Boxenstop: „Lewis – Der Oxford Krimi“, einmal bitte alles, mit Beigaben

Juli 9, 2018

Seine Sporen verdiente Robert Lewis (Kevin Whately) sich als Gehilfe von Inspector Endeavor Morse. Als John Thaw („Die Füchse“ [The Sweeney]) genug von seiner Rolle als Morse hatte, aber die Zuschauer immer noch neugierig auf Morde in Oxford waren, bekam Lewis seine eigene TV-Serie. Von 2006 bis 2015 ermittelte er in 33 spielfilmlangen Filmen in Oxford. Zusammen mit Detective Sergeant James Hathaway (Laurence Fox) löste er Mordfälle auf die gemütliche Art, die auch ein nostalgisches Bild von England zeichnen. Oxford ist halt nicht der verkommene, von psychisch kaputten Ermittlern bevölkerte Moloch London, sondern eine uralte Universitätsstadt, in der auch bei einem Mord auf gutes Benehmen geachtet wird. Außerdem gibt es noch Morses ewig gültigen Ratschlag: „There’s always time for one more pint.“

Mit dem Erreichen der Pensionsgrenze quittierte der 1951 geborene Kevin Whately den Dienst in dem Revier, das ihn die meiste Zeit seines Schauspielerlebens mit Arbeit, Mord und Totschlag versorgte. Immerhin lief „Inspector Morse“ von 1987 bis 2000 und „Lewis“ von 2006 bis 2015.

Jetzt, nachdem alle Lewis-Krimis auch im deutschen Fernsehen im ZDF und ZDFneo gezeigt wurde, hat edel: motion die „Lewis“-Krimis in einer Gesamtbox veröffentlicht. Aktuell ist diese als limitierte Sonderedition bei Amazon erhältlich. Ab Oktober soll sie auch im normalen Handel erhältlich sein.

In der Sonderedition sind alle 33 „Lewis“-Fälle auf 20 DVD, eine Bonus-DVD mit jeweils der ersten Episode von „Inspector Morse“ und „Der junge Inspektor Morse“ (ein weiteres Spin-Off von „Inspector Morse“, ebenfalls unter freundlicher Begleitung von Morse-Erfinder Colin Dexter) (diese DVD können wir locker als Werbung abtun), dem Soundtrack zur Serie, das „Making-of der Serie“ und ein umfangreiches Booklet mit Infos zur Serie, den Hauptdarstellern und dem Serienschöpfer Colin Dexter enthalten.

Das alles könnte auch bei späteren Veröffentlichungen der Gesamtbox dabei sein. Die Fan-Extras der Sonderedition – ein Lewis Pint-Glas, ein Untersetzer mit Flaschenöffner, eine Landkarte von Oxford mit den Oxford Pubs als Puzzle, zwei Lewis-Kühlschrankmagnet und ein Lewis-Schlüsselanhänger – eher nicht.

So richtig billig ist die Gesamtbox mit über 150 Euro nicht, aber wozu gibt es Eltern (oder Kinder) und Geburtstage?

Lewis – Der Oxford Krimi: Gesamt Box

edel: motion

Bild: 16:9

Ton: Deutsch, englisch (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: ?

Bonusmaterial: vorhanden, siehe oben

Länge: 2982 Minuten (+ 241 Minuten Bonusmaterial)

FSK: ab 12 Jahre

Bonushinweis

Wie gesagt: „Lewis“ ist das Spin-off von „Inspector Morse“, einer auf der Insel sehr erfolgreichen, auf dem Festland sehr unbekannten TV-Serie, die auf den mehrfach ausgezeichneten Romanen von Colin Dexter (1930 – 2017) basiert. Die erschienen auf Deutsch bei rororo und wenn ich einen Blick auf die Preise werfe, die bei Amazon von verschiedenen Anbietern für die Krimis verlangt werden (z. B. ist „Der letzte Bus nach Woodstock“ für 60 und 86 Euro, plus Versandkosten, im Angebot), ist die jetzt im Unionsverlag startende Neuauflage ein No-Brainer. Denn irgendwo da draußen scheint es eine Nachfrage nach guten Rätselkrimis zu geben.

Mitte Juli erscheinen „Eine Messe für all die Toten“ und „Zuletzt gesehen in Kidlington“ für jeweils 12,95 Euro.

Damit bringt der Unionsverlag, nach Michael Dibdin (die in Italien spielenden Aurelio-Zen-Romane) und James McClure (die in Südafrika spielenden Kramer-und-Zondi-Krimis), einen weiteren legendären Krimiautor zurück in unsere Buchhandlungen.

Hinweise

ITV über „Lewis“

ZDF über „Lewis“

Wikipedia über „Lewis“ (deutsch, englisch).  Inspector Morse und „Inspector Morse“ (deutsch, englisch)

Krimi-Couch über Colin Dexter

Meine Besprechung von „Lewis – Der Oxford Krimi: Staffel 6“

Meine Besprechung von „Lewis – Der Oxford Krimi: Collector’s Box 1“

Meine Besprechung von „Inspector Morse: Staffel 1“

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DVD-Kritik: Ethan Hawke hat „24 Hours to Live“

Mai 30, 2018

Zwischen seine anspruchsvollen Filme, die ihm Kritikerlob und Preise bescheren, mischt Ethan Hawke immer wieder kleine Thriller mit mehr oder weniger viel Action. „24 Hours to Live“ hat mehr Action. Trotzdem ist der Hinweis „Vom Produzenten von John Wick“ auf dem Cover etwas irreführend. Brian Smrz‘ Film ist keine Actionorgie, sondern ein gut abgehangener B-Thriller, der dank der Schauspieler, dem Schauplatz Südafrika, der soliden Inszenierung und einiger Anspielungen auf aktuelle Probleme (wie illegale medizinische Experimente und die Umtriebe von privaten Militärunternehmen) über dem Durchschnitt ist. Jedenfalls solange man nicht zu genau über die Prämisse nachdenkt. Denn der von Ethan Hawke gespielte Ex-Söldner Travis Conrad wird nach seinem Tod zurück ins Leben geholt. Für 24 Stunden. Dann wird er endgültig sterben. Und weil er am Anfang dieser 24 Stunden erfährt, dass er von seinen Auftraggebern hereingelegt wurde, begibt er sich auf einen Rachetrip quer durch das fotogene Südafrika, dem Sitz des privaten Militärunternehmens, für das Conrad jahrelang arbeitete und das ihn jetzt töten will.

24 Hours to Live“ ist ein hübscher kleiner Thriller, der früher auch im Kino gelaufen wäre. Mehr oder weniger unter dem Radar der Kritik.

Regisseur Brian Smrz ist ein verdienter Stuntman (seine erste Arbeit war 1981 für „Die Kadetten von Bunker Hill“) und Second Unit Regisseur. Unter anderem bei fast allen „X Men“-Filmen und „Iron Man 3“. „24 Hours to Live“ ist sein zweiter Spielfilm.

24 Hours to Live (24 Hours to Live, LAND 2017

Regie: Brian Smrz

Drehbuch: Ron Mita, Jim McClain, Zach Dean

mit Ethan Hawke, Paul Anderson, Rutger Hauer, Qing Xu, Liam Cunningham, Nathalie Boltt, Hakeem Kae-Kazim

DVD

Universum Film

Bild: 2,40:1 (16:9 anamorph)

Ton: Deutsch, Englisch (DD 5.1)

Untertitel: Deutsch, Englisch für Hörgeschädigte

Bonusmaterial: Trailer

Länge: 89 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „24 Hours to Live“

Metacritic über „24 Hours to Live“

Rotten Tomatoes über „24 Hours to Live“

Wikipedia über „24 Hours to Live“ 


DVD-Kritik: „Der Kurier – In den Fängen des Kartells“ beim letzten Flug

Mai 16, 2018

Für Sean Haggerty (Daniel Radcliffe) soll es der letzte Flug als Drogenkurier sein. Danach hat er das Geld zusammen, um die Operation seiner Frau zu bezahlen (Kleine Nebenbemerkung: mit einer ordentlichen Krankenversicherung wäre das nicht nötig.).

Während des Flugs muss Haggerty sich gleichzeitig um mehrere Probleme kümmern. Denn er ist nicht nur Drogenkurier, sondern auch Spitzel für die DEA und seine Frau ruft ihn ständig an. Sie hat nämlich herausgefunden, dass er sie über seine Arbeit und die damit verbundene Herkunft des Geldes belügt.

Daniel Radcliffe springt in seiner Post-Harry-Potter-Phase weiter munter hin und her zwischen Nebenrollen in hoch budgetierten Mainstreamfilmen, wie „Die Unfassbaren 2“, und Independent-Filmen, in denen er Dinge ausprobiert. Gerade bei diesen Filmen achtet er nicht sonderlich auf die kommerzielle Verwertbarkeit, sondern auf andere Dinge, wie die Wichtigkeit des Themas oder, wie in „Der Kurier – In den Fängen des Kartells“, die Herausforderung, während des gesamten Films an einen Ort gefesselt zu sein. Fast der gesamte Film spielt im Cockpit eines kleinen Flugzeugs. Der von Radcliffe gespielte Drogenpilot sitzt allein am Steuer des Flugzeugs und redet ständig mit seiner Frau und seinen Auftraggebern.

Solche Ein-Personen-Filme stehen und fallen mit dem Drehbuch, dem Hauptdarsteller und dem Regisseur, der das in Echtzeit spielende Ein-Personen-Ein-Ort-Stück so einfallsreich inszenieren muss, dass man diese Begrenzung auf einen Ort und eine Person nicht negativ wahrnimmt. Rodrigo Cortés‘ „Buried – Lebendig begraben“ (Spanien 2010) mit Ryan Reynolds in einem Sarg und Steven Knights „No turning back“ (Locke, USA/GB 2014) mit Tom Hardy in einem Auto fallen einem spontan als überzeugende Beispiele ein.

Der Kurier“ kommt noch nicht einmal in die Nähe dieser Filme. Das von Adam Hoelzel geschriebene Drehbuch ist für einen Spielfilm zu einfach gestrickt. Es ist überraschungs- und konfliktarm. Die Charaktere sind nicht mehr als sparsam skizzierte Pappkameraden. Daniel Radcliffe hat hier einfach zu wenig Material, um den von ihm gespielten Haggerty zu einem dreidimensionalen Charakter mit nachvollziehbaren Problemen zu machen. Er ist einfach nur ‚der Mann am Funkgerät‘.

Regisseur Jesper Ganslandt inszeniert die Geschichte ohne erkennbare Ambitionen als verfilmtes Hörspiel, bei dem die Kamera noch bewegungsloser als Radcliffes Mimik ist. Da helfen auch die wenigen atmosphärischen Gegenlicht-Bilder während des arg verwirrend inszenierten Showdowns nicht.

Als Bonusmaterial gibt es gut dreizehn Minuten Interviews mit Daniel Radcliffe, Robert Wisdom, Pablo Schreiber und Grace Gummer. Sie vermitteln interessante Informationen über die Charaktere und ihre Motive. Vielleicht sollt man sich in diesem Fall zuerst das Bonusmaterial ansehen.

Der Kurier – In den Fängen des Kartells (Beast of Burden, USA 2018)

Regie: Jesper Ganslandt

Drehbuch: Adam Hoelzel

mit Daniel Radcliffe, Grace Gummer, Pablo Schreiber, Robert Wisdom, Cesar Perez

Blu-ray

Ascot Elite Entertainment

Bild: 2.40:1 (1080p/24fps)

Ton: Deutsch, Englisch (DTS-HD Master Audio 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Interviews, Trailer, Wendecover

Länge: 90 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Der Kurier“

Metacritic über „Der Kurier“

Rotten Tomatoes über „Der Kurier“

Wikipedia über „Der Kurier“


DVD-Kritik: „Hands of Stone – Fäuste aus Stein“ hat der Boxer Roberto Durán in dem Biopic

April 25, 2018

Seine Premiere hatte „Hands of Stone – Fäuste aus Stein“ 2016 beim Cannes- Filmfestival. Nach dem Film mit Edgar Ramirez als Boxer und Robert De Niro als seinem Trainer gab es eine fünfzehnminütige Standing Ovation, was weniger an der Qualität des Films und mehr an den Festivalgepflogenheiten liegt. 2016 lief der von Jonathan Jakubowicz geschriebene und inszenierte Film auch schon in den USA. Die deutsche Veröffentlichung gibt es erst jetzt. Auf DVD und Blu-ray.

In seinem zweiten Spielfilm (nach dem 2005er „Secuestro Express“) erzählt Jakubowicz die wahre Geschichte von Roberto Durán, seiner Beziehung zu seinem Trainer Ray Arcel, den er 1972 kennen lernte, zu seinem Gegner Sugar Ray Leonard (Usher Raymond IV) und einige seiner wichtigen Kämpfe. Der Boxerfilm zeigt seinen Kampf gegen Ken Buchanan am 26. Juni 1972 im Madison Square Garden (New York), seine beiden Kämpfe gegen Sugar Ray Leonard am 20. Juni 1980 im Olympiastadion Montreal und am 25. November 1980 im Louisiana Superdome (New Orleans) und seinen Kampf gegen Davey Moore am 16. Juni 1983 im Madison Square Garden. Durán gewann drei der vier Weltmeisterkämpfe.

Duráns Profikarriere dauerte von 1968 bis 2001. In 103 von 119 Kämpfen siegte er. Er gewann fünf Weltmeistertitel in vier Gewichtsklassen. 2007 wurde er in die International Boxing Hall of Fame aufgenommen. Und, so erfahren wir im Bonusmaterial, für Panama ist der 1951 in Panama-Stadt geborene Boxer ein Nationalheiligtum.

Das ist viel Stoff. Vor allem, weil Jakubowicz es nicht bei Duráns Biographie belässt. Er erzählt auch über seinen Trainer Arcel, den Einfluss der Mafia auf Arcels Leben und das Boxgeschäft und den Wandlungen des Boxgeschäfts zwischen den fünfziger und achtziger Jahren. Also von den Hinterhöfen in das Hauptprogramm des Fernsehen. Zwischen all diesen Erzählsträngen verheddert Jakubowicz sich. Einige Erzählstränge lässt er einfach fallen. Andere tragen nichts zum Hauptplot bei. Manchmal trifft beides zu. Und man kann trefflich darüber streiten, was jetzt der Hauptplot des Films, also der zentrale Konflikt und die zentrale Beziehung, ist.

So wirkt „Hands of Stone“ wie ein Best-of des Boxerfilms, der, obwohl er in den siebziger und frühen achtziger Jahren spielt, erstaunlich wenig Zeitkolorit hat.

Die Boxkämpfe, der natürliche Höhepunkt jedes Boxfilms, schneidet Jakubowicz so hektisch und auch zwischen verschiedenen Handlungsorten, dass man schnell den Überblick verlieren kann. Da war Antoine Fuqua mit seinem fast zeitgleich entstandenem „Southpaw“ weiter.

Am Ende ist „Hands of Stone“ nur ein durchschnittliches, arg zerfasertes Boxer-Biopic, das vieles anspricht, aber nie erklärt, warum wir uns für Roberto Durán interessieren sollten und was seine besonderen Leistungen waren. Abgesehen von den gewonnenen fünf Weltmeistertitel in vier Gewichtsklassen.

Als Bonusmaterial gibt es acht geschnittene Szenen und „Interviews“. Dahinter verbirgt sich ein dreiundzwanzigminütiges sehr informatives Making of, in dem vor allem auf die Bedeutung von Roberto Durán für seine Heimat Panama, seine Beziehung zu Sugar Ray Leonard und das Boxtraining der beiden Hauptdarsteller eingegangen wird.

Hands of Stone – Fäuste aus Stein (Hands of Stone, USA 2016)

Regie: Jonathan Jakubowicz

Drehbuch: Jonathan Jakubowicz

mit Édgar Ramírez, Robert De Niro, Usher Raymond IV, Oscar Jaenada, Jurnee Smollett-Bell, Ellen Barkin, Rubén Blades, Pedro Pérez, Ana de Armas, John Turturro

DVD

Ascot Elite

Bild: 2.40:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch, teilw. Zwangsuntertitelung in Englisch (das wurde großzügig ins Deutsche synchronisiert)

Bonusmaterial: Interviews, Deleted Scenes, Deutscher Trailer, Wendecover

Länge: 107 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Hands of Stone“

Metacritic über „Hands of Stone“

Rotten Tomatoes über „Hands of Stone“

Wikipedia über „Hands of Stone“

History vs. Hollywood über „Hands of Stone“


DVD-Kritik: Antonio Banderas ist „Gun Shy“

April 23, 2018

Turk Henry ist ein stinkreicher, im selbstgewählten Ruhestand lebender Hair-Metal-Rocker, der geistig immer noch zwischen Sandkasten und Pubertät steckt. Da schleift ihn seine Freundin Sheila aus dem selbstgewählten Exil nach Santiago de Chile.

Dort baut er am Pool sofort sein Lager auf und trinkt ein Bier nach dem nächsten. Für mehr interessiert er sich nicht. Sie macht sich als Teil einer kleinen Gruppe auf zum Llama-Watching und wird prompt gekidnappt. Die anderen Geisel werden erschossen oder freigelassen. Aber Juan Carlos behält das frühere Model. Immerhin ist Sheila die Freundin des Sängers und Bassisten der von ihnen bewunderten Metal-Band.

Ihre Lösegeldforderung von einer Million Dollar ist aus Turks Sicht lächerlich gering und er möchte das Geld auch sofort bezahlen.

Aber der Botschaftsmitarbeiter Ben Harding glaubt, dass die Entführer Terroristen sind und mit Terroristen wird nicht verhandelt.

Und schon beginnt ein Versteckspiel zwischen dem lethargischen Musiker, der notgedrungen etwas tun muss, und dem vor Energie strotzenden Harding, der jede Verhandlung möglichst unauffällig verhindern will. Währenddessen menschelt Sheila mit den eigentlich grundsympathischen Entführern, die etwas Piratencharme versprühen.

Früher wäre „Gun Shy“ wahrscheinlich im Bahnhofskino gelaufen. In den wenigen Kritiken wäre der Film als Abschreibungsprojekt bezeichnet worden. Das kann über „Gun Shy“ nicht behauptet werden. Immerhin wurde der Film mit einer Crowdfunding-Kampagne finanziert. Für ein originäre Abschreibungsprojekt wäre das ein etwas mühevoller Weg zur Steuererleichterung. An der Qualität des Endprodukts ändert das nicht. .

Trotzdem kann so ein schlechter Film, wenn man ihn sich mit den richtigen Erwartungen ansieht, auch gefallen. Das liegt in diesem Fall vor allem an Antonio Banderas, der den Hair-Metal-Rocker Turk Henry mit spürbarer Lust am Klischee und dessen Debilität spielt. Turk ist ein Über-Rockmusiker, der deshalb besonders dumm, kindisch, verwöhnt und lebensuntüchtig ist. Früher, während seiner aktiven Krachmacherzeit, war er in jeder Beziehung vergnügungssüchtig. Sogar die Jungs von Spinal Tap sind gegenüber Turk nobelpreisverdächtige Intelligenzbestien.

Auch die anderen Schauspieler bemühen sich nie um ein auch nur ansatzweise naturalistisches Spiel. Entweder sind sie einfach so da oder sie übertreiben so lange, bis ihr Charakter eine Comedy-Figur ist. In ihren lichtesten Momenten sind sie alle grenzdebil, meistens allerdings erheblich dümmer.

Sie sind Klischeefiguren in einer an Handlung sparsamen Geschichte, die an wenigen Orten mit einem überschaubarem Budget gedreht wurde.

Regisseur Simon West („Con Air“, „The Expendables 2“, „The Mechanic“) bringt die Geschichte immerhin angenehm unernst und flott über die knapp neunzig Minuten. So macht „Gun Shy“ als anspruchsloser Klamauk durchaus Spaß. Und wenn man den Film mit einigen Freunden und Getränken sieht, entfaltet er wahrscheinlich einige SchleFaZ-Momente.

P. S.: Das Cover hat, wie man es von Bahnhofskinofilmen kennt, mit dem Film nichts zu tun. Jedenfalls erinnere ich mich nicht an brennende Boote, durch die Luft fliegende Geldscheine, Hubschrauber, einen Gitarrenkoffer (Turk befördert das Geld bevorzugt in stabilen Reisekoffer) und Turk mit einer Pistole. An Turk in Hair-Metal-Klamotten und Bierdose schon.

Gun Shy (Gun Shy, Großbritannien 2017)

Regie: Simon West

Drehbuch: Toby Davies, Mark Haskell Smith

LV: Mark Haskell Smith: Salty, 2007

mit Antonio Banderas, Olga Kurylenko, Ben Cura, Mark Valley, Aisling Loftus, Martin Dingle Wall, Emiliano Jofre

DVD

Ascot Elite

Bild: 2.39:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Deutscher und Originaltrailer, Wendecover

Länge: 88 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Gun Shy“

Metacritic über „Gun Shy“

Rotten Tomatoes über „Gun Shy“

Wikipedia über „Gun Shy“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Simon Wests „The Mechanic“ (The Mechanic, USA 2011)

Meine Besprechung von Simon Wests „The Expendables 2“ (The Expendables 2, USA 2012)

Meine Besprechung von Simon Wests „Wild Card“ (Wild Card, USA 2015)

Homepage von Mark Haskell Smith


DVD-Kritik: „Detroit“, Kathryn Bigelows Thriller über einige Tage im Sommer 1967

April 11, 2018

Zum Kinostart schrieb ich:

Emotionale Wucht hat Kathryn Bigelows neuer Film „Detroit“ unbestritten. Sie zeichnet, wieder mit Drehbuchautor Mark Boal, die mehrtägigen Rassenunruhen in Detroit im Juli 1967 nach, bei denen 43 Menschen starben. 33 von ihnen waren Afroamerikaner. 24 von ihnen wurden von Polizisten und National Guardsmen erschossen.

Im Mittelpunkt des 144-minütigen Films stehen die fast in Echtzeit geschilderten Ereignisse im Algier Motel in der Nacht vom 25. zum 26. Juli. Wir sind mit den Akteuren in einem Hotelflur und ein, zwei Zimmern eingesperrt. Die Anspannung und Angst sind spürbar. Auch weil die weißen Polizisten gnadenlos ihre Macht gegenüber den afroamerikanischen Verdächtigen und den zwei weißen jungen Frauen ausnutzen und auch einige von ihnen töten.

Allerdings begeht Bigelow in „Detroit“ die gleichen Fehler wie in „Zero Dark Thirty“. Sie verwendete auch die gleiche Struktur. Wieder verhindert die rein deskriptisch-dokumentarische Bearbeitung des Themas eine Analyse. Wieder kann es, gewollt oder ungewollt, leicht zu Fehlschlüssen kommen. In „Zero Dark Thirty“ war das die Legitimierung von Folter. In „Detroit“ ist das die Konzentration auf einen Polizisten als Täter und das Fehlen der Vorgeschichte der Rassenunruhen. Der Film beginnt mit einer Polizeirazzia in einem illegalen Club, bei dem weißen Polizisten sich im Rahmen der Gesetze bewegen. Diese Razzia war der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Die Gründe für die Unruhen waren allerdings der Mangel an bezahlbarem Wohnraum für Afroamerikaner als Folge von Stadterneuerungsprojekten und die vorherrschende, rassistisch motivierte Polizeigewalt. Die Polizei bestand fast ausschließlich aus weißen Männern.

Im Film ist die Razzia die Begründung für die durchgehend von Afroamerikanern ausgehende Gewalt und Plünderungen. Dagegen versuchen die Weißen, Recht und Ordnung aufrecht zu erhalten. Dieses Setting führt dazu, dass die gesamte Vorgeschichte, die damalige Stimmung, der strukturelle Rassismus und die Machtverhältnisse ausgeblendet werden.

Auch bei den Ereignissen im Algier Motel bleibt diese Zuordnung von Täter und Opfer vorhanden. So ist Philip Krauss zwar ein paranoider Rassist, der seine Macht auskostet und die anderen Polizisten zu Mittätern macht. Er hat auch vorher einen Afroamerikaner durch einen Schuss in den Rücken schwer verletzt. Aber der Afroamerikaner war ein Plünderer und er flüchtete. Krauss hat auch Angst vor den Afroamerikanern und er ist eindeutig überfordert. Als er und seine Kollegen in das Motel stürmen, reagierten sie auf Schüsse aus dem Hotel auf sie (mit einer Startpistole für Wettkämpfe). Sie wollen einen Scharfschützen (den es nicht gibt) verhaften. Sie reagieren über. Sie nutzen auch ihre Macht aus und genießen es. Aber durch die im Film gezeigte Vorgeschichte erscheinen die Opfer dann als Täter und die Täter als die Opfer der Umstände.

Immer wieder leisten Bigelow und Boal in ihrem Film durch die Auswahl und Anordnung der akribisch recherchierten Fakten der Rationalisierung Vorschub, dass die Gewalt grundlos von den Afroamerikanern ausging und die weißen Polizisten nur das Richtige tun wollten. Sie ignorieren den Kontext. Über die Hintergründe der tagelangen Gewaltexplosion, die gesellschaftliche Situation und Strukturen erfährt man nichts. Entsprechend eruptiv und aus dem Nichts erfolgen die Gewalttätigkeiten.

So ist „Detroit“ brillant inszeniert als Terrorkino, aber analytisch so oberflächlich, dass es einfach ärgerlich ist.

 

Beim zweiten Ansehen bestätigt sich mein erster Eindruck.“Detroit“ ist spannend, hat viel Zeitkolorit und ist politisch höchst bedenklich.

Durch ihre Entscheidung den Thriller in einem semidokumentarischen Stil mit unruhiger Handkamera zu inszenieren, konzentriert Kathryn Bigelow sich auf die packend inszenierte Dokumentation von Abläufen. Über die Personen erfahren wir allerdings nichts. Sie bleiben Figuren auf einem Schachbrett. Es gibt keine Erklärungen und keine Hintergrundinformationen. In jeder Zeitungs- oder TV-Reportage über die Unruhen und den Vorfall im Algier Motel gäbe es das. Als Zuschauer des Kinofilms muss man sich aus den gezeigten Bildern eigene Erklärungen zurechtbasteln. Als Zuschauer wird man allerdings auch manipuliert, weil Bigelow und Boal nur einen Ausschnitt zeigen und Informationen weglassen. Sie begünstigen so, wahrscheinlich sogar ungewollt, eine bestimmte Interpretationen der damaligen Ereignisse.

Denn obwohl Afroamerikaner die meisten Rollen spielen, bestimmt die Sicht des weißen Mannes den Film und damit auch die Interpretation der Unruhen. Die Afroamerikaner kommen da, bis auf den von John Boyega gespielten Wachmann, nur als passive Beobachter, Hausfrauen und Randalierer vor. Die Polizei muss gegen eine aus dem Nichts kommende Gewalteruption vorgehen. Sie versucht gegen Plünderer, Brandstifter und aus anonymen Gruppen agierende Gewalttäter das Gesetz durchzusetzen.

Die von ihr beiläufig immer wieder gezeigte Polizeibrutalität wird da zu einem für die Filmhandlung bedeutungslosen Hintergrundrauschen. Und rassistische Polizisten scheint es, bis auf Philip Krauss (Will Poulter), 1967 nicht gegeben zu haben. Das ist Unfug. Damals und heute. Mit dieser Sicht fehlt dann auch der Blick auf strukturelle Probleme bei der Polizei und den alltäglichen Rassismus. Letztendlich steht in „Detroit“ ein Ereignis im Mittelpunkt und die Täter werden, aufgrund den Ermittlungen von weißen Polizisten, angeklagt.

Detroit“ zeigt fast schon exemplarisch die Grenzen eines rein dokumentarischen, auf jede Analyse verzichtenden erzählerischen Ansatzes auf. Weil es aber keinen objektiven Blick gibt, übernehmen der Blick der Kamera, die Inszenierung, die Auswahl und Präsentation der Ereignisse diese Analyse. Ein Beitrag zur Lösung der Probleme entsteht so nicht. Es fällt auch schwer, anhand von „Detroit“ über die Probleme zu reden.

Aber auf der reinen emotionalen Ebene als kurzweiliges, durchgehend hochenergetisch erzähltes Spannungskino funktioniert „Detroit“ prächtig.

Das Bonusmaterial für den Thriller wäre ärgerlich, wenn es nicht so lächerlich wäre. Es besteht aus fünf Minifeaturettes, die man sich in neun Minuten ansehen kann, einem Music Video, dem Trailer (deutsch und englisch) und einer vierzigsekündigen, aus Filmbildern bestehenden Bildergalerie. Warum hat man, wenn man schon kein Geld ausgeben will, nicht schnell ausführliche Interviews mit Bigelow, Boal und einem Historiker geführt? Die hätten ausführlich über die historischen Hintergründe und den Dreh äußern können. So gibt es nur einige belanglose Werbeschnipsel.

Detroit (Detroit, USA 2017)

Regie: Kathryn Bigelow

Drehbuch: Mark Boal

mit John Boyega, Anthony Mackie, Will Poulter, Algee Smith, Samira Wiley, John Krasinski, Hannah Murray, Jacob Latimore, Jason Mitchell

Blu-ray

Concorde Home Entertainment

Bild: 1080p High Definition, 1.81:1 (16:9)

Ton: Deutsch (DTS-HD Master Audio 5.1, DD 2.0), Englisch (DTS-HD Master Audio 5.1)

Untertitel: Deutsch, Deutsch für Hörgeschädigte

Bonusmaterial: Featurettes (Die Wahrheit von Detroit, Die Besetzung von Detroit, Die Invasion von Detroit, Die Hoffung von Detroit, Damals und heute), Musikvideo „Grow“ mit Algee Smith und Larry Reed, Bildergalerie, Deutscher und Originaltrailer (13 Minuten; laut Concorde)

Länge: 144 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

DVD und 4K UHD sind identisch ausgestattet.

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Detroit“

Metacritic über „Detroit“

Rotten Tomatoes über „Detroit“

Wikipedia über „Detroit“ (deutsch, englisch)

History vs. Hollywood über „Detroit“

Meine Besprechung von Kathryn Bigelows „Zero Dark Thirty“ (Zero Dark Thirty, USA 2012)

Meine Besprechung von Kathryn Bigelows „Detroit“ (Detroit, USA 2017)

Die Pressekonferenz

Peter Travers unterhält sich mit Kathryn Bigelow über den Film

Ein kurzer Bericht über die damaligen Ereignisse , die Gegenwart und den Film


DVD-Kritik: Kleine Krimis mit großen Namen: Robert Pattinson hofft auf eine „Good Time“

März 26, 2018

Connie Nikas (Robert Pattinson, kaum zu erkennen) ist nicht gerade eine Geistegröße, aber er ist deutlich intelligenter als sein geistig zurückgebliebener Bruder Nick (Ben Safdie), der schon bei einfachen Fragen an seine Grenzen gerät. Connie sieht sich als großer Bruder als Nicks Beschützer. Deshalb holt er ihn am Anfang des Independent-Gangsterthrillers „Good Time“ aus einer psychiatrischen Klinik und begeht mit ihm einem schlecht geplanten Banküberfall.

Auf der improviserten Flucht wird Nick von der Polizei verhaftet. In der Haft wird er brutal zusammengeschlagen und ins Krankenhaus gebracht.

Währenddessen versucht Connie die Kaution zu beschaffen. Das Geld aus dem Banküberfall kann der Kleingangster, nachdem es von einer Farbbombe verschmutzt wurde, nicht benutzen. Auch seine anderen Versuche scheitern letztendlich. Also hat Connie die geniale Idee, seinen Bruder aus dem Krankenhaus zu entführen. Dummerweise entführt er den falschen Mann – und damit ist seine Pechsträhne in dieser chaotischen Nacht noch lange nicht beendet.

Robert Pattinson ist nach seinem „Harry Potter“- und „Twilight“-Ruhm immer noch in der schauspielerischen Phase, in der er sich ausprobiert und nicht auf kommerzielle Verwertbarkeit achtet. Nicht jeder dieser Filme ist gelungen und nicht jeder dieser Filme ist für ein großes Publikum gedacht, aber jeder dieser Filme zeigt, dass Pattinson mit interessanten Regisseuren zusammenarbeiten will, dass er sich ausprobieren will und sich dabei nicht mit einer weiteren erfolgreichen Serie auf dem Ruhm zweier erfolgreicher Serien ausruhen möchte. Das führt zu Filmen wie „Cosmopolis“ und „Maps to the Stars (beide von David Cronenberg), „Königin der Wüste“ (Werner Herzogs schlechtester Film), Anton Corbijns Dennis-Stock-James-Dean-Biopic „Life“, „Die versunkene Stadt Z“ (James Grays epischster Film) und jetzt „Good Time – Wettlauf gegen die Zeit“. In dem von den Safdie-Brüdern inszenierten New-York-Gangsterfilm stolpert Pattinson hektisch und ziemlich kopflos von einer beschissenen Situation zur nächsten.

Der düstere Thriller ist ein hochenergetischer, in einer Nacht in New York abseits jeglicher Touristenpfade spielender Fiebertrip. Die Brüder Ben und Joshua Safdie inzenierten ihre Geschichte fast ausschließlich in dreckigen Nahaufnahmen, die nie den Wunsch nach einer Kinopräsentation wecken.

Bei all dieser Energie bleiben allerdings die Charaktere auf der Strecke. Und die Geschichte ist eine pausenlose Abfolge hysterischer und chaotischer Situationen, in denen die Kleingangster schnell an ihre Grenzen stoßen.

Good Time – Wettlauf gegen die Zeit (Good Time, USA 2017)

Regie: Ben Safdie, Joshua Safdie

Drehbuch: Ben Safdie, Joshua Safdie, Ronald Bronstein

mit Robert Pattinson, Jennifr Jason Leigh, Ben Safdie, Taliah Webster, Buddy Duress

DVD

Ascot Elite Home Entertainment

Bild: 2.38:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (DD 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial (angekündigt): Interviews, Deutscher Trailer, Trailershow

Länge: 98 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite des Films 

Moviepilot über „Good Time“

Metacritic über „Good Time“

Rotten Tomatoes über „Good Time“

Wikipedia über „Good Time“ (deutsch, englisch)

DP/30 lässt die Safdie-Brüder und Robert Pattinson über den Film reden

Die Film Society of Lincoln Center unterhält sich mit den Safdie-Brüdern, Co-Drehbuchautor Ronald Bronstein und Robert Pattinson

 


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