Neu im Kino/Filmkritik: Die Doku „It must schwing – The Blue Note Story“

September 6, 2018

Für Jazz- und Musikfans muss wirklich nicht mehr über die gelungene Dokumentation von Eric Friedler über das Jazzlabel Blue Note gesagt werden. Neben Verve und Impulse ist Blue Note eines der großen Jazzlabels. Das gilt für die Musik und die Covergestaltung. Gegründet wurde Blue Note 1939 von Alfred Lion und Frank (auch ‚Francis‘) Wolff. Zwei deutschen Jungs, die im Berlin der zwanziger Jahre zu fanatischen Jazzfans wurden. In den Dreißigern flüchteten die beiden Juden in die USA. Alfred Lion (1908 – 1987) verließ Deutschland schon 1933. Zuerst emigrierte er nach Chile und später in die USA, wo er seinen Nachnamen von Loew in Lion änderte. Francis Wolff (1908 – 1971) flüchtete 1939 auf einem der letzten nicht von der Gestapo kontrollierten Schiffe aus Deutschland. In New York gründeten sie dann ein Plattenlabel, um die Musik die veröffentlichen, die sie liebten.

Es ging ihnen nicht darum, viel Geld mit den Platten zu verdienen. Sie wollten wichtige Platten produzieren. Wichtige Platten von wichtigen Künstlern.“ (Gitarrist Kenny Burrell)

Dabei behandelten Lion und Wolff die schwarzen Musiker respektvoll. Das war ein deutlicher Unterschied zu anderen Labels, die ihre Künstler hemmungslos ausbeuteten und auch betrogen. Die Geschichten dazu sind Legion. Bei Blue Note war es anders.

Seit 1953 hatten sie mit Rudy Van Gelder einen begnadeten Toningenieur, der in seinem Tonstudio die Musiker perfekt aufnahm.

In der Doku wird schön in animierten Bildern gezeigt, wie Wolff und Lion nach Konzerten in mehreren Taxis die Musiker zu Van Gelders Studio in der lauschigen Kleinstadt Englewood Cliffs brachte und dann legendäre Aufnahmen eingespielt wurden, die heute immer noch klanglich und musikalisch überzeugen.

Wir hatten noch immer die Energie der letzten Nacht im Kopf. Das hört man den Platten auch nach Jahren noch an.“ (Gitarrist George Benson)

Eric Friedler (Das Schweigen der Quandts, Aghet – Ein Völkermord, Das Mädchen – Was geschah mit Elisabeth K.?) erzählt in seiner sehenswerten Doku „It must schwing – The Blue Note Story“ chronologisch die Geschichte der beiden lebenslangen Freund Alfred Lion und Francis Wolff von ihrer Zeit in Berlin bis zu ihrem Tod. Wobei die Doku eigentlich 1965 aufhört. Damals verkauften sie ihr Label. Diese Geschichte erzählt Friedler als eine Mischung aus sprechenden Köpfen, vor allem erzählen Blue-Note-Musiker von ihrer Zeit bei dem Label, historischen Aufnahmen und, soviel Experiment darf sein, animierten Sequenzen. Friedler hat auch ein in New York geführtes NDR-Interview von 1964 mit Albert Lion und Francis Wolff ausgegraben. Es ist das einzige Interview in deutscher Sprache mit den beiden Produzenten. Und das Gespräch mit Rudy Van Gelder ist das letzte Interview, das er vor seinem Tod 2016 gab.

Formal ist diese Mischung nicht besonders aufregend oder innovativ, sondern klassisch. Wie die Cover der Blue-Note-Platten. Und sie lenkt nicht vom Inhalt dieser informativen Doku ab.

It must schwing“ ist ein guter, informativer und unauffällig-elegant inszenierter Dokumentarfilm über ein legendäres Label, das Musikgeschichte schrieb und dessen Aufnahmen noch heute in jede gutsortierte Plattensammlung gehören. Friedler spricht auch den Rassismus in den USA in den vierziger, fünfziger und sechziger Jahren an. Er sieht Blue Note als Vorkämpfer der Bürgerrechtsbewegung. Das ist wohl etwas übertrieben, aber es half sicher, dass damals zwei deutsche Juden die Rassenschranken ignorierten. Sie behandelten die von ihnen bewunderten afroamerikanische Musiker, ohne darüber zu reden, respektvoll. Auf ihren Plattencovers gab es Bilder der Musiker. Und die Musik wurde immer breiter rezipiert.

Es gibt keine Revolution ohne Musik.“ (Saxophonist Bennie Maupin)

Wenn ich nicht sowieso eine heilsame Diät von mindestens einer Blue-Note-Aufnahme pro Woche verfolgen würde, würde ich jetzt eine Blue-Note-Aufnahme auflegen.

Sie tanzten herum. Manchmal nicht im Takt der Musik, sie hatten ihre eigene Art, sich zu bewegen. Die Musik berührte sie.“ (Saxophonist Jimmy Heath)

Es musste schwingen. Es musste dieses ‚wing tingtingtingteting haben. Ohne das – ist es kein Jazz.“ (Trompeter Charles Tolliver)

It must schwing – The Blue Note Story (Deutschland 2018)

Regie: Eric Friedler

Drehbuch: Eric Friedler

mit Herbie Hancock, Sonny Rollins, Wayne Shorter, Quincy Jones, Lou Donaldson, Ron Carter, Sheila Jordan, Rudy Van Gelder, Kenny Burrell, Jimmy Heath, George Benson, Reggie Workman, Cecil McBee, Charles Tolliver, Rolf Kühn, Bennie Maupin, Bary Singer, Dan Morgenstein, Peter-Joachim von Drenkmann, Michael Cuscuna

Länge: 118 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „It must schwing“

Moviepilot über „It must schwing“

Wikipedia über Blue Note (deutsch, englisch)

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Bald neu im Kino/Filmkritik:„Embryo – A Journey of Music and Peace“ – Filmpremiere und Konzert am 5. September, danach im Kino

August 20, 2018

Einige alte Säcke werden sich bei „Embryo“ an ihre Jugend erinnern. Für mich war die Band in meiner Jugend ein Haufen alter Krautrock-Säcke. So ist das halt, wenn das eigene musikalische Gedächtnis gerade bis zur letzten Saison reicht und man sich erst durch die Stars der nächsten Saison hört. Man will ja nicht hören, was alle hören. Viele dieser Stars sind inzwischen vergessen oder wiederholen in einer Endlosschleife ihre alten Hits vor einem Publikum, das nur die alten Hits hören will. Möglichst ohne irgendeine Variation.

Embryo“ ist da anders. Heute, fast fünfzig Jahre nach ihrer Gründung, spielen die Musiker von „Embryo“ immer noch auf jeder verfügbaren Bühne. Gründer Christian Burchard ist zwar am 18. Januar 2018 verstorben (was im Film, in dem er sehr präsent ist, nicht erwähnt wird), aber die Band spielt weiter. Seit zwei Jahren wird das Kollektiv von Burchards Tochter Marja geleitet. Soweit man bei einem Ensemble, das von Kollektivimprovisationen und mehr oder weniger spontanen Begegnungen mit Musikern aus unterschiedlichen Kulturkreisen und musikalischen Traditionen lebt, davon reden kann.

In dem Dokumentarfilm „Embryo – A Journey of Music and Peace“ zeichnet Michael Wehmeyer, selbst Musiker, langjähriges Mitglied von „Embryo“ und Gründungsmitglied von „Dissidenten“ (zunächst „Embryo’s Dissidenten“) die Geschichte von „Embryo“ nach. Mit vielen historischen Aufnahmen und Statements von „Embryo“-Musikern, die man im Off hört. Und das ist, wie in Asif Kapadias „Amy“ (über Amy Winehouse), ein Problem. Denn wir erfahren hier nie die Namen der Sprechenden und erst durch ihre Statements, welche Verbindung sie zu „Embryo“ haben. Sehr präsent in der Doku ist „Embryo“-Gründer Burchard, der auch von seinen Anfängen in Jazzbands erzählt und wie sich „Embryo“ nach seiner Gründung immer mehr zu einem Impro-Kollektiv entwickelte.

Außerdem wird die Geschichte ausschließlich aus der Binnenperspektive erzählt. Andere Musiker, Journalisten, Wissenschaftler oder Zeitzeugen kommen, soweit erkennbar, nicht zu Wort. Es gibt deshalb keine objektivierende Einordnung der Musik und der Bedeutung der Band für den Krautrock, den Jazzrock und die Worldmusic. Denn „Embryo“ gehörte zu den ersten Bands, die mit Musikern aus anderen Kulturkreisen zusammenspielten und die deren Musik produktiv aufnahmen. Das geschah in langen, improvisierten Konzerten. Die ersten Begegnungen erfolgten auf ihren Tourneen durch Afrika und Asien, vor allem Indien. Sie fuhren mit ihrem Tourbus durch die Länder und planten zwischen den offiziellen Konzerten lange Pausen für spontane Begegnungen ein. Damals war das revolutionär.

Wehmeyer konzentriert sich in „Embryo – A Journey of Music and Peace“ vor allem die Anfangsjahre von „Embryo“ und ihre Haltung, die von Neugierde und Offenheit geprägt ist. Es geht ihnen nicht um den nächsten großen Hit oder das stupide recyclen alter Erfolge, sondern um neue Entdeckungen.

Das und der große Schatz historischer Aufnahmen (Hey, in den Siebzigern gab es in Deutschland eine Hippie-Szene, die sich optisch nicht von der US-Szene unterschied.) machen „Embryo – A Journey of Music and Peace“ sehenswert.

Embryo – A Journey of Music and Peace (Deutschland 2018)

Regie: Michael Wehmeyer

Drehbuch: Michael Wehmeyer

mit Christian Burchard, Roman Bunka, Michael Wehmeyer, Uve Müllrich; Mal Waldron, Fela Anikulapo Kuti, Trilok Gurtu, Marja Burchard

Länge: 98 Minuten

FSK: –

Die Filmpremiere und ein Liveauftritt mit Second Generation Embryo ist am Mittwoch, den 5. September, um 18.30 Uhr im „silent green Kulturquartier“ (Gerichtstraße 35, 13347 Berlin).

Eintritt: 11 Euro (Vorverkauf), 12 Euro (Abendkasse)

Ab dem 6. September läuft das Bandportrait dann im Kino.

Hinweise

Homepage zum Film

Homepage von Embryo

Wikipedia über Embryo (deutsch, englisch)

AllMusic über Embryo

Jörg van Hooven (München.tv) unterhält sich mit Christian und Marja Burchard (online seit 20. Juni 2017; also ziemlich aktuell)

Ein aktuelles Konzert der Band (15. April 2018, Seidlvilla, München)


Wunderschöne Mitternachtsmusik mit Bill Frisell und Thomas Morgan

August 16, 2018

Für ECM nahmen Gitarrist Bill Frisell und Kontrabassist Thomas Morgan die CD „Small Town“ auf. Vor einem Jahr stellten sie im Paste Studio einige Stücke von der CD vor und beantworteten sehr, sehr zögerlich einige Fragen:


TV-Tipp für den 20. Juli: Prince – Sign o‘ the Times

Juli 20, 2018

Arte, 23.25

Prince – Sign o‘ the Times (Prince – Sign o‘ the Times, Usa 1987)

Regie: Prince (= Prince Rogers Nelson), Albert Magnoli (ungenannt)

Drehbuch: Prince

Damals war der am 21. April 2016 überraschend verstorbene Prince everybody’s darling. Der Konzertfilm sollte seine Europatournee dokumentieren. Aber weil die Aufnahmen unbrauchbar waren, wurde das Konzert einfach in seinem Paisley-Park-Studio nachinszeniert.

Heute ist die TV-Premiere des inzwischen legendären Konzertfilms.

mit Prince, Cat Glover, Sheila E., Sheena Easton, Miko Weaver, Dr. Fink, Levi Seacer jr., Eric Leeds, Atlanta Bliss, Boni Boyer

Hinweise

Arte über „Prince – Sign o‘ the Times“

Rotten Tomatoes über „Prince – Sign o‘ the Times“

Wikipedia über „Prince – Sign o‘ the Times“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: „Symphony of Now“ zeigt Berlin nicht in einem unbekannten Licht

Juli 12, 2018

Ein Tag in Berlin. In den vergangenen Jahrzehnten gab es verschiedene Versuche, das Großstadtleben in seiner bunten Vielschichtigkeit einzufangen. Zum Beispiel 2009 die 24-stündige RBB-Großdokumentation „24h Berlin – Ein Tag im Leben“, die einen Tag aus dem Leben von über fünfzig in Berlin lebenden Menschen zeigt und die an einem Tag aufgenommen wurde. Oder Thomas Schadts „Berlin: Sinfonie einer Großstadt“ (2002). Oder, als Urvater all der filmischen Versuche, einen Tag im Leben einer Stadt zu zeigen, Walter Ruttmanns experimentellen Filmklassiker „Berlin – Die Sinfonie der Großstadt“ (1927).

Auf Ruttmanns Film bezieht sich Johannes Schaff explizit mit seinem Film „Symphony of Now“. So übernahm er die Länge (65 Minuten), die Struktur einer aus fünf Teilen bestehenden Sinfonie und die Idee, einen Tag im Leben Berlins zu zeigen. Bei Ruttmann war es das Arbeitsleben, die Industrialisierung und der Rhythmus der Stadt, inszeniert mit einer entfesselten Kamera. Jedenfalls für damalige Verhältnisse.

Bei Schaff ist es das Nachtleben, das Vergnügen, die Freizeit, die sich anscheinend im Umkreis von fünf Blocks abspielt. An, in und um sattsam bekannte Locations, die man entweder von wenigen Ausflügen in das Partyleben oder aus den hippen Filmen und Werbespots kennt. Und genau so wirkt „Symphony of Now“: wie ein überlanger Werbespot für Spreequell (unser Sprudelwasser) oder Berliner Pils (unser Feuerwasser).

Die Musik – trotz eines erklecklichen Aufmarsches verschiedener Komponisten (Frank Wiedemann [gleichzeitig Kurator], Samon Kawamura, Gudrun Gut, Thomas Fehlmann, Hans-Joachim Roedelius, Alex.Do und Modeselektor) – ist der zu den austauschbaren Berlin-Impressionen monoton wummernde Techno-Soundtrack, der noch einmal das sattsam bekannte Bild von Berlin als Techno-Metropole und Ort der Love-Parade beschwört.

Bei „Symphony of Now“ ist die Montage, der Schnitt und der Sound nicht auf produktive Verunsicherung und überraschende Einsichten, sondern auf maximale Feelgood-Bestätigung ausgelegt. Wie in einem Werbeclip soll nur eine positive Botschaft vermittelt werden. Alles was stört oder stören könnte oder zum Nachdenken anregen könnte, fehlt in dieser Berlin-Sinfonie.

Symphony of Now (Deutschland 2018)

Regie: Johannes Schaff

Drehbuch: Johannes Schaff

mit Berlin, Berliner*innen, wahrscheinlich Tourist*innen, der Sonne und dem Mond

Länge: 65 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Die Inspiration

Walter Ruttmanns experimentellen und inzwischen auch als Zeitdokument interessanter Filmklassiker „Berlin – Die Sinfonie der Großstadt“ (1927) gibt es auf YouTube in mehreren, mehr oder weniger identischen Fassungen in verschiedener Bildqualität und auch mal ohne Ton (weil Stummfilm).

Das dürfte eine vollständige Fassung in guter Bildqualität sein:

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Filmportal über „Symphony of Now“

Moviepilot über „Symphony of Now“

 


Klassiker, neu interpretiert

Juni 18, 2018

Ein kleines Liedchen zum Frühstück:

Groovy!

Mehr über das Ukulele Orchestra of Great Britain: ihre Homepage, Wikipedia (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 2. Juni: Rock am Ring 2018

Juni 2, 2018

3sat, 20.15

Rock am Ring 2018

One! Two! Three! Let’s Rock!!!

Ab 22.30 Uhr zeigt 3sat live das Konzert von „Muse“. Davor gibt es Ausschnitte aus anderen „Rock am Ring“-Konzerten und weil „Rock am Ring“ der große Gemischtwarenladen unter den Festivals ist, ist für jeden etwas dabei.

Hinweise

3sat über die Sendung

Festival-Homepage


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