Neu im Kino/Filmkritik: „Suspiria“, die Version von Luca Guadagnino

November 16, 2018

Als Dario Argentos „Suspiria“ 1977 in die deutschen Kinos kam, war er bereits um einige Minuten gekürzt und „frei ab 18 Jahre“. Das, die Bilder und das, was man in den folgenden Jahren über den mehr oder weniger verbotenen Film hörte, steigerten natürlich die Neugierde. Seitdem avancierte der Gothic-Horrorfilm zu einem Kultfilm und Klassiker des Horrorfilms. Er ist einer von Argentos besten Filmen. Das düstere, aber farbenprächtige Schauermärchen ist ein Trip, der 1977 in Freiburg im Breisgau spielt. Eine junge US-Amerikanerin will dort an einer Ballettschule studieren und gerät in einen Strudel mysteriöser Ereignisse.

Und es ist ein Film, bei dem ein Remake prinzipiell zum Scheitern verurteilt ist. Zu deutlich ist Argentos Stil, bei dem die Bilder eindeutig wichtiger als eine konventionelle Filmgeschichte sind. Zu überflüssig wäre ein konventionelles Remake, in dem eine konventionelle Horrorgeschichte konventionell erzählt wird. Und wenn man sich zu sehr an das Original hält, wäre man schnell bei einer Pastiche oder einer Parodie.

Trotzdem hat Luca Guadagnino sich jetzt daran gewagt. Dabei ist es eine alte Idee von ihm. Seit über 25 Jahren sprach er mit Freunden über ein Remake und entwickelte Ideen dazu. Gleichzeitig wurde Guadagnino in den letzten Jahren mit Filmen wie „I am Love – Ich bin die Liebe“, „A bigger splash“ und „Call me by your Name“ zum geachteten Arthouse-Regisseur. Bei ihm war daher ein neuer Ansatz zu erwarten und er nennt seine Version von „Suspiria“ auch nicht Remake, sondern eine persönliche Hommage und eine Cover-Version; – wobei sich bei Cover-Versionen die gleichen Fragen und Probleme wie bei einem Remake stellen.

Auch in Guadagninos Version spielt der Film in Deutschland im Herbst 1977 und er folgt Argentos Geschichte. Auch dieses Mal will eine junge Amerikanerin (Dakota Johnson) in einer renommierten Tanzschule studieren. Die Schule ist die Fassade für etwas ganz anderes. Die Tanzschule steht allerdings nicht in Freiburg, sondern im geteilten Berlin, in Sichtweite der Mauer. Im Radio und Fernsehern laufen die neuesten Meldungen über die terroristischen Anschläge. Die Farben scheinen nur aus verschieden ausgebleichten Braun- und Grautönen zu bestehen. Es ist eine bedrückende, kränklich machende Optik, die an die Optik damaliger Filme erinnert. Vor allem wenn man eine alte, schon tausendmal abgespielte Kopie eiens Farbfilms sieht. Die BRD war schon recht farblos. Die Tanzschule ist ein Ort ohne Männer und alle Frauen sind ‚Fräuleins‘, gespielt von Renée Soutendijk, Angela Winkler und Ingrid Caven, der alten Fassbinder-Schauspielerin. Und Rainer Werner Fassbinder ist auch ein unübersehbarer Einfluss auf den Film.

So entsteht ein Bild von Deutschland als mythischem Reich des Todes, in dem Hexen eine Tanzschule leiten und enthemmte Tänze dämonische Ereignisse heraufbeschwören können.

In seiner hundertünfzigminütigen Version von Argentos hundertminütigem Film entkernt Guadagnino die eh schon kryptische Geschichte noch weiter, bis nur noch eine Abfolge von Sinneseindrücken übrigbleibt. Einige Szenen bieten dabei Ansätze für Interpretationen. Aber letztendlich interessiert Guadagnino sich nicht dafür. Viel lieber lässt er die jungen Frauen unter der Anleitung von Madame Blanc (Tilda Swinton) tanzen, als gelte es eine Feelbad-Version von „Black Swan“ zu inszenieren.

So ist Guadagninos „Suspiria“ durchaus eine eigenständige Interpretation von Argentos Film. Es werden auch viele Themen andeutet, an denen Argento kein Interesse hat. Guadagnino zeichnet ein beklemmendes Bild von Deutschland im Jahr 1977. Aus dem Handlungsort Berlin macht er allerdings erstaunlich wenig. Einerseits weil fast der gesamte Film in der von der Außenwelt hermetisch abgeschlossenen Tanzschule spielt, andererseits weil die auf der Hand liegenden Berlin-Themen nur im Hintergrund, wie die Fernsehnachrichten, wabern, ohne irgendeinen Einfluss auf die Geschichte der Hexen und ihrer Rituale zu haben. Das gleiche gilt für einen in den Zweiten Weltkrieg zurückreichenden Subplot und für die Ermittlungen von Dr. Josef Klemperer. Immerhin zeigt dieser Plot um den alten Psychotherapeuten die schauspielerische Bandbreite von Tilda Swinton. Inzwischen ist die Identität des Klemperer-Schauspielers Lutz Ebersdorf, für den Macher sogar eine Biographie erfanden, enthüllt. Er ist Swinton.

Stilistisch ist das als in sich hermetisch abgeschlossene, beklemmend-klaustrophobische Feelbad-Vision beeindruckend.Aber es ist auch l’Art pour l’Art, bei der man alle Charaktere und ihre Bewegungen durch die Ballettschule gelangweilt betrachtet und sich fragt, ob dieses Remake wirklich nötig ist und ob es wirklich so lang sein muss..

Radiohead“-Musiker Thom Yorke schrieb die Musik.

P. S.: Arte zeigt am Mittwoch, den 28. November, Dario Argentos in Deutschland von Juni 1983 bis Mai 2014 indizierten Horrorfilm „Suspiria“ ungekürzt um 22.40 Uhr.

Suspiria (Suspiria, Italien/USA 2018)

Regie: Luca Guadagnino

Drehbuch: David Kajganich (nach dem Drehbuch von Dario Argento und Daria Nicolodi)

mit Dakota Johnson, Tilda Swinton, Mia Goth, Lutz Ebersdorf, Chloe Grace Moretz, Angela Winkler, Ingrid Caven, Jessica Harper, Elena Fokina, Renée Soutendijk, Alek Wek, Sylvie Testud, Christine Leboutte, Fabrizia Sacchi

Länge: 152 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Suspiria“

Metacritic über „Suspiria“

Rotten Tomatoes über „Suspiria“

Wikipedia über „Suspiria“ (deutsch, englisch, italienisch)

Meine Besprechung von Luca Guadagninos „A bigger Splash“ (A bigger Splash, Italien/Frankreich 2015) und der DVD

Meine Besprechung von Luca Guadagninos „Call me by your Name“ (Call me by your Name, USA 2017)

Die Venedig-Pressekonferenz (sorry, ohne Simultanübersetzung)

Ein Gespräch mit Luca Guadagnino über den Film

Luca Guadagnino erklärt eine Szene zwischen Dakota Johnson und Tilda Swinton

Advertisements

TV-Tipp für den 16. November: Black Sea

November 16, 2018

RTL II, 22.30

Black Sea (Black Sea, USA/Großbritannien/Russland 2014)

Regie: Kevin Macdonald

Drehbuch: Dennis Kelly

Eine britisch-russische U-Boot-Besatzung sucht im Schwarzen Meer nach einem Nazi-Goldschatz. Schnell müssen sie um ihr Überleben kämpfen.

Angenehm altmodischer Abenteuerfilm für die Fans von Filmen wie „Der Schatz der Sierra Madre“, „Lohn der Angst“ und Atemlos vor Angst“ (die im Presseheft alle als Inspiration genannt werden).

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Jude Law, Scoot McNairy, Ben Mendelsohn, David Threlfall, Konstantin Khabenskiy, Sergey Puskepalis, Michael Smiley, Grigory Dobrygin, Sergey Veksler, Sergey Kolesnikov, Bobby Schofield, Michael Smiley, Jodie Whittaker

Wiederholung: Montag, 19. November, 01.10 Uhr (Taggenau! – Anschließend Luc Bessons Taucherfilm „Im Rausch der Tiefe“)

Hinweise
Englische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Black Sea“
Moviepilot über „Black Sea“
Metacritic über „Black Sea“
Rotten Tomatoes über „Black Sea“
Wikipedia über „Black Sea“

Meine Besprechung von Kevin Macdonalds „Black Sea“ (Black Sea, USA/Großbritannien/Russland 2014)


Neu im Kino/Filmkritik: Kevin Hart besucht die „Night School“

November 16, 2018

Als Jugendlicher hatte Teddy Walker (Kevin Hart) keinen Bock auf die Schule. Er verließ sie ohne Abschluss. Jahre später ist er ein erfolgreicher Verkäufer bei „BBQ City“. Der Inhaber bietet ihm sogar an, sein Nachfolger zu werden. Er hat eine gut aussehende und gut verdienende Freundin, die ihn so liebt, wie er ist. Für sie müsste er gar nicht den großen Zampano heraushängen lassen. Als er, während eines Heiratsantrags, durch eine Verkettung unglücklicher Umstände die Firma, die er übernehmen könnte, abfackelt und sie nicht versichert war, steht er vor dem Nichts.

Teddy hat Glück im Unglück. Ein alter Schulfreund bietet ihm in seiner Firma eine Stelle als Finanzberater an. Er müsse dafür nur einen Schulabschluss vorweisen.

Teddy will den Abschluss in der Abendschule nachholen. Also eigentlich will der Schlawiner nur die Bestätigung, dass er die Schule bestanden hat. Aber die Abendschullehrerin Carrie (Tiffany Haddish) verlangt von ihm, dass er den gesamten Kurs und die Prüfungen absolviert. Zusammen mit ‚Big Mac‘ Mackenzie (Rob Riggle), Jaylen (Romany Malco), Luis (Al Madrigal), Theresa (Mary Lynn Rajskub), Mila (Anne Winters) und Bobby (‚Fat Joe‘ Joseph Cartagena) (via Skype aus dem Gefängnis zugeschaltet), einer Gruppe archetypischer Verlierergestalten, drückt er die Schulbank.

Und damit sind alle Zutaten für eine weitere US-Komödie vorhanden. „Girls Trip“-Regisseur Malcolm D. Lee übernahm die Aufgabe, die Improvisationen der Komiker zu einem wenigstens halbwegs kohärenten Film zusammenzufügen, bei dem einzelne Gags zu breit ausgewalzt werden. Wahrscheinlich weil es beim Dreh so witzig war. Denn vor einigen Jahren hat sich in Hollywood die irrige Ansicht durchgesetzt, dass bei Komödien ein Drehbuch nur das beliebig formbare Material ist.

Trotzdem ist die Gagdichte für eine Komödie niedrig. Kevin Hart quasselt in gewohnter Manier mehr als nötig, während er einige Lektionen lernt. Seine Partnerin Tiffany Haddish, die mit „Girls Trip“ in den USA ihren Durchbruch hatte, ist bei uns noch fast unbekannt. Und es ist schön, „24“ Mary Lynn Rajskub mal wieder zu sehen. Sie hat als sich von ihren Selbstzweifeln emanzipierende Hausfrau und Mutter einige grandiose Momente.

Zugunsten eines anvisierten Lachers ist die Story oft nicht durchdacht. Oft ist sie sogar einfach idiotisch. Es geht dabei nicht darum, dass Teddy ausgerechnet an seiner alten Schule die Prüfung ablegen will und auch nicht darum, dass der Schuldirektor (Taran Killam) ausgerechnet sein alter Erzfeind ist, der sich jetzt endlich rächen kann. Das wird vom Drehbuch so gesetzt. Es geht um Probleme innerhalb der Story: So soll jemand, der eine panische Angst vor Zahlen hat und ein schwerer Legastheniker ist, über Jahre der beste Verkäufer der Firma sein? So soll während Teddys gesamter Schulzeit keinem Lehrer seine Lernbehinderungen aufgefallen sein? Das fällt erst Carrie auf.

Ihre Methode, Teddys Lernprobleme zu beseitigen, ist immerhin so absurd, dass sie schon wieder auf eine verquere Art witzig ist: sie verprügelt ihn in einem Käfig, bis er die richtige Antwort sagt. Ihre Schläge taugen nur als Metapher dafür, wie Teddy sich fühlt, wenn er im Unterricht sitzt und versucht, den Stoff zu begreifen. Und da haben wir ein weiteres Problem. Der Satz des Pythagoras ist die zu Aufgabe, die sich durch den gesamten Film zieht. Als Teddy ihn lösen kann, kann er die Prüfung bestehen. Wie ihm das gelingt, erfahren wir nicht. Dabei verwenden andere Filme viel Zeit darauf, dem Zuschauer teilweise sehr komplexe Zusammenhänge so zu erklären, dass man die Zusammenhänge nachher verstanden oder wenigstens eine gute Ahnung über die Zusammenhänge hat. Nicht so „Night School“. Wer vorher keine Ahnung hatte, was der Satz des Pythagoras ist, weiß es auch danach nicht. Da wird sträflich Potential verschenkt.

Am Ende hat „Night School“, wie die gelungeneren „Fack ju Göhte“-Schulfilme, eine sympathische und begrüßenswerte Botschaft über zweite Chancen, den Glauben an sich selbst und dem Wert von Gemeinschaft.

Night School (Night School, USA 2018)

Regie: Malcolm D. Lee

Drehbuch: Harry Ratchford, Joey Wells, Matthew Kellard, Nicholas Stoller, John Hamburg

mit Kevin Hart, Tiffany Haddish, Taran Killiam, Mary Lynn Rajskub, Rob Riggle, Romany Malco, Megalyn Echikunwoke, Al Madrigal, Anne Winters, Ben Schwartz, Fat Joe

Länge: 112 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Night School“

Metacritic über „Night School“

Rotten Tomatoes über „Night School“

Wikipedia über „Night School“


TV-Tipp für den 15. November: Dallas Buyers Club

November 15, 2018

3sat, 22.25

Dallas Buyers Club (Dallas Buyers Club, USA 2013)

Regie: Jean-Marc Vallée

Drehbuch: Craig Borten, Melisa Wallack

1985 erfährt Ron Woodroof, Rodeoreiter, Frauenheld und Homohasser, dass er HIV-Positiv ist und in wenigen Tagen sterben wird. Er besorgt sich nicht zugelassene Medikamente und verkauft sie an Leidensgenossen, wenn sie Mitglied im titelgebenden „Dallas Buyers Club“ werden.

Regisseur Jean-Marc Vallée inszenierte die auf der wahren Geschichte von Ron Woodroof, der am 12. September 1992 starb, basierende, sehenswerte Charakterstudie mit der Handkamera im Stil des Siebziger-Jahre-New-Hollywood-Kinos. Und Matthew McConaughey überzeugt als bis auf die Knochen abgemagerte Unsympath mit uramerikanischem Unternehmergeist.

Dafür gab es den Oscar als bester Hauptdarsteller; Jared Leto erhielt den Oscar als bester Hauptdarsteller. Beide und der Film erhielten etliche weitere Preise.

mit Matthew McConaughey, Jared Leto, Jennifer Garner, Denis O’Hare, Steve Zahn, Michael O’Neill, Dallas Roberts, Griffin Dunne

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Dallas Buyers Club“

Moviepilot über „Dallas Buyers Club“

Metacritic über „Dallas Buyers Club“

Rotten Tomatoes über „Dallas Buyers Club“

Wikipedia über „Dallas Buyers Club“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Jean-Marc Vallées „Dallas Buyers Club“ (Dallas Buyers Club, USA 2013)

Meine Besprechung von Jean-Marc Vallées „Wild- Der große Trip“ (Wild, USA 2014)

Meine Besprechung von Jean-Marc Vallées „Demolition – Lieben und Leben“ (Demolition, USA 2015)


TV-Tipp für den 14. November: Die rote Schildkröte

November 14, 2018

Arte, 22.40

Die rote Schildkröte (La tortue rouge, Frankreich/Japan 2016)

Regie: Michael Dudok de Wit

Drehbuch: Michael Dudok de Wit (auch Adaption), Pascale Ferran (Adaption) (nach einer Geschichte von Michael Dudok de Wit)

Ein Schiffbrüchiger entdeckt auf einer Insel eine rote Schildkröte, die eine schöne Überraschung verbirgt.

Die rote Schildkröte“ ist ein wunderschöner poetischer Film über das Leben, der einem, wie ein Gedicht, eine Interpretation aufzwingt, aber zum Nachdenken anregt.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung des Trickfilms für Erwachsene.

Wiederholung: Freitag, 23. November, 01.30 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Französische Homepage zum Film

Moviepilot über „Die rote Schildkröte“

Metacritic über „Die rote Schildkröte“

Rotten Tomatoes über „Die rote Schildkröte“

Wikipedia über „Die rote Schildkröte“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Michael Dudok de Wits „Die rote Schildkröte“ (La tortue rouge, Frankreich/Japan 2016)

 

 

 

 


Cover der Woche

November 14, 2018


Neu im Kino/Filmkritik: „Leto“ – Rockmusik vor der Perestroika

November 14, 2018

Wenige Tage nach dem Kinostart des Queen-Biopic „Bohemian Rhapsody“ läuft in unseren Kinos mit „Leto“ (russisch für „Sommer“) der sehenswerte Gegenentwurf an. In SW statt in Farbe. Im kommunistischen Osten statt im kapitalistischen Westen spielend. Aber hüben wie drüben beeinflussten Rockmusiker die Jugend und gaben ihnen eine Stimme. Im Westen in Stadien. Im Osten, wie der Anfang von „Leto“ zeigt, in deutlich kleineren Locations.

In den frühen Achtzigern und damit vor der Perestroika schleicht sich in Leningrad eine Gruppe Mädchen durch ein Klofenster in das Konzerthaus und in den bestuhlten Saal, wo das Publikum sehr gesittet und sitzend der Darbietung der Musiker lauscht. Im ganzen Saal wachen Beamte des totalitären Regimes über den ordnungsgemäßen Ablauf. Schon die schüchternsten Versuche der Jugendlichen aus der konzertanten Darbietung ein richtiges Rockmusik zu machen, werden von der Staatsmacht gnadenlos unterbunden.

Der Mann auf der Bühne, der Bluesrocker Mike Naumenko, war damals ein Star. Er war von Bob Dylan, Lou Reed, den Rolling Stones, Jefferson Airplane, den Doors und T. Rex beeinflusst, übersetzte einige ihrer Songs und schrieb eigene Songs.

Kurz darauf lernt er den jüngeren Viktor Zoi kennen, der ihm während einer Party am Strand auf der Gitarre einen seiner Songs vorspielt. Naumenko gefällt der Song. Er beginnt Zoi zu fördern und es entwickelt sich auch eine Dreiecksbeziehung zwischen ihm, seiner Frau Natascha und Zoi. So in Richtung der glücklichen Tage von „Jules & Jim“.

Diese kaum ausformulierte Dreiecksgeschichte ist das höchstens rudimentär vorhandene dramaturgische Gerüst für ein impressionistisch hingetupftes Gemälde der damaligen Zeit und der Stimmung der Jugend. Kirill Serebrennikow erzählt in seinem sich nostalgisch an die eigene Jugend erinnerndem SW-Film von dem Drang der Jugend nach Freiheit und nach einem selbstbestimmten Leben.

In einigen Szenen wechselt er zu einer Videoclip-Ästhetik. Zu Hits wie „Psycho Killer“ (Talking Heads), „The Pasenger“ (Iggy Pop) und „Perfect Day“ (Lou Reed) erfüllen sie sich für zwei Minuten ihre Träume. Und nach dem letzten Ton erklärt ein ab und an auftauchender Erzähler, dass nichts von diesen Ereignissen jemals passiert sei.

Leto“ ist ein gut gemachter Einblick in eine fremde Welt. Denn die beiden jung verstorbenen Protagonisten Mike Naumenko und Viktor Zoi und ihre Bands sind im Westen unbekannt. Man verbindet nichts mit ihnen. Ganz im Gegensatz zu, um nur die im Film genannten, auch im Osten einflussreichen West-Musiker zu nennen, Bob Dylan, den Doors, Lou Reed, T. Rex, David Bowie und den Talking Heads. Sie waren zu ihrer besten Zeit die Stimme der Jugend. Und wer damals jung war, verbindet mit ihren Songs prägende Erlebnisse und Emotionen.

Der 1969 geborene Film-, Theater- und Opernregisseur Kirill Serebrennikow, und das zeigt, wie nah das heutige Russland wieder an der Zeit vor der Perestroika ist, wurde am 23. August 2017, kurz vor dem Ende der Dreharbeiten, festgenommen. Die Begründung für die Festnahme und den sich daran anschließenden Hausarrest waren ein offensichtlich politischer motivierter Vorwurf, er habe Geld unterschlagen. Die letzten Drehtage und den Schnitt von „Leto“ erledigte Serebrennikow aus seiner Wohnung. Die Premiere in Cannes erfolgte ohne ihn. Theaterprojekte, die er seitdem inszeniert, inszeniert er ebenfalls aus seiner Wohnung. Zu seinem Werk darf er sich seitdem nicht mehr öffentlich äußern.

Leto (Leto, Russland/Frankreich 2018)

Regie: Kirill Serebrennikow

Drehbuch: Mikhail Idov, Lily Idova, Kirill Serebrennikow

mit Roma Zver, Irina Starshenbaum, Teo Yoo

Länge: 129 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Moviepilot über „Leto“

Metacritic über „Leto“

Rotten Tomatoes über „Leto“

Wikipedia über „Leto“ (deutsch, englisch)


%d Bloggern gefällt das: