Im Verhörzimmer: Philipp Reinartz erklärt das „Fremdland“

Januar 2, 2019

Philipp Reinartz ohne Tatwerkzeuge (Foto: Janina Wagner)

Für die normalen Fälle ist Kommissar Jerusalem ‚Jay‘ Schmitt nicht mehr zuständig. Er ist der Chef der neugegründeten Neunten Berliner Mordkommission, die die ungewöhnlichen Mordfälle aufklären soll. In „Die letzte Farbe des Todes“ (2017) löste sie ihren ersten Fall. Jetzt ist mit „Fremdland“ der zweite Jerusalem-Schmitt-Fall erschienen und weil die Fälle in Berlin spielen, ist das ein guter Grund, Philipp Reinartz, dem Autor der Schmitt-Romane, einige Fragen zu stellen.

In „Fremdland“ verknüpft Philipp Reinartz in kurzen Kapiteln mehrere Erzählstränge. Schmitts neuer Mordfall ist der Mord an der siebenundneunzigjährigen Heimbewohnerin Louisa Sprenger. Sie lebte seit fünfzehn Jahren im Altersheim, hatte keine Kontakte und es gibt keinen offensichtlichen Grund, sie zu töten. Außerdem wäre sie sowieso in einigen Monaten gestorben. Warum wurde sie jetzt ermordet? Und, noch rätselhafter, warum machte der Mörder die Manipulation an ihrer Sauerstoffversorgung nicht rückgängig und legte mit einem Brief neben der Leiche offensichtliche Spuren zu seiner Tat? Denn ohne diese Manipulation und den Brief mit seiner verschlüsselten Botschaft hätte man Sprengers Tod als ganz normalen altersbedingten Tod registriert.

Daneben recherchiert Schmitt über ein Dienstvergehen seines Vaters. Vor zwanzig Jahren ließ er die Meldung über die Alkoholkontrolle bei einem Polizistenkollegen verschwinden. Schmitt will herausfinden, ob es wirklich nur ein längst verjährter Gefallen für einen betrunkenen Kollegen war.

Denn Grezinski war auch der Vorgesetzte von zwei Polizisten, die in dieser Nacht auf dem Koletzikigelände, einer Industriebrache, starben. Neben den toten Beamten fand man die Leichen von zwei Flüchtlingen. Schmitt glaubt, dass die offizielle Beschreibung des Tathergangs falsch ist. Aber hat der manipulierte Tatort etwas mit Grezinskis alkoholisierter Autofahrt zu tun?

In einem weiteren Handlungsstrang verfolgen wir den aus Senegal kommenden Flüchtling Mouhamadou ‚Mo‘ Diallo. Er ist verheiratet, hat eine Tochter und, weil er keine andere Arbeit findet, verdient er das Geld für seine Familie als kleiner Drogendealer. Er wird immer wieder von Polizisten inhaftiert und geschlagen. Das war in den Neunzigern.

Man muss kein erfahrener Krimileser sein, um zu vermuten, dass diese Plots miteinander zusammenhängen. Nur wie?

Der 1985 in Freiburg geborene Philipp Reinartz studierte in Köln, Saragossa und Potsdam Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft, Geschichte, Germanistik, Journalismus und Design Thinking, ist Mitgründer und Geschäftsführer einer Berliner Ideenschmiede und veröffentlichte 2013 seinen Debütroman „Katerstimmung“. 2017 folgte mit „Die letzte Farbe des Todes“ sein erster Kriminalroman.

Was war die Ausgangsidee für „Fremdland“?

Ich wollte einen Plot kreieren, bei dem der Leser ein Verbrechen aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet und dadurch ein und dieselbe Tat immer wieder neu bewertet. Kriminalgeschichten, bei denen es am Ende jeder hätte gewesen sein können, finde ich langweilig – ich wollte die Twists durch reine Perspektivwechsel schaffen. Zudem hat mich die Spaltung der Gesellschaft beschäftigt, die Konflikte zwischen denen, die schon lange hier wohnen, und denen, die neu hier sind. Ein aktuelles Thema, aber eine zeitlose gesellschaftliche Frage.

Im Klappentext steht, dass der Roman auf einer wahren Begebenheit aus den neunziger Jahren basiere. Können Sie uns mehr darüber verraten?

Die Geschichte von Mo und Aissa hat kein konkretes Vorbild, aber sie beruht auf wahren Begebenheiten der 1990er-Jahre: Der so genannte »Hamburger Polizeiskandal« offenbarte Misshandlungen an – hauptsächlich schwarzen – Männern, im Mittelpunkt standen die auch im Roman zentralen Scheinhinrichtungen. Ich habe diese Ereignisse auf Berlin übertragen, wo in den Neunzigern bestimmte Plätze als »Gefährliche Orte« deklariert wurden, an denen Maßnahmen gegen Personen ohne konkreten Tatverdacht vorgenommen werden durften. Vorübergehend Verhaftete sprachen davon, nach dem Verhör in Randgebieten der Stadt ausgesetzt worden zu sein. Auch die vorübergehende Streichung des Senegals von der Liste der sicheren Herkunftsländer entspricht den Fakten. Trotz weiteren Unruhen in der Casamance-Region wurde der Senegal nach einigen Monaten wieder zum sicheren Herkunftsland erklärt.

Was unterscheidet ihren Ermittler, Kommissar Jerusalem ‚Jay‘ Schmitt, von anderen Ermittlern?

Oft stehen Protagonisten im Schatten ihrer übergroßen Eltern oder anderer Bezugspersonen, deren Erwartungen sie schwer erfüllen können. Bei Jay ist es genau umgekehrt: Sein Vater war zwar auch bei der Polizei, aber ist eben nicht die typische Mentorenfigur, der der Sohn nacheifert. Jay überflügelt seinen Vater, der nicht über einen niedrigen Dienstgrad hinauskam, bei weitem. Woraus dann aber ebenso Konflikte entstehen.

Der Roman spielt in Berlin. Wie wichtig ist die Stadt für die Romangeschichte und die Romanserie?

Berlin ist ein toller Schauplatz, weil die Stadt viel Abwechslung bietet. Verlassenes Fabrikgelände, Kriminalität, Haus im Grünen, Großer Polizeiapparat – die meisten Ideen lassen sich hier umsetzen. Aber die Geschichte ist nicht an Berlin gekoppelt, der Plot entsteht bei mir unabhängig von Berlin. Und meine Figuren müssen auch nicht am Brandenburger Tor entlang und alle paar Seiten eine Currywurst essen – ich will ein Berlin jenseits der Klischees.

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus?

Selten romantisch chaotisch mit Weinglas auf der Dachterrasse, ich bin ein strukturierter Schreiber. Ich arbeite einige Tage nur am Plot, bis ich eine Geschichte habe, die so einzigartig ist, dass sie es wert ist, erzählt zu werden. Dann überlege ich mir einen groben Fahrplan und beginne mit der Recherche. Die war in diesem Fall so spannend wie schwierig. Wer kennt zum Beispiel heute noch Rechte und Pflichten von Flüchtlingen aus einem vorübergehend nicht sicheren Herkunftsland Mitte der Neunziger? Zum Glück hatte ich hilfsbereite Experten. Recht früh starte ich aber auch schon mit dem ersten Kapitel und teste aus, ob alles funktioniert. Ab dann sitze ich jeweils lange an einer Seite, ist diese aber fertig, wird wenig daran geändert. Ganze Kapitel oder Figuren wurden bisher zum Beispiel weder von mir noch von meinen Lektoren gestrichen.

Welche fünf Bücher empfehlen Sie für die langen Winternächte?

Sand“ von Wolfgang Herrndorf

Radetzkymarsch“ von Joseph Roth

Ostende“ von Volker Weidermann

Zeit der Zauberer“ meines Mannschaftskollegen in der Fußballnationalmannschaft der Autoren, Wolfram Eilenberger

Livealbum“ von Benjamin von Stuckrad-Barre

Vielen Dank für das Gespräch!

Philipp Reinartz: Fremdland

Goldmann, 2019

320 Seiten

10 Euro

Die Buchpremiere ist am Samstag, den 19. Januar, um 21.00 Uhr im „Mein Haus am See, Cosmic Kaspar“ (Brunnenstraße 197/198, 10119 Berlin). Andreas Merkel moderiert, DJ Jazzmin legt danach auf und der Eintritt beträgt 5 Euro.

Hinweise

Goldmann über Philipp Reinartz

Homepage von Philipp Reinartz

Wikipedia über Philipp Reinartz


Im Verhörzimmer: Rebecca Cantrell, wegen dreier gemeinsamer Delikte mit James Rollins

Juli 6, 2015

Rebecca Cantrell

In jedem Schreibratgeber gibt es ein Kapitel, das ausführlich beschreibt, warum Autoren ihre Bücher nicht mit einem anderen Autor zusammen schreiben sollen. Und dann gibt es einige Beispiele, in denen Autoren das tun. Teilweise über viele Jahre und Jahrzehnte. Ich sage nur Ellery Queen (eigentlich Frederick Dannay und Manfred Bennington Lee), Maj Sjöwall/Per Wahlöö, Douglas Preston/Lincoln Child, Nicci French (eigentlich Nicci Gerrard und Sean French) und James Patterson hat die Ko-Autorenschaft zu einem Geschäftsmodell erhoben. Ken Bruen und Jason Starr schrieben zusammen drei Romane und in einem Interview sagte Bruen mir, dass ihm eine Co-Autorenschaft gefalle, weil er dann nur einen halben Roman schreiben müsse.
Die International Thriller Writers veröffentlichten letztes Jahr einen Sammelband mit Kurzgeschichten, die immer von zwei Thriller-Autoren geschrieben waren. Einer von ihnen war James Rollins, der dafür zusammen mit Steve Berry eine Kurzgeschichte schrieb. Aber eine Kurzgeschichte umfasst nur wenige Seiten. Ein Roman schon mehr. Eine Trilogie noch mehr und eine Abenteuerthriller-Trilogie schafft es leicht auf gut zweitausend Seiten. Ungefähr so viele Seiten schrieb James Rollins mit Rebecca Cantrell, die derzeit in Berlin lebt und unter ihrem Namen schon einige Bücher veröffentlichte. Aber dazu später mehr.
Wenden wir uns erst ihren zusammen mit James Rollins geschriebenen Romanen „Das Evangelium des Blutes“ (The Blood Gospel, 2012), „Das Blut des Verräters“. (Innocent Blood – The Blood Gospel 02, 2014; deutsche Ausgabe erscheint Ende Juli) und „Blood Infernal“ (2015) zu.
In ihnen kämpfen die Archäologin Erin Granger, der US-Soldat Jordan Stone und Pater Rhun Korza, ein Sanguinarier (ein Vampir, der wegen seines Glaubens auf die übliche Vampirnahrung verzichtet), gegen dunkle Mächte, die in „Das Evangelium des Blutes“ das von Jesus Christus mit seinem Blut geschriebene und deshalb besonders mächtige Evangelium wollen. In den falschen Händen kann seine Macht für schlimme Dinge benutzt werden. In „Das Blut des Verräters“ geht es um die Seele eines Kindes und die drohende Apokalypse.
Vor der Apokalypse wurde Frau Cantrell ins Verhörzimmer gebeten.

Was war die Grundidee für „Das Evangelium des Blutes“ und die beiden Folgeromane?

James Rollins sah im Los Angeles County Museum of Art Rembrandts Gemälde „Auferweckung des Lazarus“. Das atmosphärische Bild hat einen beunruhigenden Subtext – mit Ausdrücken von Furcht in den Gesichtern der Zuschauer und von Lazarus‘ Lippen tropfender Wein oder Blut. Da hatte er die Idee, das katholischen Ritual, bei dem während der Messe das Blut von Jesus Christus getrunken wird, mit einem anderen Ritual zu verbinden, in dem dieses heilige Blut verwenden wird, um Vampire vor der Verdammnis zu retten. Ausgehend von dieser Prämisse arbeiteten wir zusammen beim Erschaffen der Charaktere und der Welt in der sie Leben. Für „Innocent Blood“ und „Blood Infernal“ hatten wir einige Ideen, die auf dem basierten, was wir in „The Blood Gospel“ erschaffen hatten. Aber die Bücher entstanden ziemlich natürlich nacheinander.

In der „Blood Gospel“-Trilogie haben Sie eine reichhaltige Mythologie entworfen, die aus der Geschichte und dem Horrorgenre schöpft. Wie entwickelten Sie diese Welt?

Nachdem wir mit unseren Recherchen über die wahren Hintergründe der Geschichten aus der Bibel und Vampirlegenden begannen hatten, war es erstaunlich, wie viele historische Fakten perfekt in unsere Geschichten passten. Von der Auferstehung von Lazarus über die katholische Tradition, das Fleisch von Jesus zu essen und sein Blut zu trinken bis zur Verwendung von Silber in geweihten Gegenständen.
Am Ende schrieben wir ein Handbuch, das die Regeln unserer Welt festlegte. Von einer Biographie für die Charaktere und einer Chronik wichtiger Ereignisse, bis zum Umgang der verschiedenen Kreaturen miteinander. Darin steht, zum Beispiel, wie ein Blasphemare erschaffen wird (ein Tier, das zum Gefährten eines Strigoi [eines nicht-katholischen Vampirs] wird, indem es über eine lange Zeit mit dem Blut des Strigoi gefüttert wird) und die verschiedenen Regeln unserer Welt (Wie wirkt Silber? Wie wirkt sich geweihte Erde auf Sanguinarier und Strigoi aus?) festlegt.
In jedem Buch versuchten wir, unsere Welt widerspruchsfrei zu zeichnen und sie gleichzeitig zu erweitern, indem wir unseren Lesern neue Dimensionen zeigen und sie mit neuen Elementen überraschen. Es war ein großer Spaß!

Die Romane entstanden zusammen mit dem auch in Deutschalnd bekannten Thriller-Autor James Rollins. Wie verläuft die Zusammenarbeit mit ihm?

James hatte die ursprüngliche Idee, eine erste Zusammenfassung und Informationen über die Charaktere. Ab da arbeiteten wir sehr eng zusammen beim Ausformulieren der Charaktere, dem Erschaffen einer reichhaltigeren Welt und beim Vertiefen oder Verändern der Geschichte.
Montags unterhielten wir uns über Skype über die Seiten, die wir vorherige Woche geschrieben hatten, und wir besprachen alle neuen Ideen, die wir für unsere Outline hatten. Es ist rückblickend schwer zu sagen, wer welche Idee hatte, weil wir sie so miteinander oft besprachen.
Am Anfang entschieden wir uns, nachdem wir eine Szene in verschiedenen Stilen geschrieben hatten, für einen gemeinsamen Schreibstil. Danach versuchten wir, in diesem Stil zu Schreiben und die von dem anderen geschriebenen Seiten hin zu diesem Stil zu überarbeiten.
Die Bücher entstanden über eine längere Zeit und durch tausend Gespräche (einmal pro Woche über drei Jahre – das WAREN wirklich tausend Gespräche – Wow!) über die Charaktere und Plot Points und Orte, die sich bis zur letzten Sekunde änderten.

Was sind für Sie die größten Unterschiede zwischen einer Zusammenarbeit mit einem anderen Autor (in einem Interview sagte Sie, dass sie sich weitere Bücher mit James Rollins vorstellen können) und der Solo-Arbeit?

Es macht viel Spaß, mit einem anderen Autor zusammemen zu arbeiten. James und ich tendieren dazu, an verschiedenen Punkten hängen zu bleiben. Wenn ich also fest steckte, konnte ich die Seiten ihm geben. Er konnte dann meine Probleme lösen und auch die Geschichte weiterschreiben. Es war, als würde ich mit einer magischen Elf schreiben – er löste Probleme oder beendete Szenen über Nacht (wegen dem Zeitunterschied) und ich hatte überarbeitete und fehlerfreie Seiten, wenn ich am Morgen aufwachte. Manchmal war auch ich die Elfe. Und zwei Köpfe anstatt einem Kopf ließen uns Dinge schneller erfinden und wir konnten die Geschichten in Richtungen verändern, die wir nicht ausprobiert hätten, wenn wir alleine gearbeitet hätten.
Wenn unsere Termine es zulassen, was keine einfache Aufgabe ist, werden wir sicher wieder an weiteren Sanguinarier-Büchern oder etwas anderem zusammen arbeiten.

Können Sie uns noch etwas über ihre anderen beiden Serien verraten? Und ob Übersetzungen geplant sind?

Die ersten Bücher, die ich veröffentlichte, erzählen die Abenteuer einer Kriminalreporterin, die Spionin wurde. Sie heißt Hannah Vogel und lebt im Berlin der 1930er lebt. Viele ihrer Abenteuer erlebt sie Orten, die in der Nähe von meinem Apartment in Berlin Mitte sind. Bis jetzt besteht die Serie aus vier Romanen: „A Trace of Smoke“ (spielt 1931), „A Night of Long Knives“ (spielt 1934), „A Game of Lies“ (spielt 1936) und „A City of Broken Glass“ (spelt 1938). Mein Verleger veröffentlichte gerade einen Sammelband, der alle vier Romane enthält und „A Time of Night and Fog“ heißt. Diese Bücher haben verschiedene Preise gewonnen (Macavity, Bruce Alexander) und waren für andere nominiert (Mary Higgins Clark, RT Best Historical, Barry). Sie wurden auch in verschiedene andere Sprachen übersetzt, aber bis jetzt gibt es keine Übersetzung ins Deutsche. Aber man weiß ja nie!
Meine zweite Serie erzählt die Abenteuer eines Software-Multimillionärs, der wegen seiner Platzangst in den Tunneln von New York City lebt. Bis jetzt gibt es drei Romane mit Joe Tesla: „The World Beneath“, „The Tesla Legacy“ und „The Chemistry of Death“. Auch diese Romane haben Preise gewonnen, wie den International Thriller Writers Best Thriller Award. Auch sie wurden übersetzt, aber, wieder, bis jetzt nicht ins Deutsche.

Welche fünf Bücher empfehlen Sie für den Sommerurlaub?

Der Marsianer (The Martian) von Andy Weir. Ein kurzweiliges und komisches Buch über einen Astronauten, der alleine auf dem Mars gestrandet ist. (Anmerkung: Die Verfilmung von Ridley Scott mit Matt Damon in der Hauptrolle startet bei uns am 8. Oktober.)

Das Licht der letzten Tage (Station Eleven, deutsche Ausgabe erscheint am 15. September 2015) von Emily St. John Mandel. Ein lyrischer und aufrüttelnder Blick auf das Leben in den Vereinigten Staaten, nachdem neunzig Prozent der Bevölkerung durch eine Krankheit vernichtet wurden.

Post von Sean Black. Ein kaum futuristischer Roman über einen Mann, der durch verschiedene Implantate vom Militär zum Supersoldaten wurde und der versucht, seine Menschlichkeit zu behalten.

Die Gehilfin des Bienenzüchters (The Beekeeper’s Apprentice) von Laurie King. Eine junge Frau trifft in England im Moor einen alten Imker, der sie seine Arbeit lehrt. Aber er ist nicht nur ein Bienenzüchter. Er ist auch Sherlock Holmes.

Global Hack (Future Crimes, deutsche Ausgabe erscheint am 28. September 2015) von Marc Goodman. Das ist ein Sachbuch über Cybercrime auf der ganzen Welt, was gerade geschieht und was geschehen wird. Es ist in dieser Liste das mit Abstand erschreckenste Buch!

Rollins - Cantrell - Das Evangelium des Blutes - 2Rollins - Cantrell - Das Blut des Verräters - 2
James Rollins/Rebecca Cantrell: Das Evangelium des Blutes
(übersetzt von Norbert Stöbe)
Blanvalet, 2014
672 Seiten
9,99 Euro

Originalausgabe
The Blood Gospel
William Morrow, 2012

James Rollins/Rebecca Cantrell: Das Blut des Verräters
(übersetzt von Norbert Stöbe)
Blanvalet, 2015
608 Seiten
9,99 Euro
(erscheint am 20. Juli)

Originalausgabe
Innocent Blood (The Blood Gospel 02)
William Morrow, New York 2014

Hinweise

Homepage von James Rollins

Homepage von Rebecca Cantrell

Meine Besprechung von James Rollins’ „Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels“ (Indiana Jones and the Kingdom of the Crystal Skull, 2008)

Meine Besprechung von James Rollins/Rebecca Cantrells „Das Evangelium des Blutes“ ( The Blood Gospel, 2013)

Excuse Me, I’m Writing: Interview mit James Rollins und Rebecca Cantrell über „Das Evangelium des Blutes“ (Januar 2013)

The Big Thrill: Interview mit James Rollins und Rebecca Cantrell zu „Blood Infernal“ (Januar 2015)


Im Verhörzimmer: Joe R. Lansdale über seinen neuen Roman „Das Dickicht“

August 27, 2014

Lansdale - Das Dickicht - 4

Für die Kriminalakte ist das Erscheinen des neuen Romans „Das Dickicht“ von Joe R. Lansdale eine gute Gelegenheit, dem Mann einige Fragen zu stellen.

Der Texaner Joe R. Lansdale schrieb in den vergangenen Jahrzehnten zahlreiche Romane und Kurzgeschichten in unterschiedlichen Genres, die alle irgendwie zur Spannungsliteratur gehören: Kriminalromane, Thriller, Horror-Geschichten, Western und abgedrehte Variationen davon. Einige Comics schrieb er auch und er schnüffelte an den Rändern von Hollywood herum. Ein kleiner Klassiker ist „Bubba Ho-Tep“. Don Coscarelli verfilmte mit Bruce Campbell Lansdales gleichnamige Kurzgeschichte, in der im Altersheim Elvis Presley und John F. Kennedy (ein Schwarzer) gegen eine ägyptische Mumie kämpfen. Ein großer Spaß. Demnächst läuft auf dem Fantasy-Filmfest die brandneue, prominent besetzte Romanverfilmung „Cold in July“ von Jim Mickle, mit Michael C. Hall, Don Johnson und Sam Shepard.

Äußerst beliebt bei Krimilesern sind seine knochentrockenen Geschichten mit Hap Collins und Leonard Pine. Neun Romane mit dem seltsamen Paar sind bereits erschienen.

In den vergangenen Jahren, vor allem seit dem mit dem Edgar ausgezeichntem „Die Wälder am Fluss“ (The Bottoms), schrieb Lansdale auch mehrere Romane, die in der ersten Hälfte des Jahrhunderts in seiner Heimat Osttexas spielen. Protagonist ist oft ein sehr junger Mensch und die Rassenfrage wird immer thematisiert.

Auch die Abenteuergeschichte „Das Dickicht“ spielt zu Beginn des letzten Jahrhunderts: Autos und Telefone gibt es schon, aber normalerweise bewegt man sich auf einem Pferd von einem Ort zum nächsten. Der sechzehnjährige Jack Parker macht sich, nach dem Pockentod seiner Eltern und der Ermordung seines Großvaters auf dem Sabine River, mit dem Afroamerikaner Eustace Cox, seinem Wildschwein Keiler, dem Zwerg Shorty, dem Freudenmädchen Jimmie Sue und dem Sheriff und früheren Kopfgeldjäger Winton auf die Jagd nach dem Mörder seines Großvaters und den Entführern seiner jüngeren Schwester. Das sind Cut Throat Bill, Nigger Pete und Fatty Worth, drei skrupellose Banditen, die im titelgebenden Dickicht, einer gesetzlosen Gegend, untergetaucht sind.

 

 

Was war die Inspiration für „Das Dickicht“?

 

Die Hauptinspiration für „Das Dickicht“ waren Geschichten über Ost-Texas, die ich als Jugendlicher hörte. Dazu kam die Lektüre von Mark Twain und pure Einbildung. Ich nehme gerne etwas, das einen Bezug zur Realität hat und entfessele meine Fantasie. Mein Vater, zum Beispiel, hatte als Kind Pocken. Er wurde 1909 geboren, ein Jahr bevor Mark Twain starb. Er hörte viele Geschichten über Ost-Texas, das große Dickicht, wo meine Geschichte spielt, und ich verwendete Geschichten, die ich von meiner Großmutter hörte. Und einige Kleinigkeiten von meiner Mutter. Wieder einmal verschmolz ich meine Fantasie mit diesen Geschichten und so entstand dieser Roman. Der Zwerg Shorty war für mich eine Überraschung. Über seinen Ursprung kann ich nichts sagen.

 

 

In den vergangenen Jahren, vor allem seit „The Bottoms“ spielen viele ihrer Geschichten in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts und oft erzählen sie die Abenteuer von jungen Menschen. Woher kommt ihr Interesse an dieser Zeit und den jugendlichen Charakteren?

 

 

Ich habe mich schon immer für Geschichte interessiert. Meine Eltern waren während dieser Zeit junge Erwachsene und Erwachsene. Es war eine schwere Zeit, also war ich neugierig. Wie ich schon bei der vorherigen Frage sagte: ich hörte viele Geschichten über die Große Depression. Sie hatte, wie du dir denken kannst, einen großen Einfluss auf meine Eltern. Meine anderen Romane entstanden, wie „Das Dickicht“, ausgehend vom Hörensagen oder eher mündlichem Geschichtenerzählen. Einige Geschichten, die mir erzählt wurden, waren wahr. Andere nicht. Manchmal waren es nur alte Geschichten, die weitererzählt wurden und nichts mit meiner Familie zu tun hatten. Aber es waren die Erfahrungen und Geschichten von anderen.

Ich denke, ich bin einer der letzten, der noch da war, um diese alten Geschichten zu hören, weil meine Eltern, als ich geboren wurde, älter waren als die Eltern von meinen Klassenkameraden. Sogar mein Bruder ist siebzehn Jahre älter als ich. Daher hat er etwas andere Erfahrungen als ich und ich habe viele Dinge von ihm gelernt. Das war so nicht geplant. Es geschah einfach.

Ich bin ein guter Zuhörer, wenn es um Geschichten geht. Vorausgesetzt, sie interessieren mich. Während die anderen Kinder spielten, saß ich bei den Erwachsene und hörte ihnen zu.

 

 

Sie schreiben in vielen verschiedenen Genres und Comics. Woher wissen Sie, welches Genre das richtige Genre für die Geschichte ist und was sind die Vorteile von Genres?

 

 

Wenn mich jemand fragt, ob ich einen Kriminal-, Horror- oder was auch immer für eine Genre-Geschichte schreiben soll, dann kenne ich die Richtung. Aber das ist auch alles. Zuerst muss es mich interessieren, und dann habe ich die grobe Richtung in die die Erzählung sich bewegen soll. Aber danach lasse ich die Geschichte ihren eigenen Weg finden. Manchmal setzte ich mich einfach hin und beginne mit dem Schreiben. Ausgehend von einer Stimmung oder einer einzigen Idee. Dann entwickelt sich die Geschichte und sie wird, was immer sie werden will.

Ich denke, ich kann nur schreiben, indem ich die Geschichte ihre Stimme finden lasse. Ich kann gelenkt, aber nicht kontrolliert werden.

 

 

Können Sie uns etwas über ihren Schreibprozess erzählen? Wie entsteht ein Lansdale-Roman?

 

Ich recherchiere ohne zu denken, dass ich recherchiere. Ich lese einfach, was mich interessiert oder fasziniert, Erzählungen und Sachbücher. Ich lese viel über Geschichte; Biographien und so. Ich lese viel und ich lese fast ständig, mit kurzen Pausen, weil ich es sowieso tun würde und es mir gefällt.

Ich schreibe gern. Normalerweise schreibe ich am Morgen, kurz nachdem ich aufstehe. Ich versuche täglich mindestens drei bis fünf Seiten zu schreiben, und oft wird es mehr. Ich mache das fünf bis sieben Tage pro Woche, manchmal auch im Urlaub. Aber ich arbeite selten mehr als drei Stunden. So tue ich regelmäßig etwas und ich fühle mich jeden Tag wie ein Held.

Ich schreibe eine sehr gewissenhafte erste Fassung, mit Überarbeitungen während des Schreibens. Danach wird diese Fassung noch einmal in Details überarbeitet.

Manchmal habe ich eine Geschichte, die eine größere Überarbeitung erfordert, aber während des Schreibens überarbeite ich bereits das Geschriebene und am nächsten Tag überarbeitete ich die Arbeit des vorherigen Tages und tauche so wieder in die Geschichte ein. So erledige ich viele Überarbeitungen während des Schreiben.

Mehrere Fassungen mag ich nicht. Es deprimiert mich einfach und meine Geschichten werden mit dieser Methode nicht besser, sondern schlechter.

Am besten funktioniert für mich: Sorgfältig jetzt, kleine Veränderungen später.

 

 

Welche fünf Bücher würden Sie für den späten Sommerurlaub empfehlen?

 

Adventures of Huckleberry Finn (Die Abenteuer des Huckleberry Finn; Huckleberry Finn; Huckleberry Finns Abenteuer), von Mark Twain

To Kill a Mocking Bird (Wer die Nachtigall stört), von Harper Lee

True Grit (Die mutige Mattie, True Grit), von Charles Porties

The Great Gatsby (Der große Gatsby), von F. Scott Fitzgerald

The Martian Chronicles (Die Mars-Chroniken), von Ray Bradbury

Diese Liste kann sich verändern, aber diese Bücher gehören immer zu meinem Lieblingsbüchern.

Wenn ich etwa schwindeln darf, indem ich eine Kurzgeschichtensammlung hinzufüge, empfehle ich

A Good Man is hard to find, von Flannery O’Connor (diese Sammlung wurde so anscheinend nicht übersetzt, aber die Kurzgeschichten von Flannery O’Connor erschienen in verschiedenen, antiquarisch erhältlichen Sammelbänden)

Joe R. Lansdale: Das Dickicht

(übersetzt von Hannes Riffel)

Tropen, 2014

336 Seiten

19,95 Euro

Originalausgabe

The Thicket

Mulholland Books, 2013

Hinweise

Homepage von Joe R. Lansdale

Stuttgarter Zeitung: Thomas Klingenmaier hat Joe R. Lansdale getroffen (25. März 2013)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Wilder Winter“ (Savage Season, 1990)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Rumble Tumble“ (Rumble Tumble, 1998 )

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Der Gott der Klinge” (The God of the Razor, 2007)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Der Teufelskeiler” (The Boar, 1998)

Meine Besprechung  von Joe R. Lansdales „Akt der Liebe“ (Act of Love, 1981)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Die Wälder am Fluss“ (The Bottoms, 2000)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Kahlschlag” (Sunset and Sawdust, 2004)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Gauklersommer” (Leather Maiden, 2008)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Ein feiner dunkler Riss” (A fine dark Line, 2003)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Dunkle Gewässer“ (Edge of Dark Water, 2012)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Straße der Toten“ (Deadman’s Road, 2010)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Machos und Moneten“ (Captains Outrageous, 2001)

Mulholland Books: Joe R. Lansdale über die Ursprünge von „Das Dickicht“


Im Verhörzimmer: Wolfgang Schweiger erklärt das „Duell am Chiemsee“ – und einige andere Dinge

August 11, 2014
Wolfgang Schweiger (Bild: Pendragon)

Wolfgang Schweiger (Bild: Marietta Heel)

 

Die Veröffentlichung von „Duell am Chiemsee“, der sechste Fall der am Chiemsee ermittelnden Kommissare Andreas Gruber und Ulrike Bischoff, war für die Kriminalakte die Gelegenheit, Wolfgang Schweiger, den Autor der Chiemgau-Krimis, in eines unserer Verhörzimmer zu bitten.

Wolfgang Schweiger veröffentlichte zwischen 1984 und 1994 elf Romane, die vor allem im Bereich Noir, Hardboiled und Gangsterkrimi angesiedelt waren, und das Sachbuch „Der Polizeifilm“. 1999 gab es mit „Kein Job für eine Dame“ einen einmaligen Nachschlag. Erst 2008 veröffentlichte er mit „Der höchste Preis“ einen weiteren Roman. Seitdem erschienen fünf weitere Kriminalromane. Immer mit den Kommissaren Gruber und Bischoff.

In seinem neuesten Kriminalroman „Duell am Chiemsee“ wird der Ex-Kriminelle und Schauspieler Frank Janek von einem alten Komplizen und Freund erpresst, einen Drogenhändler zu überfallen. Eine einfache Sache, die mit mehreren Toten endet. Gruber und Bischoff beginnen mit den Ermittlungen – und Janek wird unweigerlich immer tiefer in den kriminellen Sog, dem er anscheinend schon vor Jahren entkommen war, gezogen.

Duell am Chiemsee“ ist ein spannender Gangsterkrimi unter der Tarnkappe eines Regiokrimis mit den ermittelnden Polizisten als Zaungäste in einem blutigen und leichengesättigten Drama.

Was war die Ausgangsidee für „Duell am Chiemsee“?

Schon Schiller schrieb, in jedem von uns stecke ein Borgia. Das wollte ich auf die Hauptfigur übertragen, einen solide gewordenen Ex-Gangster, der von seiner Vergangenheit eingeholt wird. Die Herausforderung dabei war für mich, diesen Mann als halbwegs positive Figur zu erhalten, obwohl er bedenkenlos tötet, wenn er es für nötig hält.

Wie sähe Ihre Wunschbesetzung für eine Verfilmung des Romans aus, wenn Sie vollkommen freie Hand hätten und auch Tote mitspielen dürften?

– Ray Winstone (Gruber),

– Julia Koschitz (Bischoff)

– Josh Brolin (Janek)

– Thomas Kretschmann (Bosch)

– Christoph Waltz (Friesinger)

Ihre frühen Romane waren alle Einzelromane. Mit den Gruber-Bischoff-Polizeiromanen schreiben Sie inzwischen eine Serie, die auch noch in einer erkennbaren Ferienregion spielt. Wo sehen Sie die Unterschiede einer Serie gegenüber Einzelromanen und wie vermeiden Sie die Fallen des Regiokrimis?

Eine (Polizei)Serie engt zunächst ein, weil vorhersehbar ist, dass die Ermittler sich zu helfen wissen und am Ende die Gewinner sind.

Andererseits kann ich die Figuren der Ermittler im Verlauf der Serie weiter entwickeln und dem Leser so vertraut machen, dass er sie wie gute Bekannte empfindet, die er im besten Fall einmal im Jahr trifft.

Bei Einzelromanen muss man stets auf neue um die Aufmerksamkeit der Leser kämpfen.

Für meinen Geschmack wird im Regiokrimi häufig zu viel Wert auf Lokalkolorit gelegt zu Lasten der Handlung. Vor allem, wenn die Krimis in (Ober)Bayern spielen und Gaudi und Klischees die Oberhand gewinnen. Auch den Gebrauch von Dialekt in diesen Krimis kann ich nichts abgewinnen. Das ist mühsam für den Leser und bringt atmosphärisch gar nichts.

Sie haben früher auch Drehbücher für „Der Fahnder“ und „Soko 5113“ geschrieben. Wie unterscheidet sich für Sie die Arbeit an einem Drehbuch von der Arbeit an einem Roman?

Rein technisch gesehen ist die Arbeit an einem Drehbuch um Vieles einfacher, da alles über den Dialog und die Handlung läuft, komplizierte Beschreibungen aller Art (Sonnenuntergänge, die Gedankenwelt eines Serienkillers etc) entfallen.

Andererseits muss man, schreibt man z. B. für eine Krimiserie, alle möglichen Vorgaben beachten („unsere Hauptfigur macht so etwas nicht!“) und ständig darauf achten, ob diese oder jene Szene auch finanzierbar (und aus Sicht der TV-Sender moralisch vertretbar) ist.

Bei einem Roman hingegen habe ich alle Freiheiten, kann meine Geschichte überall und zu jeder Zeit spielen lassen. Am Ende ist nicht irgendein Produzent, Redakteur oder Regisseur die letzte Instanz, sondern ich selbst (in Absprache mit dem Verleger).

Wie sieht Ihr Schreibprozess aus?

Der Schreib- oder besser gesagt Herstellungsprozess bei meinen jährlichen Gruber/Bischoff Krimis sieht so aus, dass ich bald nach Erscheinen des letzten Buches anfange, auf ausgedehnten Spaziergängen nach einer neuen Grundidee zu suchen. Ist die gefunden, skizziere ich auf ein paar Seiten das vorläufige Handlungsgerüst und die wichtigsten Figuren, gefolgt von einer Kapiteleinteilung.

Für mich ist ganz wichtig, dabei, dass ich das Ende der Geschichte kenne. Erst dann fange ich an zu schreiben, meist vormittags zwischen acht und zwölf.

Ist nach sechs bis acht Wochen eine erste durchgeschriebene Fassung fertig, geht sie an den Verlag, damit der Verleger weiß, was auf ihn zukommt und er seine Anmerkungen und Änderungsvorschläge dazu machen kann. Und da Schreiben Überarbeiten heißt, dauert es dann bis zur 4. oder 5. Fassung, bis ich zufrieden bin.

Die Recherche gestaltet sich manchmal recht skurril: Als ich für meinen zweiten Gruber/Bischoff-Roman einen Blick in die JVA Traunstein werfen wollte, wurde mir dies aus Datenschutzgründen verweigert und der zuständige Herr meinte allen Ernstes, ich solle es doch wie der Karl May halten, der die Schauplätze seiner Geschichten ja auch nicht gekannt habe.

Welche fünf Bücher empfehlen Sie für den Sommerurlaub?

– David Weddle „If They Move … Kill ’Em!“

Die beste Sam Peckinpah-Biografie und zugleich das interessanteste Filmbuch, das ich kenne.

– Philipp Blom „Böse Philosophen“

Aufklärung tut not.

– Stephen Hunter „Pale Horse Coming“

Pulp Fiction vom Feinsten. Hunter auf dem Höhepunkt. Leider hat er in den vergangenen Jahren furchtbar nachgelassen.

– Jörg Fauser „Rohstoff“

Ein Klassiker, immer wieder lesenswert.

– Robert Hültner „Tödliches Bayern“

Authentische Kriminalfälle aus Bayern und der Stoff, aus dem Regiokrimis geschnitzt sein sollten.

Schweiger - Duell am Chiemsee - 2

Wolfgang Schweiger: Duell am Chiemsee

Pendragon, 2014

264 Seiten

10,99 Euro

Hinweise

Homepage von Wolfgang Schweiger

Lexikon der deutschen Krimi-Autoren über Wolfgang Schweiger

Rosenheimer Nachrichten: Interview mit Wolfgang Schweiger (26. November 2006)

Meine Besprechung von Wolfgang Schweigers „Der höchste Preis” (2008)

Meine Besprechung von Wolfgang Schweigers „Tödlicher Grenzverkehr“ (2010)

Meine Besprechung von Wolfgang Schweigers „Duell am Chiemsee“ (2014)


Im Verhörzimmer: Peter Schmidt mit „Einsteins Gehirn“

August 31, 2012

In seinem neuesten Roman „Einsteins Gehirn“ schickt Peter Schmidt ein vierzehnjähriges Genie um die halbe Welt. Denn Albert Pottkämper glaubt nicht, dass sein Vater, ein durchschnittlich begabter Schwindler, sein Erzeuger ist. Eher schon Albert Einstein und die im heimischen Keller stehende, aus Princeton geklaute Stickstoffflasche, über die sein Vater nicht reden will, erhärtet seinen Verdacht. Dort unterrichtete und starb Albert Einstein. Also benutzt Albert Pottkämper das Verschwinden seiner Schwester für eine kleine Flucht, auf der er dem Präsidenten der USA, dem Papst und dem Dalai Lama zu persönlichen Gesprächen trifft, in den Armen einer Schauspielerin seine Unschuld verliert und irgendwie herausfindet, wer sein Vater ist.

In den vergangenen dreißig Jahren schrieb Peter Schmidt neben Komödien und Science-Fiction-Geschichten vor allem Polit-Thriller, die internationales Niveau erreichten, und für die er dreimal den Deutschen Krimipreis erhielt. Jochen Schmidt nennt Peter Schmidts Debütroman „Mehnerts Fall“ (1981) „das wichtigste Debüt im deutschen Krimi seit dem Erscheinen von Richard Heys Erstling 1973“ (Jochen Schmidt: Gangster, Opfer, Detektive, 1989/2009 [Tipp: Erstausgabe antiquarisch suchen]). Rudi Kost und Thomas Klingenmaier sagten in ihrem 1995 erschienenem Autoren-ABC „Steckbriefe“ (antiquarische Suche lohnt sich): „Peter Schmidt hat hierzulande den Polit-Thriller salonfähig gemacht und ohne sonderliche Mühe einen Standard erreicht, der internationalen Vergleichen standhalten kann.“

Seine Geschichten aus der Welt der Geheimdienste sollte man sich heute, mit dem NSU-Desaster der Sicherheitsbehörden im Hinterkopf, noch einmal durchlesen. Inzwischen hat er über dreißig Romane veröffentlicht und „Einsteins Gehirn“ zeigt keine Spur von Altersmilde. Aber das kann auch an dem jungen Erzähler liegen, der keinen Respekt vor den Obrigkeiten hat.

Jedenfalls war die Veröffentlichung von „Einsteins Gehirn“ für die Kriminalakte die Gelgenheit, dem Autor einige Fragen zu stellen:

 

Was war die Initialzündung für „Einsteins Gehirn“?

 

Ich habe mich fast totgelacht, als ich den Grundeinfall hatte. Und dann weiter jeden Tag während des Schreibens – gelacht über meine verrückten jungen Oberklugscheißer Albert …

Als das Buch fertig war, stand ich morgens auf und ging barfuss und im Schlafanzug ins Arbeitszimmer, um etwas im Manuskript nachzusehen. Und der Bursche hat es geschafft, dass ich noch mal 45 Seiten vom Anfang meines eigenen Romans las – und lachte …

Das ist tatsächlich passiert. Aber Vorsicht. Alberts kommt erst mal harmlos und witzig daher, doch vielleicht wird man damit ja in eine Falle gelockt? Wenn man das Ganze mit seinen verschiedenen Ebenen überblickt, ist es ein äußerst durchtriebenes, ja geradezu hinterhältiges Buch.

 

Einige Ihrer Romane sind Ich-Erzählungen. Andere nicht. Wie wählen Sie die Erzählperspektive aus? Und haben Sie eine Lieblingsperspektive?

 

Die Perspektive entwickelt sich aus dem Bauchgefühl heraus, was für den Stoff am effektivsten erscheint. Bei Einsteins Gehirn musste ich unbedingt in die Ich-Erzähler-Rolle des kleinen Besserwissers schlüpfen – der dann ja eigentlich in vielen Bereichen ein exzellenter Fachmann ist – was man natürlich eher mitbekommt, wenn man selber einer ist …

 

Obwohl Sie als Polit-Thriller-Autor bekannt sind, haben Sie immer auch in anderen Genres Geschichten erzählt. Wonach entscheiden Sie, welches Genre Sie bedienen?

 

Zunächst einmal ist es mein Bedürfnis nach Abwechslung. Wobei der Polit- und Spionagethriller wegen seiner vielen gesellschaftlichen Facetten und Möglichkeiten durchaus eine Sonderstellung einnimmt. Aber ich fände es langweilig, immer nur in einem „Stil“ zu malen. Oder mein Leben mit dem immer selben Detektiv zu verbringen. Wie eine meiner Freundinnen sagte, bevor sie mich verließ: „Du bist nur ein Lebensabschnittsgefährte“. Krimi-Schemata nach dem Motto: „Hier liegt die Leiche und nun kommt der Kommissar, Detektiv oder einer seiner anderen modernen Protagonisten, z. B. Gerichtsreporter, und findet den Täter“, scheinen mir meist zu abgegriffen.

 

Was halten Sie von den Genreregeln?

 

In Einsteins Gehirn gibt es ein – oder mehrere? – Verbrechen. Auch drei Leichen … aber womöglich gibt es am Ende gar keinen Mörder? Statt dessen „nur“ Schuldige? Und es gibt Gauner und Betrüger. Aber keinen Ermittler im klassischen Sinne. Albert will zwar die wahren Hintergründe des Gaunerstücks ergründen, dem er sein Leben verdankt. Doch dann passiert ihm die Aufklärung sozusagen wie nebenher auf seinem Roadtrip um die Welt. Nehmen wir nur den Zufall, dass er in einem New Yorker Hotel Zeuge eines Selbstmordversuchs wird, ohne den er später bei seinen Recherchen nicht weitergekommen wäre. Wir haben es also mit einem Krimi anderer Art zu tun. Mal liegt der Fokus auf der Verfolgung der Spuren und Indizien, mal auf anderen Themen. Zum Beispiel auf dem „sexuellen Irrsinn“ des Pubertierenden, der Klimakatastrophe, dem Problem der Willensfreiheit, der Theodizee, auf Schönheit, Glück, Fühlen, Determinismus, Quantenphysik. Oder auf Alberts interessantem Versuch der Moralbegründung. Auf den Ungerechtigkeiten innerhalb demokratischer Gesellschaften und der Möglichkeit neuer Kriege. Und unserer (manchmal) dubiosen Medienkultur mit ihren aufgesetzten Talkshows.

Genau dieses Miteinander von Themen und Kriminalhandlung erscheint mir reizvoller, als der einfache Krimi, weil der oft eingezwängt in einem belletristischen Korsett daherkommt.

 

Wie sind ihre Schreibroutinen?

 

Mit den Jahren hat sich eine Arbeitsweise herausgebildet, die sich vor allem am Vorankommen orientiert: Die „innere Flamme“ muss brennen. Es gibt ein Exposé, einen möglichst weit entwickelten Entwurf, aber kein tägliches Pensum. Überarbeiten? Das Ding ist nie fertig. Rituale? Nein, abgedunkeltes Zimmer, gelegentliche Tasse Tee oder Espresso, sonst nichts.

 

Welche fünf Bücher würden Sie für ein langes Sommerwochenende empfehlen?

 

Außer dem verrückten Albert und „Einsteins Gehirn“? – Ich finde, Albert ist auf so abenteuerliche Weise durchgeknallt und sagt dabei so viel Wichtiges, dass ein langes Wochenende kaum ausreichen würde, um seine Wahrheiten – und Hinterfotzigkeiten – auszuloten …

 

Aber gut, das neue Jahrhundert ist noch jung. Nehmen wir mal ein paar Klassiker des 20. Jahrhunderts:

Der Spion, der aus der Kälte kam“ (John le Carré)

Der Prozess“ (Franz Kafka)

Die Stunde der Komödianten“ (Graham Greene)

Der alte Mann und das Meer“ (Ernest Hemingway)

 

Vielen Dank für die Antworten! Sie dürfen das Verhörzimmer jetzt verlassen.

Peter Schmidt: Einsteins Gehirn

Gmeiner, 2012

320 Seiten

11,90 Euro

Hinweise

Homepage von Peter Schmidt

Lexikon der deutschen Krimi-Autoren über Peter Schmidt

Krimi-Couch über Peter Schmidt

Wikipedia über Peter Schmidt

 


Im Verhörzimmer: Don Winslow über Nikolai Hel und seinen neuen Thriller „Satori“

Juni 13, 2011

Eric van Lustbader hat es getan. Nachdem er bereits ein erfolgreicher Schriftsteller war, wurde er von Robert Ludlums Nachlassverwalter gefragt, ob er einen Jason-Bourne-Roman schreiben wollte. Sein siebter Bourne-Roman ist für nächstes Jahr angekündigt.

John Gardner, damals ebenfalls ein bekannter Autor, wurde von Ian Flemings Erben gefragt, ob er James-Bond-Romane schreiben möchte und er sagte zu. Danach kamen Raymond Benson, Sebastian Faulks und Jeffery Deaver (Ja, genau der Jeffery Deaver).

Jetzt hat auch Don Winslow ein solches Angebot angenommen. In den vergangenen Jahren erschrieb er sich einen glänzenden Ruf als Chronist des Verbrechens in Südkalifornien und, nachdem er in Deutschland einige Jahre nicht verlegt wurde, hat er auch hier eine steigende Zahl treuer Leser. Als er gefragt wurde, ob er einen Roman mit Nikolai Hel als Helden schreiben wollte, konnte er, ein großer Fan von Trevanians Roman „Shibumi“, nicht „Nein“ sagen.

In „Satori“ erzählte Winslow jetzt spannend und sehr kurzweilig die Vorgeschichte zu „Shibumi“ und wir erfahren, wie Nikolai Hel, der mehrere Sprachen spricht, ein ausgezeichneter Kämpfer, Liebhaber und Go-Spieler ist (halt irgendwie ein Ebenbild von Derek Flint), in den frühen fünfziger Jahren seinen ersten Auftrag erledigte.

Die Veröffentlichung des tollen Polit-Thrillers war für die Kriminalakte die Gelegenheit, Don Winslow einige Fragen zu stellen.

Was fasziniert Sie an Nikolai Hel?

Er ist auf vielen Ebenen ein faszinierender Charakter, aber am interessantesten ist für mich die in dem Charakter inne wohnende Kombination (und Konflikt) von westlicher und asiatischer Kultur. Als ein Europäer geboren (sein Vater ist Deutscher, seine Mutter Russin) und aufgezogen in Asien, wird er ständig in beide Richtungen gezogen. Er will wichtige philosophische Ideen von beiden Kulturen bewahren. Zur gleichen Zeit ist er ein Einzelgänger – er ist Teil beider Kulturen, aber er kann nie ganz zu einer gehören.

Wie unterschied sich für Sie das Schreiben über einen bereits bestehenden und bekannten Charakter gegenüber ihren eigenen Charakteren?

Über Nikolai Hel zu schreiben war als ob ich ein Geschenk erhalte – dieser faszinierende Mann mit dem bestehendem interessantem Hintergrund und all seinen Fähigkeiten. Ich las „Shibumi“ als es veröffentlicht wurde. So kannte ich ihn bereits.

Aber hier übernahm ich zum ersten Mal einen Charakter, der von jemand anderem erfunden wurde. Ich fühlte eine große Verantwortung das Original nicht zu verraten, aber gleichzeitig zu versuchen, ein zeitgemäßes Buch zu schreiben.

Die wirkliche Herausforderung war, die Welt durch Nikolais Augen zu sehen – wenn ich das tun konnte, wusste ich, welche Entscheidungen ich zu fällen hatte.

Was waren für Sie die größten Herausforderungen beim Schreiben von „Satori“?

Einige. Die erste war, wie schon gesagt, die Herausforderung einen bestehenden Charaktere aufzunehmen. Dann war da die Aufgabe, den Stil von Trevanian zu respektieren, ohne ihn zu imitieren – also, zu versuchen meine Stimme mit seiner zu vereinigen. Am Ende ging es darum, etwas üppiger und lyrischer zu schreiben als ich es in meinen eigenen Arbeiten tue.

Zum Schluss ging es um die historischen Fragen. „Satori“ spielt 1951/1952 in Japan, China und Vietnam. Also musste ich viel recherchieren und versuchen die Plätze und die Zeit nachzuempfinden.

Zum Glück bin ich ein Geschichts-Geek und ich liebe die Recherche.

Ihre ersten Romane waren die Privatdetektivserie mit Neal Carey. Dann wechselten sie mit „Bobby Z“ zu Einzelwerken (und den beiden Boone-Daniels-Romanen), die im heutigen Südkalifornien spielen. Daher würde ich gerne wissen, was Ihnen an Einzelwerken und Kalifornien so gefällt.

Kalifornien ist für mich unendlich interessant. Es hat eine so große Vielfalt von Landschaften und Kulturen. Es ist so schön und dann ist da die hässliche Schattenseite. Für einen Krimiautor ist das eine Goldmine.

Zu Einzelwerken gegen Serien – ich bin gierig. Ich will beide schreiben. Am Ende ist es eine Frage der Geschichte, die ich erzählen will. Einige Geschichten haben ein festes Ende und es wäre falsch, sie zu einer Serie auszubauen. Andere sind mehr ein Marathon als ein Sprint. Du willst länger laufen; die Strecke langsamer mit diesem Charakter bewältigen.

Wie schreiben Sie ihre Bücher?

Meine Schreibroutinen sind sehr einfach. Je nach Jahreszeit beginne ich zwischen 5.00 und 5.30 Uhr im Morgen, arbeite bis 10.00 Uhr, jogge oder gehe dann 4 bis 6 Meilen – oder mache eine andere sportliche Betätigung. Danach gehe ich bis ungefähr 5.00 Uhr zurück an den Schreibtisch.

Normalerweise mache ich die Recherche für ein Buch, während ich ein anderes schreibe. Aber das ist flexibel und hängt von der Situation ab. Manchmal weißt du nicht, was du nicht weißt, bis du es schreibst. Dann musst du eine Pause machen und die Antwort herausfinden. Zum Beispiel: dein Charakter verlässt sein Hotel und dreht sich nach rechts – Weißt du, was er sieht, riecht, hört? Wenn nicht, musst du es herausfinden, damit du den Leser auf diesen Weg mitnehmen kannst.

Outlines machte ich früher. Heute kaum noch. Denn es kann eine nutzlose Übung sein. Normalerweise sagen oder tun meine Charaktere etwas, das ich nicht geplant hatte und die Geschichte in eine andere – normalerweise bessere Richtung – lenkt. Ich habe eine grobe Idee, in welche Richtung die Geschichte sich bewegt – immer basierend auf den Charakteren – aber ich will überrascht werden.

Ich überarbeite jeden Tag; ich ändere ständig, was ich getan habe. Nachdem ich die Anmerkungen von meinem Herausgeber erhalten habe, schreibe ich vom Anfang bis zum Ende eine neue Fassung.

Als tägliches Schreibziel habe ich keine Seitenzahl oder Anzahl von Worten im Kopf. Mein einziges Ziel ist es, jeden Tag gut zu schreiben. Dieses Ziel erreiche ich nicht immer.

Don Winslow: Satori

(übersetzt von Conny Lösch)

Heyne, 2011

608 Seiten

12,99 Euro

Originalausgabe

Satori

Grand Central Publishing, New York, 2011

Hinweise

Homepage von Don Winslow

Deutsche Homepage von Don Winslow

Meine Besprechung von Don Winslows „Pacific Private“ (The Dawn Patrol, 2008)

Meine Besprechung von Don Winslows „Pacific Paradises“ (The Gentlemen’s Hour, 2009) und „Tage der Toten“ (The Power of the Dog, 2005)

Meine Besprechung von Don Winslows „Bobby Z“ (The Death and Life of Bobby Z, 1997)

Meine Besprechung von Don Winslows „Satori“ (Satori, 2011)

Don Winslow in der Kriminalakte


Was soll der „Heidenlärm“, Herr Hellmann?

Mai 12, 2011

Julian von Thelen ist als Hotelmanager eines Fünf-Sterne-Hotels ein Ass. Für seine Untergebenen ist er ein Aas. Doch dass der vierundreißigjährige Single eines Abends, spärlich bekleidet, an der Türschwelle zu seinem Apartment wie eine gefällte deutsche Eiche umfällt und sich dann stundenlang nicht bewegen kann, gönnt man ihm dann doch nicht. Auch nicht, dass er mit höchst unfeinen Mitteln aus seinem Job gedrängt werden soll.

Von Thelen glaubt, dass der Grund dafür in einem von ihm vor einigen Wochen in einer Nebenstraße beobachtetem Mord liegt. Dummerweise ist er der einzige Zeuge und die Polizei glaubt ihm nicht. Und seitdem er an seiner Türschwelle umfiel benimmt er sich an bestimmten Türschwellen, bei Telefonaten und auf Konferenzen immer seltsamer. Denn der Atheist von Thelen behauptet, die „Stimme Gottes“ zu hören und dass er ihm gehorchen müsse.

Mehr soll hier nicht verraten werden. Denn bei einem glänzend geschriebenem Thriller wie „Heidenlärm“, der sich im besten Sebastian-Fitzek-Tempo liest, steigt der Lesespaß mit dem eigenen Nichtwissen.

Im Verhörzimmer der „Kriminalakte“ beantwortete der „Heidenlärm“-Schreiber Alfred Hellman einige Fragen.

Was war die Ausgangsidee für „Heidenlärm“?

Es gab zwei, beide drehen sich um Betrug und falsche Versprechungen:

1. Medikamentenfälschung – hat mich beschäftigt, weil sie so hinterhältig und verlogen daherkommt, Heilung verspricht, aber Leid bewirkt. Die Umsätze sollen höher sein als beim Rauschgifthandel.

2. Ein Gefühl, das Julian Barnes so beschrieben hat: ‚Ich glaube nicht an Gott, aber ich vermisse ihn’.

Warum hast du dich entschieden, die Geschichte aus der Perspektive des doch ziemlich unsympathischen Hotelmanagers Julian von Thelen zu schreiben?

Weil unsympathische Protagonisten spannender sind als nette Leute. Außerdem bleibt Platz für Läuterung.

Warum hast du hast „Heidenlärm“ aus von Thelens Perspektive geschrieben?

Es war für mich die einzige Möglichkeit. Andere Perspektiven habe ich ausprobiert, von Varianten der 3. Person Singular, bis hin zur auktorialen Position, fand aber, dass ich diese Geschichte am besten ‚von innen’ erzählen kann. Vor allem, weil so die Gratwanderung zwischen Glauben und Zweifel leichter darzustellen war.

Wie wichtig war für dich beim Schreiben, dass die Geschichte in Berlin spielt?

Berlin bildet – erst recht für jemanden wie mich, der aus dem angeblich katholischen Rheinland stammt – eine ziemlich heidnische Kulisse. Das erzeugt einen schönen Kontrast. Grundsätzlich könnte die Geschichte aber auch woanders spielen. Gäbe es Gott, wäre er ja überall – und das Verbrechen sowieso.

Wie sähe deine Wunschbesetzung für eine Verfilmung aus?

Der Hotel-Manager Julian van Thelen, Empfänger himmlischer Botschaften und Ermittler wider Willen: Hugh Laurie.

Der Boulevard-Magazin-Regisseur: Jean Reno oder Udo Kier.

Dessen Gehilfe, der Kameramann und Killer: Javier Bardem.

Der geschäftsführende Medikamentenfälscher: Philip Seymour Hoffman

Die oft errötende, aber charakterstarke Linda Kranz: Charlotte Gainsbourg.

Der Priester: Bruno Ganz.

Schwarzheinrich, der Hüter des Kirchenportals: Bill Nighy.

Bernadette aus Treptow, die als Erste die Tränen der Berliner Madonna sah: Cosma Shiva Hagen.

Der Psychiater Professor Conrads: Christoph Waltz.

Welche fünf Bücher würdest du für den Strandkorb empfehlen?

1. Don Winslow, „Tage der Toten“, Suhrkamp – fast so gut wie „Der Pate“.

2. Colin Cotterill, „Dr. Siri und seine Toten“, Goldmann – der einzige Leichenbeschauer von Laos, geschrieben gegen fast alle Krimi-Regeln.

3. Val McDermid, „Vatermord“, Knaur – ein realistischer und spannender Ausflug in menschliche Abgründe.

4. Åke Edwardson, „Toter Mann“, List – der feinste Krimi-Schreiber aus Schweden.

5. Roger Smith, „Kap der Finsternis“, Heyne – Spannung und Tempo aus Südafrika.

Alfred Hellmann: Heidenlärm

Emons, 2011

240 Seiten

9,90 Euro

Hinweise

Meine Besprechung von Alfred Hellmanns „Vor den Hymnen“

Mein Interview mit Alfred Hellmann über „Vor den Hymnen“


Im Verhörzimmer: Friedrich Ani und die Sache mit dem „Süden“

April 12, 2011

Die Rückkehr von Tabor Süden in sein geliebtes München in dem grandiosen Roman „Süden“ verschaffte mir einen guten Vorwand für ein Gespräch mit Krimiautor Friedrich Ani. Das fast „Tatort“-lange Gespräch fand vor einer Woche ohne Zeugen in einem Nebenzimmer des Hotel Savoy in der Nähe des legendären Bahnhof Zoo statt.

 

Süden“

 

Am Ende von „Süden und der Mann im langen schwarzen Mantel“ quittierte Tabor Süden („Ich arbeite auf der Vermisstenstelle der Kripo und kann meinen eigenen Vater nicht finden.“) seinen Dienst bei der Kripo und, bis auf das kurze Gastspiel „Der verschwundene Gast“ 2008 in der „Kaliber.64“-Reihe (wobei Süden in der Geschichte noch Polizist ist), gab es in den vergangenen Jahren kein Lebenszeichen von ihm. Er war verschwunden. In Köln hieß es. Mit „Süden“ kehrt Tabor Süden jetzt nach sechs Jahren wieder in ein verändertes München zurück. Er hat einen Anruf von seinem Vater erhalten. Und weil der Mensch auch etwas zum Beißen braucht (wobei Tabor Süden sich in „Süden“ vor allem flüssig ernährt), nimmt er einen Job in der Detektei von Edith Liebergesell an. Sein erster Auftrag: er soll einen vermissten Wirt finden.

Für Süden-Erfinder Friedrich Ani war Tabor Süden in den vergangenen Jahren allerdings sehr präsent. Es gab die schon erwähnte „Kaliber.64“-Geschichte. Es gab die beiden im April 2009 ausgestrahlten, hochkarätig besetzte, sehenswerte TV-Filme „Kommissar Süden und das Geheimnis der Königin“ (Regie: Martin Enlen) und „Kommissar Süden und der Luftgitarrist“ (Regie: Dominik Graf), für die Ani die Drehbücher schrieb und auch einen Grimme-Preis erhielt. Ursprünglich war eine Tabor-Süden-TV-Serie mit Ulrich Noethen als Tabor Süden geplant, aber irgendein ZDF-interner Kuddelmuddell (auch Ani weiß immer noch nicht, was genau zur Einstellung nach nur zwei Filmen führte, aber er ist darüber immer noch verärgert) beendete die Serie, bevor sie ihr Publikum finden konnte. Wiederholungen gab es bislang keine und auch auf DVD wurden die beiden „Kommissar Süden“-Filme nicht veröffentlicht. Und dabei waren die Quoten gar nicht so schlecht.

Damals bekam Ani wieder Lust auf Tabor Süden.

Für den dritten, 2009 erschienenen Polonius-Fischer-Roman „Totsein verjährt nicht“ hatte er ursprünglich ein Treffen von Fischer und Süden geplant. Der Verlag war von der Idee nicht begeistert und so musste Fischer das verschwundene Mädchen suchen.

Und dann schrieb Ani den neuen Süden-Roman und gleichzeitig drei halbstündige Hörspiele für den SWR, die im Juni und Juli gesendet werden. In diesen kurzen Vermisstengeschichten ist Tabor Süden ein Privatdetektiv. Das ist nur der Beginn einer Süden-Offensive.

Im November gibt es als Taschenbuch die Weihnachtsgeschichte „Süden und die Schlüsselkinder“. Der Knaur-Verlag plant parallel dazu eine Wiederveröffentlichung der ersten drei Süden-Bücher mit einem neuen Cover. Im Frühjahr 2012 wird es einen zweiten, kürzeren Süden-Roman geben und die zweite, wieder aus drei Süden-Büchern bestehende Lieferung und im Herbst 2012 die letzten vier Süden-Romane des zehnbändigen Zykluses; parallel zur Taschenbuch-Ausgabe von „Süden“. Im Frühjahr 2013 gibt es einen weiteren Süden-Roman als Hardcover, für den es auch schon erste Ideen gebe. Denn Ani will ihn weiter als Detektiv ermitteln lassen und dann auch mehr von der Detektei erzählen.

Dieser Wechsel von der Polizei in eine Detektei war von Ani gewollt. Dennoch stellt sich die Frage, ob Ani mit dem Wechsel seine Charakters von einem an Recht und Gesetz gebundenen Polizisten zu einem Privatdetektiv, der über keine besondere Rechte verfügt, aber auch nicht mehr gezwungen ist, einen Verbrecher zu verhaften, eine Verschiebung in seinem erzählerischem Kosmos plant.

Es war schon eine extrem bewusste Entscheidung, jetzt mal jemand zu haben, der nicht eine Polizeibelobigungsfunktion hat. Ich wollte, dass er seine Arbeit weitermachen kann. Das Suchen von vermissten Personen geht auch in einer Detektei sehr gut. Das ist relativ realistisch und passt auch gut zum Süden. So ein Freelancer, der Geld verdienen muss, und seine Arbeit machen kann. Der Süden ist in dem Sinn ja kein Anarcho. Er ist vielleicht ein bisschen viel im Gasthaus oder er trinkt gelegentlich Bier, aber er ist von seiner Haltung kein anarchistischer Mensch. Er ist ein gewissenhafter Mensch. Er ist gern unter Leuten. Er ist gern dabei. Deshalb braucht er einen Beruf, wo er nicht versandelt. Die Gefahr bei Tabor Süden ist, dass er vereinsamt, wenn er nichts zu tun hat. Das spürt er. Deshalb braucht er einen Job – und den hat er jetzt. Ich bin schon froh, dass ich den Polizeiapparat jetzt nicht mehr beschreiben muss. Das fand ich auch immer ein bisschen einengend.

Manchmal bin ich da etwas mürrisch. Weil ich finde, wir schreiben genug Polizeibelobigungskrimis und irgendwann ist auch mal gut“, sagt Ani.

Von Anfang an war „Süden“ als längeres Werk geplant. Die Romane „Die Erfindung des Abschieds“, „German Angst“ und „Verzeihen“ mit Tabor Süden waren zwar auch länger, aber am bekanntesten ist die aus zehn Bänden bestehende, zwischen 2001 und 2005 erschienene Süden-Serie, deren Titel mit „Süden und…“ beginnen. Diese Bücher hatten immer zweihundert Seiten. „Süden“ ist ungefähr doppelt so lang. Dafür erzählt Ani auch drei Geschichten: die lange Geschichte vom verschwundenen Wirt, die private Geschichte von Südens Suche nach seinem Vater und eine kurze Geschichte von einer verschwundenen Mutter. Diese Struktur habe er von den TV-Filmen übernommen. Trotzdem sieht er seinen Stil als konträr zur TV-Dramaturgie an.

Der Roman ist meine Art zu schreiben“, betont er. Dort könne er auch Nebenfiguren ihren Raum geben und er müsse sich nicht an feste Vorgaben, wozu inzwischen die streng festgelegte Länge eines TV-Films und, bei einer Reihe wie „Tatort“, die Wünsche der Stammschauspieler gehören, halten.

Denn er nimmt sich lieber Zeit und, auch wenn am Ende von „Süden“ eine Thriller-Spannung aufkommt, ist es in einem gewissen Rahmen egal, ob Süden den Wirt tot oder lebendig findet.

(Kurzer Einschub: ich würde jetzt gerne unsere Diskussion über das Ende einfügen, aber das wäre ein Mega-Spoiler. Deshalb lasse ich es heute bleiben, aber ich will einige Ausschnitte aus dem Interview transkribieren. Dann erfahrt ihr auch Friedrich Anis Meinung zu dem Ende von „Süden“, warum der „Süden“ die viereinhalbte Fassung ist und ihr könnt einiges über die von uns während des Interviews beschrittenen Irrwege lesen. Doch jetzt weiter im Text.)

Das liegt auch daran, dass in „Süden“ die einzelnen Geschichten sich zu einem kunstvollem Ganzen fügen, das von Tabor Süden der wieder einmal im Milieu der kleinen Leute und Wirte ermittelt, zusammengehalten.

Mei, ich find halt; – ich hab halt immer gedacht, man sollte über das schreiben, was man kennt, was man liebt, was einen aufregt, was einem nahe ist. Ich glaub schon, dass ich mich auch in andere Milieus hineindenken könnte oder kann. Aber die kleinen Leute, die Unscheinbaren, sind mir halt die liebsten und einer muss es machen. Es ist halt meine Welt. Das bin halt ich. Und – und ich find, das gibt immer noch einen Menge her. Das erschöpft sich nicht. Der Simenon hat auch hunderte von Büchern über sehr unscheinbare Leute geschrieben. Das geht. Man muss halt nur die Augen aufhalten. Ich versuch das auch oft im Drehbuch. Dass ich Leute habe, die auch ganz normale Berufe haben. Und die Redakteure sind dann immer wieder ganz erstaunt, dass das auch mal wieder vorkommt.

Es gibt auch Leute, die das gar nicht mögen. Die sagen dann, das ist so sozialkritisch.

Aber Sozialkritik interessiert mich nicht. Ist eigentlich auch Quatsch.“

Für mich ist das Buch zeitlos. Es gibt keine plakative Hartz-IV-Kritik und Handys und Computer kommen eigentlich nicht vor“, werfe ich ein. So besitzt Tabor Süden erst am Ende des Romans ein Handy.

Ja, vieles ist vielleicht doch spürbar, wenn man es will.

Aber mir gefällt das eigentlich. Ich mag das, dass die alle etwas wie aus der Zeit gefallen sind. Das war auch in den zwei Verfilmungen so. Vor allem im „Luftgitarristen“ vom Dominik Graf. Dass man das Gefühl hat, die sind alle etwas neben der Gegenwart. Das ist mir da so bewusst geworden.

Das ist eine schöne Vorstellung. – Dabei bleib ich.“

Und diese Vorstellung hat Friedrich Ani in „Süden“ kongenial umgesetzt. Denn in „Süden“ ist Tabor Süden ganz bei sich – und Friedrich Ani ist auch ganz bei sich. Ein feines Buch.

Friedrich Ani: Süden

Droemer, 2011

368 Seiten

19,99 Euro

Lesungen

Dienstag, 12. April 2011, 19 Uhr

Café Weiß, Geißstraße 16, Stuttgart (Krimi & Hörbuch Undercover)

Mittwoch, 13. April 2011, 20 Uhr

Der Monarch, Skalitzer Straße 134, Berlin (Krimibuchhandlung Hammett)

Donnerstag, 14. April 2011, 20 Uhr

Goldener Löwe, Kellergewölbe, Am Markt 6, Olpe (Buchhandlung Dreimann)

Freitag, 15. April 2011, 20 Uhr

Die Fabrik, Mittlerer Hasenpfad 5, Frankfurt (Buchhandlung Schutt)

Hinweise

Homepage von Friedrich Ani

Meine Besprechung von Friedrich Anis „Wer lebt, stirbt“ (2007)

Meine Besprechung von Friedrich Anis „Der verschwundene Gast“ (2008)

Meine Besprechung von Friedrich Anis “Totsein verjährt nicht” (2009)

Meine Besprechung von Friedrich Anis “Die Tat” (2010)

Planet-Interview: Interview mit Friedrich Ani (18. Dezember 2008)


Im Verhörzimmer: Jim Nisbet will raus

Juni 9, 2010

Ich habe gegenüber ein nettes Café gesehen. Vor der Tür können wir dann das Interview machen“, schlägt Jim Nisbet in der pompösen Lobby des Westin Grand Hotel in Berlin-Mitte vor. Er besucht derzeit Italien und sein deutscher Verleger Frank Nowatzki lud ihn für eine Lesung nach Berlin ein.

In San Francisco ist es bestimmt wärmer“, wende ich, inzwischen wieder halbwegs an das heute wieder unfreundlich windige Hauptstadtwetter gewöhnt, ein.

Nein, das hier ist das typische Wetter in San Francisco.“ Wegen des Pazifiks sei dort die Temperatur immer ungefähr gleich und sie hätten im Sommer oft wochenlang keinen blauen Himmel. Das typische San-Francisco-Wetter sehe man, so Nisbet, in einer nebligen Szene des Noir „Out of the past“ oder in Hitchcocks „Vertigo“.

Am nahe gelegenen Gendarmenmarkt finden wir einen ruhigen Platz und können uns, nur vom periodisch ertönenden Pressluftbohrern unterbrochen, unterhalten.

Jim Nisbet veröffentlichte zuletzt „Windward Passage“, ein umfangreiches Werk, das auf dem San Francisco Book Fest den Preis als beste Science-Fiction-Buch erhielt.

Für Nisbet ist es kein Science-Fiction, sondern Political Fiction und natürlich auch ein Noir, wobei Nisbet zugibt, dass Noir schwer zu definieren sei. Jim Thompson, David Goodis und William Faulkner waren die ersten Noir-Autoren, die er las.

Bei Faulkner findet er auch schon die Möglichkeit des Mitleids, die ihm auch in seinen Werken wichtig ist. Bei vielen Noirs stört ihn nämlich dieses Fehlen von Menschlichkeit, das zum Leben dazu gehöre und er auch immer wieder erlebt habe. Als er 1967 mit einem Motorrad und ohne Geld durch Deutschland fuhr, war er immer wieder von Deutschen in ihre Häuser eingeladen worden und man habe sich dann irgendwie verständigt. Denn: „Ich konnte kein Deutsch und sie kaum Englisch.“

Außerdem stört ihm beim Standard-Noir, dass dieser keine Entwicklung erlaube. Er versuche dagegen immer ein größeres Bild von den Menschen und der Gesellschaft zu zeichnen. Denn auch die Gesellschaft entwickele sich. Der 1947 geborene Jim Nisbet selbst wuchs in den fünfziger und sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts im Süden auf und er war mit den direkten Nachfahren von Sklaven befreundet. Seine Großmutter sah im Fernsehen die Mondladung und jetzt ist Barack Obama Präsident. „Es ist unglaublich, dass ein Schwarzer Präsident ist“, stellt er fest. Noch vor vierzig Jahren war das undenkbar.

Gleichzeitig hat ein Noir auch immer eine dezidierte Haltung zur Gesellschaft. „Ein Kennzeichen eines Noir ist der Ärger, die Ungeduld und die Frustration über die Gesellschaft. Das ist schwer vorzutäuschen“, meint Nisbet. Bei einer Detektivgeschichte könne dagegen mehr geschwindelt werden. Denn dort geht es nur um das Rätsel und die verschiedenen Spuren zur Lösung. Die Autoren seien vielleicht kommerziell erfolgreich, aber nach ihrem Tod verschwänden sie aus den Buchläden.

Nisbets Karriere begann vielversprechend. Seine ersten Noirs veröffentlichte er in der renommierten Black-Lizard-Reihe, die inzwischen zu Random House gehört. Damals, in den den Achtzigern war Barry Gifford (der auch „Wild at Heart“ schrieb) der Herausgeber. Gifford leitete auch die Wiederentdeckung des inzwischen kultisch verehrten Jim Thompson ein. Als Thompson 1977 starb, war keines seiner Bücher mehr erhältlich.

Seitdem waren immer wieder Verlagsleute an Nisbet herangetreten und hatten ihm versprochen, ihn zu einem Bestseller-Autor zu machen. Nisbet hörte sich diese Versprechen immer wieder kopfschüttelnd an. Denn: „Meine Bücher sind nicht für alle. Sie werden keine Bestseller, weil sie der Welt einen Spiegel vorhalten. Das wollen die meisten nicht hören. Sie wollen normal weiterleben und müssen Geld verdienen.“

Nisbet konnte sich, auch weil er es nicht wollte, nie nur vom Schreiben ernähren. Er schrieb einfach immer das, was er wollte und, manchmal mit längeren Unterbrechungen, veröffentlichte er zwischen 1981 und heute elf Romane, die von der Kritik gelobt wurden und Preise erhielten. Zu seinen Fans gehören heute auch Größen wie James Ellroy und Michael Connelly. Aber: „Es ist seltsam. Je mehr ich eines meiner Bücher mag, desto weniger mögen es die anderen.“

Seine letzten Romane veröffentlichte Jim Nisbet in dem kleinen, aber feinen Verlag von Dennis McMillan. McMillans Bücher sind bei Sammlern begehrt und er kann, wenn er seine Bücher ausliefert, von den Buchhändlern verlangen, dass sie ihm eine bestimmte Menge ohne die Möglichkeit einer Rückgabe abnehmen. „Das habe ich bei keinem anderen Verleger gesehen“, erzählt Nisbet. „Außerdem hat Dennis überall Freunde. Als ich mit ihm durch die USA fuhr, konnten wir morgens um fünf Uhr an eine Tür klopfen, die Bewohner freuten sich, dass Dennis da war und wir erhielten ein feines Frühstück.“

Als dann der größere Verlag Overlook Press ihn nach seinem Backkatalog fragte, sagte er nicht nein. Vor wenigen Monaten brachte Overlook seinen neuesten Roman „Windward Passage“ und seinen bereits vor über zwanzig Jahren erstmals erschienenen zweiten Roman „Lethal Injection“ (Tödliche Injektion) heraus.

Ich bin erstaunt, dass Menschen das Buch heute noch lesen wollen“, meint er. Doch das ist vielleicht nicht so erstaunlich. Denn obwohl „Tödliche Injektion“ in den frühen Achtzigern spielt, ist es nicht veraltet. Es geht um zeitlose Themen. Sein Held ist ein alkoholsüchtiger Arzt, der sein Leben hasst und in einer kaputten Ehe feststeckt (Geht es uns nicht allen so?) und der jetzt die Chance auf eine Flucht aus diesem Leben ergreift (Wollen wir das nicht alle?). Es ist eine Anklage gegen die Todesstrafe, die heute in den USA wesentlich umstrittener ist als damals – und es geht um eine Gesellschaft, die zunehmend auseinanderfällt und auch der Mittelstand um sein Überleben kämpfen muss. Diese Verlustängste sind inzwischen, wie der sonntägliche „Tatort“ wöchentlich zeigt, auch bei den Betroffenen angekommen.

In seinem 2006 erschienen Noir „Dunkler Gefährte“ ist sein Held wieder ein Mann aus dem Mittelstand, der nichts falsch machte und trotzdem alles verliert. Das beginnt schon mit dem Verlust seines Jobs, aus dem er wegrationalisiert wird, weil die Qualitätskontrolle ein überflüssiger Kostenfaktor ist.

Das Buch schrieb sich wie von selbst. Ich hatte da nur den Anfang, in dem Banerjhee Rolf die Blumen wässert und sich mit seinem zwielichtigen Nachbarn Toby Pride unterhält. Der Rest ergab sich einfach.“

Nisbet plant den Plot normalerweise nicht vor. Am Anfang hat er eine Idee, einen Dialog, eine Szene oder einen Charakter, der ihn genug fasziniert, um mit dem Schreiben zu beginnen.

Denn wenn ich nicht selbst fasziniert bin von der Geschichte, wie soll es jemand anderes sein?“

Der Plot ergebe sich dann, wie das Leben, bei dem auch nicht alles vorhersehbar sei, beim Schreiben.

Wenn Nisbet mit dem Schreiben einer Geschichte beginnt, geht er es wie einen Job an. Er beginnt um neun Uhr morgens und schreibt bis er sein Tagesziel erreicht hat. „Normalerweise zehn Seiten. Das Problem ist, die richtigen zehn Seiten zu schreiben.“

Die Länge ergebe sich anhand der Geschichte. Deshalb hat „Dunkler Gefährte“ 150 und „Windward Passage“ 450 Seiten.

Bislang hat Nisbet nur Einzelwerke geschrieben. Das mache das Verkaufen schwieriger, aber für ihn sei wichtig, das sein neues Buch nicht wie das vorherige sei.

Bei „Death Puppet“, seinem letzten Black-Lizard-Roman, änderte er sogar in letzter Minute das Ende. Es gab damals einen Eigentümerwechsel und der Managing Editor rief ihn an: „Ich kann das Buch herausbringen, wenn du es heute korrekturliest.“ Nisbet ließ alles stehen und liegen und fuhr zum Verlag nach Berkeley, las das bereits fertig gesetzte Manuskript durch und schrieb das Ende neu.

Nisbet schrieb in den vergangenen Jahrzehnten neben den Romanen auch Gedichte und Theaterstücke. „Für mich ist das alles Literatur. Es sind verschiedene Methoden, wie bei einem Roman, wenn ich von der ersten in die dritte Person wechsele.“

Die Theaterstücke waren Einakter und der Einakter „Notes from the Earth“ ist ein immer wieder aufgeführter Monolog über den letzten Mann auf der Welt, der zu dem Geist seiner verstorbenen Freundin spricht. Nisbet inszenierte die Premiere und ein Schauspieler, der das Stück damals sah, präsentiert es noch heute, wenn er weiß, dass er nicht genommen wird, bei Vorsprechterminen. Er würde dann den Monolog so lange vortragen, bis die Regisseure sagten, es sei genug. Nisbet meint lachend: „Für mich hört sich das wie meine gesamte Karriere an.“

Als ich so langsam richtig durchgefroren bin, entdeckt uns sein deutscher Verleger Frank Nowatzki. Er will demnächst bei Pulp Master Nisbets Deutschlanddebüt „Tödliche Injektion“ wiederveröffentlichen und danach weitere Nisbet-Bücher veröffentlichen.

Für Jim Nisbet ist „Pulp Master“-Macher Frank Nowatzki ein Geistesverwandter von Dennis McMillan: „Es sind diese kleinen Verleger, die das Geschäft am Laufen erhalten.“

Die bekannten Delikte von Jim Nisbet

The Gourmet, The Damned don’t die (1981)

Tödliche Injektion (Lethal Injection, 1987)

Death Puppet (1989)

Across the Tasman Sea (1997)

Prelude to a Scream (1997)

You Stiffed Me (1998)

The Price of the Ticket (2003)

The Syracuse Codex (2005)

Dunkler Gefährte (Dark Companion, 2006)

The Octopus On My Head (2007)

Windward Passage (2010)

A Moment of Doubt (2010, angekündigt)

Hinweise

Homepage von Jim Nisbet

Jim Nisbet in der Kriminalakte

Die Fotos von Jim Nisbet sind von Frank Nowatzki (Pulp Master). Auf dem dritten Fotos sind, von links nach rechts, Frank Nowatzki, Jim Nisbet und ich am Ende eines langen Tages.


Im Verhörzimmer: D. B. Blettenberg über „Murnaus Vermächtnis“

Mai 19, 2010

Unter den Krimiautoren ist der deutsche D. B. Blettenberg der Globetrotter. Seine inzwischen elf Romane spielen in Afrika, Asien, Südamerika, Florida und Berlin. Für jeden Roman war er, oft als Entwicklungshelfer, länger in den Ländern. Auch in Ghana, dem Schauplatz seines neuesten und umfangreichsten Romans „Murnaus Vermächtnis“, arbeitete er.

Der Krimi (ein verniedlichendes Wort, das Blettenberg nicht mag; er fragt sich auch, ob „Murnaus Vermächtnis“ überhaupt ein Kriminalroman ist) ist, wie Blettenbergs andere Werke, ein kurzweiliges und sehr informatives Vergnügen. Denn er möchte nicht nur unterhalten, sondern auch Wissen vermitteln, ohne dabei eine bestimmte Weltsicht zu predigen. Als 1981 sein erster Roman „Weint nicht um mich in Quito“ erschien, wurde das mit dem gut dotierten Edgar-Wallace-Preis ausgezeichnete Werk von einigen Kritikern als das Ende des Soziokrimis gefeiert. Denn bereits in seinem Debütroman orientierte er sich vor allem an den Größen der angloamerikanischen Polit-Thriller-Riege, wie Eric Ambler und Ross Thomas.

Dieser Einfluss ist auch in seinem neuesten Werk „Murnaus Vermächtnis“ spürbar. Der Erzähler Victor Voss ist als Vierzigjähriger in Ghana gestrandet. Er war bei der Fremdenlegion, schreibt jetzt ein Buch und spielt Fremdenführer. Jetzt bittet Albin Grau ihn, ihn in die Voltaregion zu fahren. Schon auf der Hinfahrt kommt es zu einer Konfrontation mit dem cholerischen William und Grau wird ermordet. Zurück in Accra wird seine mütterliche Freundin Vera, die an einem Buch über Friedrich Wilhelm Murnau arbeitete, ermordet und alles hängt mit dem am 11. März 1931 bei einem Autounfall tödlich verunglückten Regisseur zusammen. Denn unter Filmfanatikern werden für Kopien seiner verschollenen Filme hohe Preise gezahlt. Anscheinend ist einer dieser verschollenen Filme in der Voltaregion.

Voss ist auf den ersten Buchseiten, wie der klassische Ambler-Held, der Spielball in einem Spiel, in das er gegen seinen Willen hineingestoßen wird, das er nicht überblickt und bei dem er froh sein kann, wenn er überlebt. Später wird deutlich, dass Voss viel stärker involviert ist, als er zunächst glaubte und dass er gerade wegen seiner Vergangenheit (Nein, nicht die Zeit bei der Fremdenlegion.) von Albin Grau als Führer engagiert wurde.

Die Ursprünge von „Murnaus Vermächtnis“

Die erste Idee für den Roman hatte Blettenberg, wie er mir Anfang Mai in einem ausführlichen Interview erzählte, allerdings nicht vor sechs Jahren in Ghana, sondern bereits in den frühen Neunzigern in Managua, der Hauptstadt von Nicaragua. Dort las er in der Wochenendbeilage der Berliner Morgenpost, anlässlich einer Arte-Dokumentation, einen Artikel über Friedrich Wilhelm Murnau und seinen letzten Film „Tabu“, den dieser mit Ureinwohnern auf einer Südseeinsel drehte. Das Murnau-Porträt mit dem an einer Schreibmaschine sitzenden Regisseur erinnerte ihn an den mit ihm befreundeten Regisseur Peter Keglevic („Der Bulle und das Mädchen“). Blettenberg arbeitete an den Drehbüchern für die Keglevic-Filme „Vickys Alptraum“ und „Falling Rocks“ mit.

Zufällig sah er kurz darauf in einem regionalen Sender, der sonst nur ein uninteressantes Programm brachte, Keglevics Spielfilm „Der Skipper“ (der für diese Ausstrahlung kein Geld erhielt. Murnau war in Mexiko mit einer illegalen Vorführung eines seiner Filme konfrontiert.). Bei einem Telefongespräch unterhielt er sich mit Keglevic darüber.

Zurück in Deutschland sah er dann die Dokumentation, recherchierte über Murnau und überlegte, ob er, wie Jörg Fauser es mit Marlon Brando getan hatte, über den Stummfilmregisseur eine subjektive Biographie schreiben sollte.

Aus der Idee wurde nichts und der Murnau-Artikel wanderte in Blettenbergs Archivbox.

2003/2004 arbeitete Blettenberg als Landesdirektor für den Deutschen Entwicklungsdienst in Ghana. Im Gegensatz zu seinen früheren Auslandsaufenthalten wollte er zuerst kein in Ghana spielendes Buch schreiben.

Er traf King Ampaw. Ampaw ist in Ghana ein bekannter Regisseur. Zuletzt inszenierte er den auch in deutschen Kinos gelaufenen Spielfilm „No Time to die“. Außerdem hatte Ampaw in Werner Herzogs Bruce-Chatwin-Verfilmung „Cobra Verde“, neben Klaus Kinski, eine Hauptrolle.

Bereits acht Jahre vor „Cobra Verde“ drehte Werner Herzog mit Klaus Kinski „Nosferatu – Phantom der Nacht“, ein fast bildgenaues Remake von Murnaus stilbildendem Horrorfilm „Nosferatu, eine Symphonie des Grauens“, der auf Bram Stokers „Dracula“ basiert.

Die Voltaregion, das ehemalige Deutsch-Togo, in der auch wichtige Teile des Romans „Murnaus Vermächtnis“ spielen, faszinierte Bletteberg in Ghana am meisten. Einerseits wegen der Landschaft, andererseits weil dort noch Juju (eine Form des Voodoo) praktiziert wird.

Er las viel über die Kolonialgeschichte. So erfuhr er von der Segelschule als Teil der deutschen Entwicklungshilfe. Er informierte sich über die Geschichte von Ghana und über Jerry John Rawlings, der von 1981 bis 2001 der Präsident von Ghana war und der „Che Guevara von Westafrika“ (Blettenberg) ist. Er durchstöberte die Antiquariate nach Büchern und Freunde empfahlen ihm Bücher über Rawlings und die Militärdiktatur, die es nur in Ghana gibt und auch dort teilweise nicht mehr erhältlich sind.

Es kam über die Jahre also einiges zusammen und irgendwann packte Blettenberg der Ehrgeiz, eine Geschichte zu erzählen, die die auf den ersten Blick nicht zusammenpassenden Elemente Ghana und Murnau miteinander verbindet. Das gelang ihm mit dem Thema Tabus und Tabubrüche.

Gleichzeitig wollte er sich verschiedener Genres bedienen und ein Schauerelement sollte enthalten sein. Er selbst nennt den Roman auch Tropical Noir oder Tropical Gothic. Die meisten seiner Romane würde er Abenteuer-Politthriller nennen. „Barbachs Bilder“ als sein Non-Maigret sei die große Ausnahme.

Das Schreiben von „Murnaus Vermächtnis“

Bevor er mit dem Roman bekann, schrieb er eine 120-seitigen Murnau-Biographie. „Bis jetzt gibt es – außer einem schmalen Buch von Lotte Eisner aus dem Jahr 1967 – keine Murnau-Biographie.“

Die Passagen über Friedrich Wilhelm Murnau in „Murnaus Vermächtnis“ sind, weil sie auf Tatsachen basieren, in der dritten Person geschrieben. Blettenberg übernahm große Teile seiner Murnau-Biographie in den Roman.

Die Geschichte von Victor Voss ist dagegen in der ersten Person Singular geschrieben. Für die Ich-Perspektive habe gesprochen, dass Voss immer am Ort des Geschehens ist (Ein Problem beim Konstruieren vieler Geschichten ist, dass der Autor dafür sorgen muss, dass der Ich-Erzähler entweder selbst am Ort des Geschehens ist oder ihm jemand anderes die wichtigen Informationen erzählt, ohne dass die Geschichte langweilig wird. Das ist gar nicht so einfach.) und es um Tabuverletzungen geht. Es geht um moralische Grauzonen und das Verdrängen von unangenehmen Erinnerungen.

Das kann nur in der ersten Person erzählt werden. Sonst wirkt es schnell künstlich“, so Blettenberg. Denn sein Erzähler muss sich seiner Vergangenheit stellen. So wird Voss, nachdem er auf den ersten Seiten noch der normale, austauschbare Ich-Erzähler, der, ähnlich einem Detektiv oder Reporter, vor allem durch die Geschichte führen soll, immer mehr zu einem komplexen Charakter, der sich auch mit den Tabus, gegen die er in der Vergangenheit verstieß, und den moralischen Grauzonen, in die er sich so begab, stellen muss.

Eine Folge dieser Entscheidung war, so Blettenberg, dass das Buch, auch wegen der komplexen Geschichte, mindestens zweihundert Seiten dicker werde und er über vierhundert Seiten schreiben werde. Das wusste er von Anfang an. Die erste Fassung hatte dann neunhundert Seiten.

Beim Schreiben versucht Blettenberg einen Kompromiss zwischen Planung und Improvisation zu finden.

Vor dem Schreiben entwirft er einen Plot. Aber es ist nicht alles geplant und er lässt die Charaktere auch ihre eigenen Entscheidungen treffen. Außerdem beschäftigt er sich mit einigen Fragen erst, wenn sie entschieden werden müssen. So informierte er sich erst relativ spät über die Archivierung von Filmen und er war erstaunt, wieviel Platz ein Spielfilm benötigt.

Auch werden einige Charaktere im Lauf des Schreibens zunehmend wichtiger. So war der schweizer Saft- und Marmeladenfabrikant zunächst nur ein Charakter, der in der Abafun Lodge für einen glaubwürdigen Hintergrund sorgte. „Später ist mir aufgefallen, dass er die Lösung für ein Problem, das ich hatte, war“, erzählt Blettenberg.

Ich habe eine gewisse Sicherheit, dass ich gut rauskomme“, fährt er fort. Dennoch kann es sein, dass er, wenn er gute Ideen hat, die zweite Hälfte komplett neu aufbaut.

Während des Schreibens verwirft er selbstverständlich einige Ideen, wie einen Tauchgang von Voss. Andere Szenen streicht er, nachdem er das Manuskript abgeschlossen hat. So hatte er in einer früheren Fassung die komplette 30-seitige Synopse von Murnaus verschollenem „Four Devils“ aufgenommen.

Einige seiner Testleser hielten diese Passage für zu lang. „Andere sagten, ich solle keine Zeile des 900-seitigen Manuskripts streichen.“ Aber weil er einen Roman und keine filmhistorische Abhandlung schreiben wollte, kürzte er die Inhaltsangabe von „Four Devils“ auf wenige Zeilen ein. Auch einige Passagen aus Murnaus Leben und seinem Umfeld, die in seiner Murnau-Biographie standen, sind – falls er sie überhaupt in eine frühere Fassung aufgenommen hatte – vor dem Druck von ihm gestrichen worden.

Am Ende erstellte er, wegen der Länge von „Murnaus Vermächtnis“, den Prolog, den er „Aufblende“ nannte. „Es ist ein Versprechen und Einstimmung auf die Geschichte.“

Die Einteilung in vier Akte, eine Auf- und Abblende machte er nach dem Schreiben. Sie weist noch einmal darauf hin, dass es in dem Buch um Filme, vor allem Stummfilme, die noch in Akte (vulgo Filmspulen), unterteilt waren, geht.

D. B. Blettenbergs Lektüre

Mit meiner traditionellen Abschlussfrage nach fünf Büchern für den nächsten Urlaub stellte ich D. B. Blettenberg dann vor ungeahnte Probleme. In den vergangenen Monaten hatte er vor allem Sachbücher für seinen nächsten Roman gelesen und er wollte mir unbedingt Bücher empfehlen, die ich noch nicht gelesen hatte. Nach längerem Überlegen nannte er:

– Hugh R. Trevor-Roper: Der Eremit von Peking

– Albert Sánchez Pinol: Pandora im Kongo

– Ulf Miehe: Puma

– Hans Herbst: Mendoza

– Charles McCarry: Christophers‘ Ghost

Als wir dann zur Bücherwand gingen, zeigte er mir die Bücher seiner Lieblingsautoren, die ihn teilweise um die halbe Welt begleiteten. Elmore Leonard, Eric Ambler, Carl Hiaasen („Ich kann von ihm allerdings nur ein halbes Buch lesen. Dann wird es mir zu viel.“), James W. Hall, Brian Freemantle, Ted Allbeury, Len Deighton, Charles McCarry, Alan Furst, James Lee Burke, James Ellroy (mit einer persönlichen Widmung), Ed McBain („Ein Meister des Dialogs.“), Natsuo Kirino, Dennis Lehane, Michael Connelly, Tony Hillerman, Maj Sjöwall/Per Wahlöö, etwas Mickey Spillane, zwei Keller-Romane von Lawrence Block („Mehr kenne ich noch nicht von ihm.“), und die Geschenkausgabe von Elmore Leonards „Ten Rules of Writing“.

D. B. Blettenberg: Murnaus Vermächtnis

Dumont, 2010

576 Seiten

19,95 Euro

Hinweise

Homepage von D. B. Blettenberg

Meine Besprechung von D. B. Blettenbergs „Land der guten Hoffnung“

Meine Besprechung von D. B. Blettenbergs „Murnaus Vermächtnis“

Wikipedia über D. B. Blettenberg

Lexikon der deutschen Krimiautoren über D. B. Blettenberg

Krimi-Couch über D. B. Blettenberg


Ein Gespräch mit „Submarino“-Autor Jonas T. Bengtsson

Februar 24, 2010

Noch bevor ich meine erste Frage stellen kann, erzählt Jonas T. Bengtsson mir in der Lobby des Grand Hotel Esplanade von der vor wenigen Stunden erfolgten Premiere von „Submarino“ auf der Berlinale im Wettbewerb.

Der Roman „Submarino“

In dem Noir „Submarino“ erzählt Bengtsson von zwei jungen Männern, die nach ihrer Adoption zu Brüdern erklärt wurden. Ihre Jugend verbrachten sie in Pflegeheimen und -familien. Jetzt ist der eine ein Junkie, der versucht seinem Sohn ein normales Leben zu geben. Dafür wird er zum Drogenhändler. Der andere verbringt seine Zeit, nach einer Haftstrafe, in einem Fitness-Studio, übernimmt Prügeljobs und begeht kleinere Verbrechen. Eines Tages fällt ihm ein Obdachloser auf, den er von früher als den Bruder seiner großen Liebe kennt. Er will ihm helfen.

Als Bengtsson mit dem Schreiben von „Submarino“ begann, wusste er nicht, wie die Geschichte endet. Er begann mit einigen Charakteren und Themen.

Doch schon schnell entwarf er die Struktur des Romans und damit auch das Ende. In der ersten Hälfte „Ivan“ steht Nick und sein Versuch dem Obdachlosen Ivan zu helfen, im Mittelpunkt. In der zweiten, längeren Hälfte, „Martin“, erzählt er die Geschichte von Nicks Bruder und seinem Sohn Martin.

Ich wollte zwei nur lose miteinander verknüpfte Geschichten erzählen. Sie sollten sich aber beeinflussen“, erklärt Bengtsson. „Sie sind verbunden durch das schlimme Ereignis in ihrer Kindheit und die Themen Vaterschaft und Liebe. Ich erzähle eine griechische Trägodie im heutigen Kopenhagen.“

Für beide Brüder ist die Vergangenheit sehr lebendig und sie unterbricht immer wieder den Fluss der Erzählung, ohne dass „Submarino“ zu einem sich aus bedeutungslosen Splittern zusammensetzendem Werk wird. In ihrem Leben gibt es zwischen der Gegenwart und den Traumata der Vergangenheit keinen Bruch. Das liegt weniger daran, dass für sie die Vergangenheit noch lebendig ist, sondern mehr daran, dass sie kein Ziel habe. Ihr Leben ist statisch.

Sie haben vielleicht, wie Nick, viele Bekannte, aber keine Freunde. Bengtsson erzählt von Menschen, denen wir täglich in der Großstadt auf der Straße oder in der U-Bahn begegnen, die aber nicht am normalen gesellschaftlichen Leben teilnehmen wollen: „Es sind Menschen, die am Rand unseres Bewusstseins leben.“

Insofern könne „Submarino“, so Bengtsson, auch in einer anderen nordeuropäischen Großstadt spielen. Aber in Marokko würde die Geschichte der beiden Brüder nicht funktionieren, weil sie dann mit vollkommen anderen Problemen zu kämpfen hätten. Dort müssten sie um ihr überleben kämpfen, aber in Kopenhagen (wo „Submarino“ spielt) gäbe es ein soziales Netz mit Übergangswohnheimen und Familienbetreuern. Die beiden Brüder haben ihr Leben als Verbrecher und Süchtige selbst gewählt. Aber sie versuchen, aus dem Leben auszubrechen. Denn, so Bengtsson: „Niemand ist eine Insel.“

Allerdings haben sie in ihrer hoffnungslos verkorksten Erziehung kein Instrumentarium zum Bewältigen von Problemen erlernt. Daher enden all ihre Bemühungen unglücklich.

Sie versuchen das Beste zu tun. Aber es führt sie, auf verschiedenen Wegen, ins Gefängnis. Dabei haben sie durchaus edle Motive. Der eine will einem Freund helfen, der als Penner auf der Straße lebt. Der andere will seinem Sohn ein besseres Leben ermöglichen. Dafür wird der Junkie zum Drogenhändler.

In „Submarino“ zeichnet Bengtsson einen Zirkel von Gewalt und Hoffnungslosigkeit, der durch den Titel und die Erklärung des Titels noch verstärkt wird. „Submarino“ (U-Boot) ist eine in Chile während der Pinochet-Diktatur angewandte Foltermethode, bei der der Kopf einer Person bis zur Erstickungsgrenze unter Wasser gedrückt wird. In den vergangenen Jahren erlangte das sehr ähnliche „Waterboarding“ wieder traurige Berühmtheit.

Weil die Geschichten der Brüder schlecht ausgehen, zeigt Bengtsson in „Submarino“ einen fast schon deterministischen, sich von Generation zu Generation fortpflanzenden Zyklus von Gewalt und Hoffnungslosigkeit. Diese fatalistische Lesart gefällt Bengtsson nicht.

Denn, so Bengtsson: „Ich wollte nicht generalisieren. Der Roman ist keine Aussage über die Welt. Ich war an den beiden Brüdern und ihrem individuellem Kampf interessiert. Denn in ‚Submarino‘ gibt niemand auf.“

Sie sind am Anfang isoliert und versuchen wieder ein Teil der Gesellschaft zu werden. So will Nick das Richtige tun, aber das Ergebnis ist fatal und sogar die von ihm gewünschte Buße wird ihm vom Staat verwehrt.

Ich wollte, dass es etwas anonym und zeitlos ist“ erklärt Bengtsson die auf den ersten Blick vorhandene Austauschbarkeit der Orte. Denn Straßen, Fitnessstudios und MacDonalds gibt es in jeder größeren Stadt. „Dennoch sind die Orte für mich und meine Freunde gut erkennbar.“

Das Schreiben als alleinerziehender Vater

Am liebsten würde er nachts schreiben. Aber mit einem vierjährigem Sohn gehe das nicht, erklärt der alleinerziehende Vater. Nachdem er seinen Sohn ins Bett gebracht habe, müsse erst einmal ein, zwei Stunden ausspannen und wenn er danach mit dem Schreiben begönne, wäre er am nächsten Tag zu müde.

Deshalb schreibt er seinen dritten Roman vor allem tagsüber. Er ist strukturell an ein Märchen (vor allem aus dem slavischen und deutschen Sprachraum) angelehnt, wird umfangreicher als „Submarino“ sein und soll in Dänemark gegen Jahresende erscheinen.

Viel Zeit verwende er wieder auf die Struktur. Die Geschichte als eine Abfolge von Plottwists, Wendepunkten, Set-ups und Pay-offs, interessiert ihn weniger. Das wirke auf ihn beim Lesen von Romanen oft zu mechanisch und zu sophisticated. Er versuche dagegen möglichst natürlich zu erzählen.

Für Bengtsson ist ein Kind der beste reality check den es gibt. Im Moment liebt sein Sohn Superhelden und Bengtsson bekennt freimütig: „Ich könnte wahrscheinlich mehr über Superhelden als über meine Bücher reden.“

Und wir unterhalten uns dann einige Minuten über Superman, Spiderman und Batman, der Bengtsson immer besser als die braveren Superhelden gefallen hat. Entsprechend gut gefällt ihm auch Frank Millers Reinterpretation von Batman und – Bengtsson ist ein großer Robert-Downey-jr.-Fan – Iron-Man.

‚Der Pate“ und „25 Stunden‘ waren gute Romanverfilmungen“, sagt Bengtsson. David Benioffs gleichnamiger Roman habe ihm auch gefallen. Dessen zweiter Roman „Stadt der Diebe“ erinnerte ihn dann zu sehr an eine Vorlage für ein Hollywood-Drehbuch. Er ist ein Freund von kürzeren Romanen, gerne unter zweihundert Seiten, und der Kurzgeschichten von Heinrich Böll.

Die Verfilmung von „Submarino“

Thomas Vinterberg war an den Charakteren und den Themen von ‚Submarino‘ interessiert. Ich hatte das starke Gefühl, dass er wirklich an dem Buch interessiert war“, sagt Bengtsson. Vinterberg ist bei uns als Mitbegründer der „Dogma“-Bewegung bekannt. Zusammen mit anderen Filmemachern, wie Lars von Trier, stellten sie Mitte der Neunziger ein Reinheitsgebot für Filme auf, gegen das sie dann mehr oder weniger bewusst verstießen. Vinterberg drehte den auch kommerziell erfolgreichen „Dogma“-Film „Das Fest“, „It’s all about Love“ und „Dear Wendy“.

Bengtssons erster positiver Eindruck bestätigte sich. Er war für den Autor einer Vorlage ungewöhnlich stark in die Produktion involviert. Er zeigte Vinterberg die Schauplätze von seinem Roman. Er las mehrere Drehbuchfassungen und er war auch öfters bei den Dreharbeiten.

Wenn die Dreharbeiten nicht im Januar gewesen wären, wäre ich wahrscheinlich jeden Tag am Set gewesen“, bekennt er freimütig und auch der so entstandene Film gefällt ihm sehr gut.

Die Premiere von „Submarino“ war wenige Stunden vor unserem Gespräch auf der Berlinale im Wettbewerb läuft. „Die Leute waren während der Vorstellung ganz still.“ Danach wurde gefeiert.

Die ersten Kritiken für das düstere Drama fallen positiv aus. „Submarino“ wird frühestens im Herbst in den deutschen Kinos laufen. Ein Starttermin steht noch nicht fest.

Jonas T. Bengtsson: Submarino

(übersetzt von Günther Frauenlob)

Tropen Verlag, 2009

384 Seiten

19,90 Euro

Originalausgabe

Submarino

People’s Press, Kopenhagen 2007

Verfilmung

Submarino (Dänemark 2010)

Regie: Thomas Vinterberg

Drehbuch: Tobias Lindholm, Thomas Vinterberg

mit Jakob Cedergren, Peter Plaugborg, Patricia Schumann, Marten Rose, Gustav Fischer Kjærulff

Hinweise

Homepage von Jonas T. Bengtsson

Dänische Homepage zum Film

Berlinale: Programminformationen zu „Submarino“

Match Factory: Homepage und Presseheft zu „Submarino“


Ein kurzes Gespräch mit Hejo Emons über die neue „Tatort“-Reihe

Oktober 14, 2009

Als ich das Emons-Herbstprogamm durchblätterte, entdeckte ich die Ankündigung für einige „Tatort“-Romane. Ich freute mich, nachdem es in den vergangenen Jahren zu ausgestrahlten „Tatorten“ keine Romane mehr gab, und ich durchaus ein Fan von Filmromanen bin, auf die Romanversionen einiger neuer „Tatorte“.
Als ich vor wenigen Tagen die Romane in den Händen hielt, war ich begeistert. Das Layout ist ansprechend. Nebeneinander liegend oder, später im Regal stehend, sehen die sechs Bücher schon wie eine richtig kleine Reihe aus. Das erste reinlesen verstärkte meinen positiven Eindruck.
Also griff ich zum Telefonhörer und unterhielt mich mit dem Verleger Hermann-Josef Emons (sein Verlag feiert dieses Jahr sein 25-jähriges Bestehen) über die neue Buchreihe.
Schüller - Die Blume des BösenWachlin - Blinder Glaube

Die ersten sechs Romane sind „Die Blumen des Bösen“ mit den Kommissaren Max Ballauf und Freddy Schenk, „Blinder Glaube“ mit den Kommissaren Till Ritter und Felix Stark, „Todesstrafe“ mit den Kommissaren Eva Saalfeld und Andreas Keppler, „Aus der Traum…“ mit den Kommissaren Franz Kappl und Stefan Deininger, „A gmahde Wiesn“ mit den Kommissaren Franz Leitmayr und Ivo Batic und „Strahlende Zukunft“ mit den Kommissaren Inga Lürsen und Nils Stedefreund. Das ist eine bunte Auswahl der aktuellen Ermittler, von denen einige schon etliche Ermittlerjahre auf dem Buckel haben; andere neu im „Tatort“-Dienst sind und für die Romanfassungen wurden auch die Einstandsfälle der Neulinge genommen. Die meisten Fälle waren allerdings hinsichtlich der Quote, der öffentlichen Aufmerksamkeit und gewonnener Preise keine besonderen „Tatorte“. Auch prominente Ermittler, wie Borowski, Lindholm, Odenthal, Dellwo/Sänger und Thiel/Boerne fehlen.
„Die Auswahl der ersten sechs Bücher erfolgte mit dem WDR“, so Hejo Emons. „Die Romane sollten den normalen Durchschnitt abbilden. Außerdem sollten die verschiedenen Regionen abgebildet werden.“ Damit folgt die Buchreihe dem aus dem Fernsehen seit fast vier Jahrzehnten vertrauten Konzept, nach dem die Fälle in verschiedenen deutschen Städten spielen. Bei einigen „Tatorten“ gab es auch Probleme mit den Rechten für die Drehbücher.
Der Name des Drehbuchautors (wobei eine breitere Öffentlichkeit wahrscheinlich nur Friedrich Ani, Fred Breinersdorfer und Mario Giordano [„Das Experiment“ – und weil ich jetzt seinen bekanntesten Roman ohne lange Nachzudenken nenne, halte ich ihn doch nicht für so bekannt]) war kein Kriterium für die Entscheidung. Obwohl, so Emons, Ani bei ihnen als Krimiautor angefangen und später mehrere „Tatorte“ geschrieben habe. Die Zusammenarbeit mit ihm war immer angenehm gewesen. „Bei Friedrich Ani hat der Name sicher eine Rolle gespielt“, so Emons.
Die Drehbuchautoren wurden gefragt, ob sie eine Romanversion ihres Drehbuch schreiben wollten. Teils wegen Zeitmangel, teils auch, weil sie sich nach mehreren Jahren nicht wieder mit der gleichen Geschichte beschäftigen wollten, sagten sie ab.
Dann wurden Autoren gefragt, die bereits bei Emons Bücher veröffentlicht hatten. Diese konnten für ihre Arbeit vor allem auf die Drehbücher und die Filme, die sich mehr oder weniger von den Drehbüchern unterscheiden, zurückgreifen. Allerdings mussten sie für die Romanfassung Teile hinzuerfinden und Lücken in der Filmstory schließen. In einem Film kann leichter über kleinere logische Löcher hinweggegangen werden. Es kann mit der Zeit, die für die Fahrt von einem zu einem anderen Ort nötig ist, geschummelt werden. Und nicht alle Film-Locations finden sich in der Realität wieder (Mir ist vor allem bei den Konstanzer Tatorten aufgefallen, dass da öfters Verfolgungsjagden in der Realität so nicht möglich sind.)

Ernst - Strahlende ZukunftConrath - Aus der Traum
Daher betont Emons während des Gesprächs auch mehrmals, dass die „Tatort“-Romane keine schnell geschriebenen „Romane zum Film“, die von den Autoren während der Dreharbeiten in einem Wettlauf gegen die Zeit geschrieben werden, sondern eigenständige Romane seien, die auch ohne die Filme bestehen könnten. Dennoch schrieben die Autoren ziemlich schnell. Sie lieferten die Manuskripte nach zwei bis drei Monaten ab. Insgesamt verging, wie Emons im Rückblick leicht erstaunt bemerkt, zwischen den ersten Gesprächen mit dem WDR (der Ansprechpartner für die Vermarktung war) und der Veröffentlichung nur ein Jahr.
Das ist, angesichts der langen Entscheidungswege im Fernsehen und weil es bis jetzt so eine Reihe noch nicht gab, sehr kurz. Denn frühere Veröffentlichungen von „Tatort“-Romanen, wie die Trimmel-Romane von Friedhelm Werremeier oder „Reifezeugnis“ von Herbert Lichtenfeld, erfolgten als Teil der bereits etablierten Krimireihen eines Verlages (oft rororo thriller). Manchmal erschien  zuerst der Roman, manchmal zuerst der Film, manchmal – vor allem bei Werremeier – beides fast gleichzeitig. In den Achtzigern gab es dann nur noch die Schimanski-Romane bei Heyne und vor elf Jahren einige atemberaubend schnell verramschte „Tatort“-Romane bei Weltbild, die ein Mix aus Neuauflagen und neuen Romanfassungen waren. In den vergangenen Jahren schrieb nur noch der enorm produktive Felix Huby Romane und Drehbücher mit seinem Kommissar Bienzle. Angesichts der vielen, auch renommierten Autoren, die in den vergangenen Jahrzehnten für die Serie Drehbücher schrieben, ist das eine erstaunlich karge Ausbeute.
Die ersten Reaktionen seien, so Emons, alle positiv. So wurde zum Münchner Oktoberfest-„Tatort“ „A gmahde Wiesn“ gesagt: „Wir wussten gar nicht, was für einen guten Film wir hatten.“

Wachlin - TodesstrafeSchüller - A gmahde Wiesn

Im Frühjahr 2010 erscheint bei Emons die zweite Ladung von „Tatort“-Romanen. Die Titel konnte Hejo Emons noch nicht verraten.
Aber es soll einen „Tatort“ aus Niedersachsen und einen aus Münster geben. Gerade die Romanfassung eines Münsteraner „Tatorts“ dürfte für den Autor eine harte Nuss sein. Als Comedy funktionieren die absurd-abstrusen Fälle prächtig. Für den Roman muss das komödiantische aus dem Film (wozu auch das Spiel von Jan Josef Liefers und Axel Prahl gehört) in das Buch übertragen werden und der Fall, der im Film noch nicht einmal die zweite Geige spielt, muss einem Minimum an Logik gehorchen.
Im Wesentlichen möchte Emons mit den künftigen „Tatort“-Romanen näher an den Ausstrahlungstermin heranrücken. Weitere Pläne hat er noch nicht. Erst will er wissen, wie die Leser auf die Romane reagieren.
Die Marktchancen hält er für ziemlich gut. „Der letzte Kölner-Tatort ‚Platt gemacht‘ hatte neuneinhalb Millionen Zuschauer. Wenn davon zehn Prozent, oder sogar nur ein Prozent, die Romane kaufen, bin ich froh.“
Dazu dürfte auch der Preis und das klassische Taschenbuchformat beitragen. Sie können bequem mitgenommen und in einem Rutsch gelesen werden.
Und, wenn wir einen Blick nach Amerika werfen, sehen wir, dass dort Movie-Tie-Ins regelmäßig auf Bestsellerlisten stehen.
Vielleicht steht demnächst ein „Tatort“-Krimi auf der Spiegel-Bestsellerliste.

Die ersten sechs „Tatort“-Romane
Martin Conrath: Aus der Traum (nach dem Tatort-Krimi von Fred und Léonie Breinersdorfer, mit Frank Kappl und Stefan Deininger)
Christoph Ernst: Strahlende Zukunft (nach dem Tatort-Krimi von Christian Jeltsch, mit Inga Lürsen und Nils Stedefreund)
Martin Schüller: Die Blume des Bösen (nach dem Tatort-Krimi von Thomas Stiller, mit Max Ballauf und Freddy Schenk)
Martin Schüller: A gmahde Wiesn (nach dem Tatort-Krimi von Friedrich Ani, mit Franz Leitmayr und Ivo Batic)
Oliver Wachlin: Blinder Glaube (nach dem Tatort-Krimi von Andreas Pflüger, mit Till Ritter und Felix Stark)
Oliver Wachlin: Todesstrafe (nach dem Tatort-Krimi von Mario Giordano und Andreas Schlüter, mit Eva Saalfeld und Andreas Keppler)
alle zwischen 160 und 176 Seiten
jeweils 8,95 Euro

Hinweise
Tatort-Seite des Emons-Verlages
ARD über den „Tatort“
Tatort-Fundus (alles was das Herz begehrt)

Tatort-Fans (noch spartanisch)

Fernsehserien über „Tatort“

Wikipedia über „Tatort“


Was denkt der Autor? Die Autorin?

Juni 18, 2009

In unserer Reihe „Fragen Sie den Autor“ beantworten heute

– Joe R. Lansdale

– Laura Lippman

– Katy Munger und

– Alan Dean Foster

einige Fragen.

In dem halbstündigen Interview beim Reading and Writing Podcast spricht Joe R. Lansdale über seine Jugend, seine Arbeit und die Zukunft des Buchmarktes.

Laura Lippman nimmt sich für die Bat Segundo Show eine ganze Stunde Zeit und spricht über

satire and gentle fun, shaking the “serious is better” notion, Thomas Pynchon, being true to voice, the problems with the word “ballsy,” writing effrontery, Janet Maslin’s overanalysis of Life Sentences, the value of the red herring, the benefits of found opportunities, the problems with plans, Portnoy’s Complaint, creating deflections for the reader, the Oz books and the Nome King, Philip Roth’s Zuckerman, overworking sentences, the joys of dashes, Emily Dickinson, smarmy memoirs, reading the entire book aloud at 40 pages per day, writing a book a year, following instructions, William Gibson, editing as “deboning a fish,” Lippman’s work ethic as a saving grace, racist perceptions, generalizations, and the older generation in Baltimore, the fallibility of memory, the purpose of memoir, Ann Patchett’s Truth and Beauty, making stuff up, basing a novel on true crime, the ethics of taking from real-life stories, responding to email, investigative journalism and amateurism, faking it, and losing sight of the victims over the course of fiction or investigation.

Katy Munger (die Casey-Jones-Serie) verrät Sarah Weinman, warum sie nach der langen Pause ihr neues Buch „Desolate Angel“ als Chaz McGee veröffentlicht:

I think the biggest reas on is I use pen names is that I have always been very sensitive (perhaps overly sensitive) to the covenant between author and reader when it comes to a series. You promise them certain characters, a certain tone, a certain outlook on life. And all three of my series are as different from one another as they could be! I just wanted readers to know that. Beyond that, I’m thinking this is probably a symptom of the way I tend to compartmentalize my life, certain friends in one corner, other friends in another, the different hats I wear. Maybe I just like re-inventing myself and not being typecast. Or maybe I’m just a pain in the ass. (Let’s not take a vote on that.)

Alan Dean Foster spricht bei Book Spot Central über seinen neuen Flinx-Roman (die erscheinen bei Bastei-Lübbe) und über seinen jüngsten Filmroman „Terminator: Salvation“ (Terminator: Die Erlösung):

I was asked to do the novelization less than a year before the film came out. This is fairly typical of studios and production teams, who don’t seem to realize that publishers like to have a year or so between the time a book is finished and they can put it out in stores. It drives publishers nuts, as you can imagine. It generally takes me about a month to do a novelization, though I have done some in as little as two weeks. And I agreed to do it because…writing is what I do. I like to think that, as a professional, I can make a decent book out of anything. Good scripts are easy to adapt. Bad ones are a challenge.


Im Verhörzimmer: Horst Eckert über „Sprengkraft“

Mai 22, 2009

Horst Eckert SW

Zur Veröffentlichung von Horst Eckerts neuem Roman „Sprengkraft“ habe ich unserem besten Autor von Polizeiromanen und Politthrillern einige Fragen zu seinem neuen Roman gestellt.

In „Sprengkraft“ explodiert in einer Hinterhofmoschee eine Bombe. War das ein fehlgeschlagener islamistischer Anschlag? Ein erfolgreicher rechtsradikaler Anschlag? Oder sollte ein Zeuge beseitigt werden? Während Anna Winkler und Martin Zander ermitteln, versucht eine rechtsradikale Partei, die jetzt mit einer CDU-Politikerin als Vorsitzenden in den Landtag einziehen will, von dem Attentat zu profitieren.

„Sprengkraft“ ist Horst Eckerts präziser Kommentar zur Lage der Nation und schon jetzt einer der besten deutschen Kriminalromane des Kalenderjahres.

Was war die Inspiration für „Sprengkraft“?

Da kam Einiges zusammen: Die Kofferbomben, die 2006 in zwei Zügen gefunden wurden, die Sauerlandzelle, die angeblich im Jahr 2007 ein großes Attentat plante. Darauf reagieren die Sicherheitspolitiker mit Grundgesetzänderungen, als hätten sie nur auf einen Anlass gewartet, um die totale Kontrolle des Staates über die Bürger zu verwirklichen. Und auch der Alltag in den Städten wandelt sich. Wir haben die meisten Migranten nie integriert. Früher schienen sie uns egal zu sein, heute fallen uns ihre Bärte und Kopftücher auf. Wo Minarette gebaut werden, regt sich Misstrauen und Angst vor dem Fremden. Der Konflikt nimmt absurde Formen an: Erzkonservative, die sich noch vor kurzem gegen die strafrechtliche Verfolgung von Vergewaltigung in der Ehe gewehrt haben, wettern heute gegen den Islam – im Namen der Frauenrechte! Ich kann mir vorstellen, dass die Kulturen bald noch heftiger aufeinanderprallen. Wenn die Arbeitslosenzahlen steigen, Zukurzgekommene einen Sündenbock suchen – und vielleicht tatsächlich mal eine Bombe hochgeht.

Wenn man „Sprengkraft“ in eine Reihe mit deinen vorherigen Romanen stellt, ist eine Entwicklung zu immer politischeren Geschichten festzustellen. Ist das, wie bei Maj Sjöwall/Per Wahlöö, eine bewusste Entwicklung oder geschah das eher unbewusst?

Ich entscheide spontan von Roman zu Roman. Gänzlich unpolitisch waren meine Bücher nie. Ob ich über Korruption bei der Polizei schreibe, über kommunalpolitische Eskapaden eines Provinzfürsten, über den Afghanistankrieg oder über eine Konzernfusion. Vielleicht ist bei „Sprengkraft“ zum ersten Mal das Etikett des Politthrillers berechtigt. Das heißt aber nicht, dass mein nächster Roman ebenfalls einer wird. Neben dem „Großen Ganzen“ interessieren mich nach wie vor die Abgründe und Tragödien des menschlichen Miteinanders im ganz Privaten, die Verletzlichkeit der Seele und das, was Unrecht und Gewalt mit dem Einzelnen machen. Ich glaube, darum geht es letztlich auch in „Sprengkraft“.

Was war für dich die Initialzündung für „Sprengkraft“?

Die Überlegung, was ein islamistischer Anschlag auslösen würde. Doch schon mein zweiter Gedanke war, dass ich keinen Roman schreiben will, in dem die Rollen allzu eindeutig verteilt wären: hier der gute deutsche Kommissar, dort der böse Attentäter. Die Wirklichkeit ist vielschichtig und schillernd, nicht banal. Und ich wusste, dass ich kein Blutbad mit Hunderten von Toten brauche, um dem Leser Schauer über den Rücken zu jagen. Der Alltag ist gruselig genug: Der Mord an dem Regisseur van Gogh in Amsterdam, Schäubles BKA-Gesetz, vierzig Prozent Erstwählerstimmen für Rechtsradikale in Österreich, die Verwicklung deutscher Geheimdienste in den Sauerlandfall … Und noch etwas war für mich von Anfang an klar: Ich will kein politisches Manifest abliefern, sondern die Geschichten meiner Figuren erzählen. „Schauen, schauen, schauen und nie das Erstaunen vergessen“, wie es Friedrich Glauser einmal formuliert hat.

Geschichten entwickeln sich immer im Spannungsfeld von Thema, Charakter und Plot? Was ist bei dir zuerst da? Und wie sieht dann die weitere Entwicklung aus?

Mit den Figuren entwickelt sich zugleich der Plot. Sie werden lebendig, indem sie handeln. Das heißt, ich entwickle beides parallel, als Einheit, zunächst in Skizzen für das Romangerüst.

Wie ist dein Schreibprozess?

Am Anfang stehen Zettel, die mit wüsten Figuren-Diagrammen vollgekritzelt sind und mit Handlungsbruchstücken, die ich in ein oder zwei Zeilen notiere. Später schreibe ich die Etappen der verschiedenen Handlungsstränge auf Karteikarten, lege sie auf dem Fußboden aus und bringe sie in eine sinnvolle Reihenfolge. Daraus entsteht die Outline, die bereits erste Dialoge enthalten kann. Wenn ich nach etwa einem halben Jahr mit dem eigentlichen Schreiben beginne, heißt das noch lange nicht, dass die Geschichte im Kopf bereits fertig ist. In den zwei Jahren, die ich insgesamt für einen Roman brauche, lerne ich mein Personal immer näher kennen. Es bringt mich ständig auf neue Ideen. Das berühmte Eigenleben der Figuren macht vielleicht nur zwanzig Prozent aus, aber möglicherweise sind es die entscheidenden zwanzig Prozent, ohne die meine Figuren nicht glaubwürdig und eindrucksvoll wären.

Wenn die erste Manuskriptversion fertig ist, überarbeite ich, so oft es geht. Der Abgabetermin rückt näher, aber ich spüre, dass der Text mit jedem Durchgang besser wird. Also arbeite ich zehn Stunden, auch am Wochenende. War ich zu Beginn faul, zweifelnd und depressiv, werde ich jetzt manisch. Mit dem Ziel vor Augen, den perfekten Kriminalroman zu schreiben. Ich hoffe zumindest, diesem Ziel mit jedem Buch näher zu kommen.

Vor längerem hast du gesagt, es gäbe Pläne für eine Verfilmung deines Kurzromans „Der Absprung“. Hat sich da etwas Konkreteres ergeben? Gibt es weitere Pläne für Verfilmungen?

Das Drehbuch lag bei einigen Produzenten. Aber für die Fernsehleute ist das Ende zu tragisch, der Held nicht positiv genug, sie sagen, das sei Kinostoff. Für die Kinoleute ist es wiederum zu sehr Krimi, also vermeintlich nur ein Fernsehstoff. Vielleicht müsste ich es ein weiteres Mal überarbeiten, um trotzdem jemanden zu überzeugen. Aber im letzten Jahr war mir „Sprengkraft“ wichtiger. Ich liebe die Arbeit an der Literatur und das viel zitierte Kino im Kopf, das ein gutes Buch bei jedem einzelnen Leser auf jeweils andere Art auslösen kann, viel bunter und reichhaltiger als es die Glotze jemals könnte.

Welche fünf Bücher empfiehlst du für den nächsten Urlaub?

Fünf? Ich habe schon zehn geschrieben!

Aber wenn im Koffer Platz für fünf weitere Romane ist, dann nehmt folgende mit, Leute:

Frank Göhre, Zappas letzter Hit

John Harvey, Schrei nicht so laut

Ross Thomas, Teufels Küche

James Ellroy, Die Schwarze Dahlie –

und als Nicht-Krimi: Philip Roth, Sabbaths Theater.

Vielen Dank für das Gespräch!

Eckert - Sprengkraft

Horst Eckert:  Sprengkraft

Grafit, 2009

416 Seiten

18,90 Euro

Hinweise

Homepage von Horst Eckert

Meine Besprechung von Horst Eckerts „Sprengkraft“

Meine Besprechung von Horst Eckerts „Königsallee“

Meine Besprechung von Horst Eckerts „Der Absprung“

Meine Besprechung von Horst Eckerts „617 Grad Celsius“


Ein Gespräch mit Jack Ketchum

April 3, 2009

jack-ketchum

In den USA ist er vor allem unter Horrorfans schon länger bekannt und beliebt. Bereits sein erster Roman „Beutezeit“ sorgte 1981 wegen der Gewalt für einen Aufschrei bei den Sittenwächtern. Village Voice sprach von Gewaltpornographie. Neben mehreren Nominierungen und Bram-Stoker-Preisen, werden bekannte Kollegen wie Bentley Little, Robert Bloch, Richard Laymon und, vor allem, Stephen King, nicht müde seine Werke in den höchsten Tönen zu preisen. In den vergangenen Jahren erhielt Jack Ketchum in seiner Heimat dank der gelungenen Verfilmungen seiner Werke einen weiteren Popularitätsschub. „Jack Ketchum’s Evil“ und „Jack Ketchum’s The Lost“ gibt es inzwischen auch in Deutschland auf DVD. „Red“ erscheint demnächst und dürfte die einzige Ketchum-Verfilmung sein, die auch von Jugendlichen gesehen werden kann. Seit 2006 hat der Heyne-Verlag vier Ketchum-Romane veröffentlicht. Der fünfte Roman „Beutegier“ ist für Juni angekündigt.

Ende März besuchte Jack Ketchum Frankreich und Deutschland. Dabei ergab sich über seinen deutschen Lektor die Gelegenheit zu einem Interview (das letztendlich in dieser Fassung elektronisch zustande kam).

Spätestens als Jack Ketchum die letzte Frage beantwortete, wusste ich, warum mir seine Bücher gefallen.

AxelB: Für viele bist du ein Horrorschriftsteller. Aber für mich sind „Blutrot“ und „Amoklauf“ gute Kriminalromane. Wie würdest du daher die verschiedenen Genres Horror, Krimi und Thriller voneinander abgrenzen?

Jack Ketchum: Alle meine Bücher haben ein Element von Horror, eines mehr als andere. Aber wie mein Freund (und ein selbst ein guter Autor) Douglas E. Winter sagt ‚Horror ist eine Emotion, kein Genre’. Das trifft sicher auf die Gefühle des alten Mannes in „Blutrot“ zu, wenn sein Hund vor ihm erschossen wird. Oder wenn in „Amokjagd“ meine beiden zur Mitfahrt gezwungenen Passagiere die zufälligen Morde von Wayne beobachten müssen. Ich habe kein Problem damit, ein Horrorautor genannt zu werden, aber ich denke nicht, dass das Schubladendenken in Genres sehr hilfreich ist. Ich denke, das ist etwas, das uns Verleger und Händler vorgeben – eine Art des herunterbrechens der Leserschaft für die einfache Werbung. Wenn ich gezwungen werde, dann sage ich, dass ich meistens Horror- und Spannungsliteratur schreibe. Aber es gibt auch Schwarze Komödien. In meinem Werk ist alles Mögliche drin.

In diesen Büchern gibt es eine großartige Eröffnung, einprägsame Charaktere und eine gute Geschichte mit einem befriedigenden Ende. Aber was ist zuerst da: die Geschichte, das Thema oder die Charaktere?

Ich denke das Thema; also was ich sagen will. Dann eindeutig die Charaktere. Ich würde nie anfangen zu schreiben, bevor ich meine Charaktere habe. Denn ich denke, dass jedes gute Buch vor allem über menschliche Anliegen ist. Der Plot – wie die Charaktere ihr Ziel erreichen – ist für mich am unwichtigsten.

Wie schreibst du deine Geschichten?

Ich mache keine Outlines mehr. Ich finde es zu einschränkend. Ich arbeite mit drei Pinnwänden, auf denen ich Notizen über Setting, Geschichte, Charaktere, undsoweiter, befestigte. Wenn es nötig ist, arrangiere ich die Zettel um. Vor dem Schreiben habe ich eine grobe Idee von meinem Ziel, dem Thema und den Charakteren, aber wenn ich mit dem Schreiben beginne, versuche ich den Charakteren eine ziemlich lange Leine zu lassen. Sie sollen ihre eigenen Entscheidungen fällen. Genau wie im richtigen Leben. Da improvisiere ich dann viel. Wenn ich neue Szenen schreibe, tendiere ich dazu, nach ungefähr vier Stunden todmüde zu sein. Überarbeiten kann ich dagegen bis zu sieben Stunden.

In deiner Bibliographie gibt es neben den Romanen auch viele Kurzgeschichte. Was ist für dich der Unterschied zwischen ihnen?

Der Unterschied ist der zwischen einer Heirat und einem One-Night-Stand, im Wesentlichen. Das schöne beim Schreiben eines Romans ist, dass du für mindestens mehrere Monate weißt, was du jeden Tag tust. Und es ist sehr befriedigend, zu einer Gruppe alter Bekannter in neuen Situationen zurückzukehren. Das Schöne bei Kurzgeschichten ist, dass du in wenigen Tagen fertig bist. Ich denke, sie schaffen untereinander einen schönen Ausgleich.

Du hast außerdem einige Drehbücher geschrieben. Welche Erfahrungen hast du dabei gemacht?

Ich habe es auf dem schweren Weg herausgefunden, dass du bei einem Drehbuch mit viel mehr davonkommen kannst als in einem Buch. Die Tatsache, dass ein Film normalerweise nur zwei Stunden dauert, bedeutet, dass dir einige Ungenauigkeiten, Plotlöcher und sogar widersprüchliche Charakter-Eigenschaften beim Sehen überhaupt nicht auffallen. Ich rede nicht von den „Plotlöchern, durch die ein Truck passt“. Aber die Kleinigkeiten. „Old Flames“, zum Beispiel, begann als Drehbuch – eines das ich damals teilweise nicht mochte, weil es mir zu überflüssig erschien. Außerdem mochte es niemand sonst. Also legte ich es für einige Jahre weg. Dann erhielt ich die Möglichkeit, eine Prosaversion zu schreiben. Ich entfernte das überflüssige Material und schrieb eine neue Fassung, die mir gefiel. Beim Schreiben fand ich einige störende Ungenauigkeiten und Unterlassungssünden und beseitigte sie. Danach schrieb ich das Drehbuch mit den Änderungen neu. Es ist jetzt ein viel besseres Buch. Chris Siverston, der Regisseur von „The Lost“, schnappte es sich sofort

Es gibt noch weitere Unterschiede, die, obwohl ich gerne Drehbücher schreibe, für mich das Schreiben von Prosa befriedigender machen. In einem Film arbeitest du wirklich nur mit zwei Sinnen: Sehen und Hören, obwohl du die anderen implizieren kannst. In Prosa kannst du sie alle vollständig ansprechen. In Filmen kannst du nur die Oberfläche der Gefühle eines Charakters zeigen. Du kannst nicht wirklich so tief in das Bewusstsein von jemand einsteigen, wie in einem Roman. Auf der Haben-Seite ist, dass ein Drehbuch viel schneller als ein Roman oder ein Kurzroman geschrieben ist.

Vor allem “Blutrot” hat eindeutig eine moralische Botschaft. Wie behandelst du moralische Fragen und Themen in deinen Büchern?

Ich interessiere mich dafür, wie wir miteinander umgehen – in dem Fall von „Blutrot“ und einigen anderen Geschichten, habe ich auch Tiere einbezogen. Als Schriftsteller hast du im Rahmen von guten, unterhaltsamen Geschichten die einzigartige Möglichkeit, vor einem ziemlich großen Publikum deine Sorgen zu thematisieren und deinen Interessen nachzugehen, ohne dabei zu predigen.

Ich beginne oft mit etwas, das mir stinkt. Kindesmissbrauch, Missbrauch von Tieren, Vergewaltigung, Soziopathie im Allgemeinen. All diese und noch einige andere Sachen stinken mir. Also schreibe ich darüber. Nicht nur um meinen Ärger und meine Wut zu zeigen, sondern hoffentlich um diese Sachen ein wenig zu erforschen; sie ein wenig zu verstehen; und um einige unserer Reaktionen, wenn wir mit ihnen konfrontiert werden, zu verstehen.

Ein Jack-Ketchum-Interview kann unmöglich beendet werden, ohne eine Frage nach der Gewalt in deinen Büchern und inwiefern sie die amerikanische Kultur reflektiert zu stellen. Also: Wie ist die Verbindung zwischen deinen Charakteren und der Gewalt?

Es gibt Gewalt. So einfach ist das. Und offensichtlich nicht nur in der amerikanischen Kultur, sondern überall. Sollen wir über Josef Fritzl reden? Selbstverständlich kenne ich die Gewalt vor meiner Haustür in der guten alten USA am besten und deshalb schreibe ich vor allem darüber. Aber in „Cover“ schreibe ich über einen Überlebenden des Vietnamkrieges und die Gewalt dort. In „Closing Time“ ist der weltweite Terrorismus der Hintergrund.

Ich hatte nie ein Problem mit Gewalt in Büchern, Filmen oder dem Fernsehen. Im Gegenteil; ich denke es ist vielleicht heilsam und ein sicherer Ort, in dem du dich auf die schlimmsten Dingen, die dir vielleicht passieren können, vorzubereiten. In meiner eigenen Arbeit lehne ich grundlose Gewalt ab. Du sollst an sie glauben und Angst um die Menschen in Gefahr haben. Pappkameraden und Cartoongewalt langweilen mich zu Tode. Aus dem gleichen Grund langweilen mich Silikonbrüste. Ich tendiere dann zum Vorspulen.

Bist du in Minute 01:28 der Gerichtsmediziner in dem Trailer zur neuesten Jack-Ketchum-Verfilmung “Offspring”?

Ja. Du kannst mich außerdem hier sehen:


Würdest du fünf Bücher für den nächsten Urlaub empfehlen?

Gerne!

Charlie Huston’s THE SHOTGUN RULE (Killing Game)

Duane Swierczynski’s THE BLONDE (Blondes Gift)

James Lee Burke’s PEGASUS DESCENDING

Jim Harrison’s THE ENGLISH MAJOR

Stewart O’Nan’s A PRAYER FOR THE DYING (Das Glück der anderen)

Ted Kerasote’s MERLE’S DOOR.

Jetzt habe ich dir sogar ein Six-Pack gegeben.

Vielen Dank für die ausführlichen Antworten.

Bibliographie (nur Romane)

Beutezeit (Off Season, 1980; 1999 ungekürzt als “Off Season: The Unexpurgated Edition”)

Hide and Seek (1984)

Cover (1987)

She Wakes (1989)

Evil (The Girl Next Door, 1989)

Beutegier (Offspring, 1991 – angekündigt für Juni 2009)

Amokjagd (Joyride; auch Road Kill, 1994)

Stranglehold; auch Only Child (1995)

Blutrot (Red, 1995)

Ladies‘ Night (1997)

The Lost (2001)

The Crossings (2004)

Old Flames (2008)

Verfilmungen

Jack Ketchum’s The Lost – Teenage Serial Killer (The Lost, USA 2005, Regie/Drehbuch: Chris Sivertson)

Jack Ketchum’s Evil (The Girl Next Door, USA 2007, Regie: Gregory Wilson, Drehbuch: Daniel Farrands, Philip Nutman)

Red (Red, USA 2008, Regie: Trygve Allister Diesen, Lucky McKee, Drehbuch: Stephen Susco)

Offspring (USA 2010, Regie: Andrew van den Houten, Drehbuch: Jack Ketchum – derzeit Postproduktion)

Hinweise

Homepage von Jack Ketchum

Fantastic Fiction über Jack Ketchum (Bibliographie mit den Kurzgeschichten)

Meine Besprechung von „Blutrot“ und „Amokjagd“ (mit weiteren Links)


Erste Eindrücke vom James-Sallis-Berlinbesuch

November 10, 2008

Am Ende seiner ersten Lesereise durch Deutschland besuchte James Sallis Berlin und ich nutzte die Gelegenheit für ein längeres Gespräch mit dem Erfinder von Lew Griffin und Turner. Die ersten beiden Griffin-Romane erschienen vor Ewigkeiten in der kurzlebigen Dumont-Noir-Reihe. Jetzt wagte der Liebeskind-Verlag mit „Driver“ und „Deine Augen hat der Tod“ einen zweiten und sehr erfolgreichen Versuch den in den USA unter Fans und Kollegen angesehenen Autor (2007 erhielt er auf der Bouchercon den Lifetime Achievement Award) auch in Deutschland zu etablieren. „Driver“ erhielt den Deutschen Krimipreis und war der Jahressieger der KrimiWelt-Bestenliste. Hugh Jackman sicherte sich die Filmrechte an „Driver“. Während des Gesprächs am Nachmittag verriet James Sallis mir, dass es inzwischen ein überarbeitetes Drehbuch gibt und der Drehbeginn für Frühjahr 2010 geplant ist. Außerdem hat Heyne die Rechte an seinen drei Turner-Romanen „Cypress Grove“, „Cripple Creek“ und „Salt River“ gekauft. Wir sprachen über Philip K. Dick, Lawrence Block (später auch über James Crumley und Joe R. Lansdale), warum seine Bücher so kurz sind (bei der Turner-Serie nimmt die Seitenzahl mit jedem Band ab), was für ein Gefühl es sei, in Deutschland ein zehn Jahre altes Buch zu promoten, und über New Orleans.

Nach dem Gespräch ging’s dann von seinem Hotel durch die Bergmannstraße (die etwas von New Orleans hat) zu „Hammett“. Die Buchhandlung erinnerte Sallis an den „Poisoned Pen Bookstore“ und wahrscheinlich nur zwei Gründe (Sprache, zulässiges Gewicht für den Flug) hinderten Sallis an einer kostspieligen Tour durch den Laden.

Am Abend las James Sallis im vollen Valentin Gasthaus am Südstern (eine schönes Lokal mit viel zu aufmerksamen Bedienungen) aus „Driver“ (weniger) und „Deine Augen hat der Tod“ (mehr), beantwortete Fragen (so erzählte er von seiner Band), signierte Bücher und dann ging’s zum gemütlichen Teil (mit den schon erwähnten aufmerksamen Bedienungen). Ich beichtete ihm, dass ich ihm am Nachmittag nur die Hälfte der geplanten Fragen gestellt hatte. Aber dafür hätte er ein gutes Dutzend anderer Fragen beantwortet. Das passiert halt, wenn man nicht blind seinen Fragenkatalog abarbeitet.

Am Freitag machte James Sallis sich auf den Heimweg nach Phoenix, Arizona – und ich sitze hier in Berlin über meinen Notizen, die die Grundlage für einen längeren Text über James Sallis sind.


Fünf Fragen an Alfred Hellmann

Juni 19, 2008

Nach einer mehrjährigen Pause als Krimiautor (in der Zwischenzeit schrieb Alfred Hellmann Kabarettprogramme und das Sachbuch „Disziplin für Faule“, übersetzte Bücher und organisierte in Berlin die feine Veranstaltungsreihe „Cinema Royal“, bei der vier Drehbuchautoren sich, wie „Das Literarische Quartett“, über neue und alte Filme fetzten) veröffentlichte er vor wenigen Wochen seinen zweiten Kriminalroman. „Vor den Hymnen“ erhielt, nicht nur von mir, euphorische Kritiken.

Für die Kriminalakte beantwortet er fünf Fragen:

1) Jede Geschichte beginnt mit einer Idee. Was war die Ausgangsidee für „Vor den Hymnen“?

Ich hörte, dass Firmen mittlerweile auch bei uns diskrete Versicherungen gegen Produkterpressungen abschließen können, was bis dahin nur in Großbritannien und den USA möglich war. Die Versicherer arbeiten eng mit privaten Sicherheitsfirmen und Spezial-Detekteien zusammen, was, wie aktuell der Fall Telekom und andere belegen, nicht immer unproblematisch ist.

Zugleich wurde damals gegen Mitglieder eines Spezialeinsatzkommandos (SEK) der Kölner Polizei ermittelt, wegen fahrlässiger Tötung, Körperverletzung, versuchter Strafvereitelung im Amt, Betrug, Diebstahl und Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz. – Beides zusammen ergab den Treibsatz.

2) Kannst du uns etwas über das Schreiben von „Vor den Hymnen“ erzählen?

Es folgten erste Übungskapitel mit der Herausbildung der Protagonisten, einem gebürtigen Rheinländer und einer Ostdeutschen, innerhalb einer Berliner Mordkommission.

Parallel dazu führte ich Interviews mit Managern und Polizisten, darunter Mitgliedern von Spezialeinheiten, die natürlich darauf hinwiesen, dass ein paar schwarze Schafe noch keine Herde machen.

Früher schrieb ich nachts, heute schreibe ich früh am Morgen, ziemlich diszipliniert. (Ich gebe ja auch Workshops zum Thema Disziplin & Kreativität.)

3) Du bist auch Satiriker und Drehbuchautor. Inwiefern glaubst du, dass das deinen Roman beeinflusst hat?

Den Satiriker – oder Kabarettisten – musste ich im Zaum halten. Spannung und Komik passen nur bedingt zusammen. Ich habe versucht eine funktionierende Mischung zu finden.

Meine Lektorin, Dr. Marion Heister, hat zum Beispiel die frühe Variante einer zentralen Nebenfigur kritisiert: Katharina Syltenfuß, die zu diesem Zeitpunkt noch Sieglinde von Syltenfuß hieß und Kaufhauserpressung als harmloses Hobby für südseesüchtige Witwen betrieb. Der Lektorin erschien sie in der alten Fassung zu parodistisch, und sie befürchtete, dass der relative Unernst dieser Figur das restliche Buch ‚infizieren‘ könnte. Das fand ich, nach einer angemessenen Phase des Beleidigtseins, überzeugend. Also habe ich sie entschärft und ihr ein wenig Melancholie mitgegeben. Viele Leser, und noch mehr Leserinnen, mögen sie sehr.

Meine Arbeit als Drehbuchautor schlägt sich am deutlichsten in der Wahl der Erzählperspektiven nieder, vielleicht auch in der relativen Kürze der Kapitel. Spät rein in die Szene, früh raus, so lautete die Regel, die ich aber auch ein paar Mal verletzt habe.

4) Was dürfen wir demnächst von dir erwarten?

Einerseits arbeite ich an einem neuen Krimi, andererseits habe ich, gewissermaßen zu Erholung, eine Theaterkomödie („HoPP!“) geschrieben, die ich zurzeit Verlagen anbiete. Im Hintergrund schreibe ich an einem ,großen‘ Roman, der sich aber nur langsam entwickelt. Außerdem arbeite ich gelegentlich als freier Texter.

5) Welche fünf Bücher empfiehlst du für den Strandkorb?

1.. John Sandford, die Lucas-Davenport-Reihe – die für mich aktuell besten Thriller: spannend, realitätsnah und frei von narzisstisch-depressivem Gejammer.

2.. Janwillem van de Wetering – die frühen Krimis, auch die Bücher über seine Aufenthalte in buddhistischen Klöstern.

3.. Albert Camus „Der Fremde“. Vorzugsweise bei großer Hitze zu lesen.

4.. Anne Michaels „Fluchtstücke“. Hervorragend geschrieben, mit wunderschönem Sprachklang. Ich kenne Leute, die beim Lesen geweint haben.

5.. Lion Feuchtwanger „Goya oder Der arge Weg der Erkenntnis“. Leidenschaft, Liebe, Künstlertum – mit Worten gemalt.

Alfred Hellmann: Vor den Hymnen

Emons, 2008

240 Seiten

9,90 Euro


Michael Morley-Porträt online

November 22, 2007

Einige haben den Debütroman „Spider“ von Michael Morley schon in einer Buchhandlung gesehen. Als der Brite vor wenigen Wochen seinen 08/15-Serienkillerthriller in Deutschland vorstellte, konnte ich mich mit ihm länger unterhalten. In der neuesten Spurensuche berichte ich von unserem Gespräch und warum ich von „Spider“ nicht restlos begeistert bin.


Ein Gespräch mit Harlan Coben

Mai 22, 2007

Vor wenigen Wochen war Harlan Coben in Deutschland. Er promotete seinen neuesten Myron Bolitar-Roman „Ein verhängnisvolles Versprechen“ (Promise me). Bevor er am Abend einige Teile aus dem Roman vorlas, unterhielt er sich mit mir.

Anschließend schrieb ich ein längeres Porträt über Harlan Coben und seinen bislang einzigen Seriencharakter Myron Bolitar. Sie können „Wir leben im goldenen Zeitalter des Kriminalromans“ hier lesen.


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