Neu im Kino/Buch- und Filmkritik: „The Kitchen: Queens of Crime“ schlagen zu

September 19, 2019

New York in den Siebzigern. Das Hell’s Kitchen war noch nicht gentrifiziert. Der „Taxi Driver“ fuhr durch die von irischen Gangstern beherrschten Straßen. Einige von ihnen sind die Berufsverbrecher Jimmy Brennan, Kevin O’Carroll und Rob Walsh. Nachdem sie 1978 nach einem Überfall auf einen Schnapsladen verhaftet und zu längeren Haftstrafen verurteilt werden, stehen ihre Frauen Kathy Brennan (Melissa McCarthy), Ruby O’Carroll (Tiffany Haddish) und Claire Walsh (Elisabeth Moss) nicht vor dem Nichts. Immerhin erhalten sie als die Ehefrauen der Mob-Gangster, solange ihre Männer im Gefängnis sind, etwas Geld. Es sind Almosen, die sie ruhig stellen sollen. Zum Leben ist es zu wenig. Also übernehmen die drei Ehefrauen das Geschäft ihrer Männer: sie treiben die Schulden und das Schutzgeld selbst ein.

Das ist allerdings leichter gedacht, als getan. Trotzdem sind sie, nach kurzen Anlaufschwierigkeiten, sehr erfolgreich im Geschäft. Ein Mafiaboss bietet ihnen eine Zusammenarbeit an. Andere Gangster sind über die drei Frauen weniger erfreut. Schließlich sollen Frauen nicht Gangster spielen, sondern Wäsche waschen und Essen kochen. Und dann sind da auch noch ihre Männer, die irgendwann aus dem Gefängnis entlassen werden.

Das hört sich – auch wenn die drei Damen bruchlos von liebevoller Hausfrau zu skrupellosem Gangster und Gangsterboss umschalten – nach einem zünftigen Gangsterfilm mit viel Retro-Charme an. Dass in den späten siebziger Jahren, außerhalb eines Blaxploitation-Films, niemals drei Hausfrauen den Macho-Gangstermännern Befehle erteilt hätten, stört nicht weiter. Es ist eine wunderschöne Selbstermächtigungsfantasie vor einem ausnehmend pittoresken Hintergrund.

Die Idee für diese Geschichte hatten Ollie Master, Ming Doyle und Jordie Bellaire, die 2015 den Hardboiled-Noir-Gangstercomic „The Kitchen“ bei DC/Vertigo veröffentlichten.

Andrea Berloff, die für ihr Buch zum NWA-Biopic „Straight Outta Compton“ für einen Drehbuch-Oscar nominiert wurde und die Drehbücher zu „World Trade Center“, „Blood Father“ und „Sleepless“ schrieb, nahm für ihre Verfilmung den Comic als Handlungsskizze. Sie fügte einige Figuren dazu, veränderte bei anderen Figuren einiges und auch das Ende ist anders. Dem Geist der Vorlage blieb sie dabei treu.

Aber es gelingt ihr bei ihrer ersten Regiearbeit nicht, ihn in den Film zu übertragen. Trotz aller Änderungen wirkt der Film, als habe man den Comic 1-zu-1 abgefilmt und dabei vergessen, dass Comic und Film zwei verschiedene Medien sind.

So bleiben im Film alle Figuren austauschbare Abziehbilder ohne ein erkennbares Innenleben und nachvollziehbare Motive. Sie sind alle böse Verbrecher, die sich ohne erkennbare Skrupel notfalls gegenseitig betrügen und töten. Nirgendwo ist ein moralischer Kompass erkennbar, der aus „The Kitchen“ mehr als ein banales Gangster-bringen-Gangster-Werk machen würde.

The Kitchen“ ist ein Langweiler und angesichts der Besetzung – Melissa McCarthy (wieder in einer ernsten Rolle), Tiffany Haddish (dito) und Elisabeth Moss in den Hauptrollen -, der Ausstattung, den Kostümen, den Frisuren (es sieht wirklich wie in den Siebzigern aus), der Kamera (Maryse Alberti [„The Wrestler“, „Creed“]) und der zeitgenössischen Musikauswahl eine große Enttäuschung.

Im Gegensatz zur Vorlage.

The Kitchen:Queens of Crime (The Kitchen, USA 2019)

Regie: Andrea Berloff

Drehbuch: Andrea Berloff

LV: Ollie Masters/Ming Doyle/Jordie Bellaire: The Kitchen, 2015 (The Kitchen)

mit Melissa McCarthy, Tiffany Haddish, Elisabeth Moss, Domhnall Gleeson, James Badge Dale, Brian d’Arcy James, Margo Martindale, Bill Camp, Common, Annabella Sciorra

Länge: 103 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Die Vorlage

Ollie Masters/Ming Dolye/Jordie Bellaire: The Kitchen

(übersetzt von Carolin Hidalgo)

Panini, 2019

180 Seiten

18,99 Euro

Originalausgabe

The Kitchen

DC/Vertigo, 2015

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „The Kitchen“

Metacritic über „The Kitchen“

Rotten Tomatoes über „The Kitchen“

Wikipedia über „The Kitchen“ (deutsch, englisch)

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TV-Tipp für den 2. September: Straight Outta Compton

September 2, 2018

RTL II, 20.15

Straight Outta Compton (Straight Outta Compton, USA 2015)

Regie: F. Gary Gray

Drehbuch: Jonathan Herman, Andrea Berloff

Band-Biopic über N. W. A..

Fulminantes zweieinhalbstündiges HipHop-Feuerwerk, das einen auch daran erinnert, wie wichtig diese Musik damals war.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Corey Hawkins, Jason Mitchell, Paul Giamatti, O’Shea Jackson Jr., Neil Brown Jr., Aldis Hodge, R. Marcos Taylor, Tate Ellington, Carra Patterson, Marlon Yates Jr., Keit Powers

Wiederholung: Montag, 3. September, 03.15 Uhr (Taggenau!)

Hinweise
Deutsche Facebook-Seite zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Straight Outta Compton“
Moviepilot über „Straight Outta Compton“
Metacritic über „Straight Outta Compton“
Rotten Tomatoes über „Straight Outta Compton“
Wikipedia über „Straight Outta Compton“ (deutsch, englisch) und N. W. A. (deutsch, englisch)
AllMusic über N. W. A.

Meine Besprechung von F. Gary Grays „Straight Outta Compton“ (Straight Outta Compton, USA 2015)

Meine Besprechung von F. Gary Grays „Fast & Furious 8“ (The Fate of the Furious, USA 2017)


Neu im Kino/Filmkritik: „Straight Outta Compton“ in die Charts

August 30, 2015

In „Straight Outta Compton“ erzählt F. Gary Gray („Friday“ [mit Ice Cube], „Set It Off“, „Verhandlungssache“, „The Italian Job“) die Geschichte der Rap-Band „N. W. A.“ von ihren Anfängen Mitte der Achtziger bis zum Tod von Eazy-E am 26. März 1995 durch AIDS, kurz vor einer geplanten Reunion der 1991 aufgelösten Band, in einer mitreisenden Mischung aus Einblicken in das Leben in Compton, der Dynamik innerhalb der Band, ihren Konflikten mit dem Gesetz und dem großen Erfolg mit Songs wie „Fuck tha Police“, die auch live dargeboten werden. Jedenfalls solange, bis dank der Polizei das Konzert im Chaos mündet.
Das ist gut gemacht, kurzweilig und ein Teil der afroamerikanischen Geschichtsschreibung, der in den USA an der Kinokasse überraschend erfolgreich ist. Es ist allerdings auch ein Film, der von den Bandmitgliedern mitproduziert wurde und sie und ihre Angehörigen halfen in jeder Beziehung tatkräftig mit. Daher sollte man auch keinen übermäßig kritischen Blick auf „N. W. A.“, ihre Bedeutung und ihr Erbe erwarten. Es ist auch keine Auseinandersetzung darüber, wie sehr der Gangsta Rap, der letztendlich von „N. W. A.“ erfunden wurde und zu einem der populärsten HipHop-Stile wurde, wirklich authentische Botschaften aus dem Ghetto vermittelte. Es wird auch nicht auf die Ironie eingegangen, dass die Mitglieder von „N. W. A.“, – „Eazy-E“ Eric Wright, „Dr. Dre“ Andre Romell Young, „Ice Cube“ O’Shea Jackson, „DJ Yella“ Antoine Carraby und „MC Ren“ Lorenzo Patterson -, zwar mit Songs über den Alltag in Compton bekannt werden, aber sie schnell vor einem weißen Publikum sangen und dass ihre Texte zwar vom Leben in Compton erzählten, sie aber nie – wie „Public Enemy“ – einen sozialkritischen und politischen Blick auf die Realität in den USA hatten und sie daher auch nie verändern wollten. Sie wollten Geld verdienen – und das taten die Niggaz wit Attidudes als Musterknaben des Kapitalismus. Das wird schon in den ersten Minuten deutlich. Die Jungs, die oft gerade alt genug sind, um Auto zu fahren, wollen nur Musik machen und sind von dem gesamten Gangwesen in ihrem Viertel gänzlich unbeeindruckt, moralisch integer und gewaltfrei. Erst als sie Erfolg haben und durch die USA durch die Stadien touren, gibt es Drogenmissbrauch, Schlägereien und Streitereien. Vor allem mit ihrem Manager Jerry Heller (Paul Giamatti, gewohnt grandios) und um das liebe Geld.
Diesen kritischen Diskurs über ihre Musik und ihr Wirken muss man in anderen Medien, in Dokumentarfilmen, in Büchern, in Artikeln, suchen. Dort kann man sich auch in die Geschichte des HipHop vertiefen.
In dem Film gibt es ein fulminantes zweieinhalbstündiges HipHop-Feuerwerk, das einen auch daran erinnert, wie wichtig diese Musik damals war.

Straight Outta Compton - Plakat

Straight Outta Compton (Straight Outta Compton, USA 2015)
Regie: F. Gary Gray
Drehbuch: Jonathan Herman, Andrea Berloff
mit Corey Hawkins, Jason Mitchell, Paul Giamatti, O’Shea Jackson Jr., Neil Brown Jr., Aldis Hodge, R. Marcos Taylor, Tate Ellington, Carra Patterson, Marlon Yates Jr., Keit Powers
Länge: 147 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Deutsche Facebook-Seite zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „Straight Outta Compton“
Moviepilot über „Straight Outta Compton“
Metacritic über „Straight Outta Compton“
Rotten Tomatoes über „Straight Outta Compton“
Wikipedia über „Straight Outta Compton“ (deutsch, englisch) und N. W. A. (deutsch, englisch)
AllMusic über N. W. A.

Zwei Fragerunden mit Cast und Crew

DP/30 unterhält sich mit F. Gary Gray über den Film und sein Leben


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