Neu im Kino/Filmkritik: Kreative Filmtitel, Teil ?: „Guardians of the Galaxy Vol. 2“

April 27, 2017

Vor drei Jahren waren die Guardians of the Galaxy eine willkommene Abwechslung im Einerlei von Dystopien und Superheldenfilmen, die von Einzelfilmen immer mehr zu zeitintensiven Universen werden. Jedenfalls wenn man alle Spielfilme (okay, kein Problem), etwaige verlängerte Schnittfassungen und alle mehr oder weniger dazu gehörende TV-Serien und Comics genießen will. Da brachte „Guardians of the Galaxy“ mit ihrer kindlichen Neugierde auf fremde Welten, den ungewöhnlichen Figuren und dem spielerischen Umgang mit ihnen wieder den Zauber und die Naivität alter Science-Fiction-Filme ins Kino. Das war ein Mix, der auch in einem „Krieg der Sterne“-Film gut aufgehoben wäre. Wenn die selbsternannten Guardians of the Galaxy nicht eine Rasselbande latent unzurechnungsfähiger Outsider mit Hang zum Verbrechertum wären; – ach, eigentlich war „Guardians of the Galaxy“ der Han-Solo-Film, den wir nie sehen werden.

Das gefiel. Vor allem wie diese Gruppe höchst unterschiedlicher Charaktere in einem mehrere Welten ziemlich demolierendem Abenteuer zusammenfand und zu einer Patchwork-Familie wurde.

Der Film war auch an der Kinokasse enorm erfolgreich. Denn die Guardians of the Galaxy sind eine eher obskure Gruppe im Marvel-Universum, die bis dahin nur die Hardcore-Fans kannten.

Jetzt sind Star-Lord Peter Quill (Chris Pratt), Gamora (Zoe Saldana), Drax (Dave Bautista), Waschbär Rocket (im Original Bradley Cooper) und, als Ersatz für Groot, Baby Groot (im Original Vin Diesel) zurück. Weil Rocket bei der endgültigen Vertragsabwicklung bei ihren Auftraggebern einige Batterien klaut, sind sie quer durch den Weltraum auf der Flucht. Nach einer Bruchlandung auf einem Planeten treffen sie Peter Quills biologischen Vater, der sie zu seinem Planeten mitnimmt.

Er nennt sich Ego (was schon misstrauisch machen sollte), benimmt sich wie ein von seiner eigenen Lehre erleuchteter Guru und er sieht zwar aus wie Kurt Russell, aber in Wirklichkeit ist er ein Planet. Quill und seine Freunde stehen gerade auf ihm. Wenn ihr jetzt schon verwirrt seid, werdet ihr am Schlusskampf verzweifeln, der, ähem, gegen Ego, auf und in dem Planeten Ego stattfindet und der, nun, eine Kombination aus frei flottierendem Luft- und Raumkampf und Wirtshausschlägerei in einer sich ständig verändernden Wirtschaft ist. Das ergibt, wenn man die Kampfchoreographie wirklich nachverfolgen will, wahrscheinlich absolut keinen Sinn, ist aber schön bunt mit all seinen CGI-Explosionen und Katastrophen.

Davor plätschert die Geschichte, nach dem furiosen ersten Akt, auf Egos Planeten vor sich hin. In diesen Minuten ist „Guardians of the Galaxy Vol. 2“, um noch einmal auf „Krieg der Sterne“ zurückzukommen, der Han-Solo-Film, vor dem wir uns fürchten. Quill verschwindet fast aus der Geschichte. Der von der Erde verschleppte Erdenjunge und Weltraumpirat wird zu einem seinen verloren geglaubten Vater abgöttisch bewundernden Sohn. Außerdem ist er, immerhin ist er der Anführer der Guardians, während des gesamten Films erstaunlich passiv. Dafür dürfen wir Drax bei seinen Liebeständeleien mit Mantis (Pom Klementieff), Egos telepathisch begabter Dienerin und Assistentin, beobachten. Gleichzeitig behandelt Gamora die Beziehungsprobleme mit ihrer Schwester Nebula (Karen Gillan), die sie umbringen will.

Und, immerhin geht es in dem Film um echte und falsche Familien, Quills Adoptivvater Yondu (Michael Rooker) hat auch eine wichtige Rolle in dem ganzen Beziehungsgeflecht, das sich doch eher auf dem Niveau einer Teenie-Soap bewegt. Auch wenn die Geschichte auf fremden Planeten spielt.

Am Ende ist „Guardians of the Galaxy Vol. 2“ ein buntes, zu lang geratenes, leicht zerfasertes Science-Fiction-Abenteuer, das sich zu sehr auf vernachlässigbare Beziehungsgeschichten konzentriert. Es gibt wieder eine ordentliche Portion Humor. Auch wenn Baby Groot noch lange nicht die Statur von Groot hat und Rocket etwas sanfter erscheint. Es gibt epische Raumschlachten und Kämpfe. Es gibt neue Planeten und Rassen; wenn auch nicht so viele, wie in „Guardians of the Galaxy“.

Immer noch sind die Guardians-Filme – und das ist gut so – nicht verknüpft mit dem Marvel-Kosmos. D. h. es gibt keine Gastauftritte von irgendwelchen Avengers und es wird auch keine Avengers-Handlung weitererzählt. Dafür hat Stan Lee zwei Auftritte.

Und, erstmals im Marvel Cinematic Universe, gibt es mit Ego eine Bösewicht, der länger als der Abspann im Gedächtnis bleibt. Das liegt allerdings weniger an ihm als Charakter (seine Motivation ist doch eher rätselhaft), sondern an Kurt Russell. Er verleiht ihm als größenwahnsinniger Vater – ich meine, welcher Vater nennt sich schon Ego? – eine imposante Statur und er genießt sichtbar seine Rolle als abgespacter Guru und Planetenerschaffer, der sich jetzt endlich um seinen Sohn kümmern will. Außerdem wird der Bösewicht dieses Mal nicht von einem CGI-Effekt, sondern von einem Menschen, der immer mühelos als Mensch erkennbar bleibt, gespielt.

Schon vor dem Kinostart wurde bekannt, dass James Gunn auch den dritten „Guardians of the Galaxy“-Film schreiben und inszenieren wird. Natürlich wieder mit vielen gut abgehangenen Rock- und Popsongs, die, so der Plan, ab 2020 die Kinos beschallen werden.

Guardians of the Galaxy Vol. 2 (Guardians of the Galaxy Vol. 2, USA 2017)

Regie: James Gunn

Drehbuch: James Gunn

mit Chris Pratt, Zoe Saldana, Dave Bautista, Vin Diesel (Stimme, im Original), Bradley Cooper (Stimme, im Original), Kurt Russell, Michael Rooker, Karen Gillan, Pom Klementieff, Elizabeth Debicki, Chis Sullivan, Sean Gunn, Tommy Flanagan, Laura Haddock, Sylvester Stallone (mehr Cameo als Rolle), Rob Zombie, Gregg Henry, Stan Lee

Länge: 136 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Facebook-Seite von Marvel Deutschland

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Guardians of the Galaxy Vol. 2“

Metacritic über „Guardians of the Galaxy Vol. 2“

Rotten Tomatoes über „Guardians of the Galaxy Vol. 2“

Wikipedia über „Guardians of the Galaxy Vol. 2“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von James Gunns „Guardians of the Galaxy“ (Guardians of the Galaxy, USA 2014) und der DVD

Meine Besprechung von mehreren „Guardians of the Galaxy“-Comics

Bonushinweis

Wer sich auf intellektuellem Niveau dem ganzen Marvel Cinematic Universe nähern will, sollte einen Blick in dieses (von mir noch nicht gelesene und daher blind empfohlene) Buch werfen, in dem Peter Vignold die expandierenden Serienuniversen mit dem Konzept der multilinearen Hyperserie analytisch fassen will.

Peter Vignold: Das Marvel Cinematic Universe – Anatomie einer Hyperserie

(Marburger Schriften zur Medienforschung)

Schüren, 2017

176 Seiten

19,90 Euro


Kurzkritik: Wallace Stroby: Geld ist nicht genug

April 26, 2017

Am 11. Dezember 1978 klaute die Mafia auf dem John F. Kennedy Airport aus dem Frachtterminal der Lufthansa gebrauchte Dollarscheine im Wert von 10 Millionen D-Mark (bzw., nach heutigem Wert, 20 Millionen Euro). Das war viel mehr, als die Diebe, die über Insider-Informationen verfügten, erwartet hatten. Und während der Überfall unblutig abging, wurde es danach blutig.

Die Beute wurde nie gefunden.

Das ist der wahre Hintergrund des zweiten Crissa-Stone-Romans. In „Geld ist nicht genug“ erhält die Profi-Verbrecherin (kurz gesagt: die weibliche Version von Richard Starks Parker) das Angebot, zusammen mit Benny Roth einen Teil der Beute zu bergen. Benny war damals mittelbar an dem Diebstahl beteiligt. Als immer mehr Männer, die mehr oder weniger an dem Diebstahl beteiligt waren, ermordet wurden, ging er in ein Zeugenschutzprogramm. Jetzt, nachdem Joey Dio gestorben ist, findet ihn der psychopathische Gangster Danny Taliferro in der Provinz.

Benny kann ihn und seine Männer überwältigen. Mit seiner deutlich jüngeren Freundin kehrt er nach Jahrzehnten nach New York zurück. Denn er glaubt zu wissen, wo Dio seinen Anteil von dem Raub versteckt hat. Dummerweise ist er nicht der einzige.

Geld ist nicht genug“ ist, wie Wallace Strobys erster Crissa-Stone-Roman „Kalter Schuss ins Herz“, ein klassischer Hardboiled-Gangsterroman, der sich freudig in die Tradition stellt. Das zeigt sich schon an der schlanken 200-Seiten-Länge. Auch wenn Pendragon den Pulp-Roman layouttechnisch auf 336 Seiten hochpimpte. Stroby erzählt lakonisch, mit einigen kleinen Modernisierungen, eine Geschichte von mehr oder weniger ehrbaren Berufsverbrechern, die sich das Leben schwer machen.

Dabei weht, wie in den späteren Parker-Romanen von Richard Stark oder den Wyatt-Romanen von Garry Disher, ein Hauch von Nostalgie durch die Geschichte. Denn die Zeit der allein, nach einem Ehrenkodex, arbeitenden Berufseinbrecher ist vorbei. Die Technik macht ihnen in jeder Beziehung das Leben schwer. Ebenso die Entwicklungen in der Kriminaltechnik. Und dann findet sich in Geldschränken immer weniger Bargeld.

Bis jetzt hat Wallace Stroby noch zwei weitere Crissa-Stone-Romane geschrieben, die hoffentlich schnell ins Deutsche übersetzt werden.

Wallace Stroby: Geld ist nicht genug

(übersetzt von Alf Mayer)

Pendragon, 2017

336 Seiten

17 Euro

Originalausgabe

King of Midnight

Minotaur Books/St. Martin’s Press, 2012

Hinweise

Homepage von Wallace Stroby

Blog von Wallace Stroby

Wikipedia über Wallace Stroby

Meine Besprechung von Wallace Strobys „Kalter Schuss ins Herz“ (Cold Shot to the Heart, 2011)


Colin Crouch vermisst „Die bezifferte Welt“

April 19, 2017

Colin Crouch, Autor von „Postdemokratie“, setzt in seinem neuesten Buch „Die bezifferte Welt – Wie die Logik der Finanzmärkte das Wissen bedroht“ seine Auseinandersetzung mit dem Neoliberalismus fort. Und weil die sehr lesenswerte Studie im Original 2015, also vor der Wahl von Donald Trump, der Brexit-Abstimmung und der Entdeckung des VW-Abgasskandals, erschien, hat sie auch etwas von einer Zeitkapsel. Denn Crouch, inzwischen emeritierter Professor der Warwick Business School, nennt ältere Beispiele, wie die durch die Deepwater Horizon verursachte Ölkatastrophe (siehe auch den sehr sehenswerten Spielfilm darüber), und viele, sehr viele Beispiele aus Großbritannien, wo die Ökonomisierung der Politik schon weiter vorangeschritten ist als bei uns in Deutschland. Die Folgen sind dort auch offensichtlicher.

Die Logik der Finanzmärkte, bzw. die ökonomische Logik, die Colin Crouch in dem Buch thematisiert, sieht die Welt als einen transparenten Markt, auf dem Anbieter und Nachfrager sich treffen, miteinander handeln und den richtigen Preis für das Handelsgut finden. Der so ausgehandelte Kaufpreis ist dann auch genau der Preis, den das Produkt wert ist und der in einer Zahl alle Informationen über das Produkt beinhaltet. Bei einem einfachen Produkt, wie einer Kiste Äpfel, ist das kein Problem.

Bei einem komplexen Produkt ist das anders. In dem Preis werden dann verschiedene Dinge miteinander vermischt, die dann so nicht zusammengehören und es ist auf den ersten Blick unklar, wie welche Teile gewichtet wurden. Das beginnt schon bei einer Versicherung (Welche Riester-Rente brauche ich?) geht über Krankenhaus- und Universitätsrankings (Was ist wichtiger: die Forschungspreise, die Bibliothek, das Betreuungsverhältnis oder das außeruniversitäre Nachtleben?) hin zu originären staatlichen Leistungen, die sich eigentlich einer marktförmigen Ökonomisierung entziehen.

Gerade die sich aus diesem ökonomischen Denken entwickelnde Bedrohung des Wissens wurde bislang kaum beachtet, weil sie schleichend vonstatten geht, indem Leistungen immer stärker in standardisierten Verfahren verglichen werden. Diese Zahlen dienen dann dazu, bestimmte Verwaltungsteile, wie Schulen, Ämter und Polizeiabschnitte zu bewerten und sie finanziell zu belohnen oder bestrafen. Hinter den Kennziffern verschwindet dann die Begründung, warum eine Schule besonders schlecht abschneidet. Das kann an den schlechten Lehrern, den problematischen Schülern oder etwas anderem liegen. Die Institutionen verwenden dann, wie Crouch an zahlreichen Beispielen zeigt, mehr Zeit darauf, die Zahlen zu verbessern als ihre tatsächliche Leistung zu verbessern. Teilweise mit sehr viel Energie und Ideenreichtum.

Und, weil zunehmend staatliche Aufgaben privatisiert werden, werden die Aufträge nicht mehr an die beste Firma, sondern an die Firma, die am besten einen den Vergaberichtlinien entsprechenden Antrag schreiben kann, vergeben. Einige dieser Firmen sind inzwischen so groß, dass die Regierung sie nicht mehr pleitegehen lassen kann. Auch wenn ihre Leistungen schlecht sind und sie am Ende mehr Kosten als wenn der Staat die Leistung selbst erbracht hätte.

Für all das nennt Crouch zahlreiche, eindrucksvolle Beispiele, die seine These, dass der Neoliberalismus das Wissen bedrohe.

Er kommt dabei zu folgenden Erkenntnissen:

1.) Der Versuch, den öffentlichen Dienst nach marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten umzubauen, führt zu einer radikalen Beschneidung der Kenntnisse, Kompetenzen und Qualifikationen des dort beschäftigten Fachpersonals. (… – )

2.) Obgleich der Markt selbst eine hochelaborierte Form der Wissensproduktion darstellt, untergräbt er, wenn ihm keine Schranken gesetzt werden, andere Formen der Erkenntnisgewinnung. (…)

3.) Die klassische marktwirtschaftliche Theorie ging davon aus, dass sich die Mehrzahl der Marktteilnehmer moralisch integer verhält. Die gegenwärtig dominierende Rational-choice-Theorie prämiert hingegen Verhaltensweisen, die sich der Verfälschung und Verzerrung von Informationen und Wissen bedienen. (…)

4.) Eine marktwirtschaftliche Ökonomie zeichnet sich der ursprünglichen Idee nach dadurch aus, dass eine hohe Anzahl von Konsumenten und Produzenten am Markt teilnimmt. Der heute herrschende Neoliberalismus hingegen toleriert hohe Konzentrationen monopolartiger Marktmacht auf Anbieterseite. In manchen Fällen führt das so weit, dass einflussreiche Wirtschaftseliten den Zugang zu Informationen und Wissen kontrollieren und beides auf eine ihren Interessen förderliche Weise manipulieren können. (…)

5.) Um wirklich uneingeschränkt effizient am Markt agieren zu können, müssen wir uns in egozentrische und amoralische Rechenmaschinen verwandeln. Solange wir daneben auch noch andere Verhaltensweisen an den Tag legen, ist das nicht unbedingt problematisch. Wenn jedoch der Markt und analoge Systeme auf immer weitere Lebensbereiche übergreifen, wie es heute der Fall ist, schafft das einen Anreiz, alle unsere sonstigen Verhaltensweisen zu unterdrücken und uns in unserem alltäglichen Handeln vor allem am Vorbild derartiger Maschinen zu orientieren.“ (Seite 194 – 199)

Diese Entwicklungen machen aus Bürgern Kunden. Das Wissen, verstanden in einem umfassenden Sinn, und die damit verbundenen Kompetenzen im Umgang mit (komplexen) Informationen und Zusammenhängen verschwinden zunehmend zugunsten einfacher Lösungen. „Im Falle des Bürgers ist der Wissensbedarf zweifellos größer, da er mehr tun kann, als zwischen von anderen angebotenen Alternativen zu wählen. Darum ist die Bereitstellung zutreffender und umfassender Informationen in einer Demokratie so wichtig. Und deshalb ist die in diesem Buch dargestellte Verfälschung von Wissen eine ernste Gefahr für die Demokratie.“ (Seite 205)

Dass Colin Crouch mit „Die bezifferte Welt“ den Finger auf eine Wunde legt, zeigt unter anderem, um in Great Britain zu bleiben, die Brexit-Abstimmung. Vor der Abstimmung sagte der damalige Justizminister Michael Gove: „Die Leute haben genug von den ganzen Experten.“ Die Wähler stimmten ihm zu und stimmten für den Brexit.

Die Folgen dürfen wir jetzt in einem Echtzeit-Großexperiment sehen. Die Experten warnten schon damals vor einem Austritt aus der EU und sie haben seitdem ihre Meinung nicht geändert.

Colin Crouch: Die bezifferte Welt – Wie die Logik der Finanzmärkte das Wissen bedroht (Postdemokratie III)

(übersetzt von Frank Jakubzik)

Suhrkamp, 2017

256 Seiten

12 Euro

Originalausgabe

The Knowledge Corrupters. Hidden Consequences of the Financial Takeover of Public Life

Polity Press, Cambridge, 2015

Hinweise

Wikipedia über Colin Crouch (deutsch, englisch)

Perlentaucher über „Die bezifferte Welt“


„Es klingelte an der Tür“ und Nero Wolfe öffnet nicht

April 5, 2017

Früher stolperte man in jeder Buchhandlung, auch der kleinsten, und jedem Antiquariat über die Nero-Wolfe-Romane von Rex Stout. Mit dem Tod von Rex Stout 1975 hörte die Wolfe-Begeisterung nicht auf. Es gab zwei, zugegeben kurzlebige, US-TV-Serien. Seit 1986 schreibt Robert Goldsborough neue Nero-Wolfe-Romane.

Und seit 1979 gibt es den Nero Wolfe Award (bzw. Nero Award), der von The Wolfe Pack im Gedenken und im Geist von Nero Wolfe (wem sonst?) verliehen wird.

Dabei wirkt Rex Stouts Nero Wolfe wie die Parodie auf den aus englischen Landhauskrimis bekannten genialen Ermittler. Nero Wolfe ist dick, unbeweglich, er verlässt aus beruflichen Gründen niemals sein Brownstone in der West 35th Street. Er züchtet Orchideen und lässt sich von Fritz fürstlich bekochen. Gut dotierte Aufträge übernimmt er nur, um seinen Lebensstandard zu sichern. Die Laufarbeit erledigt dann sein Assistent Archie Goodwin, der die Geschichten in der ersten Person erzählt. Er entspricht schon eher dem bekannten Bild des Hardboiled-PI.

Ihren ersten Auftritt hatten Nero Wolfe und Archie Goodwin 1934 in „Fer-de-Lance“ (Die Lanzenschlange). Bis 1975 veröffentlichte Stout 33 Romane und zahlreiche Kurzgeschichten und Novellen mit ihnen.

Es klingelte an der Tür“, der jetzt in einer von Conny Lösch neu übersetzten Ausgabe bei Klett-Cotta erschienen ist, ist einer der späten Wolfe-Romane. Er erschien im Original 1965. Die deutsche Übersetzung von Brigitte Weitbrecht erschien kurz darauf als „Per Adresse Mörder X“.

Die vermögende Rachel Bruner verschickte zehntausend Exemplare des FBI-kritischen Enthüllungsbuches „Das unbekannte FBI“ an Angehörige des Kabinetts, Senatoren, Staatsgouverneure, Polizeipräsidenten, Staatsanwälte, Firmenchefs und Zeitungsherausgeber.

Seitdem wird sie und ihre Familie verfolgt. Ihre Telefone werden abgehört. Sie glaubt vom FBI. Und sie möchte, dass das FBI aufhört, sie zu beobachten. Also beauftragt sie Nero Wolfe für ein mehr als erkleckliches Honorar, das zu tun.

Wolfe übernimmt den ziemlich unmöglichen Auftrag und er hat auch eine Idee, wie er, ein kleiner Privatdetektiv, das mächtige FBI besiegen kann. Damals war J. Edgar Hoover der unangefochtene FBI-Chef, der in den Jahrzehnten, in denen er das Amt inne hatte, einen Staat neben dem Staat errichtete. Er war damals von allen respektiert und gefürchtet. Seine FBI-Agenten waren, so das für die Öffentlichkeit gepflegte Bild, tadellose Agenten, die niemals gegen ein Gesetz verstoßen würden.

Anstatt das FBI direkt anzugreifen, beginnen Nero Wolfe und Archie Goodwin in einem anderen Mordfall zu ermitteln, bei dem die Polizei nicht weiterkommt. Ihr langjähriger Freund/Feind Inspector Cramer vom Morddezernat Süd glaubt, dass drei FBI-Agenten den Journalisten Moris Althaus ermordeten und seine Recherchen für einen Artikel über das FBI mitgenommen haben. Er kann es allerdings nicht beweisen.

Goodwin beginnt sich umzuhören. Er und Wolfe haben auch schnell eine Idee, wer der Täter sein könnte. Wenn Althaus nicht vom FBI ermordet wurde.

Es klingelte an der Tür“ gehört nicht zu den besten Nero-Wolfe-Romanen. Er hat auch erstaunlich viel Patina angesetzt, was vor allem an der aus heutiger Sicht unglaubwürdigen Prämisse liegt. Es klingt einfach unglaubwürdig, dass J. Edgar Hoover die Beobachtung einer harmlosen Bücherversenderin und ihrer Verwandtschaft befiehlt. Dabei stand „Es klingelte an der Tür“ auf der Liste der dem FBI nicht genehmen Schriften (heute ziemlich unvorstellbar), Rex Stouts Schwester wurde von FBI-Agenten über ihre politischen und religiösen Ansichten befragt (dito; ohne die Schwester zu kennen), Stout selbst stand seit dem Beginn seiner Karriere als Schriftsteller unter FBI-Beobachtung (wie Herbert Mitgang 1988 für sein Buch „Dangerous Dossiers: Exposing the Secret War Against America’s Greatest Authors“ herausfand) und wer sich in die Geschichte des FBI unter J. Edgar Hoover vertieft, wird da noch einige weitere unglaubliche Geschichten finden. Aber für einen Privatdetektiv-Roman der Teil einer Serie ist, ist dann zunächst die Prämisse unglaubwürdig. Sie wird von Rex Stout, abgesehen von einigen anekdotenhaften Episoden, in denen das FBI zu einer Konkurrenz für die Keystone Cops wird, nicht weiter verfolgt. Denn hätte er das getan, hätte er sich auch mit der Frage beschäftigen müssen, wie Wolfe und Goodwin das Abenteuer unbeschadet überstehen können.

Der Mordfall, den Wolfe und Goodwin aufklären, um den Auftrag ihrer Klientin zu erfüllen, ist ein Mordfall, den Inspector Cramer auch gut und gerne ohne die Hilfe des Meisterdetektivs hätte aufklären können.

Und dann gibt es einfach zu viele Zufälle und Unglaubwürdigkeiten, wie der Fundort der Tatwaffe, um als Rätselkrimi zu überzeugen.

Dabei sind die Nero-Wolfe-Krimis altmodische Rätselkrimis, in denen es viel mehr auf die kleinen grauen Zellen als auf schlagkräftige Fäuste ankommt.

Rex Stout: Es klingelte an der Tür – Ein Fall für Nero Wolfe

(übersetzt von Conny Lösch, mit einem Nachwort von Jürgen Knabe)

Klett-Cotta, 2017

248 Seiten

15 Euro

Originalausgabe

The Doorbell rang

Viking Press, New York, 1965

Frühere deutsche Veröffentlichung als „Per Adresse Mörder X“ bei Ullstein und Goldmann.

Hinweise

Krimi-Couch über Rex Stout

Kaliber 38 über Rex Stout

Wikipedia über Rex Stout (deutsch, englisch) und Nero Wolfe (deutsch, englisch)

Thrilling Detective über Rex Stout und Nero Wolfe

Wer nicht lesen will, kann sich die auf den ersten Blick werkgetreue Verfilmung ansehen


TV-Tipp für den 4. April: Ender’s Game

April 4, 2017

Pro 7 Maxx, 20.15

Ender’s Game – Das große Spiel (Ender’s Game, USA 2013)

Regie: Gavin Hood

Drehbuch: Gavin Hood

LV: Orson Scott Card: Ender’s Game, 1985 (Enders Spiel)

Der junge Ender Wiggin soll zum Anführer im Kampf gegen die außerirdischen Formics ausgebildet werden. Dabei ist Ender noch ein Kind.

Durchaus gelungene Mainstream-Verfilmung eines Science-Fiction-Klassikers, die nicht die Komplexität der Vorlage erreicht.

Mehr in meiner Besprechung des Films und der Vorlage.

mit Asa Butterfield, Harrison Ford, Ben Kingsley, Abigail Breslin, Hailee Steinfeld, Moises Arias, Viola Davis, Nonso Anozie, Aramis Knight, Jessica Harthcock

Wiederholung: Mittwoch, 5. April, 01.40 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Ender’s Game – Das große Spiel“

Moviepilot über „Ender’s Game – Das große Spiel“

Metacritic über „Ender’s Game – Das große Spiel“

Rotten Tomatoes über „Ender’s Game – Das große Spiel“

Wikipedia über „Ender’s Game – Das große Spiel“ (deutsch, englisch)

Homepage von Orson Scott Card

Phantastik-Couch über Orson Scott Card

Wikipedia über Orson Scott Card (deutsch, englisch)

Epilog: Interview mit Orson Scott Card (2004)

Meine Besprechung von Orson Scott Card (Projektleitung)/Christopher Yost (Skript)/Pasqual Ferrys (Zeichnungen) „Ender’s Game – Das große Spiel (Band 1)“ (Ender’s Game: Battle School 1 – 5, 2009)

Meine Besprechung von Orson Scott Card (Projektleitung)/Christopher Yost (Skript)/Pasqual Ferry (Zeichnungen) „Ender’s Game – Das große Spiel (Band 2)“ (Ender’s Game: Command School 1 – 5, 2010)

Meine Besprechung von Orson Scott Cards „Enders Spiel“ (Ender’s Game, 1985, 1991 erschien eine vom Autor leicht überarbeitete Ausgabe) und Orson Scott Cards „Enders Schatten“ (Ender’s Shadow, 1999)

Meine Besprechung von Gavin Hoods „Ender’s Game – Das große Spiel“ (Ender’s Game, USA 2013)

Die Vorlage

Man kann die Romane unabhängig voneinander lesen und man muss „Enders Schatten“ nicht lesen, um „Enders Spiel“ zu verstehen, aber „Enders Schatten“ ist eine wirklich lesenswerter anderer Blick auf die Ausbildung von Ender Wiggins. Und daher empfehle ich beide Romane; in chronologischer Reihenfolge.

Card - Enders Spiel - 2Card - Enders Schatten - 2

Orson Scott Card: Enders Spiel

(übersetzt von Karl-Ulrich Burgdorf)

Heyne, 2012

464 Seiten

8,99 Euro

Originalausgabe

Ender’s Game

Tor, 1985

(1991 erschien eine vom Autor leicht überarbeitete Ausgabe)

Frühere deutsche Ausgaben als „Das große Spiel“ und, als Doppelband mit dem zweiten Ender-Roman, als „Ender“.

Orson Scott Card: Enders Schatten

(übersetzt von Regina Winter)

Heyne, 2013

592 Seiten

8,99 Euro

Originalausgabe

Ender’s Shadow

Tor, 1999


„Libreville“ – ein Ausflug nach Afrika mit Mord und Totschlag – und etwas Korruption

März 24, 2017

Libreville ist die Hauptstadt von Gabun, einem Land in Afrika, das eine französische Kolonie war, in Lambaréné Albert Schweitzer sein weltweit bekanntes Hospital hatte und der Äquator verläuft durch das dünn besiedelte Land.

Libreville“ ist auch der Titel eines Kriminalromans von Janis Otsiemi, einem 1976 geborenem Gabuner, der bereits mehrere Kriminalromane schrieb, die alle noch nicht ins Deutsche übersetzt sind. Das sollte sich dringend ändern.

Die Geschichte spielt wenige Monate vor dem Tod das gabunischen Staatspräsidenten Omar Bongo, der das Land von 1967 bis zu seinem Tod am 8. Juni 2009 regierte.

Die Polizisten Pierre Koumba Owoula und Hervé Louis Boukinda Envame müssen den Mord an dem Journalisten Roger Missang aufklären. Ihr Chef möchte, dass sie den Fall schnell aufklären und so die Proteste von „Reporter ohne Grenzen“ schnell verstummen. Die beiden Ermittler vermuten, dass Missang aus politischen Gründen ermordet wurde. Ihre Einschätzung ändern sie, als sie erfahren, dass die Kugel, die sie bei Missang fanden, zu der Waffe gehört mit der vor fünf Jahren Pavel Kurka, der Sicherheitschef des Verteidigungsministers, erschossen wurde. Seitdem ist die Waffe verschwunden und der Täter läuft noch frei herum. Nach dieser Entdeckung wird auch dem Mordfall eine Staatsaffäre.

Neben der Mordermittlung müssen die beiden Polizisten mehrere kleinere Fälle aufklären und immer wieder helfen ihnen Zufälle, Glück, Spitzel und brutale Verhöre. Eine normale, westlich-zivilisierten Standards gehorchende Polizeiarbeit findet dagegen nicht statt. Die Korruption hat ein Ausmaß, das die gesamte Polizei und Verwaltung lahmlegt. Falls sie sowieso nicht schon latent arbeitsunfähig wäre. Immerhin funktionieren auf der Polizeistation die Schreibmaschinen aus der de-Gaulle-Zeit noch.

Janis Otsiemi erzählt das auf knapp zweihundert Seiten spannend und ohne Umwege. Dabei mimt er öfter den Erklärbär, der ein Publikum im Hinterkopf hat, das Libreville, Gabun und die dortigen Zustände nicht kennt.

Libereville“ ist kein Rätselkrimi (außer natürlich dem Rätsel, wie die Beamten in dieser Umgebung überhaupt Ermittlungserfolge haben können), aber ein düsterer Polizeithriller, der einen Einblick in eine fremde Welt gibt, die man nicht besuchen möchte. Denn in Otsiemis Roman gibt es nur Verbrecher und mehr oder weniger korrupte Polizisten.

Abgerundet wird der Roman von einem aktuellen Interview, das Alf Mayer mit Otsiemi führte.

Janis Otsiemi: Libreville – Ein Kriminalroman aus Gabun

(übersetzt von Caroline Gutberlet)

Polar Verlag, 2017

224 Seiten

14 Euro

Originalausgabe

African Tabloid

Jigal, 2013

Hinweise

Polar über Janis Otsiemi

Wikipedia über Janis Otsiemi


Verfilmte Bücher: „Schweigen“ ist „Silence“

März 20, 2017

Martin Scorseses Anfang März in unseren Kinos gestartete Verfilmung „Silence“ von Shusaku Endos Roman „Schweigen“ ist eine gute Gelegenheit, diesen in Japan 1966 und 1977 erstmals auf Deutsch erschienen Roman zu lesen. Vor zwei Jahren überarbeitete die damalige Übersetzerin Ruth Linhart für eine Neuveröffentlichung ihre alte Übersetzung. Der Septime Verlag ergänzte den Roman um ein Vorwort von Martin Scorsese und ein Nachwort von William Johnson, dem Übersetzer der englischen Ausgabe. In seinem Nachwort geht Johnson auch auf die historischen Hintergründe und die japanische Kultur ein.

Endo (1923 – 1996) erzählt in „Schweigen“ die Geschichte von Pater Sebastiao Rodrigues. Der Jesuit reist 1638 mit seinem Glaubensbruder Francisco Garpe nach Japan. Sie wollen die Gerüchte, die sie nicht glauben, überprüfen, nach denen der hochgeschätzte Pater Ferreira von seinem Glauben abgeschworen und zum Buddhismus konvertierte. Zu dieser Zeit wurden in Japan Christen verfolgt und das Land schottete sich immer mehr ab.

Als Rodrigues verhaftet wird, steht er vor der Frage, wie stark sein Glaube ist – und ob ihm sein Glaube den richtigen Weg weist.

Dieser Gewissenskonflikt steht im Mittelpunkt des Romans und der Verfilmung, die der Geschichte, teilweise bis in die Dialoge, ziemlich genau folgt. Allerdings verengt Scorseses Film das moralische Dilemma schon in den ersten Minuten mit Bildern von Folterungen, die Ferreira ansehen muss, auf die Frage, wie viele Gläubige der Geistliche leiden und sterben lässt, bis er dem Glauben öffentlich abschwört und so das Leid der Gläubigen beendet. Von dieser bildgewaltigen Verengung und der inzwischen für uns (also normal gläubige Christen) offensichtlichen Antwort, in dieser Situation von dem Glauben abzuschwören (und ihn privat vor den Augen Gottes weiterzupraktizieren) erholt sich der Film nie. Letztendlich hat Scorsese in diesem Moment schon die Frage seiner Geschichte beantwortet.

Im Roman ist Rodrigues auch mit dieser Frage konfrontiert. Denn der japanische Beamte Inoue stellt alle Pfarrer, die er verhört, vor diese Wahl.

Aber der Roman ist vielfältiger. Er verortet die Geschichte erkennbar an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit und spricht dabei auch die politischen und ökonomischen Hintergründe an. Der Konflikt zwischen der japanischen und der europäischen Kultur, dem Christentum und dem Buddhismus und die damit zusammenhängende individuelle Glaubenskrise von Rodrigues werden, auch wenn man über den Buddhismus wenig bis nichts erfährt, facettenreicher behandelt.

So fragt Rodrigues sich, ob sie den Japanern die Botschaft des Christentums bringen sollen. Er sieht die gläubigen Bauern, die für ihren Glauben getötet werden. Er fragt sich, warum Gott dem schweigend zusieht. Für Rodrigues ist das Schweigen Gottes ein großes Problem. Das Schweigen bedeutet auch, dass Gott ihm keine Antwort auf seine Fragen und keine Handlungsanweisung gibt.

Dieser Ruf nach einer Antwort Gottes und Rodrigues‘ Verzweiflung über das Schweigen Gottes sind natürlich auch ein Hinweis auf seine Art des Glaubens und auch die Schwäche seines Glaubens.

Am Ende steht Rodrigues, der sich und seinen Leidensweg immer wieder mit der Geschichte von Jesus Christus vergleicht, vor der Frage – und das ist eine Umformulierung der von Inoue gestellten Frage – ob er sich, wie Jesus, für die Gläubigen opfern oder ob er seinen Glauben über ihr Leid stellt. Jesus starb, wie bekannt, am Kreuz. Rodrigues würde, indem er seinem Glauben öffentlich abschwört und zum Buddhismus konvertiert, in die Fußstapfen von Jesus treten. So erklärt es jedenfalls Ferreira, der auch betont, dass Japan ein Sumpf sei, der unempfänglich für das Christentum sei.

Dieser Glaubenskonflikt spielt sich oft im Kopf von Padre Rodrigues ab. In einem Roman ist das kein Problem. Ein Roman kann über Seiten nur die Gedanken eines Menschen wiedergeben, ohne dass es langweilig wird. Gleichzeitig kann man die moralischen, philosophischen und religiösen Fragen und Thesen immer wieder nachlesen und in Ruhe über sie nachdenken.

Im Film muss in diesen Momenten mit einem Voice-Over gearbeitet werden. Das Stilmittel kann gut funktionieren. Scorsese hat es in seinen früheren Filmen oft und gekonnt eingesetzt. Es ist allerdings auch ein allgemein ungeliebtes, weil unfilmisches Stilmittel. Eine andere Möglichkeit ist es, dem Protagonisten einen Freund zur Seite zu stellen, mit dem er über seine Probleme und Gewissenskonflikte offen reden kann. Dafür hätte Scorsese sich allerdings von dem Text des Romans lösen müssen.

Ein weiterer Vorteil des Romans ist, dass die Momente, in denen Rodrigues sich mit Jesus vergleicht und er die Gemeinsamkeiten von seinem Leidensweg und dem von Jesus betont, niemals den Kitsch- und Fremdschämfaktor des Films haben. Wenn Rodrigues im Film im Wasser sein Spiegelbild ansieht, das zu dem Gesicht von Jesus wird, ist das unerträglicher Jesuskitsch. Im Roman ist es ein Satz, der die tiefe Verbundenheit von Rodrigues mit Jesus betont; – falls er nicht schon im Hungerdelirium ist.

Schweigen“ ist ein lesenswerter, zum Nachdenken anregender Roman. Im Gegensatz zur Verfilmung.

Shusaku Endo: Schweigen

(überarbeitete Neuübersetzung, aus dem Japanischen von Ruth Linhart, mit einem Vorwort von Martin Scorsese und einem Nachwort von William Johnson)

Septime Verlag, 2015

312 Seiten

22,90 Euro

Originalausgabe

Chinmoku

Verlag Shinchosha, Tokio, 1966

Die aktuelle Verfilmung

Silence (Silence, USA 2016)

Regie: Martin Scorsese

Drehbuch: Jay Cocks, Martin Scorsese

LV: Shusaku Endo: Chinmoku, 1966 (Schweigen)

mit Andrew Garfield, Adam Driver, Liam Neeson, Tadanobu Asano, Ciarán Hinds, Yosuke Kubozuka, Yoshi Oida, Shin’ya Tsukamoto, Issey Ogata, Nana Komatsu, Ryo Kase

Länge: 162 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Die erste Verfilmung

Chinmoku (Japan 1971)

Regisseur: Masahiro Shinoda

Drehbuch: Shûsaku Endô, Masahiro Shinoda

mit David Lampson, Don Kenny, Tetsurô Tanba, Mako Iwamatsu

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Silence“

Metacritic über „Silence“

Rotten Tomatoes über „Silence“

Wikipedia über „Silence“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Martin Scorseses “Hugo Cabret” (Hugo, USA 2011)

Meine Besprechung von Martin Scorseses “The Wolf of Wall Street” (The Wolf of Wall Street, USA 2013)

Meine Besprechung von Martin Scorseses „Silence“ (Silence, USA 2016)

Martin Scorsese in der Kriminalakte

Perlentaucher über Suhusaku Endos „Schweigen“


%d Bloggern gefällt das: