Neu im Kino/Filmkritik: „Das Leben meiner Tochter“ und das dringend benötigte Spenderherz

Juni 6, 2019

Während eines Urlaubs in den Bergen bricht die achtjährige Jana zusammen. Im Krankenhaus stellen die Ärzte fest, dass sie eine akute Herzmuskelentzündung hat und dringend ein neues Herz benötigt. Im Schnitt dauert es acht Monate, bis ein passendes Spenderherz gefunden wird. Nach einem Jahr ist Jana immer noch im Krankenhaus. Ihre Chancen zu überleben, schwinden täglich.

Da entdeckt Janas Vater Micha Faber im Internet ein Angebot. In Osteuropa sind die Gesetze laxer. Ein passendes Organ kann schneller besorgt werden. Es kostet nur die Kleinigkeit von 250.000 Euro. Janas Ärztin Dr. Andrea Benesch und Janas Mutter Natalie raten ab. Aber Micha lässt sich mit den illegalen Organhändlern ein.

So ein spannendes Thema, so eine schön zugespitztes moralisches Dilemma und dann ist „Das Leben meiner Tochter“ ein erschreckend leb- und auch spannungsloser Film. Dem Drehbuch gelingt es nämlich nie, die Fabers Dilemma in eine spannende Erzählung zu übertragen. Strukturell ist der strikt chronologisch erzählte Film wie ein Thriller aufgebaut. Aber in den einzelnen Szenen zeigt sich das nicht. Das liegt vor allem an den Dialogen. Sie hören sich durchgängig wie eine erste Fassung an. Das ist bestenfalls Bürokratendeutsch, das in einer Überarbeitung in gesprochene Dialoge hätte übersetzt werden müssen. Aus einem „Hat Janas Zustand sich verbessert?“ wäre ein „Geht es Jana besser?“ oder „Wie geht es Jana?“ geworden. Es sind Sätze, die man aufschreiben, aber nicht sagen kann. Entsprechend emotionslos und distanziert tragen die Schauspieler die Drehbuchsätze dann vor.

Auch die Bilder und die ruhige Inszenierung zielen auf den TV-Bildschirm. Die Ausstattung wirkt durchgehend unpassend. Oder haben in den Alpen die Chefärzte Büros, in denen sie locker ganze Betriebsversammlungen und Partys abhalten können?

Dabei ist das Thema Organspende und illegaler Organhandel wichtig und verdient eine ernsthafte Behandlung. Nur werden in Steffen Weinerts Drama „Das Leben meiner Tochter“ diese Fragen zu oberflächlich behandelt. Wichtige Informationen über den Ablauf von Organspenden und dem Problem des illegalen Organhandels werden kaum geliefert. So warnt Janas Ärztin die Fabers zwar, vor der illegalen Transplantationen und den möglichen strafrechtlichen Folgen. Aber das ist nur eine Szene im Film. Ein späteres Gespräch, das Natalie mit Dr. Benesch führt, wird nur in einem späteren Gespräch mit ihrem Mann in einem Satz erwähnt.

Das Leben meiner Tochter“ ist ein ambitioniertes Fernsehspiel, das deutlich unter den Möglichkeiten des Themas bleibt.

Das Leben meiner Tochter (Deutschland 2019)

Regie: Steffen Weinert

Drehbuch: Steffen Weinert

mit Christoph Bach, Maggie Valentina Salomon, Alwara Höfels, Barbara Philipp, André M. Hennicke, Marc Zwinz, Erik Madsen, Birge Schade

Länge: 92 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Das Leben meiner Tochter“

Moviepilot über „Das Leben meiner Tochter“

 

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Neu im Kino/Filmkritik: „Frau Müller muss weg“ – darüber muss nicht diskutiert werden

Januar 15, 2015

Ein Elternabend ist es nicht, sondern ein Elternnachmittag an einem Samstag in einer verlassenen Grundschule und es sind auch nicht alle Eltern da, sondern nur eine kleine Abordnung, die ein klares Ziel hat: „Frau Müller muss weg“. Denn die Empfehlungen für den Schulwechsel stehen an. Alle Eltern möchten ihre Kinder auf das Gymnasium schicken, aber die Leistungen ihrer Kinder verschlechterten sich in den vergangenen Monaten rapide und Schuld daran ist natürlich die Klassenlehrerin, die jetzt halt in einem Gespräch überzeugt werden soll, die Klasse freiwillig aufzugeben. Die Sprecherin der Eltern ist die in einem Ministerium arbeitende Karrierefrau Jessica Höfel (Anke Engelke). Im Businesskostüm und kalt wie eine Klapperschlange. Verluste sind ihr, solange sie ihr Ziel erreicht, egal. Deshalb kandidierte sie auch als Elternsprecherin und selbstverständlich wird sie bei diesem Treffen das Reden übernehmen.
Begleitet wird sie von einigen Eltern, die vor allem ein schweigender Chor sein sollen. Es sind Wolf Heider (Justus von Dohnány), ein arbeitsloser Ossi, der seine Tochter ständig überwacht, die alleinerziehende Katja Grabowski (Alwara Höfels), deren Sohn Klassenbester ist, und das aus dem Westen kommende Ehepaar Patrick (Ken Duken) und Marina Jeskow (Mina Tander), deren hochbegabter und sehr sensibler Sohn früher in einer Waldorf-Schule war und viel Aufmerksamkeit benötige.
Aber Frau Müller (Gabriela Maria Schmeide) ist nicht bereit, so einfach ihre Klasse aufzugeben und sie teilt gegenüber den Eltern aus. Vollkommen überzeugt von ihrem pädagogischen Konzept und ihren Leistungen nennt sie die Probleme der Kinder beim Namen und verlässt wutentbrannt über den Wunsch der Eltern das Klassenzimmer.
Leicht konsterniert bleiben diese zurück. Immerhin hat Frau Müller ihre Tasche vergessen. Sie wird also wieder zurückkommen. Nach einigen Minuten beschließen sie, in der Schule nach ihr zu suchen. Während der Suche erfahren wir dann auch mehr über die Eltern.
„Frau Müller muss weg“ basiert auf dem Theaterstück von Lutz Hübner, das 2010 in Dresden seine erfolgreiche Premiere hatte und auch dort spielt, obwohl es überall in Deutschland spielen könnte. Zusammen mit Sarah Nemitz (mit der bereits mehrere Stücke schrieb) und Oliver Ziegenbalg („Russendisko“) adaptierte er es für die Verfilmung. „Der bewegte Mann“ Sönke Wortmann inszenierte den Film, nachdem er das Stück bereits in Berlin im GRIPS-Theater inszenierte.
Der Film selbst, auch weil er keine Eins-zu-Eins-Abfilmung des Stückes ist, fühlt sich trotzdem nie wie ein routiniert abgefilmtes Theaterstück an. Die Schauspieler sind gut, die Dialoge sind glaubwürdig und kein Charakter, auch wenn wir ihre Motive gut verstehen, ist einem sympathisch. Eigentlich sind alle, die Eltern und die Lehrerin, mehr oder weniger unsympathisch, aber genau deshalb sind sie glaubwürdig. Denn wir verstehen ihre Sorgen und Wünsche, aber rundum identifizieren können wir uns nicht mit der selbstgerechten Lehrerin, an deren Panzer jede Kritik abprallt. Oder den Eltern, die zwar immer nur das beste für ihre Kinder wollen, dabei aber nur den Maßstab „was gut für mein Kind ist, ist gut“ kennen und diesen Maßstab ausschließlich aus ihrer Perspektive und für ihr Kind anlegen. Deshalb benötigen sie die Empfehlung für das Gymnasium. Ob das gut für das Kind ist, ist den Eltern egal.
Und so betrachtet ist dann auch Katja ein zwiespältiger Charakter. Weil ihr Sohn der Klassenbeste ist, wird er sowieso auf das Gymnasium gehen. Entsprechend leicht kann man da mit den schwächeren Eltern solidarisch sein und gleichzeitig Verständnis für die Lehrerin haben. Außerdem hat sie, während die anderen anwesenden Mütter und Väter verheiratet sind, eine Beziehung zu einem verheirateten Mann.
Wortmanns Kammerspiel „Frau Müller muss weg“ ist die gelungene Filmadaption eines erfolgreichen Theaterstücks, die vor allem als sanfter Denkanstoß funktioniert. Das ist viel mehr, als man über andere deutsche Filme sagen kann.

Frau Müller muss weg - Plakat

Frau Müller muss weg (Deutschland 2014)
Regie: Sönke Wortmann
Drehbuch: Lutz Hübner, Sarah Nemitz, Oliver Ziegenbalg
LV: Lutz Hübner: Frau Müller muss weg, 2010 (Theaterstück)
mit Cabriela Maria Schmeide, Justus von Dohnány, Anke Engelke, Ken Duken, Mina Tander, Alwara Höfels, Rainer Galke, Jürgen Maurer, Dagmar Sachse
Länge: 88 Minuten
FSK: ab 6 Jahre

Hinweise
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Film-Zeit über „Frau Müller muss weg“
Moviepilot über „Frau Müller muss weg“


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