Neu im Kino/Filmkritik: Margarethe von Trotta ist „Auf der Suche nach Ingmar Bergman“

Juli 12, 2018

Ingmar Bergman ist einer der großen Regisseure der Kinogeschichte und etliche renommierte Regisseure bekennen freimütig, wie sehr Bergman sie beeinflusste. Auch Margarethe von Trotta gehört zu seinen Bewunderern. Als Achtzehnjährige sah sie in den frühen sechziger Jahren in Paris „Das siebente Siegel“ und war sofort begeistert. Bergmans Drama unterschied sich vollständig von den Filmen, die normalerweise in deutschen Kinos gezeigt wurden. Sie wurde später wegen diesem Film Schauspielerin und Regisseurin. Ihren Film „Die bleierne Zeit“ nahm Bergman in einer Liste seiner zehn Lieblingsfilme auf.

Heute sind die Filme des am 30. Juli 2007 auf Fårö gestorbene schwedische Regisseur Ingmar Bergman fast unbekannt. Jedenfalls beim breiten Publikum. Im Gegensatz zu den oft im Fernsehen laufenden Filmen von Alfred Hitchcock oder Stanley Kubrick werden Bergmans Filme selten im Fernsehen gezeigt. Auf DVD sind sie zwar erhältlich, aber halt nicht als Stapelware oder Angebot der Woche im nächsten Elektronik-Handel.

Denn Ingmar Bergmans Filme sind schwere Kost. Seine bekanntesten Film – „Das Lächeln einer Sommernacht“ (1956), „Das siebente Siegel“ (1957), „Wilde Erdbeeren“ (1958), „Das Schweigen“ (1963), „Persona“ (1966) und „Die Stunde des Wolfs“ (1968) – entstanden bereits vor über fünfzig Jahren und es sind SW-Filme. „Szenen einer Ehe“ (1973) und „Das Schlangenei“ (1977) waren spätere Erfolge, ehe er mit dem dreistündigen Epos „Fanny und Alexander“ 1982 seinen mit dem Filmstart angekündigten Abschied vom Kino nahm. Er inszenierte danach weitere Filme. Aber für das Kino war er verloren. Es waren TV-Arbeiten, die alle nicht die lange anhaltende Rezeption und Bekanntheit seiner Kinofilme haben.

Seit Mitte der siebziger Jahren inszenierte Bergman vor allem Theaterstücke. Unter anderem arbeitete er viele Jahre am Münchner Residenztheater. Teilweise waren diese Stücke die Grundlage für spätere Filme, wie „Herbstsonate“ (1978) und „Aus dem Leben der Marionetten“ (1980), ein TV-Film mit Robert Atzorn, Rita Russek und Gaby Dohm, die damals zum Ensemble des Residenztheaters gehörten.

Mit Russek und Dohm unterhielt von Trotta sich für ihr Doku-Essay „Auf der Suche nach Ingmar Bergman“. Ihr erster Dokumentarfilm ist formal mit seiner Mischung aus Filmausschnitten, Archivaufnahmen und sprechenden Köpfen ein konventioneller Dokumentarfilm. Allerdings interessiert sie sich nicht dafür, chronologisch und möglichst umfassend Bergmans Werk vorzustellen. Sie geht auch davon aus, dass man Ingmar Bergmans Werk und seine Bedeutung für die Filmgeschichte wenigstens rudimentär kennt. Sonst hätte sie mehr auf Bergmans Klassiker und weniger auf seine Zeit in Deutschland konzentriert, wohin er 1976 nach einer schnell fallengelassenen Klage wegen Steuerhinterziehung floh und die nächsten Jahre vor allem am Theater arbeitete.

Neben Russek und Dohm unterhielt von Trotta sich für den Film mit anderen Filmschaffenden, wie Jean-Claude Carrière, Olivier Assayas, Carlos Saura und Ruben Östland, Menschen, die mit Bergmann arbeiteten, wie die Schauspielerin Liv Ullmann, seine Assistenten Katinka Faragó und Johannes Kaetzler (am Bayerischen Staatsschauspiel), und Bergmans Kindern Daniel und Ingmar. Insgesamt war Bergman fünfmal verheiratet und er hat neun Kinder. In diesen Gesprächen wird auf Bergmans problematische Persönlichkeit, seine Themen und sein Umgang mit seinen Ehefrauen und Kindern eingegangen. Das eröffnet einen intimen Blick auf Bergman und am Ende des Films will man wieder einen Bergman-Film sehen.

Auf der Suche nach Ingmar Bergman (Deutschland 2018)

Regie: Margarethe von Trotta, Felix Moeller (Co-Regie), Bettina Böhler (Co-Regie)

Drehbuch: Margarethe von Trotta, Felix Moeller

mit Ingmar Bergman (Archivaufnahmen), Margarethe von Trotta, Liv Ullmann, Daniel Bergman, Ruben Östlund, Mia Hansen-Love, Carlos Saura, Olivier Assayas, Stig Björkman, Gunnel Lindblom, Jean-Claude Carriére, Ingmar Bergman Jr., Katinka Faragó, Jan Holmberg, Johannes Kaetzler, Gaby Dohm, Rita Russek, Halfdan Ullman Tøndel, Mia Hansen-Løve, Julia Dufvenius

Länge: 99 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Filmportal über „Auf der Suche nach Ingmar Bergman“

Moviepilot über „Auf der Suche nach Ingmar Bergman“

Rotten Tomatoes über „Auf der Suche nach Ingmar Bergman“

Wikipedia über Ingmar Bergman (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Margarethe von Trottas “Hannah Arendt” (Deutschland 2012; DVD-Besprechung)

Ingmar Bergman im TV

Eigentlich ist ein Geburtstag oder Todestag für die TV-Sender eine willkommene Gelegenheit, noch einmal all die wichtigen und weniger wichtigen Filme des Geehrten zu zeigen. Und wenn das wichtige Datum im Sommer während einer Fußball-WM ist, müssen die Programmplaner sich beim Plündern der Archive auch keine Gedanken mehr über die Quote machen.

Aber bei Ingmar Bergman wird wenig gezeigt und bei einem Sender, von dem man es nicht erwartet hätte, scheint ein fanatischer Ingmar-Bergman-Fan zu sitzen, der sein Wunschprogramm sogar ohne Werbepausen präsentieren darf.

Gezeigt werden

Samstag, 14. Juli

3sat, 20.15: Ingmar Bergman – Herr der Dämonen (Dokumentarfilm, TV-Premiere)

3sat, 21.15: Szenen einer Ehe (Schweden 1973)

Tele 5, 20.15: Das siebente Siegel (Schweden 1956)

Tele 5, 21.45: Wilde Erdbeeren (Schweden 1957)

Tele 5, 23.15: Das Schweigen (Schweden 1963)

Sonntag, 15. Juli

Tele 5, 20.15: Fanny und Alexander (Schweden/Deutschland/Frankreich 1983) (Kinofassung)

Tele 5, 23.10: Fanny und Alexander (Schweden/Deutschland/Frankreich 1983) (Vierteilige TV-Fassung)

Tele 5, 04.10: Das siebente Siegel (Schweden 1956)

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Neu im Kino/Filmkritik: Das „Wonder Wheel“ des Woody Allen

Januar 12, 2018

Der alljährliche Woody-Allen-Film heißt dieses Jahr „Wonder Wheel“. Er spielt in den fünfziger Jahren auf Coney Island, der Jahrmarkt-Vergnügungsmeile der New Yorker mit angrenzendem Badestrand. Der Film hat all die Insignien, die wir von einem Woody-Allen-Film kennen – bekannte Schauspieler, Geschlechterkämpfe, Mafiosi und Witze – und doch erscheint er in der Rezeption anders als seine früheren Filme. Das liegt an der Inszenierung, die mit ihrer fast bewegungslosen Kamera und den wenigen Schnitten, das theaterhafte der Geschichte betont. Es liegt auch an der aktuellen Diskussion über sexuelle Belästigung, in die Woody Allen auch involviert ist. Als Täter. Und gerade im Licht dieser Diskussion erscheinen etliche Szenen aus „Wonder Wheel“ in einem anderen Licht. Ein Licht, in dem es nicht mehr um den offensichtlichen Inhalt der Szene, sondern um die Interpretation der Szene aufgrund bestimmter Informationen und Diskussionen geht. In diesen Momenten ist die Person des Autors als deutlich älterer, kein schlechtes Gewissen oder moralische Bedenken habenden Mann, der eine deutlich jüngere Frau bewundert, sexualisiert und sie sich gefügig macht, überdeutlich zu sehen. Es ist kein schönes Bild.

Dabei steht mit Ginny (Kate Winslet) eine ältere Frau im Mittelpunkt des Films. Sie lebt mit Humpty (Jim Belushi), einem Trinker und Schwätzer, auf Coney Island, träumt noch von ihrer Karriere als Theaterschauspielerin, arbeitet als Bedienung in einem Meeresfrüchte-Imbiss und ist eine Schnapsdrossel. Sie ist eine Variation der „Endstation Sehnsucht“-Schönheit Blanche DuBois. Sowieso erinnert „Wonder Wheel“ immer wieder an das bekannte Tennessee-Williams-Stück.

Ihr Sohn Richie (Jack Gore) legt währenddessen in jeder Mülltonne, die er sieht, Feuer. Aber das ist mehr ein Running Gag als ein für die Handlung wichtiges Element.

Mickey (Justin Timberlake) ist der mehr oder weniger zuverlässige Erzähler der Filmgeschichte (Okay, wie viel Fantasie brauchen wir, um ihn als alter ego des 1935 geborenen Woody Allen zu sehen?). Er arbeitet als Rettungsschwimmer auf Coney Island. Gleichzeitig schreibt der Student, der sich als kommenden Dichter von Weltrang sieht, ein Theaterstück und er verliebt sich Hals über Kopf in die leicht verlebte Ginny.

Bevor er Ginny kennen lernt, taucht Carolina (Juno Temple) auf der Vergnügungsmeile auf. Sie ist die Tochter von Humpty. Vor fünf Jahren heiratete sie einen kleinen Mafiosi und zerstritt sich darüber hoffnungslos mit ihrem Vater. Weil sie mit dem FBI über die illegalen Geschäfte ihres Mannes plauderte, musste sie vor ihm und seinen Mafia-Freunden flüchten. Ihre letzte Hoffnung auf einen Unterschlupf ist ihr Vater. Denn niemand wird glauben, dass sie ihn jemals um Hilfe bitten wird. Genau das tut die verzweifelte Blondine und Humpty hilft seiner zurückgekehrten Tochter in jeder Beziehung und mit überschwänglichen Gefühlen.

Auch Mickey bandelt mit Carolina an. Als Ginny das ahnt, ist sie darüber sehr verärgert. Und dann hören sich Mafiosi nach Carolina um.

Die Geschichte spielt vor allem in Ginnys Ein-Zimmer-Apartment, in dem sie mit Mann und Sohn und Blick auf den Vergnügungspark lebt und das schon von seinem Grundriss an eine Theaterbühne erinnert. Dort prallen die Emotionen aufeinander. In langen Szenen, in denen die Schauspieler, mehr stehend oder sitzend als sich durch den Raum bewegend, mehr in Mono- als Dialogen reden und die ihre wahre Heimat im Theater haben. Die Kamera verharrt in diesen Momenten bewegungslos in der Totalen und Kameramann Vittorio Storaro („Der letzte Tango in Paris“, „Apocalypse Now“, „Einer mit Herz“), der nach „Café Society“ zum zweiten Mal mit Woody Allen zusammen arbeitet, beschränkt sich auf das Aufnehmen schöner Gemälde, in denen die Vergangenheit museal ausgestellt wird.

Die in dem Stoff angelegten burlesken Liebesreigen interessieren Woody Allen nicht. Dafür geht es dann doch zu sehr, ohne jemals auch nur halbwegs in die Tiefe des Stoffes zu gehen, in Richtung Drama.

Das ist nicht wirklich schlecht und Allen-Fans finden genug Details für weitergehende Analysen. Aber er inszenierte die neueste Ausgabe seiner allseits bekannten Themen, Konflikte und Witze viel zu sehr auf Autopilot, routiniert und ohne erkennbares Engagement, um zu begeistern. „Wonder Wheel“ ist ein dialoglastiges Theaterstück, in dem die schnellste Bewegung der Schluck aus der Schnapstasse ist.

Wonder Wheel (Wonder Wheel, USA 2017)

Regie: Woody Allen

Drehbuch: Woody Allen

mit Jim Belushi, Juno Temple, Justin Timberlake, Kate Winslet, Max Casella, Jack Gore, David Krumholtz, Tony Sirico, Steve Schirripa

Länge: 102 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Wonder Wheel“

Metacritic über „Wonder Wheel“

Rotten Tomatoes über „Wonder Wheel“

Wikipedia über „Wonder Wheel“ (deutsch, englisch)

Homepage von Woody Allen

Deutsche Woody-Allen-Seite

Meine Besprechung von Robert B. Weides „Woody Allen: A Documentary“ (Woody Allen: A Documentary, USA 2012)

Meine Besprechung von Woody Allens “To Rome with Love” (To Rome with Love, USA/Italien 2012)

Meine Besprechung von Woody Allens “Blue Jasmine” (Blue Jasmine, USA 2013)

Meine Besprechung von Woody Allens “Magic in the Moonlight” (Magic in the Moonlight, USA 2014)

Meine Besprechung von John Turturros “Plötzlich Gigolo” (Fading Gigolo, USA 2013 – mit Woody Allen)

Meine Besprechung von Woody Allens “Irrational Man” (Irrational Man, USA 2015)

Meine Besprechung von Woody Allens „Café Society“ (Café Society, USA 2016)

Woody Allen in der Kriminalakte  


Neu im Kino/Filmkritik: „Die Schöne und das Biest“ als Realfilm-Musical

März 16, 2017

Am Anfang läuft Emma Watson als Belle singend durch das französische Klischeedorf Villeneuve. Die Dorfbewohner sind ein singender und tanzender Chor und spätestens jetzt ist klar: „Die Schöne und das Biest“ ist ein Musical, das sich vollumfänglich in der Tradition bewegt, in der ganze Dörfer zu Kulissen für Gesangsnummern werden und Lieder die Handlung ersetzen. Entsprechend vernachlässigbar ist diese. Die Figuren gewinnen allein durch ihren Gesang Dimensionen.

Die sattsam bekannte Geschichte lässt sich mühelos in einem Satz zusammenfassen. Durch einen Fluch verwandelt sich der selbstsüchtige Prinz (Dan Stevens) in das titelgebende Biest. Erst wenn sich eine Frau in ihn verliebt, werden er und sein Hofstaat wieder zu Menschen.

Belle begibt sich, um ihren Vater zu befreien, in die Hände des grummeligen Biestes. Im Schloss freundet sie sich mit dem Kerzenleuchter Lumière, der Kaminuhr von Unruh, der Teekanne Madame Pottine, ihrem Sohn Tassilo, einer Teetasse, dem Kleiderschrank Madame de Garderobe, dem Staubwedel Plumette und dem Cembalo Maestro Cadenza an. Sie sind alle verwandelte Schlossbesucher; gesprochen und an wenigen Drehtagen gespielt von Ewan McGregor, Ian McKellen, Emma Thompson, Nathan Mack, Audra McDonald, Gugu Mbatha-Raw und Stanley Tucci. Außerdem ist Belle von der Schlossbibliothek begeistert. Denn sie ist nicht nur jung und schön, sondern auch klug und belesen.

Ihre freiwillige Gefangenschaft ist daher ganz erträglich, wenn dem Schlossherrn aufgrund des Fluchs nicht die Zeit für eine Rückverwandlung davonliefe und der aufgeblasene Dorfschnösel Gaston (Luke Evans) sie befreien und ehelichen möchte.

Sprechende, singende und tanzende Kerzenleuchter, Uhren, Kleiderschränke und Teekannen kennen Disney-Fans bereits aus dem erfolgreichen 1991er Zeichentrickfilm „Die Schöne und das Biest“ (Regie: Dick Purdom, Drehbuch: Linda Woolverton). Er war auch die Vorlage für Bill Condons jetzt im Kino laufende Neuinterpretation. Die Originalsongs von Alan Menken und Howard Ashman aus der 1991er Verfilmung, ergänzt um drei Songs, die Alan Menken jetzt mit Tim Rice schrieb, werden in Condons Film gesungen. Außerdem hat Condon mit 130 Minuten Laufzeit 45 Minuten mehr Zeit als Dick Purdom, der die Geschichte in 85 Minuten erzählen musste. Da kann schon ein Lied mehr geträllert und am Ende länger im Schloss gekämpft werden.

Condons Film sieht natürlich gut aus, hat etwas Humor, ist immer geschmackvoll und spricht, wie man es von Disney gewohnt ist und erwartet, Junge und Ältere an. Zur Identifikation gibt es eine taffe Heldin und ein äußerlich hässliches, in seinem Inneren zutiefst sympathisches, an sich selbst zweifelndes, überhaupt nicht furchterregendes Monster. Oh, und ein, zwei echte Überraschungen, wie – erstmals in einem Disney-Film – einen offen schwulem Charakter. Der sorgte dann auch gleich für einige Kontroversen. In Russland ist der Kinderfilm, nachdem er zunächst überhaupt nicht gezeigt werden sollte, jetzt frei ab sechzehn Jahre. Malaysia überlegt noch, wie sie mit dem Problem umgehen soll.

Aber wer Musicals wie die Pest hasst, wird höchstens erleichtert feststellen, dass in der zweiten Filmhälfte weniger gesungen wird. Jedenfalls fällt es nicht mehr so negativ auf. Außerdem hat Condons „Die Schöne und das Biest“ erstaunlich wenig mit der letzten Verfilmung des Märchens zu tun. Die 2013er Verfilmung von Christophe Gans mit Léa Seydoux und Vincent Cassel gefiel mir allerdings deutlich besser. Wahrscheinlich weil nicht gesungen wurde und alles etwas komplexer als in Disneys Musical-Version ist.

Die Schöne und das Biest (Beauty and the Beast, USA 2016)

Regie: Bill Condon

Drehbuch: Stephen Chbosky, Evan Spiliotopoulos (basierend auf Linda Woolvertons 1991er Drehbuch „Die Schöne und das Biest“)

mit Emma Watson, Dan Stevens, Luke Evans, Kevin Kline, Josh Gad, Ewan McGregor, Stanley Tucci, Gugu Mbatha-Raw, Audra McDonald, Hattie Morahan, Nathan Mack, Ian McKellen, Emma Thompson

Länge: 130 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Die Schöne und das Biest“

Metacritic über „Die Schöne und das Biest“

Rotten Tomatoes über „Die Schöne und das Biest“

Wikipedia über „Die Schöne und das Biest“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Bill Condons „Inside Wikileaks – Die fünfte Gewalt“ (Inside Wikileaks, USA 2013)

Meine Besprechung von Bill Condons „Mr. Holmes“ (Mr. Holmes, Großbritannien 2015)


Verfilmte Bücher (mit Kritik des TV-Films): „Inspektor Jury spielt Katz und Maus“ ist „Inspektor Jury spielt Katz und Maus“

Januar 8, 2017

Am Dienstag, den 10. Januar, zeigt das ZDF um 20.15 Uhr seine dritte Martha-Grimes-Verfilmung „Inspektor Jury spielt Katz und Maus“. Die Österreicher konnten sie schon am 6. Januar sehen und sich angesichts der beteiligten Personen, die schon in die vorherigen Grimes-Verfilmungen involviert waren, davon überzeugen, dass das unterirdische Niveau der vorherigen beiden Jury-Filme mühelos gehalten wird.

Ihren ersten Inspektor-Jury-Roman „Inspektor Jury schläft außer Haus“ (The Man With a Load of Mischief) veröffentlichte Martha Grimes 1981. Für „Inspektor Jury sucht den Kennington-Smaragd“ (The Anodyne Necklace, 1983) erhielt sie den Nero Wolfe Award. Der neunte Jury-Roman „Inspektor Jury besucht alte Damen“ (The Five Bells and Bladebone, 1987) war ihr erster Roman auf der „New York Times“-Bestsellerliste. Seit Ewigkeiten sind die deutschen Übersetzungen ihrer Romane bei verschiedenen Verlagen in unzähligen Ausgaben gut erhältlich. 2012 ernannten die Mystery Writers of America sie zum Grand Master.

Der jetzt verfilmte Krimi „Inspektor Jury spielt Katz und Maus“ ist der siebte von inzwischen 23 Jury-Romanen und es handelt sich eigentlich um einen Nicht-Fall. In – ich folge jetzt der Romangeschichte – Ashdown Dean stirbt in einer Telefonzelle Una Quick. Alles spricht, auch wenn die Umstände etwas ungewöhnlich sind, für einen natürlichen Todesfall. Die alte Dame hatte einen Herzinfarkt. Weil die Tote von Polly Praed entdeckt wurde und sie Melrose Plant darüber informiert, ist Richard Jury schnell involviert.

Plant ist ein Adliger, der seinen Adelstitel ablegte und ständiger Begleiter von Scotland-Yard-Superintendent Richard Jury ist. Jury wird nur auf den deutschen Buchtiteln mit konstanter Boshaftigkeit zum „Inspektor“ degradiert.

Jury will in Ashdown Dean ein wenig herumschnüffeln und dabei seinen beiden Freunden Plant und Praed helfen.

Nach diesem Set-Up verliert der Fall in der englischen Provinz schnell jede Struktur in einem Dickicht von Sub- und Nebenplots, die spannungsfrei mehr die Seiten füllen als die Ermittlungen irgendwie voran zu bringen. Jedenfalls gibt es weitere seltsame Todesfälle; den dritten, schon im Klappentext angekündigten Toten gibt es auf Seite 204. Der Roman endet auf Seite 250. Ein von einer Baronin quasi adoptierter Teenager mit seltsamer, in epischer Breite geschilderter (und deshalb für die Lösung wichtiger) Vergangenheit, einem großen Herz für Tiere und einer riesigen Abneigung gegen eine Tierversuchsanlage (die am Ende als Handlungsort wichtig wird) streunt durch die englischen Wälder und erteilt Tierquälern handfeste Lektionen. Und, immerhin steht Martha Grimes in der Tradition von Agatha Christie, eine Baronin mit Hang zum Alkohol ist auch in den Fall involviert.

Letztendlich ist „Inspektor Jury spielt Katz und Maus“ ein reichlich konfuses Werk mit einer auch im Nachhinein kaum nachvollziehbaren Geschichte und einer kryptischen Auflösung in wenigen lustlos präsentierten Zeilen, während Agatha Christie dafür mehrere Seiten mit zahlreichen Verdächtigen und ihren möglichen Motiven, die uns haarklein von einem Meisterdetektiv erklärt werden, benötigt hätte.

Der Klamauk der Verfilmungen fehlt zwar in dem Roman, aber dieser Jury-Krimi ist wirklich nicht geeignet, irgendjemand zu einem Jury-Fan zu machen.

In der Verfilmung entdeckt dann nicht Polly Praed, sondern Melrose Plants nervig -trutschige Tante. Lady Agatha Ardry (Katharina Thalbach mit perversem Hang zur Wilmersdorfer Witwe) die Leiche und, als Amateurdetektivin, ermittelt sie auch ganz eifrig. Wobei ihr Tatverdächtiger dann gleich – witzig, witzig – der nächste Tote ist und sie – gähn – schreiend die Leiche entdeckt. Insgesamt ist der weit hergeholte Krimiplot in dem Neunzig-Minüter deutlich nachvollziehbarer und stringenter erzählt als im Roman. Auch weil auf einige seitenlange Abwege zugunsten einer knappen Erklärung verzichtet wurde und Verdachtsmomente und mögliche Mordmotive deutlicher herausgearbeitet werden. Aber der biedere, vollkommen unwitzige Fünfziger-Jahre-Humor und das zwischen extremer Blasiertheit und extremsten Overacting, für das sich sogar ein Laientheater schämen würde, schwankende Spiel der Schauspieler, die in anderen Rollen durchaus überzeugen (zum Beispiel Arndt Schwering-Sohnrey in dem Tatort „Das verlorene Kind“, den der BR am Dienstag parallel zum Jury-Film zeigt) vergällt einem jede Freude.

Trotzdem ist, vielleicht angesichts meinen eh schon geringen Erwartungen und der zeitnahen Lektüre der mehr als enttäuschenden Vorlage, „Inspektor Jury spielt Katz und Maus“ nach „Der Tote im Pub“ und „Mord im Nebel“ die bislang erträglichste Jury-Verfilmung.

Inspektor Jury spielt Katz und Maus von Martha Grimes

Martha Grimes: Inspektor Jury spielt Katz und Maus

(übersetzt von Susanne Baum)

Goldmann, 2017

256 Seiten

9,99 Euro

Originalausgabe

The Deer Leap

Little Brown and Company, 1985

Die Verfilmung (im ZDF am Dienstag, den 10. Januar, um 20. 15 Uhr)

Inspektor Jury spielt Katz und Maus (Deutschland/Irland/Österreich 2017)

Regie: Andi Niessner

Drehbuch: Günter Knarr

mit Fritz Karl, Götz Schubert, Katharina Thalbach, Arndt Schwering-Sohnrey, Marlene Morreis, Robyn Wright, Judith Rosmair

Hinweise

ZDF über „Inspektor Jury: Mord im Nebel“

Homepage von Martha Grimes

Krimi-Couch über Martha Grimes

Goldmann: Martha-Grimes-Special

Wikipedia über Martha Grimes (deutsch, englisch)

Berühmte Detektive über Richard Jury


TV-Tipp für den 20. November: Die vielen Gesichter der Emma Thompson

November 20, 2016

Arte, 22.25 (VPS 22.20)

Die vielen Gesichter der Emma Thompson (Deutschland 2016, Regie: Sabine Lidl)

Drehbuch: Sabine Lidl

Gut einstündige Doku über Emma Thompson, die seit Donnerstag im Kino in der Hans-Fallada-Verfilmung „Jeder stirbt für sich allein“ zu bewundern ist.

Vorher, um 20.15 Uhr, läuft James Ivorys „Was vom Tage übrigblieb“, mit ihr und Anthony Hopkins.

Hinweise

Arte über die Doku

Wikipedia über Emma Thompson (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Über Oliver Stones „Snowden“

September 22, 2016

Bei uns ist Edward Snowden ein Held, der die globale Überwachung der NSA öffentlich machte. Seitdem versucht ein Untersuchungsausschuss des Bundestages herauszufinden, wie sehr die NSA Deutsche überwacht und wie sehr der Bundesnachrichtendienst darin verwickelt ist.

In den USA ist dagegen die Meinung über ihn tief gespalten zwischen tapferer Whistleblower und feigem Landesverräter. Die Geheimdienste versuchen immer wieder ihn zu diskreditieren. Die Regierung und Konservative würden ihn am liebsten bis ans Ende der Welt in einen Kerker werfen; wenn sie nicht gerade behaupten, Snowden habe nichts verraten, was die nationale Sicherheit gefährde oder ihn gleich zu einem russischen Spion erklären.

Denn seit dem 23. Juni 2013 lebt Edward Snowden in Moskau. Nicht weil er es so plante, sondern weil sein Pass auf der Flugreise nach Südamerika von der USA für ungültig erklärt wurde. Seitdem verhandelt er, mit der Hilfe mehrerer Anwälte, über seine Rückkehr in die USA, die derzeit immer noch utopisch erscheint. Im besten Fall droht ihm eine unglaublich lange Haftstrafe. Die Todesstrafe ist auch möglich. Ein fairer Prozess sehr unwahrscheinlich.

In dieses Klima, während in den USA bekannte Bürgerrechtsorganisationen und Bürgerrechtler die an Präsident Barack Obama gerichtete Begnadigungskampagne „Pardon Snowden“, startet Oliver Stones neuer Film „Snowden“ dort und hier in den Kinos. Er erzählt im wesentlichen einfach noch einmal die bereits aus Büchern und Laura Poitras‘ Dokumentarfilm „Citizenfour“ bekannte Geschichte noch einmal. Allerdings erstaunlich konventionell. Der Film wirkt fast so, als habe Stone ein mildes Alterswerk und keine weitere, von Wut getriebene Abrechnung und Anklage der USA inszenieren wollen. „Snowden“ ist das Gegenteil zu dem aus „Natural Born Killers“ bekanntem visuellen und akustischen Overkill. Es ist ein Film, der die Konservativen und die Gegner und Feinde von Edward Snowden überzeugen will, dass der Geheimnisverräter aus lauteren Motiven handelte, dass er ein Patriot ist, der für die US-amerikanischen Werte kämpft und mit seiner Tat eine Diskussion über den Wert der Privatsphäre und die Macht der Regierung anstoßen wollte.

Das ist ehrenwert und „Snowden“ ist auch ein sehenswerter Film, der ausgehend von dem Treffen in dem Hotel in Hongkong im Juni 2013, wo Dokumentarfilmerin Laura Poitras (gespielt von Melissa Leo, die älter als Poitras ist und auf noch älter geschminkt wurde) und „The Guardian“-Kolumnist Glenn Greenwald (Zachary Quinto, verblüffend ähnlich) Edward Snowden (Joseph Gordon-Levitt, dito) treffen und er ihnen sein Leben erzählt und die Beweise für die globale NSA-Überwachung übergibt.

Dieses zehntägige Gespräch, das wir aus „Citizenfour“ kennen, liefert den Rahmen für die Rückblenden, in denen Snowden sein Leben erzählt und so langsam in die globale Überwachungsmaschine des US-Geheimdienstes nach 9/11 einführt.

Vor allem in der ersten Hälfte wird diese Welt und Snowdens immer stärker werdende Gewissenskonflikte lehrbuchhaft geschildert. Es beginnt mit seinen wenigen Tagen beim Militär. Nach einer Verletzung während der Ausbildung wird der brillentragende Bürohengst als dienstunfähig ausgemustert. Snowden, der ebenso glühende, wie naive Patriot, ist, weil er seinem Land nicht mehr dienen kann, verzweifelt. Da erhält er das Angebot, beim Geheimdienst an der vordersten Front der Landesverteidigung mitzumachen. Wegen seiner überragenden Computerkenntnisse fördert ihn sein Mentor Corbin O’Brian (Rhys Ifans), er trifft Hank Forrester (Nicolas Cage in einer seiner zahlreichen Kleinstrollen), der als im Ausbildungslager kaltgestelltes Computergenie eine ältere Version von Snowden ist. Und Snowden verliebt sich in Lindsay Mills (Shailene Woodley) eine Linke, die ihn auf eine Antikriegsdemo mitnimmt.

Diese Beziehung rückt in der zweiten Hälfte des Films, wenn Snowden in Tokio, Maryland und Hawaii arbeitet, immer mehr in den Mittelpunkt, ohne die Geschichte wirklich voran zu bringen. Im Gegenteil: Lindsay wird immer mehr zum typischen Heimchen am Herd mit Anwandlungen von Weinerlichkeit und einem Gottvertrauen in die US-Regierung, das sie bei ihrer ersten Begegnung mit Snowden nicht hatte.

Neben ihr hat Snowden, außer einigen austauschbaren Arbeitsbeziehungen, keine Freunde und keine Bekannten. Auch seine Eltern und seine ältere Schwester tauchen in „Snowden“ nicht auf. Snowden, der in die Produktion involviert und das Drehbuch vor dem Dreh las, bleibt in dem über zweistündigem Film ein Mensch ohne eine Familie und ohne soziale Beziehungen. Er ist der Mensch, den wir in „Citizenfour“ kennen lernten und der seitdem als öffentliche Person seine Auftritte in den Medien (und in „Snowden“) hat. Dabei hätte gerade ein Blick auf seine Familie einen neuen Blick auf ihn eröffnen können. Auch ein Blick auf seine Zeit in Moskau und der öffentlich ausgetragene Kampf um die Interpretation der von ihm veröffentlichten Dokumente hätten einen neuen Blick auf Snwoden eröffnen können.

So ist „Snowden“ für alle, die „Citizenfour“ kennen, nur ein Reenactment des mit dem Dokumentarfilmoscar ausgezeichneten und sehr sehenswerten Films. Stones Film endet allerdings, abgesehen von dem Epilog, in Hongkong. Poitras erzählte in „Citizenfour“ die Geschichte noch etwas weiter.

Obwohl Stone der bekannten Geschichte keine neuen Aspekte abgewinnt (und auch nicht abgewinnen will), ist „Snowden“ dank der Besetzung und der guten Kameraarbeit (eigentlich sehen wir nur sprechende Köpfe in Innenräumen) sehenswert. In einigen Jahren wird „Snowden“ als Film, der den Moment, in dem sich die Diskussion über die globale Überwachung radikal änderte, sogar noch wichtiger werden. Denn selbstverständlich wird der Spielfilm öfter und zu besseren Zeiten im Fernsehen gezeigt werden als der Dokumentarfilm.

Für den Moment liefert Oliver Stone gut gemachtes politisches Aufklärungskino mit leicht angezogener Handbremse, das vor allem zu einer Rehabilitierung und Begnadigung von Edward Snowden in den USA führen soll.

snowden-plakat

Snowden (Snowden, USA/Deutschland 2016)

Regie: Oliver Stone

Drehbuch: Oliver Stone, Kieran Fitzgerald

LV: Anatoli Kutscherena: Time of the Octopus, ?; Luke Harding: The Snowden Files: The Inside Story of the World’s Most Wanted Man, 2014 (Edward Snowden: Geschichte einer Weltaffäre)

mit Joseph Gordon-Levitt, Shailene Woodley, Melissa Leo, Nicolas Cage, Zachary Quinto, Tom Wilkinson, Rhys Ifans, Scott Eastwood, Joely Richardson, Timothy Olyphant, Ben Schnetzer

Länge: 135 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Snowden“

Metacritic über „Snowden“

Rotten Tomatoes über „Snowden“

Wikipedia über „Snowden“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Oliver Stones Don-Winslow-Verfilmung „Savages“ (Savages, USA 2012)

Meine Besprechung von Laura Poitras’ „Citzenfour“ (Citizenfour, USA/Deutschland 2014) (mit weiteren Video-Interviews) und der DVD (ebenfalls mit Bonusmaterial)

Meine Besprechung von Glenn Greenwalds „Die globale Überwachung“ (No place to hide, 2014)


TV-Tipp für den 3. September: Es war einmal in Amerika

September 2, 2016

Sat.1 Gold, 22.05

Es war einmal in Amerika (USA/Italien 1984, Regie: Sergio Leone)

Drehbuch: Leonardo Benvenuti, Piero De Bernardi, Enrico Medioli, Franco Arcalli, Franco Ferrini, Sergio Leone, Stuart Kaminsky (zusätzliche Dialoge), Ernesto Gastaldi (ungenannt)

LV: Harry Grey: The Hoods, 1952

Buch zum Film: Lee Hays: Once Upon a Time in America, 1984 (Es war einmal in Amerika)

Kamera: Tonino Delli Colli

Musik: Ennio Morricone

Ein grandioses Gangsterdrama: die Geschichte von Freundschaft und Verrat – erzählt in wunderschönen Bildern und in einer komplexen Struktur, die lose auf dem autobiographischen Buch von Harry Grey basiert. Leone meinte, im Drehbuch seien nur zehn bis zwanzig Prozent des Buches geblieben.

Mit Robert de Niro, James Woods, Joe Pesci, Treat Williams, Burt Young, Elizabeth McGovern

Antiquarischer Buchtipp: Zum Filmstart erschien im Bastei-Lübbe-Verlag das Buch zum Film mit Hays’ Roman, vielen Filmbildern (SW und Farbe), einem Sergio-Leone-Porträt von Andreas Kern und einem Text von Leone über den Film. So machen „Bücher zum Film“ Spaß.

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Es war einmal in Amerika“

Wikipedia über “Es war einmal in Amerika” (deutsch, englisch)

Turner Classic Movies über “Once upon a time in America”

Fanseite zum Film

Sternstunde der Filmgeschichte über “Es war einmal in Amerika”


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