„Capote in Kansas“ erzählt das Making-of zu „Kaltblütig“

Juli 27, 2014

Parks - Capote in Kansas - 2

1959 fährt Truman Capote nach Kansas. Er hat in der Zeitung von dem bestialischen Mord an der Farmerfamilie Clutter in Holcomb am 15. November 1959 gelesen. Er, der in New York gefeierte, homosexuelle Bestsellerautor von Werken wie „Frühstück bei Tiffany“, wollte ein Buch über das wahre Leben und die Auswirkungen eines Verbrechens auf die Gemeinschaft schreiben. Seine Recherchen, bei der er von seiner Kollegin Harper Lee („Wer die Nachtigall stört“) begleitet wird, gestalten sich zunächst schwierig. Denn die Landbewohner wollen nichts mit dem Paradiesvogel aus der Großstadt zu tun haben. Dennoch erlangt er ihr Vertauen und als die beiden Täter Perry Edward Smith und Richard Eugene Hickock sechs Wochen nach ihrer Tat verhaftet werden, kann er sich auch mit ihnen unterhalten. Sie werden zum Tod verurteilt. Am 14. April 1965 wird das Urteil vollstreckt.

1966 veröffentlicht Capote den Tatsachenroman „Kaltblütig“ (In cold blood), der zum Bestseller und Sachbuch-Klassiker wird. Es war sein letztes längeres Werk.

Das Buch wird zweimal verfilmt. Die Richard Brooks‘ Verfilmung von 1967 ist ein Klassiker. Jonathan Kaplans TV-Zweiteiler von 1996 ist dagegen wesentlich unbekannter, soll aber auch gelungen sein.

Die Entstehungsgeschichte des Buches wurde 2005 fast zeitgleich von Bennett Miller und Douglas McGrath in zwei Spielfilmen behandelt. Millers „Capote“ mit Philip Seymour Hoffman in der Hauptrolle überzeugte Kritik und Publikum. McGraths „Kaltes Blut“ (Infamous), immerhin mit Toby Jones und Sandra Bullock in den Hauptrollen, wurde dagegen als zweites Werk zum gleichen Thema innerhalb weniger Wochen weitgehend ignoriert.

Mit seiner zeitgleich entstandenen Graphic Novel „Capote in Kansas“, die erst jetzt auf Deutsch erschien, erzählt Autor Ande Parks seine Version der Recherchen von Truman Capote in Kansas, die sich natürlich an den inzwischen weithin bekannten Fakten orientiert. Aber auch er nimmt sich einige Freiheiten,

Bei der Geschichte setzte Parks das Wissen über das Verbrechen, die Aufklärung und das Gerichtsverfahren voraus. Denn im Mittelpunkt steht, wie der Titel verrät, Truman „Capote in Kansas“ und seine Versuche, das Material in den Griff zu bekommen. Dabei hilft ihm auch der Geist von Nancy Clutter, was die größte und entscheidende Veränderung gegenüber den anderen Annäherungen an die Geschichte ist.

Stilistisch orientieren Parks und Zeichner Chris Samnee in seinen SW-Panels sich an alten Zeitungscomics und Noir- und Kriminalgeschichten, was dann auch wieder an die eindrückliche SW-Fotografie von Brooks‘ Film erinnert.

Capote in Kansas“ ist ein spannender Einblick in die Entstehungsgeschichte von „Kaltblütig“ und eine konzentrierte Auseinandersetzung mit einem Thema. Im Nachwort sagt Parks dazu: „Die allumfassende Thematik von ‚Capote in Kansas‘ ist, dass große Kunst dem Künstler große Mengen Blut kosten kann. Um es einfacher auszudrücken: Genialität verbrennt.“ Dieses Thema formulierte Parks schon im ersten Vorschlag für den Comic, der im umfangreichen Anhang von „Capote in Kansas“ abgedruckt ist. Dort findet man auch eine gestrichene Szene und mehrere Seiten mit Skizzen von Chris Samnee.

Dieser informative Anhang rundet das rundum gelungene Buch und Parks‘ interessante Interpretation der Arbeit von Truman Capote an seinem bekanntesten Buch (neben „Frühstück bei Tiffany“) ab.

Ande Parks/Chris Samnee: Capote in Kansas

(übersetzt von Monja Reichert)

Panini, 2014

164 Seiten

19,99 Euro

Originalausgabe

Capote in Kansas

Oni Press, 2005

Für die Übersetzung wurde die Neuauflage von 2014 genommen.

Hinweise

Blog von Ande Parks

Wikipedia über Ande Parks, Truman Capote (deutsch, englisch) und „Kaltblütig“ (deutsch, englisch)


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