Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: Zur neuesten Verfilmung von Jack Londons „Ruf der Wildnis“

Februar 20, 2020

Brauchen wir wirklich noch eine Verfilmung von Jack Londons „Ruf der Wildnis“? Auch wenn dieses Mal Harrison Ford mitspielt?

Nun, in jedem Fall schadet es nicht, wenn Indiana Jones sich um einen Hund kümmert. Auch wenn die von ihm gespielte Figur, wie im Roman, erst in der zweiten Hälfte der Geschichte wichtig wird. Davor hat er nur zwei sehr kurze Auftritte, die vor allem die Funktion einer Ankündigung erfüllen und so seinen späteren Auftritt nicht zu einer aus heiterem Himmel kommenden Überraschung machen,

Im Mittelpunkt der Geschichte steht Buck, ein riesiger Mischling aus Bernhardiner und Schäferhund, der glücklich im herrschaftlichen Anwesen von Richter Miller im sonnigen Kalifornien lebt. Eines Tages wird er von einem Hunderäuber entführt und nach Norden verschifft. 1896 wurde am Klondike Gold gefunden. Jetzt sind alle Glücksjäger (zu denen auch Jack London gehörte) auf dem Weg zu den sagenhaften Goldschätzen.

Die ersten neuen Besitzer von Buck sind Perrault (Omar Sy) und Francois (im Roman ein Halbblut, im Film Francoise [Cara Gee]). In dem Rudel der Post-Schlittenhunde erkämpft Buck sich schnell seinen Platz. In diesen Tagen erwacht, dem titelgebendem Ruf der Wildnis folgend, auch langsam Bucks wahres Wesen.

Als die Postlinie eingestellt wird, erhält Buck neue Besitzer. Dieses Mal handelt es sich um drei Goldsucher, zwei Männer, eine Frau (Dan Stevens, Colin Woodell und Karen Gillan), die von überwältigender Arroganz und Dummheit sind.

Dritter und letzter Besitzer von Buck wird John Thornton (Harrison Ford), der ihn wie ein gleichberechtigtes Wesen behandelt. Gemeinsam machen sie sich auf den Weg in noch nicht auf der Landkarte verzeichnete Gebiete des Yukon Territoriums.

Regisseur Chris Sanders legt mit Ruf nach der Wildnis“ nach Animationsfilmen wie „Drachenzähmen“ leichtgemacht und „Die Croods“ sein insgesamt überzeugendes Realfilmdebüt vor. Er und Autor Michael Green („Mord im Orientexpress“) folgen der Geschichte von Jack London. Für den Film dramatisieren und disneyfizieren sie sie. Die Dramatisierungen sind, obwohl „Ruf der Wildnis“ immer noch ein Episodendrama ist, das Bucks Geschichte vom verantwortungslosen Haushund zum Führer einer Wolfsrudels macht, notwendig, um eine stringente Geschichte zu erzählen. Die Disneyfizierung ist vor allem dem Zielpublikum geschuldet. „Ruf der Wildnis“ ist ein Kinderfilm, der zeigt, wie Menschen zu besseren Menschen werden, weil sie Buck begegnen. Gleichzeitig entdeckt Buck sein wahres Ich. Er wird zu einem Tier, das Verantwortung übernimmt für andere Tiere und Menschen und auch für sie kämpft.

Londons Roman, geschrieben im Duktus der damaligen Zeit und für ein erwachsenes Publikum, ist dagegen oft sehr hart und darwinistisch: „Buck war gnadenlos. (…) Man musste herrschen oder sich beherrschen lassen; und Gnade zu zeigen, war eine Schwäche. Gnade existierte im urwüchsigen Leben nicht. Sie wurde als Furcht missverstanden, und solche Missverständnisse führten zum Tod. Töten oder getötet werden, fressen oder gefressen werden, das war das Gesetz; und er gehorchte diesem Gebot aus der Tiefe der Zeiten.“

Im Film gibt es, was jetzt Erwachsene wahrscheinlich mehr stört als Kinder, einen wahren CGI-Overkill. Viele Landschaften, Hintergründe und eigentlich alle Tiere sind digital animiert. Und hier sehen die digital animierten Tiere immer etwas künstlich aus. Sie basieren auf Aufnahmen realer Tiere und Menschen, die Tiere spielen. So war Terry Notary, ein früherer Artist des Cirque du Soleil, die Live Action Reference Performance für Buck und der Spielpartner von Harrison Ford. Die Kamera ist immer wieder an Positionen und macht Bewegungen, die in der Realität für eine Kamera nicht möglich wären. Es gibt Bilder von Tieren, die eine Kamera in der Realität so niemals einfangen könnte. Buck tut Dinge, die ein echter Hund niemals tun würde. Und die Tiergesichter, vor allem natürlich Buck, können niemals ihre Herkunft aus dem Computerlabor verhehlen können. Dafür sind sie teils zu künstlich, teils zu menschlich.

Für Kinder ist Chris Sanders‘ „Ruf der Wildnis“ ein gelungener Abenteuerfilm mit einem liebenswertem Hund, guten und weniger guten Menschen und einigen schönen Landschaftsaufnahmen.

Ruf der Wildnis (The Call of the Wild, USA 2020)

Regie: Chris Sanders

Drehbuch: Michael Green

LV: Jack London: The Call of the Wild, 1903 (Der Ruf der Wildnis)

mit Harrison Ford, Omar Sy, Dan Stevens, Karen Gillan, Bradley Whitford, Colin Woodell, Cara Gee, Michael Horse, Jean Louisa Kelly, Adam Fergus, Abraham Benrubi, Terry Notary

Länge: 100 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Die Vorlage

erscheint zum Filmstart mit einem neuen Cover. Es handelt sich um die sehr gelungene Neuübersetzung von Lutz-W. Wolff, der den Roman um ein informatives Nachwort, Anmerkungen und eine Zeittafel ergänzte.

Jack London: Ruf der Wildnis

(übersetzt von Lutz-W. Wolff)

dtv, 2020 (Filmausgabe)

160 Seiten

9,90 Euro

Erstausgabe der Neuübersetzung

dtv, 2013

Originalausgabe

The Call of the Wild

Macmillan, 1903

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Ruf der Wildnis“

Metacritic über „Ruf der Wildnis“

Rotten Tomatoes über „Ruf der Wildnis“

Wikipedia über „Ruf der Wildnis“ 


DVD-Kritik: Pierce Brosnan ist „Hacked“

Januar 25, 2017

Dass Selfmade-Millionär Mike Regan (Pierce Brosnan) einen gewaltigen Fehler begeht, als er den 28-jährigen IT-Praktikanten Ed Porter (James Frecheville) bittet, nach dem WLAN in seinem Haus zu gucken, wissen erfahrene Thriller-Fans. Denn selbstverständlich optimiert Porter auch gleich noch den Rest des Smart Homes. Danach kann er die Regans heimlich beobachten. Ebenso selbstverständlich hält Porter die Einladung von Regan zu einem Bier für den Beginn einer großen Freundschaft. Er nähert sich auch Regans 17-jähriger Tochter.

Als Regan ihm dann sehr unmissverständlich die Tür weist, beginnt Porter das Leben der Regans auf den Kopf zu stellen. Beginnend mit falschen Anschuldigungen bei der US-Börsenaufsichtsbehörde, die Regans Firma „Regan Aviation“ in den Ruin treiben könnten.

Irgendeinen Innovationspokal wird „Hacked – Kein Leben ist sicher“ nicht erhalten. Dafür verläuft die von Dan Kay („Timber Falls“) und William Wisher („Terminator 2“, „Judge Dredd“) geschriebene Geschichte dann doch zu sehr in den gewohnten Bahnen. Daran ändern auch zeitgemäße Updates, wie Regans Smart Home mit all seinen Möglichkeiten zu einer Verletzung seiner Privatsphäre oder ein kleiner Zugriff auf Regans fahrendes Auto, nichts. Am Ende geht es, wie schon im Wilden Westen, um den mit bloßen Händen ausgetragenen Kampf von Mann gegen Mann. „Max Payne“- und „Stirb langsam – Ein guter Tag zum Sterben“-Regisseur John Moore, der dieses Mal auf ein größeres Budget und dadurch mögliche Zerstörungsorgien verzichten musste, inszeniert unauffällig und die Stars – neben Brosnan und Frecheville sind Anna Friel und Michael Nyqvist dabei – fallen nicht weiter auf.

Hacked“ ist halt der professionell gemachte verhängnisvolle Affäre des Monats, dieses Mal mit etwas Computervoodoo abgeschmeckt.

Das ebenso unauffällige Bonusmaterial der DVD besteht aus einem knapp achtiminütigem Making-of und einer fast siebzehnminütigen, selbstablaufenden, stummen Bildergalerie mit Filmbildern.

hacked-dvd-cover

Hacked – Kein Leben ist sicher (I. T., USA/Frankreich/Irland/Dänemark 2016)

Regie: John Moore

Drehbuch: Dan Kay, William Wisher (nach einer Geschichte von Dan Kay)

mit Pierce Brosnan, James Frecheville, Anna Friel, Michael Nyqvist, Stefanie Scott, Adam Fergus, Jason Barry

DVD

Koch Media

Bild: 2.35:1 (16:9)

Ton: Deutsch (Dolby Digital 5.1, Dolby Digital 2.0 [TV-Mix]), Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Hinter den Kulissen, Deutscher und Originaltrailer, Bildergalerie

Länge: 91 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Hacked“

Metacritic über „Hacked“

Rotten Tomatoes über „Hacked“

Wikipedia über „Hacked“

Meine Besprechung von John Moores „Stirb langsam – Ein guter Tag zum Sterben (A good day to die hard, USA 2012)


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