TV-Tipp für den 3. Dezember: The Grifters

Dezember 3, 2011

Eins Festival, 22.00

The Grifters (USA 1990, Regie: Stephen Frears)

Drehbuch: Donald Westlake

LV: Jim Thompson: The Grifters, 1963 (Muttersöhnchen, Die Abzocker)

Roy Dillon schlägt sich als kleiner Trickbetrüger mehr schlecht als Recht durch. Als er an eine größere Menge Geld kommt, haben seine Freundin Mary und seine Mutter Lilly plötzlich Interesse an ihm; besonders an dem Geld.

Der potentielle Klassiker basiert auf einem der besten und düstersten Bücher von Thompson. Westlake schrieb ein grandioses Drehbuch, und das gesamte Team (es wäre wirklich unfair, eine einzelne Person herauszuheben) gab ihr bestes. „The Grifters ist ein starkes Stück Kino, ein Krimi, der seinen Alptraum formvollendet präsentiert.“ (Fischer Film Almanach)

Mit Anjelica Huston, John Cusack, Annette Bening, Pat Hingle, Charles Napier, J. T. Walsh, Xander Berkeley

Hinweise

Homepage von Donald E. Westlake

Drehbuch „The Grifters“ von Donald E. Westlake (Second Draft, März 1989)

Kriminalakte: Nachruf auf Donald E. Westlake

Kriminalakte: Covergalerie Donald E. Westlake

Meine Besprechung von Donald E. Westlakes Dortmunder-Roman „Get Real“

Meine Besprechung von Donald E. Westlakes Dortmunder-Roman „What’s so funny?“

Meine Besprechung von Donald E. Westlakes Dortmunder-Roman „Watch your back!“

Meine Besprechung von Donald E. Westlakes Dortmunder-Kurzroman „Die Geldmacher“ (Walking around money; erschienen in „Die hohe Kunst des Mordens“ [Transgressions])

Meine Besprechung von Donald E. Westlakes „Mafiatod“ (361, 1962)

Meine Vorstellung von Westlakes als Richard Stark geschriebener Parker-Serie (mit „Nobody runs forever“)

Meine Besprechung von Richard Starks Parker-Romans „Ask the Parrot“

Meine Doppelbesprechung von Richard Starks Parker-Romanen „Fragen Sie den Papagei“ (Ask the Parrot) und „Dirty Money“

Meine Besprechung des Films “The Stepfather”, nach einem Drehbuch von Donald E. Westlake

Mordlust über Jim Thompson

Crimetime über Jim Thompson

Wikipedia über Jim Thompson (Englisch)

Kirjasto über Jim Thompson

Popsubculture über Jim Thompson

Meine Besprechung der Jim-Thompson-Verfilmung „The Killer inside me“

Meine Besprechung von Jim Thompsons „Jetzt und auf Erden“ (Now and on Earth, 1942)

Jim Thompson in der Kriminalakte

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TV-Tipp für den 24. September: The Grifters

September 24, 2011

WDR, 00.15

The Grifters (USA 1990, Regie: Stephen Frears)

Drehbuch: Donald Westlake

LV: Jim Thompson: The Grifters, 1963 (Muttersöhnchen, Die Abzocker)

Roy Dillon schlägt sich als kleiner Trickbetrüger mehr schlecht als Recht durch. Als er an eine größere Menge Geld kommt, haben seine Freundin Mary und seine Mutter Lilly plötzlich Interesse an ihm; besonders an dem Geld.

Der potentielle Klassiker basiert auf einem der besten und düstersten Bücher von Thompson. Westlake schrieb ein grandioses Drehbuch, und das gesamte Team (es wäre wirklich unfair, eine einzelne Person herauszuheben) gab ihr bestes. „The Grifters ist ein starkes Stück Kino, ein Krimi, der seinen Alptraum formvollendet präsentiert.“ (Fischer Film Almanach)

Mit Anjelica Huston, John Cusack, Annette Bening, Pat Hingle, Charles Napier, J. T. Walsh, Xander Berkeley

Hinweise

Homepage von Donald E. Westlake

Drehbuch „The Grifters“ von Donald E. Westlake (Second Draft, März 1989)

Kriminalakte: Nachruf auf Donald E. Westlake

Kriminalakte: Covergalerie Donald E. Westlake

Meine Besprechung von Donald E. Westlakes Dortmunder-Roman „Get Real“

Meine Besprechung von Donald E. Westlakes Dortmunder-Roman „What’s so funny?“

Meine Besprechung von Donald E. Westlakes Dortmunder-Roman „Watch your back!“

Meine Besprechung von Donald E. Westlakes Dortmunder-Kurzroman „Die Geldmacher“ (Walking around money; erschienen in „Die hohe Kunst des Mordens“ [Transgressions])

Meine Besprechung von Donald E. Westlakes „Mafiatod“ (361, 1962)

Meine Vorstellung von Westlakes als Richard Stark geschriebener Parker-Serie (mit „Nobody runs forever“)

Meine Besprechung von Richard Starks Parker-Romans „Ask the Parrot“

Meine Doppelbesprechung von Richard Starks Parker-Romanen „Fragen Sie den Papagei“ (Ask the Parrot) und „Dirty Money“

Meine Besprechung des Films “The Stepfather”, nach einem Drehbuch von Donald E. Westlake

Mordlust über Jim Thompson

Crimetime über Jim Thompson

Wikipedia über Jim Thompson (Englisch)

Kirjasto über Jim Thompson

Popsubculture über Jim Thompson

Meine Besprechung der Jim-Thompson-Verfilmung „The Killer inside me“

Meine Besprechung von Jim Thompsons „Jetzt und auf Erden“ (Now and on Earth, 1942)

Jim Thompson in der Kriminalakte


Kleinkram

September 14, 2011

Dann mal einige Leseempfehlungen für die Englischsprachigen und Links zu bewegten Bildern:

Bei Crime Element gibt es

– einiges über die neue John-le-Carré-Verfilmung „Tinker, Tailor, Soldier, Spy“ (auf die ich mich sehr freue)

– Tony Hays stellt die aus seiner Sicht fünf besten besten und die fünf schlechtesten Bücher über Verschwörungen vor (Ich zögere, diese Bücher Sachbücher zu nennen):

Humans love conspiracy theories. I admit that I do. All I ask is that we exercise a little common sense in the process.

– Richard Z. Santos schreibt über Michael Caine und über Jim Thompson (Teil 1, Teil 2)

– Peggy Ehrhart über „Ernest Hemingway: Crime Writer – with a little help from Hollywood“

– Jake Hinkson warnt vor unglaublich schlechten Noirs (Das Dumme bei solchen Warnungen ist, dass ich danach wissen will, ob die Filme wirklich so schlecht sind.)

Dirk Robertson schreibt über die Polizeiserien „The Sweeney“ (könnten einige noch als „Die Füchse“ kennen) und „NYPD Blue“; zwei bei uns viel zu unbekannte Serien.

Bei Mulholland Books

– feiert Brian Greene George V. Higgins (den hier wohl niemand mehr kennt) ab

– Marie Hansen hat sich mit Nick Tosches unterhalten

– Tony Black denkt über „Tartan Noir“ nach

– George Pelecanos schreibt über den Western „The big Gundown“ (der Italo-Western ist bei uns als „Der Gehetzte der Sierre Madre“ bekannt)

– Wallace Stroby hat sich mit George Pelecanos unterhalten. Auch über sein neues Buch „The Cut“ (Teil 1, Teil 2)

Bei The Rap Sheet gibt es ein Interview mit Linwood Barclay.

Denise Hamilton schreibt über „Surf Noir“ und was das alles mit Los Angeles und Kalifornien zu tun hat.

Filme, die wir als Zehnjähre unbedingt sehen wollten, aber heute noch nicht einmal mit der Kneifzange anfassen würde.

Und dafür wollten wir als Zehnjährige unbedingt einen Führerschein (naja, nicht so wichtig) und ein Auto (sehr wichtig) haben.

Der „Noir of the Week“ ist „Chicago Calling“ (USA 1951).

Trailers from Hell veranstaltet eine Sam-Peckinpah-Woche mit „The Ballad of Cable Hogue“ (Abgerechnet wird zum Schluß, vorgestellt von Joe Dante), „Cross of Iron“ (Steiner – Das eiserne Kreuz, vorgestellt von Josh Olson) und „Straw Dogs“ (Wer Gewalt sät; wird am Freitag von Rod Lurie, der auch das Remake inszenierte, vorgestellt).

Und dann gibt es noch die Homepage von Richard Castle.


Kleinkram

August 27, 2011

Bei Spinetingler schreibt der Nerd of Noir über die Ken-Bruen-Verfilmung „Blitz“ mit Jason Statham in der Hauptrolle.

Vern hat den Film ebenfalls gesehen und beiden hat er gefallen.

Bei Mulholland Books hat Brian Lindenmuth eine Liste der zehn besten Noirs der letzten zehn Jahre (oder so) zusammengestellt. Daniel Woodrell und Rick DeMarinis sind dabei.

Bei CrimeMag schreibt Roland Osswald, anläßlich der deutschen Veröffentlichung von Jim-Thompson-Debüt „Jetzt und auf Erden“, über Jim Thompson und das Buch.

Dort gibt es auch ein Interview mit Thriller-Autor Jeremy Robinson.

Mal sehen, wann es dieses Q&A über „Scarface“ (das Remake) auch auf YouTube gibt. Bis dahin kann man es Crimespree Magazine ansehen.

Hier die Infos:

On Tuesday, August 23, 2011 at 8:15pm PT/11:15pm ET, Universal Studios Home Entertainment reunites the cast and filmmakers of the iconic underworld epic, SCARFACE in a special Q&A live from Los Angeles via Livestream. Stars Al Pacino, Steven Bauer, Robert Loggia, F. Murray Abraham and producer Martin Bregman will come together to celebrate the upcoming Blu-ray launch and legacy of the film that redefined the gangster genre forever and became a cultural touchstone for an entire generation.

Bei IndieWire hat man sich Gedanken über das derzeitige Action-Kino gemacht: Chaos Cinema.

Sehenswert!

Und hier gibt es eine kleine Sammlung von Filmenden, die so vom Studio gewünscht waren.

Mich hat bei der Sammlung überrascht, wie viele alte Filme aufgenommen wurden.

In der taz denkt Thomas Groh über Science-Fiction-Filme als Stimmungsbarometer nach.

Der Science-Fiction-Preis „Hugo“ ist verliehen. Die glücklichen Gewinner sind:

Best Fan Artist

Presented by Stu Shiffman

  • Winner: Brad W. Foster
  • Randall Munroe
  • Maurine Starkey
  • Steve Stiles
  • Taral Wayne

Best Fanzine
Presented by David Cake

  • Winner: The Drink Tank, edited by Christopher J. Garcia and James Bacon
  • Banana Wings, edited by Claire Brialey and Mark Plummer
  • Challenger, edited by Guy H. Lillian III
  • File 770, edited by Mike Glyer
  • StarShipSofa, edited by Tony C. Smith

Best Fan Writer
Presented by John Coxon

  • Winner: Claire Brialey
  • James Bacon
  • Christopher J. Garcia
  • James Nicoll
  • Steven H. Silver

Best Semiprozine
Presented by David G. Hartwell

  • Winner: Clarkesworld, edited by Neil Clarke, Cheryl Morgan, Sean Wallace; podcast directed by Kate Baker
  • Interzone, edited by Andy Cox
  • Lightspeed, edited by John Joseph Adams
  • Locus, edited by Liza Groen Trombi and Kirsten Gong-Wong
  • Weird Tales, edited by Ann VanderMeer and Stephen H. Segal

Best Professional Artist
Presented by Boris Vallejo

  • Winner: Shaun Tan
  • Daniel Dos Santos
  • Bob Eggleton
  • Stephan Martiniere
  • John Picacio

Best Editor, Short Form
Presented by Ellen Datlow

  • Winner: Sheila Williams
  • John Joseph Adams
  • Stanley Schmidt
  • Jonathan Strahan
  • Gordon Van Gelder

Best Editor, Long Form
Presented by Ellen Asher

  • Winner: Lou Anders
  • Ginjer Buchanan
  • Moshe Feder
  • Liz Gorinsky
  • Nick Mamatas
  • Beth Meacham
  • Juliet Ulman

Best Dramatic Presentation, Short Form
Presented by George R. R. Martin

  • Winner: Doctor Who: “The Pandorica Opens/The Big Bang,” written by Steven Moffat; directed by Toby Haynes (BBC Wales)
  • Doctor Who: “A Christmas Carol,” written by Steven Moffat; directed by Toby Haynes (BBC Wales)
  • Doctor Who: “Vincent and the Doctor,” written by Richard Curtis; directed by Jonny Campbell (BBC Wales)
  • Fuck Me, Ray Bradbury, written by Rachel Bloom; directed by Paul Briganti
  • The Lost Thing, written by Shaun Tan; directed by Andrew Ruhemann and Shaun Tan (Passion Pictures)

Best Dramatic Presentation, Long Form
Presented by Bill Willingham

  • Winner: Inception, written and directed by Christopher Nolan (Warner)
  • Harry Potter and the Deathly Hallows: Part 1, screenplay by Steve Kloves; directed by David Yates (Warner)
  • How to Train Your Dragon, screenplay by William Davies, Dean DeBlois & Chris Sanders; directed by Dean DeBlois & Chris Sanders (DreamWorks)
  • Scott Pilgrim vs. the World, screenplay by Michael Bacall & Edgar Wright; directed by Edgar Wright (Universal)
  • Toy Story 3, screenplay by Michael Arndt; story by John Lasseter, Andrew Stanton & Lee Unkrich; directed by Lee Unkrich (Pixar/Disney)

Best Graphic Story
Presented by Trixe Pixie: Alexander James Adams, Betsy Tinney, S. J. Tucker

  • Winner: Girl Genius, Volume 10: Agatha Heterodyne and the Guardian Muse, written by Phil and Kaja Foglio; art by Phil Foglio; colors by Cheyenne Wright (Airship Entertainment)
  • Fables: Witches, written by Bill Willingham; illustrated by Mark Buckingham (Vertigo)
  • Grandville Mon Amour, by Bryan Talbot (Dark Horse)
  • Schlock Mercenary: Massively Parallel, written and illustrated by Howard Tayler; colors by Howard Tayler and Travis Walton (Hypernode)
  • The Unwritten, Volume 2: Inside Man, written by Mike Carey; illustrated by Peter Gross (Vertigo)

Best Related Book
Presented by Farah Mendlesohn

  • Winner: Chicks Dig Time Lords: A Celebration of Doctor Who by the Women Who Love It, edited by Lynne M. Thomas and Tara O’Shea (Mad Norwegian)
  • Bearings: Reviews 1997-2001, by Gary K. Wolfe (Beccon)
  • The Business of Science Fiction: Two Insiders Discuss Writing and Publishing, by Mike Resnick and Barry N. Malzberg (McFarland)
  • Robert A. Heinlein: In Dialogue with His Century, Volume 1: (1907–1948): Learning Curve, by William H. Patterson, Jr. (Tor)
  • Writing Excuses, Season 4, by Brandon Sanderson, Jordan Sanderson, Howard Tayler, Dan Wells

Best Short Story
Presented by David D. Levine

  • Winner: “For Want of a Nail” by Mary Robinette Kowal (Asimov’s, September 2010)
  • “Amaryllis” by Carrie Vaughn (Lightspeed, June 2010)
  • “Ponies” by Kij Johnson (Tor.com, November 17, 2010)
  • “The Things” by Peter Watts (Clarkesworld, January 2010)

Best Novelette
Presented by Nancy Kress

  • Winner: “The Emperor of Mars” by Allen M. Steele (Asimov’s, June 2010)
  • “Eight Miles” by Sean McMullen (Analog, September 2010)
  • “The Jaguar House, in Shadow” by Aliette de Bodard (Asimov’s, July 2010)
  • “Plus or Minus” by James Patrick Kelly (Asimov’s, December 2010)
  • “That Leviathan, Whom Thou Hast Made” by Eric James Stone (Analog, September 2010)

Best Novella
Presented by Robert Silverberg

  • Winner: “The Lifecycle of Software Objects” by Ted Chiang (Subterranean)
  • “The Lady Who Plucked Red Flowers beneath the Queen’s Window” by Rachel Swirsky (Subterranean Magazine, Summer 2010)
  • “The Maiden Flight of McCauley’s Bellerophon” by Elizabeth Hand (Stories: All New Tales, William Morrow)
  • “The Sultan of the Clouds” by Geoffrey A. Landis (Asimov’s, September 2010)
  • “Troika” by Alastair Reynolds (Godlike Machines, Science Fiction Book Club)

Best Novel
Presented by TimPowers

  • Winner: Blackout/All Clear by Connie Willis (Ballantine Spectra)
  • Cryoburn by Lois McMaster Bujold (Baen)
  • The Dervish House by Ian McDonald (Gollancz; Pyr)
  • Feed by Mira Grant (Orbit)
  • The Hundred Thousand Kingdoms by N.K. Jemisin (Orbit)

The John W. Campbell Award for Best New Writer
Presented by Stanley Schimdt and Seana McGuire

Award for the best new professional science fiction or fantasy writer of 2009 or 2010, sponsored by Dell Magazines (not a Hugo Award).

  • Winner: Lev Grossman
  • Saladin Ahmed
  • Lauren Beukes
  • Larry Correia
  • Dan Wells

Lesebefehl: Frank Göhres „Die Kiez-Trilogie“ ist wieder erhältlich

August 22, 2011

Die Kiez-Trilogie“.

Das klingt verdammt nach Regiokrimi.

Aber das ging damals, als Frank Göhre im Frühjahr 1984 mit Richard K. Flesch, dem legendären Herausgeber der rororo-Thriller-Reihe, über seine neue Romanidee sprach, gar nicht. Damals meinte Flesch auf einen Romanvorschlag von Göhre: „Soweit kommt’s noch, dass Rowohlt kriminelle Heimatschmonzetten veröffentlicht.“

Tja, das war damals, als der Soziokrimi noch lebendig war. Heute veröffentlicht Rowohlt auch Regiokrimis. Damals änderte Göhre sein Konzept. Von der Lüneburger Heide ging’s nach Hamburg. Regisseur Carl Schenkel, mit dem Göhre damals an dem Fahrstuhlthriller „Abwärts“ arbeitete, gab ihm einen „Spiegel“-Artikel über die unglückliche Liebe eines Rentners zu einer Peep-Show-Tänzerin (Hm, klingt irgendwie nach „Professor Unrat“). Göhre begann sich auf der Reeperbahn umzusehen und im Juli 1986 erschien „Der Schrei des Schmetterlings“. Mit „Der Tod des Samurai“ und „Der Tanz des Skorpions“ erzählte er 1989 und 1991 die Geschichte der Polizisten und Verbrecher auf St. Pauli fort. Mit „St. Pauli Nacht“ gab es 1993 einen kleinen Nachschlag und 2006 mit „Zappas letzter Hit“ den vierten St.-Pauli-Roman.

In „Die Kiez-Trilogie“ sind jetzt die ersten drei, eng miteinander verknüpften Romane erschienen und sie sind wahrlich keine Heimatschmonzetten oder Regiokrimis. Sie sind intime Milieustudien von der Hamburger Reeperbahn und der hamburger Melange von Polizei, Verbrechern und Politik. Dabei mischt Göhre Fakten mit Fiktion zu einem Gebräu, in dem immer unklarer wird, wer die Guten und wer die Bösen sind – und mit dem Überführen und Bestrafen der Verbrecher am Ende des Romans funktioniert es auch nicht so gut.

Ich war damals, als die jetzt in der „Kiez-Trilogie“ versammelten Romane vor über zwanzig Jahren erschienen, mächtig begeistert. Das war wirklich mehr Raymond Chandler, Dashiell Hammett, James M. Cain, Jim Thompson, Mickey Spillane und Ross Thomas (um nur einige zu nennen), als der biedere bundesdeutsche Krimi zwischen -ky, Hansjörg Martin, Christine Grän und Felix Huby (obwohl mir die ersten Bienzles gut gefielen).

Jetzt sind die drei St.-Pauli-Romane bei Pendragon wieder veröffentlicht worden. Frank Göhre schrieb das gut dreißigseitige Nachwort „Hamburger Verhältnisse – Hintergründe und Materialien zur Kiez-Trilogie“, in dem er anhand zahlreicher Zitate aus alten Zeitungen zeigt, wie sehr er sich bei seinen Romanen von der Wirklichkeit inspirieren ließ. Außerdem kannte er auch etliche Szenegrößen und recherchierte viel auf St. Pauli, das mit dem heutigen St. Pauli nichts mehr zu tun hat.

Insofern ist „Die Kiez-Trilogie“ auch ein Teil der alternativen deutschen Geschichtsschreibung und die Antithese zum Regiokrimi.

Frank Göhre: Die Kiez-Trilogie

Pendragon, 2011

736 Seiten

16,95 Euro

enthält

Der Schrei des Schmetterlings

rororo, 1986

Der Tod des Samurai

rororo, 1989

Der Tanz des Skorpions

rororo, 1991

Hinweise

Homepage von Frank Göhre

Meine Besprechung von Frank Göhres „Der letzte Freier“ (2006)

Meine Besprechung von Frank Göhres „Zappas letzter Hit“ (2006)

Meine Besprechung von Frank Göhres „St. Pauli Nacht“ (2007, überarbeitete Neuausgabe)

Meine Besprechung von Frank Göhres „MO – Der Lebensroman des Friedrich Glauser“ (2008)

Meine Besprechung von Frank Göhres „An einem heißen Sommertag“ (2008)

Meine Besprechung von Frank Göhres „Abwärts“ (2009, Neuausgabe)

Meine Besprechung von Frank Göhres „Seelenlandschaften – Annäherungen, Rückblicke“ (2009)

Meine Besprechung von Frank Göhres „Der Auserwählte“ (2010)

Frank Göhre in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 31. Juli: The Grifters

Juli 31, 2011

NDR, 23.45

The Grifters (USA 1990, Regie: Stephen Frears)

Drehbuch: Donald Westlake

LV: Jim Thompson: The Grifters, 1963 (Muttersöhnchen, Die Abzocker)

Roy Dillon schlägt sich als kleiner Trickbetrüger mehr schlecht als Recht durch. Als er an eine größere Menge Geld kommt, haben seine Freundin Mary und seine Mutter Lilly plötzlich Interesse an ihm; besonders an dem Geld.

Der potentielle Klassiker basiert auf einem der besten und düstersten Bücher von Thompson. Westlake schrieb ein grandioses Drehbuch, und das gesamte Team (es wäre wirklich unfair, eine einzelne Person herauszuheben) gab ihr bestes. „The Grifters ist ein starkes Stück Kino, ein Krimi, der seinen Alptraum formvollendet präsentiert.“ (Fischer Film Almanach)

Mit Anjelica Huston, John Cusack, Annette Bening, Pat Hingle, Charles Napier, J. T. Walsh, Xander Berkeley

Hinweise

Homepage von Donald E. Westlake

Drehbuch „The Grifters“ von Donald E. Westlake (Second Draft, März 1989)

Kriminalakte: Nachruf auf Donald E. Westlake

Kriminalakte: Covergalerie Donald E. Westlake

Meine Besprechung von Donald E. Westlakes Dortmunder-Roman „Get Real“

Meine Besprechung von Donald E. Westlakes Dortmunder-Roman „What’s so funny?“

Meine Besprechung von Donald E. Westlakes Dortmunder-Roman „Watch your back!“

Meine Besprechung von Donald E. Westlakes Dortmunder-Kurzroman „Die Geldmacher“ (Walking around money; erschienen in „Die hohe Kunst des Mordens“ [Transgressions])

Meine Besprechung von Donald E. Westlakes „Mafiatod“ (361, 1962)

Meine Vorstellung von Westlakes als Richard Stark geschriebener Parker-Serie (mit „Nobody runs forever“)

Meine Besprechung von Richard Starks Parker-Romans „Ask the Parrot“

Meine Doppelbesprechung von Richard Starks Parker-Romanen „Fragen Sie den Papagei“ (Ask the Parrot) und „Dirty Money“

Meine Besprechung des Films “The Stepfather”, nach einem Drehbuch von Donald E. Westlake


DVD-Kritik: Die werktreue Jim-Thompson-Verfilmung „The Killer inside me“

Juni 21, 2011

Wie sehr hatte ich mich auf diesen Film gefreut. Michael Winterbottom, produktiver Kritikerliebling und eloquenter Springer zwischen allen Stilen und Genres, verfilmt nach einem Drehbuch von John Curran den Noir-Klassiker „The Killer inside me“ von Jim Thompson, der in USA inzwischen fast gottgleichen Status genießt. Die Besetzung mit Casey Affleck, Jessica Alba und Kate Hudson stimmt auch hoffnungsvoll. Und das sind nur die Hauptrollen. Simon Baker, Elias Koteas, Ned Beatty und Bill Pullman übernahmen wichtige Nebenrollen.

Dann auf der Berlinale 2010 waren die Kritiker nicht begeistert von dem Film. Zu gewalttätig. Zu frauenverachtend, schrieben sie. Vor allem die Szene, in der Casey Affleck Jessica Alba minutenlang verprügelt, wurde genannt.

An der Kinokasse war auch nichts zu holen. Denn der Protagonist, der psychopathische Kleinstadtpolizist Lou Ford, ist ein direkter Vorgänger von Jeff Lindsays Seriencharakter Dexter Morgan (und der erfolgreichen TV-Serie „Dexter“), aber während Dexter als Serienmörder nur andere Serienmörder tötet und letztendlich zu den Guten gehört, ist Lou Ford der Bösewicht.

Auf dem Fantasy Filmfest 2010 sah ich mir den Film an und verließ mit gemischten Gefühlen das Kino. Die Retro-Titelsequenz gefiel mir sehr gut. Die ersten Minuten auch, aber dann fand ich den Gang der Handlung etwas schleppend. Die Prügelszene fand ich nicht so schlimm (Hm, vielleicht schon zu viele brutale Filme gesehen) und den Film insgesamt auch nicht so gewalttätig und frauenverachtend, wie die Kritiker nach der Uraufführung gesagt hatten. Aber wirklich gepackt hatte der Film mich nicht. Nicht schlecht, aber nicht so gut, wie ich erwartet hatte.

Dass Winterbottoms Version besser als die erste Verfilmung des Romans, 1975 von Burt Kennedy mit Stacy Keach als Lou Ford, ist, ist keine besondere Leistung. Denn Kennedy verlegte die Geschichte in die Gegenwart und es entstand ein durchschnittlicher und schnell vergessener Krimi, der manchmal im Nachtprogramm als Lückenfüller gezeigt wird.

Ganz im Gegensatz zu Jim Thompsons Roman. Als der Roman „Der Mörder in mir“ (The Killer inside me) 1952 erschien, war die Idee, dass ein höflicher, gut erzogener, hilfsbereiter Kleinstadtpolizist ein psychopathischer Mörder ist, schockierend. Denn damals waren Polizisten die Guten. Thompson ließ 1957 mit „Gefährliche Stadt“ (Wild Town) eine zweite Geschichte mit Lou Ford folgen, die natürlich nicht mehr die Überraschung von „Der Mörder in mir“ bot.

Aber vielleicht war ich auf dem Fantasy Filmfest einfach nicht in „Killer“-Stimmung gewesen.

Auch beim zweiten Ansehen gefiel mir die Retro-Titelsequenz, passend unterlegt mit dem hübsch harmlosen Song „Fever“, gesungen von Little Willie John, und die Geschwindigkeit mit der Michael Winterbottom in den ersten Minuten die Hauptpersonen, den Kleinstadtpolizisten Lou Ford (Casey Affleck) und die Prostituierte Joyce Lakeland (Jessica Alba), den Handlungsort, das texanische Ölkaff Central City, und die Zeit, die ach so heilen, wirtschaftlich prosperierenden fünfziger Jahre, etabliert.

Aber ziemlich schnell, vor allem nachdem Lou Ford sie und Elmer Conway (Jay R. Ferguson), den Sohn des örtlichen Ölmagnaten, umgebracht hat, zerfasert die Geschichte. Lou muss plötzlich an mehreren Fronten kämpfen. Dabei ist unklar, von welcher Front die größte Gefahr ausgeht. Ist es von Joe Rothman (Elias Koteas), einem Gewerkschaftler, der einen Verdacht hat, oder von Howard Hendricks (Simon Baker), einem Polizisten, der den Doppelmord aufklären soll, oder von Chester Conway (Ned Beatty), dem Vater des Ermordeten und als Ölmagnat der heimliche Herrscher der Stadt? Nur von Lous Freundin Amy Stanton (Kate Hudson), die hoffnungslos in ihn verliebt ist und lammfromm alles duldet, geht keine Gefahr aus. Sowieso ist das Frauenbild aus heutiger Sicht hoffnungslos veraltet und, wenn es nicht in ein historisches Umfeld gekleidet wäre, frauenfeindlich bis frauenverachtend. Und steht so in der Vorlage, die die Macher nur bebildern. Denn anstatt den Geist des Buches in den Film zu übertragen, folgen sie einfach blind Thompsons Roman, ohne darauf zu achten, dass einiges, was in einem Roman und in einer Ich-Erzählung gut funktioniert, in einem Film nicht mehr funktioniert.

Dazu gehören die vielen Gegner von Lou, die in ihrer Häufung dann doch nicht mehr so bedrohlich sind und sie teilweise einfach aus der Geschichte verschwinden und dass einige von Fords Problemen sich quasi nebenbei und außerhalb der Leinwand erledigen. Hier hätte etwas weniger Respekt von Drehbuchautor Curran und Regisseur Winterbottom vor der Vorlage gut getan.

Trotzdem hat mir der Film beim zweiten Ansehen, auch wenn ich mir keine 1-zu-1-Umsetzung der Geschichte, sondern des Geistes der Vorlage gewünscht hätte, besser gefallen. Bertrand Tavernier gelang das mit seiner hundsgemeinen Jim-Thompson-Verfilmung „Der Saustall“. Michael Winterbottoms Film ist dagegen in vielen Momenten bewundernswert und gut gelungen. Ausstattung, Musik und Kamera schaffen es, die fünfziger Jahre wieder auferstehen zu lassen. Die Schauspieler sind gut. Wobei Casey Affleck als harrmloser Bösewicht, wie schon in dem allseits abgefeierten Western „Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford“ (den ich sterbenslangweilig fand), die perfekte Besetzung ist.

Das Bonusmaterial ist eine Frechheit. Es wird nur eine halbe Stunde mit Impressionen von den Dreharbeiten angeboten. Dabei hätte es Material gegeben. Zum Beispiel den Bericht von den Dreharbeiten oder die Berlinale-Pressekonferenz.

The Killer inside me (The Killer inside me, USA 2010)

Regie: Michael Winterbottom

Drehbuch: John Curran

mit Casey Affleck, Jessica Alba, Kate Hudson, Bill Pullman, Simon Baker, Elias Koteas, Ned Beatty, Tom Bower

BluRay

Universum Film

Bild: 2,25:1 (1080p/24)

Ton: Deutsch, Englisch (DTS-HD 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Behind the Scenes, Wendecover

Länge: 109 Minuten

FSK: ab 18 Jahre

(DVD identisch)

Vorlage

Jim Thompson: The Killer inside me

Gold Medal, 1952

Deutsche Erstausgabe

Der Mörder in mir

Ullstein, 1982

(derzeit bei Diogenes erhältlich)

Hinweise

Homepage zum Film

Wikipedia über „The Killer inside me“ (deutsch, englisch)

Berlinale: Roter Teppich und Pressekonferenz zu „The Killer inside me“

Kriminalakte über „The Killer inside me“


Mordlust über Jim Thompson

Crimetime über Jim Thompson

Wikipedia über Jim Thompson (Englisch)

Kirjasto über Jim Thompson

Popsubculture über Jim Thompson

 Kriminalakte über Jim Thompson


TV-Tipp für den 27. April: Der Saustall

April 27, 2011

3sat, 22.55

Der Saustall (F 1981, R.: Bertrand Tavernier)

Drehbuch: Jean Aurenche, Bertrand Tavernier

LV: Jim Thompson: Pop. 1280, 1964 (Zwölfhundertachtzig schwarze Seelen, 1280 schwarze Seelen)

Wirklich gelungene Verfilmung eines der besten Thompson-Bücher: ein Haufen Menschen geht ihren niederen Trieben (Sex, Ehebruch, Mord) nach und fühlt sich dabei von moralischen Gesetzen nicht gebunden.

Tavernier verlegte die Handlung von einem Südstaaten-Kaff nach Französisch-Westafrika, blieb aber der Seele des Buches treu.

Mit Philippe Noiret, Isabelle Huppert, Stéphane Audran, Guy Marchand

Wiederholung: Samstag, 7. Mai, 03.35 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Mordlust über Jim Thompson

Crimetime über Jim Thompson

Wikipedia über Jim Thompson (Englisch)

Kirjasto über Jim Thompson

Popsubculture über Jim Thompson

Meine Besprechung von Bertrand Taverniers Georges-Simenon-Verfilmung „Der Uhrmacher von St. Paul“

Meine Besprechung von Bertrand Taverniers James-Lee-Burke-Verfilmung „In the electric mist“


TV-Tipp für den 7. Oktober: Die verfilmten Kriminalromane

Oktober 7, 2010

ARD, 20.15

Donna Leon: Lasset die Kinder zu mir kommen (D 2010, R.: Sigi Rothemund)

Drehbuch: Stefan Holtz, Florian Iwersen
LV: Donna Leon: Suffer the Little Children, 2007 (Lasset die Kinder zu mir kommen)

Commissario Brunetti will herausfinden, wer eine illegal eingewanderte Albanerin erschlagen hat. Seine Ermittlungen führen ihn zu einer Organisation, die mit der Vermittlung von illegalen Adoptionen Geld verdient.

Illustration des sechzehnten Brunetti-Romans.

mit Uwe Kockisch, Julia Jäger, Karl Fischer, Annett Renneberg, Gregor Törzs, Uwe Bohm, Nadeshda Brennicke, Michael Gwisdek

Arte, 20.15

Sophie Scholl – Die letzten Tage (D 2005, R.: Marc Rothemund)

Drehbuch: Fred Breinersdorfer

Das sei Schulfernsehen, sagte Breinersdorfer, als Rothemund ihm vorschlug die letzten Tage der Geschwister Scholl zu verfilmen. Dann vertiefte er sich in die Protokolle der Verhöre und schrieb das Drehbuch zu einem von Kritikern, Kollegen und Publikum hochgelobten Film. Über eine Million sahen „Sophie Scholl – Die letzten Tage“ in den deutschen Kinos.

Mit Julia Jentsch, Alexander Held, Fabian Hinrichs, Jörg Hube

Hinweise

Homepage von Fred Breinersdorfer

Meine Besprechung von Fred und Léonie Breinersdorfers „Das Hurenspiel – Ein Fall für Abel“ (2006)

Vox, 22.20

Rambo (USA 1982, R.: Ted Kotcheff)

Drehbuch: Michael Kozoll, William Sackheim, Sylvester Stallone

LV: David Morell: First Blood, 1972 (Rambo)

Vietnam-Veteran John Rambo wird in einem Provinzkaff der Landstreicherei verdächtigt und von der Polizei gedemütigt. Er bricht aus und flüchtet in den Wald – verfolgt von einem riesigen Polizeiaufgebot. Rambo beginnt sich zu verteidigen. Und davon versteht der ehemalige Elitesoldat und Dschungelkämpfer etwas.

Das auch heute noch sehenswerte, harte Actiondrama mit gesellschaftskritischen Tendenzen machte Sylvester Stallone endgültig zum Star, sorgte in den Achzigern für zwei überflüssige Fortsetzungen und eine Welle von inzwischen – glücklicherweise – fast vollständig vergessenen Vietnam-Filmen. 2008 folgte dann, nach einer zwanzigjährigen Pause, der vierte Rambo-Film, der vor allem als kurzer, altmodischer Brutalo-Film für Aufsehen sorgte.

Für den ersten Rambo-Film wurde das Buchende geändert.

Mit Sylvester Stallone, Richard Crenna, Brian Dennehy, David Caruso

Wiederholung: Freitag, 8. Oktober, 00.30 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Homepage von David Morell

Meine Besprechung von David Morrell „Level 9“ (Scavenger, 2007)

Meine Besprechung von David Morrells „Creepers“ (Creepers, 2005)

ARD, 00.50

Getaway (USA 1972, R.: Sam Peckinpah)

Drehbuch: Walter Hill

LV: Jim Thompson: Getaway, 1958 (Getaway)

Auf Wunsch des korrupten Politikers Jack Benyon wird Doc McCoy vorzeitig aus der Haft entlassen. Er soll eine Bank ausrauben. Der Überfall gelingt, aber danach geht alles schief.

Die gelungene und kommerziell sehr erfolgreiche Verfilmung des Krimis, mit Steve McQueen und Ali MacGraw – obwohl das letzte Drittel des Buches fehlt. Und das ist noch nicht alles, wie der französische Regisseur Alain Corneau meint: „Im Gegensatz zu Hammett und Chandler sind die Amerikaner nicht dazu in der Lage, Thompson zu verfilmen. Nehmen wir zum Beispiel Getaway. Die Figuren werden für die Verfilmung um 180 Grad gedreht, das Buch um mindestens ein Drittel gekürzt. Die Personen und das Thema des Romans wurden an die Seite gedrängt. Doc McCoy ist im Buch ein viel düsterer Charakter als Steve McQueen, und die philosophischen Dimensionen gingen völlig verloren.“ – Trotzdem ist „Getaway“ ein kalter, düsterer und amoralischer Film.

Mit Steve McQueen, Ali MacGraw, Ben Johnson, Al Lettieri, Slim Pickens, Bo Hopkins

Hinweis

Meine Besprechung der DVD „Sam Peckinpah: Passion & Poetry“

ZDF, 01.05

Killer kennen keine Gnade (F 1972, R.: Jean-Claude Roy)

Drehbuch: Jacques Risser, Jean-Claude Roy

LV: Jacques Risser: L’Insolent, 1872

Zwei Verbrecher wollen sich nach einem Überfall auf einen Goldtransport gegenseitig übers Ohr hauen.

„Mittelmäßiger Kriminalfilm“ (Lexikon des internationalen Films), aber immerhin mit Henry Silva

Auch bekannt als “Der Kaltblütige“

 


R. i. P. Tony Curtis, Arthur Penn, Alain Corneau

Oktober 1, 2010

Was für ein Tag:

Tony Curtis (3. Juni 1925 – 29. September 2010)

Seine Schauspielerkarriere begann in den späten Vierzigern mit kleinen Nebenrollen. Zum Beispiel in Robert Siodmaks Noir „Gewagtes Alibi“ (Criss Cross, 1949, mit Burt Lancaster). Seine bekannteste Rolle dürfte in Billy Wilders Komödie „Manche mögen’s heiß“ (Some like it hot, 1959) die von Joe/Josephine gewesen sein.

Davor spielte Curtis eine Hauptrolle in dem Drama „Flucht in Ketten“ (The defiant ones, 1958), das vor allem deshalb bekannt ist, weil ein weißer und ein afroamerikanischer Sträfling aneinandergekettet in die Freiheit flüchten. Stanley Kramers Film war ein Statement zur Versöhnung der Rassen. In „Der Frauenmörder von Boston“ (The Boston Strangler, 1968) überzeugte der Frauenschwarm auch als Schauspieler. Danach gehörte er zum Ensemble der TV-Krimiserien „Die 2“ (The Persuaders!, 1971/1972) und „Vegas“ (1978-1981).

Nachrufe gibt es in der Zeit, Spiegel Online, Die Welt, taz, Frankfurter Rundschau und der Süddeutsche Zeitung.


Arthur Penn (27. September 1922 – 28. September 2010)

Arthur Penn erlebte seine Kindheit und Jugend als Sohn jüdischer Eltern in Philadelphia und New York. 1944 war er als Infanterist bei der Ardennen-Schlacht dabei und diese Erfahrungen von Gewalt und Tod prägten ihn. Seine ersten Sporen im Filmgeschäft verdiente er sich von 1951 bis 1958, wie John Frankenheimer, Sidney Lumet und George Roy Hill, im Fernsehen, als alle Sendungen (wozu auch fiktionale Programme gehörten) noch live inszeniert wurden. Seinen ersten Spielfilm inszenierte er 1958: „Einer muss dran glauben“/“Billy the Kid“ (The left-handed gun) mit Paul Newman in der Hauptrolle und der Western wurde ein kleiner Klassiker. Seine bekanntesten Filme sind die Schlag auf Schlag aufeinander folgenden Klassiker „Bonnie und Clyde“ (Bonnie and Clyde, 1967), „Alices Restaurant“ (Alice’s Restaurant, 1969), „Little Big Man“ (1970) und, nach einer fünfjährigen Pause, „Die heiße Spur“ (Night Moves, 1975). „Duell am Missouri“ (The Missouri breaks, 1976) wurde damals zu unrecht verrissen und auch seine späteren Filme „Vier Freunde“ (Four Friends, 1981), „Target – Zielscheibe“ (Target, 1985) und „Tod im Winter“ (Dead of winter, 1987), auch wenn sie nicht mehr den gesellschaftlichen Einfluss seiner früheren Filme hatten, sind sehenswert. In seinen Filmen ging es immer um das Verhältnis von Außenseitern (mit denen er sympathisierte) zur Gesellschaft, zu seinem Land und zur Gewalt.

Nachrufe gibt es bei Spiegel Online, FAZ (dort gibt es auch ein im Januar mit ihm geführtes Interview), Frankfurter RundschauRolling Stone und der Süddeutsche Zeitung.

Im Archive of American Television gibt es ein sehr ausfürhliches Interview mit Arthur Penn.

Alain Corneau (7. August 1943 – 29. August 2010)

Erst aus der aktuellen epd-Film habe ich erfahren, dass Alain Corneau bereits vor über einem Monat gestorben ist. Corneau begann als Regieassistent und Filmfan, vor allem des französischen und amerikanischen Kinos. Fritz Lang und Don Siegel waren seine Vorbilder und er war, wenig erstaunlich, auch ein Jazzfan. Sein erstes Filmprojekt war eine Verfilmung von Jim Thompsons „Pop. 1280“ (1280 schwarze Seelen). Sein Kollege Bertrand Tavernier verfilmte den Roman 1981 als „Coup de torchon“ (Der Saustall).

Corneau gab 1974 sein Spielfilmdebüt mit „France société anonyme“ (Tödlicher Markt). Danach drehte er, meistens mit Yves Montand als Hauptdarsteller, einige der besten französischen Kriminalfilme: „Police Python 357“ (1976), „La menace“ (Lohn der Giganten/Die Bedrohung, 1977), „Serié Noire“ (1979, nach Jim Thompsons „A hell of a woman“), „Le choix des armes“ (Wahl der Waffen, 1981) und „Le môme“ (Blues Cop, 1986). Danach folgten, ebenfalls erfolgreich, Filme in anderen Genres: „Fort Saganne“ (1984), „Nocturne indien“ (Nächtliches Indien, 1989) und „Tous les matins du monde“ (Die siebente Saite, 1992). In den vergangenen Jahren wandte er sich mit „Le deuxième souffle“ (2007; José Giovannis Roman wurde bereits 1966 von Jean-Pierre Melville verfilmt) und „Crime d’amour“ (2010) wieder dem Kriminalfilm zu. Beide Filme wurden bislang, abgesehen von Festivals, noch nicht in Deutschland gezeigt.

Er hatte Krebs und starb in der Nacht zum Montag, den 30. August 2010, in einem Pariser Krankenhaus.

Einen „Nachruf“ gibt es bei Spiegel Online. Ordentlicher geht’s im Ausland zur Sache, zum Beispiel beim Guardian, New York Times, The Scotsman oder  The Independent.


TV-Tipp für den 9. August: Getaway

August 9, 2010

HR, 23.30

Getaway (USA 1972, R.: Sam Peckinpah)

Drehbuch: Walter Hill

LV: Jim Thompson: Getaway, 1958 (Getaway)

Auf Wunsch des korrupten Politikers Jack Benyon wird Doc McCoy vorzeitig aus der Haft entlassen. Er soll eine Bank ausrauben. Der Überfall gelingt, aber danach geht alles schief.

Die gelungene und kommerziell sehr erfolgreiche Verfilmung des Krimis, mit Steve McQueen und Ali MacGraw – obwohl das letzte Drittel des Buches fehlt. Und das ist noch nicht alles, wie der französische Regisseur Alain Corneau meint: „Im Gegensatz zu Hammett und Chandler sind die Amerikaner nicht dazu in der Lage, Thompson zu verfilmen. Nehmen wir zum Beispiel Getaway. Die Figuren werden für die Verfilmung um 180 Grad gedreht, das Buch um mindestens ein Drittel gekürzt. Die Personen und das Thema des Romans wurden an die Seite gedrängt. Doc McCoy ist im Buch ein viel düsterer Charakter als Steve McQueen, und die philosophischen Dimensionen gingen völlig verloren.“ – Trotzdem ist „Getaway“ ein kalter, düsterer und amoralischer Film.

Mit Steve McQueen, Ali MacGraw, Ben Johnson, Al Lettieri, Slim Pickens, Bo Hopkins

Hinweise

Meine Besprechung der DVD „Sam Peckinpah: Passion & Poetry“

Wikipedia über Sam Peckinpah (deutsch, englisch)

Georg Seeßlen über Sam Peckinpah (der Nachruf erschien zuerst in epd Film 2/1985)

The Guardian: Rick Moody über Sam Peckinpah (9. Januar 2009)

Senses of Cinema: Gabrielle Murray über Sam Peckinpah

Mordlust über Jim Thompson

Crimetime über Jim Thompson

Wikipedia über Jim Thompson (Englisch)

Kirjasto über Jim Thompson

Popsubculture über Jim Thompson

Senses of Cinema über „The Getaway“

Drehbuch „Getaway“ von Walter Hill (Final Revised Shooting Draft – 23. Februar 1972)


DVD-Kritik: Die Charakterstudie „Der Uhrmacher von St. Paul“

Juli 26, 2010

Ein Vater steht vor der Frage, wie er damit umgeht, dass sein Sohn ein Mörder ist. Das ist die Geschichte von „Der Uhrmacher von St. Paul“, die der über Dreißigjährige Bertrand Tavernier in den frühen Siebzigern in seinem in seinem Geburtsort spielendem Debütfilm erzählte. Dafür nahm er einen bereits 1954 erschienenen Roman von Maigret-Erfinder Georges Simenon und passte ihn seinen Bedürfnissen an. So verlegte er die Geschichte in die Gegenwart und nach Lyon.

Dort ist Michel Descombes (Philippe Noiret) ein geachteter Uhrmacher, der sich regelmäßig mit seinen bourgeoisen Freunden in einer Gaststätte trifft, allein lebt und allein einen Sohn großgezogen hat. Er glaubt, dass sie sich gut verstehen und Bernard keine Geheimnisse vor ihm hat. Umso schockierter ist er, als die Polizei ihm sagt, Bernard habe einen Mord begangen und sei mit seiner Freundin auf der Flucht.

Descombes fragt sich, warum Bernard zum Mörder wurde und warum er nichts von seiner Freundin wusste. In den Medien wird der Mord schnell und entsprechend dem Zeitgeist zu einer politischen Tat gegen einen Ausbeuter umgedeutet.

Dieser politische Hintergrund ist in „Der Uhrmacher von St. Paul“ immer, ohne sich jemals in den Vordergrund zu drängen, präsent. Auch die 68er kämpften gegen ihre Eltern, fragten sie nach ihrer Verantwortung für Hitler und die Kollaboration (das dunkle Kapitel in Frankreichs Geschichte), kämpften für eine antikapitalistische Gesellschaft, wollten alles anders machen als ihre Eltern und stellten sie als Mitläufer an den Pranger. Dieser Generationenkonflikt, der in den Sechzigern auf den Pariser Straßen ausgetragen wurde, ist auch in der Provinz angekommen. Eine Versöhnung schien 1973, als der Film gedreht wurde, immer noch unmöglich.

Dieser teils politisch, teils familiär ausgetragene Konflikt zwischen den Vätern und ihren Söhnen steht im Zentrum des Films. Dabei nimmt der 1941 geborene Tavernier die Perspektive der Eltern ein. Er fragt sich, wie Eltern mit den Taten ihrer Kinder umgehen sollen.

Und er wählte eine zutiefst ironische Struktur. Am Anfang wohnt Bernard noch bei seinem Vater, sie verstehen sich gut und haben keine Geheimnisse voreinander. Descombes legt sich auch, nachdem er von der Tat erfahren hat, in das Bett seines Sohnes. Sie sind, wie das Bild sagt, zwar körperlich voneinander getrennt, aber seelisch zusammen. Jedenfalls glaubt Descombes das und er beginnt das ihm unbekannte Leben seines Sohnes zu erforschen. Er erfährt, dass er und sein Sohn zwar zusammenlebten, aber er nichts von seinem Sohn wusste.

Nach über einer Stunde, vor dem ersten Auftritt von Bernard, wird von dem ermittelndem, immer betont freundlichem Inspektor Guilboud (Jean Rochefort) gegenüber Descombes die zentrale Frage für den Film und die damalige Zeit gestellt: „Da man seine eigenen Kinder nicht versteht, wofür Sie ein Beispiel sind, versucht man wenigstens die der anderen zu verstehen. Es ist mein Beruf Mördern und Gangstern nachzujagen, aber deren Motive sind mir egal. Die Geschichte ihres Sohnes ist viel wichtiger. Sie ist symptomatisch für unsere Zeit. Ich frage mich, was wir den jungen Leuten getan haben.“

Descombes weiß darauf keine Antwort und auch der Film verweigert die Antwort.

Das Ende wird mit der Gerichtsverhandlung vorbereitet, die nur aus einem Satz besteht. Descombes, leicht von unten aufgenommen erinnert an einen Priester ohne Talar, sagt: „Ich erkläre mich hiermit völlig solidarisch mit meinem Sohn.“

Damit gibt Tavernier eine damals sicher utopische, heute fast schon selbstverständliche Antwort auf den tobenden Generationenkonflikt: die Eltern müssen sich auf die Seite ihrer Kinder stellen. Auch wenn sie vielleicht nicht alle Beweggründe verstehen. Auch wenn die Kinder nicht mit ihnen reden wollen.

Im Gefängnis besucht Descombes seinen zu zwanzig Jahren Haft verurteilten Sohn. Jetzt sind sie zwar physisch voneinander getrennt. Sie können sich durch die Gitter und den sie trennenden Gang noch nicht einmal berühren, aber dafür sind sie psychisch wieder vereinigt.

Das ist das Ende einer ruhigen Charakterstudie über einen introvertierten Menschen und eines beeindruckenden Debütfilms, der auch aufgrund seines langsamen Erzähltempos keine leichte Kost ist. Außerdem ist „Der Uhrmacher von St. Paul“ eine Liebeserklärung an Taverniers Geburtsort.

In den folgenden Jahrzehnten drehte Tavernier wahrscheinlich in jedem Genre spannende Filme und er verfilmte immer wieder Krimis. 1981, wieder mit Noiret in der Hauptrolle, Jim Thompsons „Pop. 1280“ (1280 schwarze Seelen) als „Der Saustall“. 2009 James Lee Burkes „In the electric mist with confederate dead“ (Im Schatten der Mangroven) als „In the electric mist“.

Der Uhrmacher von St. Paul (L’horloger de Saint-Paul, Frankreich 1974)

Regie: Bertrand Tavernier

Drehbuch: Bertrand Tavernier, Jean Aurenche, Pierre Bost

LV: Georges Simenon: L’horloger d’Everton, 1954 (Der Uhrmacher von Everton)
mit Philippe Noiret, Jean Rochefort, Jacques Denis, Sylvain Rougerie, Christine Pascal

DVD

Arthaus

Bild: 1,66:1 (anamorph)

Ton: Deutsch, Französisch (Mono Dolby Digital)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Bildergalerie, Wendecover

Länge: 101 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Wikipedia über „Der Uhrmacher von St. Paul“ (deutsch, englisch, französisch)

Deutsche Georges-Simenon-Fanseite

Senses of Cinema: Carloss James Chamberlin über Bertrand Tavernier (August 2003)

Meine Besprechung der von Bertrand Tavernier inszenierten James-Lee-Burke-Verfilmung „In the electric mist“


Kleinkram

Juli 5, 2010

Die Juli-Ausgabe von The Big Thrill, der Zeitung der International Thriller Writers (ITW) ist online.  Dieses Mal werden unter anderem, oft mit Interviews oder in längeren Porträts, Gregg Hurwitz, Jeffery Deaver (ein neuer Lincoln-Rhyme-Roman),  Allison Brennan, Brad Thor, Rick Mofina, Dan Fesperman, Heather Graham, Christine Kling (über ihre Besprechung von Erskine Childers‘ „The Riddle of the Sands“ für „Thrillers: 100 must reads“) und einem kleinen Artikel über den ITW-Sammelband „Thrillers: 100 must reads“ vorgestellt.

BSC hat sich mit Michael Koryta („Tödliche Rechnung“, im November „Blutige Schuld“) unterhalten.

epd Film hat sich mit James Mangold (3:10 to Yuma, Walk the line, Copland, zuletzt Knight and Day) unterhalten.

In der New York Times macht sich A. O. Scott einige Gedanken über die Geschichte der Sommer-Blockbuster.

Goodbye Mulitplex. Hello Special Screening? – Jedenfalls gibt es im Independent einen kleinen Überblick über Filmpräsentationen an ungewöhnlichen Orten oder in einem ungewöhnlichen Rahmen in London.

Vor einigen Tagen war ich auf dem sehr anstrengendem (Man, 16 Stunden Vorträge an zwei Tagen plus Filmprogramm) und sehr informativem Kolloquium „Gefährliches Kino? – Filme im Konflikt mit Gesetz, Geld und Gesellschaft“ der Deutschen Kinemathek.

Inzwischen sind einige ausführliche Nachberichte und Mitschnitte online:

Bei „f-lm“ gibt es Mitschnitte der Vorträge von Roland Seim („Zensur heute in Deutschland“) und Marcus Stiglegger („Ein Genre unter Verdacht: Terrorkino. Hostel, Saw und der Mythos ‚torture porn‘).

Bei Telepolis gibt es von Stefan Höltgen einen ausführlichen Bericht von der Tagung und einen Nachschlag zum „Blutgericht in Texas“ (auch bekannt als „Texas Chainsaw Massacre“):

die juristische Bürokratie sieht nicht vor einen ehemals verbotenen Film wieder zu „erlauben“ – selbst wenn alle (!) Beteiligten das Verbot heute nicht mehr nachvollziehen können.

Deshalb wird das aus heutiger Sicht eher harmlose „Blutgericht in Texas“ vielleicht niemals in Deutschland veröffentlicht werden. Auch nicht für Erwachsene.

Im September macht die Deutsche Kinemathek eine Folgeveranstaltung.

Ebenfalls bei Telepolis hat sich Hans Schmid mit dem Thriller „Peeping Tom – Augen der Angst“ beschäftigt.

Sieht gut aus:

Deutscher Kinostart der Verfilmung des Comics von Warren Ellis und Cully Hamner ist 28. Oktober. Robert Schwentke führt Regie.

Hört sich gut an:

if you’re strong of stomach I think Michael Winterbottom’s adaptation of Jim Thompson’s The Killer Inside Me is easily one of the most unique experiences you can currently have at the movie theater.

James Rollins hat die Filmrechte von seiner Sigma-Force-Serie verkauft.

Roman – Film. Einfache Sache, oder? Immerhin hat der Romanautor schon die ganze Arbeit getan.

Naja, nicht ganz.

Lee Goldberg schreibt:

I’ve adapted a few novels for the screen over  the years, and it’s always a difficult task. You’ve got to capture what made the book great, but you’ve also got  to change a lot of things in order to make it work as a screenplay.

Er fragte seinen alten UCLA-Professor Richard Walter und der schrieb eine sehr lesenswerte Antwort:

Adaptors should feel free to delete scenes and entire chapters from the book; they should feel equally free to create wholly new material, even invent new characters, if in doing so they create a finer script. They should try at most to capture merely the spirit of the book, if that, and avoid becoming a slave to the facts and data contained in the original pages.

Human Rights Watch hat einen umfangreichen Bericht veröffentlicht: „Ohne nachzufragen – Geheimdienstliche Zusammenarbeit mit Ländern in denen gefoltert wird“.


TV-Tipp für den 19. Juni: Der Saustall

Juni 19, 2010

RBB, 01.25

Der Saustall (F 1981, R.: Bertrand Tavernier)

Drehbuch: Jean Aurenche, Bertrand Tavernier

LV: Jim Thompson: Pop. 1280, 1964 (Zwölfhundertachtzig schwarze Seelen, 1280 schwarze Seelen)

Wirklich gelungene Verfilmung eines der besten Thompson-Bücher: ein Haufen Menschen geht ihren niederen Trieben (Sex, Ehebruch, Mord) nach und fühlt sich dabei von moralischen Gesetzen nicht gebunden.

Tavernier verlegte die Handlung von einem Südstaaten-Kaff nach Französisch-Westafrika, blieb aber der Seele des Buches treu.

Mit Philippe Noiret, Isabelle Huppert, Stéphane Audran, Guy Marchand

Hinweise

Mordlust über Jim Thompson

Crimetime über Jim Thompson

Wikipedia über Jim Thompson (Englisch)

Kirjasto über Jim Thompson

Popsubculture über Jim Thompson


Im Verhörzimmer: Jim Nisbet will raus

Juni 9, 2010

Ich habe gegenüber ein nettes Café gesehen. Vor der Tür können wir dann das Interview machen“, schlägt Jim Nisbet in der pompösen Lobby des Westin Grand Hotel in Berlin-Mitte vor. Er besucht derzeit Italien und sein deutscher Verleger Frank Nowatzki lud ihn für eine Lesung nach Berlin ein.

In San Francisco ist es bestimmt wärmer“, wende ich, inzwischen wieder halbwegs an das heute wieder unfreundlich windige Hauptstadtwetter gewöhnt, ein.

Nein, das hier ist das typische Wetter in San Francisco.“ Wegen des Pazifiks sei dort die Temperatur immer ungefähr gleich und sie hätten im Sommer oft wochenlang keinen blauen Himmel. Das typische San-Francisco-Wetter sehe man, so Nisbet, in einer nebligen Szene des Noir „Out of the past“ oder in Hitchcocks „Vertigo“.

Am nahe gelegenen Gendarmenmarkt finden wir einen ruhigen Platz und können uns, nur vom periodisch ertönenden Pressluftbohrern unterbrochen, unterhalten.

Jim Nisbet veröffentlichte zuletzt „Windward Passage“, ein umfangreiches Werk, das auf dem San Francisco Book Fest den Preis als beste Science-Fiction-Buch erhielt.

Für Nisbet ist es kein Science-Fiction, sondern Political Fiction und natürlich auch ein Noir, wobei Nisbet zugibt, dass Noir schwer zu definieren sei. Jim Thompson, David Goodis und William Faulkner waren die ersten Noir-Autoren, die er las.

Bei Faulkner findet er auch schon die Möglichkeit des Mitleids, die ihm auch in seinen Werken wichtig ist. Bei vielen Noirs stört ihn nämlich dieses Fehlen von Menschlichkeit, das zum Leben dazu gehöre und er auch immer wieder erlebt habe. Als er 1967 mit einem Motorrad und ohne Geld durch Deutschland fuhr, war er immer wieder von Deutschen in ihre Häuser eingeladen worden und man habe sich dann irgendwie verständigt. Denn: „Ich konnte kein Deutsch und sie kaum Englisch.“

Außerdem stört ihm beim Standard-Noir, dass dieser keine Entwicklung erlaube. Er versuche dagegen immer ein größeres Bild von den Menschen und der Gesellschaft zu zeichnen. Denn auch die Gesellschaft entwickele sich. Der 1947 geborene Jim Nisbet selbst wuchs in den fünfziger und sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts im Süden auf und er war mit den direkten Nachfahren von Sklaven befreundet. Seine Großmutter sah im Fernsehen die Mondladung und jetzt ist Barack Obama Präsident. „Es ist unglaublich, dass ein Schwarzer Präsident ist“, stellt er fest. Noch vor vierzig Jahren war das undenkbar.

Gleichzeitig hat ein Noir auch immer eine dezidierte Haltung zur Gesellschaft. „Ein Kennzeichen eines Noir ist der Ärger, die Ungeduld und die Frustration über die Gesellschaft. Das ist schwer vorzutäuschen“, meint Nisbet. Bei einer Detektivgeschichte könne dagegen mehr geschwindelt werden. Denn dort geht es nur um das Rätsel und die verschiedenen Spuren zur Lösung. Die Autoren seien vielleicht kommerziell erfolgreich, aber nach ihrem Tod verschwänden sie aus den Buchläden.

Nisbets Karriere begann vielversprechend. Seine ersten Noirs veröffentlichte er in der renommierten Black-Lizard-Reihe, die inzwischen zu Random House gehört. Damals, in den den Achtzigern war Barry Gifford (der auch „Wild at Heart“ schrieb) der Herausgeber. Gifford leitete auch die Wiederentdeckung des inzwischen kultisch verehrten Jim Thompson ein. Als Thompson 1977 starb, war keines seiner Bücher mehr erhältlich.

Seitdem waren immer wieder Verlagsleute an Nisbet herangetreten und hatten ihm versprochen, ihn zu einem Bestseller-Autor zu machen. Nisbet hörte sich diese Versprechen immer wieder kopfschüttelnd an. Denn: „Meine Bücher sind nicht für alle. Sie werden keine Bestseller, weil sie der Welt einen Spiegel vorhalten. Das wollen die meisten nicht hören. Sie wollen normal weiterleben und müssen Geld verdienen.“

Nisbet konnte sich, auch weil er es nicht wollte, nie nur vom Schreiben ernähren. Er schrieb einfach immer das, was er wollte und, manchmal mit längeren Unterbrechungen, veröffentlichte er zwischen 1981 und heute elf Romane, die von der Kritik gelobt wurden und Preise erhielten. Zu seinen Fans gehören heute auch Größen wie James Ellroy und Michael Connelly. Aber: „Es ist seltsam. Je mehr ich eines meiner Bücher mag, desto weniger mögen es die anderen.“

Seine letzten Romane veröffentlichte Jim Nisbet in dem kleinen, aber feinen Verlag von Dennis McMillan. McMillans Bücher sind bei Sammlern begehrt und er kann, wenn er seine Bücher ausliefert, von den Buchhändlern verlangen, dass sie ihm eine bestimmte Menge ohne die Möglichkeit einer Rückgabe abnehmen. „Das habe ich bei keinem anderen Verleger gesehen“, erzählt Nisbet. „Außerdem hat Dennis überall Freunde. Als ich mit ihm durch die USA fuhr, konnten wir morgens um fünf Uhr an eine Tür klopfen, die Bewohner freuten sich, dass Dennis da war und wir erhielten ein feines Frühstück.“

Als dann der größere Verlag Overlook Press ihn nach seinem Backkatalog fragte, sagte er nicht nein. Vor wenigen Monaten brachte Overlook seinen neuesten Roman „Windward Passage“ und seinen bereits vor über zwanzig Jahren erstmals erschienenen zweiten Roman „Lethal Injection“ (Tödliche Injektion) heraus.

Ich bin erstaunt, dass Menschen das Buch heute noch lesen wollen“, meint er. Doch das ist vielleicht nicht so erstaunlich. Denn obwohl „Tödliche Injektion“ in den frühen Achtzigern spielt, ist es nicht veraltet. Es geht um zeitlose Themen. Sein Held ist ein alkoholsüchtiger Arzt, der sein Leben hasst und in einer kaputten Ehe feststeckt (Geht es uns nicht allen so?) und der jetzt die Chance auf eine Flucht aus diesem Leben ergreift (Wollen wir das nicht alle?). Es ist eine Anklage gegen die Todesstrafe, die heute in den USA wesentlich umstrittener ist als damals – und es geht um eine Gesellschaft, die zunehmend auseinanderfällt und auch der Mittelstand um sein Überleben kämpfen muss. Diese Verlustängste sind inzwischen, wie der sonntägliche „Tatort“ wöchentlich zeigt, auch bei den Betroffenen angekommen.

In seinem 2006 erschienen Noir „Dunkler Gefährte“ ist sein Held wieder ein Mann aus dem Mittelstand, der nichts falsch machte und trotzdem alles verliert. Das beginnt schon mit dem Verlust seines Jobs, aus dem er wegrationalisiert wird, weil die Qualitätskontrolle ein überflüssiger Kostenfaktor ist.

Das Buch schrieb sich wie von selbst. Ich hatte da nur den Anfang, in dem Banerjhee Rolf die Blumen wässert und sich mit seinem zwielichtigen Nachbarn Toby Pride unterhält. Der Rest ergab sich einfach.“

Nisbet plant den Plot normalerweise nicht vor. Am Anfang hat er eine Idee, einen Dialog, eine Szene oder einen Charakter, der ihn genug fasziniert, um mit dem Schreiben zu beginnen.

Denn wenn ich nicht selbst fasziniert bin von der Geschichte, wie soll es jemand anderes sein?“

Der Plot ergebe sich dann, wie das Leben, bei dem auch nicht alles vorhersehbar sei, beim Schreiben.

Wenn Nisbet mit dem Schreiben einer Geschichte beginnt, geht er es wie einen Job an. Er beginnt um neun Uhr morgens und schreibt bis er sein Tagesziel erreicht hat. „Normalerweise zehn Seiten. Das Problem ist, die richtigen zehn Seiten zu schreiben.“

Die Länge ergebe sich anhand der Geschichte. Deshalb hat „Dunkler Gefährte“ 150 und „Windward Passage“ 450 Seiten.

Bislang hat Nisbet nur Einzelwerke geschrieben. Das mache das Verkaufen schwieriger, aber für ihn sei wichtig, das sein neues Buch nicht wie das vorherige sei.

Bei „Death Puppet“, seinem letzten Black-Lizard-Roman, änderte er sogar in letzter Minute das Ende. Es gab damals einen Eigentümerwechsel und der Managing Editor rief ihn an: „Ich kann das Buch herausbringen, wenn du es heute korrekturliest.“ Nisbet ließ alles stehen und liegen und fuhr zum Verlag nach Berkeley, las das bereits fertig gesetzte Manuskript durch und schrieb das Ende neu.

Nisbet schrieb in den vergangenen Jahrzehnten neben den Romanen auch Gedichte und Theaterstücke. „Für mich ist das alles Literatur. Es sind verschiedene Methoden, wie bei einem Roman, wenn ich von der ersten in die dritte Person wechsele.“

Die Theaterstücke waren Einakter und der Einakter „Notes from the Earth“ ist ein immer wieder aufgeführter Monolog über den letzten Mann auf der Welt, der zu dem Geist seiner verstorbenen Freundin spricht. Nisbet inszenierte die Premiere und ein Schauspieler, der das Stück damals sah, präsentiert es noch heute, wenn er weiß, dass er nicht genommen wird, bei Vorsprechterminen. Er würde dann den Monolog so lange vortragen, bis die Regisseure sagten, es sei genug. Nisbet meint lachend: „Für mich hört sich das wie meine gesamte Karriere an.“

Als ich so langsam richtig durchgefroren bin, entdeckt uns sein deutscher Verleger Frank Nowatzki. Er will demnächst bei Pulp Master Nisbets Deutschlanddebüt „Tödliche Injektion“ wiederveröffentlichen und danach weitere Nisbet-Bücher veröffentlichen.

Für Jim Nisbet ist „Pulp Master“-Macher Frank Nowatzki ein Geistesverwandter von Dennis McMillan: „Es sind diese kleinen Verleger, die das Geschäft am Laufen erhalten.“

Die bekannten Delikte von Jim Nisbet

The Gourmet, The Damned don’t die (1981)

Tödliche Injektion (Lethal Injection, 1987)

Death Puppet (1989)

Across the Tasman Sea (1997)

Prelude to a Scream (1997)

You Stiffed Me (1998)

The Price of the Ticket (2003)

The Syracuse Codex (2005)

Dunkler Gefährte (Dark Companion, 2006)

The Octopus On My Head (2007)

Windward Passage (2010)

A Moment of Doubt (2010, angekündigt)

Hinweise

Homepage von Jim Nisbet

Jim Nisbet in der Kriminalakte

Die Fotos von Jim Nisbet sind von Frank Nowatzki (Pulp Master). Auf dem dritten Fotos sind, von links nach rechts, Frank Nowatzki, Jim Nisbet und ich am Ende eines langen Tages.


Kleinkram

Juni 5, 2010

In den vergangenen Tagen hat sich einiges ansammelt. Daher ohne weitere Kommentare:

Die Juni-Ausgabe von The Big Thrill ist online mit Porträts (oft mit Interviews) von Janet Evanovich, Karin Slaughter, Tess Gerritsen, R. J. ElloryEric Van Lustbader (mit einem weiteren Jason-Bourne-Roman), Jon Land (Yep, der schreibt immer noch.), Scott Sigler, Alexandra Sokoloff, Cindy Gerard und James O. Born (über Joseph Wambaughs „Die Chorknaben“; Born ist noch nicht übersetzt. Aber er hatte hier schon einen denkwürdigen Auftritt als Buchkritiker.)

Nach den vielen thrillenden Mädels wurden Brett Battles und Dennis Lehane (über „Shutter Island“ und „Im Aufruhr jener Tage“)  in andere Verhörzimmer geführt.

Declan Burke (Crime always pays) schreibt über Jim Thompson und die neue Thompson-Verfilmung „The Killer inside me“:

Be warned that this is not one for the faint-hearted, as the violence has a perversely intimate quality to it that makes it utterly shocking. That said, as a crime thriller and a forensically telling psychological exploration of psychosis, The Killer Inside Me is a viscerally engaging experience. ****

Spielt James Bond, äh Daniel Craig in David Finchers Stieg-Larsson-Verfilmung „Verblendung“  die männliche Hauptrolle?

Das könnte wirklich etwas werden. Die ersten Bilder für die auf der Comicserie „The Walking Dead“ basierende TV-Serie sind online und sie sehen wirklich zombiemäßig aus.

„Walking Dead“-Drehbuchautor Robert Kirkman erzählt einiges über die Serie.

(Ich werd demnächst die Vorlage von Robert Kirkman ausführliche vorstellen.)

Wenn wir vom „Walking Dead“ reden, dürfen wir von Zombies nicht schweigen und zum Glück gibt es den auskunftwilligen Experten George A. Romero.

Das Wolfe Pack hat die Nominierungen für den diesjährigen Nero Award veröffentlicht:

The Fleet Street Murders, von Charles Finch
The Crack in the Lens, von Steve Hockensmith
Faces of the Gone, von Brad Parks

Der Gewinner wird Anfang Dezember bekannt gegeben.


Jim Nisbets kurzweiliger „Dunkler Gefährte“

März 3, 2010

Das ungewöhnlichste an Banerjhee Rolf ist sein Name. Denn seine Eltern kamen 1945 aus Indien in die USA. Der Rest strahlt die stockbiedere Normalität eines Mannes aus dem Mittelschicht aus. Er ist verheiratet, hat ein Haus (belastet mit einer Hypothek), der Sohn studiert in Chicago und er selbst wässert als Frührentner unter der kalifornischen Sonne seine Blumen.

Früher war er als Leiter der Qualitätskontrolle in einer Biotech-Firma ein wichtiger Mann, aber da wollte er vor allem als Wissenschaftler arbeiten und bei einer Umstrukturierung wurde seine Abteilung aufgelöst. Jetzt quält er sich mit seinen Schulden herum und züchtet Blumen. Zur Entspannung unterhält er sich über den Gartenzaun immer wieder mit seinem Nachbar Toby Pride, der anscheinend von seiner Ostküstenverwandschaft das Angebot bekommen hat, dass er sich nicht um Geld kümmern müsse, solange er an der Westküste bleibe. Rolf glaubt auch, dass Pride mit Drogen handelt. Aber das geht ihn nichts an, bis er sich zuerst von Pride breitschlagen lässt, ein Los zu kaufen und, als seine Frau für zwei Wochen zu ihrem Sohn fährt, er die Freundin von Pride vor ihrem wütendem Freund schützt. Schnell ist Prides Wut verraucht und sie machen es sich zu dritt in Prides Wohnung mit Drogen vor dem Fernseher gemütlich. Pride zeigt ihm begeistert die Sendungen eines Piratensenders.

Plötzlich stürmen zwei Männer hinein und beginnen auf sie zu schießen. Bei dem Schusswechsel sterben sie. Pride und seine Freundin werden tödlich verletzt und Rolf hat seinen ersten Mord begangen. Als ehrlicher Bürger will er natürlich sofort die Polizei anrufen, aber Pride hält ihn ab. Denn die Eindringlinge waren Polizisten und das ist noch nicht das schlimmste Geheimnis, das Pride ihm verrät. Rolf muss untertauchen.

Dunkler Gefährte“ ist bereits Jim Nisbets neunter Roman, sein zweites auf Deutsch erschienenes Werk und es wurde für den Hammett-Award, dem jährlichen Preis der nordamerikanischen Abteilung der International Association of Crime Writers, nominiert.

Es ist ein kleiner, feiner Noir über die Macht des Zufalls und wie ein, zwei kleine Ereignisse und eine Verkettung unglücklicher Umstände ein geregelt-langweiliges Leben vollkommen aus den geordneten Bahnen werfen können. Denn Banerjhee Rolf ist der falsche Mann zur falschen Zeit am falschen Ort.

Gleichzeitig porträtiert Jim Nisbet, wie in seinen früheren Romanen, nüchtern und ohne den polemischen Furor eines Michael Moore den US-amerikanischen Kapitalismus. In „Dunkler Gefährte“ rückt, vor allem in der ersten Hälfte, wenn Nisbet lakonisch von Rolfs Entlassung und seiner Suche nach einem neuen Job erzählt, der Umgang mit der Generation 50+ in den Vordergrund. Denn das Wissen von Rolf wird nicht gebraucht.

Vor zwanzig Jahren erschien in der ebenfalls von Frank Nowatzki herausgegebenen Black-Lizard-Reihe Nisbets zweiter Roman „Tödliche Injektion“ (Lethal Injection, 1987). In dieser Geschichte glaubt der alkoholabhängiger Gefängnisarzt Franklin Royce, dass der Afroamerikaner Bobby Mencken, dem er eben die Todesspritze verpasst hat, unschuldig war. Er will herausfinden, für wen Mencken in den Tod ging, und er besucht in den Slums von Dallas Menckens frühere Freunde.

Mit „Tödliche Injektion“ begibt Jim Nisbet sich sehr gelungen in einen alptraumhaften und hoffnungslosen Kosmos, der anscheinend von Cornell Woolrich ausgeborgt wurde. Woody Haut hält „Tödliche Injektion“ in seinem Buch „Neon Noir“ für „one of the best novels Jim Thompson never wrote“.

Für die anderen Nisbet-Romane sind dann Englischkenntnisse unerlässlich.

Jim Nisbet: Dunkler Gefährte

(übersetzt von Frank Nowatzki und Angelika Müller)

pulp master, 2010

192 Seiten

12,80 Euro

Originalausgabe

Dark Companion

Dennis McMillan Publications, 2006

Hinweise

Homepage von Jim Nisbet

Fantastic Fiction über Jim Nisbet

The Writers‘ Block: Jim Nisbet liest seine Kurzgeschichte „Weight less than Shadow“ (aus „San Francisco Noir“, 20 Minuten)

Die zweite Meinung:


Kleinkram

Januar 28, 2010

BSC hat sich mit Charlie Huston unterhalten (Teil 1, Teil 2).

Die erste Ausgabe von Crime Factory ist online. 108 Seiten mit Texten von Ken Bruen, Scott Phillips, Adrian McKinty, Dave White und vielen Besprechungen.

Auf dem Sundance Festival wurde die Verfilmung von Daniel Woodrells „Winters Bone“ gezeigt und die ersten Kritiken (zum Beispiel von Filmdrunk) sind euphorisch. Bei Crimespree Cinema gibt es auch etwas für’s Auge.

Der Film läuft demnächst auf der Berlinale im Forum.

Das Programm der Berlinale ist langsam komplett. Im Wettbewerb laufen unter anderem:

Submarino (Dänemark) von Thomas Vinterberg (nach dem Roman von Jonas T. Bengtsson)
The Killer Inside Me (USA/Großbritannien) von Michael Winterbottom (nach dem Roman von Jim Thompson)
Im Forum unter anderem

Winter’s Bone von Debra Granik (nach dem Roman von Daniel Woodrell)

Im Angesicht des Verbrechens von Dominik Graf

Im Rap Sheet gibt es zwei Nachschläge zu Robert B. Parker: Autoren und Kritiker sagen, was Parker für sie bedeutete (eins, zwei).

Robert Crais: There has always been a “Big Three” in American detective fiction–Chandler, Hammett, and Macdonald. Now there is a “Big Four,” and deservedly so. Robert B. Parker influenced a generation of writers. His contributions will continue to influence the coming generations. A tragic and terrible loss.

Vintage Hardboiled Reads ist nach einer langen Pause wieder zurück.


TV-Tipp für den 27. Dezember: Getaway; Bring mir den Kopf von Alfredo Garcia

Dezember 27, 2009

ARD, 23.30

Getaway (USA 1972, R.: Sam Peckinpah)

Drehbuch: Walter Hill

LV: Jim Thompson: Getaway, 1958 (Getaway)

Auf Wunsch des korrupten Politikers Jack Benyon wird Doc McCoy vorzeitig aus der Haft entlassen. Er soll eine Bank ausrauben. Der Überfall gelingt, aber danach geht alles schief.

Die gelungene und kommerziell sehr erfolgreiche Verfilmung des Krimis, mit Steve McQueen und Ali MacGraw – obwohl das letzte Drittel des Buches fehlt. Und das ist noch nicht alles, wie der französische Regisseur Alain Corneau meint: „Im Gegensatz zu Hammett und Chandler sind die Amerikaner nicht dazu in der Lage, Thompson zu verfilmen. Nehmen wir zum Beispiel Getaway. Die Figuren werden für die Verfilmung um 180 Grad gedreht, das Buch um mindestens ein Drittel gekürzt. Die Personen und das Thema des Romans wurden an die Seite gedrängt. Doc McCoy ist im Buch ein viel düsterer Charakter als Steve McQueen, und die philosophischen Dimensionen gingen völlig verloren.“ – Trotzdem ist „Getaway“ ein kalter, düsterer und amoralischer Film.

Mit Steve McQueen, Ali MacGraw, Ben Johnson, Al Lettieri, Slim Pickens, Bo Hopkins

ARD, 01.35

Bring mir den Kopf von Alfredo Garcia (USA 1974, R.: Sam Peckinpah)

Drehbuch: Gordon Dawson, Sam Peckinpah (nach einer Story von Frank Kowalski und Sam Peckinpah)

Der mehr als abgehalfterte Barpianist Benjamin wittert seine große Chance. Denn auf den Kopf von Alfredo Garcia ist eine hohe Belohnung ausgesetzt. Und Benjamin weiß, wo Alfredos Kopf ist.

Wie eine klassische griechische Tragödie rollt das Filmdrama vor dem Zuschauer ab, mit allen Momenten und Zutaten des klassischen Genres. In einem hermetisch geschlossenen Zirkel, aus dem es keinen Ausweg gibt, zeugt Gewalt fortzeugend Gewalt…Dennoch wird man sagen dürfen, dass – sicher im Gegensatz zu unendlich vielen anderen Action-Filmen – hier die Gewalt in einem eindeutig kritischen, und zwar politisch-kritischen Rahmen dargestellt und präsentiert wird. Peckinpah zeigt einen Staat, in dem statt der Gesetze das Recht des Stärkeren regiert, statt des Rechtes die Faust, statt der Pistole die Maschinenpistole.“ (Film-Dienst)

Mit Warren Oates, Isela Vega, Gig Young, Kris Kristofferson

Wiederholung: RBB, Dienstag, 29. Dezember, 23.35 Uhr

Weitere Peckinpah-Filme

Sacramento: ARD, Dienstag, 29. Dezember, 01.45 Uhr (Taggenau!)

Die Killer-Elite: ARD, Mittwoch, 30. Dezember, 01.50 Uhr (Taggenau!)

Pat Garrett jagt Billy the Kid: ARD, 30. Dezember, 23.55 Uhr


Die Turner-Trilogie von James Sallis

September 18, 2009

Sallis - Dunkle SchuldSallis - What you have left

Das erste Mal begegnen wir Turner (wie Spenser und Parker: kein Vorname) auf der Veranda seiner einsam gelegenen Hütte irgendwo im Hinterland von Memphis. Ein Mann kommt zu ihn. Bis jetzt hat er noch nicht die Zeit für einen Besuch bei dem Zugezogenen Turner gehabt. Sie sitzen zusammen, trinken, schweigen. Richtige, gemütliche Südstaatenatmosphäre; – bis Turner seinen Besucher fragt: „Kann ich irgendetwas für Sie tun, Sheriff?“ Dieser antwortet; „Um die Wahrheit zu sagen, ich hatte irgendwie gehofft, Sie überreden zu können, mir zu helfen. Bei einem Mord.“

Denn der Erzähler Turner ist ein ehemaliger Polizist. Er war auch ein Sträfling und Psychotherapeut.

Alles, was ich wollte, war, in Ruhe gelassen zu werden, und ich hatte enorme Schritte unternommen, um genau das sicherzustellen. Selten hatte ich mich beim Herumstreunen weit von der Hütte entfernt, hatte mir die Lebensmittel monatlich liefern lassen. Das letzte, was ich wollte, war, noch einmal Teil einer Ermittlung zu sein, im Leben anderer Leute herumwühlen, in ihrem Schlamassel und Fehlverhalten, im Irrsinn anderer Menschen, anderer Seelen“, erzählt Turner uns am Anfang von „Dunkle Schuld“.

Dass dieser Wunsch seines Ich-Erzählers nicht funktioniert, zeigt James Sallis in seinen drei literarisch beeindruckenden Turner-Romanen „Dunkle Schuld“ (Cypress Grove), „Cripple Creek“ und „Salt River“. Von Roman zu Roman kehrt Turner immer mehr zurück in die Gesellschaft. Im ersten Band freundet er sich mit dem Sheriff Lonnie Bates und dem Personal der kleinen Polizeistation an und verliebt sich in die Anwältin Valerie ‚Val‘ Bjorn. Im zweiten Band „Cripple Creek“ arbeitet er als Sheriff, seine Tochter taucht auf, wird seine Vorgesetzte und Val wird am Ende des Buches erschossen.

In „Salt River“ versucht Turner trotz dieses Verlustes weiterzuleben. Denn: „Sometimes you just have to see how much music you can make with what you have left. (…) I’m not sure how much I have left either. (…) As for me, I think maybe I’ve seen a few too many people die, witnessed too much unbearable sadness that still had somehow to be borne. I remember Tracy Caulding up in Memphis telling me about a science fiction story where these immortals would every century or so swim across a pool that relieved them of their memories, then they could go on. I wanted to swim in that pool.“

Aber die Erinnerungen lassen Turner nicht los. In „Dunkle Schuld“ springt James Sallis dabei kapitelweise von den aktuellen Ermittlungen in die Vergangenheit von Turner. Aufgrund dieser Struktur, in der auf den ersten Blick der Moloch Großstadt dem heilen Landleben gebenübergestellt wird, liest sich „Dunkle Schuld“ weniger wie ein stringend geplotteter Roman, sondern eher wie eine Sammlung von thematisch miteinander verknüpften Kurzgeschichten.

In „Dunkle Schuld“ wurde ein Obdachloser ermordet. Turner und Sheriff Bates finden heraus, dass er die Post vom Bürgermeister geklaut hat und es gibt eine Spur in die Welt der obskuren Filme die mit dem Aufkommen des Fernsehens verschwand.

Sallis, der alt genug ist, um einige dieser Z-Movies noch in einigen Provinz- und Autokinos gesehen zu haben, formuliert in „Dunkle Schuld“ eine kleine Liebeserklärung an diese untergegangene Welt. Weil James Sallis selbst ein Musiker ist, formuliert er in „Dunkle Schuld“ eine zaghafte Liebeserklärung an die Bluegrass-Music. In „Cripple Creek“ und „Salt River“ wird für Turner die Musik immer wichtiger. Und natürlich gibt es zahlreiche literarische Anspielungen. Wenn zum Beispiel am Stadteingang auf einem Schild „Pop. 1280“ steht, dann ist das ein deutlicher Hinweis auf den gleichnamigen Roman von Jim Thompson, den Noir und die Pulps.

Neben der Rückkehr seines Helden vom Eremitenorden zurück in die Gemeinschaft (auch wenn diese Gemeinschaft nur ein kleines Kaff ist, aus dem die Jungen flüchten) lässt James Sallis die Genrekonventionen immer mehr hinter sich. Während Turner wissen möchte, wie er nach all dem Leid, das er gesehen und erlebt hat, noch als soziales Individuum leben kann, will Sallis herausfinden, wie sehr er die Genrekonventionen dehnen kann ohne sie zu brechen.

In „Cripple Creek“ wird bei einer normalen Verkehrskontrolle ein Mann mit 200.000 Dollar erwischt. Als er gewaltsam aus dem Landgefängnis befreit wird, muss Turner zurück nach Memphis, der Stadt, in der er Polizist war, gehen.

In „Salt River“ kehrt der Sohn des Sheriffs überraschend zurück und fährt mit seinem Auto in den Eingang der City Hall. Und Eldon Brown, der mit Val als Musiker durch das Land touren wollte, kehrt ebenso überraschend zurück. Er soll einen Mord begangen haben, an den er sich nicht erinnert. Turner versucht ihm zu helfen.

Dabei entfernen sich „Cripple Creek“ und „Salt River“ so weit vom Genre, dass viele die Bücher kaum noch als Krimis einsortieren werden. Denn nachdem schon in „Dunkle Schuld“ der Krimiplot nebensächlich war, ist er in „Cripple Creek“ und „Salt River“ eigentlich nicht mehr vorhanden. Es sind in erster Linie Porträts eines Charakters und seiner pessimistisch-desillusionierten Weltsicht. Diese wird von James Sallis in knappen Sätzen skizziert. Wie ein Musiker, der sich mit zunehmendem Alter, nur noch die wichtigen Noten spielt, verknappt James Sallis seine Geschichten immer mehr. Im Original hat „Cypress Groove“ 255 Seiten, „Cripple Creek“ 192 Seiten und „Salt River“ 146 Seiten.

James Sallis erzählte mir in einem Interview, dass er das Buch immer mehr verkürzt hatte und irgendwann befürchtete, dass am Ende nichts mehr übrig bliebe.

Zum Glück hat er vorher aufgehört.

James Sallis: Dunkle Schuld

(übersetzt von Jürgen Bürger)

Heyne, 2009

304 Seiten

8,95 Euro

Originalausgabe

James Sallis: Cypress Grove

Walker & Company, 2003

272 Seiten

James Sallis: Cripple Creek

Walker & Company, 2006

208 Seiten

James Sallis: Salt River

Walker & Company, 2007

160 Seiten

Gesamtausgabe der Turner-Trilogie (Cypress Grove, Cripple Creek, Salt River) 2009 als „What you have left“

Hinweise

Homepage von James Sallis

Thrilling Detective über Turner

Eindrücke vom Berlin-Besuch von James Sallis

Meine ‚Besprechung‘ von James Sallis‘ „Deine Augen hat der Tod“ (Death will have your eyes, 1997)

Meine Besprechung von James Sallis‘ „Driver“ (Drive, 2005)


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