„Silhouette“ – Doctor Who auf Mörderjagd im viktorianischen London

Dezember 16, 2015

Richards - Doctor Who - Silhouette - 2

Wer sein mühsam zusammengekratztes Geld nicht für „Krieg der Sterne“-Devotionalien ausgeben will, kann es einige Nummern kleiner im „Doctor Who“-Fanshop ausgeben. Denn in den vergangenen Jahren wurde aus der BBC-Serie, die vor über fünfzig Jahren als Programmfüller im Nachmittagsprogramm startete, ein weltweites Phänomen, bei dem alles, was gefeiert werden kann (wie neue und alte Doktoren und alle erdenklichen Jubiläen), gefeiert wird und die BBC auch eifrig Produkte zur Serie produziert.
Neben den DVDs, Figuren, Kaffeetassen und Kalendern gibt es auch unzählige Bücher, die teilweise Informationen über die Serie vermitteln, und oft, für alle Altersgruppen, neue Geschichten mit dem titelgebendem Doktor erzählen. Bei uns, wo die Serie zwar auf DVD veröffentlicht wird, aber nicht im TV läuft (keine Ahnung warum), veröffentlicht Cross Cult seit einigen Jahren „Doctor Who“-Romane. Allerdings nicht alle, die in Großbritannien erschienen sind, sondern nur eine kleine Auswahl. So schrieb Justin Richards seit 1994 schon über sechzig „Doctor Who“-Romane, aber „Silhouette“ mit dem zwölften Doktor (das ist der aktuelle und er wird von Peter Capaldi gespielt) ist sein erster auf Deutsch veröffentlichter „Doctor Who“-Roman.
Der Doktor ist ein vom Planeten Gallifrey stammender Timelord, der im gesamten All zu verschiedenen Zeiten (dank Zeitreisen kein Problem) Abenteuer erlebt, immer neugierig ist und in einer inzwischen arg altertümlichen Polizei-Notrufzelle (also jedenfalls sieht sein Raumschiff TARDIS für uns so aus) durch Raum und Zeit reist. Da bemerkt er im viktorianischen England eine postnukleare und daher unerklärliche Energiespitze. Zusammen mit seiner menschlichen Begleiterin Clara (der Doktor hat immer eine menschliche Begleitung) macht er sich auf den Weg nach London.
Dort wurde Marlowe Hapworth ermordet. In seinem verschlossenen Arbeitszimmer. Er hatte nach einem Besuch des Frostjahrmarkts, auf dem er etwas Beunruhigendes gesehen hatte, gerade begonnen, einen Brief an Madame Vastra, die große Detektivin, zu schreiben. Zur gleichen Zeit ist der Straßenkämpfer Rick Bellamy das jüngste Opfer einer Reihe unerklärlicher Todesfälle, in denen die Opfer auf den nächtlichen Straßen Londons ausgesagt wurden.
Zusammen mit Madame Vastra, einer Detektivin, ihrer Dienstmagd Jenny Flint und Strax, ein geklonter Sontaraner-Krieger mit handfester Problemlösungskompetenz und Freund von Bellamy, wollen der Doktor und Clara herausfinden, was im winterlichen London geschieht. Dabei scheinen die Attraktionen des Kuriositätenkabinetts, wie die Puppenspielerin Silhouette, das auf dem Frostjahrmarkt ist, mörderische Papiervögel und der mysteriöse Industrielle Orestes Milton (ein weiterer Außerirdischer) etwas mit den Morden zu tun haben.
Auch wenn die „Doctor Who“-Geschichte „Silhouette“ wie ein klassischer Rätselkrimi beginnt, interessiert Justin Richards sich nicht sonderlich für den klassischen Rätselplot. Schnell verrät er die Täter und auch wie der Mord in dem geschlossenen Zimmer geschah. Denn er will – und das gelingt ihm auch – eine flott zu lesende Abenteuergeschichte erzählen, die eine satte Portion Humor, einige schöne Anspielungen (auch wenn Sherlock Holmes nicht auftaucht), erinnerungswürdige Charaktere und reichlich Action hat. Bis zur weltbedrohenden Schlussschlacht, die, immerhin hat der Doktor einen Plan, auf dem sich teilweise auf die Themse erstreckendem Frostjahrmarkt anders als erwartet endet.
Um das, bei einer englischen Tasse Tee zu genießen, muss man noch nicht einmal ein Fan der TV-Serie sein.
Als Bonusmaterial der deutschen Ausgabe gibt es ein von Susanne Döpke geführtes Interview mit Peter Capaldi (Doctor Who) und Jenna Coleman (seine Begleiterin Clara).

Justin Richards: Doctor Who: Silhouette
(übersetzt von Susanne Döpke)
Cross Cult, 2015
256 Seiten
12,80 Euro

Originalausgabe
Doctor Who: Silhouette
BBC Books/Penguin Random, 2014

Hinweise

Homepage von Justin Richards

Wikipedia über Justin Richards

BBC über „Doctor Who“ (englisch)

“Doctor Who”-Homebase (via BBC)

Wikipedia über „Doctor Who“ (deutsch, englisch)

BBC-YouTube-“Doctor Who“-Kanal (zum Abtauchen in den Strudel jenseits von Raum und Zeit)

Meine Besprechung von Stephen Baxters „Doctor Who: Rad aus Eis“ (Dcotor Who: The Wheel of Ice, 2012)

Meine Besprechung des Sammelbandes „Doctor Who: 11 Autoren – 11 Geschichten“ (Doctor Who – 11 Doctors 11 Stories, 2013)

Meine Besprechung von Terry McDonoughs Spielfilm über die Anfänge von „Doctor Who“ „Ein Abenteuer in Raum und Zeit“ (An Adventure in Space and Time, Großbritannien 2013)


„Imperium in Trümmern“ in „Journey to ‘Star Wars: Das Erwachen der Macht’“

Dezember 14, 2015

Rucka - Star Wars - Imperium in Trümmern

Am Donnerstag startet der „am meisten erwartete Film des Jahres“, des Jahrzehnts, des Jahrhunderts oder vielleicht sogar des Jahrtausends. Jedenfalls haben die Fans schon lange feuchte Höschen. Immerhin sind die Stars der ersten Trilogie, der einzig wahren Trilogie, also „Krieg der Sterne“, „Das Imperium schlägt zurück“ und „Die Rückkehr der Jedi-Ritter“ dabei. Die ersten Bilder sahen gut aus und auch der Trailer versprach „Keine Panik. Es wird wieder wie früher.“. Oder wie Han Solo im Trailer sagt: „Chewie, wir sind zu Hause!“ Die Vorverkaufszahlen sind astronomisch. Hier in Berlin dürfte bis Mitte Januar nur schwer ein Platz in einer Vorführung zu bekommen sein. Das Merchandising läuft auf vorweihnachtlichen Hochtouren. In den Buchgeschäften stapeln sich die „Star Wars“-Bücher. Die Filmromane wurden mit einem neuen Cover wieder aufgelegt, es gibt mehr oder weniger gehaltvolle Sachbücher, Zeitschriften, die sich nur „Star Wars“ widmen und viele, viele, sehr viele neue Geschichten. Als Roman, auch mal als Jugendroman (Blanvalet und Panini liefern), und als Comic (Panini liefert).
Zum Beispiel schrieb Greg Rucka (u. a. „Gotham Central“, „Whiteout“) den Comic „Star Wars: Imperium in Trümmern“, das unmittelbar an den Film „Die Rückkehr der Jedi-Ritter“ anknüpft und uns, während der Zerstörung des Todessterns und des Imperiums, die furchtlose Kampfilotin Lieutenant Shara Bey vorstellt. Sie ist dann auch bei den nächsten Abenteuern von Han Solo, Prinzessin Leia Organa und Luke Skywalker dabei.
Denn die Bösen haben den Befehl zur Zerstörung der gesamten Galaxis gegeben. An den Rändern der Galaxis kommt dieser zuerst zum Tragen.
Han Solo greift mit einigen Soldaten und Ewoks einen Schlupfwinkel der Bösewichter auf der anderen Seite des Mondes an. Shara Bey ist als Freiwillige dabei.
Leia Organa soll sie auf diplomatischer Mission nach Naboo begleiten. Als ein Schiff der imperialen Streitkräfte einen den Planeten zerstörenden Sturm auslöst, wird aus der diplomatischen Mission ein Kampfeinsatz.
Und Luke Skywalker nimmt sie auf eine gefährliche Mission mit. Er will aus einer imperialen Basis etwas sehr Mächtiges stehlen.
„Imperium in Trümmern“ ist mehr ein kleiner Nachschlag zu „Die Rückkehr der Jedi-Ritter“ als ein Prolog für den neuen „Star Wars“-Film „Das Erwachen der Macht“, der ungefähr dreißig Jahre nach dem vorherigen „Star Wars“-Film spielt und, auch wenn man noch nichts genaues über die Geschichte weiß, vermute ich ohne den Film zu kennen, dass Han Solo, seine geliebte Prinzessin Leia Organa und ihr Bruder Luke Skywalker nur eine Nebenrolle spielen, während die Jungspunde die Hauptarbeit leisten müssen. Rey könnte die Tochter von Shara Bey sein und als Luke Skywalkers Tochter die Jedi-Tradition hochhalten, indem sie gegen die Bösewichter kämpfen muss (und, ja, der Bösewicht Kylo Ren ist ein anderer Spross aus der Familie Organa/Skywalker und die beiden sind Geschwister) in einer Geschichte, die sich letztendlich nicht so wahnsinnig von den beiden vorherigen „Star Wars“-Trilogien unterscheidet. Bis halt darauf, dass jetzt Geschwister gegeneinander kämpfen müssen.
Kehren wir noch einmal kurz zu Greg Rucka, der ja auch ein Romanautor ist, zurück. Einige seiner Romane wurden auch ins Deutsche übersetzt und sind nur noch antiquarisch erhältlich. Jedenfalls schrieb er jetzt auch einige „Star Wars“-Romane.
Die Tage erscheint sein Han-Solo-Roman „Im Auftrag der Rebellion“, der vor „Das Imperium schlägt zurück“ spielt. Das könnte, auch wenn er für ein jugendliches Publikum geschrieben ist (Leseempfehlung: 10 – 14 Jahre) ein spannendes Weltraumabenteuer werden.
Für den 27. Januar ist Greg Ruckas zweiter „Star Wars“-Roman „Vor dem Erwachen“ angekündigt und der Jugendroman für sehr junge Jugendliche erzählt die offizielle Vorgeschichte zum Film „Das Erwachen der Macht“, indem er uns mit „spannenden Episoden Einblicke in das Leben der neuen Hauptfiguren Finn, Rey und Poe gewährt…in den Tagen, Wochen und Monaten VOR dem Erwachen der Macht“ (Ankündigungstext).

Greg Rucka (Autor)/Marco Checchetto/Angel Unzueta/Emilio Laiso (Zeichner): Star Wars: Imperium in Trümmern (Journey to Star Wars: Das Erwachen der Macht)
(übersetzt von Michael Nagula)
Panini, 2015
100 Seiten
12,99 Euro
(angekündigt für den 16. 12., aber ich habe es schon gelesen, werde morgen, so die Macht will, den Film sehen und muss dann gucken, wie ich den Film mit möglichst wenigen Spoilern bespreche)

Originalausgabe
Star Wars: Shatterd Empire # 1 – 4
Disney/Lucasfilm 2015

Hinweise

Homepage von Greg Rucka

Meine Besprechung von Greg Rucka/Steve Liebers „Whiteout“ (Whiteout, 1998/1999)

Meine Besprechung von Greg Rucka/Steve Liebers „Whiteout: Melt“ (Whiteout: Melt, 1999/2000)

Meine Besprechung von Greg Ruckas “Die Welt ohne Superman” (The Sleepers, 2009)

Meine Besprechung von Greg Ruckas “Batman: Hinter der Maske” (Cutter, März – Mai 2010/Beneath the Mask,  Juni – Juli 2010/Good King Wencesias, Februar 2009)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Greg Ruckas “Gotham Central: In Erfüllung der Pflicht (Band 1)” (Gotham Central # 1 – 5, 2003)

Greg Rucka in der Kriminalakte

und nun zum Krieg der Sterne

Homepage zum Film

Facebook-Seite zum Film

YouTube-Kanal zum Film

Film-Zeit über “Star Wars: Das Erwachen der Macht”

Moviepilot über “Star Wars: Das Erwachen der Macht”

Metacritic über “Star Wars: Das Erwachen der Macht”

Rotten Tomatoes über “Star Wars: Das Erwachen der Macht”

Wikipedia über “Star Wars: Das Erwachen der Macht” (deutsch, englisch)

Fantastic Fiction: die “Star Wars”-Bücher


Sebastian Fitzek erstellt „Das Joshua-Profil“, Max Rhode besucht „Die Blutschule“ und das hat etwas miteinander zu tun

Dezember 12, 2015

Dass Sebastian Fitzek produktiv ist, wissen wir. Seit seinem Debüt „Die Therapie“ veröffentlichte er jedes Jahr mindestens einen Roman, der sofort zum Bestseller wird.
Dass er einfallsreich ist, wissen wir von seinen Lesungen und Buchpräsentationen, die immer ein Event sind (ich war bei mehreren). Oder er probiert, vor der Veröffentlichung, einmal ein Alternate-Reality-Game aus und ist von der überaus positiven Reaktion überrascht. Auch sein neuer Thriller „Das Joshua-Profil“ hat eine besondere Beigabe.
In „Das Joshua-Profil“ erhält Max Rhode, dessen erster Roman „Die Blutschule“ ein kleiner Bestseller war, einen seltsamen Anruf aus dem Krankenhaus. Er fährt hin und trifft auf einen aufgrund seiner Verbrennungen im Sterben liegenden Unbekannten, der ihm sagt, dass er von Joshua auserwählt sei und sich unter keinen Umständen strafbar machen dürfe.
Zwei Monate später besucht die Frau vom Jugendamt Rhode. Sie will Rhode und seiner Frau Kim ihre von ihm über alles geliebte Pflegetochter Jola wegnehmen, weil Jolas leiblichen Eltern, ein Junkiepärchen, sie wieder haben wollen und deren Antrag nach mehreren vergeblichen Versuchen jetzt bewilligt wurde. Außerdem habe Rhode die letzten Wochen auf keinen ihrer Anrufe und Anschreiben reagiert. Rhode flüchtet mit Jola, wird kurz darauf in einen Unfall verwickelt und wacht im Krankenhaus in einem waschechten Fitzek-Alptraum auf. Denn die Polizei und seine Frau glauben, dass er Jola entführt hat. Da hört er eine Stimme in seinem Kopf (es ist ein Ohrstöpsel), die ihm befiehlt, eine Handgranate aus dem Nachttisch zu holen und aus dem Krankenhaus zu flüchten. Sonst werde Jola sterben. Rhode tut es und fügt seinen bisherigen Straftaten noch eine weitere hinzu.
Es wird nicht die letzte sein. Denn wie man es von Sebastian Fitzek kennt, folgt auch „Das Joshua-Profil“ der Methode, dass die Geschichte für den Protagonisten immer die unglaublichste Wendung nimmt. Und als Leser folgt man ihm, während man durch die Seiten rast, gerne, weil es am Ende eine durchaus plausible Erklärung für den ganzen Wahnsinn gibt. Auch in „Das Joshua-Profil“ gibt es eine rationale Erklärung. Wobei Fitzek sich hier auch mit Predictive Policing beschäftigt. Diese computerbasierten Vorhersage künftiger Verbrechensorte, die bislang noch nicht unabhängig untersucht wurde, ist derzeit bei Sicherheitsfirmen und der Polizei, die diese Computerprogramme schon an einigen Orten ausprobiert, das nächste große Ding und damit ein potentiell großes Geschäft. Denn die Verkäufer versprechen Wunderdinge.
Allerdings beschäftigt Fitzek sich im Rahmen einer Thriller-Geschichte nur sehr oberflächlich mit diesem Thema. Seine Geschichte soll vor allem Pageturner-Qualitäten haben. Die hat sie auch unbestreitbar, auch wenn dieses Mal die Schlußpointe schon früh absehbar ist.

Der erste Roman von Max Rhode hieß „Die Blutschule“ und wer mehr lesen möchte als nur die wenigen Ausschnitte und Andeutungen über den Roman, die in „Das Joshua-Profil“ abgedruckt sind, kann sogar den ganzen Roman, der jetzt ebenfalls bei Lübbe erschien, lesen. Damit ist „Die Blutschule“, der natürlich von Sebastian Fitzek unter einem Pseudonym geschrieben wurde, das mit der Veröffentlichung von „Das Joshua-Profil“ enttarnt wurde, in erster Linie ein kleiner Spaß für Fitzek. Für seine Fans ist es als Buch zum Buch eine nette Ergänzung. So wie es auch in Comic- und Romanform verschiedene Vorgeschichten zu erfolgreichen Filmen gibt und die oft etwas überflüssig sind, weil sie im schlechtesten Fall nur Informationen liefern, die zum Verständnis der eigentlichen Geschichte überflüssig sind. Es gibt Ausnahmen, wie Greg Keyes’ „Planet der Affen – Revolution: Feuersturm“, der eine eigenständige Geschichte erzählt, die zwischen den beiden neuen „Planet der Affen“-Filmen spielt. Oder die Romane von Richard Castle.
Auch Max Rhode/Sebastian Fitzek erzählt in „Die Blutschule“ eine eigenständige Geschichte, die nichts mit „Das Joshua-Profil“ zu tun hat. Obwohl die Bemerkungen von Rhodes Bruder in „Das Joshua-Profil“ über den Wahrheitsgehalt von „Die Blutschule“ und wie Rhode in dem Roman wahre Ereignisse, die er jahrelang verdrängte, in seinem Roman verarbeitete, spaßig sind.
In „Die Blutschule“ kehrt die Familie Zambrowski im Sommer 1993 von Berlin nach Wendisch Rietz am Storkower See zurück in das halb verfallene elterliche Haus des liebevollen Vaters Vitus. Dessen Baufirma ging vor einem halben Jahr pleite. Der dreizehnjährige Simon, der jetzt in der Psychiatrie in Sicherungsverwahrung sitzende Erzähler der Geschichte, und sein ein Jahr älterer Bruder Mark beginnen durch die Gegend zu streunen. Sie begegnen Stotter-Peter, einem stadtbekanntem Kinderschänder, der sich als eigentlich netter Kerl entpuppt, und den Dorfjugendlichen, die sich als nicht so nett entpuppen. Vor allem Sandy ist ein wahres Luder. Und sie hören die Geschichte vom Storkower Seelenspiegel. Wer in ihn hineinblickt, wird unsterblich und er verändert sich. Aus einem guten Menschen wird ein Biest. Und umgekehrt. Der durch den Spiegel Verfluchte kann nur durch einen Suizid sein leben beenden. Und Simon hat Visionen, die aus einem unappetitlichen Horrorfilm stammen könnten.
Als Sandy einen tödlichen Unfall hat, kann Simons Vater sie wieder beleben. Während Vitus das tut, sieht Simon in einer weiteren Vision, wie ein Schwarm Spinnen aus Sandys Körper in den seines Vaters hinübergeht.
Kurz darauf fordert Vitus seine beiden Söhne auf, mit ihm einen Ausflug auf eine einsame Insel zu unternehmen. In der Blutschule will er ihnen das beibringen, was sie nicht in der Schule lernen, wozu auch das Töten von Menschen gehört.
Die beiden Kinder haben keine Ahnung, wie sie vor ihrem durchgeknallten Vater flüchten können.
Bislang gab es in den Thrillern von Sebastian Fitzek keine übernatürlichen Elemente. Für den Horrorroman „Die Blutschule“ sind sie mit seiner alptraumhaften Stimmung und der Geschichte des Seelenspiegels konstitutiv, weshalb der Roman dann auch eher an die Werke von Stephen King erinnert. Spontan fällt einem Kings „Friedhof der Kuscheltiere“ ein. In dem Horrorroman können auf einem einsam im Wald gelegenem Friedhof tote Tiere wieder zum Leben erweckt werden. Sie kehrten verändert zurück.
In der zweiten Hälfte der „Blutschule“, wenn Simon und Mark mit ihrem Vater auf der Insel sind, bewegt sich die Geschichte in Richtung Torture Porn, weshalb diese Hälfte dann auch eher spekulativ als spannend ist und nie stellt sich das typische Fitzek-Lesegefühl ein. – Was auch daran liegen kann, dass „Die Blutschule“ von Max Rhode geschrieben wurde und, wie wir aus „Das Joshua-Profil“ wissen, waren die Romane, die Rhode nach seinem Debüt schrieb, keine Bestseller.

Fitzek - Das Joshua-Profil - 2Rhode - Die Blutschule - 2

Sebastian Fitzek: Das Joshua-Profil
Lübbe Hardcover, 2015
432 Seiten
19,99 Euro

Max Rhode: Die Blutschule
Lübbe, 2015
256 Seiten
12,99 Euro

Hinweise

Homepage von Sebastian Fitzek

Sebastian Fitzek in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks „Der Seelenbrecher“ (2008)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks „Das Kind“ (2008)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks „Splitter“ (2009)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks “Der Augensammler” (2010)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks “Der Augenjäger” (2011)

Meine Besprechung der Sebastian-Fitzek-Verfilmung “Das Kind” (D 2012)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzek/Michael Tsokos’ “Abgeschnitten” (2012)

Meine Besprechung von Sebastian Fitzeks „Der Nachtwandler“ (2013)


Bill Moody ist nicht „Der Spion, der Jazz spielte“

Dezember 9, 2015

Moody - Der Spion der Jazz spielte

Jazz ist in einem guten Noir nichts wirklich ungewöhnliches. Jedenfalls wenn eine LP aufgelegt wird. Auch in Hardboiled-Krimis hört der Protagonist oft Jazz. Aber erst mit den Evan-Horne-Privatdetektivromanen gab es mehrere Romane, in denen Jazz und Krimi untrennbar miteinander verbunden waren und Autor Bill Moody, selbst ein gestandener Jazz-Schlagzeuger, locker sein musikalisches Wissen (Theorie und Praxis) mit spannenden Krimiplots verband ohne in peinliches Namedropping oder Klugscheißereien über den einzig wahren Jazz zu verfallen. Vier dieser Evan-Horne-Romane erschienen im Unionsverlag. Sie wurden breit abgefeiert, gefielen auch mir und sind inzwischen vor allem antiquarisch erhältlich. Drei sind noch nicht übersetzt.
In seinem bei uns neuesten Roman „Der Spion, der Jazz spielte“, der eigentlich Moodys erster Roman war, der dann durch fast schon abenteuerliche Umstände (die Alf Mayer im Nachwort schildert) erst 2012 veröffentlicht wurde, spielt der Jazz, trotz des Titels, eher eine Nebenrolle.
Gene Williams ist ein US-amerikanischer Jazz-Drummer, der im August 1968 eine Einladung von Jan Pavel erhält, ihn in dessen Band auf dem Prague Jazz Festival zu begleiten. Aber Gene kommt in Prag kaum zum Spielen, weil die CIA ihn vorher in London rekrutierte. Denn der langjährige und extrem vertrauenswürdige Informant Josef Bláha will seinem CIA-Führungsoffizier Allan Curtis brisante Informationen nur geben, wenn er sie an eine den osteuropäischen Geheimdiensten vollkommen unbekannte Person geben kann. Bláha fühlt sich verfolgt. Und Curtis hält Williams für den perfekten Mann: er ist als Jazzer vollkommen unverdächtig; er hat ein Visum, eine bombenfeste Tarnung (nämlich die Wahrheit) und einen guten Grund, um Bláha zu kontaktieren. Denn Bláha ist ein Notenkopist (Uh, gibt es den Beruf heute noch?).
Natürlich geht die geplante einfache Übergabe schief. Bláha wird ermordet. Williams wird von Geheimdienstlern entführt und Bláhas Enkelin Lena will ihm die wichtigen Informationen überreichen, die Bláha ihm geben wollte. Dummerweise wissen beide nicht, was ihnen Bláha geben wollte und wo sie versteckt sind. Also tut Williams das, was Jazzer immer tun und prinzipientreue Geheimdienstler genau deshalb fürchten: er improvisiert.
All das geschieht vor dem Hintergrund der Präsidentschaft von Alexander Dubček, der in der Tschechoslowakei einen „Sozialismus mit menschlichem Anlitz“ verwirklichen wollte, und alle überlegten, wann die Sowjets dieses Experiment, den Prager Frühling, mit militärischer Gewalt beenden. Am 21. August 1968 marschierte das Militär ein.
Vor diesem ausführlich geschildertem Hintergrund entwickelt sich ein flottes Agentenabenteuer, in dem Gene Williams als Geheimagent wider Willen heftig improvisieren muss. „Der Spion, der Jazz spielte“ ist noch nicht so elegant, wie Bill Moodys Evan-Horne-Privatdetektivromane. Es ist, trotz mehrerer Überarbeitungen, ein Erstlingswerk. Es ist auch ein Blick zurück in die Welt des Kalten Krieges, in der die Fronten klar waren und es eine blühende Kultur pulpiger Agententhriller gab. Und weil Bill Moody damals auf musikalischer Mission in Prag war, liest sich seine Geschichte auch authentischer als die Werke all der anderen Autoren, die über den Ostblock nur aus zweiter und dritter Hand schreiben konnten; – falls sie (und wir als Leser) überhaupt ein Interesse an Authentizität hatten.

Bill Moody: Der Spion, der Jazz spielte
(übersetzt von Ulrike Becker; mit einem Vorwort von Bill Moody und einem Nachwort von Alf Mayer)
polar Verlag, 2015
280 Seiten
14,90 Euro

Originalausgabe
Czechmate: The Spy who played Jazz
Down and Out Books, 2012

Hinweise
Homepage von Bill Moody
polar über Bill Moody
Unionsverlag über Bill Moody (umfangreich)
Wikipedia über Bill Moody (deutsch)

Die Romane von Bill Moody
Die Evan-Horne-Privatdetektivromane
1. Solo Hand (Solo Hand, 1994)
2. Moulin Rouge, Las Vegas (Death of a Tenor Man, 1995)
3. The Sound of the Trumpet (1997)
4. Bird Lives! (Bird Lives!, 1998)
5. Auf der Suche nach Chet Baker (Looking for Chet Baker, 2002)
6. Shades of Blue (2008)
7. Fade to Blue (2011)

Einzelwerke
Der Spion, der Jazz spielte (Czechmate: The Spy Who Played Jazz, 2012)
The Man in Red Square (2013)


„Das Science Fiction Jahr 2015“ auf dem „Weg zum Mars“

Dezember 2, 2015

Das Science Fiction Jahr 2015 - 2Mamczak - Pirling - Der Weg zum Mars

Dass Science-Fiction oft mehr mit Fiction als mit Science zu tun hat, wissen Science-Fiction-Fans natürlich auch ohne den äußerst beliebten Krieg der Sterne. Dennoch interessiert sie immer auch der wissenschaftliche Teil und zwischen Erfindungen aus Science-Fiction-Welten (wie der grandiosen „Raumschiff Enterprise“-Idee mit dem Beamen) und den wissenschaftlichen Entdeckungen und Erfindungen besteht, wie bei kommunizierenden Röhren, ein Zusammenhang. So tummelten sich früher auf dem Mars viele Lebewesen und es gab sogar Invasionen vom Mars, während wir heute wissen, dass der Mars ein ziemlich toter Planet ist. Dennoch übt er spätestens seit Ridley Scotts erfolgreicher, vor wenigen Wochen in unseren Kinos gestarteter Verfilmung von Andy Weirs Roman „Der Marsianer“, der ebenfalls ein Bestseller ist, eine große Faszination aus, die sich dieses Jahr auch im seit 1986 erscheinendem Jahrbuch „Das Science Fiction Jahr“ und dem populärwissenschaftlichem Sachbuch „Der Weg zum Mars – Aufbruch in eine neue Welt“ niederschlägt.
Dieses Jahr erschien „Das Science Fiction Jahr“ erstmals nicht mehr bei Heyne, sondern bei Golkonda. Aber die Macher, die Herausgeber (jetzt Hannes Riffel und Sascha Mamczak) und die Autoren, veränderten sich kaum und die bewährte Struktur wurde auch in der dreißigsten Ausgabe beibehalten, außer dass dieses Mal die Essays zwischen den Blöcke mit den Rezensionen von Bücher (unter anderem Weirs „Der Marsianer“), Comics, Games, Filmen und Hörspielen sind und dass es in den Rezensionsblöcken neben den Einzelrezensionen auch Sammelbesprechungen gibt. Bei den Essays gibt es den gewohnten Mix aus wissenschaftlichen Artikeln (über die Zukunft des 3-D-Drucks), Essays (unter anderem Kameron Hurleys mit dem Hugo Award ausgezeichnetes Essay über Frauen in SF-Geschichten oder John Clutes Essay über Ruinen und Zukünftigkeit), Hintergrundberichten (unter anderem zu den „Guardians of the Galaxy“, den Anfängen der Space Opera und die Behandlung des Ersten Weltkriegs in SF-Geschichten), längeren Analysen (zu Christopher Nolans „Interstellar“, der hier nicht gut wegkommt) und es gibt ein sehr lesenswertes Interview mit Andy Weir.
Dennoch markiert das diesjährige Jahrbuch den vielleicht größten Einschnitt in der Geschichte des Jahrbuchs. Denn der langjährige Herausgeber und Gründer des Jahrbuchs, Wolfgang Jeschke, starb am 10. Juni 2015. Deshalb entstand der neue Schwerpunkt „In Erinnerung an Wolfgang Jeschke“ mit zahlreichen Nachrufen, die noch einmal eindrücklich seine Bedeutung für die deutsche Science-Fiction-Szene aufzeigen.

Vor einigen Jahren hätte es passieren können, dass der von Sascha Mamczak und Sebastian Pirling (yep, beide sind bekannt als Mit-Herausgeber vom „Science Fiction Jahr“) herausgegebene „Der Weg zum Mars – Aufbruch in eine neue Welt“ in leicht geänderter Form im „Das Science-Fiction-Jahr“ gelandet wäre.
In dem Sachbuch wird anhand einer fiktiven Mars-Mission geschildert, wie eine solche Mission abläufen könnte. Welche Herausforderungen und Probleme es gibt.
In drei Teilen schildern Elisabeth Bösl („Vor dem Start“), Sebastian Pirling („Der Flug“) und Uwe Neuhold („Auf dem Mars“) die einzelnen Abschnitte einer solchen Mission. Dabei ist Bösls Teil, die die Informationen in eine fiktive Pressekonferenz packt, der langweiligste Teil. Bei den beiden anderen Teilen gelingt das Vermitteln von Informationen anhand einer rudimentären Rahmenerzählung deutlich besser. Pirling und Neuhold greifen dabei auch auf Informationen und Erfahrungen von schon stattgefundenen Raumflügen und längeren Isolationsstudien in abgeschlossenen Laboren zurück. Und, auch das lernen wir, bei so einem Flug sind Körpergerüche und die Ausscheidungen ein großes Thema.
Im Anhang finden sich zusätzliche Informationen zum Wahrheitsgehalt von Andy Weirs „Der Marsianer“ (sehr hoch), den zehn besten Mars-Romanen und weiterführenden Informationen.
Insgesamt ist „Der Weg zum Mars“ eine lohnende Lektüre für alle, die nach dem Buch und dem Film noch etwas Marsluft schnuppern wollen. „Das Science Fiction Jahr 2015“ ist, wie die vorherigen Bände, sowieso ein Pflichtkauf für den Science-Fiction-Fan.

Hannes Riffel/Sascha Mamczak (Hrsg.): Das Science Fiction Jahr 2015
Golkonda, 2015
648 Seiten
29,90 Euro

Sascha Mamczak/Sebastian Pirling (Hrsg.): Der Weg zum Mars – Aufbruch in eine neue Welt
Heyne, 2015
304 Seiten
9,99 Euro

Hinweise

Meine Besprechung von Sascha Mamczak/Wolfgang Jeschkes (Hrsg.) „Das Science Fiction Jahr 2008″

Meine Besprechung von Sascha Mamczak/Wolfgang Jeschkes (Hrsg.) „Das Science Fiction Jahr 2009“

Meine Besprechung von Sascha Mamczak/Wolfgang Jeschkes (Hrsg.) „Das Science Fiction Jahr 2010“

Meine Besprechung von Sascha Mamczak/Sebastian Pirling/Wolfgang Jeschkes (Hrsg.) „Das Science-Fiction-Jahr 2011“

Meine Besprechung von Sascha Mamczak/Sebastian Pirling/Wolfgang Jeschkes (Hrsg.) „Das Science-Fiction-Jahr 2012“

Meine Besprechung von Sascha Mamczak/Sebastian Pirling/Wolfgang Jeschkes (Hrsg.) “Das Science-Fiction-Jahr 2013”

Meine Besprechung von Sascha Mamczak/Sebastian Pirling/Wolfgang Jeschkes „Das Science Fiction Jahr 2014“

Meine Besprechung von Sascha Mamczaks „Die Zukunft“ (2014)


Wieder aufgelegt: Dennis Lehane: Shutter Island

Dezember 1, 2015

Lehane - Shutter Island - Diogenes 2015 - 2

Die Geschichte und auch die Pointe von Dennis Lehanes „Shutter Island“ dürften inzwischen ja bekannt sein. Immerhin verfilmte Martin Scorsese 2009 die Geschichte mit Leonardo DiCaprio in der Hauptrolle. DiCaprio spielt US-Marshal Teddy Daniels, der im September 1954 auf der vor der Küste Bostons liegenden Insel Shutter Island im Ashecliffe Hospital eine spurlos verschwundene Patientin, die Kindermörderin Rachel Solando, suchen soll.
Auf der Insel sind nur das Klinikpersonal und die Insassen, eine Gruppe psychisch schwer kranker Verbrecher, die nach modernsten Methoden therapiert werden sollen. Daniels und sein neuer Kollege Chuck Aule sollen die Verschwunden, die sich noch auf der Insel aufhalten muss, finden. Aber Daniels verfolgt auch eine eigene Agende. Denn er glaubt, dass hinter der Klinikfassade noch ganz andere Dinge geschehen.
Wegen eines Sturms müssen die beiden Polizisten länger als geplant auf der Insel bleiben. Bei ihrer Suche können sie weder dem Personal, noch den Insassen vertrauen.
Und Daniels muss sich auch fragen, wie sehr er seiner Wahrnehmung vertrauen kann.
So weit die Prämisse von Dennis Lehanes nicht zufällig in den Fünfzigern spielendem Thriller mit Grusel- und B-Movie-Touch, fein platzierten Verschwörungstheorien und Fünfziger-Jahre-Paranoia, der sich auch lohnt, wenn man die Geschichte bereits kennt. Denn Lehanes Roman ist gelungener als Scorseses knallige Verfilmung, die in Teilen auch unlogisch ist und die mir zu sehr auf den im Film vorhersehbaren Schlusstwist spekuliert. Da ist Lehane in seinem nur an der Oberfläche pulpigem Roman geschickter, wenn er die verschiedenen Elemente kunstvoll zusammenfügt.
Mehr will ich nicht verraten, um nicht den Menschen, die die Geschichte noch nicht kennen, die Überraschungen zu verderben.
Nachdem der Roman bei Ullstein bereits 2004 in einer Übersetzung von Andrea Fischer erschien und diese Fassung nicht mehr erhältlich ist, hat jetzt Steffen Jacobs den Roman für Diogenes neu übersetzt. Ich denke der profane Grund dafür liegt nicht in der Qualität von Fischers Übersetzung, sondern in irgendwelchen Verträgen zwischen Autoren, Verlagen und Übersetzern.
Jedenfalls ist der Roman jetzt bei Lehanes neuem Verlag erhältlich und Diogenes will nächstes Jahr auch Lehanes grandioses Debüt, seinen ersten Patrick Kenzie/Angela Gennaro-Privatdetektivroman „Streng vertraulich“, ebenfalls neu übersetzt von Steffen Jacobs, veröffentlichen.
Das ist, weil Lehanes ältere Romane, die selbstverständlich ebenfalls lesenswert sind und derzeit (außerhalb vertrauenswürdiger Antiquariate) fast alle nicht mehr erhältlich sind, eine sehr erfreuliche Meldung.

Dennis Lehane: Shutter Island
(übersetzt von Steffen Jacobs)
Diogenes, 2015
432 Seiten
12 Euro

Originalausgabe
Shutter Island
William Morrow, 2003

Die Verfilmung


Shutter Island (Shutter Island, USA 2009)
Regie: Martin Scorsese
Drehbuch: Laeta Kalogridis
LV: Dennis Lehane: Shutter Island, 2003 (Shutter Island)
mit Leonardo DiCaprio, Ben Kingsley, Mark Ruffalo, Max von Sydow, Michelle Williams, Emily Mortimer, Patricia Clarkson, Jackie Earle Haley, Ted Levine, John Carroll Lynch, Elias Koteas

Hinweise

Homepage von Dennis Lehane

Meine Besprechung von Dennis Lehanes „Coronado“ (Coronado, 2006)

Meine Besprechung von Dennis Lehanes „Moonlight Mile“ (Moonlight Mile, 2010)

Meine Besprechung von Dennis Lehanes “In der Nacht” (Live by Night, 2012)

Meine Besprechung der Dennis-Lehane-Verfilmung „Gone Baby Gone – Kein Kinderspiel“ (Gone Baby Gone, USA 2007)

Meine Besprechung von Christian De Metters Comicversion von Dennis Lehanes “Shutter Island” (Shutter Island, 2008 [Comic])

Meine Besprechung von Dennis Lehanes “The Drop” (The Drop, 2014) (Buch und Film)

Dennis Lehane in der Kriminalakte

 


„Heimat – Eine deutsche Chronik“ in einer neuen Buchfassung

November 30, 2015

Reitz - Heimat - Eine deutsche Chronik - 4

Wenn ich in aktuellen Zeitungen Artikel über die neuen deutschen Serien überfliege, in denen gebetsmühlenartig behauptet wird, dass jetzt endlich und erstmals horizontal erzählt werde, dann frage ich mich, wie alt oder wie vergesslich die Autoren sind. Man kann ja einiges vergessen, wie dass die ersten „Soko 5113“-Folgen eine durchgehende Geschichte erzählten (auch wenn das ZDF jetzt impliziert, in den neuen Folgen der „Soko 5113“, die ab Januar „Soko München“ heißt, sei das erstmals bei der, ähem, „Soko München“ so. Was dann ja auch irgendwie stimmt.) oder dass es früher, 1979 mit „Timm Thaler“ beginnend, die ZDF-Weihnachtsserien für Kinder gab oder dass es, schon davor und für ein etwas älteres Publikum, die normalerweise vor Weihnachten ausgestrahlten Abenteuervierteiler gab. „Der Seewolf“, „Michael Strogoff“ (bzw. „Der Kurier des Zaren“) undsoweiter.
Kann man vergessen. Auch weil diese Serien heute sicher nicht mehr so gut wie unsere Erinnerung daran sind.
Man kann auch, obwohl es schwer fällt, Rainer Werner Fassbinders Alfred-Döblin-Verfilmung „Berlin Alexanderplatz“ vergessen.
Aber dass dabei auch „Heimat – Eine deutsche Chronik“ vergessen wird, ist unentschuldbar. In der Serie, die im Fernsehen 1984 als „Zyklus von 11 Spielfilmen“ mit einer Länge von 931 Minuten lief (Die Filme dauern zwischen 58 und 138 Minuten.), erzählt Edgar Reitz in Farbe und Schwarzweiß die Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts zwischen 1919 und 1982 anhand der im fiktiven Hunsrück-Dorf lebenden Bewohner. Im Mittelpunkt steht dabei die 1900 geborene Maria Simon (gespielt von Marita Breuer, die danach ein Star war). Der Film war ein Kritiker- und Publikumserfolg. Im Fernsehen und auf Festivals. In den folgenden Jahren wurde das Epos immer wieder in Kinos gezeigt, für die Reitz schon damals eine 887-minütige Kinofassung erstellte, die die Geschichte in sieben ungefähr gleich langen Teilen erzählte. Aus der ganzen Welt pilgerten Menschen in den Hunsrück, um die Drehorte zu besuchen.
Edgar Reitz drehte später „Die zweite Heimat – Chronik einer Jugend“ (1992, 1567 Minuten), „Heimat 3 – Chronik einer Zeitenwende“ (2004, 689 Minuten) und den im 19. Jahrhundert spielenden Spielfilm „Die andere Heimat“ (2013, 225 Minuten), in der er die Geschichte der Familie Simon weiter erzählte.
2007 fragte ein italienischer Kinobetreiber Reitz, ob er in seinem neu eröffneten Filmkunsttheater über mehrere Wochen „Heimat“ zeigen könne. Als Reitz sich seine Filmkopien ansah, bemerkte er den schlechten Zustand, der eine Vorführung unmöglich machte. In den folgenden Jahren wurde das Material aufwändig restauriert.
Ausgehend von dieser Restaurierung machte Reitz sich auch daran, ein Buch zum Film zu schreiben. Allerdings erzählte er dieses Mal nicht, wie in „Die andere Heimat“, die Filmgeschichte als Roman nach, sondern er protokollierte den Film, weshalb sich „Heimat – Eine deutsche Chronik“ wie ein Drehbuch liest. Das von ihm und Peter Steinbach verfasste Drehbuch, das sich in vielen Details vom späteren Film unterscheidet, erschien 1985 im Greno-Verlag.
Ergänzt wird dieses ‘Drehbuch’ durch viele gut reproduzierte Bilder, die direkt aus der neu digitalisierten Fassung kopiert wurden, Pressestimmen, ein Werkverzeichnis und Gedanken von Edgar Reitz über die Restaurierung, die Entstehungsgeschichte von „Heimat“ und die Zusammenarbeit mit Kameramann Gernot Roll.
Insgesamt ist „Heimat – Eine deutsche Chronik: Die Kinofassung – Das Jahrhundert-Epos in Texten und Bildern“ ein schwer in der Hand liegendes, schön gestaltetes Filmbuch, das mehr zum Blättern als zum Durchlesen einlädt. Jedenfalls wenn man nicht zu den wenigen Drehbuchlesern gehört, die sich nicht an der kargen Drehbuchsprache stören.
Ein Weihnachtsgeschenk.

Edgar Reitz: Heimat – Eine deutsche Chronik: Die Kinofassung – Das Jahrhundert-Epos in Texten und Bildern
Schüren, 2015
544 Seiten
38 Euro

Hinweise

Wikipedia über “Heimat – Eine deutsche Chronik”

Homepage von Edgar Reitz

Kriminalakte über „Die andere Heimat“

Meine Besprechung von Edgar Reitz’ “Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht” (Deutschland 2013) (mit weiteren Clips)

Meine Besprechung von Edgar Reitz’ “Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht” (Deutschland 2013) (DVD-Kritik)


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