DVD-Kritik: „Moonlight“ – ein kleiner Film von Barry Jenkins, ein großer Oscar-Gewinner

August 28, 2017

Zum Kinostart schrieb ich, noch unter dem Eindruck der Oscar-Nacht, über „Moonlight“:

Als in der Oscar-Nacht der Gewinner für den „Besten Film des Jahres“ verkündet wurde, war niemand ernsthaft überrascht. Selbstverständlich war es „La La Land“. Bis kurz darauf, noch während der Dankesrede, der richtige Gewinner verkündet wurde: „Moonlight“. Ein Drama über einen afroamerikanischen Drogendealer im heutigen Florida. Ein wichtiger Film, der bereits etliche Preise gewann, aber auch ein sperriges Stück Kino ist, das einen gegen Null tendierenden Wohlfühlfaktor hat.

Barry Jenkins erzählt in „Moonlight“ die Geschichte von Chiron zwischen seinem zehnten Lebensjahr bis er Anfang Dreißig ist in drei großen Erzählblöcken. Gespielt wird er von Alex Hibbert (in „Little“), Ashton Sanders (in „Chiron“) und Trevante Rhodes (in „Black“). Erstmals begegnen wir dem zehnjährigen Chiron als er vor seinen Schulkameraden in ein leerstehendes Haus flüchtet und dabei von dem Drogenhändler Juan (Mahershala Ali) erwischt wird. Juan sieht irgendetwas in dem schüchternen Jungen, der von allen „Little“ genannt wird, und dessen Mutter Paula (Naomie Harris) drogenabhängig ist. Juan lädt Chiron zu sich nach Hause ein. Juan und seine Freundin Teresa (Janelle Monáe) versorgen ihn und geben ihm einen Zufluchtsort, zu dem er immer kommen kann.

In dem zweiten Segment entdeckt der sechzehnjährige Chiron, dass er homosexuell ist und in dem dritten Segment kann er schon eine erste Lebensbilanz ziehen. Er trifft auch wieder seinen alten Freund Kevin (André Holland, davor Jaden Piner und Jharret Jerome), den er bereits seit Kindertagen kennt.

Diese von Barry Jenkins gewählte Struktur und wie er die Geschichte fast schon dokumentarisch als teilnehmender Beobachter erzählt, führt dann dazu, dass der schweigsame Chiron noch verschlossener erscheint, als er eh schon ist. Er redet wenig, die Bilder müssen die Geschichte erzählen und diese wird einem in Bruchstücken präsentiert, in denen man sich mühsam aus Halbsätzen zusammenreimen muss, was in den Jahren zwischen den Kapiteln „Little“, „Chiron“ und „Black“ geschah.

Auf der Habenseite des Films ist allerdings der ungeschönte Blick auf das afroamerikanische Leben in Miamis Wohnbezirk Liberty City, wo der amerikanische Traum wahrscheinlich nie geträumt wurde; – wobei Barry Jenkins und Tarell Alvin McCraney, die sich vor dem Film nicht kannten, in Liberty City aufwuchsen und sie jetzt mit „Moonlight“ den amerikanischen Traum erleben. McCraney schrieb das bislang nicht aufgeführte Theaterstück „In Moonlight Black Boys look Blue“ ausgehend von eigenen Erfahrungen. Jenkins fühlte sich von dem Stück angesprochen; auch weil er Teile seiner eigenen Biographie darin erkannte. Für den Film schrieb er das Stück so umfassend um, dass man nichts mehr von seiner Bühnenherkunft spürt. Realisiert wurde der Film dann mit einem kleinen Budget (1,5 Millionen Dollar) vor Ort.

Der Lohn waren viel berechtigtes Kritikerlob und viele mehr oder weniger wichtige Preise, zuletzt Oscars für den besten Film, das beste adaptierte Drehbuch und den besten Nebendarsteller (Mahersha Ali), und, angesichts des Budgets, gute Einspielergebnisse. Durch den Oscar-Gewinn stieg das Interesse an dem Film wieder und der schon lange geplante deutsche Kinostart wenige Tage nach dem Oscar-Gewinn erweist sich jetzt als glückliche Fügung, die dem, wie gesagt, sperrigen Film die nötige Aufmerksamkeit verschafft.

 

Nach der Kinoauswertung (derzeit gut 450.000 Zuschauer in Deutschland und damit fast so viele Zuschauer wie „Abgang mit Stil“ und „The Great Wall“) erscheint „Moonlight“ jetzt auf DVD, Blu-ray und 2-Disc Limited Collectors Edition. Diese Ausgabe soll als Bonusmaterial ein insgesamt über einstündiges Making-of, ein Publikumsgespräch, ein Interview und einen Audiokommentar von Barry Jenkins und ein 24-seitiges Booklet enthalten.

Aber schon die abgespeckte Version des Bonusmaterials auf der normalen DVD überzeugt. Neben dem untertitelten Audiokommentar von Barry Jenkins gibt es ein mehrteiliges, gut vierzigminütiges Making-of „Bei den Dreharbeiten in Miami, die Schauspieler und die Musik von ‚Moonlight’“ und 26 Minuten Eindrücke von der Deutschland-Premiere in Berlin. Die knapp zwei Minuten vom roten Teppich sind vernachlässigbar. Die jeweils etwas über zwölf Minuten langen Ausschnitte aus dem Publikumsgespräch und dem Interview mit Barry Jenkins (beides dürfte auf der Collectors Edition ungeschnitten sein) sind dagegen sehr interessant und eine gute Ergänzung zum informativen und kurzweiligen Making-of, das auf die üblichen Werbesprüche und Lobhuddeleien verzichtet.

Damit ist das vorzügliche Bonusmaterial die passende Ergänzung zu einem Oscar-Gewinner, der den Preis wirklich verdient hat. Es ist eine ebenso individuelle, wie universelle Geschichte, die auch beim zweiten, dritten, vierten Ansehen überzeugt. Dann kann man sich auch auf das Spiel der Schauspieler, die Kamera und die Musik konzentrieren.

Schade ist in diesem Fall der Verzicht auf englischen Untertitel. Englische Untertitel sind zwar unüblich, wären aber bei dem von den Charakteren gesprochenem Slang eine gute Ergänzung zu den vorhandenen deutschen, französischen und italienischen Untertiteln.

Moonlight (Moonlight, USA 2016)

Regie: Barry Jenkins

Drehbuch: Barry Jenkins

LV: Tarell Alvin McCraney: In Moonlight Black Boys look Blue (Theaterstück)

mit Alex Hibbert, Ashton Sanders, Trevante Rhodes, Naomie Harris, Mahershala Ali, Janelle Monáe, Jaden Piner, Jharrel Jerome, André Holland

DVD

DCM

Bild: 2,35:1 (16:9 anamorph)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch, Französisch, Italienisch

Bonusmaterial: Bei den Dreharbeiten in Miami, die Schauspieler und die Musik von „Moonlight“, Deutschland-Premiere Berlin: Eindrücke vom roten Teppich und Gespräche mit Regisseur Barry Jenkins, Audiokommentar von Barry Jenkins, Trailer

Länge: 107 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Moonlight“

Metacritic über „Moonlight“

Rotten Tomatoes über „Moonlight“

Wikipedia über „Moonlight“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Barry Jenkins‘ „Moonlight“ (Moonlight, USA 2016)

Barry Jenkins und das „Moonlight“-Team beim TIFF 2016

Barry Jenkins beim International Film Festival Rotterdam

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Neu im Kino/Filmkritik: Der Oscar-Gewinner „Moonlight“

März 9, 2017

Als in der Oscar-Nacht der Gewinner für den „Besten Film des Jahres“ verkündet wurde, war niemand ernsthaft überrascht. Selbstverständlich war es „La La Land“. Bis kurz darauf, noch während der Dankesrede, der richtige Gewinner verkündet wurde: „Moonlight“. Ein Drama über einen afroamerikanischen Drogendealer im heutigen Florida. Ein wichtiger Film, der bereits etliche Preise gewann, aber auch ein sperriges Stück Kino ist, das einen gegen Null tendierenden Wohlfühlfaktor hat.

Barry Jenkins erzählt in „Moonlight“ die Geschichte von Chiron zwischen seinem zehnten Lebensjahr bis er Anfang Dreißig ist in drei großen Erzählblöcken. Gespielt wird er von Alex Hibbert (in „Little“), Ashton Sanders (in „Chiron“) und Trevante Rhodes (in „Black“). Erstmals begegnen wir dem zehnjährigen Chiron als er vor seinen Schulkameraden in ein leerstehendes Haus flüchtet und dabei von dem Drogenhändler Juan (Mahershala Ali) erwischt wird. Juan sieht irgendetwas in dem schüchternen Jungen, der von allen „Little“ genannt wird, und dessen Mutter Paula (Naomie Harris) drogenabhängig ist. Juan lädt Chiron zu sich nach Hause ein. Juan und seine Freundin Teresa (Janelle Monáe) versorgen ihn und geben ihm einen Zufluchtsort, zu dem er immer kommen kann.

In dem zweiten Segment entdeckt der sechzehnjährige Chiron, dass er homosexuell ist und in dem dritten Segment kann er schon eine erste Lebensbilanz ziehen. Er trifft auch wieder seinen alten Freund Kevin (André Holland, davor Jaden Piner und Jharret Jerome), den er bereits seit Kindertagen kennt.

Diese von Barry Jenkins gewählte Struktur und wie er die Geschichte fast schon dokumentarisch als teilnehmender Beobachter erzählt, führt dann dazu, dass der schweigsame Chiron noch verschlossener erscheint, als er eh schon ist. Er redet wenig, die Bilder müssen die Geschichte erzählen und diese wird einem in Bruchstücken präsentiert, in denen man sich mühsam aus Halbsätzen zusammenreimen muss, was in den Jahren zwischen den Kapiteln „Little“, „Chiron“ und „Black“ geschah.

Auf der Habenseite des Films ist allerdings der ungeschönte Blick auf das afroamerikanische Leben in Miamis Wohnbezirk Liberty City, wo der amerikanische Traum wahrscheinlich nie geträumt wurde; – wobei Barry Jenkins und Tarell Alvin McCraney, die sich vor dem Film nicht kannten, in Liberty City aufwuchsen und sie jetzt mit „Moonlight“ den amerikanischen Traum erleben. McCraney schrieb das bislang nicht aufgeführte Theaterstück „In Moonlight Black Boys look Blue“ ausgehend von eigenen Erfahrungen. Jenkins fühlte sich von dem Stück angesprochen; auch weil er Teile seiner eigenen Biographie darin erkannte. Für den Film schrieb er das Stück so umfassend um, dass man nichts mehr von seiner Bühnenherkunft spürt. Realisiert wurde der Film dann mit einem kleinen Budget (1,5 Millionen Dollar) vor Ort.

Der Lohn waren viel berechtigtes Kritikerlob und viele mehr oder weniger wichtige Preise, zuletzt Oscars für den besten Film, das beste adaptierte Drehbuch und den besten Nebendarsteller (Mahersha Ali), und, angesichts des Budgets, gute Einspielergebnisse. Durch den Oscar-Gewinn stieg das Interesse an dem Film wieder und der schon lange geplante deutsche Kinostart wenige Tage nach dem Oscar-Gewinn erweist sich jetzt als glückliche Fügung, die dem, wie gesagt, sperrigen Film die nötige Aufmerksamkeit verschafft.

Moonlight (Moonlight, USA 2016)

Regie: Barry Jenkins

Drehbuch: Barry Jenkins

LV: Tarell Alvin McCraney: In Moonlight Black Boys look Blue (Theaterstück)

mit Alex Hibbert, Ashton Sanders, Trevante Rhodes, Naomie Harris, Mahershala Ali, Janelle Monáe, Jaden Piner, Jharrel Jerome, André Holland

Länge: 111 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Moonlight“

Metacritic über „Moonlight“

Rotten Tomatoes über „Moonlight“

Wikipedia über „Moonlight“ (deutsch, englisch)

Barry Jenkins und das „Moonlight“-Team beim TIFF 2016

Ein Gespräch mit Barry Jenkins über den Film (21. November 2016)

Barry Jenkins beim International Film Festival Rotterdam


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