Wolfsnächte

(übersetzt von Nicolai von Schweder-Schreiner)

Hoffmann und Campe, 2016

224 Seiten

20 Euro

Originalausgabe

Hold the Dark

Liveright Publishing Corporation/W. W. Norton & Company Ltd., New York, 2014

Hinweise

Homepage von William Giraldi

Hoffmann und Campe über William Giraldi

Huffington Post: Interview mit William Giraldi über „Wolfsnächte“


Mit James Lee Burke und Dave Robicheaux im “Mississippi Jam”

April 7, 2016

Burke - Mississippi Jam - 2

Als die Romane von James Lee Burke noch regelmäßig übersetzt wurden, wurde “Dixie City Jam”, der siebte Dave-Robicheaux-Roman, der zwischen “Im Schatten der Mangroven” (In the Electric Mist with Confederate Dead) und “Im Dunkel des Deltas” (Burning Angel) erschien, galant ignoriert. An der Qualität des im Original 1994 erschienen Romans kann es nicht gelegen haben. Denn er unterscheidet sich nicht sonderlich von Burkes vorherigen und späteren Robicheaux-Romanen. Dass es um ein vor der Küste von Louisiana gesunkenes Nazi-U-Boot geht, schon eher. Obwohl das auch eher nach einem Stellvertreter-Argument klingt.

Jedenfalls erschien jetzt bei Pendragon als „Mississippi Jam“ die deutsche Ausgabe von “Dixie City Jam”.

In dem Roman wollen mehrere Menschen das 1942 von der US-Navy zum Versinken gebrachte Nazi-U-Boot haben und weil Dave Robicheaux es schon während seiner College-Zeit bei einem Tauchgang entdeckte, steht er im Zentrum ihres Interesses. Dave, Detective von der Polizei von New Iberia, will dem mächtigen jüdischen Aktivisten und Geschäftsmann Hipp Bimstine für 25.000 Dollar den Fundort verraten. Das Geld braucht er, um einem Freund zu helfen.

Will Buchalter, ein durchgeknallter Nazi, der bei seinen zahlreichen Verbrechen keine Spuren hinterlässt und, zusammen mit seiner Schwester, schon in jedem Nazi-Netzwerk war, will das U-Boot vor Bimstine haben und er schreckt vor nichts zurück.

Damit ist das Fundament für einen typischen Robicheaux-Roman gelegt, in dem der menschliche Abschaum von halb Amerika und die New-Orleans-Mafia sich in dem kleinen Ort New Iberia versammelen und schnell eine tödliche Dynamik in Gang gesetzt wird, in der man – wie auch die handelnden Charaktere – ebenso schnell den Überblick verliert, bis der in jedem der inzwischen zwanzig Robicheaux-Roman auftauchende psychopathische Killer Dave Robicheaux, seine Familie und seine Freunde belästigt, bis er erkennt, dass er sich mit dem falschen Südstaatler angelegt hat. So undurchschaubar und auch kaum noch nacherzählbar die Handlung dann oft ist (und in seinen späteren Romanen wurde es noch undurchschaubarer), so stark sind die einzelnen Szenen.

In „Mississippi Jam“ gelingt James Lee Burke noch die Balance zwischen den verschiedenen Elementen, die sich später zu oft zuungunsten der Geschichte verschob.

James Lee Burke: Mississippi Jam

(übersetzt von Jürgen Bürger)

Pendragon, 2016

592 Seiten

17,99 Euro

Originalausgabe

Dixie City Jam

Orion, 1994

Hinweise

Homepage von James Lee Burke

Wikipedia über James Lee Burke (deutsch, englisch)

Mein Porträt von James Lee Burke

James Lee Burke in der Kriminalakte

„In the Electric Mist“ in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Bertrand Taverniers James-Lee-Burke-Verfilmung „In the Electric Mist – Mord in Louisiana“ (In the Electric Mist, USA 2009)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Regengötter“ (Rain Gods, 2009)

Meine Besprechung von James Lee Burkes „Sturm über New Orleans“ (The Tin Roof Blowdown, 2007)


Neu im Kino/Film- und Buchkritik: Über Hans Steinbichlers „Das Tagebuch der Anne Frank“

März 3, 2016

Schullektüre sei „Das Tagebuch der Anne Frank“. So heißt es, aber ich habe es nicht in der Schule gelesen. Wir lasen „Der Untertan“.
„Das Tagebuch der Anne Frank“ wurde auch schon öfter verfilmt. Die erste Verfilmung von 1959 war für den Oscar als bester Film nominiert. George Stevens‘ hundertsiebzigminütige Verfilmung kam in einer um fast zwanzig Minuten gekürzten Fassung in die deutschen Kinos und inzwischen dürften nur noch ältere Semester und Cineasten sie kennen. Denn im Fernsehen lief sie schon seit Ewigkeiten nicht mehr. Die späteren Verfilmungen sind noch unbekannter und sie kamen auch immer aus dem Ausland.
Hans Steinbichlers „Das Tagebuch der Anne Frank“ ist jetzt der erste deutsche Kinofilm, der ihre Geschichte erzählt. Das ist insofern erstaunlich, weil ihre Geschichte eine deutsche Geschichte ist und es immer heißt, alles, was mit der Nazi-Diktatur zu tun habe, sei schon verfilmt worden.
Die Geschichte und die damit zusammenhängenden Fakten dürften bekannt sein.
Anne Frank wird am 12. Juni 1929 in Frankfurt am Main geboren. Otto Frank, ihr Vater, organisiert, aus Angst vor weiter zunehmenden Repressionen gegen die Juden, schon 1933 den Umzug der Familie nach Amsterdam. Im Februar 1934 ziehen Anne Frank, ihre 1926 geborene Schwester Margot und ihre Mutter Edith nach Amsterdam. 1940 kapitulierten die Niederlande vor den Nazis. Im Mai 1942 wird auch in den Niederlande der ‚Judenstern‘ eingeführt. Am 5. Juli 1942 erhält Margot Frank den Aufruf, sich zum ‚Arbeitseinsatz im Osten‘ zu melden. Am nächsten Tag taucht die Familie Frank in dem schon länger von Otto Frank mit einigen Vertrauten vorbereiteten Versteck im Hinterhaus der Prinsengracht 263, das zu Otto Franks Firma gehört, unter. Einige Tage später werden Auguste und Hermann van Pels und ihr Sohn Peter aufgenommen. Im November 1942 wird mit Fritz Pfeffer eine achte Person aufgenommen.
Anne Frank, die ihr Tagebuch am 12. Juni 1942 beginnt, schreibt bis zum 1. August 1944 vor allem über das Leben in dem Versteck.
Am 4. August 1944 werden sie in ihrem Versteck verhaftet. Sie werden nach Auschwitz deportiert, getrennt und, bis auf Otto Frank, sterben alle in verschiedenen KZs.
Anne Frank stirbt an Typhus Ende Februar/Anfang März 1945 im Lager Bergen-Belsen.
Fred Breinersdorfer schrieb das Drehbuch, das den Abschluss seiner Trilogie über Opfer- und Heldenbiographien aus der NS-Zeit bildet. Davor beschäftigte er sich mit Sophie Scholl (Sophie Scholl – Die letzten Tage, 2005) und Georg Elser (Elser – Er hätte die Welt verändert, 2015) und wie bei diesen beiden Filmen konnte er für sein Anne-Frank-Drehbuch auch auf umfangreiche Originaldokumente zurückgreifen. So stand ihm das Archiv des Anne Frank Fonds, das den Film initiierte, offen. Deshalb erzählt er nicht nur die aus Anne Franks Tagebuch aus der Perspektive der Schreiberin bekannte Geschichte, sondern auch die Geschichte vor ihrem ersten und nach ihrem letzten Tagebucheintrag. Also wie sie und ihre Familie vor dem Untertauchen in Amsterdam leben und wie sie den zunehmenden Hass auf und die zunehmenden Repressionen gegen Juden erlebt und wie ihre Familie und die Mitbewohner verhaftet und, während der letzten Kriegstage in Konzentrationslager deportiert werden.
An dem Drehbuch ist auch nichts auszusetzen. Es ist eine berührende Geschichte, die keine wirklichen Dramatisierungen benötigt und, auch mit direkten Übernahmen, den Originaltext in dem Mittelpunkt stellt. Es gibt natürlich kleinere Änderungen und Wiederholungen, die sich im Tagebuch finden, wurden gestrichen. Anne Franks sexuelles Erwachen, das in ihrem Tagebuch (in der finalen Fassung, der Version d) ausführlich geschildert wird, wird im Film eher nebenbei behandelt. Was auch dazu führt, dass die Liebesgeschichte zwischen ihr und Peter unwichtig ist.
Gleichzeitig wird Anne Frank als Teenager gezeigt, der mit seiner Selbstgerechtigkeit und Überheblichkeit auch nerven kann.
Im Film zeigt sich dann immer wieder, dass Regisseur Hans Steinbichler dieser Geschichte und der Kraft der Worte nicht genug vertraut. Schon in der ersten Szene, – ein Monolog von Anne Frank, während Amsterdam gerade bombardiert wird, und die Kamera langsam auf sie zufährt -, kleistert die Musik jede originäre Emotion zu. Sebastian Pilles Musik entwickelt sich, nachdem sie sich schon in den ersten Minuten absolut unpassend in den Vordergrund drängt, zu einem konstanten Ärgernis.
Störend ist auch Steinbichlers exzessiv ausgelebte Vorliebe für Großaufnahmen, die im Fernsehen vielleicht weniger störend sind. Im Kino hätte ich mir – und dass das geht, hat Quentin Tarantino vor wenigen Wochen mit seinen langen, nur in einer Hütte spielenden Szenen in „The Hateful 8“ gezeigt – eine Kamera gewünscht, die den Schauspielern mehr Raum für die Interaktion gegeben hätte.
Abseits dieser Kritteleien ist „Das Tagebuch der Anne Frank“ ein insgesamt gelungener und sehenswerter Film, der wieder die Aufmerksamkeit auf Anne Frank und das Schicksal der verfolgten Juden lenkt. Es ist auch ein Film, der heute wieder erschreckend aktuell ist. Denn die Familie Frank musste sich im Hinterhaus verstecken, weil Bitten von Otto Frank um Asyl in den USA für sich und seine Familie abschlägig beschieden wurde. Eine Entscheidung, die zu ihrem Tod führte. Nur Otto Frank überlebte den Holocaust.

Das Tagebuch der Anne Frank - Plakat

Das Tagebuch der Anne Frank (Deutschland 2016)
Regie: Hans Steinbichler
Drehbuch: Fred Breinersdorfer
mit Lea van Acken, Martina Gedeck, Ulrich Noethen, Stella Kunkat, André Jung, Margarita Broich, Leonard Carow, Arthur Klemt, Gerti Drassl, Stefan Merki
Länge: 128 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage

Anne Frank - Gesamtausgabe TB - 4

Wer nach (oder vor) dem Film so richtig in die Schriften von Anne Frank einsteigen möchte, sollte sich die Gesamtausgabe, die auch ganz banal „Gesamtausgabe“ heißt, zulegen. In ihr sind die verschiedenen Versionen ihres Tagebuchs (es gibt das ursprüngliche Tagebuch, eine von ihr für eine Veröffentlichung schon überarbeitete Fassung, die von ihrem Vater Otto Frank für die Veröffentlichung erstellte Fassung und die von Mirjam Pressler 2001 im Auftrag des Anne Frank Fonds erstellte und autorisierte „Version d“, die die heute verbindliche Fassung ist und in der für frühere Veröffentlichungen gekürzte und weggelassene Teile wieder aufgenommen wurden), die „Geschichten und Ereignisse aus dem Hinterhaus“ (ihre Erzählungen, die teils auf selbst Erlebtem basieren und die auch teils von ihr in ihr Tagebuch übernommen wurden), weitere Erzählungen, Briefe, Einträge in Poesiealben, „Das Schöne-Sätze-Buch“ (das hauptsächlich eine Sammlung von Texten, die ihr gefielen und die sie im Versteck abschrieb, ist) und ‚Das Ägyptenbuch‘ (das ebenfalls vor allem aus anderen Texten besteht und das Anne Franks Faszination für das alte Ägypten dokumentiert) abgedruckt. Damit ist ihr schriftstellerisches Gesamtwerk in diesem Buch enthalten.
Ergänzt wird der Sammelband durch Fotos und Dokumente über sie und ihre Familie und vier Aufsätze über Anne Frank, ihre Familie, den zeitgeschichtlichen Kontext und die Rezeptionsgeschichte.
Diese umfassende Ausgabe eignet sich vor allem für das vertiefte und auch vergleichende Studium.
Für den Hausgebrauch reicht natürlich auch die Ausgabe ihres Tagebuchs.

Anne Frank: Gesamtausgabe
(herausgegeben vom Anne Frank Fonds)
(übersetzt von Mirjam Pressler)
Fischer, 2015
816 Seiten
12,99 Euro

Deutsche Erstausgabe
Fischer, 2013

Hinweise
Homepage zum Film
Filmportal über „Das Tagebuch der Anne Frank“
Moviepilot über „Das Tagebuch der Anne Frank“
Wikipedia über „Das Tagebuch der Anne Frank“ (deutsch, englisch) und Anne Frank (deutsch, englisch)
Der Anne Frank Fonds

Anne-Frank-Seite des Fischer Verlags

Homepage von Fred Breinersdorfer


„Von Mr. Holmes zu Sherlock“, begleitet von seinen Erschaffern und zahlreichen Fans

Februar 24, 2016

Von Mr Holmes zu Sherlock von Mattias Bostroem

Über Sherlock Holmes gibt es einige Biographien. Denn für seine Fans ist der von Sir Arthur Conan Doyle erfundene Detektiv realer als einige im gleichen Haus lebende Nachbarn.
Über Sir Arthur Conan Doyle gibt es selbstverständlich auch einige Biographien.
Und, wo wir gerade dabei sind, über die verschiedenen Inkarnationen von Sherlock Holmes im Film, Radio und anderen Romanen (okay, da könnte es wirklich, wirklich nichts geben. Denn das wäre eine echte Herkules-Arbeit) gibt es auch Bücher.
Aber das Buch, das Mattias Boström schrieb, gab es noch nicht. Sagt er jedenfalls in seinem Vorwort und ich glaube ihm einfach. Denn in „Von Mr. Holmes zu Sherlock“ zeichnet er die Geschichte von Sherlock Holmes aus dem Blick der Menschen nach, die ihn erfanden (also Sir Arthur Conan Doyle), die ihn zeichneten, die Holmes-Geschichten veröffentlichten und die Sherlock Holmes später im Theater, im Radio und im Film, zuerst im Kino, später auch im Fernsehen, zum Leben erweckten. Und er beschäftigt sich mit den Fans von Sherlock Holmes, die Clubs, wie die Baker Street Irregulars, gründeten und sich intensiv mit ihm beschäftigten. Auch in mehr oder weniger ernst gemeinten wissenschaftlichen Untersuchungen.
Das so entstandene, gut sechshundert Seiten umfassende Werk ist ein umfassender und auch immer interessanter Rundumschlag und Marsch durch die Geschichte von den Anfängen des Detektivs – sein erster Auftritt war 1887 in Beeton’s Christmas Annual in dem Fall „A Study in Scarlet“ (Eine Studie in Scharlachrot) – bis zur Gegenwart, der neuesten Inkarnation des Detektivs in der grandiosen BBC-Serie „Sherlock“, die sich schnell zu einem weltweiten Phänomen entwickelte und das Interesse an dem Detektiv neu entfachte.
Es ist allerdings auch ein arg episodisches Buch, das in Teilen einfach nur Anekdote an Anekdote reiht. Und die Struktur des Buches ist, wenn man es nicht einfach wie einen Roman lesen möchte, arg unglücklich gewählt. Mattias Boström erzählt die Geschichte strikt chronologisch, was „Von Mr. Holmes zu Sherlock“ immer wieder etwas lexikalisches gibt. Wenn man allerdings etwas finden möchte, ist man in dem Textkonvolut verloren. Da hilft dann auch das Register kaum weiter. Insofern wären mindestens eine Chronik der wichtigsten Ereignisse und aussagekräftige Kapitelüberschriften (und ein Inhaltsverzeichnis, das es jetzt nicht gibt, weil die Kapitel einfach durchnummeriert sind) schon ein Anfang.
Boström beschäftigt sich auch mit den Nachkommen und Erben von Sir Arthur Conan Doyle und ihren Versuchen, die Sherlock-Holmes-Geschichten und die Figur zu Geld zu machen. Immer im Kampf gegen das ablaufende Urheberrecht, schlechte, teils von Sir Arthur Conan Doyle selbst geschlossene, Verträge und ein teils nicht mehr zu klärendes Rechtekuddelmuddel. Diese Abschnitte, gerade weil dieser Teil normalerweise kaum betrachtet wird, ist sehr interessant zu lesen; wobei auch hier Zusammenfassungen besser als die strikt chronologische Erzählweise gewesen wären.
Äußerst interessant sind dabei auch deren und, schon davor, Sir Arthur Conan Doyles Bemühungen um das Urheberrecht durchzusetzen und die verschiedenen mehr oder weniger illegalen Nachdrucke, Holmes-Kopien und -Pastichen einzudämmen, zu lesen. Als Conan Doyle anfing zu Schreiben, gab es so etwas wie das Urheberrecht wie wir es heute kennen noch nicht und auch danach war es sehr lückenhaft. Weil heute der Eindruck vermittelt wird, dass es das Urheberrecht schon seit Ewigkeiten gibt, ist es natürlich sehr erhellend zu lesen, dass vor etwas über hundert Jahren die Situation für die Autoren noch ganz anders war.

Mattias Boström: Von Mr. Holmes zu Sherlock
(übersetzt von Susanne Dahmann und Hanna Granz)
btb, 2016
608 Seiten
14,99 Euro

Originalausgabe
Fran Holmes till Sherlock
Piratförlaget, 2013

Hinweise

Homepage von Sir Arthur Conan Doyle (Erben)

Krimi-Couch über Sir Arthur Conan Doyle

Kirjasto über Sir Arthur Conan Doyle

Wikipedia über Sir Arthur Conan Doyle (deutsch, englisch)

Sherlockian.net (Einstiegsseite mit vielen Links)

Facebook-Seite der deutschen Sherlock-Holmes-Gesellschaft

Thrilling Detective über Sherlock Holmes

Meine Besprechung von Arthur Conan Doyles “Sherlock Holmes Geschichten”, “Sherlock Holmes Kriminalgeschichten” und “The Adventures of Sherlock Holmes” (und hier eine Auflistung der in diesen Werken enthaltenen Geschichten)

Meine Besprechung von Anthony Horowitzs „Das Geheimnis des weißen Bandes“ (The House of Silk, 2011)

Meine Besprechung von Ian Edginton (Autor)/Davide Fabbris (Zeichner): Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Zombies! (Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Zombies, 2010)

Meine Besprechung von Ian Edginton (Autor)/Horacio Domingues/Davide Fabbris (Zeichner) „Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Dracula“ (Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Jekyll/Hyde; Victorian Undead: Sherlock Holmes vs. Dracula, 2010/2011)

Meine Besprechung von „Sherlock: Ein Fall von Pink“ (A Study in Pink, GB 2010)

Meine Besprechung von „Sherlock: Eine Legende kehrt zurück – Staffel 1“ (Sherlock, GB 2010)

Meine Besprechung von “Sherlock: Eine Legende kehrt zurück -Staffel 2″ (GB 2012)

Meine Besprechung von “Sherlock: Ein Skandal in Belgravia” (A Scandal in Belgravia, GB 2012)

Meine Besprechung von Guy Ritchies „Sherlock Holmes: Spiel im Schatten“ (Sherlock Holmes: A Game of Shadows, USA 2011)

Sherlock Holmes in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 18. Februar: My Blueberry Nights (+ Buchtipp: „Die Sünden der Väter“ von Lawrence Block)

Februar 18, 2016

Eins Plus, 23.10

My Blueberry Nights (China/USA 2007, Regie: Wong Kar-wai)

Drehbuch: Wong Kar-wai, Lawrence Block (nach einer Geschichte von Wong Kar-wai)

Elizabeth hat Liebeskummer. In einem kleinen New Yorker Café schüttet sie dem Kellner ihr Herz aus. Der verliebt sich in sie, aber sie macht sich auf eine Reise durch die USA. Auf ihrem Selbstfindungstrip begegnet sie anderen einsamen Seelen.

Lawrence Block war zwar irgendwie am Drehbuch beteiligt, aber letztendlich ist es ein Wong-Kar-wai-Film geworden.

Mit Norah Jones, Jude Law, Rachel Weisz, David Strathairn, Natalie Portman

Wiederholung: Freitag, 19. Februar, 03.25 Uhr (Taggenau!)

Bonushinweis/Buchtipp

Block - Die Sünden der Väter

Eine erfreuliche Fans für Lawrence-Block-Fans: der Grandmaster höchstselbst hat jetzt veranlasst, dass seine Romane mit dem Ex-Polizisten Matthew Scudder, der in New York als Privatdetektiv ohne Lizenz arbeitet, wieder auf Deutsch erscheinen. Jedes Jahr sollen, so ist der Plan, mindestens zwei Scudder-Romane erscheinen. Dazwischen soll es Scudder-Kurzgeschichten geben.
(Einschub: genau der Scudder, der vor kurzem von Liam Neeson in Scott Franks „Ruhet in Frieden – A Walk among the Tombstones“ verkörpert wurde.)
In dem ersten Scudder-Roman, der in den USA 1976 erschien, will ein Vater wissen, wer seine Tochter warum ermordete. Denn er glaubt nicht an die offizielle Version und er will wissen, wie sie die vergangenen Jahre lebte. Scudder, der damals noch ein Trinker war, sucht den Mörder der Prostituierten.
Als Lawrence Block Mitte der siebziger Jahre schnell hintereinander die ersten Matt-Scudder-Romane schrieb, unterschieden sie sich nicht sehr von vielen anderen Privatdetektiv-Romanen. Vor allem die Länge (oder besser Kürze) und der damit verbundene Handlungsaufbau entsprachen den Konventionen. Trotzdem setzt Lawrence Block, wie schon in seinen vorherigen Romanen und der witzigen Evan-Tanner-Serie, eigene Duftnoten.
Einige Jahre später, nachdem Scudder sich zu seinem Alkoholismus bekennt, Mitglied der Anonymen Alkoholiker wird und versucht, seine Sucht zu bekämpfen, nehmen die Romane, die dann auch länger wurden, die entscheidende Wende, die Matt Scudder zu einem der großen Privatdetektive des 20. Jahrhunderts machte.
Aber diese Geschichte wird erst später erzählt. Bis dahin kann noch einmal tief in das New York der siebziger Jahre eingetaucht werden.

Lawrence Block: Die Sünden der Väter
(übersetzt von Stefan Mommertz)
CreateSpace Independent Publishing Platform, 2016
200 Seiten
10,69 Euro (auch als E-Book erhältlich) (via Amazon)

Originalausgabe
The Sins of the Fathers
Dell, 1976

Deutsche Erstausgabe als „Mord unter vier Augen“

Hinweise

Homepage von Lawrence Block

Unbedingt kaufen müssen Sie das von mir herausgegebene Buch „Lawrence Block – Werkschau eines New Yorker Autors“ (KrimiKritik 5, Nordpark-Verlag)

Meine Besprechung von Lawrence Blocks “Telling Lies for Fun and Profit – A Manual for Fiction Writers” (1994)

Meine Besprechung von Lawrence Blocks “Spider, spin me a web – A Handbook for Fiction Writers” (1995)

Meine Besprechung von Lawrence Blocks: “All the flowers are dying” (2005)

Meine Besprechung von Lawrence Blocks “Lucky at Cards” (2007)

Meine Besprechung von Lawrence Blocks „Abzocker“ (Grifter’s Game, 2004; frühere Ausgaben: Mona, 1961; Sweet slow death, 1986)

Meine Besprechung von Lawrence Blocks “Verluste” (Everybody dies, 1998)

Meine Besprechung von Lawrence Blocks „Killing Castro“ (Originalausgabe unter dem Pseudonym Duncan Lee als „Fidel Castro Assassinated“, 1961)

Meine Besprechung von Lawrence Blocks „Falsches Herz“ (The Girl with the long green Heart, 1965)

Meine Besprechung von Lawrence Blocks „A drop of the hard stuff“ (2011)

Meine Besprechung von Hal Ashbys Lawrence-Block-Verfilmung „8 Millionen Wege zu sterben“ (8 Million Ways to die, USA 1986)

Meine Besprechung von Scott Franks Lawrence-Block-Verfilmung „Ruhet in Frieden – A Walk among the Tombstones“ (A Walk amont the Tombstones, USA 2014) (und die DVD-Kritik)

Lawrence Block in der Kriminalakte

Wikipedia über „My Blueberry Nights“ (deutsch, englisch)

Deutsche Homepage zum Film

Französische Homepage zum Film (nicht so umfangreich)

Film-Zeit über „My Blueberry Nights“

Rotten Tomatoes über “My Blueberry Nights”

Meine Besprechung von Wong Kar-wais “The Grandmaster” (Yi Dai Zong Shi, Hongkong/China 2013)


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