„Perfidia“ – James Ellroy beehrt Deutschland

März 13, 2015

Nächste Woche tourt James Ellroy mit seinem neuen Roman „Perfidia“ durch einige deutsche Städte:
KÖLN
Montag, 16. März, 19:30 Uhr
Lit.COLOGNE, Schauspiel Köln Depot 1 (Schanzenstraße 6-20, 51063 Köln)

HAMBURG
Dienstag, 17. März, 19:30 Uhr
Literaturhaus (Schwanenwik 38, 22087 Hamburg)

HANNOVER
Mittwoch, 18. März, 20:00 Uhr
Literarischer Salon Hannover (Königsworther Platz 1, 30167 Hannover)

BERLIN
Donnerstag, 19. März, 19:00 Uhr
Dussmann – Das KulturKaufhaus (Friedrichstr.90, 10117 Berlin) (das bei seiner letzten Lesung übervoll war)

MÜNCHEN
Freitag, 29. Januar, 19:00 Uhr
Krimifestival, Amerika-Haus (Waldstraße 9, 82211 Herrsching am Ammersee

Ich bin gerade beim Lesen des Romans, der mit gut eintausend Seiten volumös geraten ist. Es dürfte, unabhängig vom Drucksatz (dafür ein Lob: er sieht sehr lesefreundlich aus), sein umfangreichster Roman sein. Also noch länger als die jeweils achthundertseitigen „Ein amerikanischer Thriller“, „Ein amerikanischer Albtraum“ und „Blut will fließen“. Die waren, weil Ellroy in seiner „Underworld USA“-Trilogie die Marotte hatte, seitenlang aus Zeitungsberichten, Aktennotizen und Protokollen zu zitieren und seine Sätze auf möglichst wenige Worte einzudampfen, fast unlesbar. Dass er gleichzeitig das Bild einer großen Verschwörung, in der alle irgendwie beteiligt sind und alles miteinander zusammenhängt, entwarf, half nicht. Stattdessen hatte ich oft den Eindruck, dass er eine Best-of populärer Agententhriller, Privatdetektiv- und Polizeiromane, versetzt mit populären Verschwörungstheorien und exzessivem Name-Dropping, schrieb, in der, weil die Handlung sich über mehrere Jahre quer über den Globus bewegte (halt überall, wo die CIA mitmischte) und keinen erzählerischen Fokus mehr hatte. Jedenfalls keinen Fokus, der auf eine nachvollziehbare Geschichte gerichtet war. Stattdessen ging es ihm eher um das Bild und das Gefühl einer allumfassenden Verschwörung.
Dagegen ist der erste Eindruck von seinem neuen Roman „Perfidia“ schon einmal positiv. James Ellroy kehrt zurück nach Los Angeles. Der Roman spielt in einer begrenzten Zeit (6. – 29. Dezember 1941) und James Ellroy schreibt, endlich wieder ganze Sätze. Ja! James ELLROY schreibt! Gaaaanze Sätze!!!
Er verzichtet auch, wie ein kurzes Blättern im Buch zeigt, auf Zeitungsberichte und Aktennotizen. Es gibt nur viele Ausschnitte aus dem Tagebuch von Kay Lake.
Auch die Geschichte beginnt gut: Eine japanische Familie wird tot aufgefunden. Anfangs ist unklar, ob es sich um Mord oder Selbstmord handelt. Der japanischstämmige, extrem intelligente Hideo Ashida findet schon am Tatort genug Hinweise für einen Mord, um Ermittlungen zu initieren. Als die Japaner Pearl Harbor überfallen, wird aus dem banalen Mordfall ein politisch wichtiger Mordfall, der unbedingt mit der Überführung des richtigen Täters (vulgo eines Japaners) aufgeklärt werden soll.

Aber dann – ich bin jetzt auf Seite 379 und meine Leselust ist inzwischen nicht mehr besonders groß – beginnt James Ellroy ein breites, ungeheuer detailreiches Panorama von Los Angeles nach Pearl Harbor zu entwerfen. Die Mordermittlung bewegt sich nicht mehr wirklich voran. Stattdessen geht es, in einem Gestrüpp von kaum miteinander zusammenhängenden Handlungssträngen, um Korruption in der Polizei. Politische Intrigen. Den Kampf gegen die Kommunisten. Die Angst vor den Japanern. Und natürlich alle möglichen fünften Kolonnen, die als Kämpfer versuchten, möglichst unerkannt im Feindesland zu leben und Sabotage zu betreiben.
Und ungefähr jede zweite Seite werden ein, zwei Knochen gebrochen, was uns – immerhin sind die Knochenbrecher immer Polizisten – sicher einiges über Polizeibrutalität verraten soll, aber nach dem ersten Dutzend gebrochener Arme nur noch langweilt.
Das liest sich immer mehr wie eine Neuauflage von „L. A. Confidential“. Nur schlechter und länger.
Insofern ist die Ankündigung von James Ellroy, dass „Perfidia“ der Auftakt zu einem zweiten „L. A. Quartett“ werden soll, das zeitlich vor dem bekannten „L. A. Quartett“ („Die schwarze Dahlie“, „Blutschatten“, „L. A. Confidential“ und „White Jazz“) spielt und in dem viele aus diesen Romanen bekannte Charaktere wieder auftauchen, fast wie eine Drohung.
Aber vielleicht braucht Ellroy auch nur einen guten Lektor, der beherzt dicke Schneisen in das erzählerische Gestrüpp schlägt und den Roman auf fünfhundert Seiten eindampft.

Ellroy - Perfidia - 4

James Ellroy: Perfidia
(übersetzt von Stephen Tree)
Ullstein, 2015
960 Seiten
25 Euro

Originalausgabe
Perfidia
Alfred A. Knopf, 2014

Hinweise

Meine Besprechung der James-Ellroy-Verfilmung “Rampart – Cop außer Kontrolle” (Rampart, USA 2011)

Meine Besprechung von James Ellroys Underworld-USA-Trilogie (Ein amerikanischer Thriller, Ein amerikanischer Albtraum, Blut will fließen)

Meine Besprechung von James Ellroys “Der Hilliker-Fluch – Meine Suche nach der Frau” (The Hilliker Curse – My Pursuit of Women, 2010)

James Ellroy in der Kriminalakte


Verhindert James Bond die „Kernschmelze“?

März 3, 2015

Gardner - James Bond - Kernschmelze

1981, sechzehn Jahre nachdem Ian Flemings letzter James-Bond-Roman „Der Mann mit dem goldenen Colt“ posthum erschienen war und Kingsley Amis als Robert Markham bereits 1968 mit „Colonel Sun“ ein einmaliges Gastspiel als Bond-Autor gab, übernahm John Gardner für sechzehn Romane (inclusive zwei Filmromane), die bis 1996 erschienen und die nicht alle ins Deutsche übersetzt wurden, das Zepter.
In seinem ersten Bond-Roman „Kernschmelze“, der jetzt in neuer Übersetzung vorliegt, knüpft Gardner dann auch an die klassischen Bond-Romane an und, nach der Lektüre der Bond-Wiederbelebungsversuche der letzten Jahre, die alle, aus verschiedenen Gründen, enttäuschten, ist es eine Wohltat einen richtig altmodischen James-Bond-Roman zu lesen, der genau das liefert, was man von einem Bond-Roman erwartet: technische Spielereien, schöne und willige Frauen, einen Superschurken, skrupellose Handlanger, einen diabolischen Plan und Orte, an denen man seine Ferien verbringen möchte. Wie ein im malerischen Nirgendwo in Schottland liegendes Schloß mit allen möglichen Extras, wie einem Kommandostand (weil der Bösewicht ja stilgerecht seine Befehle geben muss) und einem Folterkeller (weil James Bond ja gefoltert werden muss).
Der Schloßherr ist Dr. Anton Murik, Laird of Murcaldy, ein brillianter Kernphysiker, der ein hundertprozentig sicheres Kernreaktorsystem erfunden hat. Um die restliche Welt von seinem Murik-Ultrasicher-Reaktor zu überzeugen, plant er mit dem internationalen Terroristen Franco (da stand wohl ‘Carlos, der Schakal’ Pate) eine gleichzeitige Besetzung von sechs, über den gesamten Globus verteilten Kernkraftwerken. Er will eine horrende Summe von den Regierungen erpressen. Aber James Bond und der grundgute britische Geheimdienst ist ihm schon auf der Fährte. Mit einem Trick schleicht Bond sich bei Murik ein und wird auf den altehrwürdigen Familiensitz in den Highlands eingeladen.
„Kernschmelze“ überzeugt vor allem als James-Bond-Roman, der die vertrauten Elemente aus Ian Flemings Bond-Romanen und den klassischen James-Bond-Filmen gut anrichtet und, bei einer überschaubaren Geschichte, die vor allem durch ihre Detailtreue besticht, flott unterhält, weil sie sich ständig weiter auf die finale Konfrontation zwischen den beiden Kontrahenten hin bewegt. Damit liefert die einfache Story genau das, was der Bond-Fan will: einen ordentlichen Kampf zwischen dem tapferen Agenten mit der Lizenz zum Töten und einem durchgeknallten Bösewicht, der vor allem die Welt vernichten will, grundiert mit etwas Zeitkolorit. Denn Murik sieht sich mit seinem Plan auch als Kämpfer für eine saubere Umwelt und gegen die globale Erwärmung.
John Gardners Einstieg in die James-Bond-Welt ist ziemlich pulpig, ziemlich fantastisch, ziemlich unterhaltsam – und fernab der John-le-Carré-Spionagewelt.
Da akzeptiert man auch den Saab 900 Turbo als James Bonds neues Auto. Immerhin hat er einige Extras einbauen gelassen.

John Gardner: James Bond – Kernschmelze
(übersetzt von Anika Klüver und Stephanie Pannen)
Cross Cult, 2014
384 Seiten
12,80 Euro

Originalausgabe
James Bond – Licence Renewed
Jonathan Cape, 1981

Deutsche Erstausgabe
Countdown für die Ewigkeit
Scherz, 1982

Hinweise

Homepage von John Gardner

Wikipedia über John Gardner (deutsch, englisch)

Wired for Books unterhält sich mit John Gardner (1984 und 1985 – zwei Audiofiles)

Universal Exports: Interview mit John Gardner (ungefähr von 2004 – und nach dem Ende seiner Bond-Serie)

Dr. Shatterhand’s The Question Room – befragt John Gardner (ebenfalls nach dem Ende seiner Bond-Serie, aber natürlich über seine Bond-Romane)

Homepage von Ian Fleming

Meine Besprechung von Sebastian Faulks’ James-Bond-Roman „Der Tod ist nur der Anfang“ (Devil may care, 2008)

Meine Besprechung von Jeffery Deavers James-Bond-Roman “Carte Blanche” (Carte Blanche, 2011)

Meine Besprechung von William Boyds James-Bond-Roman “Solo” (Solo, 2013)

Meine Besprechung von Ian Flemings ersten drei James-Bond-Romanen “Casino Royale”, “Leben und sterben lassen” und “Moonraker”

Meine Besprechung des James-Bond-Films „Skyfall“ (Skyfall, GB/USA 2012)

James Bond in der Kriminalakte

Ian Fleming in der Kriminalakte


Thomas Perry enthüllt „Das Vermächtnis der Maya“

Februar 18, 2015

Cussler - Perry - Das Vermächtnis der Maya - 2

Ein neuer Roman von Thomas Perry ist für Krimifans natürlich eine gute Nachricht. Mit seinen ersten beiden Romanen „Abrechnung in Las Vegas“ (The Butcher’s Boy, 1982), das den Edgar-Allan-Poe-Preis als bestes Debüt erhielt, und „Der Tag der Katze“ (Metzger’s Dog, 1983) schrieb er gleich zwei veritable Klassiker. Später war seine Serie mit Jane Whitefield, über eine Indianerin, die Menschen beim Untertauchen hilft, mit der er zwischen 1994 und 1999 fünf, auch ins Deutsche übersetzte, Romane veröffentlichte, ziemlich beliebt. Aber in Deutschland setzte er sich nie richtig durch und seit einem Jahrzehnt wird er, obwohl er ungefähr im Jahresturnus einen normalerweise hochgelobten Roman veröffentlicht, nicht mehr übersetzt.
Außer die beiden Fargo-Romane, die aus Clive Cusslers Schreibwerkstatt stammen. Denn Clive Cussler, der mit seinem Abenteuerthriller „Hebt die Titanic“ (Raise the Titanic, 1976) und dem Protagonisten Dirk Pitt die Leserherzen eroberte, lässt seit einigen Jahren, wie James Patterson, unter seinem Namen als verkaufsförderndes Gütesiegel Romane schreiben, die in die Clive-Cussler-Welt passen und in denen sein Name groß und, kleiner, der des Co-Autors auf dem Cover stehen. Normalerweise erledigt der unbekanntere Co-Autor die Schreibarbeit und die Geschichte wird vorher mit dem Namensgeber abgesprochen. Bei Clive Cussler sind es Abenteuerthriller, in denen historische Entdeckungen im Mittelpunkt stehen.
So auch in Thomas Perrys zweiten Roman mit dem Ehepaar Sam und Remi Fargo, die bereits in mehreren Romanen von Grant Blackwood Abenteuer erlebten und die Perry bereits in „Das fünfte Grab des Königs“ (The Tombs, 2012) auf Abenteuerreise schickte. Sie sind ein vermögendes Ehepaar, das um die Welt reist und historische Artefakte sucht. Zufällig finden sie bei einer Hilfsaktion nach einem Erdbeben in Mexiko ein altes Maya-Buch, das auch die Karte zu weiteren Maya-Orten enthält. Es ist wahrscheinlich die größte Entdeckung über die Kultur der Maya.
Millionerbin Sarah Allersby, die ihren Ruf von Partygirl zur anerkannten Archäologin und Förderin wandeln will, will das Buch unbedingt haben. Um dieses Ziel zu erreichen schreckt sie auch nicht vor verbrecherischen Mitteln zurück. Durch einen dreisten Betrug gelangt das Buch in ihre Hände.
Die Fargos wollen Allersby davon abhalten, die historischen Stätten zu plündern. Zwischen ihnen entsteht ein Kampf um das Buch, die in ihm verzeichneten Kulturstätten und den Umgang mit den dort vermuteten historischen Artefakten.
„Das Vermächtnis der Maya“ ist ein Abenteuerroman, der banalen Art mit ziemlich blassen Charakteren und zu vielen Klischees. Denn im Gegensatz zum missverständlichen Klappentext geht es einfach nur um den Kampf zwischen den Fargos und Allersby und die Frage, wer zuerst eine historsche Stätte entdeckt. Das Ehepaar will sie den Wissenschaft geben, Allersby will ihren Ruf verbessern und auch einige Schätze gewinnbringend veräußern. Dieser Kampf zwischen ihnen entwickelt sich in einer episodischen, vor sich hin plätschernden Geschichte, die man flott lesen kann, die aber den Humor, die irrwitzigen Twists und die ätzende Satire von „Der Tag der Katze“ vermissen läßt und Thomas-Perry-Fans enttäuscht, aber vielleicht Clive-Cussler-Fans befriedigt. Immerhin wird „Das Vermächtnis der Maya“ in erster Linie als Clive-Cussler- und nicht als Thomas-Perry-Roman rezipiert.
Ach ja: Nach einer zehnjährigen Pause hat Thomas Perry seit 2009 drei neue Jane-Whitefield-Romane veröffentlicht. „Runner“ (2009), „Poison Flower“ (2012) und „A String of Beads“ (2014) sind alle noch nicht übersetzt.
Da könnte ein deutscher Verlag mal einen Übersetzer dransetzen. Und natürlich an Perrys Einzelromane, die alle verdammt gut sein sollen.

Clive Cussler/Thomas Perry: Das Vermächtnis der Maya – Ein Fargo-Roman
(übersetzt von Michael Kubiak)
Blanvalet, 2015
480 Seiten
9,99 Euro

Originalausgabe
The Mayan Secrets
Putnam, 2013

Hinweise
Englische Homepage von Clive Cussler
Deutsche Homepage von Clive Cussler (die Blanvalet-Seite)
Homepage von Thomas Perry
Krimi-Couch über Thomas Perry
Wikipedia über Thomas Perry (deutsch, englisch)


Aufschieber John Perry rät philosophisch „Einfach liegen lassen“

Februar 16, 2015

Es gibt so viele wichtige Dinge zu tun – und am Ende putzt man die Wohnung, schichtet einige Papiere um, sortiert die Plattensammlung um (Alphabetisch? Chronologisch? Welche Chronologie? Thematisch? Nick Hornby hilf!) oder liest ein Buch. Zum Beispiel „Einfach liegen lassen – Das kleine Buch vom effektiven Arbeiten durch gezieltes Nichtstun“ von John Perry, emeritierter Professor für Sprachphilosphie an der Stanford University. Und er reiht sich mit diesem Buch, „eine Art philosophischer Selbsthilfekurs für deprimierte Dauertrödler“ (seine sprachphilosophischen Werke sind sicher schwerer zu lesen), in die höchst angenehme angloamerikanische Philosophietradition ein, die gar nicht die großen Weisheiten verkünden, sondern pragmatische Lebenshilfe und kluge Einsichten in die Conditio Humana geben will, ohne eine gute Pointe, gerne auf eigene Kosten, zu vernachlässigen. Damit umschifft Perry auch elegant die Falle von fast jedem Ratgeber: den Dogmatismus, dass es nur diesen einen Weg gibt und dass deshalb alle Menschen sich danach ausrichten müssen. Zum Beispiel besonders effizient ihre Arbeit erledigen, alles in einer bestimmten Form auf dem Schreibtisch anordnen zu müssen und am Ende den Schreibtisch sauber zurückzulassen. Oder sein E-Mail-Eingangspostfach am Abend aufgeräumt zu haben. Unbedingt. Alles andere ist der Hinweis auf ein großes Defizit in der Persönlichkeitsbildung. Man leidet zum Beispiel an Prokastination. Man ist ein unorganisierter Aufschieber. Eine Last für die aus vernünftigen Menschen bestehende rationale Gesellschaft.
Nun, ja, stimmt irgendwie. Löst aber nicht das Problem und fragt auch nicht danach, ob Aufschieberitis wirklich ein Problem ist.
Für John Perry ist es, solange es im Zustand des gepflegten Nichtstun bleibt, kein Problem. Man muss halt nur mit seinen vermeintlichen Defiziten so umgehen, dass am Ende doch einiges geschafft wurde und man keine anderen Menschen schädigt und auch nicht die wirklich wichtigen Dinge, wie die Steuererklärung, verschlampt. Seine kurzweiligen und amüsanten Überlegungen sind natürlich von seinem Alltag an der Universität geprägt, die eine ganz eigene Subkultur ist. Davon abgesehen gelten sie vor allem für Berufe, in denen man sich seine Arbeit ziemlich frei einteilen kann. Ein Busfahrer wird während seiner Arbeit nicht mit dem Problem konfrontiert werden, weil er einen Fahrplan hat. Aber jeder Büromensch kann sich von Perrys Buch anregen lassen. So hat Perrys Idee, die ganze Arbeit auf einer großen runden Platte abzulegen und dann, durch Drehen sich die nächste wichtige Arbeit auszusuchen, ihren Charme, aber sie erfordert einen großen Raum, in dem man ungestört arbeiten kann. Das dürften die Wenigsten haben, aber auch ich lege meine Arbeit gerne so hin, dass ich sie sehe und sie besser nebeneinander als übereinander liegt; was natürlich den angenehmen Effekt hat, dass man am Anfang unglaublich viel Arbeit vor sich hat und am Ende unglaublich viel getan hat. Ein großer Schreibtisch, viel freier Boden und sonstige weitere Ablegeflächen sind da gut. Es darf allerdings kein Windhauch oder ein anderes Wesen (Frauen, Kinder, Hunde haben den gleichen katastrophalen Effekt) durch das Zimmer gehen.
Perry verrät uns auch, wie er seine E-Mails bearbeitet (weil der erfahrene Aufschieber seine E-Mails niemals effektiv sortieren will), wie man sich die richtigen Arbeitspartner aussucht und es gibt, immerhin ist Perry Philosoph, auch einige philosphische Gedanken. Einmal gebündelt am Ende des Büchleins mit den hochtrabenden Namen, einmal nebenbei ausgebreitet im gesamten Buch.
Und dann hilft noch eine klug geführte Prioritätenliste. Dieses „Aufschieben nach Plan“ funktioniert auf den ersten Blick wie eine gewöhnliche Prioritätenliste (die wichtigste und dringenste Aufgabe steht oben und muss als erstes erledigt werden), aber der erfahrene Aufschieber sucht sich, so Perry, dafür die richtigen Projekte vor: „Die idealen Projekte weisen zwei Eigenschaften auf: Erstens muss es so aussehen, als wäre eine bestimmte Frist einzuhalten (obwohl das in Wirklichkeit gar nicht stimmt). Zweitens muss es so aussehen, als wären sie unheimlich wichtig (was genauso wenig stimmt). Zum Glück wimmelt es in unserem Leben von solchen Aufgaben.“
Natürlich sollte man jetzt nicht den ganzen Tag an seiner Prioritätenliste arbeiten. Obwohl man sie natürlich ständig umstellen muss und natürlich betrügt man sich selbst, indem man unwichtige Projekte ganz vorne auf die Liste setzt, sie nicht bearbeitet (was man nie wollte) und stattdessen andere Aufgaben erledigt. „Aber das ist überhaupt kein Problem, sind doch so gut wie alle Aufschieber in hohem Maße mit der Gabe der Selbsttäuschung gesegnet. Und was gäbe es Eleganteres, als den einen Charakterfehler mit einem anderen auszuhebeln?“
Und jetzt meldet sich mein Magen. Das lässt sich nicht aufschieben.

Perry - Einfach liegen lassen - 2

John Perry: Einfach liegen lassen – Das kleine Buch vom effektiven Arbeiten durch gezieltes Nichtstun
(übersetzt von Marie Andreas)
Goldmann, 2015
128 Seiten
7,99 Euro

Deutsche Erstausgabe
Riemann Verlag, 2012

Originalausgabe
The Art of Procrastination – A Guide to Effective Dawdling, Lollygagging and Postponing
Workman Publishing Company, 2012

Hinweise, mit denen man gut andere, wichtigere Aufgaben aufschieben kann

Homepage von John Perry

Stanford-Homepage von John Perry

Structured Procrastination (Seite von John Perry über das Aufschieben)

Philosophy Talk (eine Radiosendung von John Perry und Ken Taylor)

Wikipedia über John Perry (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Die Thomas-Pynchon-Verfilmung „Inherent Vice – Natürliche Mängel“

Februar 13, 2015

Die Banknoten mit dem Konterfei von Richard Nixon haben es leider nicht von Thomas Pynchons Roman „Natürliche Mängel“ in Paul Thomas Andersons Verfilmung „Inherent Vice – Natürliche Mängel“ geschafft. Abgesehen von dieser Kleinigkeit folgt Anderson dem 480-seitigen Roman erstaunlich genau, verstärkt – vor allem am Anfang – etwas den erkennbaren Plot und suhlt sich ansonsten im Früh-Siebziger-Jahre-Feeling, während er Larry ‘Doc’ Sportello (Joaquin Phoenix) als dauerbekifften Privatdetektiv durch einen labyrinthischen Plot schlurfen lässt, der nie auf eine irgendwie erkennbare Lösung angelegt ist.
Doc soll, beauftragt von einer Ex-Freundin Shasta, ihren Liebhaber, den spurlos verschwundenen Baumogul Mickey Wolfmann, der halb Los Angeles gentrifiziert, suchen. In Wolfmans Verschwinden sind auch seine Leibwächter und eine im Gefängnis entstandene Verbindung zwischen der Arischen Bruderschaft und der Black Guerilla Family, die im Gefängnis entdeckten, dass sie einen gemeinsamen Feind haben, involviert.
Doc soll auch Coy Harlington, einen Saxophonisten einer Surf-Rock-Band, finden. Seine Frau glaubt nicht, dass er an einer Überdosis gestorben ist.
Und alle sind irgendwie mit der „Golden Fang“ verbunden.
Bei seinen zahlreichen Ermittlungen trifft Doc mehr als einmal auf LAPD-Detective Christian F. ‘Bigfoot’ Bjornsen mit dem ihn eine wahre Haßliebe verbindet. Bigfoot ist ein überlebensgroßer Fünfziger-Jahre-Polizist, ein John-Wayne-Möchtegern und die archetypische Verkörperung des faschistoiden Polizisten, der auch im Fernsehen (Hey, wir sind in Hollywood!) nach Serienruhm giert und wenn er Doc besucht, normalerweise seine Tür eintritt.
Das klingt nicht nur, das ist im Buch und im Film, ein Megacut des bekannten Hardboiled- und Noir-Kanons: Raymond Chandlers Philip-Marlowe-Geschichten, James Ellroy, vor allem „L. A. Confidential“, die Verfilmungen dieser Romane, Roman Polanskis „Chinatown“, Joel und Ethan Coens „The Big Lebowski“ (aber nicht so witzig), gekreuzt mit der „Illuminatus!“-Trilogie von Robert Shea und Robert A. Wilson. Wobei gerade der erste Band „Illuminatus! – Das Auge in der Pyramide“ als absolut durchgeknallt Satire auf alle Verschwörungstheorien eigentlich das Ende aller Verschwörungstheorien ist.
Diese Vorbilder sind immer deutlich erkennbar. Im Buch noch mehr als im Film, der durch seine gute Besetzung und seine oft gewitzte Inszenierung punktet und die eben genannten Vorbilder in den Hintergrund rückt, während der Roman immer eine Pastiche bleibt, die vor allem die Filmbilder aus den bekannten Noirs heraufbeschwört. Auch weil Pynchon immer wieder filmische Vorbilder anspricht und Doc ein Fan des Schauspielers John Garfield ist.
Und beide Male ist die Geschichte viel zu lang geraten. Der Roman umfasst fast 480 Seiten. Der Film dauert gut 150 Minuten. Denn beide Male folgen wir einer weitgehend plotlosen Erzählung, die einfach so, wie ein Drogentraum, vor sich hin mäandert, bis Doc über die Lösungen seiner Fälle stolpert oder sich der Fall, in einem Nebensatz, in Luft auflöst. Und im Hintergrund gibt es eine große Verschwörung, die etwas mit der oder dem „Golden Fang“ zu tun hat und die alles und nichts sein kann. Also auch eine zufällige Namensgleichheit oder eine paranoide Hippie-Fantasie, die alles mit allem verknüpft.
Paul Thomas Anderson erzählt hier seine Geschichte Kaliforniens weiter. „There will be blood“ (über den Ölboom kurz nach der Jahrhundertwende) und „The Master“ (über einen Sektenführer in den Nachkriegsjahren) spielten vor und „Boogie Nights (über die Porno-Filmindustrie in den Siebzigern und Achtzigern) nach „Inherent Vice“. Jetzt geht es um die Flower-Power-Jahre und das damalige Geflecht von freier Liebe, Drogenexzessen, Kulten und der Wirtschaft. Das ist, auch dank der grandiosen Schauspieler, des Lokalkolorits, der pointierten Inszenierungen und archetypischer Bilder immer unterhaltsam und eine deutliche Einladung, sich noch einmal die Klassiker anzusehen.
Denn Anderson sagt hier nichts, was nicht schon Robert Altman in seiner grandiosen Raymond-Chandler-Verfilmung „Der Tod kennt keine Wiederkehr“ (The long Goodbye, USA 1972) gesagt hat. Oder die Coens, einige Jahre später, in „The Big Lebowski“.

Inherent Vice - Plakat

Inherent Vice – Natürliche Mängel (Inherent Vice, USA 2015)
Regie: Paul Thomas Anderson
Drehbuch: Paul Thomas Anderson
LV: Thomas Pynchon: Inherent Vice, 2009 (Natürliche Mängel)
mit Joaquin Phoenix, Josh Brolin, Owen Wilson, Katherine Waterston, Reese Witherspoon, Benicio Del Toro, Martin Short, Jena Malone, Joanna Newson, Eric Roberts, Hong Chau, Michael Kenneth Williams, Martin Donovan, Sasha Pieterse
Länge: 149 Minuten
FSK: ab 16 Jahre

Die Vorlage

Pynchon - Natürliche Mängel - 4

Thomas Pynchon: Natürliche Mängel
(übersetzt von Nikolaus Stingl)
rororo, 2012
480 Seiten
11,99 Euro

Deutsche Erstausgabe/Gebundene Ausgabe
Rowohlt, 2010

Originalausgabe
Inherent Vice
The Penguin Press, 2009

Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Film-Zeit über „Inherent Vice – Natürliche Mängel“
Moviepilot über „Inherent Vice – Natürliche Mängel“
Metacritic über „Inherent Vice – Natürliche Mängel“
Rotten Tomatoes über „Inherent Vice – Natürliche Mängel“
Wikipedia über „Inherent Vice – Natürliche Mängel“ (deutsch, englisch) und über Thomas Pynchon
Perlentaucher über Thomas Pynchons „Natürliche Mängel“

Ein Gespräch mit Paul Thomas Anderson über “Inherent Vice”

und die Pressekonferenz/Q&A beim NYFF

 


Empfehlenswerte Kriminal- und Science-Fiction-Romane – wieder aufgelegt, meist in neuen Übersetzungen

Februar 11, 2015

Jetzt, wo Don Winslows neuer Roman auf meinem Schreibtisch liegt, will ich schnell auf einige empfehlenswerte Kriminal- und Science-Fiction-Romane hinweisen, die ältere Semester vielleicht schon in ihrem Bücherregal stehen haben. Trotzdem lohnt sich auch für sie ein Blick in die Neuausgaben. Denn oft wurde vom Verlag nicht nur ein neues Cover, sondern fast immer auch eine neue Übersetzung spendiert.

Winslow - London Undercover

Zum Beispiel bei Don Winslows neuem Roman, der eine Neuausgabe von seinem ersten Roman ist. Damals erschien „A Cool Breeze on the Underground“ (1991) als „Ein kalter Hauch im Untergrund“ bei Piper, der auch die nächsten beiden Neal-Carey-Romane veröffentlichte, aber beim vierten und fünften Carey-Roman ausstieg.
Don Winslow begann, was natürlich alles Winslowianer wissen, seine Schriftstellerkarriere mit einer Privatdetektiv-Serie. Neal Carey ist ein Waise, der sich in New York als Taschendieb durchschlug, bis er von Joe Graham erwischt, adoptiert und ein Teil der „Freunde der Familie“, einer geheimen Abteilung einer kleinen Privatbank, die ihren Kunden unauffällig aus der Klemme hilft, wurde.
Zwischen 1991 und 1996 erschienen fünf Carey-Krimis, in den Carey den halben Globus bereist. Danach ließ Don Winslow Weltreisen und Neal Carey links liegen. Schriftstellerisch versteifte er sich auf Kalifornien und er wurde zuerst in den USA und, mit jahrelanger Verspätung, auch in Deutschland, nachdem Winslow bei Piper und Goldmann kein Glück hatte, bei Suhrkamp zu einem abgefeierten Krimi-Autor. Inzwischen erscheinen Winslows neue Thriller bei Knaur, aber Suhrkamp hat noch die Rechte an seiner Backlist, die jetzt mit „London Undercover“ (so der neue deutsche Titel von „A Cool Breeze on the Underground“) bei uns veröffentlicht wird. Sogar mit einer neuen Übersetzung von Conny Lösch.
In seinem ersten Fall soll der 23-jährige Student, Bücherwurm und Manchmal-Privatdetektiv Neal Carey in London die spurlos verschwundene Tochter eines US-Senators finden – und wir dürfen eine Reise in die Vergangenheit, in die Zeit, als Männer noch täglich mehrere Tageszeitungen lasen, unternehmen. Oh, und Punk noch nicht tot war, sondern gerade gegen den bombastischen Prog-Rock und alles andere rebellierte.
Die nächsten Neal-Carey-Neuübersetzungen sind schon angekündigt. Im April erscheint bei Suhrkamp „China Girl“, im Juni „Holy Nevada“ und im August „Lady Las Vegas“ (der bislang noch nicht auf Deutsch erschienene vierte Neal-Carey-Roman). Die deutsche Publikation von seinem letzten Auftritt „While Drowning in the Desert“ ist noch nicht angekündigt. Aber ich tippe auf Oktober.

Don Winslow: London Undercover – Neal Careys erster Fall
(übersetzt von Conny Lösch)
Suhrkamp, 2015
384 Seiten
9,99 Euro

Originalausgabe
A Cool Breeze on the Underground
St. Martin’s Press, 1991

Deutsche Erstausgabe (übersetzt von Ulrich Anders)
Ein kalter Hauch im Untergrund
Piper, 1997

Hinweise

Thrilling Detective über Neal Carey

Hollywood & Fine: Interview mit Don Winslow (11. Juli 2012)

Homepage von Don Winslow (etwas veraltet, weil eigentlich eine Verlagsseite)

Deutsche Homepage von Don Winslow (von Suhrkamp)

Don Winslow twittert ziemlich oft

Meine Besprechung von Don Winslows „Pacific Private“ (The Dawn Patrol, 2008)

Meine Besprechung von Don Winslows „Pacific Paradises“ (The Gentlemen’s Hour, 2009) und „Tage der Toten“ (The Power of the Dog, 2005)

Meine Besprechung von Don Winslows „Bobby Z“ (The Death and Life of Bobby Z, 1997)

Meine Besprechung von Don Winslows „Satori“ (Satori, 2011)

Mein Interview mit Don Winslow zu “Satori” (Satori, 2011)

Meine Besprechung von Don Winslows “Savages – Zeit des Zorns” (Savages, 2010)

Meine Besprechung von Don Winslows “Kings of Cool” (The Kings of Cool, 2012)

Meine Besprechung von Don Winslows „Vergeltung“ (Vengeance, noch nicht erschienen)

Meine Besprechung von Don Winslows “Missing. New York” (Missing. New York, noch nicht erschienen)

Meine Besprechung von Oliver Stones Don-Winslow-Verfilmung „Savages“ (Savages, USA 2012)

Don Winslow in der Kriminalakte

Trevanian - Der Experte - 2

Bleiben wir gerade in England, in London, in den Siebzigern, als in den Pubs noch ungehemmt geraucht wurde. Jonathan Hemlock hat sich in „Der Experte“ (The Loo Sanction“, 1973) nach London zurückgezogen. Hier will er ein ruhiges Leben ohne Straftaten und Geheimdienstkomplotte leben.
Als in der Kathedrale St.-Martin’s-In-The-Fields ein wichtiges Mitglied der Oberschicht ermordet wird, bittet eine Geheimorganisation Jonathan Hemlock um Hilfe. Hemlock kann das Angebot nicht ablehnen. Seine Ermittlungen führen ihn zu Maximilian Strange, einem Clubbesitzer, der heimlich seine hochstehenden Gäste belauscht und filmt. Strange will sein Wissen versilbern.
Als Teenager hat mir der zweite Hemlock-Thriller gefallen.
Es ist schön, dass die drei Hemlock-Thriller „Im Auftrag des Drachen“, „Der Experte“ und „Shibumi“ wieder erhältlich sind. Ergänzend kann man Don Winslows Hemlock-Thriller „Satori“ lesen, der in die abenteuerliche Vergangenheit von Hemlock führt.
Nach Angaben des Heyne-Verlages handelt es sich um eine „vollständig überarbeitete Neuausgabe“ von „Der Experte“.

Trevanian: Der Experte
(übersetzt von Werner Peterich)
Heyne, 2014
448 Seiten
9,99 Euro

Originalausgabe
The Loo Sanction
Crown Publishers, 1973

Zahlreiche frühere deutschsprachige Ausgaben.

Hinweise

Homepage von Trevanian

Wikipedia über Trevanian

L. A. Times: Nachruf auf Rod Whitaker (19. Dezember 2005)

Meine Besprechung von Trevanians “Im Auftrag des Drachen” (The Eiger Sanction, 1972)

Meine Besprechung von Trevanians “Shibumi” (Shibumi, 1979)

McIlvanney - Laidlaw
Bleiben wir weiterhin in den Siebzigern, gehen aber etwas weiter in den Norden. Nach Glasgow, wo Detective Inspector Jack Laidlaw arbeitet.
Er wurde von William McIlvanney erfunden, der nicht sonderlich produktiv, aber einflußreich ist. Er gilt als Begründer des Tartan Noir, Rebus-Erfinder Ian Rankin bekennt, dass er ohne die Laidlaw-Romane kein Krimischriftsteller geworden wäre, und Martin Compart schreibt im Nachwort zur DuMont-Ausgabe von „Laidlaw“ über William McIlvanney: „Seine stilistische Brillanz, sein Gespür für Charaktere und Atmosphäre und die moralische Dimension seiner Kriminalromane, die weit über den Standards des Genres liegen, haben ihm nicht nur Vergleich mit Chandler und Ross Macdonald eingebracht, sondern ihn auch zum Geheimtip als einem der besten lebenden Kriminalliteraten werden lassen. Allein seine geringe Produktivität im Genre hat ihn nach Ansicht der Spezialisten daran gehindert, als führender britischer Autor des Genres weltweit Anerkennung und Bestsellererfolg einzuheimsen. Es gibt wenige zeitgenössische Noir-Autoren, die ihr Material so vielschichtig anlegen und so souverän handhaben.“
Im ersten Laidlaw-Roman, der auch einfach „Laidlaw“ heißt, jagt Detective Inspector Jack Laidlaw von dr Glasgower Polizei den Zwanzigjährigen Tommy Bryson, der ein junges Mädchen ermordetete, weil er beweisen wolle, dass er nicht homosexuell ist. Jetzt ist Tommy nicht nur vor der Polizei auf der Flucht.
Als ich damals, als „Laidlaw“ in der kurzlebigen DuMont-Noir-Reihe erschien und ich den Roman begeistert verschlungen hatte, freute ich mich schon auf die nächsten Laidlaw-Romane, die dann doch nicht übersetzt wurden und irgendwie kam ich nicht dazu, mir die Originale (Waren die damals überhaupt erhältlich?) zu besorgen.
Jedenfalls, nachdem Laidlaws erster Fall bereits in zwei verschiedenen Verlagen in der Übersetzung von Ute Tanner erschien, gibt es dieses Mal eine sehr erfreuliche Meldung. Der Kunstmann-Verlag hat die Tage „Die Suche nach Tony Veitch“ veröffentlicht und will im Herbst „Falsche Treue“, den dritten und bislang letzten Laidlaw-Roman, veröffentlichen.

William McIlvanney: Laidlaw
(übersetzt von Conny Lösch)
Kunstmann, 2014
304 Seiten
19,95 Euro

Originalausgabe
Laidlaw
Hodder and Stoughton Limited, 1977

Deutsche Erstausgabe (übersetzt von Ute Tanner)
Im Grunde ein ganz armer Hund
Rowohlt Taschenbuch Verlag, 1979

Neuveröffentlichung
Laidlaw
(mit einem Nachwort von Martin Compart; DuMont Noir 15)
DuMont, 1999

Hinweise

Homepage von William McIlvanney

Wikipedia über William McIlvanney (deutsch, englisch)

Katzenbach - Das Tribunal

Verlassen wir die Siebziger, bleiben aber in Europa.
Mit „Das Tribunal“ schrieb John Katzenbach seinen historischen Roman, seinen Weltkrieg-II-Roman und seinen Gerichtsthriller, der auch erfolgreich von Gregory Hoblit mit Bruce Willis und Colin Farrell verfilmt wurde. Weil die Verfilmung öfter im Fernsehen läuft, dürfte die Geschichte bekannt sein: 1943 wird in Deutschland in einem Kriegsgefangenenlager ein Häftling ermordet. Als Täter wird Lincoln Scott angeklagt und weil alles nach Recht und Gesetz vonstatten gehen soll (inclusive einer Selbstinszenierung der Lagerleitung), wird der junge, ebenfalls gefangene Jurastudent Thomas Hart als Verteidiger des angeklagten Afroamerikaners bestellt.
Natürlich ist „Das Tribunal“ ein Planspiel, das wichtige Themen anspricht, und mit siebenhundert Seiten nichts für die schnelle Lektüre in der U-Bahn. Eher schon für die lange Zugfahrt quer durch Deutschland. Oder ein Wochenende ohne Binge-Watching.
Auch hier gibt es eine vollständige Neuübersetzung.

John Katzenbach: Das Tribunal
(übersetzt von Anke und Eberhard Kreutzer)
Knaur, 2015
704 Seiten
9,99 Euro

Originalausgabe
Hart’s War
Ballantine Books, 1999

Deutsche Erstausgabe (übersetzt von Bernhard Liesen)
Das Tribunal
Heyne, 2002

Verfilmung
Das Tribunal (Hart’s War, USA 2002, Regie: Gregory Hoblit)
Drehbuch: Billy Ray, Terry George
LV: John Katzenbach: Hart´s war, 1999 (Das Tribunal)
Mit Bruce Willis, Colin Farrell, Rory Cochrane, Terrence Howard, Cole Hauser

Hinweise

Homepage von John Katzenbach

Deutsche Homepage von John Katzenbach

Wikipedia über John Katzenbach (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von John Katzenbachs “Der Professor” (What comes next, 2012)

Meine Besprechung von John Katzenbachs “Der Wolf” (Red 123, 2013)

In der Abteilung „Science-Fiction“ gibt es auch einige erwähnenswerte Neuveröffentlichungen. „Captain Future“ erobert weiter das Weltall und zwei Klassiker von Robert A. Heinlein gibt es erstmals in ungekürzten Übersetzungen, was vor allem bei „Mondspuren“ gut ist.

Heinlein - Mondspuren - 2Heinlein - Raumjäger - 2

„Mondspuren“ ist der aktuelle deutsche Titel von „The Moon is a harsh Mistress“, einem 1967 mit dem Hugo Award ausgezeichneter Roman, der auch – immerhin schrieb Heinlein „Starship Troopers“ – bei der Gegenkultur beliebt war.
In dem Roman ist der Mond besiedelt und er fungiert als Kornkammer für die Erde. Die Farmer sind Sträflinge und ihre Kinder, die noch nie den Mond verlassen haben und deren Körper sich der Schwerkraft auf dem Mond unwiderruflich angepasst haben. Da ergeben Berechnungen, dass der Mondbevölkerung eine Hungersnot droht, wenn sie weiterhin die Erde versorgen. Einige Menschen beginnen eine Revolution gegen ein Erdregime, das man mit der USA verwechseln könnte.
Kein Wunder, dass damals die Hippies und Studenten davon begeistert waren.
Acht Jahre früher schrieb Heinlein mit „Raumjäger“ seinen letzten Jugendroman. In ihm gewinnt Kip Russell bei einem Wettbewerb den zweiten Preis: einen ausrangierten Raumanzug, den er repariert, einmal zur Probe anzieht und ihn ins Weltall katapultiert, wo er fantastische Abenteuer erlebt.
Der Roman war für den Hugo nominiert.

Robert A. Heinlein: Mondspuren
(übersetzt von Wulf H. Bergner und Jürgen Langowski)
Heyne, 2014
464 Seiten
9,99 Euro

Originalausgabe
The Moon is a harsh Mistress
G. P. Putnam’s Sons, 1966

Frühere deutsche Veröffentlichungen als „Revolte auf Luna“ und „Der Mond ist eine herbe Geliebte“.

Robert A. Heinlein: Raumjäger
(übersetzt von Heinz Nagel)
Heyne, 2014
336 Seiten
8,99 Euro

Originalausgabe
Have Space Suit – Will Travel
Charles Scribner’s Sons, 1958

Frühere deutsche Veröffentlichungen als „Piraten im Weltraum“, „Kip überlebt auf Pluto“ und „Die Invasion der Wurmgesichter“. Und diese Titel, hintereinander gelesen, verraten doch einiges von der Handlung.

Hinweise

Homepage der Heinlein Society (also eigentlich die Homepage von Robert A. Heinlein)

Wikipedia über Robert A. Heinlein (deutsch, englisch)

Hamilton - Captain Future - Der Triumph - 2

Bei Golkonda darf Captain Future weitere Abenteuer erleben, die in den USA erstmals, mit einigen Nachfolgern, zwischen 1940 und 1944 erschienen. In Deutschland erschienen bei Bastei-Lübbe zwischen 1981 und 1984, im Zusammenhang mit der Ausstrahlung der inzwischen legendären TV-Zeichentrickserie (jedenfalls für uns Jungs, die sie damals im TV sahen), fünfzehn „Captain Future“-Romanen. „Der Triumph“, das vierte Abenteuer von Captain Future, war auch dabei.
Aber bei Golkonda gibt es immer eine Neuübersetzung, die dem Text des Originals folgt, ergänzt um die Zeichnungen und dem Bonusmaterial, das damals im Pulpmagazin „Captain Future – Wizard of Science“ erschien und der Leserbindung diente. Allein schon für diese liebevolle Ausstattung kann der Verlag nicht genug gelobt werden.
Ach ja; die Story. Ein selbsternannter „Lebensherr“ hat ein Mittel gegen das Altern entwickelt, für das Reiche Unsummen bezahlen. Aber sein Versprechen ewiger Jugend ist nur von kurzer Dauer. Captain Future und sein tapferes Team wollen hinter sein Geheimnis kommen.
Reisen wir also in die Vergangenheit, um die Zukunft zu erkunden.

Edmond Hamilton: Captain Future – Der Triumph
(übersetzt von Markus Mäurer)
Golkonda, 2014
208 Seiten
14,90 Euro

Originalausgabe
The Triumph of Captain Future
Captain Future Magazine, Herbst 1940

Deutsche Erstveröffentlichung
Captain Future greift ein
Utopia Großband # 142

Zweite deutsche Veröffentlichung (übersetzt von Marcel Bieger)
Captain Future: Der Lebenslord
Bastei-Lübbe, 1982

Hinweise

Tangent: Interview mit Edmond Hamilton und seiner Frau Leigh Brackett (vom April 1976)

PulpGen über Edmond Hamilton

Fiction Fantasy über Edmond Hamilton

Deutsche “Captain Future”-Fanseite

Wikipedia über Edmond Hamilton (deutsch, englisch) und Captain Future (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Edmond Hamiltons “Captain Future: Die Herausforderung” (Captain Future’s Challenge, 1940)


Über Christiane Höhmanns „Untervörde“

Februar 4, 2015

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Schon der Anfang von „Untervörde“ erfordert einiges an Gutwilligkeit. Immerhin sollen wir glauben, dass eine 22-jährige erst während einer sommerlichen Fahrradtour 2012 zufällig erfährt, dass ihre Mutter im August 1997 ermordet wurde. Ihr wurde damals gesagt, dass ihre Mutter bei einem Autounfall starb. Ihr Vater zog mit ihr aus dem Dorf Untervörde weg – und sie hat deshalb auch nicht erfahren, dass der Mörder ihrer Mutter kurz darauf verhaftet und verurteilt wurde.
Auch später erfuhr Klara Göbel nichts davon. Während all der Jahre hat niemand in der Verwandschaft oder von den Bekannten ihres Vaters darüber gesprochen. Naja, ihre gesamte Verwandschaft ist schon tot und zu den früheren Bekannten ihrer Eltern hat sie keinen Kontakt. Auch im Nachlass ihres Vaters entdeckte sie nichts. Und, wenn wir gerade dabei sind, auch kein Reporter fragte bei ihr, was sie davon hält, dass der Mörder ihrer Mutter wieder frei kommt. Immerhin zog sie von Untervörde an der Weser nach Berlin und sie änderte nicht ihren Namen. Bei der heutigen Aufregung über Sexualmorde ist das ein durchaus naheliegender Gedanke. Immerhin wurde ihre Mutter vergewaltigt und erdrosselt.
Außerdem wirken alle Alterangaben immer leicht verschoben. So ist Klaras Mutter 1971 geboren; sie gebar ihre Tochter 1990 als Neunzehnjährige. Ist selten, kommt aber in den besten Familien vor. Ihr Vater ist einige Jahre älter. Er starb 2011 mit Anfang fünfzig. D. h. er ist spätestens 1960 geboren. Dieser Altersunterschied von über zehn Jahren scheint in dem Dorf allen egal gewesen zu sein. Denn er wird im Roman nicht einmal angesprochen.
Ebenso seltsam ist die Beziehung von Klara zu ihrem Vater. Immerhin heißt es auf Seite vierzig, dass sie sich schon seit Jahren nicht mehr gesehen haben, während sie in Berlin die Schauspielschule absolvierte und mit Anfang Zwanzig abschloss. Das ist jetzt zwar nicht gänzlich unmöglich, aber wenn man die Erinnerungen von Klara an ihren Vater liest, denkt man eher an eine Endzwanzigerin. Aber eigentlich hat sie ihn, ohne dass uns irgendein Grund genannt wird, dann wohl seit ihrem sechzehnten oder siebzehnten Geburtstag nicht mehr gesehen.
Selbstverständlich kann es die merkwürdigsten Beziehungen geben und wahrscheinlich wird jetzt irgendein Leser brüllen „ich kenne eine solche Familie“, aber es ist einfach unnötig kompliziert, nicht besonders glaubwürdig und lenkt von der eigentlichen Geschichte ab. Denn Höhmann hätte auch einfach schreiben können, dass Klara die Erinnerungen überkamen, als sie im Wald das Kreuz sah und sie schockiert war, dass der Mörder wieder frei ist.
Schockiert ist sie auch im Roman. Aber ihr aus heiterem Himmel kommender Hass gegen den Mörder und ihre Rachegelüste wirken absolut nicht glaubwürdig. Denn plötzlich wird aus der Frau, die nichts über ihre Mutter weiß, eine die Todesstrafe befürwortende Furie, die wild gegen die lasche Justiz und den vor Gericht lügenden Mörder und seinen Anwalt polemisiert; – ehe sie plötzlich aus der Geschichte verschwindet und mit ihr verschwindet auch die Justizkritik.
Stattdessen beginnen zwei Polizisten den Mörder von Bernd Pohlmeier, dem damaligen Täter, zu suchen und eine Sache ist sicher: Klara, die für die Polizei auch keine Tatverdächtige ist, hat ihn nicht umgebracht. Immerhin will sie in diesem Moment immer noch Pohlmeier umbringen. Damit werden ihre Selbstjustizgedanken in diesem Moment zu einer akademischen Übung mit einem höchst unangenehm reaktionärem Beigeschmack. Denn das ist dieser „wegsperren, und zwar für immer“-Populismus, der bestimmten Angeklagten nur ein Verfahren vor einem Lynchmob zugesteht.
„Untervörde“ ist ein psychologisch vollkommen unglaubwürdiger Krimi, der nie versucht glaubwürdige Charaktere in einer glaubwürdigen Geschichte zu präsentieren. Stattdessen läuft eine Trägerin des vermeintlich gesunden Volksempfindens kopflos durch die unnötig komplizierte, zunehmend uninteressantere Geschichte.

Christiane Höhmann: Untervörde
grafit, 2014
192 Seiten
9,99 Euro

Hinweise
Homepage von Christiane Höhmann
LovelyBooks über „Untervörde“


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