DVD-Kritik: „Hunted – Vertraue Niemandem“ in der Welt der Agenten

Januar 12, 2015

Ich könnte jetzt die Schauspieler und die Optik loben und sagen, dass „Hunted – Vertraue Niemandem“ gar nicht so schlecht ist, aber allein schon die Zeit, die ich benötigte, um mir die achtstündige TV-Serie anzusehen, liebevoll gestreckt mit tagelangen Pausen und Filmen, die schon seit Jahren auf meiner Festplatte liegen, sagt genug: „Hunted“ ist eine schlechte Agentenserie.
Dabei ist der Auftakt gar nicht so schlecht: Während einer Mission in Tanger wird Sam Hunter (Melissa George) verraten. Bei einem Treffen soll sie ermordet werden. Schwer verletzt überlebt sie den Anschlag, lässt einige Leichen zurück und taucht unter.
Ein Jahr später meldet sie sich in London bei ihrem früheren Arbeitgeber, der privaten Sicherheitsfirma Byzantium, zurück. Als beste Agentin der Firma wird sie auch sofort wieder aufgenommen und sie darf auch gleich bei einer Operation mitmachen. Obwohl keiner ihrer Kollegen weiß, was damals in Tanger geschah und wo sie seitdem war. Naja, sie vertraut ihren Kollegen auch nicht. Denn sie will den Verräter finden und einer ihrer Kollegen ist es. Sie würde auch gerne wissen, warum sie verraten wurde.
Nach dem durchaus spannenden Anfang, bei dem vor allem die klischeehaften Dialoge stören, geht es abwärts. Die Mission plätschert vor sich hin. Sie sollen für einen unbekannten Auftraggeber Informationen über Jack Turner, den Bösewicht der Serie, beschaffen. Es geht um irgendeinen großen Wirtschaftsdeal. Das „warum“ und „wieso“ ist diesen Söldnern egal. Immerhin stimmt die Kohle.
Für diese selbstverständlich gefährliche und für einige Menschen auch tödliche Mission wird Hunter in die Familie Turner eingeschleust. Schnell erwirbt sie das Vertrauen von Stephen Turner und seinem Sohn Edward, der immer noch seiner verstorbenen Mutter hinterhertrauert.
Die Beziehung von ihr zu Edward ist gänzlich konfliktfrei. Der Junge fasst sofort Vertrauen zu ihr und sie wird seine über alles geliebte Ersatz-Mutter. Auch Stephen verknallt sich in die nette Frau, während der immer misstrauische Jack Turner ihr nicht traut.
Die Beziehung von Stephen zu seinem Vater Jack Turner, dem Chef des Unternehmens, plätschert ebenfalls ohne eine Entwicklung vor sich hin. Meistens gehen die Konfrontationen zwischen Vater und Sohn so: „Papa, ich will Verantwortung in der Firma übernehmen.“ – „Du bist ein Weichei.“ – „Oh, gut, dann halt nicht.“ Dieses Gespräch dürfen wir mindestens einmal pro Folge miterleben und auch beim dritten Mal erfahren wir nichts, was wir nicht schon nach dem ersten Vater-Sohn-Gespräch wissen.
Sam Hunter darf mindestens einmal pro Folge einige böse Jungs verkloppen, was auch keine großen Erkenntnisse bringt, aber immerhin etwas von ihrer ergebnislosen Suche nach dem Verräter ablenkt. Es ist nicht so, dass sie eine Spur verfolgt und dann die nächste. Sie stochert etwas herum. Ihre Strategie scheint darin zu bestehen, dass der Verräter sie wieder verraten wird und sie ihn dann enttarnen kann.
Es gibt einige Flashbacks aus ihrer Vergangenheit, die natürlich irgendetwas mit dem Mordkomplott gegen sie zu tun haben sollen. Als Kind soll sie irgendetwas gesehen haben, weshalb sie jetzt sterben muss. Der Mord an ihrer Mutter, mitten in England, kann es nicht gewesen sein. Die Flashbacks werden am Ende der ersten Staffel, die aufgrund sinkender Quoten auch das Ende der Serie war (jedenfalls sieht es immer noch so aus), nur andeutungsweise aufgelöst. Doch zum kryptischen Ende komme ich später.
Denn vor dem Ende wird noch alles in die Geschichte hineingeworfen, was zu einem Agententhriller gehört: böse multinationale Unternehmen, globale, sich über Jahrzehnte und Jahrhunderte erstreckende Verschwörungen, der britische Geheimdienst, unmoralische Geschäfte in Dritte-Welt-Ländern (heuer Pakistan), eine verkorkste Kindheit (inclusive ermordeter Mutter, Gefangenschaft in einem Verlies mitten in England und sexuellem Missbrauch), Verrat an jeder Ecke, Explosionen und unzählige Tote, die immer dann in die Geschichte eingefügt werden, wenn es langweilig werden könnte. Da hat dann die Explosion eines Bürogebäudes keine Auswirkung auf die Geschichte. Außer dass Jack Turner danach sein Kaufangebot erhöhen kann. Aber es gibt keine Polizei und keinen Geheimdienst, der nach den Bombenlegern fahndet. Auf ein ausländisches Staatsoberhaupt wird ein Anschlag verübt und einer aus dem Team soll als Strohmann für die Tat herhalten. Ein Polizist wird ermordet und mitten in London, der Stadt mit der höchsten Dichte an Überwachungskameras, auf einer Straße, wie ein benutztes Butterbrotpapier, abgelegt. Kurz darauf ist er schon vergessen.
Sowieso wird in „Hunted“ unglaublich viel unglaublich pompös aufgebaut und irgendwann, wie ein plötzlich uninteressant gewordenes Spielzeug, schnöde links liegengelassen. Die Wohnung, in der Sam Hunter ihre Informationen über ihren Verräter gesammelt hat, taucht irgendwann nicht mehr auf. Der Plot mit dem britischen Geheimdienst wird, nachdem der MI6-Abteilungsleiter Ballard (so ein George-Smiley-Typ) hinterhältig auf offener Straße ermordet wurde, nicht mehr weiterverfolgt. So als sei der Mord an ihm der ultimative Beweis dafür, dass es dort keine wichtigen Informationen gibt, weshalb seine designierte Nachfolgerin auch erst einmal aus der Geschichte verschwindet und später etwas anderes zu tun hat, als sich um die Hinterlassenschaft ihres ermordeten Chefs zu kümmern.
Ein geheimnisvoller Killer wird eingeführt. Der ist so gut, dass Hunters Firma nichts, aber auch absolut nichts über diesen Über-Killer weiß und auch wir erfahren nicht mehr über Sams Schutzengel. Später wird von einer überraschend auftauchenden Superduperkillerin (sexy in Leder) behauptet, er wolle Hunter töten. Warum er das eine oder das andere tun will, wird dagegen nicht erklärt.
Undsoweiterundsofort.
Außerdem zeigt „Hunted“, wieder einmal, dass einige Ideen in einem ersten Entwurf gut klingen, aber letztendlich normalerweise nicht funktionieren. Es ist eine ganz schlechte Idee, wenn der Held keinen klaren Gegner hat. Es ist auch nicht gut, uns über die Mission, deren Sinn und Ziel im unklaren zu lassen. Das mag als Analogie zum Spionagegeschäft ganz gut klingen. Es kann auch als Metapher für das moderne Leben verkauft werden, in dem wir uns als Marionetten fühlen und Aufträge erfüllen, ohne ihre Bedeutung und Sinn zu überblicken. Aber es führt auch dazu, dass das Interesse an der Geschichte schnell erlischt. Denn, und das ist eine uralte Dramaturgie-Regel, der Protagonist muss ein klares, schwer erreichbares Ziel haben. Wir müssen das Ziel kennen und jede Handlung des Protagonisten muss auf dieses Ziel gerichtet sein.
Das Ende von „Hunted“ – immerhin war sie als achtstündige Miniserie geplant, mit der Möglichkeit einer Verlängerung – ist dann eine Frechheit, weil letztendlich nichts auch nur halbwegs ordentlich aufgelöst wird.
Ich kann mir zwar zusammenpuzzeln, wie vieles davon gemeint war, wenn ich die Plotlöcher großzügig mit eigenen Vermutungen ausfülle und viele Verästelungen als ‚falsche Spuren‘ ignoriere. Aber genau das sollte von den Serienmachern erledigt werden. Und eine Serie sollte in den wichtigsten Punkten zu einer Lösung kommen. Also hier: wer war der Verräter in Tanger? Warum soll Sam Hunter sterben? Worum ging es bei dem Auftrag? Wobei diese Frage noch am befriedigsten geklärt wird. Naja, so befriedigend, wie sich mit Leichtbier betrinken.
Dabei war „Hunted“ von der BBC als Nachfolgeserie zur erfolgreichen Geheimdienstserie „Spooks“, die von 2002 bis 2011 lief, geplant. Diese Qualität erreicht die von Frank Spotnitz erfundene Serie nie.
Er hat bei bei den TV-Serien „Millenium“, „Akte X“ und „Strike Back“ mitgearbeitet. Aber auch bei „Transporter – Die Serie“. Und er schrieb das Drehbuch für die Philip-K.-Dick-Miniserie „The Man in the High Castle“. Ab dem 15. Januar kann die erste Episode bei Amazon Prime Instant Video angesehen werden.
Als Bonusmaterial gibt es knapp zwölf Minuten „geschnittene Szenen“.
Ab Dienstag, den 13. Januar, zeigt RTL II, nach „Game of Thrones“, „Hunted“ in Doppelfolgen. Der Auftakt ist um 23.30 Uhr. Eine Woche später geht es bereits um 22.25 Uhr los.

Hunted - DVD-Cover

Hunted – Vertraue Niemandem (Hunted, Großbritannien 2012)
Regie: S. J. Clarkson, Daniel Percival, Alrick Riley, James Strong
Drehbuch: Frank Spotnitz, Simon Allen, Smita Bhide, Amira El-Nemr, Christian Spurrier
Erfinder: Frank Spotnitz
mit Melissa George, Stephen Dillane, Adam Rayner, Adewale Akinnuoye-Agbaje, Morven Christie, Stephen Campbell Moore, Oscar Kennedy, Patrick Malahide, Lex Shrapnel, Tom Beard, Maddy Griffiths, Jane Riley, Doc Brown, David Sterne, Souad Faress, Scott Handy, Indira Varma

DVD
Entertainment One
Bild: 1.78:1 (16:9)
Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Geschnittene Szenen
Länge: 480 Minuten (4 DVDs)
FSK: ab 16 Jahre

Hinweise
BBC über „Hunted“
Wikipedia über „Hunted“

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DVD-Kritik: Endlich! Die finale Staffel von „Ashes to Ashes – Zurück in die 80er“ ist erschienen

September 16, 2013

Während die Deutschen serientechnisch alles zu einem analen Einheitsbrei vermantschen, der höchstens zum Wegschalten einlädt und der Höhepunkt von ungewöhnlichen Konzepten eine Serie über einen Polizist ist, der zwanzig Jahre im Koma lag (obwohl er nach seinem Musik- und Autogeschmack wohl eher dreißig Jahre oder noch länger im Koma lag und dabei dank der guten Pflege in deutschen Hospitälern nicht alterte) und heute als altmodischer Macho Verbrecher jagt, hauen die Briten gefühlt eine geniale Serie nach der nächsten raus und sie scheuen auch nicht vor ziemlich abgedrehten Ideen zurück, bei denen man sich auf dem Papier fragt, wer das Konzept der Serie begreifen soll. So ist in „Ashes to Ashes“ die Protagonistin eine Polizistin, die in der Gegenwart nach einer Schussverletzung ins Koma fällt, in den frühen Achtzigern erwacht und, weil sie von dem Fall ihres Kollegen Sam Tyler gelesen hat (einige kennen ihn aus der grandiosen TV-Serie „Live on Mars“), glaubt Alex Drake, dass diese Realität in ihrem Kopf stattfindet und sie die Puzzleteile zusammenfügen muss, um wieder aus dem Koma zu erwachen. Entsprechend oft kreuzen sich die verschiedenen Wirklichkeitsebenen – und sie lassen den später entstandenen Nolan-Spielfilm „Inception“ wie einen banal-verkopften Kindergarten erscheinen.

Außerdem ist „Ashes to Ashes“, wie schon „Life on Mars“ (ja, die Titel basieren auf David-Bowie-Songs), verdammt witzig. Denn in „Ashes to Ashes“ muss Alex Drake sich mit Gene Hunt, einem Polizisten, der mit seinen Schimpfkanonaden jeden beleidigt und bei der Täterjagd lustvoll auf den Rechten der Verdächtigen herumtrampelt (so meint er einmal auf Alex’s Frage, ob denn die Gewaltanwendung nötig sei: „Nein, aber es macht Spaß.“), seinen etwas doofen, zwischen Arbeitseifer, Arbeitsverweigerung und Macho-Ausflügen schwankenden Kollegen und dem damaligen Stand der Polizeiarbeit herumärgern. Denn 1983, dem Jahr, in dem die dritte und auch letzte „Ashes to Ashes“-Staffel spielt, gab es noch nichts, was heute die Polizeiarbeit erleichtert: keine DNA-Spuren, keine Telefonüberwachung im heutigen Stil, keine Handydaten und keine Computer. Also jedenfalls nicht das, was wir heute unter Computer verstehen. Und Frauen im Polizeidienst waren für die lästigen Tipparbeiten zuständig.

Gerade dieser Zusammenprall zwischen unserem heutigen Wissen über die Ereignisse, die 1983 noch in der Zukunft lagen (wie dem Ende der Apartheid und dass der Terrorist Mandela zum geachteten Staatschef wurde) und dem damaligen Wissen, den heute allgemein akzeptierten Werten und den damaligen gesellschaftlich akzeptierten Ansichten über linke politische Bewegungen, Frauenrechte und erfolgreiche Polizeiarbeit, die von den Machern in jeder Beziehung, garniert mit einer grandiosen Songauswahl und zahlreichen popkulturellen Anspielungen, lustvoll überhöht werden, liegt der große Witz der Serie. Ebenso lustvoll zitieren die Macher damalige Krimiserien, wie „Die Füchse“ (The Sweeney), „Die Profis“ (The Professionals) und „Miami Vice“, und ihre Klischees. So fährt Gene Hunt immer mit überhöhter Geschwindigkeit und quietschenden Reifen zum Ziel, egal ob es ein Tatort oder ein Pubbesuch ist, und seine Schimpfkanonaden und Beleidigungen werden immer exzessiver. Sein Alkoholkonsum ebenso. Drake scheint sich in der dritten „Ashes to Ashes“-Staffel damit arrangiert zu haben. Inzwischen fühlt sie sich in diesem Team ganz wohl und gemeinsam lösen sie den Fall der Woche. Nur wenige Bilder durchbrechen diese liebevoll rekonstruierte 80er-Jahre-Realität und zeigen, dass diese Welt nicht ganz real ist. Aber diese Realität spielt sich nicht nur im Kopf von Alex Drake ab. Ihre Arbeitskollegen haben ähnliche Visionen. Fast jeder Charakter scheint eine doppeldeutige Unterhaltung mit ihr zu führen und verborgene Absichten zu haben.

Und weil die Macher von „Ashes to Ashes“ von Anfang an wussten, dass – ungeachtet des großen Erfolgs – die dritte Staffel auch die letzte sein sollte, in der die offenen Fragen von „Life on Mars“ und „Ashes to Ashes“ beantwortet werden, konnten sie das Finale gut vorbereiten. Das taten sie auch und die episodische Erzählweise, die eigentlich keine Hinweise auf das Ende gibt, wird in der letzten Folge schlüssig erklärt.

Ashes to Ashes“ ist eine tolle Serie, die sich auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs verabschiedete. Die dritte und finale Staffel setzt die vorherigen beiden Staffeln würdig fort und beendet sie fulminant, indem sie überraschend, aber auch stimmig aufklärt, in welcher Welt Sam Tyler und Alex Drake gelandet sind und ob Gene Hunt Sam Tyler ermordete.

Es gibt nur einen riesengroßen Wermutstropfen: Gene Hunt darf nicht mehr weiter ermitteln. Und wir werden Sätze wie diesen vermissen: „No tea and no fags until you start talking, shitstick!“

Ashes to Ashes - Staffel 3

Ashes to Ashes – Zurück in die 80er – Staffel 3 (Ashes to Ashes, GB 2010)

Regie: David Drury (Folge 1, 2, 7, 8), Alrick Riley (Folge 3, 4), Jamie Payne (Folge 5, 6)

Drehbuch: Matthew Graham (Folge 1, 8), Ashley Pharoah (Folge 2, 7), Julie Rutterford (Folge 3), Jack Lothian (Folge 4), Tom Butterworth (Folge 5), Chris Hurford (Folge 5), James Payne (Folge 6)

Idee: Matthew Graham, Ashley Pharoah

mit Keeley Hawes (Alex Drake), Philip Glenister (Gene Hunt), Dean Andrews (Ray Carling), Marshall Lancaster (Chris Skelton), Montserrat Lombard (Shaz Granger), Joseph Long (Luigi), Geff Francis (Viv James), Daniel Mays (Jim Keats)

DVD

Polyband

Bild: 16:9 (1,78:1)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: –

Bonusmaterial: Dust to Dust: Making of (im englischen Original mit deutschen Untertiteln) (23 Minuten)

Länge: 400 Minuten (8 Episoden à 50 Minuten, 3DVDs)

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

BBC über „Ashes to Ashes“

BBC Germany über „Ashes to Ashes“

Fox Channel (Deutschland) über “Ashes to Ashes”

Wikipedia über „Ashes to Ashes“ (deutsch, englisch)

Kriminalakte: Einige Gene-Hunt-Parodien und das Original

Meine Besprechung von „Ashes to Ashes – Zurück in die 80er – Staffel 1“ (Ashes to Ashes, GB 2008)

Meine Besprechung von „Ashes to Ashes – Zurück in die 80er – Staffel 2″ (Ashes to Ashes, GB 2009)


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