Neu im Kino/Filmkritik: Katastrophe! Sohn „Ben is back“

Januar 11, 2019

Wenige Tage nach Weihnachten, dem Fest der Familie, kommt das an Weihnachten spielende Drama „Ben is back“ in unsere Kinos. Das ist nur auf den ersten Blick eine paradoxe Entscheidung des Verleihs. Denn „Ben is back“ ist kein fröhlicher Weihnachtsfilm, sondern ein Drama über eine Familie und ihren drogensüchtigen neunzehnjährigen Sohn Ben (Lucas Hedges). Die Burns sind eine gut situierte, in einem New Yorker Vorort lebende Familie. Bens Mutter Holly (Julia Roberts) ist in zweiter Ehe mit Neal (Courntey B. Vance) verheiratet. Sie haben zwei gemeinsame Kinder. Aus ihrer ersten Ehe hat Holly noch eine Tochter. Sie lieben alle ihre Kinder. Ihr Sorgenkind ist Ben. Nach einer Sportverletzung wurden ihm Medikamente verschrieben. Er wurde abhängig, nahm auch illegale Drogen und bestahl und betrog seine Familie. Jetzt ist er in einer Entziehungsklinik.

Als er am Heiligabend überraschend auftaucht, reagieren die Familienmitglieder vollkommen unterschiedlich darauf. Bens beiden jüngsten Geschwister freuen sich über ihren älteren Bruder. Bens Schwester ist entsetzt. Bens Stiefvater möchte, dass Ben möglichst sofort wieder in die Klinik zurückkehrt. Bens Mutter freut sich und möchte, dass ihr Sohn den Heiligabend mit der Familie verbringt. Nachdem sie vorher alle Wertsachen und Drogen versteckte.

Schon diese Szene zeigt, wie schwierig der Umgang mit Süchtigen ist. Denn sie tun letztendlich alles, um an Drogen zu gelangen. Und Holly und Neal wissen das. Deshalb testet Holly ihren Sohn auf Drogen und er muss die ganze Zeit in ihrer Nähe bleiben. So hofft sie, kontrollieren zu können, ob er nicht doch an Drogen gelangt.

Peter Hedges schrieb die Drehbücher zu „Gilbert Grape – Irgendwo in Iowa“ (auch Roman) und „About a boy“ und führte bei „Das wundersame Leben von Timothy Green“ Regie. In seinem neuesten Film „Ben is back“ beschreibt er sehr genau die Schwierigkeiten, die eine Familien im Umgang mit einem Abhängigen hat. Er konzentriert sich dabei auf das Verhältnis von Holly zu ihrem Sohn und dank der guten Schauspieler würde das schon genügen.

Jedenfalls vergeht in der ersten Hälfte so schnell die Zeit und es gibt so viele potentielle Konflikte, dass man gut auf die Wendung zum Thriller hätte verzichten können. Ben trifft bei einer Einkaufstour mit seiner Mutter seine alten Freunde, die mit ihm noch eine Rechnung offen haben. Nachdem die gesamte Familie Burns den Gottesdienst besucht hat, stellen sie fest, dass bei ihnen eingebrochen wurde und ihr Hund Ponce verschwunden ist. Ben glaubt, dass einer seiner alten Freunde dafür verantwortlich ist. Er will Ponce zurückholen und verschwindet in der Nacht.

Seine Mutter sucht ihn verzweifelt in den Ecken der Stadt, die sie vorher niemals besuchte. In den Momenten bedient „Ben is back“ zu sehr altbekannte Thriller-Topoi.

Das ist aber nur ein kleiner Einwand gegen einen Film, der sich mit einem in den USA immer größerem Problem beschäftigt. Inzwischen beginnt und endet in den USA die Drogenabhängigkeit oft mit einer Medikamentenabhängigkeit. Auch bei Ben war die Einstiegsdroge ein verschreibungspflichtiges Medikament, das er nach einem Unfall erhielt. Der Dealer war sein Arzt. Die Anbieter Arzneimittelfirmen und Apotheker.

Hedges zeigt auch sehr genau die widerstreitenden Gefühle und Dynamiken innerhalb einer Familie, wenn ein Familienmitglied zu einem potentiell die Familie zerstörendem Problem wird und man ihm nicht mehr vertrauen kann. So ist Ben zwar immer noch Hollys über alles geliebter Sohn. Aber ihre mütterliche Liebe sollte Strenge, Misstrauen und Kontrolle sein. Also alles das, was eine Mutter nicht tun möchte.

Ben wird gespielt von Lucas Hedges. Er ist der Sohn von Regisseur Peter Hedges. Aber, so das Presseheft, es war der Vorschlag und Wunsch von Julia Roberts gewesen, Lucas Hedges als ihren Sohn zu besetzen. Ihr gefiel seine Oscar-nominierte Performance in „Manchester by the Sea“. Demnächst können wir Hedges in „Der verlorene Sohn“ (ab 21. Februar) und „Mid90s“ (Berlinale und ab 7. März) im Kino sehen.

Am 24. Januar läuft mit Felix van Groeningens „Beautiful Boy“ an. Das ebenfalls sehenswerte Drama erzählt die Geschichte des renommierten Journalisten David Sheff und seines drogenabhängigen Sohns Nic. Beide schrieben Bücher darüber.

Ben is back (Ben is back, USA 2018)

Regie: Peter Hedges

Drehbuch: Peter Hedges

mit Julia Roberts, Lucas Hedges, Courtney B. Vance, Kathryn Newton, Mia Fowler, Jakari Fraser, Michael Esper, David Zaldivar, Rachel Bay Jones, Alexandra Park

Länge: 103 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Ben is back“

Metacritic über „Ben is back“

Rotten Tomatoes über „Ben is back“

Wikipedia über „Ben is back“ (deutsch, englisch)

Alle miteinander, vor und nach der Weltpremiere, beim TIFF auf der Bühne

Julia Roberts und Lucas Hedges sprechen über den Film

Peter Hedges und Ian Blume (Schnitt) über den Film

Advertisements

TV-Tipp für den 11. Januar: In the Cut

Januar 11, 2019

Selten gezeigt. Und Hulk ist auch dabei

3sat, 22.25

In the Cut (In the Cut, USA/Australien/Großbritannien 2003)

Reige: Jane Campion

Drehbuch: Jane Campion, Susanna Moore, Stavros Kazantzidis (zusätzlicher Autor)

LV: Susanna Moore: In the cut, 1995 (Aufschneider)

Lehrerin Frannie Avery glaubt den Mörder einer Frau zu kennen. Trotzdem verliebt sie sich in ihn.

Ein auf einem schlechten Buch basierender Langweiler, der mit pseudophilosophischen Sprüchen, etwas nackter Haut und Gewalt aufgepeppt wird. Ohne Hauptdarstellerin Meg Ryan (Hat sie wirklich kein besseres Drehbuch für ihren ersten Nacktauftritt gefunden?) wäre der Erotikthriller „In the Cut“ ohne Umwege in der wohlverdienten Direct-to-Video-Ecke gelandet.

Mit Meg Ryan, Mark Ruffalo, Jennifer Jason Leigh, Kevin Bacon (ungenannt)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „In the Cut“

Wikipedia über „In the Cut“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Ziemlich „Kalte Füße“

Januar 11, 2019

Weil Denis (Emilio Sakraya) bei Adam (Aleksandar Jovanovic) seine Schulden nicht bezahlen kann, macht dieser ihm eines dieser Angebote, das er nicht ablehnen kann. Denis soll die einsam gelegene Villa von Raimund Groenert (Heiner Lauterbach) ausräumen. Der Hausherr ist nicht da und auch sonst sei niemand in der Villa. Denis muss also nur einbrechen, die Wertsachen einsammeln und verschwinden.

Was kann da schon schiefgehen?

Außer dass der nach einem Schlaganfall fast vollständig gelähmte Hausherr einen Tag früher aus dem Krankenhaus entlassen wird und schon grummelnd auf dem Boden liegt und dass Groenerts Enkelin Charlotte (Sonja Gerhardt) von ihrer überaus beschäftigten Mutter verpflichtet wurde, die Nacht auf ihren Großvater, den sie seit Ewigkeiten nicht gesehen hat, aufzupassen. Am nächsten Tag soll dann ein Krankenpfleger kommen. Oh, sie ist auch eine angehende Polizistin.

Damit ist in Groenerts Villa das Personal für eine ordentliche Portion Chaos und Verwechslung versammelt.

Denn selbstverständlich hält Charlotte Denis für den Pfleger von Groenert. Und weil Denis seine Anwesenheit in dem Haus nicht anders erklären kann, bestätigt er ihre Vermutung. Notgedrungen muss er den miesepetrigen Hausherrn pflegen, ohne wirklich eine Ahnung von der Krankenpflege zu haben. Entsprechend unorthodox und auch respektlos ist sein Umgang mit Groenert, der sich nach dem Schlaganfall nur noch mit Lauten, Augen- und wenigen Armbewegungen äußern kann.

Diese Prämisse von Wolfgang Groos‘ Komödie „Kalte Füße“ erinnert unübersehbar an den französischen Komödienerfolg „Ziemlich beste Freunde“. Neil Burgers US-Remake „Mein Bester & Ich“ (The Upside) mit Kevin Hart, Bryan Cranston und Nicole Kidman startet am 21. Februar in unseren Kinos.

Aber „Kalte Füße“ erzählt eine andere Geschichte. In der Nacht schneit es so sehr, dass Denis, Groenert und Charlotte die nächsten Tage gemeinsam im Haus bleiben müssen. Schnell verliebt Denis sich in Charlotte, die nicht erfahren sollte, warum er hier ist. Außerdem hat sie einen Freund. Und der fast vollständig gelähmte Groenert denkt nicht daran, Denis laufen zu lassen. Trotz seiner Lähmung kann er sich wehren. Und er tut das mit diebischer Freude gegenüber allen Menschen, die ihn bestehlen wollen. Oder die er nicht mag.

Weil Denis gegenüber Adam immer neue Ausreden erfindet, um den Diebstahl nicht durchzuführen, wird Adam ungeduldig. Mit seinem Bodyguard taucht er in Groenerts Villa auf. Er will das Geld aus dem Safe haben. Notfalls mit Gewalt.

So ist „Kalte Füße“ dann doch kein Remake von „Ziemlich beste Freunde“, sondern eine Gaunerkomödie zwischen Klamauk und Slapstick. Mal mehr, mal weniger gelungen. Es ist eine Verwechslungskomödie mit simpel gestrickten Figuren und vorhersehbaren Verwechslungen und Wendungen, die fast ausschließlich in dem in keinster Weise behindertengerechten Anwesen von Groenert spielt.

Kalte Füße (Deutschland 2018)

Regie: Wolfgang Groos

Drehbuch: Christof Ritter

mit Heiner Lauterbach, Emilio Sakraya, Sonja Gerhardt, Aleksandar Jovanovic, Michael Ostrowski, Gerti Drassl, Alexander Czerwinski, Ischtar Isik, Jasmin Gerat

Länge: 93 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Kalte Füße“

Moviepilot über „Kalte Füße“

Wikipedia über „Kalte Füße“


Neu im Kino/Filmkritik: „Robin Hood“ mit Hood im Hood

Januar 11, 2019

Historisch akkurat war wahrscheinlich keiner der unzähligen Filme mit Robin Hood, die wir in den vergangenen Jahrzehnten sehen konnten. Außerdem können sogar Historiker kaum die spärlichen Fakten von den zahlreichen Erzählungen über Robin Hood trennen. Das ist aber auch nicht wichtig. Denn letztendlich wollen wir nur eine zünftige Abenteuergeschichte sehen, in der Robin Hood mit Little John, Bruder Tuck und seiner geliebten Marian gegen den bösen Sheriff von Nottingham kämpft. Und in Deutschland ist, dank der Synchronisation, auch die Frage, ob er jetzt den richtigen Akzent hat, vollkommen unerheblich. Im angloamerikanischen Raum ist das ja bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit ein abendfüllendes Thema.

Der neue „Robin Hood“-Film kümmert sich dann auch wenig um historische Genauigkeit. Stattdessen wird das vertraute mittelalterliche Nottingham zu einem Steampunk-England, das, auch von der Story, näher an „V wie Vendetta“ als an allen anderen Robin-Hood-Filmen ist. Jedenfalls den bekannten.

Nachdem Robin von Locksley (Taron Egerton) in Syrien war, kehrt er zurück nach Nottingham. Dort hat man geglaubt, er sei gestorben. Sein Schloss ist zerfallen. Seine Geliebte Lady Marian (Eve Hewson) ist in den Armen eines anderen Mannes. Will Scarlet ist auch der Anführer der geknechteten Bevölkerung, die in den Minen schuften muss. Er will das System ändern. Aber nicht mit einer Revolution, sondern durch einen friedlichen Ausgleich mit den Mächtigen. Ihr Vertreter ist der skrupellose, machtgierige und überaus fiese Sheriff von Nottingham (Ben Mendelsohn).

Ben Mendelsohn spielt den Sheriff vollkommen over the top. Als habe der Regisseur ihm gesagt, er solle einfach noch einmal seine Rolle als Bösewicht aus „Rogue One: A Star Wars Story“ wiederholen. Nur nicht so subtil. Mendelsohn tat es und einen lustvoller in seiner Bosheit aalenden Bösewicht werden wir dieses Jahr wahrscheinlich nicht mehr im Kino sehen.

Während er die Bevölkerung ausbeutet, nimmt Robin den Kampf gegen ihn auf. Mit Pfeil und Bogen (dank morgenländischer Technik im MP-Schnellfeuermodus) und einer Mütze.

Little John (Jamie Foxx), der ihm aus Syrien folgte, hilft ihm. Als top ausgebildeter Sarazenenkrieger gibt er Robin von Locksley zuerst einmal körperlichen und geistigen Kampfunterricht. Danach beginnen sie, die Mächtigen zu bestehlen.

Der verdiente TV-Regisseur Otto Bathurst („Peaky Blinders“, „Hustle“) inszenierte sein Spielfilmdebüt als modernen Actionfilm mit Pfeil und Bogen und Pferden.

Schon der erste Kampf von Robin und den anderen englischen Soldaten in Syrien in den engen Gassen einer Stadt könnte mit seinen schnellen Schnitten, den Nahaufnahmen und der Wackelkamera, direkt aus einem modernem Kriegsfilm stammen. Nur der Einsatz von Pfeil und Bogen passt nicht in das moderne Bild. Zurück in Nottingham geht es bei den Actionszenen ähnlich modern weiter. Zwischen all den Schnitten bleibt dann auch jegliche Originalität auf der Strecke.

Die Story wirkt, als habe man mehrere Drehbücher einfach zusammengefügt ohne darauf zu achten, ob das dann als Film zwischen den Actionszenen funktioniert. Durchgehend werden wichtige und interessante Themen, von den Kreuzzügen über die Zusammenarbeit von Kirche, Kapital und Politik, dem Arbeiterkampf und dem Kampf gegen ein faschistisches Regime, angesprochen, aber niemals vertieft. Mit der nächsten Szene ist man dann beim nächsten Thema. Oder es gibt schnell einen Diebstahl von Robin Hood, dem netten Dieb aus der Nachbarschaft.

In Bathursts „Robin Hood“ ist niemals ersichtlich, warum er ausgerechnet diese Geschichte in dieser Welt erzählen wollten. Seinem Film fehlt durchgehend der erzählerische Fokus, der Druck und die Notwendigkeit, die aus seiner Neuinterpretation der altbekannten Legende mehr als einen letztendlich austauschbaren, in einer Fantasy-Welt spielenden, künstlich hochgepushten Abenteuerfilm macht.

Robin Hood (Robin Hood, USA 2018)

Regie: Otto Bathurst

Drehbuch: Ben Chandler, David James Kelly

mit Taron Egerton, Jamie Foxx, Jamie Dornan, Eve Hewson, Ben Mendelsohn, Tim Minchin, Paul Anderson, F. Murray Abraham

Länge: 116 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Robin Hood“

Metacritic über „Robin Hood“

Rotten Tomatoes über „Robin Hood“

Wikipedia über „Robin Hood“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 10. Januar: Rosa Luxemburg

Januar 9, 2019

RBB, 23.30

Rosa Luxemburg (Deutschland 1986)

Regie: Margarethe von Trotta

Drehbuch: Margarethe von Trotta

Äußerst sehenswertes Biopic über Rosa Luxemburg.

Margarethe von Trotta „geht es nicht um eine dokumentarische Rekonstruktion zeitgeschichtlicher Fakten, sondern um das persönliche Porträt einer Frau, bei der Haltungen im Privatleben und in politischen Aktionen nahtlos übereinstimmten. (…) Mit ihrem Film hat Margarethe von Trotta eine historische Figur ins politische Tagesgespräch gebracht, innerparteiliche Empfindsamkeiten bloßgelegt und heftige Diskussionen provoziert, die auch beabsichtigt sind.“ (Fischer Film Almanach 1987)

mit Barbara Sukowa, Daniel Olbrychski, Otto Sander, Adelheit Arndt, Jürgen Holtz, Hannes Jaenicke, Karin Baal, Winfried Glatzeder

Wiederholungen

Dienstag, 15. Januar, 3sat, 22.25 Uhr

Dienstag, 15. Januar, MDR, 23.45 Uhr

Hinweise

Filmportal über „Rosa Luxemburg“

Moviepilot über „Rosa Luxemburg“

Rotten Tomatoes über „Rosa Luxemburg“

Wikipedia über „Rosa Luxemburg“ (deutsch, englisch) und Rosa Luxemburg

Meine Besprechung von Margarethe von Trottas “Hannah Arendt” (Deutschland 2012; DVD-Besprechung)

Meine Besprechung von Margarethe von Trottas „Auf der Suche nach Ingmar Bergman (Deutschland 2018)


Privatdetektive: Hap Collins und Leonard Pine sind „Bissige Biester“ – und „Die Storys“ gibt es auch noch

Januar 9, 2019

Inzwischen arbeiten Hap Collins und sein Freund Leonard Pine mehr oder weniger regelmäßig und zuverlässig als Privatdetektive. Ihre Methoden haben sie dagegen kaum geändert. Eigentlich ist es nur eine Methode: kopflos in eine gefährliche Situation hineinstürzen, Chaos verursachen, die Situation verschlimmern und am Ende doch irgendwie lebendig das Abenteuer überstehen. Dabei erfreuen sie uns mit ihren Weisheiten über Gott und die Welt.

Die beiden Freunde könnten kaum gegensätzlicher sein. Hap Collins ist weiß, hetero und Peacenick. Ein desillusionierter Hippie. Leonard Pine ist schwarz, schwul, Republikaner und Vietnamveteran. Großmäulig sind beide und sie haben keine Abneigung gegen Gewalt. Wobei Hap, der Erzähler der Geschichten, da etwas skrupulöser ist. Oh, und beide sind Texaner. Also, genaugenommen Osttexaner.

Ihr erstes Abenteuer erlebten sie 1990 in „Wilder Winter“ (Savage Season). Thematisch ging es – sehr gelungen! – um die Auswirkungen von 1968 und was aus den damaligen revolutionären Idealen wurde. In schneller Folge schrieb Joe R. Lansdale weitere Collins/Pine-Romane, in denen die beiden immer wieder in Kriminalfälle hineinstolperten und die Gewaltspirale immer eskalierte. Nach sechs sehr vergnüglich-rauhbeinigen Abenteuern gab es ab 2001 eine mehrjährige Pause, die Lansdale 2009 mit „Das Dixie-Desaster“ (Vanilla Ride) beendete. 2011 erschien „Roter Drache“ (Devil Red). Seit 2016 erschienen insgesamt fünf neue Bücher mit Hap Collins und Leonard Pine, in denen sie älter, aber nicht viel klüger sind. Sie sind auch nicht viel älter. Denn nach dem sechsten Roman, „Machos und Macheten“ (Captain Outrageous, 2001) lässt Lansdale sie nicht mehr altern.

In ihrem neuen Abenteuer „Bissige Biester“ bittet Louise Elton sie herauszufinden, warum die Cops ihren Sohn Jamar ermordeten. Weil Leonard gerade unterwegs ist, beginnt Hap zunächst allein mit den Ermittlungen im Schwarzenviertel von Camp Rapture. Das sorgt für einige erwartbare Konfrontationen. Zunächst mit der lokalen jugendlichen Bevölkerung, später mit der Polizei.

Zusammen finden sie dann heraus, dass in einem stillgelegtem Sägewerk illegale Boxkämpfe durchgeführt werden, wenigstens einige Polizisten darin involviert sind und Jamar ihnen hinterherschnüffelte.

Gerade am Anfang plätschert die Geschichte vor sich hin. Lansdale, oder der Ich-Erzähler Hap Collins, erzählt mehr aus dem Alltag von Hap und seinen Unterhaltungen mit Leonard über Gott und die Welt. Das ist teils amüsant, oft eher zotig und bringt die Handlung nicht voran. Es wirkt sogar, als fülle Lansdale einfach Seiten mit Blödeleien, bis dann am Ende alles rasend schnell aufgeklärt wird.

Bissige Biester“ ist wahrlich nicht das beste Abenteuer von Hap und Leonard. Es ist eher eine auf Romanlänge aufgeblähte Kurzgeschichte.

Fast zeitgleich erschien „Die Storys“. Der Sammelband enthält alle bislang erschienenen Kurzgeschichten mit Hap Collins und Leonard Pine und zwei Texte, in denen Joe R. Lansdale weitere Details über die beiden, ähem, Ermittler verrät. Enthalten sind:

Hyänen (Hyenas, 2011)

Veils Besuch (Veil’s Visit, 1999)

Mordsgutes Chili (Death by Chili, 1999)

Todsicher (Dead aim, 2013)

Der Junge, der unsichtbar wurde (The Boy who became invisible, 2009)

Keiner von uns (Not our kind, 2016, Erstveröffentlichung in diesem Band)

Gebogener Zweig (Bent Twig, 2014)

Joe R. Lansdale interviewt Hap Collins und Leonard Pine (Joe R. Lansdale interviews Hap Collins and Leonard Pine, 1999)

Wie ich Hap und Leonard hegte und pflegte, fütterte und großzog (The Care and Feeding and Raising Up of Hap and Leonard, 2016)

Für alte Collins/Pine-Fans ist „Die Storys“ natürlich essentiell. Endlich sind alle kürzeren Texte über die beiden in einem Buch gesammelt. Dabei sind auch Geschichten, die bislang nur schwer erhältlich waren. Auf Deutsch wurde, wenn ich nichts übersehe, noch keine Geschichte veröffentlicht.

Für Neueinsteiger ist „Die Storys“ dagegen eine zwiespältige Angelegenheit. So gibt es mit „Hyänen“ eine grandiose Kurzgeschichte, die als längste Geschichte des Buches alles hat, was man von einem Collins/Pine-Abenteuer erwartet und die die ideale Einstiegsdroge ist.

Todsicher“ ist die zweite lange Geschichte des Sammelbands. In ihr sollen die beiden Privatdetektive eine Frau vor ihrem zukünftigen Exmann, der sie belästigt, beschützen. In „Gebogener Zweig“ hilft Hap seiner Freundin Brett. Ihre Tochter Tillie ist verschwunden. „Veils Besuch“, geschrieben mit Andrew Vachss, ist ebenfalls sehr gelungen. Weil Leonard wegen vorsätzlicher Brandstiftung an einem Crackhaus im Gefängnis sitzt, hilft ihm der aus New York kommende Anwalt Veil mit einer sehr abenteuerlichen Verteidigungsstrategie. Das ist ein urkomischer Lesespaß, aber keine typische Collins/Pine-Geschichte. „Mordsgutes Chili“ ist letztendlich nur ein Gespräch zwischen den beiden über einen rätselhaften, vor Jahren geschehenen Todesfall, bei dem unklar ist, ob es ein Mord oder ein Suizid war. „Der Junge, der unsichtbar wurde“ und „Keiner von uns“ erzählen Geschichten aus Hap Collins‘ Jugend. Es sind eindrückliche Geschichten über den alltäglichen Rassismus in Texas und wie Gewalt entsteht.

In den letzten beiden Texten erzählt Joe R. Lansdale über Hap Collins, Leonard Pine, ihre Welt, wie sie sich in den vergangenen Jahren veränderten und die Romane. Sie sind, wie die kürzeren Kurzgeschichten, primär Texte für die Fans von Hap Collins und Leonard Pine, die noch mehr über ihre Lieblinge erfahren wollen.

P. S.: „Zu viele Knarren sind was anderes als zu viele Gitarren.“ (Hap Collins)

Joe R. Lansdale: Bissige Biester

(übersetzt von Robert Schekulin)

Golkonda, 2018

272 Seiten

16,90 Euro

Originalausgabe

Rusty Puppy

Mulholland Books, 2017

Joe R. Lansdale: Hap & Leonard – Die Storys

(übersetzt von Robert Schekulin)

Golkonda, 2018

280 Seiten

16,90 Euro

Originalausgabe

Hap and Leonard

Tachyon Publications, 2016

Die Abenteuer von Hap Collins und Leonard Pine

Wilder Winter (Savage Season, 1990)

Texas Blues; Mucho Mojo (Mucho Mojo, 1994)

Mambo mit zwei Bären; Bärenblues (The Two-Bear Mambo, 1995)

Schlechtes Chili (Bad Chili, 1997)

Rumble Tumble (Rumble Tumble, 1998)

Machos und Macheten (Captain Outrageous, 2001)

Das Dixie-Desaster (Vanilla Ride, 2009)

Roter Drache (Devil Red, 2011)

Krasse Killer (Honky Tonk Samurai, 2016)

Hap & Leonard – Die Storys (Hap and Leonard, 2016)

Bissige Biester (Rusty Puppy, 2017)

Blood and Lemonade, 2017 (Kurzgeschichten, die einen Roman ergeben; bei Golkonda geplant für Frühjahr 2019)

Jackrabbit Smile (2018 bei Golkonda geplant für Herbst 2019)

The Elephant of Surprise (angekündigt für März 2019)

Hinweise

Thrilling Detective über Hap Collins & Leonard Pine

Homepage von Joe R. Lansdale

Stuttgarter Zeitung: Thomas Klingenmaier hat Joe R. Lansdale getroffen (25. März 2013)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Rumble Tumble“ (Rumble Tumble, 1998 )

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Der Gott der Klinge” (The God of the Razor, 2007)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Der Teufelskeiler” (The Boar, 1998)

Meine Besprechung  von Joe R. Lansdales „Akt der Liebe“ (Act of Love, 1981)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Die Wälder am Fluss“ (The Bottoms, 2000)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Kahlschlag” (Sunset and Sawdust, 2004)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Gauklersommer” (Leather Maiden, 2008)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Ein feiner dunkler Riss” (A fine dark Line, 2003)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Dunkle Gewässer“ (Edge of Dark Water, 2012)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Straße der Toten“ (Deadman’s Road, 2010)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Machos und Moneten“ (Captains Outrageous, 2001)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Wilder Winter“ (Savage Season, 1990)

Mein Interview mit Joe R. Lansdale zu „Das Dickicht“ (The Thicket, 2013)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Mucho Mojo“ (ursprünglich „Texas Blues“) (Mucho Mojo, 1994)


TV-Tipp für den 9. Januar: Schindlers Liste

Januar 9, 2019

Ein Klassiker, der demnächst in einer restaurierten Fassung wieder im Kino gezeigt wird

Kabel 1, 20.15

Schindlers Liste (Schindler’s List, USA 1993)

Regie: Steven Spielberg

Drehbuch: Steven Zaillian

LV: Thomas Keneally: Schindler’s Ark, 1982 (später Schindler’s List) (Schindlers Liste)

Holocaustdrama über den deutschen Industriellen Oskar Schindler, der in Polen über 1100 Juden vor den Vernichtungslagern rettete, indem er sie als Zwangsarbeiter rekrutierte und dabei alles riskierte.

in jeder Hinsicht bemerkenswert und legt eine künstlerische Strenge und ein unsentimentales Verständnis an den Tag, das es von allen bisherigen Filmen des Regisseurs abhebt. (…) Trotz seiner Länge von über drei Stunden bewegt sich der Film schnell voran und ist keine Minute zu lang für die Geschichte, die er erzählt, und die Menge von Informationen, die er vermittelt.“ (Todd McCarthy, Variety)

Universal Pictures International Germany bringt den Klassiker am 27. Januar 2019, dem Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, in technisch überarbeiteter Version (4K, Dolby Cinema und Atmos) einmalig wieder in die deutschen Kinos.

Steven Spielberg dazu: „Es ist schwer zu glauben, dass es 25 Jahre her ist, seit Schindlers Liste in die Kinos kam. Die wahren Geschichten über das Ausmaß und die Tragödie des Holocaust dürfen nie vergessen werden, und die Lehren des Films über die entscheidende Bedeutung der Bekämpfung des Hasses hallen auch heute noch nach. Ich fühle mich geehrt, dass das Publikum die Reise noch einmal auf der großen Leinwand erleben kann.“

mit Liam Neeson, Ben Kingsley, Ralph Fiennes, Caroline Goodall, Jonathan Sagalle, Embeth Davidtz

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Schindlers Liste“

Wikipedia über „Schindlers Liste“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs “Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels” (Indiana Jones and the kingdom of the skull, USA 2008)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs “Gefährten” (War Horse, USA 2011)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs “Lincoln” (Lincoln, USA 2012)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs „Bridge of Spies – Der Unterhändler“ (Bridge of Spies, USA 2015)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs „BFG – Big Friendly Giant (The BFG, USA 2016)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs „Die Verlegerin“ (The Post, USA 2017)

Meine Besprechung von Steven Spielbergs „Ready Player One“ (Ready Player One, USA 2018)

Steven Spielberg in der Kriminalakte


%d Bloggern gefällt das: