DVD-Kritik (+ Lesehinweise): „No second Chance“ für Harlan Coben?

Mai 3, 2019

Als Dr. Alice Lambert im Krankenhaus auf der Intensivstation erwacht, ist ihr Leben zerstört. Sie wurde von einem Unbekannten in ihrem Vorstadthaus angeschossen. Ihr Mann ist tot und ihre kleine Tochter Tara verschwunden. Kurz darauf erhält sie eine Lösegeldforderung mit den üblichen Bedingungen. Ihre Schwiegereltern, die ein nobles Landhotel betreiben, können das Lösegeld beschaffen. Aber die Übergabe – bei der dann doch die Polizei dabei ist – geht schief.

Zwei Jahre später erhält Lambert eine Nachricht von den Entführern. Ihre Tochter lebt noch.

Spätestens in diesem Moment weiß der geübte Thrillerfan, dass es sich um keine normale Entführung handelt.

Die französische sechsteilige Miniserie „No second Chance“, die in Frankreich ein Hit war, basiert auf Harlan Cobens Bestseller „Keine zweite Chance“ (No second chance, 2003).

Der Roman war, nach mehreren hochgelobten und ausgezeichneten Myron-Bolitar-Privatdetekivromanen, ein weiterer Einzelroman. Mit ihnen gelang Cobens der Durchbruch beim breiten Publikum. Diese Thriller sind im Kern alle ähnlich aufgebaut. Immer geht es um Verbrechen und Geheimnisse in der Vorstadt. Immer stehen ganz normale (naja, mehr oder weniger normale) Menschen im Mittelpunkt der Geschichte. Und immer erfährt der Protagonist dass er sich einige tiefgreifende Illusionen über sein Leben gemacht hat.

Selbstverständlich interessierte Hollywood sich schnell für diese Bestseller. Jeder von Cobens Romanen hat das Potential für einen spannenden Thriller. Aber bis jetzt gibt es keine Hollywood-Verfilmung eines Coben-Romans. Dafür gibt es mehrere französische Verfilmungen, in denen die Geschichten von den USA nach Frankreich verlegt werden und erstaunlich gut funktionieren. Bei „No second Chance“ wurde auch, mit Cobens Einverständnis, das Geschlecht der Hauptperson geändert. Aus Marc Seidman wurde Alice Lambert. Es gibt noch einige weitere Änderungen, die so gelungen sind, dass sie jederzeit wirken, als stünden sie genau so im Roman.

Die Macher der Miniserie jonglieren über sechs Stunden gelungen zwischen verschiedenen Handlungssträngen. Vor allem aus dem Wechsel zwischen Lamberts Versuchen, ihre Tochter wiederzubekommen, während sie sich fragt, wem sie überhaupt vertrauen kann, und den Ermittlungen der Polizei, entsteht eine beträchtliche Spannung. Die Ermittler versuchen einerseits, die Entführer zu finden, verdächtigen dabei auch Lambert (Warum wurde sie in den Rücken geschossen, wenn die Einbrecher doch die Haustür gewaltsam aufbrachen?) und sie haben Ärger mit anderen Abteilungen und Anweisungen, die ihre Ermittlungen immer wieder behindern. Vor allem die Rolle von Richard Millot ist unklar. Er ist Lamberts Jugendfreund. Jetzt, nachdem er jahrelang keinen Kontakt zu ihr hatte, hilft er ihr anscheinend selbstlos und er ist ein Agent mit unklarer Zuständigkeit und Auftrag.

Alle Figuren sind knapp und präzise gezeichnet. Die Story bewegt sich mit zahlreichen überraschenden Wendungen und Cliffhangern ständig vorwärts.

Die Schauspieler, Ausstattung und Locations überzeugen. Damit ist alles vorhanden für sechs spannende Stunden oder eine schlaflose Nacht. Aber daran sind Coben-Fans von seinen Romanen gewohnt.

Die Miniserie „No second Chance“ ist auch deutlich gelungener als „Just one Look“, die zweite TV-Miniserie, die ebenfalls auf einem Roman von Harlan Coben basiert und ebenfalls von Sydney Gallonde für das Fernsehen bearbeitet wurde.

Für Coben-Fans und Thrillerfans ist „No second Chance“ daher eine klare Empfehlung. Außerdem hat Harlan Coben in der letzten Folge einen längeren Auftritt.

No second Chance (Une chance de trop, Frankreich 2015)

Regie: François Velle

Drehbuch: Delinda Jacobs, Patrick Renault, Emilie Clamart-Marsollat, Frédéric Chansel, Olivier Kohn, Kristel Mudry, Mehdi Ouahab, Sébastien Vitoux

Erfinder: Sydney Gallonde

LV: Harlan Coben: No second Chance, 2003 (Keine zweite Chance)

mit Alexandra Lamy, Pascal Elbé, Lionel Abelanski, Hippolyte Girardot, Charlotte Des Georges, Lionnel Astier, Samira Lachhab, Francis Renaud, Arielle Sémenoff, Geoffroy Thiébaut, Yoli Fuller, Jean-François Vlerick, Dana Delany, Harlan Coben

DVD

Polyband

Bild: 16:9 (1,78:1)

Ton: Deutsch (Dolby Digital 5.1), Französisch (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: –

Bonusmaterial: –

Länge: 336 Minuten (6 Folgen auf 2 DVDs)

FSK: ab 16 Jahre

Die Vorlage

Harlan Coben: Keine zweite Chance

(übersetzt von Gunnar Kwisinski)

Goldmann, 2005

448 Seiten

9,99 Euro

Originalausgabe

No Second Chance

Dutton, 2003

Neu von Harlan Coben

Bei einem Überfall wird Maya Burketts Mann Joe ermordet. Kurz nach seiner Beerdigung sieht sie ihn auf neuen Aufnahmen ihrer Nanny-Cam mit ihrer Tochter spielen. Maya, eine Ex-Soldatin mit Kampferfahrung, fragt sich, ob sie ihren Augen trauen kann. Sie will herausfinden, was hinter den Bildern steckt. Sie muss sich dafür auch mit Joes vermögender Familie anlegen.

In ewiger Schuld“ ist ein weiterer Einzelroman von Harlan Coben und, nun, eine Lösung können wir schon jetzt ausschließen.

Harlan Coben: In ewiger Schuld

(übersetzt von Gunnar Kwisinski)

Goldmann, 2019

416 Seiten

9,99 Euro

Originalausgabe

Fool me once

Dutton, 2016

Hinweise

AlloCiné über „No second Chance“

Wikipedia über „No second Chance“

Homepage von Harlan Coben

Meine Besprechung von Harlan Cobens „Kein böser Traum“ (Just one look, 2004)

Meine Besprechung von Harlan Cobens „Kein Friede den Toten“ (The Innocent, 2005)

Meine Besprechung von Harlan Coben „Der Insider“ (Fade away, 1996)

Meine Besprechung von Harlan Cobens „Das Grab im Wald“ (The Woods, 2007)

Meine Besprechung von Harlan Cobens „Sie sehen dich“ (Hold tight, 2008)

Meine Besprechung von Harlan Cobens „Von meinem Blut“ (Long Lost, 2009)

Meine Besprechung von Harlan Cobens „In seinen Händen“ (Caught, 2010)

Meine Besprechung von Harlan Cobens “Sein letzter Wille” (Live Wire, 2011)

Meine Besprechung von Harlan Cobens „Nur zu deinem Schutz“ (Shelter, 2011)

Meine Besprechung von Harlan Cobens „Ich finde dich“ (Six Years, 2013)

Meine Kurzbesprechung der Harlan-Coben-Verfilmung „Kein Sterbenswort“ (Ne le dis à personne, Frankreich 2006)

Meine Besprechung von Ludovic Colbeau-Justin Harlan-Coben-Verfilmung „Just one Look“ (Juste un regard, Frankreich 2017)

Harlan Coben in der Kriminalakte

 

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DVD-Kritik: „Nur ein kleiner Gefallen“, etwas penetrante Neugier und einige Verbrechen in der Vorstadt

Mai 1, 2019

Zum Kinostart schrieb ich ziemlich begeistert über diesen „Suburban Noir“ (Feig über den Film):

Einen solchen Film hätte man von Paul Feig nicht erwartet. Er ist vor allem als Regisseur von enorm erfolgreichen Komödien bekannt. „Brautalarm“, „Taffe Mädels“ (The Heat) „Spy: Susan Cooper Undercover“ und „Ghostbusters“. Immer mit Frauen in den Hauptrollen, immer mit Melissa McCarthy und immer mehr als nur einen Tick über dem Klamauk der meisten improvisationsfreudigen US-Komödien, die Infantilität als Humor verkaufen.

Da ist „Nur ein kleiner Gefallen“ eine Überraschung. Denn obwohl es einiges zu Lachen gibt, ist der Film mehr ein Neo-Noir als eine Komödie.

Im Mittelpunkt steht Stephanie Smothers (Anna Kendrick). Die allein erziehende Witwe ist eine typische Soccer-Mum, die Kuchen für alle backt, hilfsbereit bis zur Selbstaufgabe ist und einen Vlog hat, in dem sie Küchentipps gibt und vor laufender Kamera, vor sich hin plappernd, Essen kocht.

Da trifft sie Emily Nelson (Blake Lively, kälter als eiskalt). Ihr Sohn Nicky geht in die gleiche Klasse wie Stephanies Sohn Miles. Emily ist eine für die Vorstadt mehr als mondäne, in New York arbeitende Mode-PR-Chefin, die mit einem erfolgreichen englischen Autor verheiratet ist. Wobei Sean Townsend (Henry Golding) nach seinem gefeierten Debüt kein weiteres Buch mehr schrieb. Inzwischen bestreitet Emily das Familieneinkommen. Aus irgendeinem unerfindlichen Grund findet Emily die unbeholfene und arg naive Stephanie sympathisch. Sie schüttet ihr ihr Herz aus. Auch dass ihr Mann gar nicht so nett sei, wie er auf den ersten Blick erscheine. Die beiden ungleichen Frauen werden beste Freundinnen. Der gewiefte Krimifan vermutet bei dieser Freundschaft selbstverständlich sehr unschöne Hintergedanken von Emily und auch die anderen Schuleltern trauen dieser Freundschaft nicht.

Eines Tages bittet Emily Stephanie um einen Gefallen: sie soll einige Stunden auf ihren Sohn aufpassen. Aber Emily holt Nicky nie ab. Sie verschwindet spurlos.

Stephanie setzt Himmel und Hölle in Bewegung, um Emily zu finden. Sie schnüffelt herum, sie ruft ihre Follower auf, ihr bei der Suche nach Emily zu helfen. Sie fragt sich, ob Emily verschwunden ist oder von ihrem Mann Sean umgebracht wurde.

Wir fragen uns, ob Stephanie wirklich so unschuldig ist, wie sie tut. Schließlich ist auch sie immer so nervig überdreht naiv und freundlich, dass sie schon dadurch verdächtig wirkt. Und natürlich wäre Sean ein gut aussehender und vermögender Ehemann, der mit einer liebevollen Ehefrau sicher wieder Bücher schreiben würde.

Weil Feig in „Nur ein kleiner Gefallen“ herrlich unbekümmert zwischen Neo-Noir und banaler Krimikomödie pendelt, ist auch lange unklar, wie die Geschichte endet. Denn während in einem Noir alles in schönster Verzweiflung endet und alle Pläne scheitern, endet in einer Krimikomödie alles viel optimistischer. Vor allem in erfolgreichen Serien wie „Monk“, „Psych“ (beides TV, aber auch einige Buchfälle) und den Stephanie-Plum-Krimis von Janet Evanovich (Romane, aber auch ein Kinofilm, der wie der Auftakt zu einer TV-Serie aussieht) endet alles immer harmonisch, bis der Ermittler nächste Woche einen neuen Fall hat. Stephanie Smothers gehört in diesen Krimikosmos. Sie hätte als eine Wiedergängerin von Miss Marple und all den anderen, die Polizei nervenden Ermittler, das Potential für eine nette, beschauliche Krimiserie. So in Richtung „Mord mit Aussicht“ oder flauschigem Regiokrimi, in denen nie etwas wirklich Schlimmes passiert und am Ende die Welt in Ordnung ist.

Aber schon bevor Emily verschwindet, ist klar, dass in „Nur ein kleiner Gefallen“ jeder jeden betrügt, man jedem mühelos die schlimmsten Absichten unterstellen kann und irgendwo vor unseren Augen ein ziemlich gemeiner Betrug oder Mord verborgen ist. Das ist dann, in schönster Neo-Noir-Tradition, ziemlich nah an „Wild Things“. Wenn da nicht die ach so tölpelhafte Stephanie wäre, aus deren Sicht die Geschichte erzählt wird.

Nur ein kleiner Gefallen“ ist als Drahtseilakt zwischen harmloser Krimikomödie und fiesem Neo-Noir ein ziemlicher Spaß, der gerade weil er so unvereinbare Stile miteinander kombiniert, bis zum Schluss spannend bleibt.

 

Jetzt ist die auch von Alfred Hitchcock inspirierte Komödie auf DVD (und Blu-ray) mit einer satten Portion Bonusmaterial erschienen. Während, so mein Eindruck, die Zahl von DVDs, die über keinerlei nennenswertes Bonusmaterial verfügen, steigt, gibt es bei „Nur ein kleiner Gefallen“ einen sehr lebhaften, entsprechend kurzweiligen und sehr informativen, deutsch untertitelten Audiokommentar mit Regisseur Paul Feig, Drehbuchautorin Jessica Sharzer, Kameramann John Schwartzman, Kostümbildnerin Renee Ehrlich Kalfus und Produzentin Jessie Henderson und, wenn man den Trailer und den dreiminütigen Gag Reel dazu zählt, über neunzig Minuten Bonusmaterial,

Es gibt mehrere ausführliche Featurettes, ein alternatives Ende (eine Tanznummer wurde gedreht, aber dann als unpassend verworfen) und zehn geschnittene Szenen.

Das sich auf die Dreharbeiten konzentrierende Bonusmaterial ist durchgehend unterhaltsam. Der Informationswert ist allerdings überschaubar. So werden die Interviews zu kurzen Schnipseln zerstückelt. Mit Paul Feig hätte man ruhig ein ausführliches ungeschnittenes Interview führen können. Es gibt auch viele Bilder von den Dreharbeiten, bei denen Paul Feig immer heraussticht. Denn er trägt immer einen Anzug. Für ihn ist das einfach die normaler Arbeitskleidung, in der er sich wohlfühlt.

Und die Noir-Komödie ist natürlich immer noch sehenswert. Inzwischen hat sie auch einige, wenige Preise gewonnen. Besonders gut gefällt mir der Preis der Gay and Lesbian Entertainment Critics Association (GALECA). „Nur ein kleiner Gefallen“ erhielt den Dorian Award als „Campy Flick of the Year“. Das klingt doch nach einer gut abgeschmeckten Empfehlung.

Nur ein kleiner Gefallen (A simple Favor, USA 2018)

Regie: Paul Feig

Drehbuch: Jessica Sharzer

LV: Darcey Bell: A simple Favor, 2017 (Nur ein kleiner Gefallen – A simple Favor)

mit Anna Kendrick, Blake Lively, Henry Golding, Andrew Rannells, Jean Smart, Bashir Salahuddin, Joshua Satine, Ian Ho, Rupert Friend

DVD

Studiocanal

Bild: 2,0:1 (anamorph)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Audiokommentar, Featurettes: „Gravestone Martinis“, „Suburban Noir: der visuelle Stil von ‚Nur ein kleiner Gefallen‘“, „Tagebuch eines modebewussten Regisseurs“, „Dreiecksbeziehungen“, „Style by Paul“, „Dennis Nylon“, „Nur so ein kleines Playdate“, „Flash Mob: das Making Of“; Alternatives Ende; Geschnittene Szenen; Gag Reel; Trailer; Wendecover

Länge: 120 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Blu-ray identisch.

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Nur ein kleiner Gefallen“

Metacritic über „Nur ein kleiner Gefallen“

Rotten Tomatoes über „Nur ein kleiner Gefallen“

Wikipedia über „Nur ein kleiner Gefallen“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Paul Feigs „Taffe Mädels“ (The Heat, USA 2013)

Meine Besprechung von Paul Feigs „Spy – Susan Cooper Undercover“ (Spy, USA 2015)

Meine Besprechung von Paul Feigs „Ghostbusters“ (Ghostbuster, USA 2016)

Meine Besprechung von Paul Feigs „Nur ein kleiner Gefallen“ (A simple Favor, USA 2018)


DVD-Kritik: Das eindrucksvolle Marie-Colvin-Biopic „A private war“ und die filmergänzende Doku „Under the Wire“

März 27, 2019

I have to go. I must see what is going on.“ (Marie Colvin)

Am 22. Februar 2012 starb die Journalistin Marie Colvin in Homs.

In dem Moment war die am 12. Januar 1956 in Oyster Bay, New York, geborene Kriegsreporterin bereits eine Legende. Sie berichtete in den Jahrzehnten vor ihrem Tod von ungefähr jedem Kriegsschauplatz. Oft von Orten, an die sich in dem Moment kein anderer Journalist mehr wagte. Wie Homs in Syrien. Als sie für die in London erscheinende „Sunday Times“ aus Homs berichtete, wurde die Stadt systematisch von al-Assads Armee bombardiert. Auf Zivilisten oder Journalisten wurde keine Rücksicht genommen.

Davor war sie, wie wir am Beginn von „A private War“, erfahren 2001 in Sri Lanka. Dort wurde sie von einer Granate schwer verletzt. Seitdem trug sie über ihrem linken Auge eine schwarze Augenklappe. Daran konnte man sie überall auf den ersten Blick erkennen. Außerdem trug sie in Kriegsgebieten immer einen La Perla Büstenhalter.

In seinem Spielfilmdebüt „A private war“ porträtiert Matthew Heineman die Journalistin in den elf Jahren vor ihrem Tod. Von seinen Dokumentarfilmen ist vor allem „Cartel Land“ über den Drogenschmuggel an der mexikanisch-amerikanischen Grenze bekannt. Quasi dokumentarisch porträtiert er jetzt auch Marie Colvin. Das beginnt mit den vielen langen Einstellungen und endet mit dem Ansatz, viel zu zeigen und wenig zu erklären. So war Colvin Alkoholikerin, litt an einer postraumatischen Belastungsstörung (PTSD) und sie war ein wahrer Sturkopf, der sich nur wohl fühlte, wenn Kugeln um sie herumschwirrten. Sie war ein echter ‚Charakter‘ (Type klingt da zu nett-verschroben).

Über Colvins Leben vor dem Filmbeginn erfahren wir nichts. Heineman und sein Drehbuchautor Arash Amel bemühen sich auch nicht, zu erklären, warum Colvin zu dieser Person wurde, die wir in „A private War“ durch die halbe Welt begleiten. Sie beobachten nur, wie Rosamund Pike sie spielt und wie Marie Colvin auf verschiedene Situationen in London, Sri Lanka, Irak, Afghanistan, Libyen und Syrien reagiert.

Das ist die Stärke von „A private war“, der ihr über elf Jahre beruflich und privat folgt und so auch eine Chronik der Konfliktherde der vergangenen Jahrzehnte wird.

Ascot Elite veröffentlichte Matthew Heinemans eindrucksvollen Spielfilm auf DVD und Blu-ray zusammen mit der spielfilmlangen Dokumentation „Under the Wire“ (2018) von Christopher Martin. Die Doku konzentriert sich auf die Ereignisse in Homs und Colvins langjähriger Fotograf Paul Conroy, der sie auch nach Homs begleitete, kommt ausführlich zu Wort. Die sehenswerte Dokumentation ist eine sehr gelungene Ergänzung zu dem Spielfilm über Marie Colvin.

A private War (A private War, USA/Großbritannien 2018)

Regie: Matthew Heineman

Drehbuch: Arash Amel

LV: Marie Brenner: Marie Colvin’s Private War (Reportage, Vanity Fair, August 2012)

mit Rosamund Pike, Jamie Dornan, Tom Hollander, Stanley Tucci

Länge: 110 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Under the Wire (Unter the Wire, Großbritannien 2018)

Regie: Christopher Martin

Drehbuch: Christopher Martin

LV: Paul Conroy: Under the Wire: Marie Colvin’s Final Assignment, 2013

Der Film „A private War“ und die Doku „Under the Wire“ erschienen bei Ascot-Elite als VoD, DVD und Blu-ray.

Hinweise

Ascot-Elite über den Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „A private War“ und „Under the Wire“

Metacritic über „A private War“ und „Under the Wire“

Rotten Tomatoes über „A private War“ und „Under the Wire“

Wikipedia über „A private War“ und Marie Colvin (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Matthew Heinemans „Cartel Land (Cartel Land, USA/Mexiko 2015) (doofer TV-Titel: Die Gesetzlosen – Bürgerwehren gegen Drogenbosse)


DVD-Kritik: „Die Geiselnahme“ ist bel canto

März 15, 2019

Der japanische Industrielle Katsumi Hosokawa (Ken Watanabe) freut sich auf einen Auftritt der von ihm bewunderten weltbekannten Sopranistin Roxane Coss (Julianne Moore). Sie wurde nach Südamerika eingeladen, um dort in der Villa des Vizepräsidenten vor einem ausgewählten Publikum zu singen. Die Sängerin hatte Auftritt in dem gefährlichen Land so lange abgelehnt, bis die Gage eine Höhe erreichte, bei der sie nicht mehr ablehnen konnte. Die Regierung möchte, dass Hosokawa an dem Abend mit dem Präsidenten ein lukratives Geschäft beschließt. Der Präsident kommt allerdings nicht zu dem Privatkonzert. Er will sich lieber eine Telenovela ansehen. Dafür taucht eine Gruppe Terroristen auf, die den Präsidenten entführen will. Weil der nicht da ist, nehmen sie spontan alle Gäste als Geisel.

Die Geiselnahme“ beginnt wie ein gewöhnlicher Geiselnahme-Thriller mit Sebastian Koch als Mann vom Internationalen Roten Kreuz, der der Verhandler sein wird.

Aber dann hat Paul Weitz, der hier den Roman „Bel Canto“ von Ann Patchett verfilmte, wenig Interesse daran, dem bekannten Regeln eines Thrillers zu folgen. Er konzentriert sich auf die Geisel und die Geiselnehmer, die eine besondere Abart des Stockholm-Syndroms entwickeln. Ihr Leben in der Villa wird zunehmend zu einem absurden Theaterspiel, in dem sie in einer Zwischenwelt verschwinden. Es ist ein Stillstand, den sie mit persönlichen Gesprächen, Liebeleien, Schach, Gesang und, nun, der gegenseitigen Fortbildung von Sprachen, Gesang, Kochkunst und auch Liebe verbringen. Die Grenzen zwischen den Gefangenen und den Guerilleros verschwimmen dabei zunehmend.

Das ist als vorsichtiger Ausbruch aus den Konventionen des Genres durchaus interessant.

Produzent, Regisseur und Drehbuchautor Paul Weitz inszenierte mehrere Folgen der Amazon Original Serie „Mozart in the Jungle“. Zu seinen Spielfilmen, für die er auch oft das Drehbuch schrieb, gehören „American Pie – Wie ein heißer Apfelkuchen“ (American Pie, 1999), „About a Boy oder: Der Tag der toten Ente“ (About a Boy, 2002), „Meine Frau, unsere Kinder und ich“ (Little Fockers, 2010), „Being Flynn“ (Being Flynn, 2012, ebenfalls mit Julianne Moore) und „Grandma“ (Grandma, 2015).

Reneé Fleming übernahm für Julianne Moore den Gesang.

Ann Patchetts Inspiration für ihren in einem nicht genannten südamerikanischen Land spielenden Roman war die weltweit aufsehen erregende Geiselnahme in der japanischen Botschaft in Lima, Peru, 1996/97. Damals nahmen Mitglieder der Movimiento Revolucionario Túpac Amaru hundertzwanzig hochrangige Geschäftsleute und Politiker als Geisel. Die Geiselnahme wurde nach 126 Tage am 22. April 1997 blutig beendet.

Die Geiselnahme (Bel Canto, USA 2018)

Regie: Paul Weitz

Drehbuch: Paul Weitz, Anthony Weintraub

LV: Ann Patchett: Bel Canto, 2001 (Bel Canto)

mit Julianne Moore, Ken Watanabe, Sebastian Koch, Christopher Lambert, Ryo Kase, Tenoch Huerta, Noé Hernández, Johnny Ortiz, María Mercedes Coroy, Ethan Simpson, Gabo Augustine, Carmen Zilles, Eddie Martinez

DVD

DCM World/Universum Film

Bild: 2.40:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (DD 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Featurette „Charaktere“, Featurette „Geschichte des Films“, Wendecover

Länge: 97 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Die Geiselnahme“

Metacritic über „Die Geiselnahme“

Rotten Tomatoes über „Die Geiselnahme“

Wikipedia über „Die Geiselnahme“ (deutsch, englisch)


Buch- und DVD-Kritik: Die China-Miéville-Verfilmung „The City & The City“

März 6, 2019

Die Idee ist gleichzeitig faszinierend und idiotisch und innerhalb des Romans und der Verfilmung als vierteilige TV-BBC-Miniserie funktioniert sie ausgezeichnet. Denn die Städte Beszel und Ul Qoma sind zur gleichen Zeit am gleichen Ort. Sie sind miteinander verfeindet. Die Bewohner der einen Stadt dürfen die Bewohner der anderen Stadt nicht sehen. Ihr ganzes Leben üben und praktizieren sie dieses Nicht-Sehen. Selbstverständlich dürfen sie auch keine Beziehungen zu einem Bewohner der anderen Stadt haben und sie dürfen die andere Stadt auch nicht betreten (Okay, hier gibt es einige wenige Ausnahmen).

Und dann gibt es noch eine alte Legende, dass neben Beszel und Ul Qoma noch eine dritte Stadt, genannt Orciny, auf dem gleichen Gebiet läge, aber die Bewohner von Beszel und Ul Ooma die Bewohner von Orciny nicht sähen.

In dem Moment fragte ich mich nicht mehr, wie es den Bewohner von Beszel und Ul Qoma gelingt, nicht ständig ineinander zu laufen und Autounfälle zu verursachen, sondern wie überbevölkert die Stadt sein muss, wenn gleichzeitig die Bewohner von drei Städten sich nicht wahrnehmen dürfen.

Aber man kann Beszel und Ul Qoma auch einfach als interpretationsoffene Metapher sehen. Schließlich übersehen und ignorieren wir täglich Menschen und Dinge.

Außerdem ist „Die Stadt & Die Stadt“ ein von China Miéville geschriebener Science-Fiction-Roman. Dass er sein Gedankenexperiment in der Gegenwart spielen lässt und die beiden Städte mehr oder weniger unpräzise nach Osteuropa verlegt (im Roman schreibt er nie, wo die Städte genau liegen, aber durch die verschiedenen Wege, wie man die Städte besuchen kann, ist das ungefähr die Lage der Städte), ändert daran nichts.

Die in schönster Hardboiled-Tradition von Kommissar Tyador Borlú (David Morrissey) erzählte Geschichte beginnt mit einer toten Frau, deren Name und Wohnort zunächst unbekannt sind. Seine Ermittlungen ergeben, dass sie Mahalia Geary heißt und in Ul Qoma als Doktorandin an einer historischen Forschungsstätte arbeitete. Die vierundzwanzigjährige, amerikanische Doktorandin glaubte an die Theorie, dass es noch die dritte Stadt Orciny gebe. Und sie versuchte sie zu beweisen. Diese Theorie verfocht Professor David Bowden in seinem im Roman weniger, im Film mehr verbotenem Buch „Zwischen der Stadt und der Stadt“. Inzwischen distanziert er sich von seinem Buch.

Aufgrund der strengen Regeln, die das Leben zwischen Beszel und Ul Qoma regeln, hätte Geary niemals, weder tot noch lebendig, in Beszel sein dürfen. Es ist ein Grenzbruch, der damit in die Zuständigkeit von Ahndung fällt. Ahndung ist eine mächtige, niemals von den Bewohnern von Beszel und Ul Qoma gesehene Polizeieinheit, die sich in und zwischen den beiden Städten bewegen darf. Ihre Aufgabe ist es Menschen, die ohne Erlaubnis die Grenze ignorieren, zu verhaften und zu bestrafen.

Aber Ahndung will den Fall nicht übernehmen. Stattdessen erhält Borlú die Erlaubnis, in Ul Qoma zu ermitteln.

Spätestens in dem Moment wissen gestandene Krimifans, dass Borlú nicht in einem einfachen Mordfall ermittelt.

Miévilles SF-Krimi räumte nach seinem Erscheinen 2009 bei den wichtigen Science-Fiction-Preisen groß ab. Er wurde mit dem Arthur C. Clarke Award, dem Hugo Award als Bester Roman, dem Locus Award als Best Fantasy Novel, dem World Fantasy Award, dem BSFA Award (der British Science Fiction Association), dem Kitschies Red Tentacle und dem deutschen Kurd-Laßwitz-Preis als bester ausländischer SF-Roman ausgezeichnet. Außerdem war er für den Nebula Award und den John W. Campbell Memorial Award nominiert.

Tom Shankland, der für „Dirk Gently“, „Ripper Street“, „The Missing“, „House of Cards“, „The Punisher“ und, aktuell, die Miniserie „Les Misérables“ Regie führte, verfilmte Miévilles Roman jetzt als vierstündige Miniserie.

Drehbuchautor Tony Grisoni schrieb bereits die Bücher für die „Red Riding“-Trilogie (basierend auf den unverfilmbaren Romanen von David Peace) und, zusammen mit Terry Gilliam, „Fear and Loathing in Las Vegas“, „Tideland“ und „The Man Who Killed Don Quixote“.

Kameramann Stephan Pehrsson hatte die Aufgabe, Miévilles Vision in Bilder zu übersetzen, die eben dieses Nicht-Sehen illustrieren. Das gelingt ihm, indem er mit der Schärfe spielt. Außerdem unterscheiden sich in beiden Orten die Farben, Architektur und Kleider. Immer wieder in einem Bild. Optisch orientiert sich die Miniserie an „Blade Runner“ und Bildern, die man aus ebenso beklemmenden Kalter-Kriegs-Filmen kennt. Die aus allen Nähten platzende Filmstadt sieht wie eine nicht genau spezifizierbare osteuropäisch-asiatische Metropole aus, in der zu viele Menschen in einem zu engem Raum miteinander auskommen müssen. Eine Außenwelt gibt es, im Gegensatz zum Roman, nicht mehr. Dass die Miniserie in Manchester und Liverpool gedreht, will man angesichts dieser Bilder nicht glauben.

Zugunsten dieser rundum überzeugenden Inszenierung wurde die Story, die gegenüber dem Roman durchaus eigene Wege beschreitet, vernachlässigt. So verfolgt man, emotional involviert wie ein Insektenforscher, die Ermittlungen und die persönliche Reise von Borlú, der auf dem Papier genug Probleme und Konflikte für mindestens zwei Serien hat. Dabei unterscheiden sich im Roman und im Film Borlús Probleme.

Am Ende ist die Miniserie „The City & The City“ ist optisch überzeugendes, emotional nie wirklich packendes SF-TV-Kino.

P. S.: in „Das Science Fiction Jahr 2010“ (herausgegeben von Sascha Mamczak und Wolfgang Jeschke) gibt es ein von Uwe Kramm mit China Miéville geführtes Interview zu seinem Roman „Die Stadt & Die Stadt“. Wer das Buch in die Finger bekommt, sollte das Interview lesen.

The City & The City (The City & The City, Großbritannien 2018)

Regie: Tom Shankland

Drehbuch: Tony Grisoni

LV: China Miéville: The City & The City, 2009 (Die Stadt & Die Stadt)

mit David Morrissey, Mandeep Dhillon, Maria Schrader, Lara Pulver, Christian Camargo, Ron Cook, Danny Webb, Morfyod Clark, Andrea Deck, Paprika Steen, Corey Johnson

DVD

Pandastorm

Bild: 2,66:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Französisch/Englisch (DD 5.1)

Untertitel: Deutsch, Englisch

Bonusmaterial: –

Länge: 240 Minuten (4 Folgen à 60 Minuten) (2 DVD)

FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage

China Miéville: Die Stadt & Die Stadt

(übersetzt von Eva Bauche-Eppers)

Bastei-Lübbe, 2010

432 Seiten

7,99 Euro (E-Book)

Taschenbuch nur noch antiquarisch erhältlich.

Originalausgabe

The City & The City

Macmillan, 2009

Hinweise

BBC über „The City & The City“

Moviepilot über „The City & The City“

Rotten Tomatoes über „The City & The City“

Wikipedia über „The City & The City“ (deutsch, englisch) und China Miéville (deutsch, englisch)

Blog von China Miéville

Meine Besprechung von Tom Shanklands „The Fades“ (The Fades, Großbritannien 2011)

Meine Besprechung von Tom Shanklands „Ripper Street – Staffel 1“ (Ripper Street, Großbritannien 2012)


DVD-Kritik: „State of Play – Mord auf Seite Eins“, schmutzige Wäsche auf Seite Drei und Politik danach

Februar 27, 2019

Es gibt viele gute Gründe, sich die schon etwas ältere BBC-Miniserie „State of Play – Mord auf Seite Eins“ anzusehen. Da ist einmal der gewonnene Edgar als beste TV-Miniserie/Film. Da ist die Besetzung. John Simm, David Morrissey, Kelly Macdonald, Bill Nighy und James McAvoy spielen Hauptrollen. Einige standen damals am Anfang ihrer Karriere, die sie zu „The Walking Dead“ und „X-Men“ führte. Und dann könnte da noch der Wunsch sein, dass man einfach eine gute Serie sehen möchte.

Es beginnt mit zwei Ereignissen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. In einem Westend-Hinterhof wird ein 15-jähriger Drogendealer erschossen. Ein zufällig anwesender Zeuge wird angeschossen. Zur gleichen Zeit verunglückt eine junge Frau in der Londoner U-Bahn. Sie war eine Mitarbeiterin des jungen, aufstrebenden Labour-Abgeordneten Stephen Collins (David Morrissey). Er ist Vorsitzender der Energiekommission.

Als „Herald“-Starreporter Cal McCaffrey (John Simm) über den Tod des jungen Drogendealers recherchiert, entdeckt er eine Verbindung zu Collins‘ toter Mitarbeiterin und er vermutet, dass ihr Tod kein Unglück war und dass sie bei ihrer Arbeit etwas sehr Brisantes entdeckte.

Weil er Collins von früher kennt – er war sein Wahlkampfmanager für die Unterhauswahlen -, gestalten sich die Recherchen zwischen professioneller Distanz und Freundschaft schwierig.

Bewundernswert schnell entwickelt sich in der sechsteiligen BBC-Miniserie die Geschichte, die entsprechend schnell ein verwickelter Knäuel unterschiedlicher Interessen und Loyalitäten aus Politik, Presse, Wirtschaft und Privatem wird.

Das Drehbuch für „State of Play – Mord auf Seite Eins“ ist von Paul Abbott. Er schrieb mehrere Drehbücher für die legendäre Krimiserie „Cracker“ (Für alle Fälle Fitz) und war der kreative Kopf hinter Serien wie „Hit & Miss“ und, zuletzt, „Shameless“ und „No Offence“.

Regie führte David Yates, der damals nur ein TV-Regisseur war. Seitdem drehte er vier Harry-Potter-Filme und er soll alle „Fantastic Beasts“/“Phantastische Tierwesen“-Filme inszenieren. Schon in „State of Play“ führte er, noch ohne Spezialeffekte, ein großes Ensemble über mehrere Stunden souverän durch eine spannende, aus mehreren Handlungssträngen bestehende Geschichte.

In England war die spannende Serie ein Hit. Es gab zahlreiche Preise und Nominierungen. Neben dem schon erwähnten Edgar erhielt „State of Play“ drei BAFTA-Awards (Bill Nighy als bester Hauptdarsteller, Mark Day für den Schnitt und Simon Okin, Stuart Hilliker, Jamie McPhee und Pat Boxshall für den Ton) und war für weitere BAFTAs nominiert, u. a. David Morrissey ebenfalls als bester Hauptdarsteller und die gesamte Serie als beste dramatische Serie. Außerdem erhielt sie erhielt einen Peabody Award und mehrere Preise der Royal Television Society. Um nur einige zu nennen.

Paul Abbott sollte eine Fortsetzung schreiben. Er versuchte es. Später sagte er, es werde keine Fortsetzung geben, weil er nicht wisse, welche neue Geschichte er mit diesen Charakteren erzählen solle. Ein besseres Lob kann man wohl kaum einer Serie machen.

2009 gab es ein von Kevin Macdonald inszeniertes, starbesetztes und gutes Remake. Jedenfalls solange man die vielschichtige, über gut sechs Stunden fesselnde Vorlage nicht kennt.

In Deutschland zeigte Arte die sechsteilige, in sich abgeschlossene (das muss man heute bei den vielen offenen Serienenden ja sagen) Mini-Serie 2008. Seitdem wurde sie, wenn ich mich nicht irre, nicht wiederholt.

Polyband veröffentlicht „State of Play – Mord auf Seite Eins“ jetzt wieder auf DVD. Wieder ohne Bonusmaterial.

State of Play – Mord auf Seite Eins (State of Play, Großbritannien 2003)

Regie: David Yates

Drehbuch: Paul Abbott

mit John Simm, David Morrissey, Kelly Macdonald, Bill Nighy, James McAvoy, Polly Walker, Philip Glenister, Marc Warren, James Laurenson, Benedict Wong

DVD

Polyband

Bild: 16:9 (1,78:1)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: –

Bonusmaterial: –

Länge: 300 Minuten (6 x 50 Minuten) (2 DVDs)

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

BBC über „State of Play“

BFI Screen Online über „State of Play“

Wikipedia über „State of Play“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von David Yates‘ „Legend of Tarzan“ (The Legend of Tarzan, USA 2016)


DVD-Kritik (+ Buchtipps): Die Harlan-Coben-Verfilmung „Just one look“

Februar 6, 2019

Eva Beaufils entdeckt unter den Schnappschüssen von ihrem letzten Familienausflug ein ihr vollkommen unbekanntes Foto. Auf dem sind ihr Mann und einige andere Menschen. Sie kennt niemand von ihnen und als sie Bastien danach fragt, reagiert er seltsam auf das gut zwanzig Jahre alte Bild.

Kurz darauf verschwindet er spurlos.

Eva beginnt ihn zu suchen. Denn, das erfahren wir schon in der ersten Folge der sechsteiligen Miniserie „Just one look“, Bastien wurde entführt. Und, das ahnen wir dank der zahlreichen Rückblenden schnell, sein Verschwinden hängt mit einem Rockkonzert, das ebenfalls vor gut zwanzig Jahren in den Katakomben von Paris stattfand, zusammen. Damals brach während des Konzerts eine Panik aus. Menschen starben – und auch Eva war dort. Sie kann sich nur nicht daran erinnern.

In den USA ist Harlan Coben schon seit Ewigkeiten ein Bestsellerautor. In der Krimiszene wurde er mit seinen Myron-Bolitar-Romanen, von denen der erste 1995 erschien, bekannt. Mit seinen Einzelromanen, beginnend mit „Kein Sterbenswort“ (Tell no one, 2001) (die zwei vor seinen Bolitar-Romanen erschienenen Bücher können wir als Frühwerk links liegen lassen), hatte er dann auch beim breiten Publikum seinen Durchbruch. Auch in Deutschland war das so.

Und obwohl Hollywood immer wieder an Cobens Tür klopft und er nichts gegen Verfilmungen seiner Thriller einzuwenden hat, hatte bei den Verfilmungen bis jetzt Frankreich die Nase vorn. Es begann 2006 mit Guillaume Canets gleichnamiger Verfilmung von „Kein Sterbenswort“ (Tell no one, 2001). 2015 folgte die Miniserie „No Second Chance – Keine zweite Chance“ (Une chance de trop), nach seinem Roman „Keine zweite Chance“ (No Second Chance, 2003). Sie ist für den 29. März 2019 angekündigt. Jetzt erschien, ebenfalls bei Polyband, die Miniserie „Just one look“.

Und, wegen der Vollständigkeit, 2017 gab es, als Zweiteiler, eine deutsche Verfilmung von „Keine zweite Chance“.

Doch zurück zu „Just one look“. Als ich den Roman „Kein böser Traum“ (Just one look, 2004) vor über zwölf Jahren las, war ich begeistert. Das war ein richtiger Pageturner, der einen zuverlässig durch die Nacht bringt. Auf den letzten Seiten hat Harlan Coben dann noch einige überraschende und ziemlich atemberaubende Enthüllungen.

Ludovic Colbeau-Justins Verfilmung verlegt die Geschichte aus den Vororten New Yorks nach Paris und dem Umland. Selbstverständlich wurde sie auch etwas aktualisiert. Das bemerkt man hauptsächlich an den benutzten Telefonen.

Dummerweise wurde irgendwo auf dem Weg über den Atlantik die Spannung vergessen. Denn, im Stil skandinavischer Krimiserien, plätschert die Geschichte zwischen verschiedenen Handlungssträngen und Rückblenden zum Konzert. Spannung und das drängende Bedürfnis, erfahren zu wollen, warum Bastien entführt wurde, entsteht so nicht. Dafür passiert in den einzelnen Episoden zu wenig, während die Geschichte auf über dreihundert Minuten gestreckt und immer wieder die Glaubwürdigkeit strapaziert wird. Zum Beispiel wenn Bastiens Entführer ihn ausgerechnet in einem Vorstadthaus versteckt oder Evas Tochter mit einer simplen Internetrecherche viele Fragen beantwortet oder die Kommissarin immer zwei Schritte hinter den Bösewichtern ist.

Insgesamt ist „Just one look“ eine erstaunlich spannungsfreie Coben-Verfilmung.

Just one look (Juste un regard, Frankreich 2017)

Regie: Ludovic Colbeau-Justin

Drehbuch: Patrick Renault, Mehdi Ouahab, Sophie Hiet, Aude Marcle, Kristel Mudry, Sébastien Vitoux

LV: Harlan Coben: Just one look, 2004 (Kein böser Traum)

mit Virginie Ledoyen, Thierry Neuvic, Thierry Frémont, Jimmy Jean-Louis, Joseph Malerba, Stanislas Merhar, Anne Girouard, Mathilde Bisson, Michaël Abiteboul, Carole Richert, Sophie-Charlotte Husson, Arthur Jugnot, Julie Gayet, Joséphine Hélin, Jean-Baptiste Blanc, Harlan Coben (Cameo am Ende der Serie)

DVD

Polyband

Bild: 16:9 (2,00:1)

Ton: Deutsch (Dolby Digital 5.1), Französisch (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: –

Bonusmaterial: –

Länge: 319 Minuten (6 Folgen auf 2 DVDs)

FSK: ab 16 Jahre

Die Vorlage

(die ich damals spannender als jetzt die TV-Serie fand)

Harlan Coben: Kein böser Traum

(übersetzt von Christine Frauendorf-Mössel)

Goldmann, 2006

416 Seiten

9,99 Euro

Originalausgabe

Just one look

Dutton 2004

Zuletzt erschienen:

der elfte Myron-Bolitar-Roman. Dieses Mal will Myron Bolitar herausfinden, was mit zwei Kindern wohlhabender US-Familien geschah. Nach zehn Jahren taucht nämlich einer der beiden entführten Jungs in London auf. Der andere bleibt verschwunden und es ist unklar, was in den zehn Jahren geschah.

Harlan Coben: Der Preis der Lüge

(übersetzt von Gunnar Kwisinski)

Goldmann, 2018

416 Seiten

9,99 Euro

Originalausgabe

Home

Dutton, 2016

Hinweise

AlloCiné über „Just one look“

Wikipedia über „Just one look“

Homepage von Harlan Coben

Meine Besprechung von Harlan Cobens „Kein böser Traum“ (Just one look, 2004)

Meine Besprechung von Harlan Cobens „Kein Friede den Toten“ (The Innocent, 2005)

Meine Besprechung von Harlan Coben „Der Insider“ (Fade away, 1996)

Meine Besprechung von Harlan Cobens „Das Grab im Wald“ (The Woods, 2007)

Meine Besprechung von Harlan Cobens „Sie sehen dich“ (Hold tight, 2008)

Meine Kurzbesprechung der Harlan-Coben-Verfilmung „Kein Sterbenswort“ (Ne le dis à personne, Frankreich 2006)

Meine Besprechung von Harlan Cobens „Von meinem Blut“ (Long Lost, 2009)

Meine Besprechung von Harlan Cobens „In seinen Händen“ (Caught, 2010)

Meine Besprechung von Harlan Cobens “Sein letzter Wille” (Live Wire, 2011)

Meine Besprechung von Harlan Cobens „Nur zu deinem Schutz“ (Shelter, 2011)

Meine Besprechung von Harlan Cobens „Ich finde dich“ (Six Years, 2013)

Harlan Coben in der Kriminalakte


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