„Bekenntnisse eines Menschenhändlers“, der Flüchtlinge nach Europa bringt

März 27, 2015

Di Nicola - Musemeci - Bekenntnisse eines Menschenhändlers - 2

Was wissen wir heute über die Menschenhändler? Also: wer sie sind, warum sie es tun und wie der Schmuggel organisiert ist?
Auch damals, als Fluchthelfer Menschen aus der DDR in den goldenen Westen schmuggelten, wusste man wenig über sie. Aber sie waren in den West-Medien ganz eindeutig die Guten. Heute sind es eher die Typen, die die Notlage von Flüchtlingen ausnutzen und sie dann im Mittelmeer in einem schrottreifen Boot zurücklassen. Ob sie überleben ist dann eine Glückssache. Die Chancen stehen, auch dank des – höflich formuliert – harten Grenzregimes der Europäischen Union schlecht.
Gleichzeitig wandelte sich seit dem Ende des Kalten Krieges das Bild vom altruistisch motivierten Fluchthelfer zum Manchester-Kapitalisten, der Menschen nur noch als Ware für ein Geschäft sieht, bei dem er Milliarden scheffeln kann.
Dieses Bild bedienen der an der Universität Trient lehrende Kriminologe Andrea Di Nicola und der Journalist Giampaolo Musemci auch in ihrem Buch „Bekenntnisse eines Menschenhändlers – Das Milliardengeschäft mit den Flüchtlingen“. Das ist der schwächere bis ärgerliche Teil des Buches. Denn einerseits reden sie immer von den gut verdienenden Hintermännern, die den Menschenschmuggel organisieren, aber sie kommen nicht zu Wort. Sie haben anscheinend auch keine Anwesen, in denen sie wohnen. Sie sind nur eine anonyme Chiffre. Sie scheinen sich vollkommen von den früheren Verbrechern, die mit ihrem Reichtum protzten, zu unterscheiden. Statt herrschaftlichem Anwesen gibt es bei den heutigen Hintermännern des Menschenschmuggels wohl die Tendenz zum unauffälligem Reihenhaus oder der Mietwohnung in einem Wohnblock und einem Horten des Geldes in Dagobert-Duck-Manier. Das erscheint mir nicht besonders glaubwürdig.
Glaubwürdiger sind dagegen die Gespräche, die Andrea Di Nicola und Giampaolo Musumeci in Italien, Nordafrika, der Türkei und dem ehemaligen Jugoslawien mit Menschenschmugglern führten, die zum Zeitpunkt des Gesprächs teilweise inhaftiert waren. Die Interviewten sind die Menschen, die als Bootskapitän über das Mittelmeer fahren oder über Waldpfade die Flüchtlinge über die europäischen Grenze schmuggeln. In diesen Momenten entsteht ein prosaisches Bild von Menschen, die oft notgedrungen und manchmal auch zufällig einen Job übernehmen und ihn möglichst gut erledigen wollen. Sie sehen sich dann auch nicht als böse Menschenhändler, sondern als Fluchthelfer. Als Dienstleister, die etwas anbieten, was nachgefragt wird und der Preis dafür steigt mit den Schwierigkeiten, die überwunden werden müssen. Insofern ist die Europäische Union der große Preistreiber, der die Grundlagen für „Das Milliardengeschäft mit den Flüchtlingen“ gelegt hat und immer weiter festigt.

Andrea Di Nicola/Giampaolo Musumeci: Bekenntnisse eines Menschenhändlers – Das Milliardengeschäft mit den Flüchtlingen
(übersetzt von Christine Ammann)
Verlag Antje Kunstmann, 2015
208 Seiten
18,95 Euro

Originalausgabe
Confessioni di un trafficante di uomini
Chiarelettere editore srl, 2014

Hinweise

Verlag Antje Kunstmann über “Bekenntnisse eines Menschenhändlers”

Perlentaucher über „Bekenntnisse eines Menschenhändler“

Deutschlandfunk unterhält sich mit Andrea Di Nicola über sein Buch


Ohne Manschetten zu Manchette – Eine Lesung, ein Gespräch und einige Filmausschnitte

März 25, 2015

Plakat Fete Manchette

Für Fans und Kenner des französischen Krimanlromans ist Jean-Patrick Manchette (19. Dezember 1942 – 3. Juni 1995) einer der stilprägenden Köpfe des Neopolar, der knapp gesagt, in den Siebzigern den US-amerikanischen Hardboiled-Krimi nach Frankreich übertrug und ihn mit dem sozial- und gesellschaftskritischem Geist der Achtundsechziger verband. In Frankreich waren seine Kriminalromane sehr erfolgreich. Er arbeitete auch als Journalist, unter anderem für „Charlie Hebdo“, und Übersetzer. Unter anderem übersetzte Romane von Donald E. Westlake, Robert Littell, Robert Bloch und Ross Thomas. Er schrieb mehrere Drehbücher und die meisten seiner Romane wurden verfilmt. Oft mit Alain Delon („Killer stellen sich nicht vor“, „Rette deine Haut, Killer“, „Der Schock“) und oft indem das politische und ästhetische Programm von Manchette ignoriert wurde zugunsten von Action, gerne von der reaktionären Sorte.
Auch die nächste Manchette-Verfilmung „The Gunman“ (von „96 Hours“-Regisseur Pierre Morel, mit Sean Penn), die auf seinem Roman „Die Position des schlafenden Killers/Position: Anschlag liegend“ (La Position du Tireur Couché, 1982) lose basiert und die am 30. April in unseren Kinos startet, scheint sich in die Reihe der vernachlässigbaren Manchette-Verfilmungen einzureihen. (Jedenfalls sind Martin Comparts Überlegungen zum von ihm noch nicht gesehenem Film und zu Jean-Patrick Manchette überaus lesenswert. Und er weiß schon, warum er nichts über die alten Manchette-Verfilmungen sagt.)
In Deutschland sind, dank der umfassenden Neuübersetzung des Distel Literaturverlags vor zehn, fünfzehn Jahren, alle seine Romane auf Deutsch erhältlich und wer sie noch nicht gelesen hat, sollte das möglichst schnell nachholen.
Mit dem Sammelband „Portrait in Noir“ legte der Alexander Verlag letztes Jahr mit einer lesenswerten Zusammenstellung von bislang auf Deutsch nicht erhältlichen kürzeren und weniger kurzen Texten nach.
Und bei Schreiber & Leser erschienen „Blutprinzessin“ und, kürzlich, „Fatale“. Beide Comics basieren auf den gleichnamigen Romanen von Manchette und sie wurden von Manchette-Sohn Doug Headline und Max Cabanes realisiert.
Diese Bücher können als Vorbereitung für die von den deutschen Manchette-Verlagen Alexander Verlag, Distel Literaturverlag, Schreiber & Leser und Edition Moderne (die auch zwei auf Romanen von Manchette basierende Comics veröffentlichte) organisierte „une fête pour manchette” dienen.
Die Mischung aus Lesung, Gespräch mit Doug Headline und Filmausschnitten ist am Freitag, den 10. April, um 20.00 Uhr im Roten Salon (Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin).

Manchette - Portrait in Noir - 2

Jean-Patrick Manchette: Portrait in Noir
(Herausgegeben von Doug Headline, mit einem Nachwort von Dominique Manotti)
(übersetzt von Leopold Federmair)
Alexander Verlag, 2014
256 Seiten
28 Euro

Cabanes - Manchette - Fatale - 2

Max Cabanes/Jean-Patrick Manchette/Doug Headline: Fatale
(übersetzt von Resel Rebiersch)
Schreiber & Leser, 2014
136 Seiten
24,80 Euro

Originalausgabe
Fatale
Dupuis, 2014

Hinweise

Wikipedia über Jean-Patrick Manchette (deutsch, englisch, französisch)

Krimi-Couch über Jean-Patrick Manchette

Kaliber.38 über Jean-Patrick Manchette

Mordlust über Jean-Patrick Manchette

Informative Manchette-Seite vom Distel Literaturverlag

Französische Jean-Patrick-Manchette-Seite

Meine Besprechung von Jean-Patrick Manchette/Barth Jules Sussmans “Der Mann mit der roten Kugel” (L’homme au boulet rouge, 1972)

Meine Besprechung von Jean-Patrick Manchettes “Portrait in Noir” (2014)

Jean-Patrick Manchette in der Kriminalakte


Bücher, die man nicht lesen kann –

März 23, 2015

– jedenfalls nicht in einem Rutsch. Denn sie sind teils zu umfangreich, teils bestehend aus zu vielen kurzen Texten, die, wenn man zu viele von ihnen hintereinander liest, wie eine Schachtel Pralinen wirken: Übersättigung.


Das kann einem besonders leicht bei den in „Liebling, ich bin im Kino!“ gesammelten Filmkritiken von Michael Althen passieren. Am 12. Mai 2011 starb Althen mit 48 Jahren. Er schrieb für die Süddeutsche Zeitung, Tempo, Die Zeit und, zuletzt, die Frankfurter Allgemeinene Zeitung über Filme, Regisseure, Schauspieler und Schauspielerinnen.
In dem von Claudius Seidl herausgegebenem Buch sind Texte gesammelt, die Michael Althen in den verganenen Jahrzehnten schrieb und die neugierig auf die besprochenen Filme machen; was auch daran liegt, dass für „Liebling, ich bin im Kino!“ vor allem positive Besprechungen von anerkannt guten und bekannten Filmen, wie „Casino“, „Mystic River“, „Robocop“, „Eyes Wide Shut“, „Ben Hur“, „Der Totmacher“ und „Funny Games“, abgedruckt sind. Daher wird ein gestandener Cineast hier kaum Neues entdecken, sondern altes wieder entdecken. Und natürlich kann man einen Vergleich zwischen Althens damaligen Betrachtungen, die normalerweise zum Filmstart entstanden, und der heutigen Bewertung der Filme und Schauspieler, wie Tom Cruise (1989 porträtiert) und Clint Eastwood (1992 porträtiert), ziehen. Denn wer hätte 1989 oder 1992 gedacht, dass Tom Cruise und Clint Eastwood heute immer noch erfolgreich Filme machen und sie seitdem einige veritable Klassiker nachlegten?
Regisseur Tom Tykwer schrieb das Vorwort „Der Mann, der das Kino liebte“.
Althen - Liebling ich bin im Kino - 2
Michael Althen: Liebling, ich bin im Kino! – Texte über Filme, Schauspieler und Schauspielerinnen
(Herausgegeben von Claudius Seidl)
Blessing, 2014
352 Seiten
19,99 Euro

Hinweise
Homepage über Michael Althen (mit Filmkritiken,…)
Wikipedia über Michael Althen


Filmkritiken schrieb auch Jean-Patrick Manchette. Einige von ihnen sind in „Portrait in Noir“ abgedruckt. Neben mehreren Kurzgeschichten, einigen Selbstauskünften und dem Drehbuch „Irrungen und Zerfall der Todestanztruppe“, das sogar als „Les Petits-enfants d’Attila“ verfilmt wurde. Manchette war von dem Ergebnis, das mit seinem Drehbuch wohl nichts mehr zu tun hatte, nicht begeistert. Anscheinend sind auch alle Kopien des Films vernichtet.
Der von Doug Headline herausgegebene Sammelband richtet sich vor allem an die Manchette-Fans, die bereits alle seine Romane (Lesebefehl!) kennen und sich jetzt auch für seine Ausführungen zum Kriminalroman, seine Kurzgeschichten (die weniger als Geschichten, sondern eher als Skizzen für Romane oder formale Übungen funktionieren) und seine Filmkritiken, die er für „Charlie Hebdo“ (eine Zeitung, die man inzwischen bei uns nicht mehr vorstellen muss) schrieb, interessiert.
Manchette-Einsteiger sollten dann doch eher mit einem seiner Romane oder dem unlängst erschienem Comic „Fatale“ (Schreiber & Leser), der auf seinem Roman „Fatal“ (Fatale, 1977) basiert, beginnen.
Manchette - Portrait in Noir - 2
Jean-Patrick Manchette: Portrait in Noir
(Herausgegeben von Doug Headline, mit einem Nachwort von Dominique Manotti)
(übersetzt von Leopold Federmair)
Alexander Verlag, 2014
256 Seiten
28 Euro

Hinweise

Wikipedia über Jean-Patrick Manchette (deutsch, englisch, französisch)

Krimi-Couch über Jean-Patrick Manchette

Kaliber.38 über Jean-Patrick Manchette

Mordlust über Jean-Patrick Manchette

Informative Manchette-Seite vom Distel Literaturverlag

Französische Jean-Patrick-Manchette-Seite

Meine Besprechung von Jean-Patrick Manchette/Barth Jules Sussmans “Der Mann mit der roten Kugel” (L’homme au boulet rouge, 1972)

Jean-Patrick Manchette in der Kriminalakte

Bleiben wir beim Film. Das Wiener Filmmuseum veröffentlichte parallel zur Retrospektive, die vom 16. Oktober bis zum 30. November 2014 lief, den Sammelband „John Ford“. Er enthält die Essays „Passage durch Filme von John Ford – Vierter Teil“ (von Hartmut Bitomsky), „Das weiße Tuch am O. K. Corral“ (von Susanne Röckel) und „The Old Masters: John Ford, John Ford and John Ford“ (von Harry Tomicek), die ungefähr die Hälfte des reichhaltig bebilderten Buches ausmachen, und zu vielen seiner 124 Filme informative Textzusammenstellungen aus Interviews mit John Ford und mehr oder weniger neue Kritiken. In dem Buch werden so fast fünfzig Ford-Werke vorgestellt, die auch Teil der Retrospektive waren, und die einen Bogen von seinen Anfängen als Stummfilmregisseur bis zu seinem Alterswerk, von Klassikern bis hin zu unbekannten Filmen, spannen.
John Ford inszenierte, unter anderem, „Stagecoach“ (Ringo, Höllenfahrt nach Santa Fé), „Young Mr. Lincoln“ (Der junge Mr. Lincoln), „Fort Apache“ (Bis zum letzten Mann), „She wore a yellow Ribbon“ (Der Teufelshauptmann), „Rio Grande“ (Rio Grande), „The Searchers“ (Der schwarze Falke), „Two rode together“ (Zwei ritten zusammen), „The Man who shot Liberty Valance“ (Der Mann, der Liberty Valence erschoß) und „Cheyenne Autumn“ (Cheyenne).
Während Althens Kritiken zum Wiedersehen von einigen Filmklassikern einladen, lädt „John Ford“ zu einer persönlichen Werkschau des vor allem für seine Western bekannten Regisseurs ein.
Viennale - Retrospektive John Ford - 2
Österreichisches Filmmuseum/Viennale: John Ford
(herausgegeben von Astrid Johanna Ofner und Hans Hurch)
Schüren, 2014
248 Seiten
19,90 Euro

Hinweise
Rotten Tomatoes über John Ford
Wikipedia über John Ford (deutsch, englisch)


Auch in Berlin gibt es Retrospektiven. Zum Beispiel im Zeughauskino/Deutsches Historisches Museum. Dort lief im letzten Jahr eine Reihe von Filmen von Robert Siodmak (1900 – 1973), der zwar nicht so bekannt wie Fritz Lang (ein anderer deutscher Regisseur, der während der Hitler-Diktatur über Frankreich nach Hollywood flüchtete) ist. Aber auch er hat einige bekannte, sehenswerte und wichtige Filme inszeniert. Zum Beispiel „Menschen am Sonntag“ (1930), „Voruntersuchung“ (1931), „Phantom Lady“ (1944), „The dark Mirror“ (1946), „The Killers“ (1946), „Cry of the City“ (1948), „Criss Cross“ (1949), „The File on Thelma Jordan“ (1950) (ja, er ist einer der großen Noir-Regisseure), „Die Ratten“ (1955), „Nachts, wenn der Teufel kam“ (1957), „Der Schut“ (1964) und, sein letztes Werk, der Zweiteiler „Kampf um Rom“ (1968/1969).
In dem vom Deutschen Historischem Museum herausgegebenem Sammelband „Robert Siodmak“ sind, in überarbeiteter Form, acht Vorträge enthalten, die von Wolfgang Jacobsen, Chris Wahl, Frederik Lang, Karl Prümm, Ralph Eue, Lukas Foerster und Claudia Mehlinger begleitend zur Retrospektive zu einzelnen Filmen gehalten wurden. Deshalb konzentrieren sie sich auf Aspekte, die bei den Filmen wichtig waren. So geht es um die am Anfang des Tonfilms populären Sprachversionsfilme (bei denen für verschiedene Länder im gleichen Set verschiedene Fassungen des Films mit verschiedene Schauspielern gedreht wurden), die in Japan unlängst entdeckte Fassung von „Stürme der Leidenschaft“ (die mit den bekannten Fassungen verglichen wird), Siodmaks musikalische Komödie „La Crise est Finie!“ (Die Krise ist vorbei), „Cobra Woman“ (Die Schlangenpriesterin), „Christmas Holiday“ (Weihnachtsurlaub) und „Die Ratten“.
Und die während der Retrospektive gezeigten Filme werden knapp (jeweils so eine halbe Seite) vorgestellt.
Insgesamt richtet sich „Robert Siodmak“ eher an Cineasten, die gut damit leben können, dass das Buch sich eklektisch auf Nebenaspekte konzentriert. Aber vielleicht ist der lesenswerte Sammelband die Initialzündung für ein umfassendes Buch über Robert Siodmak.
Zeughauskino - Robert Siodmak - 2
Deutsches Historisches Museum (Hrsg.): Robert Siodmak
Schüren Verlag, 2015
112 Seiten
14,90 Euro

Hinweise
Rotten Tomatoes über Robert Siodmak
Wikipedia über Robert Siodmak (deutsch, englisch)
Filmportal über Robert Siodmak
Noir of the Week über Robert Siodmak

Meine Besprechung von Robert Siodmaks “Zeuge gesucht” (Phantom Lady, USA 1943)

Meine Besprechung von Robert Siodmaks “Der schwarze Spiegel” (The dark mirror, USA 1946)

Das Science Fiction Jahr 2014 - 2

Einige Filmkritiken gibt es auch im „Das Science-Fiction-Jahr 2014“. Neben den Filmkritiken gibt es auch Buch-, Comic-, Hörspiel- und Spielekritiken, verschiedene Marktübersichten, Preisträgerlisten, einige kürzere Nachrufe (unter anderem auf James Herbert, Tom Clancy, Doris Lessing, H. R. Giger und Jay Lake) und längere Texte zu verschiedenen Aspekten des Genres in all seinen Facetten. David Brin schreibt über verschiedene Zukunftsentwürfe, Gregory Benford über die intelligente Drahtloswelt von morgen, Ralf Reiter über den viel zu jung verstorbenen Science-Fiction- und Thrillerautor Iain Banks, John Kessel über die fatale Moralkonstruktion in Orson Scott Cards „Enders Spiel“, David Hughes über Pierre Boulles Roman „Planet der Affen“ und wie er zum Grundstein einer unendlichen Filmsaga wurde und David L. Ferro und Eric G. Swedin schreiben über eine Logik namens Internet und wie die 1946 erschienene Kurzgeschichte „A Logic named Joe“ (Ein Logic namens Joe) von Will F. Jenkins die digitalisierte Welt vorhersah. Peter Seyferth macht sich Gedanken über das utopische Gedankengut in neuen Science-Fiction-Werken.
Das ist, wie immer, eine gewohnt inspirierende und in jeder Beziehung grenzüberschreitende Lektüre.
Es ist – das ist die traurige Meldung – das letzte Science-Fiction-Jahrbuch, das im Heyne-Verlag erscheint. 1986 erschien das erste „Das Science Fiction Jahr“ und schon damals war es ein Liebhaberprojekt, das damals für ein Taschenbuch unverschämte 16,80 Deutsche Mark kostete. Im Vorwort des aktuellen Jahrbuch schreiben die Herausgeber Sascha Mamczak, Sebastian Pirling und Wolfgang Jeschke, dass „Das Science Fiction Jahr 2014“ die letzte Ausgabe ist, die im Heyne-Verlag erscheint. Fast dreißig Jahre blieb der Verlag ihm, gegen alle Wahrscheinlicheit, verbunden. Denn billig oder besonders Hosentaschentauglich war das Buch nie. Und ein Bestseller sicher auch nie.
Die gute Meldung ist, dass schon in diesem Jahr der Golkonda-Verlag das Jahrbuch unter der Federführung von Hannes Riffel herausgeben wird und es beim bewährten Aufbau, also der Mischung aus wisschenschaftlichen Texten, Essays, Interviews, Hintergrundberichten zu Autoren und Filmen und Kritiken bleiben soll.

Sascha Mamczak/Sebastian Pirling/Wolfgang Jeschke (Hrsg.): Das Science Fiction Jahr 2014
Heyne, 2014
976 Seiten
36,99 Euro

Hinweise

“Die Zukunft” bloggt bei Heyne

Meine Besprechung von Sascha Mamczak/Wolfgang Jeschkes (Hrsg.) „Das Science Fiction Jahr 2008″

Meine Besprechung von Sascha Mamczak/Wolfgang Jeschkes (Hrsg.) „Das Science Fiction Jahr 2009“

Meine Besprechung von Sascha Mamczak/Wolfgang Jeschkes (Hrsg.) „Das Science Fiction Jahr 2010“

Meine Besprechung von Sascha Mamczak/Sebastian Pirling/Wolfgang Jeschkes (Hrsg.) „Das Science-Fiction-Jahr 2011“

Meine Besprechung von Sascha Mamczak/Sebastian Pirling/Wolfgang Jeschkes (Hrsg.) „Das Science-Fiction-Jahr 2012“

Meine Besprechung von Sascha Mamczak/Sebastian Pirling/Wolfgang Jeschkes (Hrsg.) “Das Science-Fiction-Jahr 2013″

Meine Besprechung von Sascha Mamczaks “Die Zukunft – Die Einführung” (2014)

Bleiben wir in der zukünftigen Welt, gemischt mit einer ordentlichen Portion Horror: Bei Heyne erschien, zusammengestellt von Sascha Mamczak, der Sammelband „Ich muss schreien und habe keinen Mund“, der zwanzig Geschichten von Harlan Ellison enthält, die er zwischen 1965 und 1993 schrieb. Auch seine bekannteste Geschichte „Ein Junge und sein Hund“ (A Boy and his Dog, 1969) ist dabei. Sie wurde 1975 von L. Q. Jones als „A Boy and his Dog“ (Der Junge mit dem Hund; Der Junge und sein Hund; In der Gewalt der Unterirdischen) mit Don Johnson und Jason Robards verfilmt. Das ziemlich abgedrehte Werk gewann damals einen Hugo und hat Kultstatus.
Und so schön Kurzgeschichten auch sind, wahrscheinlich wird niemand fünf, sechs, sieben Kurzgeschichten hintereinander lesen. Sie sind eher der kleine Zwischenhappen, der in fremde Welten entführt. Mal mehr, mal weniger fantastisch, mal mehr, mal weniger gruselig und nie einem literarischem Experiment abgeneigt, was über die kurze Strecke besser funktioniert als über Romanlänge.
Ellison - Ich muss schreien und habe keinen Mund - 2
Harlan Ellison: Ich muss schreien und habe keinen Mund – Erzählungen
(Herausgegeben und mit einem Vorwort von Sascha Mamczak)
Heyne, 2014
672 Seiten
18,99 Euro

Hinweise

Homepage von Harlan Ellison

YouTube-Kanal von Harlan Ellison

Wikipedia über Harlan Ellison (deutsch, englisch)


Natürlich ist auch das neue Buch „Die Würde des Menschen ist ein Konjunktiv“ von Wiglaf Droste nicht in einem Stück lesbar. Auch wenn man die 250 Seiten locker an einem langen Abend lesen könnte. Aber das wäre dann wie das Fressen von einem halben Dutzend edler Pralinenpackungen.
Besser, man liest Drostes zwei- bis dreiseitigen Glossen und Betrachtungen über das moderne Leben in kleinen Dosen. Vielleicht eine pro Tag. Anstelle des Morgengebetes. Dann hat man mit dem Buch bis weit in den Sommer einen zuverlässigen Begleiter durch die Tiefen und Untiefen der deutschen Sprache und den Umgang mit ihr.
Droste - Die Würde des Menschen ist ein Konjunktiv - 2
Wiglaf Droste: Die Würde des Menschen ist ein Konjunktiv – Neue Sprachglossen
Goldmann, 2015
256 Seiten
8,99 Euro

Erstausgabe
Verlag Klaus Bittermann, 2013

Hinweise

Tourmanagement von Wiglaf Droste

Homepage von „Häuptling Eigener Herd“

Homepage von MDR Figaro

Wikipedia über Wiglaf Droste

Meine Besprechung von Wiglaf Drostes „Im Sparadies der Friseure“(2009/2010)

Meine Besprechung von Wiglaf Drostes “Sprichst du schon oder kommunizierst du schon? (2012/2013)


Neu im Kino/Filmkritik: Der Brenner hat „Das ewige Leben“

März 19, 2015

Jetzt sitzt der Brenner beim Arbeitsamt und dank seines Lebenslaufes ist er ein gesellschaftliches Neutron, das keinen Anspruch auf einen Cent Unterstützung hat. Da fällt ihm ein, dass in seinem Geburtsort Puntigam noch immer das ihm vererbte Haus seiner Eltern steht.
Er kehrt nach Ewigkeiten zurück nach Puntigam. Das elterliche Anwesen ist eine Ruine, der Nachbar nicht erfreut über seine ein veritables Chaos verursachenden Instandsetzungsarbeiten und die alten Freunde sind – nun, alte Freunde, mit denen er damals die Polizeischule absolvierte. Der eine ist ein Trödelhändler, der vor allem mit Erpressungen sein Geld verdient. Der andere ist der Polizeichef von Graz, der ihn gleich mit einer Pistole bedroht.
Kurz darauf liegt Brenner mit einer Schussverletzung im Krankenhaus. Seine Therapeutin sagt, er habe versucht, sich umzubringen. Er ist dagegen felsenfest davon überzeugt, dass jemand ihn umbringen wollte und er wird den Täter überführen. Er vermutet, dass es der Polizeichef ist.
Das Motiv für den Mordversuch liegt nämlich in Brenners Vergangenheit, als er und seine Freunde vor Jahrzehnten auf der Polizeischule nicht nur Gesetze büffelten.
Kurz darauf wird der Trödelhändler ermordet und Brenner, der von der Polizei neben der Leiche gefunden wird, meint nur, er sei es nicht gewesen.
Jetzt muss Brenner auch noch einen vollendeten Mord aufklären.
„Das ewige Leben“ ist nach „Komm, süßer Tod“ (2000), „Silentium“ (2005) und „Der Knochenmann“ (2009) der vierte Brenner-Film, der wieder von dem bewährten Team Wolfgang Murnberger (Regie und Drehbuch), Wolf Haas (Vorlage und Drehbuch) und Josef Hader (Hauptrolle und Drehbuch) gedreht wurde. Deshalb ist „Das ewige Leben“, das gewohnt frei mit der Vorlage von Wolf Haas umgeht, in erster Linie ein willkommenes, dieses Mal etwas melancholischer geratenes Wiedersehen mit dem abgeklärtesten Privatdetektiv von Österreich, der älter, aber nicht weißer wurde. Entsprechend gering, aber durchaus deutlich sind die Unterschiede zu den vorherigen Brenner-Filmen. Und das ist gut so.

Das ewige Leben - Plakat 4

Das ewige Leben (Österreich 2015)
Regie: Wolfgang Murnberger
Drehbuch: Josef Hader, Wolfgang Murnberger, Wolf Haas
LV: Wolf Haas: Das ewige Leben, 2003
mit Josef Hader, Tobias Moretti, Nora von Waldstätten, Roland Düringer, Margarethe Tiesel, Christopher Schärf, Sasa Barbul, Johannes Silberschneider, Wolf Haas (Cameo)
Länge: 123 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Die selbstverständlich lesenswerte Vorlage

Haas - Das ewige Leben - Movie-Tie-In

Wolf Haas: Das ewige Leben
dtv, 2015
208 Seiten
8,95 Euro

Erstausgabe
Hoffmann und Campe Verlag, 2003

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Das ewige Leben“

Film-Zeit über „Das ewige Leben“

Moviepilot über „Das ewige Leben“ 

Wikipedia über „Das ewige Leben“

Krimi-Couch über Wolf Haas

Lexikon der deutschen Krimiautoren über Wolf Haas

Wikipedia über Wolf Haas

Meine Besprechung von Wolf Haas’ “Brenner und der liebe Gott” (2009)

Meine Besprechung von Wolf Haas’ “Brennerova” (2014)


Neu aufgelegt: „Kalt brennt die Sonne über Texas“ ist jetzt „Die Kälte im Juli“

März 18, 2015

Lansdale - Kalt brennt die Sonne über Texas - 2Lansdale - Die Kälte im Juli - 2

„Die Kälte im Juli“ war vor ungefähr fünfzehn Jahren einer der Romane, die mich Lansdale-infizierten. Das lag weniger an der Story, als an seiner knochentrockenen und schwarzhumorigen Sprache.
Dabei ist die Geschichte auch nicht ohne: Richard Dane erschießt in Notwehr einen Einbrecher. Die Polizei hat keine Zweifel am Tathergang und damit könnte die Sache erledigt sein, wenn nicht der Vater des Einbrechers seinen Sohn rächen wollte. Er will, ganz in der Tradition des Alten Testaments, Danes Sohn töten.
Diesen simplen Plot verknüpft Joe R. Lansdale mit einigen Einsichten über die menschliche Psyche und einigen bitterbösen Überraschungen. Denn, entsprechend der alten Kriminalroman-Weisheit, „nichts ist so wie es scheint“, ist auch unter der heißen Sonne von Osttexas nichts so, wie es auf den ersten Blick scheint.
Pünktlich zur deutschen DVD-Veröffentlichung der Romanverfilmung „Cold in July“ von John Mickle mit Michael C. Hall, Sam Shepard und Don Johnson erschien jetzt bei Heyne Hardcore eine Neuauflage von Lansdales Frühwerk, das bei uns bereits 1997 als „Kalt brennt die Sonne über Texas“ erschien. Für die Neuauflage wurde die alte Übersetzung verwandt, ergänzt um zwei aktuelle und lesenswerte Nachworte. Eines von Joe R. Lansdales über die Entstehung des Romans und eines von Regisseur Jim Mickle über die Verfilmung.
Natürlich ist „Die Kälte im Juli“ eine dicke Lesempfehlung.

Joe R. Lansdale: Die Kälte im Juli
(übersetzt von Teja Schwaner)
Heyne, 2015
272 Seiten
9,99 Euro

Deutsche Erstausgabe
Kalt brennt die Sonne über Texas
(übersetzt von Kim Schwaner)
rororo, 1997

Originalausgabe
Cold in July
Bantam Books,1989

Hinweise

Homepage von Joe R. Lansdale

Stuttgarter Zeitung: Thomas Klingenmaier hat Joe R. Lansdale getroffen (25. März 2013)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Rumble Tumble“ (Rumble Tumble, 1998 )

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Der Gott der Klinge” (The God of the Razor, 2007)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Der Teufelskeiler” (The Boar, 1998)

Meine Besprechung  von Joe R. Lansdales „Akt der Liebe“ (Act of Love, 1981)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Die Wälder am Fluss“ (The Bottoms, 2000)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Kahlschlag” (Sunset and Sawdust, 2004)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Gauklersommer” (Leather Maiden, 2008)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Ein feiner dunkler Riss” (A fine dark Line, 2003)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Dunkle Gewässer“ (Edge of Dark Water, 2012)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Straße der Toten“ (Deadman’s Road, 2010)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Machos und Moneten“ (Captains Outrageous, 2001)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Wilder Winters” (Savage Season, 1990)

Mein Interview mt Joe R. Lansdale zu „Das Dickicht“ (The Thicket, 2013)


„Perfidia“ – James Ellroy beehrt Deutschland

März 13, 2015

Nächste Woche tourt James Ellroy mit seinem neuen Roman „Perfidia“ durch einige deutsche Städte:
KÖLN
Montag, 16. März, 19:30 Uhr
Lit.COLOGNE, Schauspiel Köln Depot 1 (Schanzenstraße 6-20, 51063 Köln)

HAMBURG
Dienstag, 17. März, 19:30 Uhr
Literaturhaus (Schwanenwik 38, 22087 Hamburg)

HANNOVER
Mittwoch, 18. März, 20:00 Uhr
Literarischer Salon Hannover (Königsworther Platz 1, 30167 Hannover)

BERLIN
Donnerstag, 19. März, 19:00 Uhr
Dussmann – Das KulturKaufhaus (Friedrichstr.90, 10117 Berlin) (das bei seiner letzten Lesung übervoll war)

MÜNCHEN
Freitag, 29. Januar, 19:00 Uhr
Krimifestival, Amerika-Haus (Waldstraße 9, 82211 Herrsching am Ammersee

Ich bin gerade beim Lesen des Romans, der mit gut eintausend Seiten volumös geraten ist. Es dürfte, unabhängig vom Drucksatz (dafür ein Lob: er sieht sehr lesefreundlich aus), sein umfangreichster Roman sein. Also noch länger als die jeweils achthundertseitigen „Ein amerikanischer Thriller“, „Ein amerikanischer Albtraum“ und „Blut will fließen“. Die waren, weil Ellroy in seiner „Underworld USA“-Trilogie die Marotte hatte, seitenlang aus Zeitungsberichten, Aktennotizen und Protokollen zu zitieren und seine Sätze auf möglichst wenige Worte einzudampfen, fast unlesbar. Dass er gleichzeitig das Bild einer großen Verschwörung, in der alle irgendwie beteiligt sind und alles miteinander zusammenhängt, entwarf, half nicht. Stattdessen hatte ich oft den Eindruck, dass er eine Best-of populärer Agententhriller, Privatdetektiv- und Polizeiromane, versetzt mit populären Verschwörungstheorien und exzessivem Name-Dropping, schrieb, in der, weil die Handlung sich über mehrere Jahre quer über den Globus bewegte (halt überall, wo die CIA mitmischte) und keinen erzählerischen Fokus mehr hatte. Jedenfalls keinen Fokus, der auf eine nachvollziehbare Geschichte gerichtet war. Stattdessen ging es ihm eher um das Bild und das Gefühl einer allumfassenden Verschwörung.
Dagegen ist der erste Eindruck von seinem neuen Roman „Perfidia“ schon einmal positiv. James Ellroy kehrt zurück nach Los Angeles. Der Roman spielt in einer begrenzten Zeit (6. – 29. Dezember 1941) und James Ellroy schreibt, endlich wieder ganze Sätze. Ja! James ELLROY schreibt! Gaaaanze Sätze!!!
Er verzichtet auch, wie ein kurzes Blättern im Buch zeigt, auf Zeitungsberichte und Aktennotizen. Es gibt nur viele Ausschnitte aus dem Tagebuch von Kay Lake.
Auch die Geschichte beginnt gut: Eine japanische Familie wird tot aufgefunden. Anfangs ist unklar, ob es sich um Mord oder Selbstmord handelt. Der japanischstämmige, extrem intelligente Hideo Ashida findet schon am Tatort genug Hinweise für einen Mord, um Ermittlungen zu initieren. Als die Japaner Pearl Harbor überfallen, wird aus dem banalen Mordfall ein politisch wichtiger Mordfall, der unbedingt mit der Überführung des richtigen Täters (vulgo eines Japaners) aufgeklärt werden soll.

Aber dann – ich bin jetzt auf Seite 379 und meine Leselust ist inzwischen nicht mehr besonders groß – beginnt James Ellroy ein breites, ungeheuer detailreiches Panorama von Los Angeles nach Pearl Harbor zu entwerfen. Die Mordermittlung bewegt sich nicht mehr wirklich voran. Stattdessen geht es, in einem Gestrüpp von kaum miteinander zusammenhängenden Handlungssträngen, um Korruption in der Polizei. Politische Intrigen. Den Kampf gegen die Kommunisten. Die Angst vor den Japanern. Und natürlich alle möglichen fünften Kolonnen, die als Kämpfer versuchten, möglichst unerkannt im Feindesland zu leben und Sabotage zu betreiben.
Und ungefähr jede zweite Seite werden ein, zwei Knochen gebrochen, was uns – immerhin sind die Knochenbrecher immer Polizisten – sicher einiges über Polizeibrutalität verraten soll, aber nach dem ersten Dutzend gebrochener Arme nur noch langweilt.
Das liest sich immer mehr wie eine Neuauflage von „L. A. Confidential“. Nur schlechter und länger.
Insofern ist die Ankündigung von James Ellroy, dass „Perfidia“ der Auftakt zu einem zweiten „L. A. Quartett“ werden soll, das zeitlich vor dem bekannten „L. A. Quartett“ („Die schwarze Dahlie“, „Blutschatten“, „L. A. Confidential“ und „White Jazz“) spielt und in dem viele aus diesen Romanen bekannte Charaktere wieder auftauchen, fast wie eine Drohung.
Aber vielleicht braucht Ellroy auch nur einen guten Lektor, der beherzt dicke Schneisen in das erzählerische Gestrüpp schlägt und den Roman auf fünfhundert Seiten eindampft.

Ellroy - Perfidia - 4

James Ellroy: Perfidia
(übersetzt von Stephen Tree)
Ullstein, 2015
960 Seiten
25 Euro

Originalausgabe
Perfidia
Alfred A. Knopf, 2014

Hinweise

Meine Besprechung der James-Ellroy-Verfilmung “Rampart – Cop außer Kontrolle” (Rampart, USA 2011)

Meine Besprechung von James Ellroys Underworld-USA-Trilogie (Ein amerikanischer Thriller, Ein amerikanischer Albtraum, Blut will fließen)

Meine Besprechung von James Ellroys “Der Hilliker-Fluch – Meine Suche nach der Frau” (The Hilliker Curse – My Pursuit of Women, 2010)

James Ellroy in der Kriminalakte


Verhindert James Bond die „Kernschmelze“?

März 3, 2015

Gardner - James Bond - Kernschmelze

1981, sechzehn Jahre nachdem Ian Flemings letzter James-Bond-Roman „Der Mann mit dem goldenen Colt“ posthum erschienen war und Kingsley Amis als Robert Markham bereits 1968 mit „Colonel Sun“ ein einmaliges Gastspiel als Bond-Autor gab, übernahm John Gardner für sechzehn Romane (inclusive zwei Filmromane), die bis 1996 erschienen und die nicht alle ins Deutsche übersetzt wurden, das Zepter.
In seinem ersten Bond-Roman „Kernschmelze“, der jetzt in neuer Übersetzung vorliegt, knüpft Gardner dann auch an die klassischen Bond-Romane an und, nach der Lektüre der Bond-Wiederbelebungsversuche der letzten Jahre, die alle, aus verschiedenen Gründen, enttäuschten, ist es eine Wohltat einen richtig altmodischen James-Bond-Roman zu lesen, der genau das liefert, was man von einem Bond-Roman erwartet: technische Spielereien, schöne und willige Frauen, einen Superschurken, skrupellose Handlanger, einen diabolischen Plan und Orte, an denen man seine Ferien verbringen möchte. Wie ein im malerischen Nirgendwo in Schottland liegendes Schloß mit allen möglichen Extras, wie einem Kommandostand (weil der Bösewicht ja stilgerecht seine Befehle geben muss) und einem Folterkeller (weil James Bond ja gefoltert werden muss).
Der Schloßherr ist Dr. Anton Murik, Laird of Murcaldy, ein brillianter Kernphysiker, der ein hundertprozentig sicheres Kernreaktorsystem erfunden hat. Um die restliche Welt von seinem Murik-Ultrasicher-Reaktor zu überzeugen, plant er mit dem internationalen Terroristen Franco (da stand wohl ‘Carlos, der Schakal’ Pate) eine gleichzeitige Besetzung von sechs, über den gesamten Globus verteilten Kernkraftwerken. Er will eine horrende Summe von den Regierungen erpressen. Aber James Bond und der grundgute britische Geheimdienst ist ihm schon auf der Fährte. Mit einem Trick schleicht Bond sich bei Murik ein und wird auf den altehrwürdigen Familiensitz in den Highlands eingeladen.
„Kernschmelze“ überzeugt vor allem als James-Bond-Roman, der die vertrauten Elemente aus Ian Flemings Bond-Romanen und den klassischen James-Bond-Filmen gut anrichtet und, bei einer überschaubaren Geschichte, die vor allem durch ihre Detailtreue besticht, flott unterhält, weil sie sich ständig weiter auf die finale Konfrontation zwischen den beiden Kontrahenten hin bewegt. Damit liefert die einfache Story genau das, was der Bond-Fan will: einen ordentlichen Kampf zwischen dem tapferen Agenten mit der Lizenz zum Töten und einem durchgeknallten Bösewicht, der vor allem die Welt vernichten will, grundiert mit etwas Zeitkolorit. Denn Murik sieht sich mit seinem Plan auch als Kämpfer für eine saubere Umwelt und gegen die globale Erwärmung.
John Gardners Einstieg in die James-Bond-Welt ist ziemlich pulpig, ziemlich fantastisch, ziemlich unterhaltsam – und fernab der John-le-Carré-Spionagewelt.
Da akzeptiert man auch den Saab 900 Turbo als James Bonds neues Auto. Immerhin hat er einige Extras einbauen gelassen.

John Gardner: James Bond – Kernschmelze
(übersetzt von Anika Klüver und Stephanie Pannen)
Cross Cult, 2014
384 Seiten
12,80 Euro

Originalausgabe
James Bond – Licence Renewed
Jonathan Cape, 1981

Deutsche Erstausgabe
Countdown für die Ewigkeit
Scherz, 1982

Hinweise

Homepage von John Gardner

Wikipedia über John Gardner (deutsch, englisch)

Wired for Books unterhält sich mit John Gardner (1984 und 1985 – zwei Audiofiles)

Universal Exports: Interview mit John Gardner (ungefähr von 2004 – und nach dem Ende seiner Bond-Serie)

Dr. Shatterhand’s The Question Room – befragt John Gardner (ebenfalls nach dem Ende seiner Bond-Serie, aber natürlich über seine Bond-Romane)

Homepage von Ian Fleming

Meine Besprechung von Sebastian Faulks’ James-Bond-Roman „Der Tod ist nur der Anfang“ (Devil may care, 2008)

Meine Besprechung von Jeffery Deavers James-Bond-Roman “Carte Blanche” (Carte Blanche, 2011)

Meine Besprechung von William Boyds James-Bond-Roman “Solo” (Solo, 2013)

Meine Besprechung von Ian Flemings ersten drei James-Bond-Romanen “Casino Royale”, “Leben und sterben lassen” und “Moonraker”

Meine Besprechung des James-Bond-Films „Skyfall“ (Skyfall, GB/USA 2012)

James Bond in der Kriminalakte

Ian Fleming in der Kriminalakte


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