Im Verhörzimmer: Rebecca Cantrell, wegen dreier gemeinsamer Delikte mit James Rollins

Juli 6, 2015

Rebecca Cantrell

In jedem Schreibratgeber gibt es ein Kapitel, das ausführlich beschreibt, warum Autoren ihre Bücher nicht mit einem anderen Autor zusammen schreiben sollen. Und dann gibt es einige Beispiele, in denen Autoren das tun. Teilweise über viele Jahre und Jahrzehnte. Ich sage nur Ellery Queen (eigentlich Frederick Dannay und Manfred Bennington Lee), Maj Sjöwall/Per Wahlöö, Douglas Preston/Lincoln Child, Nicci French (eigentlich Nicci Gerrard und Sean French) und James Patterson hat die Ko-Autorenschaft zu einem Geschäftsmodell erhoben. Ken Bruen und Jason Starr schrieben zusammen drei Romane und in einem Interview sagte Bruen mir, dass ihm eine Co-Autorenschaft gefalle, weil er dann nur einen halben Roman schreiben müsse.
Die International Thriller Writers veröffentlichten letztes Jahr einen Sammelband mit Kurzgeschichten, die immer von zwei Thriller-Autoren geschrieben waren. Einer von ihnen war James Rollins, der dafür zusammen mit Steve Berry eine Kurzgeschichte schrieb. Aber eine Kurzgeschichte umfasst nur wenige Seiten. Ein Roman schon mehr. Eine Trilogie noch mehr und eine Abenteuerthriller-Trilogie schafft es leicht auf gut zweitausend Seiten. Ungefähr so viele Seiten schrieb James Rollins mit Rebecca Cantrell, die derzeit in Berlin lebt und unter ihrem Namen schon einige Bücher veröffentlichte. Aber dazu später mehr.
Wenden wir uns erst ihren zusammen mit James Rollins geschriebenen Romanen „Das Evangelium des Blutes“ (The Blood Gospel, 2012), „Das Blut des Verräters“. (Innocent Blood – The Blood Gospel 02, 2014; deutsche Ausgabe erscheint Ende Juli) und „Blood Infernal“ (2015) zu.
In ihnen kämpfen die Archäologin Erin Granger, der US-Soldat Jordan Stone und Pater Rhun Korza, ein Sanguinarier (ein Vampir, der wegen seines Glaubens auf die übliche Vampirnahrung verzichtet), gegen dunkle Mächte, die in „Das Evangelium des Blutes“ das von Jesus Christus mit seinem Blut geschriebene und deshalb besonders mächtige Evangelium wollen. In den falschen Händen kann seine Macht für schlimme Dinge benutzt werden. In „Das Blut des Verräters“ geht es um die Seele eines Kindes und die drohende Apokalypse.
Vor der Apokalypse wurde Frau Cantrell ins Verhörzimmer gebeten.

Was war die Grundidee für „Das Evangelium des Blutes“ und die beiden Folgeromane?

James Rollins sah im Los Angeles County Museum of Art Rembrandts Gemälde „Auferweckung des Lazarus“. Das atmosphärische Bild hat einen beunruhigenden Subtext – mit Ausdrücken von Furcht in den Gesichtern der Zuschauer und von Lazarus‘ Lippen tropfender Wein oder Blut. Da hatte er die Idee, das katholischen Ritual, bei dem während der Messe das Blut von Jesus Christus getrunken wird, mit einem anderen Ritual zu verbinden, in dem dieses heilige Blut verwenden wird, um Vampire vor der Verdammnis zu retten. Ausgehend von dieser Prämisse arbeiteten wir zusammen beim Erschaffen der Charaktere und der Welt in der sie Leben. Für „Innocent Blood“ und „Blood Infernal“ hatten wir einige Ideen, die auf dem basierten, was wir in „The Blood Gospel“ erschaffen hatten. Aber die Bücher entstanden ziemlich natürlich nacheinander.

In der „Blood Gospel“-Trilogie haben Sie eine reichhaltige Mythologie entworfen, die aus der Geschichte und dem Horrorgenre schöpft. Wie entwickelten Sie diese Welt?

Nachdem wir mit unseren Recherchen über die wahren Hintergründe der Geschichten aus der Bibel und Vampirlegenden begannen hatten, war es erstaunlich, wie viele historische Fakten perfekt in unsere Geschichten passten. Von der Auferstehung von Lazarus über die katholische Tradition, das Fleisch von Jesus zu essen und sein Blut zu trinken bis zur Verwendung von Silber in geweihten Gegenständen.
Am Ende schrieben wir ein Handbuch, das die Regeln unserer Welt festlegte. Von einer Biographie für die Charaktere und einer Chronik wichtiger Ereignisse, bis zum Umgang der verschiedenen Kreaturen miteinander. Darin steht, zum Beispiel, wie ein Blasphemare erschaffen wird (ein Tier, das zum Gefährten eines Strigoi [eines nicht-katholischen Vampirs] wird, indem es über eine lange Zeit mit dem Blut des Strigoi gefüttert wird) und die verschiedenen Regeln unserer Welt (Wie wirkt Silber? Wie wirkt sich geweihte Erde auf Sanguinarier und Strigoi aus?) festlegt.
In jedem Buch versuchten wir, unsere Welt widerspruchsfrei zu zeichnen und sie gleichzeitig zu erweitern, indem wir unseren Lesern neue Dimensionen zeigen und sie mit neuen Elementen überraschen. Es war ein großer Spaß!

Die Romane entstanden zusammen mit dem auch in Deutschalnd bekannten Thriller-Autor James Rollins. Wie verläuft die Zusammenarbeit mit ihm?

James hatte die ursprüngliche Idee, eine erste Zusammenfassung und Informationen über die Charaktere. Ab da arbeiteten wir sehr eng zusammen beim Ausformulieren der Charaktere, dem Erschaffen einer reichhaltigeren Welt und beim Vertiefen oder Verändern der Geschichte.
Montags unterhielten wir uns über Skype über die Seiten, die wir vorherige Woche geschrieben hatten, und wir besprachen alle neuen Ideen, die wir für unsere Outline hatten. Es ist rückblickend schwer zu sagen, wer welche Idee hatte, weil wir sie so miteinander oft besprachen.
Am Anfang entschieden wir uns, nachdem wir eine Szene in verschiedenen Stilen geschrieben hatten, für einen gemeinsamen Schreibstil. Danach versuchten wir, in diesem Stil zu Schreiben und die von dem anderen geschriebenen Seiten hin zu diesem Stil zu überarbeiten.
Die Bücher entstanden über eine längere Zeit und durch tausend Gespräche (einmal pro Woche über drei Jahre – das WAREN wirklich tausend Gespräche – Wow!) über die Charaktere und Plot Points und Orte, die sich bis zur letzten Sekunde änderten.

Was sind für Sie die größten Unterschiede zwischen einer Zusammenarbeit mit einem anderen Autor (in einem Interview sagte Sie, dass sie sich weitere Bücher mit James Rollins vorstellen können) und der Solo-Arbeit?

Es macht viel Spaß, mit einem anderen Autor zusammemen zu arbeiten. James und ich tendieren dazu, an verschiedenen Punkten hängen zu bleiben. Wenn ich also fest steckte, konnte ich die Seiten ihm geben. Er konnte dann meine Probleme lösen und auch die Geschichte weiterschreiben. Es war, als würde ich mit einer magischen Elf schreiben – er löste Probleme oder beendete Szenen über Nacht (wegen dem Zeitunterschied) und ich hatte überarbeitete und fehlerfreie Seiten, wenn ich am Morgen aufwachte. Manchmal war auch ich die Elfe. Und zwei Köpfe anstatt einem Kopf ließen uns Dinge schneller erfinden und wir konnten die Geschichten in Richtungen verändern, die wir nicht ausprobiert hätten, wenn wir alleine gearbeitet hätten.
Wenn unsere Termine es zulassen, was keine einfache Aufgabe ist, werden wir sicher wieder an weiteren Sanguinarier-Büchern oder etwas anderem zusammen arbeiten.

Können Sie uns noch etwas über ihre anderen beiden Serien verraten? Und ob Übersetzungen geplant sind?

Die ersten Bücher, die ich veröffentlichte, erzählen die Abenteuer einer Kriminalreporterin, die Spionin wurde. Sie heißt Hannah Vogel und lebt im Berlin der 1930er lebt. Viele ihrer Abenteuer erlebt sie Orten, die in der Nähe von meinem Apartment in Berlin Mitte sind. Bis jetzt besteht die Serie aus vier Romanen: „A Trace of Smoke“ (spielt 1931), „A Night of Long Knives“ (spielt 1934), „A Game of Lies“ (spielt 1936) und „A City of Broken Glass“ (spelt 1938). Mein Verleger veröffentlichte gerade einen Sammelband, der alle vier Romane enthält und „A Time of Night and Fog“ heißt. Diese Bücher haben verschiedene Preise gewonnen (Macavity, Bruce Alexander) und waren für andere nominiert (Mary Higgins Clark, RT Best Historical, Barry). Sie wurden auch in verschiedene andere Sprachen übersetzt, aber bis jetzt gibt es keine Übersetzung ins Deutsche. Aber man weiß ja nie!
Meine zweite Serie erzählt die Abenteuer eines Software-Multimillionärs, der wegen seiner Platzangst in den Tunneln von New York City lebt. Bis jetzt gibt es drei Romane mit Joe Tesla: „The World Beneath“, „The Tesla Legacy“ und „The Chemistry of Death“. Auch diese Romane haben Preise gewonnen, wie den International Thriller Writers Best Thriller Award. Auch sie wurden übersetzt, aber, wieder, bis jetzt nicht ins Deutsche.

Welche fünf Bücher empfehlen Sie für den Sommerurlaub?

Der Marsianer (The Martian) von Andy Weir. Ein kurzweiliges und komisches Buch über einen Astronauten, der alleine auf dem Mars gestrandet ist. (Anmerkung: Die Verfilmung von Ridley Scott mit Matt Damon in der Hauptrolle startet bei uns am 8. Oktober.)

Das Licht der letzten Tage (Station Eleven, deutsche Ausgabe erscheint am 15. September 2015) von Emily St. John Mandel. Ein lyrischer und aufrüttelnder Blick auf das Leben in den Vereinigten Staaten, nachdem neunzig Prozent der Bevölkerung durch eine Krankheit vernichtet wurden.

Post von Sean Black. Ein kaum futuristischer Roman über einen Mann, der durch verschiedene Implantate vom Militär zum Supersoldaten wurde und der versucht, seine Menschlichkeit zu behalten.

Die Gehilfin des Bienenzüchters (The Beekeeper’s Apprentice) von Laurie King. Eine junge Frau trifft in England im Moor einen alten Imker, der sie seine Arbeit lehrt. Aber er ist nicht nur ein Bienenzüchter. Er ist auch Sherlock Holmes.

Global Hack (Future Crimes, deutsche Ausgabe erscheint am 28. September 2015) von Marc Goodman. Das ist ein Sachbuch über Cybercrime auf der ganzen Welt, was gerade geschieht und was geschehen wird. Es ist in dieser Liste das mit Abstand erschreckenste Buch!

Rollins - Cantrell - Das Evangelium des Blutes - 2Rollins - Cantrell - Das Blut des Verräters - 2
James Rollins/Rebecca Cantrell: Das Evangelium des Blutes
(übersetzt von Norbert Stöbe)
Blanvalet, 2014
672 Seiten
9,99 Euro

Originalausgabe
The Blood Gospel
William Morrow, 2012

James Rollins/Rebecca Cantrell: Das Blut des Verräters
(übersetzt von Norbert Stöbe)
Blanvalet, 2015
608 Seiten
9,99 Euro
(erscheint am 20. Juli)

Originalausgabe
Innocent Blood (The Blood Gospel 02)
William Morrow, New York 2014

Hinweise

Homepage von James Rollins

Homepage von Rebecca Cantrell

Meine Besprechung von James Rollins’ „Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels“ (Indiana Jones and the Kingdom of the Crystal Skull, 2008)

Meine Besprechung von James Rollins/Rebecca Cantrells „Das Evangelium des Blutes“ ( The Blood Gospel, 2013)

Excuse Me, I’m Writing: Interview mit James Rollins und Rebecca Cantrell über „Das Evangelium des Blutes“ (Januar 2013)

The Big Thrill: Interview mit James Rollins und Rebecca Cantrell zu „Blood Infernal“ (Januar 2015)

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Im Verhörzimmer: Joe R. Lansdale über seinen neuen Roman „Das Dickicht“

August 27, 2014

Lansdale - Das Dickicht - 4

Für die Kriminalakte ist das Erscheinen des neuen Romans „Das Dickicht“ von Joe R. Lansdale eine gute Gelegenheit, dem Mann einige Fragen zu stellen.

Der Texaner Joe R. Lansdale schrieb in den vergangenen Jahrzehnten zahlreiche Romane und Kurzgeschichten in unterschiedlichen Genres, die alle irgendwie zur Spannungsliteratur gehören: Kriminalromane, Thriller, Horror-Geschichten, Western und abgedrehte Variationen davon. Einige Comics schrieb er auch und er schnüffelte an den Rändern von Hollywood herum. Ein kleiner Klassiker ist „Bubba Ho-Tep“. Don Coscarelli verfilmte mit Bruce Campbell Lansdales gleichnamige Kurzgeschichte, in der im Altersheim Elvis Presley und John F. Kennedy (ein Schwarzer) gegen eine ägyptische Mumie kämpfen. Ein großer Spaß. Demnächst läuft auf dem Fantasy-Filmfest die brandneue, prominent besetzte Romanverfilmung „Cold in July“ von Jim Mickle, mit Michael C. Hall, Don Johnson und Sam Shepard.

Äußerst beliebt bei Krimilesern sind seine knochentrockenen Geschichten mit Hap Collins und Leonard Pine. Neun Romane mit dem seltsamen Paar sind bereits erschienen.

In den vergangenen Jahren, vor allem seit dem mit dem Edgar ausgezeichntem „Die Wälder am Fluss“ (The Bottoms), schrieb Lansdale auch mehrere Romane, die in der ersten Hälfte des Jahrhunderts in seiner Heimat Osttexas spielen. Protagonist ist oft ein sehr junger Mensch und die Rassenfrage wird immer thematisiert.

Auch die Abenteuergeschichte „Das Dickicht“ spielt zu Beginn des letzten Jahrhunderts: Autos und Telefone gibt es schon, aber normalerweise bewegt man sich auf einem Pferd von einem Ort zum nächsten. Der sechzehnjährige Jack Parker macht sich, nach dem Pockentod seiner Eltern und der Ermordung seines Großvaters auf dem Sabine River, mit dem Afroamerikaner Eustace Cox, seinem Wildschwein Keiler, dem Zwerg Shorty, dem Freudenmädchen Jimmie Sue und dem Sheriff und früheren Kopfgeldjäger Winton auf die Jagd nach dem Mörder seines Großvaters und den Entführern seiner jüngeren Schwester. Das sind Cut Throat Bill, Nigger Pete und Fatty Worth, drei skrupellose Banditen, die im titelgebenden Dickicht, einer gesetzlosen Gegend, untergetaucht sind.

 

 

Was war die Inspiration für „Das Dickicht“?

 

Die Hauptinspiration für „Das Dickicht“ waren Geschichten über Ost-Texas, die ich als Jugendlicher hörte. Dazu kam die Lektüre von Mark Twain und pure Einbildung. Ich nehme gerne etwas, das einen Bezug zur Realität hat und entfessele meine Fantasie. Mein Vater, zum Beispiel, hatte als Kind Pocken. Er wurde 1909 geboren, ein Jahr bevor Mark Twain starb. Er hörte viele Geschichten über Ost-Texas, das große Dickicht, wo meine Geschichte spielt, und ich verwendete Geschichten, die ich von meiner Großmutter hörte. Und einige Kleinigkeiten von meiner Mutter. Wieder einmal verschmolz ich meine Fantasie mit diesen Geschichten und so entstand dieser Roman. Der Zwerg Shorty war für mich eine Überraschung. Über seinen Ursprung kann ich nichts sagen.

 

 

In den vergangenen Jahren, vor allem seit „The Bottoms“ spielen viele ihrer Geschichten in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts und oft erzählen sie die Abenteuer von jungen Menschen. Woher kommt ihr Interesse an dieser Zeit und den jugendlichen Charakteren?

 

 

Ich habe mich schon immer für Geschichte interessiert. Meine Eltern waren während dieser Zeit junge Erwachsene und Erwachsene. Es war eine schwere Zeit, also war ich neugierig. Wie ich schon bei der vorherigen Frage sagte: ich hörte viele Geschichten über die Große Depression. Sie hatte, wie du dir denken kannst, einen großen Einfluss auf meine Eltern. Meine anderen Romane entstanden, wie „Das Dickicht“, ausgehend vom Hörensagen oder eher mündlichem Geschichtenerzählen. Einige Geschichten, die mir erzählt wurden, waren wahr. Andere nicht. Manchmal waren es nur alte Geschichten, die weitererzählt wurden und nichts mit meiner Familie zu tun hatten. Aber es waren die Erfahrungen und Geschichten von anderen.

Ich denke, ich bin einer der letzten, der noch da war, um diese alten Geschichten zu hören, weil meine Eltern, als ich geboren wurde, älter waren als die Eltern von meinen Klassenkameraden. Sogar mein Bruder ist siebzehn Jahre älter als ich. Daher hat er etwas andere Erfahrungen als ich und ich habe viele Dinge von ihm gelernt. Das war so nicht geplant. Es geschah einfach.

Ich bin ein guter Zuhörer, wenn es um Geschichten geht. Vorausgesetzt, sie interessieren mich. Während die anderen Kinder spielten, saß ich bei den Erwachsene und hörte ihnen zu.

 

 

Sie schreiben in vielen verschiedenen Genres und Comics. Woher wissen Sie, welches Genre das richtige Genre für die Geschichte ist und was sind die Vorteile von Genres?

 

 

Wenn mich jemand fragt, ob ich einen Kriminal-, Horror- oder was auch immer für eine Genre-Geschichte schreiben soll, dann kenne ich die Richtung. Aber das ist auch alles. Zuerst muss es mich interessieren, und dann habe ich die grobe Richtung in die die Erzählung sich bewegen soll. Aber danach lasse ich die Geschichte ihren eigenen Weg finden. Manchmal setzte ich mich einfach hin und beginne mit dem Schreiben. Ausgehend von einer Stimmung oder einer einzigen Idee. Dann entwickelt sich die Geschichte und sie wird, was immer sie werden will.

Ich denke, ich kann nur schreiben, indem ich die Geschichte ihre Stimme finden lasse. Ich kann gelenkt, aber nicht kontrolliert werden.

 

 

Können Sie uns etwas über ihren Schreibprozess erzählen? Wie entsteht ein Lansdale-Roman?

 

Ich recherchiere ohne zu denken, dass ich recherchiere. Ich lese einfach, was mich interessiert oder fasziniert, Erzählungen und Sachbücher. Ich lese viel über Geschichte; Biographien und so. Ich lese viel und ich lese fast ständig, mit kurzen Pausen, weil ich es sowieso tun würde und es mir gefällt.

Ich schreibe gern. Normalerweise schreibe ich am Morgen, kurz nachdem ich aufstehe. Ich versuche täglich mindestens drei bis fünf Seiten zu schreiben, und oft wird es mehr. Ich mache das fünf bis sieben Tage pro Woche, manchmal auch im Urlaub. Aber ich arbeite selten mehr als drei Stunden. So tue ich regelmäßig etwas und ich fühle mich jeden Tag wie ein Held.

Ich schreibe eine sehr gewissenhafte erste Fassung, mit Überarbeitungen während des Schreibens. Danach wird diese Fassung noch einmal in Details überarbeitet.

Manchmal habe ich eine Geschichte, die eine größere Überarbeitung erfordert, aber während des Schreibens überarbeite ich bereits das Geschriebene und am nächsten Tag überarbeitete ich die Arbeit des vorherigen Tages und tauche so wieder in die Geschichte ein. So erledige ich viele Überarbeitungen während des Schreiben.

Mehrere Fassungen mag ich nicht. Es deprimiert mich einfach und meine Geschichten werden mit dieser Methode nicht besser, sondern schlechter.

Am besten funktioniert für mich: Sorgfältig jetzt, kleine Veränderungen später.

 

 

Welche fünf Bücher würden Sie für den späten Sommerurlaub empfehlen?

 

Adventures of Huckleberry Finn (Die Abenteuer des Huckleberry Finn; Huckleberry Finn; Huckleberry Finns Abenteuer), von Mark Twain

To Kill a Mocking Bird (Wer die Nachtigall stört), von Harper Lee

True Grit (Die mutige Mattie, True Grit), von Charles Porties

The Great Gatsby (Der große Gatsby), von F. Scott Fitzgerald

The Martian Chronicles (Die Mars-Chroniken), von Ray Bradbury

Diese Liste kann sich verändern, aber diese Bücher gehören immer zu meinem Lieblingsbüchern.

Wenn ich etwa schwindeln darf, indem ich eine Kurzgeschichtensammlung hinzufüge, empfehle ich

A Good Man is hard to find, von Flannery O’Connor (diese Sammlung wurde so anscheinend nicht übersetzt, aber die Kurzgeschichten von Flannery O’Connor erschienen in verschiedenen, antiquarisch erhältlichen Sammelbänden)

Joe R. Lansdale: Das Dickicht

(übersetzt von Hannes Riffel)

Tropen, 2014

336 Seiten

19,95 Euro

Originalausgabe

The Thicket

Mulholland Books, 2013

Hinweise

Homepage von Joe R. Lansdale

Stuttgarter Zeitung: Thomas Klingenmaier hat Joe R. Lansdale getroffen (25. März 2013)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Wilder Winter“ (Savage Season, 1990)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Rumble Tumble“ (Rumble Tumble, 1998 )

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Der Gott der Klinge” (The God of the Razor, 2007)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Der Teufelskeiler” (The Boar, 1998)

Meine Besprechung  von Joe R. Lansdales „Akt der Liebe“ (Act of Love, 1981)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Die Wälder am Fluss“ (The Bottoms, 2000)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Kahlschlag” (Sunset and Sawdust, 2004)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Gauklersommer” (Leather Maiden, 2008)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Ein feiner dunkler Riss” (A fine dark Line, 2003)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Dunkle Gewässer“ (Edge of Dark Water, 2012)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Straße der Toten“ (Deadman’s Road, 2010)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Machos und Moneten“ (Captains Outrageous, 2001)

Mulholland Books: Joe R. Lansdale über die Ursprünge von „Das Dickicht“


Im Verhörzimmer: Wolfgang Schweiger erklärt das „Duell am Chiemsee“ – und einige andere Dinge

August 11, 2014
Wolfgang Schweiger (Bild: Pendragon)

Wolfgang Schweiger (Bild: Marietta Heel)

 

Die Veröffentlichung von „Duell am Chiemsee“, der sechste Fall der am Chiemsee ermittelnden Kommissare Andreas Gruber und Ulrike Bischoff, war für die Kriminalakte die Gelegenheit, Wolfgang Schweiger, den Autor der Chiemgau-Krimis, in eines unserer Verhörzimmer zu bitten.

Wolfgang Schweiger veröffentlichte zwischen 1984 und 1994 elf Romane, die vor allem im Bereich Noir, Hardboiled und Gangsterkrimi angesiedelt waren, und das Sachbuch „Der Polizeifilm“. 1999 gab es mit „Kein Job für eine Dame“ einen einmaligen Nachschlag. Erst 2008 veröffentlichte er mit „Der höchste Preis“ einen weiteren Roman. Seitdem erschienen fünf weitere Kriminalromane. Immer mit den Kommissaren Gruber und Bischoff.

In seinem neuesten Kriminalroman „Duell am Chiemsee“ wird der Ex-Kriminelle und Schauspieler Frank Janek von einem alten Komplizen und Freund erpresst, einen Drogenhändler zu überfallen. Eine einfache Sache, die mit mehreren Toten endet. Gruber und Bischoff beginnen mit den Ermittlungen – und Janek wird unweigerlich immer tiefer in den kriminellen Sog, dem er anscheinend schon vor Jahren entkommen war, gezogen.

Duell am Chiemsee“ ist ein spannender Gangsterkrimi unter der Tarnkappe eines Regiokrimis mit den ermittelnden Polizisten als Zaungäste in einem blutigen und leichengesättigten Drama.

Was war die Ausgangsidee für „Duell am Chiemsee“?

Schon Schiller schrieb, in jedem von uns stecke ein Borgia. Das wollte ich auf die Hauptfigur übertragen, einen solide gewordenen Ex-Gangster, der von seiner Vergangenheit eingeholt wird. Die Herausforderung dabei war für mich, diesen Mann als halbwegs positive Figur zu erhalten, obwohl er bedenkenlos tötet, wenn er es für nötig hält.

Wie sähe Ihre Wunschbesetzung für eine Verfilmung des Romans aus, wenn Sie vollkommen freie Hand hätten und auch Tote mitspielen dürften?

– Ray Winstone (Gruber),

– Julia Koschitz (Bischoff)

– Josh Brolin (Janek)

– Thomas Kretschmann (Bosch)

– Christoph Waltz (Friesinger)

Ihre frühen Romane waren alle Einzelromane. Mit den Gruber-Bischoff-Polizeiromanen schreiben Sie inzwischen eine Serie, die auch noch in einer erkennbaren Ferienregion spielt. Wo sehen Sie die Unterschiede einer Serie gegenüber Einzelromanen und wie vermeiden Sie die Fallen des Regiokrimis?

Eine (Polizei)Serie engt zunächst ein, weil vorhersehbar ist, dass die Ermittler sich zu helfen wissen und am Ende die Gewinner sind.

Andererseits kann ich die Figuren der Ermittler im Verlauf der Serie weiter entwickeln und dem Leser so vertraut machen, dass er sie wie gute Bekannte empfindet, die er im besten Fall einmal im Jahr trifft.

Bei Einzelromanen muss man stets auf neue um die Aufmerksamkeit der Leser kämpfen.

Für meinen Geschmack wird im Regiokrimi häufig zu viel Wert auf Lokalkolorit gelegt zu Lasten der Handlung. Vor allem, wenn die Krimis in (Ober)Bayern spielen und Gaudi und Klischees die Oberhand gewinnen. Auch den Gebrauch von Dialekt in diesen Krimis kann ich nichts abgewinnen. Das ist mühsam für den Leser und bringt atmosphärisch gar nichts.

Sie haben früher auch Drehbücher für „Der Fahnder“ und „Soko 5113“ geschrieben. Wie unterscheidet sich für Sie die Arbeit an einem Drehbuch von der Arbeit an einem Roman?

Rein technisch gesehen ist die Arbeit an einem Drehbuch um Vieles einfacher, da alles über den Dialog und die Handlung läuft, komplizierte Beschreibungen aller Art (Sonnenuntergänge, die Gedankenwelt eines Serienkillers etc) entfallen.

Andererseits muss man, schreibt man z. B. für eine Krimiserie, alle möglichen Vorgaben beachten („unsere Hauptfigur macht so etwas nicht!“) und ständig darauf achten, ob diese oder jene Szene auch finanzierbar (und aus Sicht der TV-Sender moralisch vertretbar) ist.

Bei einem Roman hingegen habe ich alle Freiheiten, kann meine Geschichte überall und zu jeder Zeit spielen lassen. Am Ende ist nicht irgendein Produzent, Redakteur oder Regisseur die letzte Instanz, sondern ich selbst (in Absprache mit dem Verleger).

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus?

Der Schreib- oder besser gesagt Herstellungsprozess bei meinen jährlichen Gruber/Bischoff Krimis sieht so aus, dass ich bald nach Erscheinen des letzten Buches anfange, auf ausgedehnten Spaziergängen nach einer neuen Grundidee zu suchen. Ist die gefunden, skizziere ich auf ein paar Seiten das vorläufige Handlungsgerüst und die wichtigsten Figuren, gefolgt von einer Kapiteleinteilung.

Für mich ist ganz wichtig, dabei, dass ich das Ende der Geschichte kenne. Erst dann fange ich an zu schreiben, meist vormittags zwischen acht und zwölf.

Ist nach sechs bis acht Wochen eine erste durchgeschriebene Fassung fertig, geht sie an den Verlag, damit der Verleger weiß, was auf ihn zukommt und er seine Anmerkungen und Änderungsvorschläge dazu machen kann. Und da Schreiben Überarbeiten heißt, dauert es dann bis zur 4. oder 5. Fassung, bis ich zufrieden bin.

Die Recherche gestaltet sich manchmal recht skurril: Als ich für meinen zweiten Gruber/Bischoff-Roman einen Blick in die JVA Traunstein werfen wollte, wurde mir dies aus Datenschutzgründen verweigert und der zuständige Herr meinte allen Ernstes, ich solle es doch wie der Karl May halten, der die Schauplätze seiner Geschichten ja auch nicht gekannt habe.

Welche fünf Bücher empfehlen Sie für den Sommerurlaub?

– David Weddle „If They Move … Kill ’Em!“

Die beste Sam Peckinpah-Biografie und zugleich das interessanteste Filmbuch, das ich kenne.

– Philipp Blom „Böse Philosophen“

Aufklärung tut not.

– Stephen Hunter „Pale Horse Coming“

Pulp Fiction vom Feinsten. Hunter auf dem Höhepunkt. Leider hat er in den vergangenen Jahren furchtbar nachgelassen.

– Jörg Fauser „Rohstoff“

Ein Klassiker, immer wieder lesenswert.

– Robert Hültner „Tödliches Bayern“

Authentische Kriminalfälle aus Bayern und der Stoff, aus dem Regiokrimis geschnitzt sein sollten.

Schweiger - Duell am Chiemsee - 2

Wolfgang Schweiger: Duell am Chiemsee

Pendragon, 2014

264 Seiten

10,99 Euro

Hinweise

Homepage von Wolfgang Schweiger

Lexikon der deutschen Krimi-Autoren über Wolfgang Schweiger

Rosenheimer Nachrichten: Interview mit Wolfgang Schweiger (26. November 2006)

Meine Besprechung von Wolfgang Schweigers „Der höchste Preis” (2008)

Meine Besprechung von Wolfgang Schweigers „Tödlicher Grenzverkehr“ (2010)

Meine Besprechung von Wolfgang Schweigers „Duell am Chiemsee“ (2014)


Im Verhörzimmer: Peter Schmidt mit „Einsteins Gehirn“

August 31, 2012

In seinem neuesten Roman „Einsteins Gehirn“ schickt Peter Schmidt ein vierzehnjähriges Genie um die halbe Welt. Denn Albert Pottkämper glaubt nicht, dass sein Vater, ein durchschnittlich begabter Schwindler, sein Erzeuger ist. Eher schon Albert Einstein und die im heimischen Keller stehende, aus Princeton geklaute Stickstoffflasche, über die sein Vater nicht reden will, erhärtet seinen Verdacht. Dort unterrichtete und starb Albert Einstein. Also benutzt Albert Pottkämper das Verschwinden seiner Schwester für eine kleine Flucht, auf der er dem Präsidenten der USA, dem Papst und dem Dalai Lama zu persönlichen Gesprächen trifft, in den Armen einer Schauspielerin seine Unschuld verliert und irgendwie herausfindet, wer sein Vater ist.

In den vergangenen dreißig Jahren schrieb Peter Schmidt neben Komödien und Science-Fiction-Geschichten vor allem Polit-Thriller, die internationales Niveau erreichten, und für die er dreimal den Deutschen Krimipreis erhielt. Jochen Schmidt nennt Peter Schmidts Debütroman „Mehnerts Fall“ (1981) „das wichtigste Debüt im deutschen Krimi seit dem Erscheinen von Richard Heys Erstling 1973“ (Jochen Schmidt: Gangster, Opfer, Detektive, 1989/2009 [Tipp: Erstausgabe antiquarisch suchen]). Rudi Kost und Thomas Klingenmaier sagten in ihrem 1995 erschienenem Autoren-ABC „Steckbriefe“ (antiquarische Suche lohnt sich): „Peter Schmidt hat hierzulande den Polit-Thriller salonfähig gemacht und ohne sonderliche Mühe einen Standard erreicht, der internationalen Vergleichen standhalten kann.“

Seine Geschichten aus der Welt der Geheimdienste sollte man sich heute, mit dem NSU-Desaster der Sicherheitsbehörden im Hinterkopf, noch einmal durchlesen. Inzwischen hat er über dreißig Romane veröffentlicht und „Einsteins Gehirn“ zeigt keine Spur von Altersmilde. Aber das kann auch an dem jungen Erzähler liegen, der keinen Respekt vor den Obrigkeiten hat.

Jedenfalls war die Veröffentlichung von „Einsteins Gehirn“ für die Kriminalakte die Gelgenheit, dem Autor einige Fragen zu stellen:

 

Was war die Initialzündung für „Einsteins Gehirn“?

 

Ich habe mich fast totgelacht, als ich den Grundeinfall hatte. Und dann weiter jeden Tag während des Schreibens – gelacht über meine verrückten jungen Oberklugscheißer Albert …

Als das Buch fertig war, stand ich morgens auf und ging barfuss und im Schlafanzug ins Arbeitszimmer, um etwas im Manuskript nachzusehen. Und der Bursche hat es geschafft, dass ich noch mal 45 Seiten vom Anfang meines eigenen Romans las – und lachte …

Das ist tatsächlich passiert. Aber Vorsicht. Alberts kommt erst mal harmlos und witzig daher, doch vielleicht wird man damit ja in eine Falle gelockt? Wenn man das Ganze mit seinen verschiedenen Ebenen überblickt, ist es ein äußerst durchtriebenes, ja geradezu hinterhältiges Buch.

 

Einige Ihrer Romane sind Ich-Erzählungen. Andere nicht. Wie wählen Sie die Erzählperspektive aus? Und haben Sie eine Lieblingsperspektive?

 

Die Perspektive entwickelt sich aus dem Bauchgefühl heraus, was für den Stoff am effektivsten erscheint. Bei Einsteins Gehirn musste ich unbedingt in die Ich-Erzähler-Rolle des kleinen Besserwissers schlüpfen – der dann ja eigentlich in vielen Bereichen ein exzellenter Fachmann ist – was man natürlich eher mitbekommt, wenn man selber einer ist …

 

Obwohl Sie als Polit-Thriller-Autor bekannt sind, haben Sie immer auch in anderen Genres Geschichten erzählt. Wonach entscheiden Sie, welches Genre Sie bedienen?

 

Zunächst einmal ist es mein Bedürfnis nach Abwechslung. Wobei der Polit- und Spionagethriller wegen seiner vielen gesellschaftlichen Facetten und Möglichkeiten durchaus eine Sonderstellung einnimmt. Aber ich fände es langweilig, immer nur in einem „Stil“ zu malen. Oder mein Leben mit dem immer selben Detektiv zu verbringen. Wie eine meiner Freundinnen sagte, bevor sie mich verließ: „Du bist nur ein Lebensabschnittsgefährte“. Krimi-Schemata nach dem Motto: „Hier liegt die Leiche und nun kommt der Kommissar, Detektiv oder einer seiner anderen modernen Protagonisten, z. B. Gerichtsreporter, und findet den Täter“, scheinen mir meist zu abgegriffen.

 

Was halten Sie von den Genreregeln?

 

In Einsteins Gehirn gibt es ein – oder mehrere? – Verbrechen. Auch drei Leichen … aber womöglich gibt es am Ende gar keinen Mörder? Statt dessen „nur“ Schuldige? Und es gibt Gauner und Betrüger. Aber keinen Ermittler im klassischen Sinne. Albert will zwar die wahren Hintergründe des Gaunerstücks ergründen, dem er sein Leben verdankt. Doch dann passiert ihm die Aufklärung sozusagen wie nebenher auf seinem Roadtrip um die Welt. Nehmen wir nur den Zufall, dass er in einem New Yorker Hotel Zeuge eines Selbstmordversuchs wird, ohne den er später bei seinen Recherchen nicht weitergekommen wäre. Wir haben es also mit einem Krimi anderer Art zu tun. Mal liegt der Fokus auf der Verfolgung der Spuren und Indizien, mal auf anderen Themen. Zum Beispiel auf dem „sexuellen Irrsinn“ des Pubertierenden, der Klimakatastrophe, dem Problem der Willensfreiheit, der Theodizee, auf Schönheit, Glück, Fühlen, Determinismus, Quantenphysik. Oder auf Alberts interessantem Versuch der Moralbegründung. Auf den Ungerechtigkeiten innerhalb demokratischer Gesellschaften und der Möglichkeit neuer Kriege. Und unserer (manchmal) dubiosen Medienkultur mit ihren aufgesetzten Talkshows.

Genau dieses Miteinander von Themen und Kriminalhandlung erscheint mir reizvoller, als der einfache Krimi, weil der oft eingezwängt in einem belletristischen Korsett daherkommt.

 

Wie sind ihre Schreibroutinen?

 

Mit den Jahren hat sich eine Arbeitsweise herausgebildet, die sich vor allem am Vorankommen orientiert: Die „innere Flamme“ muss brennen. Es gibt ein Exposé, einen möglichst weit entwickelten Entwurf, aber kein tägliches Pensum. Überarbeiten? Das Ding ist nie fertig. Rituale? Nein, abgedunkeltes Zimmer, gelegentliche Tasse Tee oder Espresso, sonst nichts.

 

Welche fünf Bücher würden Sie für ein langes Sommerwochenende empfehlen?

 

Außer dem verrückten Albert und „Einsteins Gehirn“? – Ich finde, Albert ist auf so abenteuerliche Weise durchgeknallt und sagt dabei so viel Wichtiges, dass ein langes Wochenende kaum ausreichen würde, um seine Wahrheiten – und Hinterfotzigkeiten – auszuloten …

 

Aber gut, das neue Jahrhundert ist noch jung. Nehmen wir mal ein paar Klassiker des 20. Jahrhunderts:

Der Spion, der aus der Kälte kam“ (John le Carré)

Der Prozess“ (Franz Kafka)

Die Stunde der Komödianten“ (Graham Greene)

Der alte Mann und das Meer“ (Ernest Hemingway)

 

Vielen Dank für die Antworten! Sie dürfen das Verhörzimmer jetzt verlassen.

Peter Schmidt: Einsteins Gehirn

Gmeiner, 2012

320 Seiten

11,90 Euro

Hinweise

Homepage von Peter Schmidt

Lexikon der deutschen Krimi-Autoren über Peter Schmidt

Krimi-Couch über Peter Schmidt

Wikipedia über Peter Schmidt

 


Im Verhörzimmer: Don Winslow über Nikolai Hel und seinen neuen Thriller „Satori“

Juni 13, 2011

Eric van Lustbader hat es getan. Nachdem er bereits ein erfolgreicher Schriftsteller war, wurde er von Robert Ludlums Nachlassverwalter gefragt, ob er einen Jason-Bourne-Roman schreiben wollte. Sein siebter Bourne-Roman ist für nächstes Jahr angekündigt.

John Gardner, damals ebenfalls ein bekannter Autor, wurde von Ian Flemings Erben gefragt, ob er James-Bond-Romane schreiben möchte und er sagte zu. Danach kamen Raymond Benson, Sebastian Faulks und Jeffery Deaver (Ja, genau der Jeffery Deaver).

Jetzt hat auch Don Winslow ein solches Angebot angenommen. In den vergangenen Jahren erschrieb er sich einen glänzenden Ruf als Chronist des Verbrechens in Südkalifornien und, nachdem er in Deutschland einige Jahre nicht verlegt wurde, hat er auch hier eine steigende Zahl treuer Leser. Als er gefragt wurde, ob er einen Roman mit Nikolai Hel als Helden schreiben wollte, konnte er, ein großer Fan von Trevanians Roman „Shibumi“, nicht „Nein“ sagen.

In „Satori“ erzählte Winslow jetzt spannend und sehr kurzweilig die Vorgeschichte zu „Shibumi“ und wir erfahren, wie Nikolai Hel, der mehrere Sprachen spricht, ein ausgezeichneter Kämpfer, Liebhaber und Go-Spieler ist (halt irgendwie ein Ebenbild von Derek Flint), in den frühen fünfziger Jahren seinen ersten Auftrag erledigte.

Die Veröffentlichung des tollen Polit-Thrillers war für die Kriminalakte die Gelegenheit, Don Winslow einige Fragen zu stellen.

Was fasziniert Sie an Nikolai Hel?

Er ist auf vielen Ebenen ein faszinierender Charakter, aber am interessantesten ist für mich die in dem Charakter inne wohnende Kombination (und Konflikt) von westlicher und asiatischer Kultur. Als ein Europäer geboren (sein Vater ist Deutscher, seine Mutter Russin) und aufgezogen in Asien, wird er ständig in beide Richtungen gezogen. Er will wichtige philosophische Ideen von beiden Kulturen bewahren. Zur gleichen Zeit ist er ein Einzelgänger – er ist Teil beider Kulturen, aber er kann nie ganz zu einer gehören.

Wie unterschied sich für Sie das Schreiben über einen bereits bestehenden und bekannten Charakter gegenüber ihren eigenen Charakteren?

Über Nikolai Hel zu schreiben war als ob ich ein Geschenk erhalte – dieser faszinierende Mann mit dem bestehendem interessantem Hintergrund und all seinen Fähigkeiten. Ich las „Shibumi“ als es veröffentlicht wurde. So kannte ich ihn bereits.

Aber hier übernahm ich zum ersten Mal einen Charakter, der von jemand anderem erfunden wurde. Ich fühlte eine große Verantwortung das Original nicht zu verraten, aber gleichzeitig zu versuchen, ein zeitgemäßes Buch zu schreiben.

Die wirkliche Herausforderung war, die Welt durch Nikolais Augen zu sehen – wenn ich das tun konnte, wusste ich, welche Entscheidungen ich zu fällen hatte.

Was waren für Sie die größten Herausforderungen beim Schreiben von „Satori“?

Einige. Die erste war, wie schon gesagt, die Herausforderung einen bestehenden Charaktere aufzunehmen. Dann war da die Aufgabe, den Stil von Trevanian zu respektieren, ohne ihn zu imitieren – also, zu versuchen meine Stimme mit seiner zu vereinigen. Am Ende ging es darum, etwas üppiger und lyrischer zu schreiben als ich es in meinen eigenen Arbeiten tue.

Zum Schluss ging es um die historischen Fragen. „Satori“ spielt 1951/1952 in Japan, China und Vietnam. Also musste ich viel recherchieren und versuchen die Plätze und die Zeit nachzuempfinden.

Zum Glück bin ich ein Geschichts-Geek und ich liebe die Recherche.

Ihre ersten Romane waren die Privatdetektivserie mit Neal Carey. Dann wechselten sie mit „Bobby Z“ zu Einzelwerken (und den beiden Boone-Daniels-Romanen), die im heutigen Südkalifornien spielen. Daher würde ich gerne wissen, was Ihnen an Einzelwerken und Kalifornien so gefällt.

Kalifornien ist für mich unendlich interessant. Es hat eine so große Vielfalt von Landschaften und Kulturen. Es ist so schön und dann ist da die hässliche Schattenseite. Für einen Krimiautor ist das eine Goldmine.

Zu Einzelwerken gegen Serien – ich bin gierig. Ich will beide schreiben. Am Ende ist es eine Frage der Geschichte, die ich erzählen will. Einige Geschichten haben ein festes Ende und es wäre falsch, sie zu einer Serie auszubauen. Andere sind mehr ein Marathon als ein Sprint. Du willst länger laufen; die Strecke langsamer mit diesem Charakter bewältigen.

Wie schreiben Sie ihre Bücher?

Meine Schreibroutinen sind sehr einfach. Je nach Jahreszeit beginne ich zwischen 5.00 und 5.30 Uhr im Morgen, arbeite bis 10.00 Uhr, jogge oder gehe dann 4 bis 6 Meilen – oder mache eine andere sportliche Betätigung. Danach gehe ich bis ungefähr 5.00 Uhr zurück an den Schreibtisch.

Normalerweise mache ich die Recherche für ein Buch, während ich ein anderes schreibe. Aber das ist flexibel und hängt von der Situation ab. Manchmal weißt du nicht, was du nicht weißt, bis du es schreibst. Dann musst du eine Pause machen und die Antwort herausfinden. Zum Beispiel: dein Charakter verlässt sein Hotel und dreht sich nach rechts – Weißt du, was er sieht, riecht, hört? Wenn nicht, musst du es herausfinden, damit du den Leser auf diesen Weg mitnehmen kannst.

Outlines machte ich früher. Heute kaum noch. Denn es kann eine nutzlose Übung sein. Normalerweise sagen oder tun meine Charaktere etwas, das ich nicht geplant hatte und die Geschichte in eine andere – normalerweise bessere Richtung – lenkt. Ich habe eine grobe Idee, in welche Richtung die Geschichte sich bewegt – immer basierend auf den Charakteren – aber ich will überrascht werden.

Ich überarbeite jeden Tag; ich ändere ständig, was ich getan habe. Nachdem ich die Anmerkungen von meinem Herausgeber erhalten habe, schreibe ich vom Anfang bis zum Ende eine neue Fassung.

Als tägliches Schreibziel habe ich keine Seitenzahl oder Anzahl von Worten im Kopf. Mein einziges Ziel ist es, jeden Tag gut zu schreiben. Dieses Ziel erreiche ich nicht immer.

Don Winslow: Satori

(übersetzt von Conny Lösch)

Heyne, 2011

608 Seiten

12,99 Euro

Originalausgabe

Satori

Grand Central Publishing, New York, 2011

Hinweise

Homepage von Don Winslow

Deutsche Homepage von Don Winslow

Meine Besprechung von Don Winslows „Pacific Private“ (The Dawn Patrol, 2008)

Meine Besprechung von Don Winslows „Pacific Paradises“ (The Gentlemen’s Hour, 2009) und „Tage der Toten“ (The Power of the Dog, 2005)

Meine Besprechung von Don Winslows „Bobby Z“ (The Death and Life of Bobby Z, 1997)

Meine Besprechung von Don Winslows „Satori“ (Satori, 2011)

Don Winslow in der Kriminalakte


Was soll der „Heidenlärm“, Herr Hellmann?

Mai 12, 2011

Julian von Thelen ist als Hotelmanager eines Fünf-Sterne-Hotels ein Ass. Für seine Untergebenen ist er ein Aas. Doch dass der vierundreißigjährige Single eines Abends, spärlich bekleidet, an der Türschwelle zu seinem Apartment wie eine gefällte deutsche Eiche umfällt und sich dann stundenlang nicht bewegen kann, gönnt man ihm dann doch nicht. Auch nicht, dass er mit höchst unfeinen Mitteln aus seinem Job gedrängt werden soll.

Von Thelen glaubt, dass der Grund dafür in einem von ihm vor einigen Wochen in einer Nebenstraße beobachtetem Mord liegt. Dummerweise ist er der einzige Zeuge und die Polizei glaubt ihm nicht. Und seitdem er an seiner Türschwelle umfiel benimmt er sich an bestimmten Türschwellen, bei Telefonaten und auf Konferenzen immer seltsamer. Denn der Atheist von Thelen behauptet, die „Stimme Gottes“ zu hören und dass er ihm gehorchen müsse.

Mehr soll hier nicht verraten werden. Denn bei einem glänzend geschriebenem Thriller wie „Heidenlärm“, der sich im besten Sebastian-Fitzek-Tempo liest, steigt der Lesespaß mit dem eigenen Nichtwissen.

Im Verhörzimmer der „Kriminalakte“ beantwortete der „Heidenlärm“-Schreiber Alfred Hellman einige Fragen.

Was war die Ausgangsidee für „Heidenlärm“?

Es gab zwei, beide drehen sich um Betrug und falsche Versprechungen:

1. Medikamentenfälschung – hat mich beschäftigt, weil sie so hinterhältig und verlogen daherkommt, Heilung verspricht, aber Leid bewirkt. Die Umsätze sollen höher sein als beim Rauschgifthandel.

2. Ein Gefühl, das Julian Barnes so beschrieben hat: ‚Ich glaube nicht an Gott, aber ich vermisse ihn’.

Warum hast du dich entschieden, die Geschichte aus der Perspektive des doch ziemlich unsympathischen Hotelmanagers Julian von Thelen zu schreiben?

Weil unsympathische Protagonisten spannender sind als nette Leute. Außerdem bleibt Platz für Läuterung.

Warum hast du hast „Heidenlärm“ aus von Thelens Perspektive geschrieben?

Es war für mich die einzige Möglichkeit. Andere Perspektiven habe ich ausprobiert, von Varianten der 3. Person Singular, bis hin zur auktorialen Position, fand aber, dass ich diese Geschichte am besten ‚von innen’ erzählen kann. Vor allem, weil so die Gratwanderung zwischen Glauben und Zweifel leichter darzustellen war.

Wie wichtig war für dich beim Schreiben, dass die Geschichte in Berlin spielt?

Berlin bildet – erst recht für jemanden wie mich, der aus dem angeblich katholischen Rheinland stammt – eine ziemlich heidnische Kulisse. Das erzeugt einen schönen Kontrast. Grundsätzlich könnte die Geschichte aber auch woanders spielen. Gäbe es Gott, wäre er ja überall – und das Verbrechen sowieso.

Wie sähe deine Wunschbesetzung für eine Verfilmung aus?

Der Hotel-Manager Julian van Thelen, Empfänger himmlischer Botschaften und Ermittler wider Willen: Hugh Laurie.

Der Boulevard-Magazin-Regisseur: Jean Reno oder Udo Kier.

Dessen Gehilfe, der Kameramann und Killer: Javier Bardem.

Der geschäftsführende Medikamentenfälscher: Philip Seymour Hoffman

Die oft errötende, aber charakterstarke Linda Kranz: Charlotte Gainsbourg.

Der Priester: Bruno Ganz.

Schwarzheinrich, der Hüter des Kirchenportals: Bill Nighy.

Bernadette aus Treptow, die als Erste die Tränen der Berliner Madonna sah: Cosma Shiva Hagen.

Der Psychiater Professor Conrads: Christoph Waltz.

Welche fünf Bücher würdest du für den Strandkorb empfehlen?

1. Don Winslow, „Tage der Toten“, Suhrkamp – fast so gut wie „Der Pate“.

2. Colin Cotterill, „Dr. Siri und seine Toten“, Goldmann – der einzige Leichenbeschauer von Laos, geschrieben gegen fast alle Krimi-Regeln.

3. Val McDermid, „Vatermord“, Knaur – ein realistischer und spannender Ausflug in menschliche Abgründe.

4. Åke Edwardson, „Toter Mann“, List – der feinste Krimi-Schreiber aus Schweden.

5. Roger Smith, „Kap der Finsternis“, Heyne – Spannung und Tempo aus Südafrika.

Alfred Hellmann: Heidenlärm

Emons, 2011

240 Seiten

9,90 Euro

Hinweise

Meine Besprechung von Alfred Hellmanns „Vor den Hymnen“

Mein Interview mit Alfred Hellmann über „Vor den Hymnen“


Im Verhörzimmer: Friedrich Ani und die Sache mit dem „Süden“

April 12, 2011

Die Rückkehr von Tabor Süden in sein geliebtes München in dem grandiosen Roman „Süden“ verschaffte mir einen guten Vorwand für ein Gespräch mit Krimiautor Friedrich Ani. Das fast „Tatort“-lange Gespräch fand vor einer Woche ohne Zeugen in einem Nebenzimmer des Hotel Savoy in der Nähe des legendären Bahnhof Zoo statt.

 

Süden“

 

Am Ende von „Süden und der Mann im langen schwarzen Mantel“ quittierte Tabor Süden („Ich arbeite auf der Vermisstenstelle der Kripo und kann meinen eigenen Vater nicht finden.“) seinen Dienst bei der Kripo und, bis auf das kurze Gastspiel „Der verschwundene Gast“ 2008 in der „Kaliber.64“-Reihe (wobei Süden in der Geschichte noch Polizist ist), gab es in den vergangenen Jahren kein Lebenszeichen von ihm. Er war verschwunden. In Köln hieß es. Mit „Süden“ kehrt Tabor Süden jetzt nach sechs Jahren wieder in ein verändertes München zurück. Er hat einen Anruf von seinem Vater erhalten. Und weil der Mensch auch etwas zum Beißen braucht (wobei Tabor Süden sich in „Süden“ vor allem flüssig ernährt), nimmt er einen Job in der Detektei von Edith Liebergesell an. Sein erster Auftrag: er soll einen vermissten Wirt finden.

Für Süden-Erfinder Friedrich Ani war Tabor Süden in den vergangenen Jahren allerdings sehr präsent. Es gab die schon erwähnte „Kaliber.64“-Geschichte. Es gab die beiden im April 2009 ausgestrahlten, hochkarätig besetzte, sehenswerte TV-Filme „Kommissar Süden und das Geheimnis der Königin“ (Regie: Martin Enlen) und „Kommissar Süden und der Luftgitarrist“ (Regie: Dominik Graf), für die Ani die Drehbücher schrieb und auch einen Grimme-Preis erhielt. Ursprünglich war eine Tabor-Süden-TV-Serie mit Ulrich Noethen als Tabor Süden geplant, aber irgendein ZDF-interner Kuddelmuddell (auch Ani weiß immer noch nicht, was genau zur Einstellung nach nur zwei Filmen führte, aber er ist darüber immer noch verärgert) beendete die Serie, bevor sie ihr Publikum finden konnte. Wiederholungen gab es bislang keine und auch auf DVD wurden die beiden „Kommissar Süden“-Filme nicht veröffentlicht. Und dabei waren die Quoten gar nicht so schlecht.

Damals bekam Ani wieder Lust auf Tabor Süden.

Für den dritten, 2009 erschienenen Polonius-Fischer-Roman „Totsein verjährt nicht“ hatte er ursprünglich ein Treffen von Fischer und Süden geplant. Der Verlag war von der Idee nicht begeistert und so musste Fischer das verschwundene Mädchen suchen.

Und dann schrieb Ani den neuen Süden-Roman und gleichzeitig drei halbstündige Hörspiele für den SWR, die im Juni und Juli gesendet werden. In diesen kurzen Vermisstengeschichten ist Tabor Süden ein Privatdetektiv. Das ist nur der Beginn einer Süden-Offensive.

Im November gibt es als Taschenbuch die Weihnachtsgeschichte „Süden und die Schlüsselkinder“. Der Knaur-Verlag plant parallel dazu eine Wiederveröffentlichung der ersten drei Süden-Bücher mit einem neuen Cover. Im Frühjahr 2012 wird es einen zweiten, kürzeren Süden-Roman geben und die zweite, wieder aus drei Süden-Büchern bestehende Lieferung und im Herbst 2012 die letzten vier Süden-Romane des zehnbändigen Zykluses; parallel zur Taschenbuch-Ausgabe von „Süden“. Im Frühjahr 2013 gibt es einen weiteren Süden-Roman als Hardcover, für den es auch schon erste Ideen gebe. Denn Ani will ihn weiter als Detektiv ermitteln lassen und dann auch mehr von der Detektei erzählen.

Dieser Wechsel von der Polizei in eine Detektei war von Ani gewollt. Dennoch stellt sich die Frage, ob Ani mit dem Wechsel seine Charakters von einem an Recht und Gesetz gebundenen Polizisten zu einem Privatdetektiv, der über keine besondere Rechte verfügt, aber auch nicht mehr gezwungen ist, einen Verbrecher zu verhaften, eine Verschiebung in seinem erzählerischem Kosmos plant.

Es war schon eine extrem bewusste Entscheidung, jetzt mal jemand zu haben, der nicht eine Polizeibelobigungsfunktion hat. Ich wollte, dass er seine Arbeit weitermachen kann. Das Suchen von vermissten Personen geht auch in einer Detektei sehr gut. Das ist relativ realistisch und passt auch gut zum Süden. So ein Freelancer, der Geld verdienen muss, und seine Arbeit machen kann. Der Süden ist in dem Sinn ja kein Anarcho. Er ist vielleicht ein bisschen viel im Gasthaus oder er trinkt gelegentlich Bier, aber er ist von seiner Haltung kein anarchistischer Mensch. Er ist ein gewissenhafter Mensch. Er ist gern unter Leuten. Er ist gern dabei. Deshalb braucht er einen Beruf, wo er nicht versandelt. Die Gefahr bei Tabor Süden ist, dass er vereinsamt, wenn er nichts zu tun hat. Das spürt er. Deshalb braucht er einen Job – und den hat er jetzt. Ich bin schon froh, dass ich den Polizeiapparat jetzt nicht mehr beschreiben muss. Das fand ich auch immer ein bisschen einengend.

Manchmal bin ich da etwas mürrisch. Weil ich finde, wir schreiben genug Polizeibelobigungskrimis und irgendwann ist auch mal gut“, sagt Ani.

Von Anfang an war „Süden“ als längeres Werk geplant. Die Romane „Die Erfindung des Abschieds“, „German Angst“ und „Verzeihen“ mit Tabor Süden waren zwar auch länger, aber am bekanntesten ist die aus zehn Bänden bestehende, zwischen 2001 und 2005 erschienene Süden-Serie, deren Titel mit „Süden und…“ beginnen. Diese Bücher hatten immer zweihundert Seiten. „Süden“ ist ungefähr doppelt so lang. Dafür erzählt Ani auch drei Geschichten: die lange Geschichte vom verschwundenen Wirt, die private Geschichte von Südens Suche nach seinem Vater und eine kurze Geschichte von einer verschwundenen Mutter. Diese Struktur habe er von den TV-Filmen übernommen. Trotzdem sieht er seinen Stil als konträr zur TV-Dramaturgie an.

Der Roman ist meine Art zu schreiben“, betont er. Dort könne er auch Nebenfiguren ihren Raum geben und er müsse sich nicht an feste Vorgaben, wozu inzwischen die streng festgelegte Länge eines TV-Films und, bei einer Reihe wie „Tatort“, die Wünsche der Stammschauspieler gehören, halten.

Denn er nimmt sich lieber Zeit und, auch wenn am Ende von „Süden“ eine Thriller-Spannung aufkommt, ist es in einem gewissen Rahmen egal, ob Süden den Wirt tot oder lebendig findet.

(Kurzer Einschub: ich würde jetzt gerne unsere Diskussion über das Ende einfügen, aber das wäre ein Mega-Spoiler. Deshalb lasse ich es heute bleiben, aber ich will einige Ausschnitte aus dem Interview transkribieren. Dann erfahrt ihr auch Friedrich Anis Meinung zu dem Ende von „Süden“, warum der „Süden“ die viereinhalbte Fassung ist und ihr könnt einiges über die von uns während des Interviews beschrittenen Irrwege lesen. Doch jetzt weiter im Text.)

Das liegt auch daran, dass in „Süden“ die einzelnen Geschichten sich zu einem kunstvollem Ganzen fügen, das von Tabor Süden der wieder einmal im Milieu der kleinen Leute und Wirte ermittelt, zusammengehalten.

Mei, ich find halt; – ich hab halt immer gedacht, man sollte über das schreiben, was man kennt, was man liebt, was einen aufregt, was einem nahe ist. Ich glaub schon, dass ich mich auch in andere Milieus hineindenken könnte oder kann. Aber die kleinen Leute, die Unscheinbaren, sind mir halt die liebsten und einer muss es machen. Es ist halt meine Welt. Das bin halt ich. Und – und ich find, das gibt immer noch einen Menge her. Das erschöpft sich nicht. Der Simenon hat auch hunderte von Büchern über sehr unscheinbare Leute geschrieben. Das geht. Man muss halt nur die Augen aufhalten. Ich versuch das auch oft im Drehbuch. Dass ich Leute habe, die auch ganz normale Berufe haben. Und die Redakteure sind dann immer wieder ganz erstaunt, dass das auch mal wieder vorkommt.

Es gibt auch Leute, die das gar nicht mögen. Die sagen dann, das ist so sozialkritisch.

Aber Sozialkritik interessiert mich nicht. Ist eigentlich auch Quatsch.“

Für mich ist das Buch zeitlos. Es gibt keine plakative Hartz-IV-Kritik und Handys und Computer kommen eigentlich nicht vor“, werfe ich ein. So besitzt Tabor Süden erst am Ende des Romans ein Handy.

Ja, vieles ist vielleicht doch spürbar, wenn man es will.

Aber mir gefällt das eigentlich. Ich mag das, dass die alle etwas wie aus der Zeit gefallen sind. Das war auch in den zwei Verfilmungen so. Vor allem im „Luftgitarristen“ vom Dominik Graf. Dass man das Gefühl hat, die sind alle etwas neben der Gegenwart. Das ist mir da so bewusst geworden.

Das ist eine schöne Vorstellung. – Dabei bleib ich.“

Und diese Vorstellung hat Friedrich Ani in „Süden“ kongenial umgesetzt. Denn in „Süden“ ist Tabor Süden ganz bei sich – und Friedrich Ani ist auch ganz bei sich. Ein feines Buch.

Friedrich Ani: Süden

Droemer, 2011

368 Seiten

19,99 Euro

Lesungen

Dienstag, 12. April 2011, 19 Uhr

Café Weiß, Geißstraße 16, Stuttgart (Krimi & Hörbuch Undercover)

Mittwoch, 13. April 2011, 20 Uhr

Der Monarch, Skalitzer Straße 134, Berlin (Krimibuchhandlung Hammett)

Donnerstag, 14. April 2011, 20 Uhr

Goldener Löwe, Kellergewölbe, Am Markt 6, Olpe (Buchhandlung Dreimann)

Freitag, 15. April 2011, 20 Uhr

Die Fabrik, Mittlerer Hasenpfad 5, Frankfurt (Buchhandlung Schutt)

Hinweise

Homepage von Friedrich Ani

Meine Besprechung von Friedrich Anis „Wer lebt, stirbt“ (2007)

Meine Besprechung von Friedrich Anis „Der verschwundene Gast“ (2008)

Meine Besprechung von Friedrich Anis “Totsein verjährt nicht” (2009)

Meine Besprechung von Friedrich Anis “Die Tat” (2010)

Planet-Interview: Interview mit Friedrich Ani (18. Dezember 2008)


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