TV-Tipp für den 7. Mai: Der Untergang

Mai 6, 2020

Kabel 1, 20.15

Der Untergang (Deutschland 2004)

Regie: Oliver Hirschbiegel

Drehbuch: Bernd Eichinger

LV: Joachim Fest: Der Untergang – Hitler und das Ende des Dritten Reiches, 2002

LV: Traudl Junge, Melissa Müller: Bis zur letzten Stunde – Hitlers Sekretärin erzählt ihr Leben, 2002

Was geschah in den letzten Kriegstagen in Berlin im Führerbunker? Nach 150 Minuten wissen wir es.

Der Untergang“ ist gediegen erzähltes, starbesetztes Unterhaltungskino im Hollywoodstil. Historisch akkurat und ohne eine erkennbare Haltung zum Sujet. Deshalb reiht sich eine Episode an die nächste Episode, aber eine Geschichte wird, abseits der strikt chronologischen Anordnung des Materials, nicht erkennbar.

mit Bruno Ganz, Alexandra Maria Lara, Corinna Harfouch, Ulrich Matthes, Juliane Köhler, Heino Ferch, Christian Berkel, Matthias Habich, Thomas Kretschmann, Michael Mendl, André Hennicke, Ulrich Noethen, Birgit Minichmayr, Rolf Kanies, Justus von Dohnányi, Dieter Mann, Christian Redl, Götz Otto, Alexander Held, Bettina Redlich, Heinrich Schmieder, Anna Thalbach, Ulrike Krumbiegel, Jürgen Tonkel, Devid Striesow

Wiederholung: Freitag, 8. Mai, 02.30 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Filmportal über „Der Untergang“

Rotten Tomatoes über „Der Untergang“

Wikipedia über „Der Untergang“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Oliver Hirschbiegels „Five Minutes of Heaven“ (Five Minutes of Heaven, GB 2009)

Meine Besprechung von Oliver Hirschbiegels „Diana“ (Diana, USA/GB 2013)

Meine Besprechung von Oliver Hirschbiegels „Elser“ (Deutschland 2015)  (mit Interviews mit Oliver Hirschbiegel über den Film) (und der DVD)

Meine Besprechung von Oliver Hirschbiegels „Der gleiche Himmel“ (Deutschland 2017)


Cover der Woche

Januar 21, 2020


Neu im Kino/Filmkritik: Filmische Experimente: „Searching“ am Computer

September 22, 2018

Wir verbringen immer mehr Zeit vor dem Computerbildschirm. Schon lange weiß der Computer mehr über uns, als wir selbst. Seine Erinnerung trügt nicht. Vergessen tut er ebenfalls nichts. Und er ist, solange wir nicht zum Einkaufen vor die Tür müssen (wobei es ja auch Lieferdienste gibt), unser Tor zur Welt. Oder zu einer anderen Person. Zum Beispiel der eigenen, spurlos verschwundenen Tochter.

37 Stunden nach dem spurlosen Verschwinden seiner sechzehnjährigen Tochter Margot (Michelle La) loggt ihr Vater David Kim (John Cho) sich in den Computer seiner Tochter ein. Er hofft so, zu erfahren, warum sie verschwunden ist. Und wo sie ist.

Als erstes entdeckt er allerdings einige Dinge, die er nicht über Margot wusste. Dabei hat er geglaubt, dass sie ein gutes und vertrauensvolles Verhältnis haben.

Schnell entdecken er und die in dem Vermisstenfall ermittelnde Polizistin Rosemary Vick (Debra Messing), dass Margot nicht ganz freiwillig verschwunden ist.

Regisseur Aneesh Chaganty erzählt, nach mehreren Kurzfilmen, in seinem Spielfilmdebüt „Searching“ die Geschichte von David Kim und der Suche nach seiner Tochter ausschließlich über den Computer. Es ist ein Bildschirmfilm, der zeigt, was formal bei einem Desktop-Film möglich ist. Auch wenn einige Gespräche, die sich auf Margots Computer befinden, wahrscheinlich niemals aufgenommen würden und Verhörvideos, die während Vicks Ermittlungen entstehen, niemals auf Margots oder, in dem Moment, Kims Computer gelangen. Außerdem müssen alle wichtigen Erzählschritte so erzählt werden, dass sie entweder am Computerbildschirm geschehen oder es, zum Beispiel, Nachrichtenbilder gibt, die uns diese für das Verständnis der Geschichte wichtigen Informationen vermitteln. Das gelingt Chaganty und seinem Co-Drehbuchautor Sev Ohanian.

Der Kriminalfall und seine Auflösung sind allerdings immer wieder nicht nicht logisch und in Teilen, vor allem mit zunehmender Laufzeit, auch nicht plausibel. So gibt es, zum Beispiel, keinen Grund, weshalb Kim an die Verhörvideos kommt.

In einem normalen Thriller würde man deshalb die Geschichte lustvoll in der Luft zerreißen. Aber hier ist sie nur die erzählerische Krücke, um zu zeigen, wie ein spannender Desktop-Film aussehen kann.

Denn „Searching“ zeigt exemplarisch die Möglichkeiten und auch Grenzen eines Desktop-Films. Nie fühlt man sich als Zuschauer eingeengt durch den Bildschirm. Die Kamera gleitet sehr flexibel über den Bildschirm und lenkt damit den Blick auf die wichtigen Informationen, die aus verschiedenen Quellen kommen. Es gibt Chats und direkte FaceTime-Gespräche. Der Cursor und die Tastenanschläge, beim Schreiben von Texten, visualisieren, was Kim denkt und fühlt. Falls man ihn nicht gerade auf dem Computerbildschirm sieht.

Wie es Chaganty gelingt, das zu erzählen, macht seinen Film unbedingt sehenswert. Auch um zu sehen, wie die Ideen von Chaganty künftig fortgeführt werden. Dann allerdings wohl eher und besser als mehr oder weniger umfangreichen Teil eines Films. Denn, in der Beziehung ist „Searching“ wie andere Kunstprojekte, in denen das Konzept an erster Steller steht und Dinge in diesem Rahmen ausprobiert und bis an ihre Grenzen gebracht wurden: wenn man die Grenzen ausprobiert hat, sind sie bekannt. Danach fehlt der Überraschungseffekt. Es kann immer noch ein guter Film entstehen, aber es wird ein Film sei, über den es heißt: Das habe ich in „Searching“ besser gesehen.

Deshalb ist „Searching“ deutlich besser als „Unknown User“ (Unfriended, USA 2014), der erste Desktop-Film, der regulär in unseren Kinos lief. Der ebenfalls von Timur Bekmanbetov produzierte Film erzählt in Echtzeit eine 08/15-Horrorgeschichte voller Logiklöcher.

Searching (Searching, USA 2018)

Regie: Aneesh Chaganty

Drehbuch: Aneesh Chaganty, Sev Ohanian

mit John Cho, Debra Messing, Joseph Lee, Michelle La

Länge: 102 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Searching“

Metacritic über „Searching“

Rotten Tomatoes über „Searching“

Wikipedia über „Searching

Build Series unterhält sich (nach dem Prolog ab Minute 8:56) mit Aneesh Chaganty (Regie, Drehbuch), Sev Ohanian (Drehbuch) und John Cho (Hauptrolle) über den Film


Neu im Kino/Filmkritik: Margarethe von Trotta ist „Auf der Suche nach Ingmar Bergman“

Juli 12, 2018

Ingmar Bergman ist einer der großen Regisseure der Kinogeschichte und etliche renommierte Regisseure bekennen freimütig, wie sehr Bergman sie beeinflusste. Auch Margarethe von Trotta gehört zu seinen Bewunderern. Als Achtzehnjährige sah sie in den frühen sechziger Jahren in Paris „Das siebente Siegel“ und war sofort begeistert. Bergmans Drama unterschied sich vollständig von den Filmen, die normalerweise in deutschen Kinos gezeigt wurden. Sie wurde später wegen diesem Film Schauspielerin und Regisseurin. Ihren Film „Die bleierne Zeit“ nahm Bergman in einer Liste seiner zehn Lieblingsfilme auf.

Heute sind die Filme des am 30. Juli 2007 auf Fårö gestorbene schwedische Regisseur Ingmar Bergman fast unbekannt. Jedenfalls beim breiten Publikum. Im Gegensatz zu den oft im Fernsehen laufenden Filmen von Alfred Hitchcock oder Stanley Kubrick werden Bergmans Filme selten im Fernsehen gezeigt. Auf DVD sind sie zwar erhältlich, aber halt nicht als Stapelware oder Angebot der Woche im nächsten Elektronik-Handel.

Denn Ingmar Bergmans Filme sind schwere Kost. Seine bekanntesten Film – „Das Lächeln einer Sommernacht“ (1956), „Das siebente Siegel“ (1957), „Wilde Erdbeeren“ (1958), „Das Schweigen“ (1963), „Persona“ (1966) und „Die Stunde des Wolfs“ (1968) – entstanden bereits vor über fünfzig Jahren und es sind SW-Filme. „Szenen einer Ehe“ (1973) und „Das Schlangenei“ (1977) waren spätere Erfolge, ehe er mit dem dreistündigen Epos „Fanny und Alexander“ 1982 seinen mit dem Filmstart angekündigten Abschied vom Kino nahm. Er inszenierte danach weitere Filme. Aber für das Kino war er verloren. Es waren TV-Arbeiten, die alle nicht die lange anhaltende Rezeption und Bekanntheit seiner Kinofilme haben.

Seit Mitte der siebziger Jahren inszenierte Bergman vor allem Theaterstücke. Unter anderem arbeitete er viele Jahre am Münchner Residenztheater. Teilweise waren diese Stücke die Grundlage für spätere Filme, wie „Herbstsonate“ (1978) und „Aus dem Leben der Marionetten“ (1980), ein TV-Film mit Robert Atzorn, Rita Russek und Gaby Dohm, die damals zum Ensemble des Residenztheaters gehörten.

Mit Russek und Dohm unterhielt von Trotta sich für ihr Doku-Essay „Auf der Suche nach Ingmar Bergman“. Ihr erster Dokumentarfilm ist formal mit seiner Mischung aus Filmausschnitten, Archivaufnahmen und sprechenden Köpfen ein konventioneller Dokumentarfilm. Allerdings interessiert sie sich nicht dafür, chronologisch und möglichst umfassend Bergmans Werk vorzustellen. Sie geht auch davon aus, dass man Ingmar Bergmans Werk und seine Bedeutung für die Filmgeschichte wenigstens rudimentär kennt. Sonst hätte sie mehr auf Bergmans Klassiker und weniger auf seine Zeit in Deutschland konzentriert, wohin er 1976 nach einer schnell fallengelassenen Klage wegen Steuerhinterziehung floh und die nächsten Jahre vor allem am Theater arbeitete.

Neben Russek und Dohm unterhielt von Trotta sich für den Film mit anderen Filmschaffenden, wie Jean-Claude Carrière, Olivier Assayas, Carlos Saura und Ruben Östland, Menschen, die mit Bergmann arbeiteten, wie die Schauspielerin Liv Ullmann, seine Assistenten Katinka Faragó und Johannes Kaetzler (am Bayerischen Staatsschauspiel), und Bergmans Kindern Daniel und Ingmar. Insgesamt war Bergman fünfmal verheiratet und er hat neun Kinder. In diesen Gesprächen wird auf Bergmans problematische Persönlichkeit, seine Themen und sein Umgang mit seinen Ehefrauen und Kindern eingegangen. Das eröffnet einen intimen Blick auf Bergman und am Ende des Films will man wieder einen Bergman-Film sehen.

Auf der Suche nach Ingmar Bergman (Deutschland 2018)

Regie: Margarethe von Trotta, Felix Moeller (Co-Regie), Bettina Böhler (Co-Regie)

Drehbuch: Margarethe von Trotta, Felix Moeller

mit Ingmar Bergman (Archivaufnahmen), Margarethe von Trotta, Liv Ullmann, Daniel Bergman, Ruben Östlund, Mia Hansen-Love, Carlos Saura, Olivier Assayas, Stig Björkman, Gunnel Lindblom, Jean-Claude Carriére, Ingmar Bergman Jr., Katinka Faragó, Jan Holmberg, Johannes Kaetzler, Gaby Dohm, Rita Russek, Halfdan Ullman Tøndel, Mia Hansen-Løve, Julia Dufvenius

Länge: 99 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Filmportal über „Auf der Suche nach Ingmar Bergman“

Moviepilot über „Auf der Suche nach Ingmar Bergman“

Rotten Tomatoes über „Auf der Suche nach Ingmar Bergman“

Wikipedia über Ingmar Bergman (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Margarethe von Trottas “Hannah Arendt” (Deutschland 2012; DVD-Besprechung)

Ingmar Bergman im TV

Eigentlich ist ein Geburtstag oder Todestag für die TV-Sender eine willkommene Gelegenheit, noch einmal all die wichtigen und weniger wichtigen Filme des Geehrten zu zeigen. Und wenn das wichtige Datum im Sommer während einer Fußball-WM ist, müssen die Programmplaner sich beim Plündern der Archive auch keine Gedanken mehr über die Quote machen.

Aber bei Ingmar Bergman wird wenig gezeigt und bei einem Sender, von dem man es nicht erwartet hätte, scheint ein fanatischer Ingmar-Bergman-Fan zu sitzen, der sein Wunschprogramm sogar ohne Werbepausen präsentieren darf.

Gezeigt werden

Samstag, 14. Juli

3sat, 20.15: Ingmar Bergman – Herr der Dämonen (Dokumentarfilm, TV-Premiere)

3sat, 21.15: Szenen einer Ehe (Schweden 1973)

Tele 5, 20.15: Das siebente Siegel (Schweden 1956)

Tele 5, 21.45: Wilde Erdbeeren (Schweden 1957)

Tele 5, 23.15: Das Schweigen (Schweden 1963)

Sonntag, 15. Juli

Tele 5, 20.15: Fanny und Alexander (Schweden/Deutschland/Frankreich 1983) (Kinofassung)

Tele 5, 23.10: Fanny und Alexander (Schweden/Deutschland/Frankreich 1983) (Vierteilige TV-Fassung)

Tele 5, 04.10: Das siebente Siegel (Schweden 1956)


Neu im Kino/Filmkritik: Das „Wonder Wheel“ des Woody Allen

Januar 12, 2018

Der alljährliche Woody-Allen-Film heißt dieses Jahr „Wonder Wheel“. Er spielt in den fünfziger Jahren auf Coney Island, der Jahrmarkt-Vergnügungsmeile der New Yorker mit angrenzendem Badestrand. Der Film hat all die Insignien, die wir von einem Woody-Allen-Film kennen – bekannte Schauspieler, Geschlechterkämpfe, Mafiosi und Witze – und doch erscheint er in der Rezeption anders als seine früheren Filme. Das liegt an der Inszenierung, die mit ihrer fast bewegungslosen Kamera und den wenigen Schnitten, das theaterhafte der Geschichte betont. Es liegt auch an der aktuellen Diskussion über sexuelle Belästigung, in die Woody Allen auch involviert ist. Als Täter. Und gerade im Licht dieser Diskussion erscheinen etliche Szenen aus „Wonder Wheel“ in einem anderen Licht. Ein Licht, in dem es nicht mehr um den offensichtlichen Inhalt der Szene, sondern um die Interpretation der Szene aufgrund bestimmter Informationen und Diskussionen geht. In diesen Momenten ist die Person des Autors als deutlich älterer, kein schlechtes Gewissen oder moralische Bedenken habenden Mann, der eine deutlich jüngere Frau bewundert, sexualisiert und sie sich gefügig macht, überdeutlich zu sehen. Es ist kein schönes Bild.

Dabei steht mit Ginny (Kate Winslet) eine ältere Frau im Mittelpunkt des Films. Sie lebt mit Humpty (Jim Belushi), einem Trinker und Schwätzer, auf Coney Island, träumt noch von ihrer Karriere als Theaterschauspielerin, arbeitet als Bedienung in einem Meeresfrüchte-Imbiss und ist eine Schnapsdrossel. Sie ist eine Variation der „Endstation Sehnsucht“-Schönheit Blanche DuBois. Sowieso erinnert „Wonder Wheel“ immer wieder an das bekannte Tennessee-Williams-Stück.

Ihr Sohn Richie (Jack Gore) legt währenddessen in jeder Mülltonne, die er sieht, Feuer. Aber das ist mehr ein Running Gag als ein für die Handlung wichtiges Element.

Mickey (Justin Timberlake) ist der mehr oder weniger zuverlässige Erzähler der Filmgeschichte (Okay, wie viel Fantasie brauchen wir, um ihn als alter ego des 1935 geborenen Woody Allen zu sehen?). Er arbeitet als Rettungsschwimmer auf Coney Island. Gleichzeitig schreibt der Student, der sich als kommenden Dichter von Weltrang sieht, ein Theaterstück und er verliebt sich Hals über Kopf in die leicht verlebte Ginny.

Bevor er Ginny kennen lernt, taucht Carolina (Juno Temple) auf der Vergnügungsmeile auf. Sie ist die Tochter von Humpty. Vor fünf Jahren heiratete sie einen kleinen Mafiosi und zerstritt sich darüber hoffnungslos mit ihrem Vater. Weil sie mit dem FBI über die illegalen Geschäfte ihres Mannes plauderte, musste sie vor ihm und seinen Mafia-Freunden flüchten. Ihre letzte Hoffnung auf einen Unterschlupf ist ihr Vater. Denn niemand wird glauben, dass sie ihn jemals um Hilfe bitten wird. Genau das tut die verzweifelte Blondine und Humpty hilft seiner zurückgekehrten Tochter in jeder Beziehung und mit überschwänglichen Gefühlen.

Auch Mickey bandelt mit Carolina an. Als Ginny das ahnt, ist sie darüber sehr verärgert. Und dann hören sich Mafiosi nach Carolina um.

Die Geschichte spielt vor allem in Ginnys Ein-Zimmer-Apartment, in dem sie mit Mann und Sohn und Blick auf den Vergnügungspark lebt und das schon von seinem Grundriss an eine Theaterbühne erinnert. Dort prallen die Emotionen aufeinander. In langen Szenen, in denen die Schauspieler, mehr stehend oder sitzend als sich durch den Raum bewegend, mehr in Mono- als Dialogen reden und die ihre wahre Heimat im Theater haben. Die Kamera verharrt in diesen Momenten bewegungslos in der Totalen und Kameramann Vittorio Storaro („Der letzte Tango in Paris“, „Apocalypse Now“, „Einer mit Herz“), der nach „Café Society“ zum zweiten Mal mit Woody Allen zusammen arbeitet, beschränkt sich auf das Aufnehmen schöner Gemälde, in denen die Vergangenheit museal ausgestellt wird.

Die in dem Stoff angelegten burlesken Liebesreigen interessieren Woody Allen nicht. Dafür geht es dann doch zu sehr, ohne jemals auch nur halbwegs in die Tiefe des Stoffes zu gehen, in Richtung Drama.

Das ist nicht wirklich schlecht und Allen-Fans finden genug Details für weitergehende Analysen. Aber er inszenierte die neueste Ausgabe seiner allseits bekannten Themen, Konflikte und Witze viel zu sehr auf Autopilot, routiniert und ohne erkennbares Engagement, um zu begeistern. „Wonder Wheel“ ist ein dialoglastiges Theaterstück, in dem die schnellste Bewegung der Schluck aus der Schnapstasse ist.

Wonder Wheel (Wonder Wheel, USA 2017)

Regie: Woody Allen

Drehbuch: Woody Allen

mit Jim Belushi, Juno Temple, Justin Timberlake, Kate Winslet, Max Casella, Jack Gore, David Krumholtz, Tony Sirico, Steve Schirripa

Länge: 102 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Wonder Wheel“

Metacritic über „Wonder Wheel“

Rotten Tomatoes über „Wonder Wheel“

Wikipedia über „Wonder Wheel“ (deutsch, englisch)

Homepage von Woody Allen

Deutsche Woody-Allen-Seite

Meine Besprechung von Robert B. Weides „Woody Allen: A Documentary“ (Woody Allen: A Documentary, USA 2012)

Meine Besprechung von Woody Allens “To Rome with Love” (To Rome with Love, USA/Italien 2012)

Meine Besprechung von Woody Allens “Blue Jasmine” (Blue Jasmine, USA 2013)

Meine Besprechung von Woody Allens “Magic in the Moonlight” (Magic in the Moonlight, USA 2014)

Meine Besprechung von John Turturros “Plötzlich Gigolo” (Fading Gigolo, USA 2013 – mit Woody Allen)

Meine Besprechung von Woody Allens “Irrational Man” (Irrational Man, USA 2015)

Meine Besprechung von Woody Allens „Café Society“ (Café Society, USA 2016)

Woody Allen in der Kriminalakte  


Neu im Kino/Filmkritik: „Die Schöne und das Biest“ als Realfilm-Musical

März 16, 2017

Am Anfang läuft Emma Watson als Belle singend durch das französische Klischeedorf Villeneuve. Die Dorfbewohner sind ein singender und tanzender Chor und spätestens jetzt ist klar: „Die Schöne und das Biest“ ist ein Musical, das sich vollumfänglich in der Tradition bewegt, in der ganze Dörfer zu Kulissen für Gesangsnummern werden und Lieder die Handlung ersetzen. Entsprechend vernachlässigbar ist diese. Die Figuren gewinnen allein durch ihren Gesang Dimensionen.

Die sattsam bekannte Geschichte lässt sich mühelos in einem Satz zusammenfassen. Durch einen Fluch verwandelt sich der selbstsüchtige Prinz (Dan Stevens) in das titelgebende Biest. Erst wenn sich eine Frau in ihn verliebt, werden er und sein Hofstaat wieder zu Menschen.

Belle begibt sich, um ihren Vater zu befreien, in die Hände des grummeligen Biestes. Im Schloss freundet sie sich mit dem Kerzenleuchter Lumière, der Kaminuhr von Unruh, der Teekanne Madame Pottine, ihrem Sohn Tassilo, einer Teetasse, dem Kleiderschrank Madame de Garderobe, dem Staubwedel Plumette und dem Cembalo Maestro Cadenza an. Sie sind alle verwandelte Schlossbesucher; gesprochen und an wenigen Drehtagen gespielt von Ewan McGregor, Ian McKellen, Emma Thompson, Nathan Mack, Audra McDonald, Gugu Mbatha-Raw und Stanley Tucci. Außerdem ist Belle von der Schlossbibliothek begeistert. Denn sie ist nicht nur jung und schön, sondern auch klug und belesen.

Ihre freiwillige Gefangenschaft ist daher ganz erträglich, wenn dem Schlossherrn aufgrund des Fluchs nicht die Zeit für eine Rückverwandlung davonliefe und der aufgeblasene Dorfschnösel Gaston (Luke Evans) sie befreien und ehelichen möchte.

Sprechende, singende und tanzende Kerzenleuchter, Uhren, Kleiderschränke und Teekannen kennen Disney-Fans bereits aus dem erfolgreichen 1991er Zeichentrickfilm „Die Schöne und das Biest“ (Regie: Dick Purdom, Drehbuch: Linda Woolverton). Er war auch die Vorlage für Bill Condons jetzt im Kino laufende Neuinterpretation. Die Originalsongs von Alan Menken und Howard Ashman aus der 1991er Verfilmung, ergänzt um drei Songs, die Alan Menken jetzt mit Tim Rice schrieb, werden in Condons Film gesungen. Außerdem hat Condon mit 130 Minuten Laufzeit 45 Minuten mehr Zeit als Dick Purdom, der die Geschichte in 85 Minuten erzählen musste. Da kann schon ein Lied mehr geträllert und am Ende länger im Schloss gekämpft werden.

Condons Film sieht natürlich gut aus, hat etwas Humor, ist immer geschmackvoll und spricht, wie man es von Disney gewohnt ist und erwartet, Junge und Ältere an. Zur Identifikation gibt es eine taffe Heldin und ein äußerlich hässliches, in seinem Inneren zutiefst sympathisches, an sich selbst zweifelndes, überhaupt nicht furchterregendes Monster. Oh, und ein, zwei echte Überraschungen, wie – erstmals in einem Disney-Film – einen offen schwulem Charakter. Der sorgte dann auch gleich für einige Kontroversen. In Russland ist der Kinderfilm, nachdem er zunächst überhaupt nicht gezeigt werden sollte, jetzt frei ab sechzehn Jahre. Malaysia überlegt noch, wie sie mit dem Problem umgehen soll.

Aber wer Musicals wie die Pest hasst, wird höchstens erleichtert feststellen, dass in der zweiten Filmhälfte weniger gesungen wird. Jedenfalls fällt es nicht mehr so negativ auf. Außerdem hat Condons „Die Schöne und das Biest“ erstaunlich wenig mit der letzten Verfilmung des Märchens zu tun. Die 2013er Verfilmung von Christophe Gans mit Léa Seydoux und Vincent Cassel gefiel mir allerdings deutlich besser. Wahrscheinlich weil nicht gesungen wurde und alles etwas komplexer als in Disneys Musical-Version ist.

Die Schöne und das Biest (Beauty and the Beast, USA 2016)

Regie: Bill Condon

Drehbuch: Stephen Chbosky, Evan Spiliotopoulos (basierend auf Linda Woolvertons 1991er Drehbuch „Die Schöne und das Biest“)

mit Emma Watson, Dan Stevens, Luke Evans, Kevin Kline, Josh Gad, Ewan McGregor, Stanley Tucci, Gugu Mbatha-Raw, Audra McDonald, Hattie Morahan, Nathan Mack, Ian McKellen, Emma Thompson

Länge: 130 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Die Schöne und das Biest“

Metacritic über „Die Schöne und das Biest“

Rotten Tomatoes über „Die Schöne und das Biest“

Wikipedia über „Die Schöne und das Biest“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Bill Condons „Inside Wikileaks – Die fünfte Gewalt“ (Inside Wikileaks, USA 2013)

Meine Besprechung von Bill Condons „Mr. Holmes“ (Mr. Holmes, Großbritannien 2015)


Verfilmte Bücher (mit Kritik des TV-Films): „Inspektor Jury spielt Katz und Maus“ ist „Inspektor Jury spielt Katz und Maus“

Januar 8, 2017

Am Dienstag, den 10. Januar, zeigt das ZDF um 20.15 Uhr seine dritte Martha-Grimes-Verfilmung „Inspektor Jury spielt Katz und Maus“. Die Österreicher konnten sie schon am 6. Januar sehen und sich angesichts der beteiligten Personen, die schon in die vorherigen Grimes-Verfilmungen involviert waren, davon überzeugen, dass das unterirdische Niveau der vorherigen beiden Jury-Filme mühelos gehalten wird.

Ihren ersten Inspektor-Jury-Roman „Inspektor Jury schläft außer Haus“ (The Man With a Load of Mischief) veröffentlichte Martha Grimes 1981. Für „Inspektor Jury sucht den Kennington-Smaragd“ (The Anodyne Necklace, 1983) erhielt sie den Nero Wolfe Award. Der neunte Jury-Roman „Inspektor Jury besucht alte Damen“ (The Five Bells and Bladebone, 1987) war ihr erster Roman auf der „New York Times“-Bestsellerliste. Seit Ewigkeiten sind die deutschen Übersetzungen ihrer Romane bei verschiedenen Verlagen in unzähligen Ausgaben gut erhältlich. 2012 ernannten die Mystery Writers of America sie zum Grand Master.

Der jetzt verfilmte Krimi „Inspektor Jury spielt Katz und Maus“ ist der siebte von inzwischen 23 Jury-Romanen und es handelt sich eigentlich um einen Nicht-Fall. In – ich folge jetzt der Romangeschichte – Ashdown Dean stirbt in einer Telefonzelle Una Quick. Alles spricht, auch wenn die Umstände etwas ungewöhnlich sind, für einen natürlichen Todesfall. Die alte Dame hatte einen Herzinfarkt. Weil die Tote von Polly Praed entdeckt wurde und sie Melrose Plant darüber informiert, ist Richard Jury schnell involviert.

Plant ist ein Adliger, der seinen Adelstitel ablegte und ständiger Begleiter von Scotland-Yard-Superintendent Richard Jury ist. Jury wird nur auf den deutschen Buchtiteln mit konstanter Boshaftigkeit zum „Inspektor“ degradiert.

Jury will in Ashdown Dean ein wenig herumschnüffeln und dabei seinen beiden Freunden Plant und Praed helfen.

Nach diesem Set-Up verliert der Fall in der englischen Provinz schnell jede Struktur in einem Dickicht von Sub- und Nebenplots, die spannungsfrei mehr die Seiten füllen als die Ermittlungen irgendwie voran zu bringen. Jedenfalls gibt es weitere seltsame Todesfälle; den dritten, schon im Klappentext angekündigten Toten gibt es auf Seite 204. Der Roman endet auf Seite 250. Ein von einer Baronin quasi adoptierter Teenager mit seltsamer, in epischer Breite geschilderter (und deshalb für die Lösung wichtiger) Vergangenheit, einem großen Herz für Tiere und einer riesigen Abneigung gegen eine Tierversuchsanlage (die am Ende als Handlungsort wichtig wird) streunt durch die englischen Wälder und erteilt Tierquälern handfeste Lektionen. Und, immerhin steht Martha Grimes in der Tradition von Agatha Christie, eine Baronin mit Hang zum Alkohol ist auch in den Fall involviert.

Letztendlich ist „Inspektor Jury spielt Katz und Maus“ ein reichlich konfuses Werk mit einer auch im Nachhinein kaum nachvollziehbaren Geschichte und einer kryptischen Auflösung in wenigen lustlos präsentierten Zeilen, während Agatha Christie dafür mehrere Seiten mit zahlreichen Verdächtigen und ihren möglichen Motiven, die uns haarklein von einem Meisterdetektiv erklärt werden, benötigt hätte.

Der Klamauk der Verfilmungen fehlt zwar in dem Roman, aber dieser Jury-Krimi ist wirklich nicht geeignet, irgendjemand zu einem Jury-Fan zu machen.

In der Verfilmung entdeckt dann nicht Polly Praed, sondern Melrose Plants nervig -trutschige Tante. Lady Agatha Ardry (Katharina Thalbach mit perversem Hang zur Wilmersdorfer Witwe) die Leiche und, als Amateurdetektivin, ermittelt sie auch ganz eifrig. Wobei ihr Tatverdächtiger dann gleich – witzig, witzig – der nächste Tote ist und sie – gähn – schreiend die Leiche entdeckt. Insgesamt ist der weit hergeholte Krimiplot in dem Neunzig-Minüter deutlich nachvollziehbarer und stringenter erzählt als im Roman. Auch weil auf einige seitenlange Abwege zugunsten einer knappen Erklärung verzichtet wurde und Verdachtsmomente und mögliche Mordmotive deutlicher herausgearbeitet werden. Aber der biedere, vollkommen unwitzige Fünfziger-Jahre-Humor und das zwischen extremer Blasiertheit und extremsten Overacting, für das sich sogar ein Laientheater schämen würde, schwankende Spiel der Schauspieler, die in anderen Rollen durchaus überzeugen (zum Beispiel Arndt Schwering-Sohnrey in dem Tatort „Das verlorene Kind“, den der BR am Dienstag parallel zum Jury-Film zeigt) vergällt einem jede Freude.

Trotzdem ist, vielleicht angesichts meinen eh schon geringen Erwartungen und der zeitnahen Lektüre der mehr als enttäuschenden Vorlage, „Inspektor Jury spielt Katz und Maus“ nach „Der Tote im Pub“ und „Mord im Nebel“ die bislang erträglichste Jury-Verfilmung.

Inspektor Jury spielt Katz und Maus von Martha Grimes

Martha Grimes: Inspektor Jury spielt Katz und Maus

(übersetzt von Susanne Baum)

Goldmann, 2017

256 Seiten

9,99 Euro

Originalausgabe

The Deer Leap

Little Brown and Company, 1985

Die Verfilmung (im ZDF am Dienstag, den 10. Januar, um 20. 15 Uhr)

Inspektor Jury spielt Katz und Maus (Deutschland/Irland/Österreich 2017)

Regie: Andi Niessner

Drehbuch: Günter Knarr

mit Fritz Karl, Götz Schubert, Katharina Thalbach, Arndt Schwering-Sohnrey, Marlene Morreis, Robyn Wright, Judith Rosmair

Hinweise

ZDF über „Inspektor Jury: Mord im Nebel“

Homepage von Martha Grimes

Krimi-Couch über Martha Grimes

Goldmann: Martha-Grimes-Special

Wikipedia über Martha Grimes (deutsch, englisch)

Berühmte Detektive über Richard Jury


TV-Tipp für den 20. November: Die vielen Gesichter der Emma Thompson

November 20, 2016

Arte, 22.25 (VPS 22.20)

Die vielen Gesichter der Emma Thompson (Deutschland 2016, Regie: Sabine Lidl)

Drehbuch: Sabine Lidl

Gut einstündige Doku über Emma Thompson, die seit Donnerstag im Kino in der Hans-Fallada-Verfilmung „Jeder stirbt für sich allein“ zu bewundern ist.

Vorher, um 20.15 Uhr, läuft James Ivorys „Was vom Tage übrigblieb“, mit ihr und Anthony Hopkins.

Hinweise

Arte über die Doku

Wikipedia über Emma Thompson (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Über Oliver Stones „Snowden“

September 22, 2016

Bei uns ist Edward Snowden ein Held, der die globale Überwachung der NSA öffentlich machte. Seitdem versucht ein Untersuchungsausschuss des Bundestages herauszufinden, wie sehr die NSA Deutsche überwacht und wie sehr der Bundesnachrichtendienst darin verwickelt ist.

In den USA ist dagegen die Meinung über ihn tief gespalten zwischen tapferer Whistleblower und feigem Landesverräter. Die Geheimdienste versuchen immer wieder ihn zu diskreditieren. Die Regierung und Konservative würden ihn am liebsten bis ans Ende der Welt in einen Kerker werfen; wenn sie nicht gerade behaupten, Snowden habe nichts verraten, was die nationale Sicherheit gefährde oder ihn gleich zu einem russischen Spion erklären.

Denn seit dem 23. Juni 2013 lebt Edward Snowden in Moskau. Nicht weil er es so plante, sondern weil sein Pass auf der Flugreise nach Südamerika von der USA für ungültig erklärt wurde. Seitdem verhandelt er, mit der Hilfe mehrerer Anwälte, über seine Rückkehr in die USA, die derzeit immer noch utopisch erscheint. Im besten Fall droht ihm eine unglaublich lange Haftstrafe. Die Todesstrafe ist auch möglich. Ein fairer Prozess sehr unwahrscheinlich.

In dieses Klima, während in den USA bekannte Bürgerrechtsorganisationen und Bürgerrechtler die an Präsident Barack Obama gerichtete Begnadigungskampagne „Pardon Snowden“, startet Oliver Stones neuer Film „Snowden“ dort und hier in den Kinos. Er erzählt im wesentlichen einfach noch einmal die bereits aus Büchern und Laura Poitras‘ Dokumentarfilm „Citizenfour“ bekannte Geschichte noch einmal. Allerdings erstaunlich konventionell. Der Film wirkt fast so, als habe Stone ein mildes Alterswerk und keine weitere, von Wut getriebene Abrechnung und Anklage der USA inszenieren wollen. „Snowden“ ist das Gegenteil zu dem aus „Natural Born Killers“ bekanntem visuellen und akustischen Overkill. Es ist ein Film, der die Konservativen und die Gegner und Feinde von Edward Snowden überzeugen will, dass der Geheimnisverräter aus lauteren Motiven handelte, dass er ein Patriot ist, der für die US-amerikanischen Werte kämpft und mit seiner Tat eine Diskussion über den Wert der Privatsphäre und die Macht der Regierung anstoßen wollte.

Das ist ehrenwert und „Snowden“ ist auch ein sehenswerter Film, der ausgehend von dem Treffen in dem Hotel in Hongkong im Juni 2013, wo Dokumentarfilmerin Laura Poitras (gespielt von Melissa Leo, die älter als Poitras ist und auf noch älter geschminkt wurde) und „The Guardian“-Kolumnist Glenn Greenwald (Zachary Quinto, verblüffend ähnlich) Edward Snowden (Joseph Gordon-Levitt, dito) treffen und er ihnen sein Leben erzählt und die Beweise für die globale NSA-Überwachung übergibt.

Dieses zehntägige Gespräch, das wir aus „Citizenfour“ kennen, liefert den Rahmen für die Rückblenden, in denen Snowden sein Leben erzählt und so langsam in die globale Überwachungsmaschine des US-Geheimdienstes nach 9/11 einführt.

Vor allem in der ersten Hälfte wird diese Welt und Snowdens immer stärker werdende Gewissenskonflikte lehrbuchhaft geschildert. Es beginnt mit seinen wenigen Tagen beim Militär. Nach einer Verletzung während der Ausbildung wird der brillentragende Bürohengst als dienstunfähig ausgemustert. Snowden, der ebenso glühende, wie naive Patriot, ist, weil er seinem Land nicht mehr dienen kann, verzweifelt. Da erhält er das Angebot, beim Geheimdienst an der vordersten Front der Landesverteidigung mitzumachen. Wegen seiner überragenden Computerkenntnisse fördert ihn sein Mentor Corbin O’Brian (Rhys Ifans), er trifft Hank Forrester (Nicolas Cage in einer seiner zahlreichen Kleinstrollen), der als im Ausbildungslager kaltgestelltes Computergenie eine ältere Version von Snowden ist. Und Snowden verliebt sich in Lindsay Mills (Shailene Woodley) eine Linke, die ihn auf eine Antikriegsdemo mitnimmt.

Diese Beziehung rückt in der zweiten Hälfte des Films, wenn Snowden in Tokio, Maryland und Hawaii arbeitet, immer mehr in den Mittelpunkt, ohne die Geschichte wirklich voran zu bringen. Im Gegenteil: Lindsay wird immer mehr zum typischen Heimchen am Herd mit Anwandlungen von Weinerlichkeit und einem Gottvertrauen in die US-Regierung, das sie bei ihrer ersten Begegnung mit Snowden nicht hatte.

Neben ihr hat Snowden, außer einigen austauschbaren Arbeitsbeziehungen, keine Freunde und keine Bekannten. Auch seine Eltern und seine ältere Schwester tauchen in „Snowden“ nicht auf. Snowden, der in die Produktion involviert und das Drehbuch vor dem Dreh las, bleibt in dem über zweistündigem Film ein Mensch ohne eine Familie und ohne soziale Beziehungen. Er ist der Mensch, den wir in „Citizenfour“ kennen lernten und der seitdem als öffentliche Person seine Auftritte in den Medien (und in „Snowden“) hat. Dabei hätte gerade ein Blick auf seine Familie einen neuen Blick auf ihn eröffnen können. Auch ein Blick auf seine Zeit in Moskau und der öffentlich ausgetragene Kampf um die Interpretation der von ihm veröffentlichten Dokumente hätten einen neuen Blick auf Snwoden eröffnen können.

So ist „Snowden“ für alle, die „Citizenfour“ kennen, nur ein Reenactment des mit dem Dokumentarfilmoscar ausgezeichneten und sehr sehenswerten Films. Stones Film endet allerdings, abgesehen von dem Epilog, in Hongkong. Poitras erzählte in „Citizenfour“ die Geschichte noch etwas weiter.

Obwohl Stone der bekannten Geschichte keine neuen Aspekte abgewinnt (und auch nicht abgewinnen will), ist „Snowden“ dank der Besetzung und der guten Kameraarbeit (eigentlich sehen wir nur sprechende Köpfe in Innenräumen) sehenswert. In einigen Jahren wird „Snowden“ als Film, der den Moment, in dem sich die Diskussion über die globale Überwachung radikal änderte, sogar noch wichtiger werden. Denn selbstverständlich wird der Spielfilm öfter und zu besseren Zeiten im Fernsehen gezeigt werden als der Dokumentarfilm.

Für den Moment liefert Oliver Stone gut gemachtes politisches Aufklärungskino mit leicht angezogener Handbremse, das vor allem zu einer Rehabilitierung und Begnadigung von Edward Snowden in den USA führen soll.

snowden-plakat

Snowden (Snowden, USA/Deutschland 2016)

Regie: Oliver Stone

Drehbuch: Oliver Stone, Kieran Fitzgerald

LV: Anatoli Kutscherena: Time of the Octopus, ?; Luke Harding: The Snowden Files: The Inside Story of the World’s Most Wanted Man, 2014 (Edward Snowden: Geschichte einer Weltaffäre)

mit Joseph Gordon-Levitt, Shailene Woodley, Melissa Leo, Nicolas Cage, Zachary Quinto, Tom Wilkinson, Rhys Ifans, Scott Eastwood, Joely Richardson, Timothy Olyphant, Ben Schnetzer

Länge: 135 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Snowden“

Metacritic über „Snowden“

Rotten Tomatoes über „Snowden“

Wikipedia über „Snowden“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Oliver Stones Don-Winslow-Verfilmung „Savages“ (Savages, USA 2012)

Meine Besprechung von Laura Poitras’ „Citzenfour“ (Citizenfour, USA/Deutschland 2014) (mit weiteren Video-Interviews) und der DVD (ebenfalls mit Bonusmaterial)

Meine Besprechung von Glenn Greenwalds „Die globale Überwachung“ (No place to hide, 2014)


TV-Tipp für den 3. September: Es war einmal in Amerika

September 2, 2016

Sat.1 Gold, 22.05

Es war einmal in Amerika (USA/Italien 1984, Regie: Sergio Leone)

Drehbuch: Leonardo Benvenuti, Piero De Bernardi, Enrico Medioli, Franco Arcalli, Franco Ferrini, Sergio Leone, Stuart Kaminsky (zusätzliche Dialoge), Ernesto Gastaldi (ungenannt)

LV: Harry Grey: The Hoods, 1952

Buch zum Film: Lee Hays: Once Upon a Time in America, 1984 (Es war einmal in Amerika)

Kamera: Tonino Delli Colli

Musik: Ennio Morricone

Ein grandioses Gangsterdrama: die Geschichte von Freundschaft und Verrat – erzählt in wunderschönen Bildern und in einer komplexen Struktur, die lose auf dem autobiographischen Buch von Harry Grey basiert. Leone meinte, im Drehbuch seien nur zehn bis zwanzig Prozent des Buches geblieben.

Mit Robert de Niro, James Woods, Joe Pesci, Treat Williams, Burt Young, Elizabeth McGovern

Antiquarischer Buchtipp: Zum Filmstart erschien im Bastei-Lübbe-Verlag das Buch zum Film mit Hays’ Roman, vielen Filmbildern (SW und Farbe), einem Sergio-Leone-Porträt von Andreas Kern und einem Text von Leone über den Film. So machen „Bücher zum Film“ Spaß.

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Es war einmal in Amerika“

Wikipedia über “Es war einmal in Amerika” (deutsch, englisch)

Turner Classic Movies über “Once upon a time in America”

Fanseite zum Film

Sternstunde der Filmgeschichte über “Es war einmal in Amerika”


Neu im Kino/Filmkritik: Über Nicolas Winding Refns „The Neon Demon“

Juni 23, 2016

Schöne Menschen, schöne Bilder, schöne Musik, schön langweilig ist im Fall von „The Neon Demon“ das Ergebnis. In seinem neuen Film erzählt Nicolas Winding Refn von der jungen Jesse (Elle Fanning) die nach Los Angeles kommt. Die Sechzehnjährige (behauptet sie) aus Georgia will ein Model werden und gerät in eine albtraumhaft-surreale Welt.

Das erste, was in einem Alptraum ignoriert wird, ist die Logik. Das nächste eine stringent aufgebaute Geschichte. Auch in „The Neon Demon“ reihen sich die Episoden beliebig aneinander, lose aufgehängt an Jesses Geschichte von ihrem ersten Shooting zum nächsten Shooting. Es ist eine Welt, in der sich alles um Schönheit dreht und die Verfallszeit von Schönheit enorm kurz ist, wie ihr einige etwas ältere Models verraten.

Die Episoden aus Jesses Leben könnten auch, wie Szenen in einer Kunstinstallation, in irgendeiner anderen Reihenfolge gesehen werden. Sie bleiben abstrakte Stimmungsbilder, die ständig Signale aussenden, die im Film nicht weiterverfolgt werden. Die Modewelt! Hollywood! Die dunkle Seite von Hollywood, die in zahlreichen Krimis porträtiert wurde. Es ist die Welt, die David Lynch in „Mulholland Drive“ und „Lost Highway“ oder David Cronenberg in „Maps to the Stars“ ungleich pointierter, gelungener, stringenter, mitreisender, vielschichtiger, ambivalenter, abstrakter und dennoch konkreter zeigen.

Bei Refn ist sie nur eine Welt von zusammenhanglosen Zeichen, Signalen für beliebige Interpretationen und Szenen, die mal mehr, mal weniger als Tableau angeordnet sind, die ihr Leben eher auf einer Doppelseite eines Modemagazins entfalten. Es ist eine tote Welt. Hinter der Oberfläche lauert hier einfach nur die von keinem tieferem Gedanken getrübte Leere. Denn die Erkenntnis, dass die Modewelt oberflächlich ist, ist wahrlich keine neue Erkenntnis. Falls das überhaupt die Erkenntnis ist, die Refn uns mitgeben will.

Denn am Ende von „The Neon Deom“ bleibt nur das Gefühl, dass Refn einem etwas wirklich wichtiges mitteilen wollte. Aber er will seine Botschaft – sofern er überhaupt irgendeine hat – nicht mehr in eine Geschichte packen. So sagt er im Presseheft, er habe einen Film über die Schönheit machen wollen. Er habe einen Horrorfilm machen wollen, in dem alle wichtigen Horrorfilmelemente enthalten seien, aber nicht unbedingt in der richtigen Reihenfolge. Er habe sich gefragt, ob es möglich sei, einen Horrorfilm ohne den Horror zu machen.

Nun, letzteres ist ihm gelungen; wobei sich natürlich die Frage stellt, warum man einen Horrorfilm ohne Horror machen will oder man Horrorfilmelemente in der falschen Reihenfolge präsentieren will.

The Neon Demon“ ist als Symphonie von Bildern und Tönen, die man an sich vorbeiziehen lässt, nicht ohne Reiz. Wenn man sich nicht darauf einlassen will oder kann, wenn man versucht über das Werk nachzudenken, ist es prätentiöser, Wichtigkeit behauptender Quark, optisch gelungen präsentiert.

The Neon Demon - Plakat

The Neon Demon (The Neon Demon, USA/Frankreich/Dänemark 2016)

Regie: Nicolas Winding Refn

Drehbuch: Nicolas Winding Refn, Mary Laws, Polly Stenham (nach einer Geschichte von Nicolas Winding Refn)

mit Elle Fanning, Jena Malone, Bella Heathcote, Abbey Lee, Karl Glusman, Chrstina Hendricks, Keanu Reeves, Allessandro Nivola

Länge: 117 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „The Neon Demon“

Metacritic über „The Neon Demon“

Rotten Tomatoes über „The Neon Demon“

Wikipedia über „The Neon Demon“

Meine Besprechung von Nicolas Winding Refns „Fear X“ (Fear X, USA 2003)

Meine Besprechung von Nicolas Winding Refns „Drive“ (Drive, USA 2011)

Meine Besprechung von Nicolas Winding Refns „Only God Forgives“ (Only God Forgives, Frankreich/Dänemark 2013)


TV-Tipp für den 24. Dezember: Cloud Atlas

Dezember 23, 2015

Nach der Bescherung, auf der Sinnsuche

Eins Festival, 21.40

Cloud Atlas – Der Wolkenatlas (USA/Deutschland 2012, Regie: Lana & Andy Wachowski, Tom Tykwer)

Drehbuch: Lana & Andy Wachowski, Tom Tykwer

LV: David Mitchell: Cloud Atlas, 2004 (Der Wolkenatlas)

„Cloud Atlas“ ist ein dreistündiger, auf sechs Zeitebenen zwischen 1849 und 2346 spielender Trip, bei dem sechs miteinander verwobene Geschichten, die auch alle unterschiedliche Genres bedienen, zu einer Vision verbunden werden, die auch den Eindruck von viel Lärm um Nichts hinterlässt. Aber die Wachowski-Geschwister und Tom Tykwer liefern einen kurzweiligen, immer interessanten und sehenswerten Film ab, bei dem die Stars, teils kaum erkennbar, in verschiedenen Rollen auftreten.

In meiner Besprechung gehe ich ausführlicher auf die Probleme ein, die ich mit dem Film habe. Dort gibt es auch etliche Clips mit Hintergrundinformationen.

mit Tom Hanks, Halle Berry, Jim Broadbent, Hugo Weaving, Jim Sturgess, Doona Bae, Ben Whishaw, James D’Arcy, Zhou Xun, Keith David, Susan Sarandon, Hugh Grant, David Gyasi, Martin Wuttke, Götz Otto, David Mitchell (Cameo als Spion)

Wiederholung: Sonntag, 27. Dezember, 01.15 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Cloud Atlas“

Metacritic über „Cloud Atlas“

Rotten Tomatoes über „Cloud Atlas“

Wikipedia über „Cloud Atlas“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Lana & Andy Wachowski/Tom Tykwers „Cloud Atlas“ (Cloud Atlas, USA/Deutschland 2012)

Meine Besprechung von Lana & Andy Wachowskis „Jupiter Ascending“ (Jupiter Ascending, USA 2015)


TV-Tipp für den 11. Dezember: The Big Lebowski

Dezember 11, 2015

3sat, 22.35

The Big Lebowski (USA 1998, Regie: Joel Coen)

Drehbuch: Ethan Coen, Joel Coen

Ein echter Kultfilm.

Die Geschichte ist, wie bei Raymond Chandler, der als Inspiration diente, kaum nacherzählbar, labyrinthisch, voller grandioser Szenen und Sätze und wahrscheinlich bar jeder Logik. Im wesentlichen geht es darum, dass der Dude mit seinem ihm bis dahin unbekannten, stinkreichen, herrischen, querschnittgelähmten Namensvetter verwechselt wird und er in eine undurchsichtige Entführungsgeschichte hineingezogen wird.

mit Jeff Bridges, John Goodman, Julianne Moore, Steve Buscemi, David Huddleston, Philip Seymour Hoffman, Tara Reid, Philip Moon, Mark Pellegrino, Peter Stormare, Flea, John Turturro, Sam Elliott, Ben Gazzara

Hinweise

Homepage des Lebowski Fest

Drehbuch „The Big Lebowski“ von Joel & Ethan Coen

Wikipedia über „The Big Lebowski“ (deutsch, englisch)

„You know, for kids!“  – The Movies of the Coen Brothers (eine sehr umfangreiche Seite über die Coen-Brüder)

Meine Besprechung von Bill Green/Ben Peskoe/Will Russell/Scott Shuffitts „Ich bin ein Lebowski, du bist ein Lebowski – Die ganze Welt des Big Lebowski“ (I’m a Lebowski, you’re a Lebowski, 2007)

Meine Besprechung von Michael Hoffmans “Gambit – Der Masterplan” (Gambit, USA 2012 – nach einem Drehbuch von Joel und Ethan Coen)

Meine Besprechung des Coen-Films “Inside Llewyn Davis” (Inside Llewyn Davis, USA/Frankreich  2013)

Die Coen-Brüder in der Kriminalakte

Der neue Film der Coen-Brüder eröffnet im Februar die Berlinale. Hier der äußerst vergnügliche Trailer


Neu im Kino/Filmkritik: „Krampus“ ist da

Dezember 4, 2015

Neben den Heile-Welt-Weihnachtsfilmen gibt es auch die anderen Weihnachtsfilme und dass „Krampus“, benannt nach einer heute vor allem in Österreich und den umliegenden Gebieten bekannten Schreckgestalt, die als böser Nikolaus unartige Kinder bestraft, in die zweite Kategorie fällt, dürfte niemand überraschen.
Nachdem der junge Max wutentbrannt, nach einem Streit mit der blöden bis grenzdebilen Verwandtschaft, die jedes Jahr über die Weihnachtstage zu Besuch kommt, seinen Wunschzettel an den Nikolaus zerreißt und aus dem Fenster wirft, hält Krampus das für eine Aufforderung Max, dessen Familie und die ganze Kleinstadt zu besuchen. Denn, so die Filmsage, Krampus bestraft all jene, die nicht mehr an das Fest der Liebe und den Geist der Weihnacht glauben. Dass Krampus nach dieser Auftragsbeschreibung viel zu tun hat, muss uns nicht stören. Der Nikolaus und das Christkind kriegen das mit dem Geschenke-Verteilen ja auch hin. Und dann gibt es noch die aus Österreich kommende Oma, die das Kaminfeuer hütet und so einen Besuch von Krampus verhindern will. Sie erzählt eine weitere leicht abweichende Krampus-Geschichte.
In dem Film geschieht dann das, was wir aus unzähligen Alien-Invasionsfilmen kennen. Menschen flüchten. Sie schreien. Sie sterben. Und am Ende kämpfen einige der Überlebenden erfolgreich gegen die alptraumhaft aussehenden Aliens, die hier als kreischend-mordlüsterne Lebkuchenmänner (Nein, keine Gremlins!) kommen, Hörner und maskenhafte Gesichter (was dann an, nun, Männer mit Masken erinnert) haben und auch mal einige Familienmitglieder im Boden verschwinden lassen. Das sorgt für durchaus kurzweiliges Vergnügen, bei dem die Motivation der Bösewichter für ihr Schlachtfest nebensächlich ist.
Letztendlich ist „Krampus“, sparsam garniert mit einigen wenigen Witzen, nur ein weiterer Alien-Invasionsfilm. Denn der weihnachtliche Hintergrund, der das Potential für satirische Spitzen hätte, wird komplett verschenkt. Das Ende hat dann seine eigenen Probleme, die vor allem darin liegen, dass die Macher mit einer uralten, sehr einfallslosen und entsprechend mutlosen Pointe enden.
Als halbstündige „The Twilight Zone“-Episode hätte „Krampus“ sicher besser funktioniert.

Krampus - Teaserplakat

Krampus (Krampus, USA 2015)
Regie: Michael Dougherty
Drehbuch: Michael Dougherty, Zach Shields, Todd Casey
mit Adam Scott, Toni Collette, Alllison Tolman, David Koechner, Emjay Anthony, Lolo Owen, Stefania Owen, Krista Stadler, Conchata Ferrell, Queenie Samuel
Länge: 98 Minuten
FSK: ab 16 Jahre

Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Krampus“
Moviepilot über „Krampus“
Metacritic über „Krampus“
Rotten Tomatoes über „Krampus“
Wikipedia über „Krampus“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Die ungewöhnliche Strugatzki-Verfilmung „Es ist schwer, ein Gott zu sein“

September 4, 2015

In den ersten Minuten versucht man unwillkürlich, Aleksei Germans letzten Film „Es ist schwer, ein Gott zu sein“ (er starb am 21. Februar 2013; der Film wurde von Svetlana Karmalita und ihrem gemeinsamen Sohn Aleksei A. German fertiggestellt) als Parabel auf das heutige Russland zu sehen. Immerhin war die Vorlage, der Roman „Es ist schwer, ein Gott zu sein“ der Brüder Arkadi und Boris Strugatzki eine antistalinistische Parabel, deren Botschaft schnell bekannt wurde. Aber dieser Versuch, platte aktuelle Bezüge zu erkennen, verblasst schnell in einer gut dreistündigen SW-Symphonie voller beeindruckender Plansequenzen aus einer schlammigen Vorhölle, in der es nur Dreck, Gewalt und Wahnsinn gibt, hinter denen die Geschichte verschwindet. Dafür muss man das Presseheft aufschlagen:
Eine Gruppe Historiker wurde auf einen fremden Planeten entsandt, der in seiner Entwicklung 800 Jahre hinter der Erde zurückliegt. In der Hoffnung, in dieser mittelalterlichen Zivilisation die Geburt einer Renaissance hautnah miterleben zu können, mischen sich die Forscher unbemerkt als adlige Nachkommen lokaler Gottheiten unters Volk, um die dortigen Ereignisse aufzuzeichnen und zur Erde zu übertragen. Ihre oberste Direktive dabei lautet: Bleibe unerkannt und neutral, greife niemals in das Geschehen ein und töte unter keinen Umständen einen Planetenbewohner. So weit, so gut. Doch als in der Stadt Arkanar graue Truppen plötzlich ein blutiges Pogrom gegen Gelehrte und Bücherfreunde starten, nimmt die Geschichte unvermittelt einen völlig anderen Verlauf. Don Rumata, der vor Ort das Treiben hilflos mit ansehen muss, fällt es dabei zunehmend schwerer, dem brutalen Gemetzel einfach tatenlos zuzuschauen. Doch was tun als ein Gott, dem die Hände gebunden sind?
Aber an einer konventionellen Geschichte ist German auch nicht interessiert. Er möchte nicht Filme machen für Leute, die zu faul sind, ein Buch zu lesen. Er liebte die alten Filme. Die Werke von Ingmar Bergman, Akira Kurosawa, Federico Fellini, Otar Iosseliani und Andrei Tarkowski, die er oft sah. Und er wollte den Roman „Es ist schwer, ein Gott zu sein“ seit seiner Veröffentlichung verfilmen. 1968 wäre es fast so weit gewesen. Aber dann wurde ihm mitgeteilt, dass alle Arbeiten an dem Film eingestellt seien. Seitdem versuchte er immer wieder, den Roman zu verfilmen. Es wurde zu seinem Lieblingsprojekt, mit dem er sich mehrere Jahrzehnte beschäftigte. Auch die Drehbarbeiten dauerten Jahre. Vom Herbst 2000 bis zum August 2008. Danach ging es an die Postproduktion, die wiederum fünf Jahre dauerte. Allein schon diese lange Zeit zeigt, dass der so entstandene Film kompromisslos einer künstlerischen Vision folgt. Aber er hat auch den Nachteil vieler über Jahre verfolgter Lieblingsprojekte. Weil der Macher sich so sehr in den Stoff vertiefte, ist er für Außenstehende kaum noch verständlich.
Und so ist „Es ist schwer, ein Gott zu sein“ als abstrakte Meditation über den Science-Fiction-Roman beeindruckend, aber auch schwer zugänglich, oft langweilig (wenn man über mehrere Minuten einfach nur Wahnsinnige agieren sieht, ohne zu wissen, warum sie es tun) und mit drei Stunden auch verdammt lang geraten. Aber es ist auch in jeder Sekunde spürbar, dass der Film eine Vision hat, die weniger mit dem heutigen Russland oder dem allgemeinen Zustand der Welt, als mit der fatalistischen Sicht Aleksei Germans auf die Welt und die Menschheit abseits jeglicher aktueller Bezüge zu tun hat. Das zeigt sich auch an den vielen im Film verarbeiteten und zitierten Einflüssen und Bildern aus den vergangenen Jahrhunderten der europäischen Geistesgeschichte.
„Es ist schwer, ein Gott zu sein“ ist eindeutig Kunst, die berührt und auch polarisiert. So wird es ein großer Spaß sein, zu beobachten, wie Menschen das Kino verlassen und auch wie sie während und nach dem Film auf ihn reagieren.

Es ist schwer ein Gott zu sein - Plakat - 4

Es ist schwer, ein Gott zu sein (Trudno Byt‘ Bogom, Russland 2013)
Regie: Aleksei German
Drehbuch: Svetlana Karmalita, Aleksei German
LV: Arkadi Strugatzki, Boris Strugatzki: Трудно быть богом, 1964 (Ein Gott zu sein, ist schwer; Es ist nicht leicht, ein Gott zu sein; Es ist schwer, ein Gott zu sein)
mit Leonid Yarmolnik, Aleksandr Chutko, Yuriy Tsurilo, Evgeniy Gerchakov, Natalia Moteva, Aleksandr Ilin
Länge: 177 Minuten
FSK: ab 16 Jahre

Das Opus läuft in der russischen Originalfassung mit deutschen Untertiteln ab den genannten Daten in diesen Kinos
03.09.15 Berlin Brotfabrik
03.09.15 Berlin B-Ware Ladenkino
03.09.15 Dresden KIF
03.09.15 Kiel Kino in der Pumpe
03.09.15 Köln Filmhauskino
03.09.15 Mainz Capitol/Palatin
03.09.15 Magdeburg Moritzhof
03.09.15 Karlsruhe Kinemathek
04.09.15 Rostock Lichtspieltheater Wundervoll
06.09.15 Aachen Apollo
07.09.15 Berlin FilmRauschPalast
07.09.15 Frankfurt Orfeos Erben
08.09.15 Berlin Z-inema
10.09.15 Berlin Kino Zukunft am Ostkreuz
10.09.15 Nürnberg Casablanca
10.09.15 Regensburg Andreasstadel
11.09.15 Leipzig Schaubühne
12.09.15 Hamburg 3001 Kino
17.09.15 Berlin Kino Krokodil
17.09.15 Saarbrücken Filmhaus
19.09.15 Weiterstadt Kommunales Kino
24.09.15 Bamberg Lichtspiel
24.09.15 Mannheim Cinema Quadrat
27.09.15 Pforzheim KoKi
25.10.15 Potsdam Thalia Datum
Mit noch unbekanntem Startdatum:
Dortmund Roxy Kino
Hannover Kino im Künstlerhaus
Krefeld Casablanca

Die DVD- und BluRay-Veröffentlichung sind für Ende des Jahres geplant. Über das Bonusmaterial ist noch nichts bekannt, aber Bildstörung packt normalerweise viel gutes Bonusmaterial drauf.

Hinweise
Homepage zum Film
Film-Zeit über „Es ist schwer, ein Gott zu sein“
Moviepilot über „Es ist schwer, ein Gott zu sein“
Metacritic über „Es ist schwer, ein Gott zu sein“
Rotten Tomatoes über „Es ist schwer, ein Gott zu sein“
Wikipedia über „Es ist schwer, ein Gott zu sein“


TV-Tipp für den 3. Juli: Hostage – Entführt

Juli 3, 2015

ZDFneo, 22.10

Hostage – Entführt (USA 2005, Regie: Florent Emilio Siri)

Drehbuch: Doug Richardson

LV: Robert Crais: Hostage, 2001 (Hostage – Entführt)

LAPD-Verhandlungsexperte Jeff Talley schiebt in einer Kleinstadt eine ruhige Kugel. Da nehmen drei Jugendliche einen Mafia-Buchhalter und dessen Kinder als Geisel. Talley muss, nachdem die Mafia seine Frau und Tochter entführt, wieder verhandeln.

Okayer Geiselnahmethriller mit einem irgendwo zwischen Italo-Western und Horrorfilm oszillierendem Look und einigen hübschen Twists, wie der doppelten Geiselnahme und den sich verändernden Loyalitäten. Allerdings ist das Buch gerade bei dem Mafia-Plot glaubwürdiger. Und wer wissen will, wie die Polizei verhandelt, sollte auch zu dem Buch greifen.

Der Film ist nur die bleihaltige Action-Variante davon.

Mit Bruce Willis, Kevin Pollak, Jimmy Bennett, Michelle Horn, Ben Foster, Jonathan Tucker, Marshall Allman, Serena Scott Thomas, Rumer Willis (Tochter von Bruce Willis), Kim Coates, Robert Knepper

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Hostage“

Homepage von Robert Crais

Wikipedia über Robert Crais

Drehbuch „Hostage“ von Robert Crais (29. März 2002, early draft – Crais schrieb nach seinem Roman ein Drehbuch, das später von anderen Autoren umgearbeitet wurde.)

Robert Crais in der Kriminalakte

Bruce Willis in der Kriminalakte


DVD-Kritik: Der „Death in Paradise“ geht in die dritte Staffel

November 4, 2014

Zwei Staffeln, beziehungsweise zwei Jahre, lang löste DI Richard Poole auf der Karibikinsel Saint Marie Mordfälle. Er war der typische fish out of water: ein überaus steifer und korrekter Brite, der immer seinen Anzug an hat und Tee trinkt (natürlich richtig zubereitet), während er knifflige Mordfälle löst. Seine Arbeitskollegen Camile Bordey, Dwayne Myers und Fidel Best, die alle gebürtige Inselbewohner sind, sich entsprechend leger kleiden und eine karibisch entspannte Lebenseinstellung haben, waren zunächst erstaunt über den Inbegriff des britischen Empire, der mit ihnen zusammenarbeiten soll. Aber schnell wurden sie ein gutes Team, das viele Morde löste, bis Poole, der sich nur langsam an die karibische Lebenseinstellung und das Klima gewöhnte (ohne jemals auf seine korrekte Bekleidung zu verzichten), in „Tickende Uhren“, der Auftaktepisode der dritten „Death in Paradise“-Staffel, gemeuchelt wird.
Als Ersatz kommt Humphey Goodman, ein ebenso brillanter Detektiv mit der seltsamen Angewohnheit, sich auf Zetteln und Servietten Notizen zu machen, und äußerst schusselig ist. Wenn ein Kabel im Weg liegt, stolpert er darüber. Jedenfalls beim Lösen der ersten Mordfälle. Davon abgesehen ist er vollkommen normal. Er braucht keinen Tee, kleidet sich dem Klima entsprechend, setzt sich in den Sand und ist verheiratet. Jedenfalls am Anfang. Aber seine Frau verlässt ihn.
Durch diese Umbesetzung wird „Death in Paradise“ zu einer gewöhnlichen, netten, sonnigen Rätselkrimiserie, die kurzweilig unterhält, aber nicht mehr das besondere Flair der ersten Fälle hat, die vor allem von dem Culture Clash zwischen britischer Steifheit und karibischer Lockerheit lebte.
Die Fälle selbst, wieder acht Mordfälle, die in einer knappen Stunde aufgeklärt werden, sind Rätselkrimis, die mit einer Versammlung aller Betroffenen in einem Raum endet, wo der Detektiv dann den Mörder überführt.
So wird während eines Drehs für einen Zombie-Horrorfilm ein Stand-In vergiftet. Aber wollte der Mörder in Wirklichkeit nicht die Hauptdarstellerin ermorden? In ihrem nächsten Fall wird während einer Kunstausstellung ein Gigolo, der auch viel über Kunst weiß, ermordet. Dann wird eine Stewardess vergiftet. Die Polizisten fragen sich, wer ihrer Arbeitskollegen der Täter ist. Ein Minister soll sich in seinem Arbeitszimmer umgebracht haben. Aber Goodman ist misstrauisch.
Raus aus geschlossenen Räumen und in die freie Wildbahn geht es in ihrem nächsten Fall: Ein Mitglied einer Gruppe von Vogelbeobachtern, die einen besonders seltenen Vogel sichten wollen, wird ermordet und, wie es sich für einen Rätselkrimi gehört, haben alle Mitglieder der Gruppe, obwohl einer von ihnen der Mörder sein muss, wasserdichte Alibis.
Als auf einer vor Saint Marie gelegenen Insel der Familienpatriarch ermordet wird, müssen Goodman und seine Kollegen den Mörder finden, während sie wegen eines Sturms von der Zivilisation abgeschnitten sind. Goodmans Kollege Poole befand sich in einem früheren Mordfall in einer ähnlichen Situation.
Und im letzten Mordfall der dritten „Death in Paradise“-Staffel wird in einer ziemlich britischen Seniorenresidenz eine Ärztin ermordet, obwohl der Tatort auf einen Suizid schließen lässt.
Die Fälle sind, wie gesagt, vergnügliche Rätselkrimis, bei denen es unmöglich ist, den Mörder, den genauen Hergang und das Tatmotiv vor der Auflösung zu erraten. Aber das war schon zu Zeiten von Hercule Poirot so.
Alelrdings fehlt in der dritten Staffel das Flair des Besonderen, das Richard Poole auf die Insel trug. Humphrey Goodman ist halt nur ein guter Mann.
Dieses Mal gibt es sogar etwas Bonusmaterial: sieben kurze Werbe-Featurettes, die in 18 Minuten durchgesehen sind und als „Making of Death in Paradise“ angekündigt sind.

Death in Paradise - Staffel 3 - DVD-Cover

Death in Paradise – Staffel 3 (Death in Paradise, Großbritannien 2014)
Regie: Cilla Ware, Dusan Lazarevic, Robert Quinn, Richard Signy
Drehbuch: Robert Thorogood, Daisy Coulam, Paul Logue, Ian Kershaw, J. C. Wilsher, Simon Winstone, Jack Lothian
Erfinder: Robert Thorogood
mit Kris Marshall (DI Humphrey Goodman), Sara Martins (DS Camille Bordey), Danny John-Jules (Officer Dwayne Myers), Gary Carr (Fidel Best), Don Warrington (Commissioner Selwyn Patterson), Élisabeth Bourgine (Catherine), Ben Miller (DI Richard Poole)

DVD
Edel
Bild: 16:9 PAL
Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)
Untertitel: –
Bonusmaterial: Making of Death in Paradise
Länge: 435 Minuten (4 DVDs)
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

BBC über „Death in Paradise“

BBC Germany über „Death in Paradise“

Wikipedia über „Death in Paradise“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von “Death in Paradise – Staffel 1″ (Death in Paradise, GB/Fr 2011)

Meine Besprechung von „Death in Paradise – Staffel 2“ (Death in Paradise, GB 2013)


Neu im Kino/Filmkritik: I Origins; Like Father, like Son; Phoenix; Sieben verdammt lange Tage; Ein Sommer in der Provence; Who am I – Kein System ist sicher

September 26, 2014

Wenig Zeit, daher „Kurz & Knapp“ (auch eine Form von KuK) über die Neustarts im Kino am heutigen Donnerstag:

I Origins - Plakat

„I Origins“ ist einer der Filme, von denen ich viel erwartete und dann umso enttäuschter war. Denn die Prämisse, dass jede Iris einzigartig ist und ein Molekularbiologe, der in diesem Forschungsgebiet über die Evolution des Auges bahnbrechendes leistet, entdeckt, dass diese Arbeitshypothese falsch ist und damit seine gesamte Forschung und seine Überzeugungen in Frage stellen würde, verspricht einen philosophischen Science-Fiction-Film.
Aber dann geht es auch um eine Liebesgeschichte, die ungefähr in der Filmmitte ein abruptes Ende findet und später doch wieder wichtig ist. Es geht um Forschungsfragen. Es geht um die Frage nach der Einzigartigkeit des Menschen und um Wiedergeburt, was die Einzigartigkeit der Iris, aber auch etwas viel unangenehmeres beweisen würde. Es gibt auch ein seltsames Forschungsprogramm, das nicht näher erklärt wird, aber für die Fans von Paranoia-Thrillern gedacht ist. Für die gibt es auch eine Szene nach dem Abspann.
Letztendlich begnügt Mike Cahill sich in „I Origins“ mit dem Aufwerfen von Fragen und mehreren überraschenden bis abstrusen Wendungen, die nur verwirren ohne auch nur im Ansatz zu erklären, worum es den Machern ging.
„I Origins“ ist ein frustierender Film. Mit und ohne Seelenwanderung. Und dass Cahill im Presseheft sagt, dass für ihn „I Origins“ nur der Anfang seiner Erforschung des Bereiches zwischen Fakten und Glauben sei und er den Stoff in weiteren Filmen oder einer TV-Serie fortspinnen will, hilft nicht, weil wir dann den Film nicht als eigenständiges, in sich abgeschlossenes Werk, sondern nur als den Auftakt von etwas Größerem ansehen sollen.

I Origins – Im Auge des Ursprungs (I Origins, USA 2014)
Regie: Mike Cahill
Drehbuch: Mike Cahill
mit Michael Pitt, Brit Marling, Astrid Bergès-Frisbey, Steven Yeun, Archie Panjabi, Cara Seymour, Venida Evans, William Mapother, Kashish
Länge: 108 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Film-Zeit über „I Origins“
Moviepilot über „I Origins“
Metacritic über „I Origins“
Rotten Tomatoes über „I Origins“
Wikipedia über „I Origins“ (deutsch, englisch)

Like Father Like Son - Plakat 1

Was wäre, wenn dein Kind bei der Geburt vertauscht worden wäre? Und was würdest du tun? Das muss sich Ryota Nonomiya fragen, als er erfährt, dass genau das vor sechs Jahren geschehen ist. Der distanzierte, statusbewusste Architekt, der in finanzieller Hinsicht alles für seinen Sohn tut, aber wegen der vielen Arbeit ihn fast nie sieht, hat jetzt eine Erklärung für die Defizite und den mangelnden Ehrgeiz seines Sohnes. Aber ist Blut wirklich dicker als Erziehung? Soll er seinen falschen Sohn gegen seinen echten Sohn tauschen, der bei einer zwar liebevollen, aber armen und furchtbar ambitionslosen Familie lebt? Oder soll er dafür kämpfen, das Sorgerecht für beide Kinder zu bekommen?
Hirokazu Kore-eda erhielt für seinen Film „Like Father, like Son“ in Cannes den Preis der Jury und das ist verständlich. Ruhig und aus Ryotas Perspektive erzählt er von diesem Dilemma. Dabei bleiben die Sympathien für den egoistischen Ryota, der das Kind vor allem als Statussymbol braucht, überschaubar. Aber die angesprochenen Fragen sind unversell und Hirokazu Kore-eda behandelt sie auch angemessen komplex in einer scheinbar einfachen Geschichte über zwei Familien und ihre Kinder in einer Gesellschaft, in der – wenn so ein Fehler entdeckt wird – die Kinder getauscht werden und ein Adoptionen selten sind.
Ein sehenswerter Film.


Like Father, like Son (Soshite chichi ni naru, Japan 2013)
Regie: Hirokazu Kore-eda
Drehbuch: Hirokazu Kore-eda
mit Masaharu Fukuyama, Machiko Ono, Keita Ninomiya, Lily Franky, Yoko Maki, Shogen Hwang
Länge: 120 Minuten
FSK: ab 0 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Like Father, like Son“
Moviepilot über „Like Father, like Son“
Metacritic über „Like Father, like Son“
Rotten Tomatoes über „Like Father, like Son“
Wikipedia über „Like Father, like Son“

Phoenix - Plakat - 4

Nelly hat schwer verletzt und verunstaltet den Zweiten Weltkrieg und Auschwitz überlebt. Ihre Freundin Lene bietet ihr ein neues Leben in Israel mit einem neuen Gesicht an. Aber Nelly will wieder ihr altes Gesicht zurückhaben. Sie will in Deutschland bleiben und sie will wieder ihren Ehemann Johnny treffen. Er ist ihre große Liebe, der sie verraten hatte.
Johnny arbeitet jetzt in Berlin in der Bar „Phoenix“. Als er Nelly trifft, erkennt er sie nicht. Aber er bemerkt eine verblüffende Ähnlichkeit zwischen der unbekannten Schönheit und seiner toten Frau. Jedenfalls glaubt Johnny, dass Nelly tot ist. Er will die Fremde zu Nellys Ebenbild verändern, um so an Nelly Familienvermögen zu gelangen. Nelly spielt mit.
Cineasten werden in „Phoenix“ sofort eine Variante von Alfred Hitchcocks „Vertigo“ erkennen. Sowieso hat jedes Bild, jeder Satz, jede Geste und jede Szene mindestens eine weitere Bedeutung, was beim Ansehen und Entschlüsseln Spaß macht. Wobei, wie üblich bei Christian Petzold, der Film auch einfach als spannende Geschichte funktioniert. Jedenfalls bis Nelly auf Johnnys Angebot eingeht. Dann fällt die vorher vorhandene Spannung wie ein Soufflé in sich zusammen und die restlichen Minuten, wenn Nelly die Gestik von Nelly einstudiert und sie bei ihren Verwandten, die den Krieg überlebten, vorgestellt wird, haben dann etwa die Spannung von Malen-nach-Zahlen.
„Phoenix“ ist Fritz Bauer, dem Initiator und Ankläger des Auschwitz-Prozesses, gewidmet. Harun Farocki, mit dem Petzold bei, ich glaube, jedem seiner Filme zusammenarbeitete, verstarb kurz vor der Premiere des Films.
Insgesamt ist „Phoenix“ ein sehenswerter Film. Aber Petzolds bester Film ist es nicht.


Phoenix (Deutschland 2014)
Regie: Christian Petzold
Drehbuch: Christian Petzold, Harun Farocki (Mitarbeit)
LV (nach Motiven): Hubert Monteilhet: Le retour des cendres, 1961 (Der Asche entstiegen)
mit Nina Hoss, Ronald Zehrfeld, Nina Kunzendorf, Michael Maertens, Imogen Kogge, Kirsten Block
Länge: 98 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Homepage zum Film
Film-Zeit über „Phoenix“
Moviepilot über „Phoenix“
Rotten Tomatoes über „Phoenix“


Sieben verdammt lange Tage - Plakat


Nach dem Tod ihres Vaters müssen die Mitglieder der Familie Altman, auf Wunsch des Verstorbenen, eine siebentägige Totenwache nach jüdischer Tradition halten, was natürlich dazu führt, dass die gar nicht so gläubige Familie, die uns als dysfunktional vorgestellt wird, über alte und neue Probleme reden muss.
„Sieben verdammt lange Tage“ ist gut besetzt. Jason Bateman als gerade entlassener und getrennt lebender Radio-Producer (seine Frau schlief mit seinem Boss), der jetzt nicht weiß, was er mit seinem Leben anfangen soll. Tina Fey, Adam Driver und Corey Stoll als seine Geschwister. Jane Fonda (Die soll Jahrgang 1937 sein? Niemals.) als Mutter mit vergrößerter Brust und die ihre Kinder als Studienobjekte für ihre populären Erziehungsratgeber benutzte. In Nebenrollen sind unter anderem Rose Byrne als Batemans alte und neue Freundin und Timothy Olyphant als verblödeter, aber sehr verständnisvoller Nachbar und Ex-Freund von Tina Fey dabei.
Es ist auch gut inszeniert von Shawn Levy (Real Steel, Prakti.com). Jonathan Troppers Drehbuch schmeckt die dramatischen und die komödiantischen Teile in dieser in Richtung harmonieseliger RomCom gehenden Familienzusammenführung ordentlich ab.
Aber die Charaktere, die alle in einem luftleeren Raum abseits von all den normalen Alltagsproblemen lebten, interessierten mich niemals wirklich. Auch die Prämisse wirkte arg ausgedacht. Immerhin versteht die Familie sich gut und sie traf sich in den vergangenen Jahren sicher zum üblichen Thanksgiving-Dinner und dem gemeinsamen Weihnachts-/Silvesterurlaub. Immerhin leben sie doch in und um Long Island, New York, ziemlich nah beieinander.
„Sieben verdammt lange Tage“ ist kein schlechter, aber ein uninteressanter Film.

Sieben verdammt lange Tage (This is where I leave you, USA 2014)
Regie: Shawn Levy
Drehbuch: Jonathan Tropper
LV: Jonathan Tropper: This is where I leave you, 2009 (Sieben verdammt lange Tage)
mit Jason Bateman, Jane Fonda, Tina Fey, Adam Driver, Rose Byrne, Corey Stoll, Kathryn Hahn, Connie Britton, Timothy Olyphant, Dax Shepard, Debra Monk, Abigail Spencer, Ben Schwartz,
Länge: 103 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Sieben verdammt lange Tage“
Moviepilot über „Sieben verdammt lange Tage“
Metacritic über „Sieben verdammt lange Tage“
Rotten Tomatoes über „Sieben verdammt lange Tage“
Wikipedia über „Sieben verdammt lange Tage“ (deutsch, englisch)
Homepage von Jonathan Tropper

Meine Besprechung von Shawn Levys „Real Steel“ (Real Steel, USA 2011)

Meine Besprechung von Shawn Levys „Prakti.com“ (The Internship, USA 2013)

Ein Sommer in der Provence - Plakat

Für die beiden Pariser Teenager Léa und Adrien ist schon die Hinfahrt im Zug eine Tortur, die ihren Höhepunkt erreicht, als sie erfahren, dass das Gut ihres Großvaters ab von jeglicher Zivilisation mitten in der Einöde liegt und dass es dort keinen Handy-Empfang gibt (gut, das Problem wird später gelöst). Für ihren jüngeren, gehörlosen Bruder Théo ist die Zugfahrt wohl eher der Beginn eines großen Abenteuers. Und für ihren Großvater Paul (Jean Reno als grumpy old man) ist der Besuch auch eine höchst unwillkomme Unterbrechung seines geruhsamen Landlebens zwischen Olivenbäumen und funktionierendem Alkoholiker, der sich vor Ewigkeiten so heftig mit seiner Tochter zerstritt, dass er seine Enkelkinder noch nicht gesehen hat.
Dennoch verleben sie einen schönen „Sommer in der Provence“, in dem Léa sich in einen schönen Reiter und Pizzabäcker (mit Nebeneinkommen) verliebt, während ihr Bruder ein Auge auf die ebenfalls etwas ältere Dorfschönheit und Eisverkäuferin wirft. Sie treffen auch, via einer von Adrien gefakten Facebook-Einladung, die alten Freunde von Paul und seiner Frau Irène. Eine Bande echter Rocker. Jedenfalls im Sommer. In den anderen Jahreszeiten gehen sie bürgerlichen Berufen nach. Gemeinsam erinnern sie sich am Lagerfeuer an ihre Jugend, die so um 68 rum war, inclusive einem Besuch des legendären Woodstock-Festivals.
In der Realität hätten die Franzosen damals wohl eher das unbekanntere Isle-of-Wight-Festival besucht, aber diese kleine Ungenauigkeit ändert nichts daran, dass jetzt die 68er alt werden und damit auch neue Themen in das typisch französische „Die Familie verbringt einen Sommer auf dem Land“-Komödie gelangen.
Davon abgesehen ist Rose Boschs „Ein Sommer in der Provence“ die diesjährige Ausgabe dieses Genres, in dem die Familie einen Urlaub auf dem Land macht, die Teenager sich verlieben, die Generationen sich etwas streiten und versöhnen und es viele kleine Episoden für jeden Geschmack gibt. So ist „Ein Sommer in der Provence“ ein luftiger Ensemblefilm, der keinen Protagonisten und keine eindeutige Erzählperspektive hat. Diese Positionslosigkeit im Erzählerischen kann man dem Film vorwerfen, oder sich einfach von den Schönheiten der Landschaft verzaubern lassen.

Ein Sommer in der Provence (Avis de mistral, Frankreich 2014)
Regie: Rose Bosch
Drehbuch: Rose Bosch
mit Jean Reno, Anna Galiena, Chloé Jouannet, Hugo Dessioux, Lukas Pelissier, Tom Leeb, Aure Atika
Länge: 105 Minuten
FSK: ab 6 Jahre

Hinweise
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Ein Sommer in der Provence“
Moviepilot über „Ein Sommer in der Provence“
AlloCiné über „Ein Sommer in der Provence“
Rotten Tomatoes über „Ein Sommer in der Provence“
Wikipedia über „Ein Sommer in der Provence“ 

Who am I - Plakat

Nachdem seine Freunde in einem Hotelzimmer ermordet wurden, geht Benjamin (Tom Schilling) zur Europol-Cybercrime-Polizistin Hanne Lindberg (Trine Dyrholm), um ihr alles über die von ihm mitgegründete und polizeilich europaweit gesuchte Hackergruppe CLAY (Clowns laughing @ You) zu erzählen. Gemeinsam machten er und seine Kumpels Max (Elyas M’Barek), Stephan (Wotan Wilke Möhring) und Paul (Antoine Monot, Jr.) etliche Anonymus-Aktionen, die meistens mit einem Einbruch oder mindestens einem Hausfriedensbruch und Benjamins überragenden Computerkenntnissen durchgeführt wurden, gerieten in Kontakt mit der Russian Cyber-Mafia und in den Fokus der Polizei, die sie unerbittlich als Großverbrecher verfolgte.
Das klingt jetzt, nach Wikileaks und den NSA-Enthüllungen von Edward Snowden, wie ein schlecht ausgedachter Scherz und genauso unglaubwürdig wirkt dann auch der gesamte Thriller „Who am I – Kein System ist sicher“ mit seinen eindimensionalen, sich unlogisch verhaltenden Charakteren, die wir immer durch Benjamins Augen sehen. Denn fast der gesamte Film besteht aus Benjamins Geständnis.
Für mich hörte sich Benjamins Geschichte allerdings von der ersten bis zur letzten Minute wie eine schlecht ausgedachte Kolportage aus Schlagzeilen und pubertärer Phantasie an, die eine erfahrene Polizistin niemals glauben würde. Das ist allerdings die Voraussetzung dafür, dass sie später Benjamin hilft und die doppelte Schlusspointe funktioniert. Wobei die erste Pointe Benjamins oft vollkommen unglaubwürdige Geschichte erklärt und die zweite ein netter Abschluss eines vermurksten Films über Hacker, Cybercrime, Lug und Trug ist.
Besser man sieht sich noch einmal „Inside Wikileaks – Die fünfte Gewalt“ an. Da gibt es auch atmosphärische Berlin-Bilder und einen glaubwürdigeren Einblick in das Hacker-Leben.

Who am I – Kein System ist sicher (Deutschland 2014)
Regie: Baran Bo Odar
Drehbuch: Jantje Friese, Baran Bo Odar
mit Tom Schilling, Elyas M’Barek, Hannah Herzsprung, Wotan Wilke Möhring, Antoine Monot, Jr., Triny Dyrholm, Stephan Kampfwirth
Länge: 106 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Homepage zum Film
Film-Zeit über „Who am I“
Moviepilot über „Who am I“
Wikipedia über „Who am I“
Meine Besprechung von Baran Bo Odars „Das letzte Schweigen“ (Deutschland 2010)


TV-Tipp für den 22. September: James Bond: Der MORGEN stirbt nie

September 21, 2014

Weiter geht’s in den ZDF-Bond-Festspielen

ZDF, 22.15

James Bond: Der MORGEN stirbt nie (Großbritannien/USA 1997, Regie: Roger Spottiswoode)

Drehbuch: Bruce Feirstein

LV: Charakter von Ian Fleming

Buch zum Film: Raymond Benson: Tomorrow never dies, 1997 (Der MORGEN stirbt nie)

Die Zeiten ändern sich: Bonds Gegner ist ein Pressezar, der für eine Schlagzeile einen Weltkrieg riskiert.

Brosnans zweiter Einsatz war an der Kinokasse selbstverständlich ein Erfolg. Der Rest war auch wie gewohnt; – auch die zahlreichen Drehbuchentwürfe und Veränderungen während der Dreharbeiten. Da arbeitete ein Team von vier Autoren in einem Londoner Hotel an neuen Ideen und den Wünschen von Spottiswoode. Entsprechend zerfällt der Film immer wieder in Einzelteile. Es gibt dazu einen bissigen Artikel von Feirstein.

Mit Pierce Brosnan, Michelle Yeoh, Jonathan Pryce, Götz Otto, Teri Hatcher, Judi Dench, Samantha Bond (nicht verwandt mit James Bond), Desmond Llewelyn

Wiederholung: Dienstag, 23. September, ZDFneo, 00.15 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „James Bond: Der MORGEN stirbt nie“

Wikipedia über „Der MORGEN stirbt nie“ (deutsch, englisch)

Drehbuch von Bruce Feirstein

Homepage von Ian Fleming

Meine Besprechung von Sebastian Faulks’ James-Bond-Roman „Der Tod ist nur der Anfang“ (Devil may care, 2008)

Meine Besprechung von Jeffery Deavers James-Bond-Roman “Carte Blanche” (Carte Blanche, 2011)

Meine Besprechung von William Boyds James-Bond-Roman “Solo” (Solo, 2013)

Meine Besprechung von Ian Flemings ersten drei James-Bond-Romanen “Casino Royale”, “Leben und sterben lassen” und “Moonraker”

Meine Besprechung des James-Bond-Films „Skyfall“ (Skyfall, GB/USA 2012)

James Bond in der Kriminalakte

Ian Fleming in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: „Freiland“ ist Murks

August 6, 2014

Der Film zur Lage der Nation“ (Plakat) und eine „bitterböse Anarcho-Satire“ (Presseheft) ist „Freiland“ nicht.

Dafür zeigt „Freiland“ fast schon exemplarisch, wie man eine Satire (falls er das jemals sein sollte) und auch einen Film nicht machen sollte. Denn Autor und Regisseur Moritz Laube gelingt es in seinem ersten Spielfilm niemals, auch nur irgendeine Haltung zu seinem Thema (soweit es überhaupt erkennbar ist) zu entwickeln. „Freiland“ ist bestenfalls eine chronologisch erzählte Materialsammlung. Wahrscheinlich dachte Laube, dass es reicht die Unzufriedenheit der Bevölkerung über den Staat und die Wirtschaft (damals Occupy, heute wohl eher die Montagsdemonstrationen), die Idee einen eigenen Staat zu gründen (was in Ostdeutschland ja von einigen durchgeknallten Reichsdeutschen gemacht wird) und das Leben in einer Landkommune (was die 68er ja mehr oder weniger herrschaftsfrei gemacht haben) zusammenzuklatschen und schon hat man einen Film, der noch dadurch, dass die Schauspieler improvisieren durften, an Bedeutung gewinnt.

Stimmt nicht. Man sollte sich vorher auch Gedanken darüber machen, was man sagen will. Also was die Botschaft ist oder was man analysieren möchte. Rosa von Praunheims „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation in der er lebt“ ist ein exzellentes Beispiel für dieses Kino mit einer politischen Botschaft. Schon der Titel ist eine Kampfansage. Der Film ebenso und er wurde anschließend vor allem politisch diskutiert. Für die deutsche Schwulenbewegung ist der Film einer der wichtigen Eckpunkte. Auch Marcus Mittermeiers „Muxmäuschenstill“ hat eine klare politsche Botschaft und es ist eine äußerst gelungene Satire auf den deutschen Spießbürger, der als selbsternannter Gesetzeshüter kleinste Ordnungswidrigkeiten drakonisch bestraft.

Eine solche Haltung fehlt „Freiland“. Sogar die Idee einer Haltung oder politischen Agenda fehlt „Freiland“. Das könnte als Spiegel der Occupy-Bewegung, die gerade an dieser Haltungslosigkeit scheiterte, natürlich die Filmgeschichte vorantreiben.

Aber nachdem Lehrer Niels Deboos (Aljoscha Stadelmann) in den ersten Minuten versuchte, seine Schüler zum Engagement zu begeistern und mit ihnen eine Occupy-Demonstration vor dem Reichstag besuchte, die dann mit schlagenden Polizisten zu einer „Stuttgart 21“-Travestie wird und er Christian Darré (Matthias Bundschuh), den Autor eines Buches über das autonome Leben abseits des dem Untergang geweihten Kapitalismus, auf das öde ostdeutsche Land entführt, wird Occupy links liegen gelassen.

Dort will er die Ideen von Darrés Buch Wirklichkeit werden lassen und weil ein deutscher Lehrer immer einen Lehrer braucht, soll ihm der Visionär Darré helfen. Die Beiden gründen in einem verlassenem Herrschaftshaus ihren Staat. Einige Freiwillige, die dort irgendeine diffuse Utopie verwirklichen wollen, kommen zu ihnen – und jetzt könnte man verschiedene Utopien und Vorstellungen des Zusammenlebens ansprechen. Auch warum die herrschaftsfreien Landkommunen in der Vergangenheit so schnell scheiterten.

Aber es gibt absolut keine Analyse der Machstrukturen und der Dynamik innerhalb von Gruppen. Sowieso bleiben die Mitbewohner von Deboos und Darré austauschbare Staffage. Wir wisen nichts über sie. Sie interessieren uns nicht und als irgendwann ein Bewohner die Kommune verlässt, wissen wir nicht, warum er sie verlässt.

Die Utopie des Zusammenlebens außerhalb der kapitalistischen Bundesrepublik erschöpft sich sowieso in einem blinden Nachahmen der bekannten Strukturen auf dem Niveau eines Operettenstaates, inclusive verordnetem Geschlechtsverkehr mit wechselnden Partnern (wegen der Kinder für den Staat) und Propaganda über eine drohende Invasion von verarmten Deutschen nach Freiland, die von den Freiland-Bewohnern auch blind geglaubt wird. Immerhin campieren Deutsche vor den Toren von Freiland.

Über die beiden Staatsgründer erfahren wir auch nichts. Vor allem nicht, welche Gesellschaftsutopie sie haben. Deshalb wissen wir auch nicht, welche Utopie scheitert. Meistens kümmern sie sich um die normale Versorgung der Bewohner mit Lebensmitteln; also den reinen Kampf ums Überleben, der halt im nächsten Kaufhaus entschieden wird. Denn Landwirtschaft, was ja zu einem autarken Leben führen könnte, wird nicht betrieben. Auch keine ökologisch verträgliche Energieversorgung. Warum Darré sein gesamtes Vermögen investiert, obwohl er doch jederzeit abhauen könnte, bleibt auch unklar. Immerhin war die Staatsgründung nicht seine Idee.

Freiland“ ist ein pseudo-politischer Film von einem vollkommen unpolitischen Filmemacher. Wahrscheinlich sagte sich der 1979 geborene Laube: „Ich will irgendetwas relevantes machen.“ und damit trifft „Freiland“ erschreckend genau den Zeitgeist der Jugend: sie haben keine Utopie, keine Vorstellung von einer Gesellschaft und anstatt die Gesellschaft zu verändern, reden sie, mit einem schlecht verdautem Uni-Seminar im Hinterkopf, vermeintlich herrschaftsfrei darüber. Das war bei der Occupy-Bewegung so. Das ist bei der Piratenpartei so. Das ist bei den jungen Politikern so, bei denen man oft erst aus dem Kleingedruckten erfährt, in welcher Partei sie sind.

Und mit „Freiland“ gibt es jetzt einen sich politisch gebenden unpolitischen Film, den die Welt nicht braucht.

Freiland - Plakat

 

Freiland (Deutschland 2013)

Regie: Moritz Laube

Drehbuch: Moritz Laube

mit Aljoscha Stadelmann, Mattthias Bundschuh, Stephan Grossmann, Henrike von Kuick, Bruno Cathomas, Klaas Heufer-Umlauf

Länge: 91 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Freiland“

Film-Zeit über „Freiland“

Moviepilot über „Freiland“

Freitag/Achtung Berlin: Interview mit Moritz Laube zum Film


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