Neu im Kino/Filmkritik: „Berlin Alexanderplatz“, jetzt in der Gegenwart

Juli 17, 2020

Alfred Döblins Roman „Berlin Alexanderplatz“ ist ein Literaturklassiker. Die Verfilmung von 1931 mit Heinrich George als Franz Biberkopf ist inzwischen ziemlich vergessen, soll aber gut sein. Rainer Werner Fassbinders Fernsehserie ist ein wuchtiger Klassiker. Beide Verfilmungen spielen, wie Döblins Roman, in den Zwanziger Jahren und sie sind Milieustudien des Lumpenproletariats, wie man damals die ganz armen, von der Gesellschaft nicht beachteten Menschen nannte.

Burhan Qurbani verlegte jetzt Döblins Roman in die Gegenwart und machte aus Döblins Franz Biberkopf, der wegen Totschlags vier Jahre im Gefängnis saß, einen aus Afrika kommenden Flüchtling.

Dieser Francis (Welket Bungué), der später Franz genannt wird, kommt bei seiner Flucht aus Guinea-Bissau über das Mittelmeer mit letzter Kraft in Europa an. Am Ufer schwört er, ab jetzt ein guter und anständiger Mensch zu sein.

In Berlin lebt er in einem Flüchtlingsheim und arbeitet auf einer Baustelle als Schwarzarbeiter. Durch eine Verkettung unglücklicher Umstände verliert er diese Arbeit. Er lernt den kleinen Drogenhändler Reinhold (Albrecht Schuch), der ihn ins kriminelle Milieu einführt, und später die Prostituierte Mieze (Jella Haase) kennen. Zwischen Francis und Mieze entwickelt sich eine Liebesbeziehung, die Reinhold nicht tolerieren will.

Der Film feierte auf der Berlinale seine Premiere, die meisten deutschsprachigen Kritiken sind überschwänglich, bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises erhielt „Berlin Alexanderplatz“ fünf Lolas (Bester Spielfilm, Beste männliche Nebenrolle, Beste Kamera, Beste Musik, Bestes Szenenbild) – und ich frage mich immer noch wieso.

Qurbani erzählt Francis‘ Leidensgeschichte über drei Stunden in einer schlichten, chronologischen Und-dann-Struktur, die nichts von der Experimentierlust der Buchvorlage – einem Klassiker der Moderne – spüren lässt.

Die gewählte Neo-Noir-Optik sieht zwar schick aus, ist aber schon seit Jahrzehnten ein etabliertes Stilmittel. Das im Film gezeigte Berlin (bzw. die Orte Berlin, Stuttgart und Köln, an denen Außenaufnahmen entstanden) und die Innenräume wirken so betont künstlich. In „Berlin Alexanderplatz“ wird nicht das heutige Berlin und auch kein wiedererkennbares Berlin gezeigt. Es ist eine neonbunte Fantasiestadt mit dann doch recht eindimensionalen Figuren. Sie sind mehr Chiffren als ausformulierte Charaktere.

Bei einem Film, der sich „Berlin Alexanderplatz“ nennt, auf einem Romanklassiker, der eine Milieustudie ist, basiert und mit der Wahl seines Protagonisten eindeutig ein Kommentar zur Gegenwart sein will, wirkt das schon etwas befremdlich. Über die Gegenwart und damit das Leben von Flüchtlingen, mit und ohne legalem Aufenthaltsstatus, in Berlin, erfahren wir fast nichts.

Mein größtes Problem bei „Berlin Alexanderplatz“ liegt daher in der Story und in der Diskrepanz zwischen behaupteter und echter Botschaft. In Döblins Roman geht es um einen Ex-Sträfling, der ehrlich bleiben will und von den Umständen auf die Probe gestellt wird: „Der Mann hat vor, anständig zu sein, da stellt ihm das Leben hinterlistig ein Bein.“ (Klappentext der Erstausgabe von „Berlin Alexanderplatz).

In Qurbanis Film soll es auch um diese These, nämlich dass die Gesellschaft den Protagonisten zum Verbrechertum zwingt, gehen. Oder in den Worten des Films: „Anständig wollte Franz sein, doch dem Leben gefiel das nicht.“

Die Geschichte von Francis erzählt in fünf Teilen und einem Epilog das Gegenteil. Denn Francis schlägt mehr oder weniger deutlich alle Angebote für ein ehrliches Leben aus. Er schlägt ehrliche Angebote zur Hilfe aus. Er hält sich nicht an Regeln. Er nimmt freiwillig immer wieder illegale Jobs an. Als Schwarzarbeiter auf dem Bau. Als Drogendealer in der Hasenheide. Niemand zwingt ihn dazu. Es ist immer seine freie Entscheidung. Der Film erzählt, dass Franz anständig sein wollte, doch ihm gefiel das nicht.

Das wird, angemessen bedeutungsschwanger, als „ein Passionsspiel vom Opfer und der Erlösung“ (Qurbani) erzählt.

Um nicht falsch verstanden zu werden: „Berlin Alexanderplatz“ ist kein wirklich schlechter Film, aber es ist ein überbewerteter, mit drei Stunden zu lang geratener Film.

Berlin Alexanderplatz (Deutschland 2020)

Regie: Burhan Qurbani

Drehbuch: Burhan Qurbani, Martin Behnke

LV: Alexander Döblin: Berlin Alexanderplatz, 1929

mit Welket Bungué, Jella Haase, Albrecht Schuch, Joachim Król, Annabelle Mandeng, Nils Verkooijen

Länge: 183 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Berlin Alexanderplatz“

Moviepilot über „Berlin Alexanderplatz“

Rotten Tomatoes über „Berlin Alexanderplatz“ (mit aktuell 20 Prozent doch etwas unterbewertet)

Wikipedia über „Berlin Alexanderplatz“

Berlinale über „Berlin Alexanderplatz“


Neu im Kino/Filmkritik: „Systemsprenger“, von Wutausbruch zu Wutausbruch

September 20, 2019

German Films, die Auslandsvertretung des deutschen Films, schickt „Systemsprenger“ ins Rennen um den Auslandsoscar. Bis zur Verleihung sind noch einige Hürden zu nehmen, aber von den Filmen, die in der Vorauswahl waren und die ich kenne (ich kenne nicht alle), ist „Systemsprenger“ mit Abstand die beste Wahl.

Nora Fingscheidt erzählt in ihrem Debütfilm die Geschichte von Benni. Einem neunjährigen Mädchen, das sich mit allen Sozialarbeitern anlegt und durch die Netze des Systems fällt. Sie ist ein sogenannter ‚Systemsprenger‘. Keine Hilfeeinrichtung, keine Maßnahme verfängt bei ihr.

Trotzdem versucht Frau Bafané, ihre Sozialarbeiterin, weiter, den Kreislauf zu durchbrechen, in dem Benni in eine Wohngruppe kommt, einen Tobsuchtsanfall hat, bei dem sie andere Kinder verletzt und Gegenstände zerstört werden, und dann, zum Schutz der Gruppe, aus der Gruppe entfernt wird. Danach muss Frau Bafané einen neuen Ort für Bennie suchen.

Fingscheidt erzählt Bennis Odyssee durch das deutsche Hilfesystem immer nah an ihrer Protagonistin Benni, die von Helena Zengel verkörpert wird. Im Bruchteil einer Sekunde wird sie von einem netten Mädchen zu einem den Saal zusammenschreiendem Monstrum. Und sie flippt oft aus. Denn immer wenn etwas nicht so ist, wie sie es gerne hätte, bekommt sie einen Wutanfall. Als Zuschauer entwickelt man schnell eine regelrechte Angstlust. Einerseits fürchtet man sich vor ihrem nächsten Wutausbruch und den Folgen, den dieser für sie hat. Denn jeder Wutausbruch bringt sie weiter von einer dauerhaft-sicheren Umgebung, in der sie sich normal entwickeln kann, weg. Andererseits erwartet man ihn. Denn er wird kommen. Die Frage ist dabei nie ‚ob‘, sondern nur ‚wann‘. Und welche Folgen ihr Schrei nach Liebe hat.

Dieser Kreislauf und die vielen Versuche, Benni daraus zu befreien, ohne ihre Freiheit über Gebühr einzuschränken und ohne sie in einer geschlossenen Psychiatrie ruhigzustellen, zeigt „Systemsprenger“ ohne einseitige Schuldzuweisungen oder Glorifizierungen. Die Sozialarbeiter im Film sind Menschen, die Benni helfen wollen, aber an ihre persönlichen und fachlichen Grenzen stoßen. Das gilt vor allem für Frau Bafané und Michael Heller. Er ist Anti-Gewalt-Trainer für straffällige Jugendliche. Mit Benni führt er in intensiver Einzelbetreuung einen dreiwöchigen Aufenthalt in einer einsam gelegenen Hütte durch.

Sie sind für Benni Bezugspersonen, die aber immer auf die nötige professionelle Distanz achten und Grenzen ziehen müssen. Außerdem sind sie nicht Bennis Mutter. Benni wäre zwar gerne bei ihr, aber sie ist als Erzieherin vollkommen überfordert.

Systemsprenger“ ist in jeder Sekunde pulsierend, frisch, kompromisslos und, gleichzeitig, emotional und analytisch. Er stellt Fragen, ohne eine Lösung zu haben. Das ist junges deutsches Kino, wie man es viel zu selten sieht. Bitte mehr davon!

Und wenn es in einem halben Jahr mit dem Oscar nicht klappt (was erwartungstechnisch für Fingscheidts nächsten Film vielleicht nicht schlecht wäre), sollte ein Produzent ihr unbedingt schnell das Geld für ihren nächsten Film geben.

Systemsprenger (Deutschland 2019)

Regie: Nora Fingscheidt

Drehbuch: Nora Fingscheidt

mit Helena Zengel, Albrecht Schuch, Gabriela Maria Schmeide, Lisa Hagmeister, Melanie Straub, Victoria Trauttmansdorff, Maryam Zaree, Tedros Teclebrhan

Länge: 125 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Systemsprenger“

Moviepilot über „Systemsprenger“

Rotten Tomatoes über „Systemsprenger“

Wikipedia über „Systemsprenger“

Berlinale über „Systemsprenger“


Neu im Kino/Filmkritik: „Atlas“ Rainer Bock trägt schwer an seiner Last

April 26, 2019

Einer muss den Job ja machen: Möbel schleppen. Mal weil die Mieter ausziehen wollen, mal weil sie verstorben sind und mal, weil sie raussaniert werden. Walter Scholl (Rainer Bock) ist so ein Möbelpacker. Ein schweigsamer, älterer Mann, der immer noch für zwei Männer schleppen kann. Gewissensbisse hat er nicht. Bei den Räumungen werden sie schließlich von einem Gerichtsvollzieher begleitet, der bestätigt, dass alles nach Recht und Gesetz vor sich geht. Dass dafür die Gesetze gedehnt werden, ist ihm egal. Auch dass bei der aktuellen Räumung der Mieter die Wohnung nicht verlassen will, sie filmt (gut, da verbirgt Walter sein Gesicht ein wenig), mit der Polizei droht und einem Schreiben wedelt, das die geplante Räumung verhindert, gehört zum unerfreulichen Räumungsalltag.

Bei dieser Räumung glaubt Walter allerdings, dass der erboste Mieter Jan Haller (Albrecht Schuch) sein Sohn ist, den er seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen hat. Vor dreißig Jahren hat er seine Frau und seinen Sohn verlassen, seine Identität gewechselt und ist seitdem untergetaucht. Seitdem lebt er lebt das perfekte unauffällige Leben. Den Grund enthüllt David Nawrath in seinem Kinodebüt „Atlas“ erst spät und er überzeugt nicht.

Und warum Walter in einem dreißigjährigen Mann seinen Sohn erkennen will, wird auch nie plausibel erklärt. Schließlich sieht ein Mittdreißiger anders aus als ein Kind.

Diese Drehbuchschwächen fallen vor allem deshalb auf, weil die Geschichte, trotz einiger pathetischer Momente, erfreulich unlarmoyant und ohne den üblichen Sozialkitsch deutscher Produktionen erzählt wird.

Außerdem spricht Nawrath das wichtige Thema Gentrifizierung an. In den Großstädten stiegen in den letzten Jahren die Mieten so stark an, dass inzwischen über Wohnungsbau, Mietendeckel und Enteignungen diskutiert wird. In Berlin läuft gerade das sehr erfolgreiche Volksbegehren „Deutsche Wohnen & Co enteignen“.

Nawrath beschreibt, wie Mieter vertrieben werden und Geschäftemacher mit Wohnraum viel Geld verdienen. In „Atlas“ ist es der Afsari-Klan, der, vertreten durch ein Familienmitglied in der Räumungsfirma, besonders brachial auftritt. In der Realität sind es oft international verschachtelte Gesellschaften, die durch wohlsituierte Anzugträger und Anwälte repräsentiert werden.

Vor diesem Hintergrund spielt sich die Vater-Sohn-Geschichte ab. Zuerst beobachtet Walter Jan, der wirklich sein Sohn ist. Später hilft er ihm, als dieser nachts von bestellten Schlägern überfallen wird. In dem Moment verlässt Walter endgültig sein zurückgezogenes Leben. Er wird vom scheinbar teilnahmslosen Beobachter zum Handelnden. Und er wird, auch weil Jan ihn zu einem Abendessen bei ihm, seiner Frau und seinem Sohn einlädt, gezwungen, über sein bisheriges Leben nachzudenken.

Weil Walter ein allein lebender, schweigsamer Eigenbrötler ist, geschieht dies vor allem über Walters Handlungen und Rainer Bocks Spiel. Für Bock, der vom Theater kommt, erst spät zum Film kam, seitdem in zahlreichen Nebenrollen, auch in internationalen Produktion wie Steven Spielbergs „Gefährten“, Anton Corbijns „A most wanted man“ und Patty Jenkins‘ „Wonder Woman“, überzeugte, ist die Rolle von Walter die erste Hauptrolle. Er stemmt den Film, unterstützt von einer Riege deutscher Schauspieler, die ebenfalls als zuverlässige Nebendarsteller bekannt sind.

Atlas“ ist ein stilvoller deutscher Noir, der von den guten Schauspielern und der präzisen Regie über die, zugegeben, wenigen Probleme des Drehbuchs, getragen wird.

Atlas (Deutschland 2018)

Regie: David Nawrath

Drehbuch: David Nawrath, Paul Salisbury

mit Rainer Bock, Albrecht Schuch, Thorsten Merten, Uwe Preuss, Roman Kanonik, Nina Gummich

Länge: 100 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Atlas“

Moviepilot über „Atlas“

 


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