Neu im Kino/Filmkritik: „Aretha Franklin: Amazing Grace“ – just amazing

November 28, 2019

Am 13. und 14. Januar 1972 gab Aretha Franklin in der Missionary Baptist Church in Watts, Los Angeles, zwei Konzerte, die aufgezeichnet wurden. Die aus den an den Abenden gesungenen Liedern zusammengestellte Doppel-LP „Amazing Grace“ wurde kurz danach veröffentlicht und sie verkaufte sich wie geschnitten Brot. Bis heute ist sie das meistverkaufte Live-Gospelalbum aller Zeiten und Aretha Franklins erfolgreichstes Album. Der ebenfalls geplante Film verschwand dagegen in den Archiven.

Spielfilmregisseur Sydney Pollack, der als Fan von Aretha Franklin unbedingt den Film machen wollte und der keine Erfahrung mit Dokumentar- und Konzertfilmen hatte, hatte Bild und Ton unabhängig voneinander aufgenommen. Weil es keine Markierungen gab, die Bild und Ton eindeutig zuordneten, war es nachträglich fast unmöglich die einzelnen Bilder bestimmten Tönen zuzuordnen. 2007 wurde, auf Pollacks Drängen, ein neuer Versuch unternommen, aus dem Material eine Film herzustellen. Der mit Pollack befreundete Produzent Alan Elliott übernahm die Verantwortung. Pollack starb am 26. Mai 2008. Mit neuen digitalen Techniken gelang die Synchronisation von Bild und Ton. 2011 sollte der Film öffentlich aufgeführt werden.

Aber in dem Moment und den folgenden Jahren verweigerte Aretha Franklin aus nie restlos geklärten Gründen diese Veröffentlichung. Franklin starb am 16. August 2018. Ihre Familie stimmte jetzt einer Veröffentlichung des Konzertfilms zu.

Und das Warten hat sich, auch wenn man die Musik bereits kennt, gelohnt.

Denn „Aretha Franklin: Amazing Grace“ ist eine Zeitkapsel, die einen Blick in eine Zeit eröffnet, als Zuschauer und Konzertbesucher noch einen ganz anderen Umgang mit Kameras hatten. Und ein richtiger Konzertfilm ist er auch nicht. Es handelt sich um eine Mischung aus öffentlichen Proben und den Aufnahmen für eine LP vor Live-Publikum. Die Konzertbühne steht mitten im Kirchensaal und die Kirche sieht wie eine Lagerhalle aus, in die einige Bänke gestellt wurden. Ein Konzertbeleuchtung gibt es nicht. Dafür ist der gesamte Saal hell erleuchtet. Die wenigen Reihen der Kirche sind sogar erstaunlich spärlich besetzt. Und während des Konzert bricht Aretha Franklin immer wieder mitten im Lied ab, um danach noch einmal zu beginnen. Oder sie bespricht mit ihren Musikern, wie das nächste Lied gespielt werden soll.

Vor dem Konzert erklärt Reverend James Cleveland in seiner Kirche, dass die Konzerte aufgezeichnet würden, das Publikum trotzdem wie bei einem normalen Gospelgottesdienst mitsingen und -klatschen solle und sich dabei nicht von den Kameras stören lassen solle. Das funktioniert nur teilweise. Immer wieder blicken die Zuschauer irritiert in die Kameras und überlegen, wie sehr sie sich von der Musik mitreisen lassen sollen. Dass irgendwann Mick Jagger und Charlie Watts am Eingang stehen und ruhig zuhören, bemerken sie nicht.

Währenddessen sind Pollack und die Kameramänner, denen er mit seinen Händen Anweisungen gibt, immer wieder deutlich sichtbar im Bild. Teilweise laufen sie auch durch das Bild. Solche Bilder sind heute auch bei Konzertmitschnitten fast undenkbar.

Aretha Franklin (vocal, piano), ihre Band (Cornell Dupree [guitar], C.L. Franklin [vocals], Kenneth ‚Ken‘ Lupper [organ], Pancho Morales [congas, percussion], Bernard Purdie [drums], Chuck Rainey [bass]), Reverend James Cleveland (piano), der Southern California Community Choir (unter der Leitung von Alexander Hamilton) und einige Überraschungsgäste singen sattsam bekannte Gospelsongs wie „What a Friend we have in Jesus“, „How I got over“, „You’ve got a Friend“, „Mary don’t you weep“, „My sweet Lord“ und, selbstverständlich, „Amazing Grace“. Dabei sind nicht alle Lieder auf der Doppel-LP (inzwischen CD) und dem Film identisch. Außerdem unterscheidet sich die Abfolge der Lieder im Film von der Reihenfolge auf der Doppel-LP. Aber weil die Abende öffentliche Aufnahmen vor einem Live-Publikum waren, stört das nicht. Auch dass Aretha Franklins Garderobe manchmal innerhalb eines Liedes wechselt, stört nicht. Die Musik trägt mühelos darüber hinweg. Es sind Details, die die Authentizität des Gezeigten steigern und einen Blick in eine andere Zeit ermöglichen.

Aretha Franklin: Amazing Grace (Amazing Grace, USA 2018)

Regie: Alan Elliottt, Sydney Pollack

Drehbuch: Alan Elliott, Sydney Pollack

mit Aretha Franklin, James Cleveland, C. L. Franklin, Mick Jagger, Alexander Hamilton, Southern California Community Choir, Cornell Dupree, Kenneth Lupper, Pancho Morales, Bernard Purdie, Chuck Rainey, Clara Ward, Sydney Pollack, Charlie Watts

Länge: 89 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Aretha Franklin: Amazing Grace“

Metacritic über „Aretha Franklin: Amazing Grace“

Rotten Tomatoes über „Aretha Franklin: Amazing Grace“

Wikipedia über „Aretha Franklin: Amazing Grace“ (deutsch, englisch) und Aretha Franklin (deutsch, englisch)

AllMusic über Aretha Franklin


Neu im Kino/Filmkritik: PJ Harvey ruft „A Dog called Money“

November 15, 2019

Zwischen 2012 und 2014 bereiste die Musikerin PJ Harvey den Kosovo, Afghanistan und Washington, DC.

2016 veröffentlichte sie ihre CD „The Hope Six Demolition Project“. Die Lieder waren von ihren Reisbeobachtungen inspiriert.

Und dieses Jahr veröffentlichte Seamus Murphy den Film „PJ Harvey – A Dog called Money“, das diese Reisen und die Aufnahmen für die CD nachzeichnet.

Allerdings nicht als Dokumentarfilm, sondern als filmisches Essay. Er zeigt, wie PJ Harvey durch die verschiedenen Kriegsgebiete geht, sich Notizen macht, sich manchmal mit Einheimischen unterhält und Musikinstrumente ausprobiert. Über diese Bilder legt er von PJ Harvey geschriebene und gesprochene Texte.

Später beobachtet er sie und ihre namenlos im Hintergrund agierende Band bei den Proben und Aufnahmen für die CD. Sie mieteten sich im Somerset House in London ein und errichteten für die Aufnahmen vom 14. Januar bis zum 14. Februar 2015 ein ‚Recording in Progress‘-Studio. Das Studio war ein abgeschlossener, durch Einwegspiegelglas einsehbarer Raum, in dem die Musiker die Songs für die CD erarbeiteten und einspielten. Fans konnten diese öffentlichen Proben beobachten.

Murphys Film springt dabei zwischen beiden Zeitebenen hin und her und immer steht die Musikerin im Mittelpunkt.

Entstanden ist eine PJ-Harvey-Collage für die Fans der Musikerin, die nicht genug von ihr bekommen können.

Wer allerdings mehr wissen möchte, wird mit der Personality-Show „PJ Harvey – A Dog called Money“ wenig anfangen können. Es gibt keine Interviews mit ihren Musikern oder mit ihr. Es gibt auch keine Gespräche mit den Einheimischen. Sie bleiben, auch wenn es von PJ Harvey so wohl nicht intendiert ist, die Staffage für die Inszenierung einer Musikerin, die fremde Länder besucht und aus diesen Ländern Dinge mitnimmt, die ihr gefallen und die sie in ihre Musik integriert. Allerdings so, dass sie ihrer Musik einfach eine neue Klangfarbe beifügen.

Seamus Murphy hat für PJ Harveys Alben „Let England Shake“ und „The Hope Six Demolition Project“ mehrere Kurzfilme inszeniert.

PJ Harvey – A Dog called Money (A Dog called Money, Irland/Großbritannien 2019)

Regie: Seamus Murphy

Drehbuch: Seamus Murphy

mit PJ Harvey (aka Polly Jean Harvey), John Parish, Terry Edwards, Kenrick Rowe, Enrico Gabrielli, Mike Smith, Alessandro Stefana, James Johnston, Alain Johannes, Adam ‚Cecil‘ Bartlett, Flood, Jean-Marc Butty, Mick Harvey, Linton Kwesi Johnson

Länge: 94 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „A Dog called Money“

Metacritic über „A Dog called Money“

Rotten Tomatoes über „A Dog called Money“

Wikipedia über PJ Harvey (deutsch, englisch)

Homepage von PJ Harvey

AllMusic über PJ Harvey


Neu im Kino/Filmkritik: „Marianne & Leonard: Words of Love“ von Leonard Cohen an Marianne Ihlen

November 8, 2019

So long, Marianne“ ist ein Songs von Leonard Cohens erster, Ende 1967 erschienener LP „Songs of Leonard Cohen“. Er ist, wie die ebenfalls auf der LP enthaltenen Songs „Suzanne“, „Sisters of Mercy“ und „Hey, that’s no way to say Goodbye“, einer seiner Klassiker.

In seinem neuen Dokumentarfilm „Marianne & Leonard: Words of Love“ zeigt Nick Broomfield die Geschichte hinter dem Lied. Zu seinen bisherigen Arbeiten gehören „Aileen: Life and Death of a Serial Killer“, „Battle for Haditha“ und „Whitney – Can I be me“.

Die von Cohen in seinem Lied angesprochene „Marianne“ ist die Norwegerin Marianne Ihlen. Cohen lernte sie 1960 auf der griechischen Insel Hydra kennen.

Damals lebte sie auf Hydra mit ihrem Mann, dem Schriftsteller Axel Jensen, und ihrem gemeinsamen Sohn. Sie lernten sich kennen, verbrachten Zeit miteinander und verliebten sich. Sie war eine von Cohens zahlreichen Freundinnen und Musen, die ihn zu mehreren Liedern inspiriert. Das war nie ein Geheimnis. Auch wenn man die von Broomfield in seiner Dokumentation ausführlich geschilderten Liebes- und Beziehungshintergründe und das freizügige Leben der Ausländer in Griechenland zwischen freier Liebe, Drogen und Künstlertum nicht genau kannte.

Diese Beschreibung des Lebens der Bohemien-Künstlergemeinschaft auf der Insel, der Beziehung zwischen Marianne Ihlen und Leonard Cohen, Cohens ersten Schritten als Musiker und ihrer Trennung sind der stärkste Teil von Broomfields Doku.

In der zweiten Hälfte schildert er ihr weiteres Leben und ihre lebenslange Freundschaft bis zu ihrem Tod. Ihlen starb im Juni 2016, Cohen im November 2016. Bei Marianne Ihlen verlief das weitere Leben, abseits des Rampenlichts der Medien, recht ereignislos in ihrer Heimat in bürgerlichen Bahnen. Cohens Leben als Musiker, sein jahrelanger Rückzug als Buddhist ins Mount Baldy Zen Center und seine aufgrund finanzieller Probleme notwendige und sehr erfolgreiche Rückkehr in das Musikgeschäft mit mehreren CDs und umjubelten Tourneen verlief im Rampenlicht der Öffentlichkeit und würde sich problemlos für mindestens eine ausführliche Dokumentation eignen.

Aber wie Broomfield in der dieser zweiten Filmhälfte willkürlich Ereignisse aus Cohens Leben hervorhebt, ist absolut ärgerlich. Da fehlen dann ganze Jahre, Platten und wichtige Songs wie „First we take Manhattan“, während „Hallelujah“ über mehrere Minuten abgefeiert wird. Seine Zeit im Kloster wird mit einigen bizarr anmutenden Bildern von Rōshi Kyozan Joshu Sasaki und Cohen als seinem Diener illustriert. Diese Bilder aus fast fünfzig Jahren wirken, als habe Broomfield verzweifelt Material gesucht, um auf die richtige Länge zu kommen, und als habe er dafür einfach alles genommen, was gerade vorhanden war. Dieses Material ist im Rahmen der Schilderung einer Beziehung denkbar uninteressant.

Für Cohen-Fans ist „Marianne & Leonard: Words of Love“ natürlich sehenswert.

Marianne & Leonard: Words of Love (Marianne & Leonard: Words of Love, USA 2019)

Regie: Nick Broomfield

Drehbuch: Nick Broomfield

mit Nick Broomfield (Erzähler), Marianne Ihlen, Leonard Cohen

Länge: 97 Minuten

FSK: ?

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Marianne & Leonard: Words of Love“

Metacritic über „Marianne & Leonard: Words of Love“

Rotten Tomatoes über „Marianne & Leonard: Words of Love“

Wikipedia über „Marianne & Leonard: Words of Love“

Meine Besprechung von Nick Broomfield/Rudi Dolezals „Whitney – Can I be me“ (Whitney: Can I be me, USA/Großbritannien 2017)


Neu im Kino/Filmkritik: „Wer 4 sind“ über die HipHop-Band „Die Fantastischen Vier“

September 16, 2019

Muss man „Die Fantastischen Vier“ noch vorstellen? Seit dreißig Jahren machen die vier Jungs aus Stuttgart gemeinsam Musik. Mit „Die da!?!“ hatten sie 1992 ihren Durchbruch. Nach diesem kindischen Partyhit entwickelten die Hip-Hopper sich schnell weiter. Sie sind schon seit Ewigkeiten ein fester Bestandteil der deutschen Musikszene. Außerdem besteht die Band, abgesehen von den Tourmusikern, immer noch aus den vier Gründungsmitgliedern.

In „Wer 4 sind“ dokumentiert Thomas Schwendemann die Arbeit von der Michi Beck, Thomas D, And.Ypsilon und Smudo an ihrer neuen Hip-Hop-CD „Captain Fantastic“ von den ersten improvisierten Gedankensammlungen für die neue CD bis zur Präsentation der CD vor Publikum.

Dazwischen gibt es Szenen aus dem Leben von Smudo, Thomas D, And.Ypsilon und Michi Beck, die alle sehr sympathisch und bodenständig rüberkommen, und einen kurzen Rückblick zu ihren Anfängen in Stuttgart.

Die unkritische und oberflächliche Doku ist eigentlich die perfekte Beigabe zur CD. Sie ist hundertfünfzigprozentiger Fanservice, der sich auch nur an die Fans richtet. Ein zufälliger Besucher erfährt nichts essentielles über die Band, ihre Geschichte und ihre Position im deutschen Hip-Hop. Ihre Musik wird immer nur so kurz angespielt, dass jemand, der die Band nicht kennt, nach dem Abspann ahnt, dass sie Hip-Hop spielen könnten. Aber ob ihm die Musik gefallen könnte, weiß er nicht.

Fans der Band werden das selbstverständlich ganz anders sehen.

Wer 4 sind (Deutschland 2019)

Regie: Thomas Schwendemann

Drehbuch: Thomas Schwendemann

mit Michi Beck, Thomas D, And.Ypsilon, Smudo, Clueso, Samy Deluxe, Afrob, Curse, Damion Davis, DJ Thomilla

Länge: 106 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

alternative Schreibweise: „Wer Vier sind“

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Wer 4 sind“

Moviepilot über „Wer 4 sind“

Wikipedia über „Die fantastischen Vier

Homepage der Band


Schöne Musik: Steve Coleman & Five Elements

September 4, 2019

Am 23. Juli 2016 spielte Steve Coleman mit seiner Band „5 Elements“ auf der Heineken Jazzaldia in Donostia, Spanien.

Die Band: Steve Coleman (alto sax), Jonathan Finlayson (trumpet), Miles Okazaki (guitar), Anthony Tidd (electric bass), Sean Rickman (drums); Gastmusiker: Ravi Coltrane (tenor sax)


Neu im Kino/Filmkritik: „Carmine Street Guitars“, wo die Musik spielt

August 29, 2019

Carmine Street Guitars ist ein Geschäft in der Carmine Street 42 in Greenwich Village, New York. In dem Ladenlokal fertigt Rick Kelly seit 1990 seine E-Gitarren. Gitarren baut er seit den späten siebziger Jahren und zu seinen Kunden gehören einige sehr bekannte Gitarristen, wie Lou Reed.

Eines Tages erzählte Jim Jarmusch Ron Mann von Rick Kelly und seinem Geschäft. Mann entschloss sich, einen Film über Kelly, seine Auszubildende Cindy Hulej, ihre Arbeit und ihre Kunden zu drehen.

Dafür wählte er in seinem Dokumentarfilm „Carmine Street Guitars“ die ebenso einfache wie tragfähige Struktur einer Arbeitswoche, in der Rick Kelly täglich seinen Laden öffnet und schließt. Seine Mutter Dorothy Kelly putzt den Laden und erledigt Bürotätigkeiten. Rick Kelly und Cindy Hulej bauen in der Werkstatt Gitarren und im Laden reden sie mit ihren Kunden. Diese Gespräche mit Christine Bougie (Bahamas), Nels Cline (Wilco, aber auch ein erfolgreicher Jazz-Gitarrist), Kirk Douglas (The Roots), Eleanor Friedberger, Bill Frisell, Dallas Good (The Sadies), Travis Good (The Sadies), Dave Hill, Jaime Hince (The Kills), Stewart Hurwood, Lenny Kaye (Patti Smith Band), Marc Ribot (u. a. Tom Waits), Charlie Sexton (Bob Dylan Band) und Regisseur Jim Jarmusch (Sqürl) laufen immer gleich ab. Der Musiker, – meistens ein weißer, etwas älterer Mann -, erzählt etwas über sich, Kelly erzählt etwas über seine Arbeit, manchmal fachsimpeln sie etwas und der Musiker probiert die Gitarre aus indem er einen Song spielt.

Diese Struktur ähnelt Wayne Wang und Paul Austers prominent besetzter, inzwischen auch schon über zwanzig Jahre alter Impro-Komödie „Blue in the Face“. Dort trafen sich in einem fiktiven Tabakladen in Brooklyn unter anderem Jim Jarmusch, Lou Reed, Michael J. Fox, Lily Tomlin und Madonna zu einem Plausch.

In „Carmine Street Guitars“ funktioniert diese Idee ebenfalls ausgezeichnet. Auch wenn Kellys Gespräche mit seinen Kunden mit der Zeit etwas redundant werden. Es ist einfach nur der nächste bekannte Gitarrist, der das urgemütliche Geschäft betritt und über Kellys Gitarren schwärmt. Deren Korpus und Hals ist aus dem Holz alter New-Yorker-Gebäude, die meistens abgerissen wurden. Und so erzählt jede dieser Gitarren auch etwas über die Millionenstadt und ihre Veränderungen.

Carmine Street Guitars“ ist vor allem ein Film für Gitarrenfans, die gute Musik zu schätzen wissen.

Carmine Street Guitars (Carmine Street Guitars, Kanada 2018)

Regie: Ron Mann

Drehbuch: Len Blum

mit Rick Kelly, Cindy Hulej, Dorothy Kelly, Eszter Balint, Christine Bougie, Nels Cline, Kirk Douglas, Eleanor Friedberger, Bill Frisell, Dallas Good, Travis Good, Dave Hill, Jaime Hince, Stewart Hurwood, Jim Jarmusch, Lenny Kaye, Marc Ribot, Charlie Sexton

Länge: 80 Minuten

FSK: ?

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Carmine Street Guitars“

Metacritic über „Carmine Street Guitars“

Rotten Tomatoes über „Carmine Street Guitars“

Wikipedia über „Carmine Street Guitars“

Meine Besprechung von Ron Manns Doku „Altman“ (Altman, Kanada 2014)

Homepage von Carmine Street Guitars (wer nach dem Film eine neue Gitarre kaufen will)

Und ein Q&A mit Ron Mann, Rick Kelly, Cindy Hulej und Musiker G. E. Smith


Jens Balzer im Geflecht von „Pop und Populismus“

August 26, 2019

Popmusik ist ohne Provokationen nicht denkbar. Und wenn es nur ein Hüftschwung im Fernsehen ist. Gleichzeitig drückt Popmusik kollektive Gefühle aus. Seit Jahrzehnten gab es sogar eine tiefe Verbindung zwischen Subkulturen, normalerweise Jugendkulturen, Musik und politischen Ansichten und Botschaften. Zum Pop wurde die Musik, wenn sie über die enge subkulturelle Szene hinaus erfolgreich war, viele Käufer (was regelmäßig zu Ausverkauf-Rufen führt) und Nachahmer fand. Denn Pop definiert sich, wenn es um kulturelle Relevanz geht, nicht unbedingt aus den ersten Plätzen der Hitparade (vor allem nicht der deutschen Hitparade). Trotzdem beschäftigt Musikjournalist Jens Balzer sich in seinem neuen Buch „Pop und Populismus – Über Verantwortung in der Musik“ viel mit kommerziell erfolgreichen Künstlern, ihren Texten und den Umgang der Gesellschaft mit den in den Texten mehr oder weniger deutlich vorhandenen Botschaften. Im Zentrum stehen dabei deutschsprachige Musiker.

Folgerichtig beginnt das schmale, aber inhaltsreiche Buch mit der Echo-Preisverleihung 2018 an die Rapper Kollegah und Farid Bang, die den Preis für das beste deutsche HipHop-Album erhalten sollten. Die Qualität des Albums bestand in der Höhe seiner Verkaufszahlen. Zum Skandal wurde die Preisverleihung, weil Musiker und Journalisten sich gegen die Verleihung des Preises des Bundesverband der deutschen Musikindustrie an Musiker aussprachen, deren Texte sexistisch und gewaltverherrlichend sind und die Opfer der Shoah verhöhnen.

Diese Preisverleihung und die darauf folgende Einstellung des Echo-Preises (der schon immer wegen seiner Missachtung jeglicher künstlerischer Kriterien ein sinnfreier Preis für verkaufte Platten war) ist für Balzer der Startpunkt für eine Reise durch rechte und reaktionäre Musik, die von einem breiteren Publikum gehört wird. Es geht um den Zusammenhang zwischen rechtem, populistischen Denken und der Popkultur, die, wie gesagt, hier vor allem Popmusik ist. Neben den schon genannten Kollegah und Farid Bang, beschäftigt Balzer sich mit Bushido, Frei.Wild und ‚Volks-Rock’n’Roller‘ Andreas Gabalier.

Dabei fällt immer wieder auf, dass diese Musiker zwar mit rechten Zeichen, Symbolen und Weltbildern spielen, frauenfeindliche und reaktionäre Botschaften haben, sie sich aber nicht zur Identitären Bewegung und den Neuen Rechten bekennen. Stattdessen behaupten sie in höchstens halbherzigen Distanzierungen, dass sie missverstanden würden.

Pop, der den Ansprüchen der Neuen Rechten und den Identitären genügt, wäre nach ihren Forderungen „männlich, weiß und möglichst frei von allen Arten der Hybridität und der kulturellen Vermischung“. Diesem Anspruch genügt dann ein Soldatenlied aus den 20ern, der „Jägermarsch“, die „Sternpolka“ und das „lebendige Brauchtum“ (echt jetzt?) des Volkstanzes. Manchmal werden, ohne tiefergehende Kenntnis der Stile, der Black Metal der Neunziger, der Hardcore der Straight-Edge-Bewegung und der Punkrock der siebziger Jahre genannt. Manchmal nennen rechte Vor-/Denker wie Richard Spencer auch Bands wie Depeche Mode, die sich prompt gegen diese Vereinnahmung wehren.

Der Erfolg rechtsextremer und rechtspopulistischer Parteien bei Wahlen hat, wie Balzer feststellt, keine Entsprechung in der Popkultur. Die Rechtsextremen haben keine eigene Musik und sind damit auch nicht popkulturell wirkmächtig.

Der Grund dafür ist ziemlich banal. Wie Balzer ausführt, ist Popmusik von ihrem Wesen her immer grenzüberschreitend. Sie verbindet Dinge, sie empfindet das Fremde und Unbekannte als Bereicherung, sie überschreitet in jeder Beziehung Grenzen, sie richtet sich gegen die herrschenden Verhältnisse (gut, das würde rechte Popmusik auch tun) und sie entwirft ein Bild einer anderen, einer utopischen Gesellschaft.

Balzer konzentriert sich in „Pop und Populismus“, bis auf ein in diesem Zusammenhang leicht deplatziert wirkendes Kapitel über den US-HipHop, auf Deutschland und die Diskussionen der letzten Jahre. Er verliert auch einige Worte über die Kritik von Links an der Popmusik, die vor allem ein moralischer Rigorismus ist. Da wird dann, zum Beispiel, darauf gepocht, dass weiße Musiker sich nicht fremder Kulturen und Sounds bedienen sollen. Mit dem alten linken emanzipatorischem Denken hat das nichts zu tun. Und es sind auch etwas merkwürdige Vorwürfe. Denn jedes Reinheitsgebot verführt zu einer Verflachung von Popmusik.

Pop und Populismus“ ist keine groß angelegte historische Studie, wie sein fast zeitgleich erschienene Epos „Das entfesselte Jahrzehnt – Sound und Geist der 70er“. Er verzichtet auch darauf, seine Beobachtungen sprachgewaltig in große theoretische Gedankengebäude zu integrieren. Das tun eher Diedrich Diedrichsen und der Filmkritiker Georg Seeßlen. Er bietet nur einen Überblick über popkulturelle Diskussionen der letzten Jahre an und fragt nach der Verantwortung in der Musik.

Lesenswert; auch für Menschen, die sich nicht für Musik interessieren.

Jens Balzer: Pop und Populismus – Über Verantwortung in der Musik

Edition Körber, 2019

208 Seiten

17 Euro

Hinweise

Edition Körber über „Pop und Populismus“

Perlentaucher über „Pop und Populismus“

 


%d Bloggern gefällt das: